Die Oberheudorfer in der Stadt Allerlei heitere Geschichten von den Oberheudorfer Buben und Mädeln
Part 11
Das war ein Wort! Hätte der Wachtmeister dem Buben eine goldene Königskrone versprochen, das Erzählen wäre nicht so fix gegangen. Aber die Sehnsucht nach der Butterschnitte war riesengroß, und der dicke Friede wurde darüber ordentlich gesprächig. In drei Minuten wußten sie in der Wachtstube alles, selbst den Fischkauf verschwieg Friede nicht, und daß sie gedacht hätten, es wäre Vogelschießen, und das Denkmal sei ein Karussell.
»Ihr wißt wohl gar nicht, was ein Denkmal ist?« fragte der Oberwachtmeister kopfschüttelnd.
»Nä,« sagte Friede treuherzig, »in Oberheudorf ist so was nich!«
»Das glaube ich!« Der Herr Oberwachtmeister lächelte. »Oberheudorf und Schwipperlingen, das ist auch ein Unterschied. Also da habt ihr jeder eine Butterschnitte. 's ist mein Frühstück, aber mein Magen knurrt nicht so arg, und dann macht, daß ihr heimkommt. Eigentlich habt ihr Strafe verdient, denn ihr habt die ganze Feierlichkeit gestört. Die ausgestandene Angst ist aber auch eine Strafe gewesen. Höfer, bringen Sie die Buben an die Stadtgrenze.«
Von einem Schutzmann geleitet, aus der Stadt gebracht zu werden, war wirklich keine Ehre und kein Vergnügen. Die Buben büßten auf dem Gang noch einmal bitter ihr heimliches Davonlaufen. Es war wirklich, als hätten die unnützen Schwipperlinger Buben und Mädel nichts weiter zu tun, als immer nur über die Denkmalsbuben zu spotten und zu lachen. Ach, und Schwipperlingen, das nur ein kleines Städtchen war, erschien den beiden riesengroß. Immer wieder gab es Straßen und Häuser, und die Schwipperlinger waren so schrecklich neugierig. Im allerletzten Haus noch guckte eine Frau aus dem Fenster heraus und rief: »Was haben denn die gemacht?«
»Das sind die Enthüllten, die Denkmalsbuben,« schrieen ein paar Straßenjungen, und das Wort gellte Anton und Friede noch eine ganze Weile nach, als das Städtchen schon hinter ihnen lag. Anfangs liefen sie wie ein paar Rennpferde, und erst als die Stadt ganz in der Ferne verschwunden war, setzten sie sich an den Straßenrand, aßen ihren Kuchen und redeten ganz trübselig von der Heimkehr.
»Weißte,« sagte Anton Friedlich, als er den letzten Bissen verschluckt hatte, »wir tun, als wär's furchtbar lustig gewesen. Vom dummen Denkmal sagen wir gar nichts.«
Der dicke Friede seufzte tief. Das Lustigsein erschien ihm eine schwere Arbeit. Freilich, vor dem Ausgelachtwerden fürchtete er sich auch, und so versprach er denn, er wolle ein lustiges Gesicht machen. Er probierte es schon unterwegs, bald zog er den Mund ganz breit, dann wieder lachte er laut, und ein paar Landleute, die den Buben begegneten, fragten ängstlich: »Der Dicke ist wohl krank?«
»Jetzt kannste's schon,« rief Anton Friedlich froh, als die Oberheudorfer Kirchturmspitze vor beiden auftauchte. »Paß auf, es merkt niemand was!«
Das Dorf lag im Sonntagsfrieden, als die beiden es erreichten. Alle Arbeit ruhte, und vor den Türen saßen die Erwachsenen und freuten sich an dem Sonnenschein und an dem Blühen in ihren kleinen Gärten. Um den Dorfbrunnen herum aber lärmten mal wieder die Buben und Mädel. Sie spielten Räuber und Prinzessin, und Krämers Trude saß als Prinzessin auf dem Brunnenrand und sah zu, wie sich ihre Getreuen mit den Räubern herumbalgten. Es war immer eine gefährliche Sache, als Prinzessin auf dem Brunnenrand zu sitzen. Denn schon manche Prinzessin war im stürmischen Kampf in den Trog geplumpst, und Krämers Trude sah auch ziemlich ängstlich drein und dachte: »Vielleicht plumpse ich auch.«
Just als nun die Räuber angerast kamen und die Ritter die Prinzessin verteidigen wollten, stolperten Anton Friedlich und der dicke Friede müde und matt die Dorfstraße entlang. »Da sind die feigen Ausreißer,« schrie Heine Peterle und schwenkte drohend seinen Holzpantoffel, und Schulzens Jakob stakerte mit seiner Bohnenstange in der Luft herum und brüllte, so laut er konnte: »Nieder mit den Ausreißern, nieder mit den feigen Hallunken!«
»Na, das ist doch zu frech,« schrie Anton Friedlich erbost. »Wir sind keine Hallunken, und in Schwipperlingen war's fein!« Er entriß Heine Peterle zornig den Holzpantoffel, und es hätte sicher eine Balgerei gegeben, wenn der dicke Friede nicht mutig geschrieen hätte: »Wir waren in Schwipperlingen!«
Ritter und Räuber vergaßen ihre Kampfeslust, die Prinzessin rutschte vom Brunnenrand herab, und alle umdrängten neugierig die Heimkehrenden. »Warum seid ihr in Schwipperlingen gewesen? Wie war's denn? Erzählt doch!«
Anton Friedlich war schon wieder friedlich gesinnt. Er merkte, daß Heine Peterle und Jakob ihn gar nicht gemeint hatten, und stolz begann er zu erzählen. Er schwadronierte darauf los, schwatzte von den Schönheiten Schwipperlingens, und der dicke Friede riß den Mund vor Staunen weit auf. Nein, konnte der Vetter aber aufschneiden!
Wie ein paar Helden wurden die Buben geehrt. Das war noch einmal etwas: in Schwipperlingen war noch niemand von den Kindern gewesen! Ja sogar die Eltern schalten nicht so sehr. Heimlich sagte sogar Anton Friedlichs Vater zum Schulzen: »Sind doch ein paar tüchtige Buben! Laufen in eine fremde Stadt, als wär' das nichts. Ist ganz gut, wenn sie in den Städten merken, was wir Oberheudorfer für Leute sind.«
Drei Tage dauerte der Ruhm der Buben, und Anton Friedlich wurde immer kühner, immer frecher im Aufschneiden. Er wußte immer mehr von Schwipperlingen zu erzählen, und beim Heimweg umdrängten ihn stets alle Kinder neugierig. Nur von Schwipperlingen wollten sie hören, an Feldburg dachten sie kaum noch. Am dritten Tage aber, als die Kinder wieder auf der Dorfstraße lärmten, rief Schuster Pechdraht auf einmal: »Kommt her, ich will euch eine feine Geschichte vorlesen.«
Na, neugierig waren die Oberheudorfer Buben und Mädel alle, und sie überpurzelten sich beinahe, um nur rasch an das Schusterhaus zu kommen. Meister Pechdraht saß vor seiner Tür und hatte ein Zeitungsblatt in der Hand. »Stellt euch alle um mich herum; Anton Friedlich und du, dicker Friede, ihr dürft euch neben mich setzen, ihr Schwipperlinger Helden ihr.«
Die beiden lachten stolz und blähten sich ordentlich auf; die andern sahen sie ganz ehrfürchtig an. Auch ein paar Mägde kamen angelaufen, selbst der Schulze und der Waldbauer, die gerade vorbeikamen, blieben stehen und fragten: »Was gibt's denn?«
»Hört nur zu, eine feine Geschichte gibt's,« sagte Meister Pechdraht und lachte so recht spöttisch; dann las er laut: »Die Denkmalsenthüllung in Schwipperlingen.« Nun bekamen der Anton und der Friede auf einmal rote Köpfe. Aber der Schuster schien das gar nicht zu merken, er las laut, wie man in Schwipperlingen die Stadt geschmückt hatte; die Rede des Bürgermeisters kam und dann -- oh, wäre doch ein Mauseloch dagewesen für die beiden Schwipperlinger Helden. Da stand alles, ihre ganze Leidensgeschichte war berichtet worden, und zuletzt hieß es: »Hoffentlich sind die Oberheudorfer Buben nicht alle so dumm wie diese beiden.«
»Nä!« schrieen sämtliche Kinder entrüstet. Der Schulze aber schalt wütend: »Potzwetter, ihr Buben, was habt ihr angerichtet! Ihr bringt ja unser ganzes Dorf in Verruf. Na, wartet nur!«
Die beiden warteten aber nicht. Und so wütend die Kinder auf sie waren, durchschlüpfen ließen sie die Missetäter doch. Dann rannten freilich sämtliche Buben und Mädel hinter ihnen her und spotteten: »War's fein in Schwipperlingen? Erzählt doch von Schwipperlingen! Ha, die Denkmalsbuben!«
Die beiden hatten keine guten Tage, und sie wurden sehr kleinlaut und bescheiden in dieser Zeit. Wenn jetzt einer nur »Schwipp« sagte, dann huschten sie schon geschwind um die nächste Ecke herum. Aber auch die andern Kinder wollen nichts von Schwipperlingen wissen, und Schuster Pechdraht kann zehnmal sagen: »Aber in Schwipperlingen waret ihr doch nicht,« sie machten sich nichts daraus, sie schrieen nur: »Nach Schwipperlingen gehen wir nicht, schwipp, schwapp, Feldburg ist besser!«
Sommerferienlust.
»Übermorgen gibt's Ferien, und Friede Heller kommt heim.« Die Oberheudorfer Buben und Mädel erzählten sich das nun schon zum hundertsten Male, und wenn nur ein Mensch in Oberheudorf gewesen wäre, der diese wichtige Sache nicht gewußt hatte, alle hätten es ihm gern nochmals und nochmals gesagt. Aber die Erwachsenen mochten gar nichts mehr von den Ferien hören. Hans Rumpf, der Nachtwächter, meinte sogar, es sei ein rechter Unsinn damit, doppelt Schule wäre richtiger. Nur Muhme Lenelies ließ sich immer wieder von den Ferien erzählen, und jedesmal freute sie sich und sagte auch: »Und Friede kommt heim.«
»Wenn er kommt, machen wir was,« erklärte Heine Peterle.
»Was denn?«
»Na, Musik oder so was. Wie wenn der Herzog kommt.«
»Laßt es lieber,« riet Muhme Lenelies. »Solche Überraschungen gehen manchmal verkehrt aus.«
Aber die Kinder hörten nicht auf den guten Rat. Traumfriede mußte feierlich empfangen werden, das stand fest. Aber wie? Anton Friedlich sagte: »Fahnen und Musik müßten wir haben, das ist fein.«
»So war's wohl in Schwipperlingen?« neckten etliche. Aber die Fahnen gefielen doch allen, nur -- sie hatten keine. Die drei Fahnen, die manchmal an Festtagen das Dorf schmückten, bekamen die Kinder nicht, das wußten sie, auch ohne danach zu fragen. Sie rieten hin und her, bis auf einmal Schnipfelbauers Fritz rief: »Ich weiß was. Kathrine hat einen roten Rock und Mutter eine schwarze Schürze und ein weißes Tuch dazu; das ist wie 'ne Fahne.«
»Meine Mutter hat nur blaue Schürzen,« meinte der dicke Friede betrübt.
»Och, das schadet nicht,« schrie Anton Friedlich. »Fahne ist Fahne, 's kann auch blaue geben.«
»Und grüne und gelbe und rote und alle möglichen,« riefen die andern Kinder. Und jedem fiel ganz unversehens ein, aus was eine Fahne gemacht werden könnte. Es würde gewiß ganz wundervoll werden, und höchst befriedigt liefen alle heim.
Einen Tag vor Ferienanfang verschwanden den Bäuerinnen auf sehr geheimnisvolle Weise Schürzen, Röcke, Umschlagtücher, Bettlaken und ähnliche Dinge. Die meisten Hausfrauen merkten es gar nicht. Nur da, wo sich ein großes Suchen und Geschrei darum erhob, kamen die entschwundenen Sachen sehr geheimnisvoll wieder. So vermißte Muhme Rese plötzlich ihren neuen kornblumenblauen Sonntagsrock, worüber denn bald das ganze Haus in Aufregung geriet. Und auf einmal hing der Rock in der Federkammer, und kein Mensch wußte, wie er dahin gekommen war. Heine Peterle konnte nicht mal Antwort geben. Der Bube saß und lernte so eifrig; er schien nichts zu sehen und zu hören, und Muhme Rese dachte: »Er geht vielleicht doch noch auf die Stadtschule. So'n Fleiß ist noch gar nich dagewesen.«
Endlich war der letzte Schultag gekommen. Da an diesem Tage niemand zur Stadt fuhr, sollte Traumfriede zu Fuß heimkommen. Seine Sachen wollte Friede Hopserling am nächsten Tage mitbringen. Um zwölf Uhr wurde in Oberheudorf die Schule geschlossen, und die Kinder rechneten: »Erst ißt der Friede zu Mittag, dann läuft er vier Stunden, dann ist er da.« Sie fragten aber erst noch Muhme Lenelies: »Wann kommt er denn?«
»So um fünfe rum, denk' ich,« meinte die Muhme. »Aber Kinder, Kinder, macht nur keine Dummheiten.«
Hans Rumpf, der Nachtwächter, sah an diesem Tage alle Buben und Mädel auf eine am äußersten Ende des Dorfes gelegene Scheune zulaufen. Jedes trug geheimnisvoll ein Paket und eine Bohnenstange, und alle rannten scheu und heimlich hinter den Häusern vorbei. »Na warte, die haben einen dummen Streich vor,« dachte der Nachtwächter. »Da will ich mal aufpassen.« Er wanderte auch auf die Scheune zu, und als er hinkam, hörte er drinnen Geschwätz und Gelächter. »Was macht ihr da?« rief er und versuchte die Türe zu öffnen. Doch die ging nicht auf, sie wurde von innen zugehalten. Er bekam auch keine Antwort auf seine Frage, und so drohte er: »Ich werde euch schon erwischen, paßt nur auf; ich bleibe hier sitzen.«
Er setzte sich auf einen Baumstumpf am Scheuneneingang, zündete sich seine Pfeife an und wartete.
Innen schwatzte, lachte, polterte und lärmte es inzwischen ruhig weiter. Allmählich aber wurde es still und stiller, zuletzt schwieg alles. »Hei, nun möchten sie raus,« dachte der Nachtwächter. »Bleibt nur drinnen, ihr Mäuslein; ich erwische euch schon.« Er rauchte, betrachtete sich die Gegend und freute sich, daß er so ausnehmend klug war. Auf einmal ertönte vom Waldrand her ein lautes Geschrei. »Man sollte doch meinen, die Kinder wären's, wenn die nicht in der Scheune säßen,« dachte er und zündete sich eine neue Pfeife an.
Von Zeit zu Zeit lauschte er. In der Scheune blieb alles still. Aber aus der Ferne erklang immer wieder Lärm und Geschrei. »'s muß rein das Echo sein,« brummelte Hans Rumpf und zog sein Vesperbrot aus der Tasche, schmauste und rief dazwischen: »Na, ihr Mäuslein, wie gefällt's euch denn da drinnen?«
Keine Antwort kam aus der Scheune. Alles blieb still wie zuvor. Doch jetzt wurde es im Dorfe laut. Von den Feldern kamen die Männer heim, der Hirte trieb die Herde in das Dorf zurück, und die Abendglocke begann leise zu tönen und zu singen. Rufe erschallten vom Dorfe her, lauter und lauter erklangen sie, die Kinder wurden zum Abendessen gerufen. Endlich kamen ein paar Frauen angelaufen. »Hans Rumpf, hast du nicht unsere Buben und unsere Mädel gesehen?«
»Freilich, freilich!« Hans Rumpf nickte und lachte. Er deutete mit dem Pfeifenkopf auf die Scheune und sagte: »Da drinnen, alle sind drin. Sie haben 'ne Dummheit gemacht und trauen sich nicht raus!«
»Lieber Himmel, was das Kindervolk auch immer anstellt!« rief die Schulzenfrau. »Und sicher haben sie mir dazu wieder ein Bettuch von der Leine genommen; es fehlt eins.«
»Freilich, freilich, jedes hat'n Paket gehabt.« Hans Rumpf sah ordentlich stolz aus.
»Nä, aber so was! Fritze, komm 'raus! Je, der Bube hat am Ende gar der Kathrine ihren roten Rock, um den die den ganzen Nachmittag heult,« schrie die Schnipfelbäuerin.
»Freilich, freilich, der Fritze hatte 'n rotes Paket.«
Ein paar Bauern, die vom Felde heimkehrten, blieben stehen. »Was gibt's?«
»Da drin sind alle Kinder; sie haben 'ne Dummheit gemacht,« erzählten die Frauen.
Die Schnipfelbäuerin klopfte an das Tor: »Komm 'raus, Fritze, geschwind!«
»Se haben Angst.« Hans Rumpf hielt sich den Bauch vor Lachen. »Ja mit mir ist nich gut Kirschen essen.«
»Jakob, Röse, kommt 'raus, flink!« Die Schulzenfrau rüttelte an dem Scheunentor, und das sperrte sich gar nicht. Es ging ganz gutwillig auf, und -- die leere Scheune gähnte allen entgegen.
»Die sind hinten 'raus,« brummte ein Bauer und deutete auf das zweite gegenüberliegende Scheunentor, das weit offen stand.
»Ja, nä!« Hans Rumpf setzte sich vor lauter Erstaunen wieder auf seinen Baumstumpf. »So 'ne Frechheit!«
»Na, weißte, Nachtwächter,« sagte der Waldbauer lachend, »die wären arg dumm gewesen, wenn sie in der Scheune geblieben wären. Wo sind sie aber hin?«
»Am Walde hat's immer geschrieen und gelacht!« Hans Rumpf sah sich kläglich um. »Vielleicht waren sie das?«
»Sicher,« riefen die Frauen, und Heine Peterles Mutter, die auch herbeigekommen war, meinte: »Die warten auf Muhme Lenelies' Friede; der soll heute heimkommen.«
Der Abendwind trug jetzt näherkommendes Stimmengewirr zu den Wartenden hin, und die sagten zueinander: »Sie kommen schon, das Warten wird ihnen zu lang.«
Wirklich, sie kamen auch. Der Abendbrothunger trieb sie heim. In langem Zuge kamen sie an, und die Frauen kreischten erschrocken auf: »Aber so etwas! Was haben sie denn da!«
Seltsame Fahnen flatterten im Winde, und die Bäuerinnen riefen entrüstet: »Das ist meine Schürze,« »Unsere Tischdecke,« »Kathrines Rock,« »Mein Umschlagtuch,« »Nä so was, das ist Vaters Taschentuch,« »Je, und meine blaue Nachtjacke.«
Die Buben und Mädel erschraken, als sie vor der Scheune Väter und Mütter versammelt sahen. Sie hätten nun himmelgern ihre Fahnen versteckt, die sie heimlich in der Scheune hatten abbinden wollen. Nun war es zu spät. Die Fahnen hinwerfen und ausreißen ging auch nicht. Gesehen waren sie einmal, also zogen sie kleinlaut und recht langsam näher.
»Nur fix! Sollen wir euch Beine machen?« drohte die Schulzenfrau. »Warte, Jakob und Röse, ich will euch was lehren, mir meine Laken als Fahne zu nehmen!«
»Wir wollten Friede erwarten,« riefen die Kinder sehr kläglich.
»Aber der ist lange da! Um drei Uhr ist er schon gekommen; der hat lange Beine gemacht und um zehn Uhr schon frei bekommen,« rief die Waldbäuerin, die eben auch ihr Mariandel suchen kam.
»Juhu,« schluchzte Heine Peterle plötzlich, »jetzt krieg ich die Schimpfe umsonst.«
»Und Haue obendrein!« rief sein Vater; aber es war leicht zu merken, daß er es nicht so ernst meinte.
Es wurde auch mit der Schelte nicht so schlimm. Nur als die Bäuerinnen ein paar Löcher in den Fahnen entdeckten, wurden sie sehr ärgerlich. »Ihr müßt sie selbst flicken,« forderten sie. Als sie aber recht zusahen, waren es immer die Bubenfahnen, die Löcher hatten. Die Missetäter standen sehr keinlaut und verlegen da; flicken konnten sie doch nicht!
Da zeigte es sich aber, wie gut es ist, daß es Mädel auf der Welt gibt. Und wie hilfsbereit die Oberheudorfer Mädel waren! Krämers Trude, die immer mit einer blanken Eins aus der Handarbeitsstunde heimkam, erklärte gleich: »Ich flicke sie,« und ein paar andere Mädel riefen: »Wir helfen.«
Da hoben die Buben gleich wieder mutig die Köpfe, und ein paar der kecksten bettelten: »Aber sehen muß Friede die Fahnen doch, nur mal sehen; wir machen auch keine Löcher mehr.«
»Er kann doch nichts dafür,« wisperte Waldbauers Mariandel.
»Wird nicht erlaubt,« knurrte Hans Rumpf, der sehr böse darüber war, daß er so lange vergeblich vor der Türe gesessen hatte. »Marsch heim, ins Bett, marsch!«
Die Mütter waren nicht so streng wie der Nachtwächter. Als die Mädel feierlich gelobten, gleich morgen am ersten Ferientag alles sauber und ordentlich zu flicken, und die Buben nicht minder feierlich das Versprechen gaben, nie mehr Röcke, Jacken, Tücher und ähnliche Dinge als Fahnen zu verwenden, durften sie alle mitsammen zu Muhme Lenelies' Haus ziehen und Friede begrüßen.
»Hurra, Friede ist da! Hurra, hurra!« gellte es durch das Dorf. Die Fahnen flatterten lustig, und wenn jemand gesagt hätte: »Das sind aber sonderbare Fahnen!« den hätten die Oberheudorfer Buben und Mädel für sehr dumm gehalten. Traumfriede fand denn auch den ganzen Empfang großartig, auch Muhme Lenelies fand das. Da liefen alle Fahnenträger befriedigt heim, und daß Hans Rumpf diesen ersten Ferientag nicht schön fand, war seine Sache; den Kindern hatte er ausnehmend gefallen.
So glücklich war aber doch kein Bube und kein Mädel wie Traumfriede. Nun er wieder bei Muhme Lenelies in dem lieben kleinen, windschiefen Häuschen saß, merkte er erst, wie groß sein Heimweh gewesen war. Alles hatte er der Muhme gleich an diesem Abend erzählt; auch daß er hatte ausreißen wollen und sich der Kameraden geschämt hatte. Wenn sie es auch schon wußte, er mußte doch das Gesicht sehen, das sie dazu machte. Die Muhme hatte ihn nur mit ihren stillen, guten Augen angesehen und gesagt: »Wir laufen alle einmal ein Stück einen falschen Weg. Die Hauptsache ist, daß wir uns bald zurechtfinden. Nun aber schlaf, mein Junge, es gibt ja noch viele Ferientage.«
Friede reckte und streckte sich in seinem Bett. Wie schön war es wieder daheim bei Muhme Lenelies! O wie köstlich lang doch die Ferien waren; was konnte man da alles unternehmen!
Die Kinder unternahmen auch sehr viel. Sie liefen in den Kuhberger Wald, spielten so heftig Räuber und Prinzessin, daß erst Annchen Amsee, dann Waldbauers Mariandel in den Brunnen plumpsten. Und immer dachten sie am Abend, daß Ferientage sicher achtbeinig seien, so fix laufen sie über die Erde. Traumfriede war bei allem dabei, und wenn Muhme Lenelies manchmal gedacht hatte, es würde dem Buben nicht mehr auf dem Dorf gefallen, so merkte sie nun, wie sehr sie sich geirrt hatte.
Am ersten Tage hatte Friede erzählt, die Sonntagkinder wollten einmal kommen und Jobst von Hellfeld. Aber ein Tag nach dem andern verging, sie kamen nicht, bis sie plötzlich eines Nachmittags ganz unvermutet auf der Dorfstraße standen.
»Was ist das jetzt für 'ne Geschichte,« sagte Schuster Pechdraht erstaunt; »da sind ja auf einmal drei Stadtkinder.« Da stürzte aber auch schon Traumfriede über den Dorfplatz und begrüßte die drei mit lautem Halloh. »Wie seid ihr hergekommen?«
»Kaspar auf dem Berge hat uns mitgenommen,« rief das Füchslein und strich sich sein weißes Kleidchen glatt. »Ich hab' ihn heute früh gesehen und gesagt, ich möchte nach Oberheudorf. ›Komm mit!‹ hat er gerufen, na -- -- -- und da sind wir.«
»Ein paar Tage dürfen wir bleiben,« erzählte Jobst. »Der Wirt hat gesagt, Nachtquartier bekämen wir, nur heimgehen müssen wir zu Fuß, und Herr Professor läßt dich grüßen. Er kann nicht kommen, er hat einen schlimmen Fuß.«
»Und das da ist Heine Peterle, nicht wahr?« rief das Füchslein und stürzte so eilfertig auf diesen zu, daß der beinahe hintenüber fiel vor Schreck. Nachher wurde er aber gleich gut Freund mit dem zierlichen Stadtmädel.
Die drei Städter gefielen überhaupt den Oberheudorfern sehr gut, und es entstand fast ein großer Streit darum, wo sie wohnen sollten.
»Die Buben kommen zu mir, und das Mädel muß ins Schulzenhaus, weil der Schulze nun doch mal der Schulze ist,« entschied Kaspar auf dem Berge. »Immer alles, wie sich's schickt.«
Da der Wirt die Kinder hergebracht hatte, gaben ihm alle recht, und so zog Füchslein in das Schulzenhaus, obgleich es am liebsten bei Muhme Lenelies gewohnt hätte. Aber in dem kleinen Haus war kein Platz, während es im Schulzenhaus eine stattliche Gaststube gab mit einem hochgetürmten Federbett darin. Eine ebensolche stattliche Gaststube bekamen die Buben in der himmelblauen Ente, und sie gaben Kaspar auf dem Berge recht, als der sagte: »Ein Prinz könnte drin wohnen, wenn einer da wäre.«
»In Oberheudorf ist's herrlich,« rief Füchslein am nächsten Tage. »Ich wollte, ich könnte ewig hier bleiben!«
Die Hausfrau schenkte ihr gerade Milch ein und stellte ihr die verlockendsten Honigbrote hin. Jakob, Röse und die jüngeren Geschwister umdrängten den Gast, und Heine Peterle steckte seine Stubsnase zur Türe herein und rief: »Ist se noch da?«
»Warum soll ich denn fort sein?« fragte Füchslein erstaunt.
»Ich dachte, ich hätt's geträumt,« bekannte Heine Peterle. Er schob sich zur Türe hinein, warf einen riesengroßen, bunten Blumenstrauß gerade auf Füchsleins Honigbrot und stammelte: »Du, Muhme Rese sagt, weil de aus der Stadt bist, mußte de Blumen haben. Spielste auch Räuber und Prinzessin mit?«
»Ja,« schrie Füchslein entzückt, »und ich bin der Räuberhauptmann. Ich kann furchtbar schreien, paßt auf!« Und das zarte Stadtmädel schrie so laut und gellend, daß alle Hausbewohner zusammenliefen; selbst der Schulze kam angerannt. »Was macht ihr mit dem Mädel? Potzwetter, mit 'nem Stadtmädel geht man fein um!«
»Die -- -- die -- -- ist Räuberhauptmann!« Jakob krümmte sich vor Lachen. Röse und die Kleinen quiekten und kicherten. Heine Peterle aber stand mit offenem Munde da; endlich atmete er tief und bat: »Schrei noch mal!«
»Lieber nicht,« meinte die Hausfrau. »Jetzt hab' ich freilich keine Angst mehr, ihr könntet zu wild für unsern Gast sein. Da geht nur und spielt!«
Und sie spielten. Sie tobten die Dorfstraße entlang, daß Hans Rumpf grollte: »So schlimm war's noch nie.« Sie spazierten durch alle Gärten, sahen in alle Ställe hinein, lärmten um den Brunnen herum, und ganz alltägliche Dinge erschienen den Oberheudorfer Kindern auf einmal schön und groß, weil die drei Städter sie mit so jauchzender Freude bewunderten. Wie konnte sich das Füchslein über ein Lämmchen, ein Zicklein, eine junge Katze oder kleine Hühnchen freuen! So sehr, daß ihr Heine Peterle, Waldbauers Mariandel und Annchen Amsee am liebsten alles Kleintier gebracht hätten. Und wie gern fuhren Jobst und Ulrich mit auf das Feld hinaus, wo gerade der erste Schnitt getan wurde.