Part 8
Bilder zu Pferde, Bilder im Auto. Das war schon einige Jahre her. Gleich dabei ein Gruppenbild von acht jungen Mädchen, Claudia unter ihnen, hier, schwer kenntlich; das Bild war mäßig und diese vielen Mädchenköpfe ähnelten einander. War das nicht Else Dominik, die sich beim Präparieren an einer Leiche vergiftet hatte und ein Jahr nach diesem Bilde schon tot war? Denn es stellte die Mädchen dar, welche mit Claudia die Reifeprüfung am Königsgymnasium machten, nach gemeinsamen Vorbereitungskursen. Und hier auf der anderen Seite unten war der Kopf der Abiturientin Claudia festgehalten: das Haar gescheitelt und aus der Stirn gestrichen, die breit und klug das schon hübsche Mädchengesicht abschloß. Sie nickte erheitert drüber hin: vor dieser unerschrockenen Stirn war der Geheimrat zurückgewichen, der die Prüfung abgenommen hatte. Nachdem alles vorüber war, lobte er, die besonderes geleistet hatten und fragte schließlich erstaunt: »Sie sind die einzige, Fräulein Eggeling, die nicht studieren wird -- warum nur? Ihre Begabung für Mathematik scheint mir ungewöhnlich.« Da hatte ihm die junge Dame unschuldig ins Gesicht geblickt und ganz laut erklärt: »Danke, Herr Geheimrat, nein, ich studiere nicht. Ich wünsche nicht, eine gnädig tolerierte Person zu sein mit Rechten zweiter Klasse ...« was ziemlich boshaft war, weil der errötende Herr, wie jeder Anwesende wußte, durchaus seinen Teil daran hatte, daß Mädchen noch immer nicht gleichberechtigt zum Studium zugelassen waren. Die siebzehnjährige Keckheit, dachte die Mutter damals zärtlich und schalt laut ... Nach einem Jahr entschloß sie sich übrigens doch zum Studium; eines Tages entdeckte sie den Dozenten Rohme, der ein kunsttheoretisches Kolleg las. -- Auf dem nächsten Bild stand eine Konfirmandin von dreizehn, mit einem halshohen Kleide, zwei Zöpfen und einem goldenen Kreuzchen. In den Zwischenjahren hatte sie sich gegen das Abbilden wütend gewehrt, sie fand sich zu häßlich dafür, und in der Tat war dieses Kindergesicht mit einer großen Nase, breitem Munde und übergroßen Augen völlig ohne Verhältnisse und kindliche Anmut geformt. Im nächsten Jahre noch, erinnerte sich die Mutter, kam sie eines Tages völlig verstört und krampfhaft weinend aus der Schule und war nicht mehr zu bewegen, in dieses öffentliche Institut zurückzukehren: man hatte, modern wie man war, daselbst klassenweise sexuell aufgeklärt ... sie erhielt Unterricht daheim. Frau Eggeling hob den Kopf von den mit kleinen Bildern besteckten Blättern und blickte in die dunkle Zone, die sich an den lichten Kreis um die Lampe schmiegte. Das Pendel der hohen Uhr ging in hörbaren Rucken hin und her, und in der großen sanften Stille schien sein Geräusch laut und langsam. Wie viele Dinge in der Seele des Menschen begraben lagen, Zeiten lang! Das alles war vergessen gewesen, ohne Erwähnung und ohne Dasein. Und bei so geringem Anlaß wie diesen Bildchen sprang es heraus und stand da, unzerstört, unverändert ... Nichts ging verloren, und diese lebendige Tochter, dieser gegenwärtige Mensch sollte ihr verloren gehen? Wie hatte sie sich +darüber+ grämen können! Blieb nicht alles wie vorher? Wenn Claudia zurückkam, war sie wieder ihr Kind -- wie oberflächlich und nebenhin mußten diese neuen Erfahrungen vorübergehen, denen sie jetzt ausgesetzt war, verglichen mit der unveränderlichen Tiefe aller Gemeinsamkeit zwischen ihnen beiden, Tochter und Mutter, die sie verband und durchströmte in magnetischem Sprühen, und von der jener dritte auf immer ausgeschlossen war! Oh Buch der Befreiung, oh gesegnetes gnadenvolles Buch des Trostes! ... und ihre Hände wandten fast in Ehrfurcht das nächste Blatt.
Kinderbilder. Sie suchte, ob noch eines Claudia allein zeige, und es fand sich: ein ganz kleines, nacktes Kindchen lag großäugig in einem Sessel. Aber auf drei oder vier anderen sah man sie in Gemeinschaft mit ihrem kleinen Bruder, der so bald starb, mit dem Vater -- eine Gabe für die Mutter, die damals in Elster eine Kur gebrauchte -- (wie jung Eggeling hier aussah), mit beiden Eltern. Es waren häßliche glatte Photographien mit albernen Staffagen von Geländern und Tischen, mit gemalten Hintergründen, Felsen oder einer waldähnlichen Pinselei, mit künstlichen Palmen und sinnlosen Geräten, Trompeten oder kleinen Schaufeln ... Nichts war an ihnen fesselnd -- warum doch mußte sie so unverwandt diese Abgeschmacktheit ansehen? Wer war die Frau hier? Unmöglich, sich zu täuschen ... Das war Eva Eggeling, diese altfränkisch gekleidete junge Frau in der langen Taille, mit hohen Achselpuffen und Rüschen überall?
Das Staunen, das sie befiel, war fast ein Schreck und benahm die Luft. Ihr Blick verlängerte sich, wurde starr und dunkel, in Wesenloses gerichtet, so daß sie nichts mehr sah. Dann, jäh zu sich kommend, schüttelte sie den Kopf -- eine Haarnadel fiel auf den Teppich -- und ihre Augen ergriffen mit Wachheit. Hier saß sie nochmals, allein mit der kleinen Tochter, ganz dunkel gekleidet, bis ans Kinn verhüllt, ein und ein halbes Jahr nach Eggelings Ende. Ihr Atem ging schwer und ihre Hände zitterten. Das stellte sie dar, sie selbst ... Sie warf die schweren Blätter um, so daß sie klatschend aufeinander fielen, sie überflog die Seiten, die schon betrachtet waren: hier, und hier noch einmal! und dieses auch ... Sie hatte es vorhin übersehen, begreiflicherweise; sie holte nun nach, wandte weiter Blatt um Blatt, in die frühere Zeit zurück, ehe noch Claudia lebte: da als junge Frau, da mit ihrem Gatten, hier war ihr Verlobungsbild, diese beiden mußten sie als Mädchen zeigen, es fand sich sogar ein gelblich blasses Kinderbildchen vor, mit Höschen, die ihre Spitzenkante unter dem Röckchen vorzeigten, und das, das war die Mutter mit der Schwester und ihr! -- -- Sie erhob sich rasch, ging eilend nach ihrem Schlafzimmer und tastete im Dunkel mit bebenden Fingern, bis sie einen Handspiegel fand; sie nahm ihn ins Wohnzimmer, zur Lampe, und die Brauen gefaltet, die Lippen aufeinandergedrückt prüfte sie drohend das hellbeleuchtete Gesicht, das er zeigte, ihr Gesicht.
Das waren noch dieselben Züge, die die Bilder enthielten: die leicht gebogene Nase, der Mund schmal und fest umrissen, dieselben wagerechten Brauen, ein unverändertes Kinn! Die Haut war ein wenig schlaff geworden, körniger und von Linien durchfurcht, von leise gezogenen Falten an den Augen, am Munde; es war auch voller und nicht mehr ganz so fest wie früher, trotz aller Pflege -- aber es war dasselbe Gesicht, das dieses kleine Mädchen auch schon hatte! Sie blickte zwischen den Bildern und dem Spiegel hin und her, und immer deutlicher schälte sich aus den Veränderungen der Jahre das Wesen heraus, das geblieben war, sie, Eva Eggeling ... Eine fiebrige Folge von inneren Gesichten stürmte heran, halb gesehen, halb gedacht oder gefühlt -- -- sie spürte sie nicht nur hinter der Stirn sondern auch im Herzen, als beängstigende Stöße, die mit ihrem Blute herangeschwemmt wurden. Diese so unwesentliche Umgestaltung, diese winzigen Züge da von Reifen, Altern und Verfallen war ihr Leben! Ein Entsetzen fiel auf ihre Brust wie eine Schlinge, die man zuzog. Ihr Leben! Sie hatte es gehabt ohne zu zaudern, die Gegenwarten hatten es geformt, und sie hatte es hingenommen, hatte es nie geprüft, nie zerlegt; niemals hatte es sie in Staunen geworfen. Entschlüsse waren zu fassen: sie waren da, wenn man sie brauchte, Folgen waren zu tragen: man trug sie -- dem Augenblick ward das seine ... und nun war sie alt und begriff nicht wie sie's geworden war. Denn da sah sie ja noch alles, was einmal Eva Maurer gewesen war, in aufblitzenden Gesichten: ihre Puppe hatte ein rotes Kleid; ihr Hund hieß Barry. Die Mutter quälte sie jeden Tag mit bösen Kleinigkeiten. Im Dämmern, im Garten zog ein Junge ihren Kopf an den Zöpfen rückwärts, mit umarmender Hand ... und küßte sie blind ins Gesicht ... sie rührte sich nicht und atmete hastig. Sie tanzte mit jungen Leuten, ihr Fächer war mit Röschen bestickt, einer der Tänzer war der Herr Eggeling. Dann lag sie acht Stunden geschüttelt von gräßlichem Stoßen und Zerreißen in ihrem Innern, das ihr den Leib zersprengte; ein Mädchen war's ... Einmal stand sie auf Notre Dame, und unter ihr blitzte die Seine durch Paris wie ein geschlängelter Dolch, durch Paris -- und man trug ihren kleinen Sohn aus dem Hause, eingesargt ... Und als Klaus nach drei Tagen, im Bett verbracht, tot war, als ihr's die Ärzte ›schonend‹ beibrachten, da fühlte sie nichts als ein ungeheures wortloses Erstaunen, das sich in ihr wie eine Luft ausdehnte. Dann saß sie bei der Leiche und sah dem Manne ins Gesicht, in das kluge etwas harte Totenantlitz, und begriff nichts: weder daß man tot sein könne, noch, was das war, noch daß dieser da nicht einfach aufstehen könne und die Hände auf dem Rücken im Zimmer umhergehen, wie er pflegte, noch daß er überhaupt je gelebt; nur sah sie, daß Totsein mehr war als Nichtmehrleben (aber +was+ mehr, fand sie nicht).
Und dann hatte sie ihre Tochter, die Tochter ihres Mannes mit seiner Stirn und seinem Geiste -- aber noch immer war sie's, Eva, die groß und wichtig im Vordergrunde stand: und jetzt saß sie hinten geblieben! Wie war denn das gekommen, daß sie's nicht gemerkt hatte? Wie hatten sich denn über Eva Maurers braunes Haar die weißen Strähnen gelegt? Wo war es denn hin, und wie war es durch sie hindurch geglitten, das, was zwischen jung und alt lag, das Leben?
Die Augen schlossen sich, und ihr Kopf fiel mit dem Kinn auf die Brust; der Atem ging kurz und gebrochen, und hinter der Stirn drückte ein dumpfer Schmerz. So saß sie, regungslos, während sie das Pendel die Zeit zerteilen hörte, und suchte etwas Deutliches zu denken, aber ein schwarzes Nichts lähmte ihren Geist. Sie fand das Leben nicht, das sie dennoch einmal gewesen war. Nach den Blitzen, die sie vorher durchzündet hatten, war nichts geblieben als Dunkel oder Asche. Sie hatte geküßt, vor dem Manne gebebt, Lust gehabt und den Mann ertragen -- war das überhaupt wahr? war's gestern? Und heute erlebte das ihre Tochter: Küsse, Angst, Lust und den Mann ... Das Herz schlug ihr und hatte immer geschlagen. Ihre Ohren hörten, und immer hatten sie gehört. Aber von Eva Maurer war nichts mehr da, wenig von Eva Eggeling, die in Schauern empfing und Kinder säugte; etwas war von ihr gewichen, unmerklich, das sie nie vermißt hatte, es war einzig an Wert und Bedeutsamkeit, aber sie konnte es nicht benennen, es fand sich nicht mehr vor und sie wußte nicht, wohinein es verdunstet war ... Sie hob endlich die schweren Lider und sah vor sich hin, erst ohne zu sehen und als hätten die Augen keinen Glanz mehr. Dann merkte sie, daß ihre Hand vor ihr lag, ihre rechte Hand, die sie zahllose Male vor Augen hatte, tätig und lebendig wie nichts sonst an ihrem Körper. Aber eben lag, fast vom Körper gelöst, diese Hand wie ein fremdes Ding vor ihr, das ihr neu war und nur unbestimmt zugehörig. Hatte sich dieses erstaunliche, fünfstrahlige Wesen da, schlank, weiß und ausdrucksvoll gegliedert, nicht aus der winzigen täppischen Faust eines kleinen Kindes gezaubert, hatte sich langsam gedehnt und zugenommen, ohne jemand zum Aufmerken zu bringen, ungesehen vor allen Augen -- bis es das da geworden war, das Greifding, mit vielfach zerteilter Haut umkleidetes Fleisch, das bläuliche Adern enthielt, Muskeln und unsichtbare Nerven, getragen und gehalten von einem knöchernen Skelett ...
Sie würde einmal sterben. In nicht sehr vielen Jahren.
Sie erschrak nicht, sie staunte. Sie vermochte den Tod nicht zu fürchten, ehe er da war -- sie konnte sich bei seinem Namen noch immer nichts Sichtbares vorstellen. Sie herrschte sich an: vorwärts, denke nach! Sieh hin! Man wird eine kraftlose Alte, gut, die ohne Hilfe nicht mehr vom Stuhl aufsteht. (Ihre Augen schmerzten vor Aufmerken, unter den geschlossenen Lidern.) Eine Kranke liegt zu Bett, auf dem Nachttische Fläschchen mit roten Zettelschwänzen auf den Köpfen, es riecht nach Arznei. Ja, Ärzte kommen. Dann wehrt man sich gegen das Sterben; man stirbt -- das ist irgendwie dumpf grausig ... aber +dabei lebt man noch+. Dann liegt man weiß da, ist tot. Dazwischen schneidet ein Riß, ein undenkbar schmaler -- aber ein ebenso tiefer. Kein Gedanke wollte ihn ihr füllen. Laß ab.
Sie würde also sterben ... was blieb dann von ihr? Was war von ihrer Mutter geblieben? Das böse Gedächtnis, das gelegentlich auftauchte -- denn meist war sie vergessen -- und sie, die Tochter. Und so würde von ihr nichts bleiben als diese Tochter und das Gedächtnis -- ein gutes, denn sie hatte das Kind voller Schonung und Liebe aufwachsen lassen, hatte es immer gestützt und nie behindert und sich in die fremdesten Wege gefunden, die zu dem bewußten Sein, dem Denken und der Kunst führten. Aber dennoch würde sie ebenso vergessen werden und gelegentlich auftauchen. Und diese Albumbilder würden bleiben, bis sie zerbrachen oder sich verloren. Gestern aber hatte sich ihre Tochter aus ihren Armen gelöst, nur schwerer, wie sie sich einmal aus denen ihrer Mutter löste, und war mit dem Manne gegangen. Und nun stand vor jener dasselbe Geschick, das eben Eva Eggelings Nacken beugte. Betty Maurer, Eva Eggeling, Claudia Rohme -- wie würde das nächste Haus heißen? Denn Häuser waren sie, die eine Zeitlang Leben herbergten und es weitersandten. Aus einem Schoße empfingen sie's wie durch ein Tor, das aus namenlosem Dunkel mündet, und nach einiger Zeit gaben sie es dahin an ein Unbekanntes, das aus ihrem Schoße ging: denn ein dunkles Tor waren sie selbst geworden und das Namenlose hinter ihnen. Sie waren Mütter.
Die Uhr schlug sechs, da saß sie noch und staunte. Sie besann sich, überlegte, erhob sich und ging in ihr Zimmer; sie klingelte dem Mädchen, sah seine verweinten Augen, sagte nichts und ließ sich frisieren. Sie hieß ein dunkles Kleid bringen, wählte Schmuck und gab an, daß man den Tisch decken sollte, und auf welche Art. Dann fragte sie die Köchin, was sie bereit gemacht habe. Darauf erinnerte sie sich, daß in Claudias Zimmer Vasen voller Blumen stehen müßten und sagte zu der Zofe: »Im Zimmer des gnädigen Fräuleins sind Blumen, Else. Stellen Sie eine Vase auf den Tisch.« Das Mädchen lief hinaus, und Frau Eggeling hörte, daß es, kaum auf dem Gange, laut aufschluchzte. Sie wiegte den Kopf hin und her. So sehr liebte man das Kind, da draußen ...? Wie das weinen konnte, offen und genußreich ... Doch keinen Augenblick verlor sie das Gefühl eines ungeheuren Ernstes, der in ihr ruhte und sich wohl auch in ihrem Gesichte zeigen mochte, denn das Mädchen hatte sie sonderbar behutsam und scheu bedient. Und eine Spannung hing ihr im Innern, der jede Regung verhängnisvoll und entladend kommen mußte. Ihr war, als sei sie innen ein großes, mühsam geknebeltes Tier.
»Gnädige Frau, Herr Doktor Sirmisch.« -- »Ich bitte.«
Der junge Mann trat ein. Er verbreitete frische Luft und Kälte um sich, wie er da aus dem kalten Winterabend in die allzu lang geschlossenen Zimmer trat, seine Augen waren hell und sein Gesicht leicht gerötet; und Frau Eggeling rief, wie er auf sie zukam, alle ihre Fassung zu Hilfe. Sie hatte diesen hitzigen feinen Menschen lieb, und sie sehnte sich so sehr nach Zuneigung und Trost ... Sie hieß ihn willkommen und er neigte sich über ihre Hand. »Ich habe wirklich nicht gewußt, gnädige Frau, ob es richtig war, heute zu kommen; aber ich mochte nicht telefonieren. Bin ich unangebracht? Ich bitte herzlich, sagen Sie mir's, dann gehe ich.« »Lieber Sirmisch! ich wüßte ja nicht, was ich anfangen sollte ohne Sie ... Ich muß mich doch erst daran gewöhnen ...« Sie stockte. Ihre Hand glitt unaufhörlich an den Perlen der Holzkette auf und ab. »Ich dachte mir so etwas, liebe gnädige Frau.« Er blickte auf diese ruhelosen Finger, und ein unendliches Mitleid überkam ihn. »Wollen wir diese Blumen in einer Ihrer hübschen Vasen unterbringen?« »Wie schön! Wo haben Sie das gefunden? Lange elfenbeinweiße Kelche, so schmal geformt und mit so zarten Blättern? Ich kenne sie nicht; wie heißt die Blume?« »Ich weiß es auch nicht. Ja, sie sind ziemlich apart. Ich fand sie in dem Fenster eines Ladens und erlöste sie aus einer Umgebung von Alpenveilchen und Immergrün. Was für ein Gefäß wollen Sie dafür wählen?« Die schlanken Stiele zitterten in der kranken Hand. »Ich suche schon ... hier? nein, das ist zu bunt ... Wie fänden Sie sie hierin?« und sie hielt jenen chinesischen Krug hin, mit Stieglitzen, die durch Zweige rosenzarter Apfelblüten schlüpften. Er stimmte zu, und sie sagte: »Dann bitte ich um Urlaub für zwei Minuten, ich hole nur Wasser und Salz; hineinstellen dürfen Sie sie selber.« Sie nickte ihm zu und ging. Er wanderte einmal auf und ab ... wo war Claudia jetzt? Kleine Claudia, sagte er zärtlich in sich und hielt inne. Da waren ihre Bücher; er trat zum Bücherschrank und sah das Album offen auf dem Lesetisch liegen. Zerstreut musterte er die Bilder der aufgeschlagenen Seiten, er kannte niemand; lauter alte lächerliche Bildchen mit Krinolinen, die das Bild unten völlig erfüllten; und er wollte eben umblättern, als er die Hausfrau eintreten hörte. Sie sah, was er betrachtete, fühlte sich jäh erblassen und stellte die Vase klappernd aus der Hand, in unverständlichem Schreck. Er drehte sich um: »Was haben Sie hier für ein drolliges Buch, gnädige Frau? Diese Trachten ...« Warum war sie denn so bleich?
Sie näherte sich langsamen Ganges, jeder Schritt war von Schwäche gehemmt, schloß das Buch mit einem klatschenden Laut, und sagte, während sie mit fliegenden Fingern die Schließe zudrückte: »Ja. Ich hatte es vorhin vor, man weiß so gar nicht was tun ... Es ist unser Album. Ihnen scheint es dumm, natürlich. Aber ich ... mir hat es erzählt--« hier brach ihre Stimme, und Laute der Qual verstummten, die er in seinem Leben noch nie gehört hatte. Die alte Dame schloß die Lippen eng, kämpfend mit der herzbrechenden Klage um sich, um ihre Verlassenheit, Vergänglichkeit, Vergebenheit, mit dem Elend des alten Menschen -- jähe Röte schoß ihr ins Antlitz, dann verzog sich ihr Mund in unsäglichem Schmerz, und mit lautem Schluchzen brachen die Tränen aus ihren Augen. Sie wandte sich und ging langsam hinaus, von Weinen geschüttelt, das dem Hörer atemnehmend ins Herz biß.
Alexander Sirmisch sah vor sich hin, die Hände in den Taschen, ratlos von Schreck und Mitleid. Wars nicht besser zu gehen? Vielleicht war es Claudias Mutter peinlich, ihm nachher das Gesicht zu zeigen, das eben noch feucht war von solchen Tränen. Es wäre unerträglich, wenn sie verlegen wäre ... aber dann ließe sie's ihm gewißlich sagen. Bleiben war im tieferen Sinne der rechte Takt. Diese alte Frau! was fühlte er für sie? Es war ihm peinlich da zu sein, er schämte sich seines machtlosen Dabeistehens, und zugleich hatte er Lust, sich vor ihr zu verneigen.
Sie trat ein, die Augen ganz groß und ernst auf ihn gerichtet. Da ging er ihr entgegen, ergriff wortlos ihre Hände und küßte sie.
Die Uhr schlug einmal: halb, und füllte den stillen Raum mit sanftem Klingen.
Die keusche Nacht
Das Gaslicht stach mit unerträglich grünem Glanz, und das Sofa, drauf sie ausruhte, war mit blumigem Plüsch bezogen -- einem Stoff, der kratzte, wenn man ihn wider den Strich berührte. Es war vielleicht nur Nervensache, daß sie auch davon gequält wurde; das Schüttern der Fahrt taumelte noch in ihrem Kopfe -- aber gleichviel, gleichviel ... sie fand sich davon gemartert ... Sie preßte die Handflächen kühlend an beide Schläfen. Früh das Standesamt, das Frühstück, darauf die Fahrt -- und nun stand noch +das+ bevor ...
Claudia fürchtete sich; Angst lag so atempressend auf ihrer Brust ... Was in ihr schrecklich bebte, war gar keine Spannung, gar keine Erwartung -- am allerwenigsten freudige; es war auch keine Sehnsucht nach innigster Einheit und kein verschwiegenes Drängen nach Hingabe und nichts weniger als Liebe: es war einfach Angst -- Angst vor dem Manne, die sich nicht beschwichtigen ließ, die unzugängliche Angst des Körpers vor einer allzufremden Erfahrung ... Sie erinnerte sich ähnlicher Ohnmacht, als sie, ein Kind, zum ersten Mal im kalten Flusse baden sollte; denn ihr Verstand war keineswegs ausgeschaltet -- er arbeitete vielmehr wie stets, hastiger nur und zerrissener, und nannte alles beim Namen -- vielleicht etwas greller als sonst; und er lenkte nicht mehr. Den Lenker machten heute die Sitte und der Leib; und ohne Auflehnung beugte sich ihr geistiges Wesen unter diese Herrschaft äußerer Gewalt. Ihr Körper, der sonst ihr gehörte, stand ihr heute fremd und herrisch gegenüber, und sie fürchtete sich und fühlte sich ausgeliefert wie irgendein kleines Mädel, das vor dem Lehrer zittert.
Sie ging hin und her, so daß die Lampenglocke klirrte, zerdrückte ein Taschentuch in den Händen, die immer wieder feucht wurden, und erkannte klar: als das Gräßliche erwiesen waren die Hemmungen. Genommen werden war eine Gnade, sich geben können ohne Bräuche und Scham eine gleiche. Aber der eheliche Apparat zeigte sich unerhört grausam. Man mußte sich irgendwie dabei benehmen, denn durch die Aufmerksamkeit, die alle darauf wandten, durch feierliches und verabredetes In-Szene-Setzen, ging die unbefangene Geste der Liebe verloren, gerade für die Liebenden mit vertieftem Gefühl -- aber nichts sagte einem, da Natur schwieg, welche Gebärde sich dafür einstellen sollte; und man schritt ratlos wie ein Verirrter und ganz so geängstigt, und blieb, halb sinnlos und halb sich zu retten, vor den zufälligsten und gleichgültigsten Dingen stehen, vor Blumen zum Beispiel, die in einem schwerfälligen Kruge dufteten; ein ganzer Busch Flieder und gelber Rosen. Klaus Manth, der gute, hatte ihr aus Lilien und roten Rosen einen Strauß geschenkt, den sie alsbald im Kupee hatte liegen lassen; er war allzu gut gemeint ... Sie zupfte die gelben Vorhänge zurecht, die die Fenster verschlossen: aber sie hingen ohnehin in Ordnung ... und man fand sich abgeschmackt und ungeduldig empört gegen sich selbst ... Warum er sie jetzt allein ließ! Er hatte doch verstanden, weswegen sie nicht auf ihren Zimmern zu Abend gegessen hatte! Er sollte kommen!
Er kam schon. Als er ihre Augen erblickte, ihre Hände und das zerknüllte Tuch, verschwand das schwache Lächeln aus seinem Gesicht, und er wurde sogleich ernst, so ernst wie ihm zumute sein mußte. Denn, nicht wahr, daß er diese Angelegenheit vergnügt behandelte, das war unmöglich. Er nahm ihre Finger in die seinen und glättete sie, führte sie, die nun seine Frau sein sollte, zum Sofa und blieb vor ihr stehen; die festgehaltenen Hände bildeten eine Kette von ihr zu ihm. Er machte seine Stimme frei von Beengung, dann sagte er, mit dem gütigsten und behutsamsten Klang, den er finden konnte:
»Mein kluges kleines Mädchen fürchtet sich.« Ihre Leiden strebten ihm sogleich entgegen: »Ja, Walter, ja, ich fürchte mich ... Nicht vor dir; vor dem Ganzen. Vielleicht gar nur vor dem Ritus.« Sie versuchte zu scherzen, aber wie kläglich mißlang es! Ihre Stimme klagte hoch und zitternd wie ein Kind, und ihre Augen, ganz schwarz geöffnet, zehrten von seiner Miene. Er erwiderte mit einem Ton tief vor Zärtlichkeit:
»Ich wußte es. Wir wollen nur alles aussprechen, wie gute Kameraden, nicht? oder soll ich still sein?« Niemals hatte sie seine Überlegenheit tiefer gefühlt und inbrünstiger anerkannt. Sie zog in Dankbarkeit seine Hände näher; seine Ruhe und Sicherheit tat ihr unendlich wohl und löste die kalte Angst mit dem warmen Klang der Worte.
»Sprechen, Liebster. Sagen können wir uns alles, wie sonst. Ich fürchte ja nur das Unbekannte; dumm macht es mich darum nicht ...«
»Das ist schön; und wozu eigentlich Angst?« Er setzte sich auf die Sofalehne, legte ihr den Arm um die Schultern und neigte sich herab, sie zu küssen; aber ihre Lippen zitterten kalt unter den seinen, und so sprach er aufgerichtet: »Getrennte Zimmer waren unmöglich; diese Pension hätte dich für mein Verhältnis genommen und so behandelt. Wir müssen uns abfinden. Ich kann recht gut drinnen auf dem Divan übernachten.«