Die Novellen um Claudia

Part 6

Chapter 63,474 wordsPublic domain

»Begreift ihr, daß er nicht von ihr ließ, daß er sie nicht einfach gehen ließ, in Anständigkeit hinein in ihren Frieden? Oh, er wußte ja, wo er sie zu fassen hatte, um der Geliebten wehzutun! Er hatte ja in ihrer Seele an Erinnerungen und Zärtlichkeiten, Sehnsucht und Liebesschmerz ebensoviele Bundesgenossen, er kannte sein Mädchen ja so völlig -- hatte sie ihm doch vor dem Leibe ihr ganzes einfaches Herz gegeben ... Sie schrieb ihm Briefe, ich habe sie gelesen, gewiß, er hat sie mir zum Lesen gebracht, er nannte das Vertrauen,« -- und sie nickt mehrmals, schwer beschuldigend -- »in denen sie ihm rührend tapfer auch Freundschaft abschlug, auch Kameradschaft, weil sie ihrer nicht sicher war; und aus denen doch allzubald erhellte, daß sie es sich noch nicht begreiflich machen konnte, wie man ohne ihn leben sollte ... Aber der Kampf begann im letzten Ernste erst hier, in dieser gefährlichen und versucherischen Stadt, wohin sie die Verpflichtung und der Zwang der Dinge zurückführten. Sie weigerte ihm jeden Kuß, jede Liebkosung, ja, eigentlich auch das Wiedersehn. ›Sie dachte, sie könnte mir so entwischen, einfach wie einem Jungen,‹ sagte er und lachte; denn er konnte ein Zusammensein erzwingen, da er mit allen ihren Gewohnheiten und Pflichten vertraut war -- und das tat er: und als sie seine Verzweiflung sah, vermochte sie nicht, es zum Äußersten kommen zu lassen. So ging sie neben ihm auf einsamen Wegen des Großen Gartens; und oft hat sich mir während seiner Erzählungen die Einbildung aufgeprägt, als geschähe das alles vor mir, als wäre ich unsichtbar anwesend und wüßte: der Abend zwischen den Baumreihen und in den kleinen Gehölzen hallt wider von der unbedacht lauten Leidenschaft seiner Anklagen, Beschwörungen und Bitten, der warme Wind trägt wehend ihre sanfte Stimme, mit der sie abwehrt, verteidigt und ihre Liebe verleugnet, und er trinkt und trocknet vielleicht die Tränen beider. Denn daß sie ihn weiter liebte, trotz allem, sehr entsagend und sehr sehnsüchtig, das war bald gewiß; auch, daß sie im entferntesten nicht eine Heirat erpressen wollte, wie er erst argwöhnend angenommen hatte. Eine Ehe ohne Mittel, mit einem ganz unbekannten Maler -- denn das alles begab sich zur Zeit, da er noch ganz im Dunkeln saß, noch gar keinen Schatten warf, sich schwer und spärlich ernährte -- sie war viel zu vernünftig, nicht alle Schrecken darin zu sehen, wenn sie auch vielleicht anfangs davon geträumt hatte; war sie doch auch nur ein Mädchen und jung. Und wenn er auch kein Ende fand des bitteren und höhnischen Staunens darüber, daß die Vergangenheit über eine Frau keine Gewalt habe, und vorhanden sein könne wie ein gleichgültiges Ding, das die Seele nicht verpflichtete, wo doch ein Mann nicht aufrechtstehen könnte unter solcher Last des Erinnerns -- sie hat, wie die Folge zeigte, die niederziehende Kraft des Erlebthabens dennoch stets gespürt, und die Stärke, mit der die Tapfere dem Knäuel von Versuchung, Vergangenheit, Sinnlichkeit und Liebe widerstand, schien mir bewundernswert -- und scheint mir heute noch bewundernswert.«

Welchen Nachdruck ihre letzten Worte erhalten, dadurch, daß sie nach ihnen schweigt, innehält, ich weiß nicht warum, und nach ihrem Haar langt, als hätten sich dort Nadeln gelockert ... In mir, -- gebe ich mich wieder einmal zu viel mit mir ab? -- ist diese ganze Weile erfüllt von ätzend hellen jagenden Vorstellungen: sie taumeln kalt, mir schwindelt. Wie unmöglich ist das alles: zu verstehen, daß Claudia Eggeling sich verbündet und eins weiß mit Lisbeth Ohlsen: ich versage vor dieser Aufgabe. Claudias Scheu vor jeder eindringenden Wirklichkeit -- und dieses Mädchen, das sich ohne Ehe hingibt! Auf nur eine Weise kann sie zu Oswald Saachs Geliebten einen Zugang finden: und so albern bin ich, daß mir vor diesem Wissen schaudert. Erkläre, daß sie bisher davon geschwiegen hat; zweierlei steht zur Wahl: das Verdrängen einer Bagatelle? oder einer Seelensache! Wähle, mein Sohn. Schwer, nicht wahr? Oh ja. -- Wenn Sirmisch nicht von den Tatsachen gefangen ist ... (sind sie ihm neu? Laß sehen: ja, woher sollte er sie wissen? er kannte Oswald damals nicht) vielleicht ist Claudia vor ihm noch nicht verraten ... Und wüßte ich nur, wohin sie damit will! Vielleicht ist diese ganze Qual verfrüht, sinnlos! vielleicht erklärt das Ende alles ... und Ruhe, Ruhe; Herrschaft, Haltung, wenn ich dich bitten darf ... Du darfst gut bitten, mein Alter.

Da beginnt sie wieder, und ich erstaune; sie setzt mehrfach an, schluckt, verbessert sich: ihre Stimme hat etwas wie Schwingen verloren, und vorher hat sie sich niemals um Worte mühen müssen. »Ich habe das Wichtigste vergessen -- warum zwingt ihr mich auch, eine alte Historie heraufzuholen! Wißt ihr, erinnerst du dich, Walter, daß Oswald Saach sich in gewissem Sinne abhängig fühlte von unbekannten Gewalten? ... Habt ihr je bemerkt, daß er, einfach heraus, abergläubisch war?«

Ich muß kurz lachen, Heiterkeit überrascht mich. Wie an einer Schnur von Gummi schnellt sie mich heute durch alle Gefühle, auf und ab ... Sie findet Oswald abergläubisch? Aber Claudia verachtet den Aberglauben ... Und was soll das jetzt, und hier? In mir atmet etwas auf: Unseresgleichen kann nicht den lieben, an dem er Verächtliches sieht, unseresgleichen, die wir liebend dem Sehnen nach Vollkommenheit folgen, das andere zu Heiligen macht oder zu Künstlern. Da meldet sich Frau Eggeling, zum ersten Male. Während die Tochter sprach, hat sie das rückwärts gelehnte Haupt im Dunkeln die Zimmerdecke betrachtet; jetzt führt sie mit einer sinnlosen Bewegung, denn es gibt oben nichts zu prüfen, das schwarzgestielte Glas an die Augen, um es sofort wieder in seine Kette von braunen Holzperlen fallen zu lassen und sagt, ohne sich sonst zu rühren:

»Abergläubisch? Liebes Kind, du fantasierst ...« mit einer Stimme, die sie schweben läßt. Sirmisch sieht sie spähend an: »Erklären Sie doch das Wort, bitte.«

Claudia dreht ungeduldig den Kopf hin und her (quälen sie dich, Liebling? Einen Augenblick ertrinkt mein Herz in brennendem Erbarmen). »Ihr dürft glauben, daß ich nicht meine, er weigere sich am Freitag zu reisen, ein Haus Nummer sieben zu beziehen, zu dreizehn bei Tische zu sitzen; oder daß er den bösen Blick gefürchtet habe. Sondern für ihn bewegten sich um Seele, Schicksal, Innen und Außen des Menschen und seiner Geschicke wie eine dunkle Flüssigkeit dumpfe Gefühle, Ahnungen, unnahbare Einflüsse gestaltloser Mächte; und er hat mir oft entgegnet, daß er durchaus nicht gelaunt oder fähig sei, all das durch Betrachtung zu erhellen und durch Denken zu reinigen. Seit er nicht mehr an die Hölle glaube, mit der die Kirche seine Jugendjahre verstört und verängstigt hatte, und die Dreieinigkeit nebst allen Heiligen ihm gleichgültig geworden sei, seien diese Gefühle sein einziger Glaube, und er danke für sogenannte Philosophie und allen Skeptizismus und wolle ein Musiker bleiben.«

»Das ist mir noch nicht klar,« sagt unvermutet Klaus Manth von seinem Sessel her. Er hat sich aufgerichtet und sieht sehr aufmerksam aus; mir aber in meiner eben gewonnenen Leichtigkeit des Herzens ist das feine Singen der metallenen Federn in seinem Sessel unendlich fesselnder als alle Einwürfe: sie nennt ihn abergläubisch! Sie, Claudia, die hell und scharf zu denken gewohnt ist, ja diese Helligkeit nach Art der Frau überschätzt -- hat sie sie doch eben erst gewonnen; -- und sie nun von jedem fordert, den sie anerkennen soll! Wie selig, wie übermütig, wie glücklich macht diese drollige Ursache -- sie kitzelt mich süß in der Brust, ich möchte ganz laut lachen und höre nur mühsam, was Sirmisch fragt: »War Saach denn ein mystischer Mensch?« Mag sie dem Freunde vorwerfen, was sie wolle ... je ungerechter sie ihn schilt, um so froher darf ich sein. Ich glaube ja kein Wort von Oswalds »Aberglauben« ...

»Abergläubisch war er, weiter nichts! Mystiker! Ich habe ihm das Ganze damals analysiert und ausgesprochen, denn wir waren in dauernder Zwietracht darüber -- wissen Sie, was Sie tun? fragte ich, und ich war vielleicht sehr ungeduldig dabei -- am Ende und im Grunde suchen Sie nichts als Zeichen, um sich Mut zu machen, Symbole, die Ihnen Gefühle und Wünsche, Befürchtungen, Abneigungen und Handlungen stärken sollen, rechtfertigen, ausdrücken, glaublicher machen; Sie suchen Prophezeiungen. Er war erheiternd überrascht, verwirrt, er war darauf nie verfallen; er leugnete: aber er fuhr fort, und ich hörte nicht auf, darüber zu spotten, nach dem Dilettanten von Bayreuth alles öffentliche Unheil den Juden zuzumessen, die ihm gar gefährlich schienen, und alles private einem Rothaarigen, Buckligen oder Einäugigen, der ihm etwa begegnet war; er gelobte weiter -- für sich, nicht bei einem Heiligen -- bestimmten Bettlern Almosen zu geben, damit eine Arbeit glücke, schrieb den guten Ausgang dem Gelübde zu und hielt peinlich auf Erfüllung; er befragte das Los, das er sich mit Karten oder auf sonstige Art orakelnd warf -- ob er je zu einer Wahrsagerin schlich, weiß ich nicht, doch scheint es mir sehr möglich -- und so glaubte er mit besonderer Neigung an die wunscherfüllende Magie fallender Sterne.«

Sie hat es erreicht, mich nachdenklich zu machen; nebenbei aber ist sie mir ganz rätselhaft geworden. Verwirrung umdrängt mich wie ein gläsernes Netz; nur durch eine äußerste Anstrengung gelingt es mir, innen kalt und still zu bleiben und nicht angstvoll und atemlos um mich kämpfend die Herrschaft zu verlieren über diese furchtbare und wichtige Materie. Wie klar und spottvoll spricht sie das! Ich habe Oswalds Neigung, mit der Zukunft ratend zu spielen, immer als harmlos belächelt; sieht sie schärfer? Ja. Warum? Sie kann als Schülerin einfach ihren Lehrer ausgespäht haben; oder ihre Worte können gehässig sein aus Abneigung gegen die Schwäche, die sein menschliches Bild trübt -- und (jäh befällt mich neuer Schrecken) wiederum aus Neigung für ihn, den sie gerne makellos sähe ... Ja, ich bin ins Netz geraten und gefangen außerhalb der Zeit. Ich altere in diesem Netz; durch seine Maschen stürzt das innere Geschehen als Katarakt, zehnmal schneller als es sonst rieselt. Mir ist, Claudia habe vor zwei Stunden ihre ersten Worte gesprochen.

»Sind Sie ein Aufklärer?« äußert Klaus Manth, und Sirmisch prüft langsam: »Machen Sie Undurchsichtiges nicht allzu leicht hell? Sie leugnen das Dunkle durch Ihre viel zu einfache Klärung. Ich finde, das alles wurzelt tiefer und vielfältiger in der Seele ...«

»Ich hasse das Trübe. Ich weigere mich, solange bekannte Größen ausreichen um die Aufgabe zu lösen, Unbekannte einzusetzen -- das ist alles. Es scheint mir nicht gewissenhaft, alle Rechenschaft der Zahl x aufzubürden, die den Beruf hat, Auskünfte zu verweigern. Genug, genug: Saach war abergläubisch, wie ich's erläutert habe: und übrigens hat Walter Rohme noch mit keinem Worte widersprochen. Fühle dich nur nicht veranlaßt, jetzt noch zu fechten ...«

Ich hebe schweigend die Achseln. Ich besinne mich, ob mir ein solcher Zustand fiebernder Erregtheit dieses Mädchens jemals vorstellbar gewesen. Wo bleibt ihre kühle Stimme, ihre schweigsame Entschiedenheit, ihr abwehrender Spott? Ich versinke immer tiefer in ein Staunen, das eisig zittern macht. Sie aber atmet auf wie von einer Bürde befreit und ruft: »Endlich ist man soweit, endlich! Nun hört noch den Schluß, und dann nur noch Musik: an einem der Tage, an denen Lisbeth gegen Abend frei von Pflichten ist, holt er sie ab, und bald sind sie im Großen Garten; denn sie hat Kopfweh und hält außerdem die Weigerung, sein Zimmer auch nur flüchtig zu betreten, streng aufrecht, während er doch geglaubt hatte, seine lebendige Gegenwart werde alles umwerfen, was ihre Briefe sich vorgenommen hatten. Ich sehe sie, ja ich sehe sie unaussprechlich deutlich vor meinen geschlossenen Augen, als wär' ich je und je bei ihnen gewesen: sie gehen im Dämmern und bald im Dunkeln durch laubige Wege, über denen der Himmel immer tiefer blaut, den die ersten Sterne durchdringen wollen; Oswald Saach hat wie stets den breiten Hut unordentlich auf die Haare gedrückt, und der leichte Wind faltet im Gehen seinen graugrünen Wetterkragen und macht ihn flattern. Lisbeths Anzug ist ganz weiß, ihr großer Hut aus hellem Stroh wird vom Winde gebogen. Ganz zart und hilflos wirkt sie an der Seite des Trotzigen, Aufgeregten, Faltenumflatterten; und doch ist sie die Stärkere. Ihre Gesichter sind beide bleich, sie sehen einander nicht an; sie sind glücklich unglücklich, froh des Beieinander, des Tons der geliebten Stimme, des Schimmers ihrer Augen und der Berührung ihrer Hände, die er in einem fort ergreift, um sie immer von neuem wegzuschleudern -- aber schmerzvoll durchpulst von der Fremdheit, die sie in sich entdeckt haben, erschüttert von der Ungemeinsamkeit, die sich ihrer bemächtigt hat, und von der Unmöglichkeit, sich zu lieben wie einst und sich nicht mehr, jetzt schon nicht mehr zu lieben wie sie es erzwingen will. Ihm werfen Schmerz und Unglaube Sprungbäche von Worten aus dem Munde; bittere, drohende, anklagende und verwirrte Reden überwältigen ihn, die schneidende Verzweiflung macht ihn toll. Sie weint lautlos, das Taschentuch, das sie an die Augen führt, ist kaum weißer als ihr Gesicht. Das Leid des Geliebten und ihr eigenes läßt sie weinen; sie hat kaum Bitten, keine Abwehr, nur Tränen. Er ist noch immer nicht im mindesten bereit, den ruhigen und reinen Gefühlen nachzugeben, um die sie ihn seit Wochen bittet; er hat noch immer keinen anderen Gedanken als den Kampf, ihre Unterwerfung, Rückkehr und Bekenntnis zur Vergangenheit. Jetzt ist er erschöpft, er schweigt und schreitet neben ihr hin, ohne sie zu berühren. Sie ist bemüht, das Haar zu ordnen, das sich im Weinen gelöst hat, Strähnen hängen ihr ins Gesicht, Nadeln sind verloren worden. Sie gehen den See entlang. Er muß in dieser Stunde der eben stark gewordenen Nacht ganz dunkel daliegen, ohne gewisse Farbe aber ganz dunkel, da und dort von feinen Schimmern zitternd und von unsichtbaren Vögeln oder einem jagenden Fisch aufgeregt. Es ist sehr still, kaum daß eine Ente schreit oder ein stöberndes Tier die Sträucher erschüttert, nicht einmal ein Wind zischt in den Wipfeln, und ziemlich tief hängt der nicht mehr halbe Mond. Da, in diesem Augenblick des stummen inbrünstigen Kampfes zweier Liebenden, löst sich ein Stern aus dem reinen Schwarz, gleitet langsam in einer lichten Linie abwärts und erlischt in der Luft, plötzlich, ohne Laut, in einfacher Schönheit. Der Musiker gewahrt ihn sogleich, und ohne Zögern wird in ihm ein Wort gesprochen, ganz stumm und ganz deutlich, ohne daß er auch nur die Zunge rührte; ein Wort, das einen brennenden Wunsch bedeutet, zu dessen Erfüllung der fallende Stern ein gnädiges Wahrzeichen sei -- und wie heißt die allgegenwärtige Begier des Mannes, der soeben dagegen kämpft, daß ihm der erste Mensch entgleitet, der ihn um seiner selbst willen liebt? +Ruhm!+ rief es in Oswald Saach.«

Ruhm! sie wirft das Wort wie einen Speer über unsere Köpfe hin, fast mit einer Geste, und schweigt, schweigt als habe es getroffen und alles sei zu Ende. Ich habe dabei einen knappen Ruck in mir gespürt, ich leugne nicht, und Alexander Sirmisch hat sich sogar von seinem Sessel erhoben, ist plötzlich aufgestanden, sieht zu ihr hinüber und beginnt, zu leisem Klirren des Teetisches auf dem Teppich hin und her zu gehen. Man spricht nicht; jeder formt und vervollständigt wohl das Gehörte zu Beweis und Ausdeutung jener ersten erregten Worte, die das Ganze verursacht haben. Ich für meine Person bin noch kurze Weile mit meiner eigenen Angelegenheit beschäftigt, in mir ist eine Unruhe, die auf eine zusammenfassende Überlegung hindrängt. Er hat ihr unglaublich viel von sich gestanden, vielleicht ohne ganz zu sehen, wieviel. Welches Vertrauen muß er für sie empfunden haben -- und wie wenig kannte er sie! Er hat dabei sicher nicht geahnt, was ich geradezu körperlich fühle, wie sie seine Offenheit ablehnt, während er erzählt, wie sie sich verschließt, innerlich abwendet, peinlich betroffen, ratlos und verstört ... Ich bedauere Oswald sehr, und dennoch frohlockt etwas in mein Mitleid hinein: wie gut das ist, wie sehr, völlig, übermäßig gut das für mich ist ... Nein nein, das besteht nicht, was ich befürchtet habe, meine Qual ist vorüber, ich atme frei, ich lächele Claudia zu, als sie ganz bleich ins Licht des Tisches tritt, um ihre kleine kalte Teetasse leer zu trinken. Mein Lächeln schwindet und erstarrt in Schreck: das Gesicht ist wie zerstört von einer tiefen Erregung: ein Erlebnis hat darin gehaust, die Augen umschattet, den Mund bitter gebogen und schmal gemacht, von den Nasenflügeln herab Linien gehöhlt! Ich sehe dieses neue Gesicht unverwandt an; ich tue nichts als es abtasten mit meinen Augen. Das also ist Claudia -- auch das. Die Hand zittert, mit der sie das Gerät hebt und hält. Sirmisch bleibt vor ihr stehen, er hat sich von dem Eindruck ihrer Erzählung durch Zergliedern befreit und betrachtet sie mit leicht spöttischem Gesicht: »Sie stiften also eine Verbindung zwischen jenem betend und dem späteren Geschick, eine Art Schicksalswahl? Wie kühn, wie unbedenklich ... sind Sie auch abergläubisch, Claudia, wie?«

»Warum wollen Sie mich falsch hören? Ich sage nur das: ihm geschah, was er selber wählte. Im Augenblick, wo er am tiefsten zu lieben vorgab, begehrte er am heißesten den Ruhm --«

»Er war ein Künstler, Claudia!« -- »Vortrefflich. Nur verriet er dabei zwei Seelen, die seine und die einer Liebenden; denn er fing das Mädchen hernach doch wieder ein. Schmäht also eine Frau nicht, die ihm mißtraute und neben ihm kalt blieb. Kann einer, dem es damals mit der Liebe so wenig ernst war, in Anderen Liebe wecken und schaffen? nein, scheint mir. Ihr hättet mich nicht reizen sollen und alles wäre verschwiegen geblieben, oder ein andermal zu Worten gekommen, versöhnlicher, gerechter. Aber berühmt ist er gestorben.« Mir fällt wieder ein, daß dieser berühmt Verstorbene mein Freund war ... war.

»Hätte er den Stern also um Liebe gebeten -- Fräulein Claudia, Sie erzählen Märchen.«

Sie bedenkt Manth mit einem kühlen Blicke und macht sich daran, die Kerzen des Flügels und an dem doppelten Pulte zu entflammen. Ich sehe zu, wie ihr schönes Antlitz am goldenen Glanz der Lichter Farbe, Wärme und Leben bekommt. Ich werde langsam tieftraurig. Denn die Überzeugung dringt in mich ein, daß auch ich sie nicht kenne. Ich liebe dich, Liebste, aber ich weiß nicht, wer du bist. Werde ich es einst wissen? Und ist das dieses Abends letzter Schluß? Da höre ich ihre alte Mutter vom Divan her bedeutsam sagen:

»Hat hier nicht schließlich, alles in allem, einfach ein Mädchen ein anderes, verratenes, verteidigt?«

Und aus ferner Ecke hinter mir spricht Sirmisch:

»Wir wissen es, eifersüchtig sind sie alle und hassen das Werk, die Kunst und die Einsamkeit des Schöpfers.« Er weiß nichts, auch nicht Manth, Frau Eggeling sieht still und ahnungslos daran vorbei -- und nur ich habe damit fertig zu werden ... Aber das ist schließlich eine Art Glück ... Eben gibt das Klavier ein ~a~ an, ungeduldig, hämmernd, eine Aufforderung und wiederholte Mahnung, Versäumtes nachzuholen: unsere Noten liegen schon weiß aufgeschlagen da, und Claudia stellt gerade mit gereckten Armen die schwere Decke des Flügels auf, wie eine glänzend schwarze Schwinge geformt, zum Fluge in eine sanftere Fremde halb gelüftet und bereit. Sirmisch sitzt schon, auch Claudia, ich beeile mich mit meiner Geige, fühle eine müde Freude, des Nachdenkens enthoben zu sein, und sage halblaut zu Frau Eggeling, indem ich mich niederlasse und die Noten erkenne: »Opus 70, zwei, in ~d~.« »Das Geistertrio?« Sie erhält keine Antwort. Wir setzten alle drei sehr stark ein, zu einem stufenweise stürmenden Anlauf; das Cello hält allein einen sanften Ton lang an und fließt vibrierend in das Thema über, eine kurze stille Melodie, vom Flügel her wellig begleitet; dann kommt sie an mich und ich verliere mich dumpf erlöst und ganz der Sache hingegeben an meine Geigenstimme, die nur Teil einer höheren Einheit ist, mein Ich aufsaugt und mein Denken entrückt, daß es irgendwo hinten schimmert, blaß, klein und unnütz.

Das Album

Man sollte sein Herz nicht an Menschen hängen. Sie gehen fort und man bleibt ganz allein, wenden sich nach kurzem Weh ab und lassen uns hinter sich, im Dunkelkalten ... Der Park hatte bald keine Gestalt mehr, Wiesen und Wege vereinte der Schnee zu einer bleichen Fläche, auf die mit Kohle Baumgruppen genau gezeichnet und Strauchreihen hingewischt waren -- der endlos fallende Schnee. Auch Kinder hielten nicht stand. Zuerst vermögen sie nicht zu leben, wenn man nicht dicht bei ihnen ist -- und eines Tages machen sie sich auf ... Und sehr grauenvoll, daß niemand sieht, wie ungeheuerlich dergleichen; daß es allen für natürlich gilt -- und man glauben muß, man sei von Sinnen mit seinem Gram. Ein Kind stirbt; nun wohl. Aber eine lebende Tochter verläßt die Mutter um willen eines Fremden ... so etwas gab es ... jeden Tag ...

Eine Tür ist hinter ihr geöffnet und geschlossen worden, eine Person mag eingetreten sein ... Man soll sie nicht stören! Man soll ihr vielmehr Ruhe lassen! Aber die Gewohnheit, die den Menschen vertiert, zwingt sie, gegen ihren innersten Willen sich umzusehen. Die Köchin Klara steht da und macht eine unglückliche Figur, weil sie stören muß.

Was die gnädige Frau zum Abendbrot wünsche.

»Liebe Klara, geben Sie was Sie denken.«

»Aber der Doktor Sirmisch sei für heute angesagt ...«

»Ich glaube ja, daß Sie verläßlich sind. Verschonen Sie mich heute, Klara. Sie wissen doch Bescheid ...«

Die Stimme der alten Dame tönte so ungeduldig abweisend aus dem weiten Sessel vom Fenster her, daß die Köchin die Achsel hob, ihre Schürze glattstrich und ging. Und Frau Eggeling wandte den aufgestützten Kopf wieder dem Fenster zu, vor dem reichliche Flocken einen graugetupften Vorhang unaufhörlich niederließen, weiß und tanzend. Manchmal warf ein Wind Falten hinein, aber seine Kraft, hinter doppelten Scheiben schwach heulend, bewirkte nichts, er ging vorüber, und siegreich fiel der kalte Vorhang, schräg tanzend und weiß.