Die Novellen um Claudia

Part 5

Chapter 53,711 wordsPublic domain

»Ich verstehe, gnädige Frau. Aber ich bin keineswegs der Meinung, ganz und gar nicht, daß zwei Bürgerkinder das Ende eines solchen Künstlers rechtfertigen. Mir ist jammervoll zumute ... Das da« -- er schlägt die Handfläche auf die Notenseite -- »ist ja lange nicht sein Bestes. Wir haben noch seine Klaviersonaten, seine Lieder, das Quintett; und seine Entwürfe, die Skizzen, die Sinfonie -- gnädige Frau!« Seine Stimme zittert beschwörend. Ich erschrecke für ihn: Bürgerkinder ... es geht mit ihm durch; aber ich lehne es nicht mehr ab ... Um so ruhiger klingt die Antwort -- und ich weiß, warum ich das bewundere.

»Ich bin kein Musikant, das ist wahr, ich verstehe wenig von Musik, ich fühle mein Teil dabei, und das ist leider Gottes alles. Aber ich hatte Saach gern, ich auch, lieber Sirmisch, und ich hörte ihn eben reden und sah ihn, während ihr musiziertet. Mag sein, ich war nicht ganz aufmerksam. Trotz alledem: es waren zwei Kinder, es war eine Familie; und überdies ist ganz gewiß, daß Frau Doktor ... daß diese Dame ihm nicht im geringsten zugetan war.«

Leider, denke ich, und: dann säße er heute hier anstatt zu faulen; und mich schüttelt's.

»Aber das ist es ja! Da haben wir's ja! Weswegen klage ich sie an? Wofür mache ich sie verantwortlich? Doch für ihre Stumpfheit, doch wegen des Unvermögens ihrer Seele! Sie hätte wissen müssen, wie es um ihn stand, wenn sie ihn drei Monate lang wöchentlich dreimal sah! Was brauchte er anders um genial zu werden, reif zu werden, als das beglückende Anschmiegen dieser Frau? Sehen wir doch klar hin: um schaffen zu können benötigte er ein erträgliches Dasein, und weil er zart war, konnte ihm das nur von der Frau gegeben werden, die er liebte. Mochte das immer irgendeine sein, geliebt aus erstbestem Grunde -- sie war, sie allein, dazu befähigt, sobald er sie liebte. Davon hat diese Dame nichts geahnt, wie? Sie hat ihn standhaft abgewiesen, nicht wahr? Sie war honett, ihrem Männchen treu, die Teilnahme aller Bürger gebührt ihr, weil sie durch diesen taktlos sterbenden Künstler in den Mund der Leute kam und der Nachwelt dazu, die sonst von ihr keinesfalls Notiz genommen hätte ... Sind Sie mir böse, gnädige Frau? Aber ich kann nicht ausdrücken, wie sehr ich sie verachte, diese zahmen Puten, dieses Geflügel ohne Hirn und Seele, gackernd und eierlegend -- nein, gnädige Frau, daß einer wie Oswald Saach um +so eine+ fortgehen mußte ... das ist ein bißchen widerlich ...«

Welch ein Ausbruch! Ich betrachte Sirmisch mit ungehemmter, etwas bissiger Neugierde. So sehr liebte er ihn? So nahe ist er dem Toten gewesen? Oder greift er in eigener Sache an, in der Verteidigung des Künstlers? Das würde einiges verändern, nicht? Wohl keiner von uns gibt ihm gänzlich recht, vermutlich sehen alle -- ich gewiß --, an die verhängnisvolle Tatsachenreihe gewöhnt, mit gerechteren Augen auf die gescholtene Frau; aber wir wissen auch, hier geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um Freundschaft; +wenn+ es um Freundschaft geht. Ich stutze vor diesem Zweifel und finde erbleichend, daß ein unliebsamer Neid ihn heraustreibt; ich will der einzige sein, der einen Freund verloren hat; ich schäme mich; zugleich bemerke ich, wie Frau Eggeling -- ist ihre Überlegenheit nicht staunenswert? -- die Augen gütig auf den Sprecher richtet, ihre mütterlichen Lippen öffnet, bewegt und dann zum Schweigen schließt -- da geschieht das Überraschende.

»Von den Toten nur Gutes, meinetwegen; aber das +ertrage+ ich nicht länger!«

Diese Worte sind eingerahmt von völliger Stille. Wer sprach sie? Claudia? Kann in ihrer tiefen Mädchenstimme so Auflehnung und Entrüstung beben? Aber da steht sie schon auf, eilt mit drei heftigen Schritten zum Fenster und läßt den Vorhang zur Seite fahren, indem sie ungestüm an der Schnur zerrt. Man sieht sie an, will ich meinen! Tue ich's etwa nicht? Sie verbirgt sich beim Flügel und löscht mit zornigem Atem beide Kerzen aus. Ich vermerke ohne viel Wachheit, daß der Saum ihres Kleides rot und heftig hinter ihr herfährt. Was ist das? frage ich mich -- +was+ ist das? und meine Frage ist so ratlos, daß sie einem Erschrecken gleicht -- übrigens ist es wirklich Schreck -- und jede andere Regung für Sekunden aus meiner Seele drängt: ich stelle mit Klirren meine halbvolle Tasse hin, die fünfte, die siebente? Ich war von Anfang an nicht ganz gleichmütig heute Abend ... Aber ehe sie die Lichter ausblies, habe ich, -- und erst jetzt wird es mir bewußt, -- im Umdrehen ihr Gesicht erhascht: ihren Mund, in einem dünnen Mondbogen geschlossen, und ihre Augen, die uns haßten, schwarz mit großen Pupillen. Ich begreife nichts, ich bin gewiß, niemand begreift. Sie fängt meinen Blick und antwortet, als wäre er eine Rede:

»Ihr habt ihn ja nicht gekannt, auch du nicht, Walter, ob du's auch nicht glaubst, aber ich!« und eine besondere Heftigkeit entlädt sich im letzten Wort. Ihre gute Mutter, unverstehend wie ich, die aber vor allem empfindet, daß dieser Ausbruch für Sirmisch und Klaus Manth fremdartig und zuguterletzt peinlich sein muß, hebt ihr schwarz gestieltes Glas an die Augen und sagt scherzhaft, während sie sie forschend ansieht:

»Mein sanftes Kind? Sagen Sie doch, armer Walter, wieviel Jahre kannten Sie Oswald Saach, ehe Sie ihn zu meiner psychologischen Tochter brachten?« sagt's mit drolliger hilfloser Stimme. Aber noch ehe ich auf ihren klugen Spaß eingehen kann, was ich verpflichtet bin zu tun, obwohl mir anderes näher im Sinne liegt, sozusagen, ruft Claudia aus dem Dunkel:

»Was ist die Zeit dabei? Ein Exponent für die Dauer der Verkenntnis. Geht mir damit, ja? Es kommen Augenblicke, die ganz gerade in einen Menschen hineinreißen, mitten hinein in einen Strudel, den Sie in der Seele erregen. Ich liebe sie nicht, im ganzen; aber diesem hier bin ich heute fast verpflichtet.«

Ich weiß gut, warum sie dabei einen Blick zu Klaus Manth hinüberschießt, der sich schweigsam verhalten hat, wie er es am liebsten tut. Sein rotblonder, von Sommersprossen gelb getupfter Kopf wird von dem schwarzen Kreuz des Fensters überragt, vor dem ich ihn sitzen sehe, und durch dessen Scheiben mein ratloser Blick zu dem nächtlichen Herbsthimmel fliegt. Ablenkung, gestehe ich mir. Und warum nicht? ich erlaube sie mir nun gerade; ich trotze sie mir ab. Der Mond steht verschleiert inmitten sehr heller runder Wolkenschollen, die einander unausgesetzt reiben, drängen und zerstoßen, in beständigem Fließen. Es ist ohne Widerrede ärgerlich, seine eigene Nervosität am Himmel wiederzufinden. Etwas Ruhiges gibt es schließlich dort und beglückt mich, als ich es finde, wie Einatmen kalter Luft: das schwarze Blau der frühen Nacht trennt streng und feierlich die Ränder zweier Wolkenfelder; Sterne brennen darin. Der kleine Maler begnügt sich indessen damit, erstaunt auszusehen. Du bist angeredet, rufe ich mir zu, entgegne. Antworten: worauf und was? Aber Alexander Sirmisch überholt meine Erwägungen zu meinem stillen Danke und läßt mich weiter auf den Wind horchen, der soeben beginnt, weich an die Scheiben zu stoßen wie ein pelziges Tier. Denn so wunderbar ist mein Zustand, daß die Gespanntheit meiner Seele sich als eine Art nervöser Unaufmerksamkeit zu äußern gedenkt. Unterdessen öffnet sich's tief innen, lauernd, staunend, schwarz und drohend -- ein unheimliches Auge, das Claudia ansieht.

»Zeit oder nicht, gnädige Frau -- was können wir vorläufig sagen? Wenn Fräulein Claudia ausgeredet hat, werden wir wissen. Ich warte; und bitte um eine fernere Tasse, wenn ich darf.« Claudia tritt zu unserm kleinen Tische. Zwei Minuten höchstens sind es her, daß sie einem befremdlichen Gefühl nachgegeben hat, einer vielleicht ihr selbst unerklärlichen Leidenschaft -- und jetzt schon, in diesem Augenblicke, der ihr die zartbunte Teekanne in die Hand gibt, bedauert sie unsäglich ihre Aufwallung. Ich sehe ihre Brauen verstört zucken, ich fühle in mir die Pein der Bereuenden und höre die inbrünstige Hoffnung des Rückzuges hinter diesen sehr abweisenden Worten, die sie ins Klirren des Gerätes hineinsagt:

»Ich habe nichts mehr zu reden.« -- Es ist für meine Ohren ein feines liebliches Geräusch, dieses Singen silberner Löffel auf zartem Porzellan, aber ich habe keine Zeit dafür. Ich bin gezwungen, unausgesetzt an das zu denken, was sie verschweigen will. Nicht weil es um Oswald geht. Ich muß wissen, was dieses Mädchen so heftig erregt. Dieses erregte Mädchen kenne ich nicht; und wie es scheint, habe ich etliche Gründe, es kennen zu müssen. Der Dichter sieht sie nicht an; er betrachtet unhöflich, wie der dampfend goldene Teestrahl die weiße Höhle seiner hingereichten dünnen Tasse füllt, und sieht sehr abwesend und nicht gerade geistvoll drein; dann sagt er mit sachlich beherrschter Kälte, während er das Getränk durchwühlt, um den Zucker zu lösen und sich -- irre ich nicht? -- Mühe gibt, den kleinen Finger dabei nicht abzuspreizen:

»Verzeihung, Fräulein Claudia, wenn mir das nicht genügt. Sie werden nicht umhin können, uns von Ihrer Kenntnis mitzuteilen. Sie haben sich allzu weit vorgewagt; ein solcher Rückzug ist nicht angängig.« Und dann bläst er auf die heiße Flüssigkeit mit lächerlich gespitztem Munde. Wie er sie ausgekundschaftet hat! Er setzt seine Worte gemessen feindselig; spräche er mit einem Manne, so wäre das nächste Ereignis eine Forderung, ein Duell junger Herren; und ich lächele still über die imaginäre Komik eines Einfalls, als müsse ich mit ihr beleidigt und ihr Beschützer sein ... dies gibt den Grund dafür, daß er mir soeben winzig und belustigend vorkommt. Aber zugleich gebe ich ihm recht. Hatte sie sich nicht in einen Angriff jagen lassen, aus dem man nur nach vorwärts flüchten konnte? Jagen lassen -- wovon? Ich vermag mir kein Bild mehr von ihrer Seele zu machen, die ich doch so lange als eine geliebte Landschaft besonnt und blumig gesehen habe ... Finden sich da -- ich frage nicht sehr kalt, meiner Treu -- Abgründe, Dickichte und schwarze Wälder, in denen es sich schlängelt und ballt, und daraus eines Augenblicks solche Überraschungen hervorbrechen?

»Erlaßt ihr mirs nicht? Erlaßt mir es doch!« Sie bittet und senkt die Stimme; »es ist so wenig erfreulich, und ich bedaure so sehr ...« Sie blickt mich an, dessen Herz schmerzhaft süß ihr entgegendrängt, dann die anderen, läßt zuletzt die schwarz fordernden Blicke auf Sirmischs Gesicht ruhen; und ich nicke und gewähre. Wie, ich? Gibt's einen hier, der dringlicher auf ihrer Erzählung bestehen sollte, als ich? Einen, der ebenso atemlos auf die Offenbarung ihres aufgewirbelten Wesens wartet? Keinen; und dennoch verzichte ich. Das ist eine fast physiologische Antwort auf ihre Art zu bitten, auf Blick und Ton -- mein Herz übertölpelt mich, und mein Geist läßt es zu. Er kann es ohne Scheu, denn es kommt nicht auf mich an. Aller Reiz und wieviel Liebenswertes geht von diesem schönen Mädchen aus -- dennoch bewegt ihr Gegner langsam verneinend den Kopf. Er sagt sanft, mit der peinlichen Sanftmut des sicheren Mannes:

»Nein, Claudia, es geht nicht. Um meinetwillen? Was könnte ich verweigern, wenn Sie so bitten ... aber ich sitze hier nicht in eigner Sache.«

Sehr geschickt, und geschmackvoll gesagt ... Sie hat ein lebhaftes Gefühl für seelische Verpflichtung, diese junge Dame, und wird nicht zögern, sich zu rechtfertigen. Ich werde also hören und setze mich zurecht.

Nun, da ich sicher bin, sogleich alles zu wissen, bricht die Spannung und eine tiefe Ruhe breitet sich durch mich. Ich bedaure Claudia; aber wenn sie gesprochen haben wird, werde ich sie noch inniger lieben. (Ich werde doch hoffentlich?)

Sie weicht langsam, ihr Widerstreben beugt sich besiegt; sie neigt das Haupt, ihre Brauen zucken zweimal -- dann tritt sie wortlos nach hinten, aus dem Lichtkreis der Lampe, und indem sie uns alle noch einmal anblickt, ihre Mutter an die Polster der Sofalehne geschmiegt, Sirmisch aufgerichtet neben dem Tische, den Maler, der in seinem Sessel verschwindet, zuletzt mich, dessen gesenktes Gesicht das Licht erhellen mag, grell hervorquellend unter dem grünen Seidenschirm, mahnt sie noch:

»Aber seht nicht auf mich, irgendwohin,« und beginnt darauf, mit nur halb verwendeter Stimme, während sie hinten im Raume, an uns vorüber einen fernen Blick haften läßt, der mir nicht schmerzfrei scheint: »Er hörte sehr bald auf, mein Lehrer zu sein, und was sich Menschliches zwischen uns ergab, außerhalb des Unterrichts, war mir immer sonderbar. Freundschaft? Ach nein. Er war anziehend, aber mein Freund? Eruptive Menschen wie er, die in beständigem Pathos leben, sind für mich nichts; ich fürchte den Ausbruch, und dem war Oswald Saach stets nahe. Er wußte das. Er war bewußten Geistes so, daß er hinter her stets merkte und auf eine peinliche Art auch aussprach, wenn er Unangebrachtes getan hatte und wie er's hätte vermeiden sollen; hinterdrein, ohne Verpflichtung für das nächste Mal. Es haftete einfach auf immer an ihm, daß er von unten gekommen war.«

Ich nickte still. Ich hatte vergessen (während meine Seele gierig harrte, daß Claudia, meine Braut, sich mir neu, unverhofft darbieten sollte), wovon die Rede war: von meinem Freund. Nun sinke ich in tiefes Sinnen: da ist er. Ich sehe ihn auf halbgeschlossenen Lidern wie ein Bild: Fäuste, die durch die Luft auf unsichtbare Gegner fallen, graue Augen, weit offen vor Glanz, eigentümlich hell in der Röte bräunlicher Wangen und unter stets kurzen blonden Haaren, und mitten aus dem Gesicht aufsteigend, von vulkanisch sich werfenden Lippen, der Schwall der Worte, begeistert, empört, befehlend -- immer glühend und gleichsam emporbrechend aus einem Erdinnern. So tobt er vor mir auf und ab, dieser Gütige, der stets entbrannt war und sich so bald verzehrt hatte ... Unterdes höre ich Claudia:

»Ich liebte ihn nicht sehr, willkürlich und salopp wie er umherging, innerlich wie außen. Aber ich gab mir nach den ersten Stunden zu, daß er bedeutend und berechtigt war, im Pathos zu leben. Nun, er wußte bald, daß ich das Große in vielen Formen schätzen konnte, und außerdem verliebte er sich in mich.« -- In mir klappt etwas zu: eine Falle, die mit eisernen Zähnen diese Worte festhält. Ich sitze starr; mir ist als fiele ich rapid und senkrecht ins Grundlose. Warum haben sie davon zu mir geschwiegen? warum lächelt sie jetzt nicht? -- »Nicht lange, nicht ernsthaft,« höre ich aus einer summenden Ferne, »ich brauchte nicht davon Notiz zu nehmen; ich dachte, daß solchen jungen Leuten derartiges unvermeidlich sei, wenn sie zum erstenmal zu gepflegten jungen Damen kommen. Nach unseren Stunden gingen wir oft in der alten Allee auf und ab, damals im späten Herbst, in dem ich meinen Garten so sehr liebe, und er fuhr mit den langen Füßen in die braunen Kastanienblätter, daß es zischte -- und die Augen immer am Boden oder bei den großen goldenweißen Wolken im Blauen hinter den geleerten Wipfelnetzen, sprach er von sich, immer von sich. Daß man einen Menschen seiner Art nicht lieben +könne+, daß man ihn als Zugabe hinnehme zu seinen Händen und seinem Musikerhirn, daß er sich nach nichts so sehne, als einfach geliebt zu werden, wo er selbst liebe, ja, daß er um diesen Preis mit jedem wohlangezogenen Dummkopf zu tauschen bereit sei, und im Überschwung der Dankbarkeit sein ganzes Talent nebst seiner verfluchten und anrüchigen Person gegen gutes Im-Sattel-Sitzen und leidliches Tanzen hingeben könnte. Ich sagte dann irgendein Scherzwort, etwa über meinen Zweifel an seiner Willigkeit zu tauschen, und er lachte mit; aber meine Abneigung gegen all das übertriebene, schamlose und doch unechte Gerede ward dadurch nicht gemildert. Und nur von diesem Menschen lernte ich die Apassionata spielen, nur er ließ mich solche Sonaten +erleben+, nur er schuf sie gleichsam noch einmal und erleichterte mir, sie nachzuschaffen, nur er hatte beides, den glühenden Anlauf +und+ die vollendete Einsicht: und wenn er gar einmal zu phantasieren begann, so hörte ich, ja ich +hörte+ die brennende Sehnsucht, die leidvolle Größe dieser zwiespältigen Seele, gemischt aus Feinheit und Plumpheit, aus Adel und Miseren. In einer dieser Dämmerungen entstand vor meiner hingerissenen Seele die Urform, die starke und noch wirre Grundweise dieser ›Sonate in tiefer Lage‹. Damals erkannte ich ihn so tief, daß ich mir zugab: es mag trotz allem sehr schön sein, von ihm geliebt zu werden -- es kann vielleicht, für gewisse Menschen, noch schöner sein, ihn zu lieben ...«

Sie hält inne, nicht lange, atmet tief und fragt mit ganz anderem Ton kalt, zu kalt:

»Habt ihr noch nicht genug davon?«

Niemand antwortete, sie sind alle »im Bann«, wie man zu sagen pflegt; dunkel bewegt von dem, was nun ausgesprochen werden soll. Ich nehme an, daß ich einen untadeligen Anblick biete. Ich sitze still und aufmerksam da, allzu steif vielleicht; akademisch, wie man das nennt. Klaus Manth räuspert sich; die Augen der beiden anderen verlassen nicht den beleuchteten Tisch; es ist erschreckend still. Ich versuche aus der raumlosen Ferne, in die ich geworfen bin, durch die Helle, hinter der ich sitze, nach jener Dunkelheit zu blicken, in der ein roter Schein und zwei lichte Flecke Claudias Dasein anzeigen: Gewand, Gesicht und die Hände. Ich zittere, ja. Es ist mir unmöglich, meinem Rücken, den Knieen und Händen das infame Vibrieren zu verbieten. Ich bin nicht unbeträchtlich erregt, ich fürchte mich vor den nächsten Minuten ... klang ihre Stimme -- ihre Mutter kennt sie nicht besser als ich -- nicht tiefer und innerlichst bewegt, als täte sie sich Gewalt an, Härte und Bitterkeit daraus zu bannen? Dann hatte sie ihre Absicht schlecht gestaltet; ich habe es gehört ... Ich kann mich irren, selbstverständlich. Ich bin imstande, das zu wünschen. Aber vielleicht hat sie ihn dennoch geliebt, trotz aller Zergliederung, die von hinterdrein stammen kann. Dies ist möglich; geliebt auch nur für die halbe Stunde, als er das Gesicht und die Hände von den Tasten hob, an einem dunkelblauen Herbstabende? Dann mag Zorn, Erregung und Ausbruch einfach erzwungen sein von Erinnerung nach dieser Musik: denn es gibt Liebe, die nur Stunden währt -- und einiges Rätselhafte wäre gedeutet. Gleichgültiges wäre gedeutet. Und warum gerate ich denn außer mir? Wegen etlicher empörter Worte? Wegen einer halben Stunde Liebe? Du guter Gott -- ich bin nicht einfachen Geistes genug, um zu fordern, daß eine solche Frau ihr erstes Fühlen aufbewahre, bis ich gelegen komme, es zu empfangen. Nein, sondern: daß sie es bis heute verschwiegen hat, und daß ich selbst stumpf und taub einhergegangen bin, ohne dergleichen zu ahnen: das ist's! Ich habe gut mir Ruhe predigen und: warte ab! und: du hörst es gleich -- ich fürchte mich; ich fürchte mich ...

»Habt ihr noch immer nicht genug davon? -- An jenem selben Abende, weil er fühlte, wie wir uns heute näher waren als je (vielleicht hatte er's meinen Augen angesehen), teilte mir der Unbegreifliche etwas mit, ein seelisches Faktum, ein kleines Erlebnis, offenbarte mir's als wäre seine Seele taub. Er war eine winzige Sache, ein Vorgang mit einem blonden Mädel und einem fallenden Stern. Wie war's doch nur,« sagt sie halblaut und hält an, nicht wie einer, der sich auf etwas besinnt, sondern wie um die knappste Anordnung zu finden, die schlagendste Form, die unsere Neugier und Teilnahme gleichsam mit einem Wurfe erledigt -- denn trotz jener Frage und allen Anteils erzählt sie zweifellos mit Lust am dargestellten Ereignis, mit langsamer, zögernder Wortzahl und ohne Schonung, in unpersönlichem Drang, die Tatsache ganz in uns zu beleben; und wie ich dies erwäge, finde ich es geeignet, mich sehr zu trösten -- »ja, ungefähr auf diese Art: er kannte vor einiger Zeit hier in der Stadt ein wunderhübsches Mädel, eine Hamburgerin, schlank und grauäugig, von der er mit Rührung und Zärtlichkeit sprach, kein Licht, aber eine holde Seele. Sie hatte ihn von Herzen gern, sagte er, und hing an ihm mit aller Glut, deren sie fähig war, nicht um seiner Kunst willen, denn davon verstand sie nichts, auch nicht des Ruhmes wegen, denn er war damals noch ganz ungekannt, sondern um des Menschen willen; und er hatte für sie die ganze beunruhigende Zärtlichkeit eines Ungeliebten für das Lichte, Einfache, Liebliche. Er machte sie zu seiner Geliebten, diese Tochter eines kleinen Beamten und nichts als Gouvernante, er hatte ihre strengen und sittsamen Grundsätze endlich über den Haufen geredet, ihre Neugierde endlich durch die Fremdartigkeit seiner Zigeunerwelt geweckt und ihre Sinne durch seine Küsse und Kühnheiten; und weil sie demütig sein mit Wucht entfaltetes Anderssein als Bessersein empfand, weil sie selber arm und vereinsamt war, und weil die unbedingte Herrschaft über ihn und seine Liebkosung sie beglückte, gab sie ihm endlich nach, mit schüchterner Glut und einer stets keuschen, stets anmutigen Hingabe. Wundert ihr euch, daß ich unterrichtet bin? Ich habe manchmal an sie gedacht, und er gab mir die Mittel dazu: sagte mir ihre Worte, erzählte ihre Listen sich freizumachen und die kleinen Gebärden ihrer Liebe -- er lieferte mir das Mädchen aus, vollständig, und betrunken von der holdesten Erinnerung.«

Auch ich erinnere mich, ich habe sie gekannt, gut gekannt. Nicht wahr, zu Zeiten ist ein solches Sich-Erinnern nützlich, das Hervorholen gegenständlicher Vorstellungen ein kleines Glück ... Wie manchen Abend habe ich bei den beiden verbracht und mich von Lisbeth verwöhnen lassen, in Oswalds großem Zimmer, von dessen kahlen Mauern Beethovens Maske über ein gemietetes Klavier einsiedlerisch hinwegblickte ... Wie hieß sie? Lisbeth -- weiter fällt mir nichts ein ... Sie hatte das sanfteste Lächeln ... Ich sehe die Geste, mit der sie mir die geschälte Birne auf der Spitze des Messers bietet, über den Tisch hinüber ... Sie schälte Früchte, ohne die Haut zu zerreißen, und warf das lange Band scherzhaft orakelnd hinter sich ... Ah, Ohlsen heißt sie, Lisbeth Ohlsen: einmal formte sich ein ungefähres O aus der gelblichgrünen Fruchthaut, und Oswald lachte bei ihrem Jubel: das ist dein O, nicht meins. -- Und dies alles hat Claudia an sich herankommen lassen? Wo bleibt ihr Widerwille gegen deutliches Wissen um solche Beziehungen? Mit welcher Miene mag sie ihm zugehört haben? Und sie hatte nicht Schweigen geboten! Ruhig, mein Herz! Meine Hände zittern immer noch ... Bin ich denn vom Tee vergiftet? »Eines Tages kamen die Ferien ihrer Zöglinge, und das Mädchen fuhr heim, zu ihren alten Eltern, zu Eisenbahnsekretärs Ohlsen in Hamburg; und als sie wiederkam, ergab sich unwiderleglich, daß ihre Briefe ihn mit Grund beunruhigt hatten. Sie hatte sich von ihm befreit. Ja, sie hatte in der strengen und anständigen Luft der elterlichen Wohnung die Kraft gefunden, sich zu besinnen, und ihre Lebensart mit ihm zu verwerfen; sie hatte erkannt (ohne ihm Vorwürfe zu machen und ohne ihn einen Augenblick weniger zu lieben) wohin er sie geführt hatte -- auf einen Boden, zu schwankend für ihre festen Schritte; sie hatte unter argen Qualen gesehen, daß sie in ein ehrenfestes, solides, der Pflicht und den Sitten unterworfenes Reich gehöre, und nicht in die von sogenanntem Eigenleben durchschwärmte Luft der Künstler und Komödianten. Urteilt, wie verwirrt, unbegreifend, schreckensstarr er vor dieser Umkehr stehen mußte, wie er vor Zorn und Trauer wütete, wie er grimmig schalt und, als sie weinend bat, ihr's nicht zu erschweren, höhnisch lachte.«

Ich sehe Sirmisch an, Frau Eggeling -- sie hören allzueifrig, niemand achtet meiner, und das ist ein Glück. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn, unbemerkt ... Ich muß sehr blaß aussehen ... Wie oft, wie unausgesetzt hat Claudia über alles das nachgedacht!