Die Novellen um Claudia

Part 4

Chapter 43,729 wordsPublic domain

»Klagte ich? Ich hatte anderes zu erledigen. Die Leiden des Hungers und der Entbehrungen, die schlechte Kleidung und aller Mangel an den Erleichterungen, die man heute für den arbeitenden Geist geschaffen hat, damit sein Körper in Verfeinerung und Behagen ruhen und sich stärken könne, all das und selbst die häßlichen und niedrigen Gefühle, die mir der Anblick des Reichtums und Überflusses manchmal eingab, und für die ich mich mit Reue und Qual strafte -- alles das war nichts Allzuschweres. Ich hatte noch die Kunst, der ich diente, den Weg, an den ich glaubte, und das stachelnde Wissen um meine Unfertigkeit. Aber ich -- und nicht wahr, man ist so, manchmal bedauert man das? -- ich war nie nur Träger einer Leitung gewesen, die vom Ding zum Auge und durch die Hand zum Pinsel führte; +ich+ dachte, +ich+ fühlte, +ich+ stritt und litt. Unsereinem ist nicht gegeben, die Auswahl dessen, was von den Dingen in Umrissen und Farben auf die weiße Fläche kommen darf, dem Unbewußten zu lassen. Es scheint da drei Stufen zu geben, soviel ich sehe; oben die Inspirierten, denen alles ohne Intellekt gelingt, wie man von Raffael sagt -- ich habe Bedenken dagegen, ich glaube nicht daran, in Klammern -- in der Mitte quält sich unsereins und unten pinselt das fröhliche Handwerk. Nun, meine Stelle war mir gegeben: +ich+ wählte, und nach den Gesetzen meines Geistes formte ich um, wog ab, ordnete an. Solche Gesetze bleiben unverändert, wo auch immer man anbeten mag; mich führten sie auf einem Passionswege vorwärts, auf einer Straße der Leiden, und dies sind ihre Stationen: mit zweiundzwanzig Cézanne und Van Gogh, mit vierundzwanzig Gauguin, mit achtundzwanzig: Signorelli, Puvis, Feuerbach, Marées -- natürlich nur dem Standpunkt nach, nicht etwa kopierend -- wo man anlangt, gestoßen von der Sehnsucht nach dem großen und adligen Ausdruck eigener Gefühle, eigener Welt: in einem Reich, in dem jede Absicht zum weiten Rhythmus wird, zur herben und starken Schönheit, zur sachlichsten Form. Ich fand meinen Ausdruck und meinen Stil, und sah, auch das Streben der Zeit hieß Sammlung, Formung, Festigung. Von diesem ganzen Wege aber, von der steten Qual dieser sechs Jahre gaben die Zeichnungen zu meinem Zyklus Zeugnis, die immer und immer wieder umgeschmolzen wurden, wenn ich so sagen darf. Von manchem Blatt habe ich fünf, sechs fertige Entwürfe« -- wie eitel seine Stimme klang, eitel auf Fleiß und Mühe! -- »Da starb plötzlich und zu rechter Zeit mein Vater, ohne Vorbereitung und ohne daß er mich hatte ›enterben‹ können, und meine Mutter gab mir von dem wenigen, was ihr blieb, eine kleine monatliche Unterstützung. Einiges verdiente ich mit Arbeit, die ich nicht signierte, und so richtete ich mich auf ein sicheres und einfaches Leben ein; zuerst aber kaufte ich Kupferplatten, Firnis, Säure und Nadeln, und begann, meine Zeichnungen in der letzten, sinnvollen, ganz durchdachten Form zu radieren; denn daß es Radierungen sein würden, war mir von Anfang an Gewißheit gewesen. Als ich die dreizehnte Platte aus der Säure hob, erkannte ich, daß die beiden ersten mißlungen waren. Ich wiederholte sie, nahm dann eines Tages das Ganze und trug es zu Nottebohm, meinem ehemaligen Lehrer, der mich gern zu sehen schien und den ich seiner noblen Seele wegen sehr verehrte. Er freute sich meines Erscheinens, besah die Platten, wurde ernst, betrachtete mich und erbot sich, mir zum Druck zu verhelfen -- denn die Presse und dergleichen konnte ich mir nicht kaufen. Damit erfüllte er die Absicht meines Besuches. Ich war sehr glücklich; ich druckte in seinem Atelier und hielt eines Tages die ersten Bilder in den zitternden Fingern. Ich sah: da hatte ich etwas +gemacht+.«

Gemacht, sagte er, und ein ungenierter Stolz verbarg sich in dem gesucht schlichten Worte. Es wirkte auf mich so überaus peinlich, daß ich völlig vergaß, wovon er es sagte, von meinen liebsten Blättern. Ich richtete mich ein wenig empor und sandte durch die dunkelnde Luft einen dringlichen Blick empor zu Walters Gesicht. Aber er nahm meine Hand, drückte sie sanft und ich verstand, was er sagen wollte: Ruhig, Liebling, es vergeht schon. Der Maler verschwand vom Fenster, wich mit unhörbaren Schritten seitwärts ins Dunkle der Wand, ließ sich in irgendeinen Stuhl nieder und begann unsichtbar, mit seiner leisen Stimme:

»Eines Tages auch, bald nachher, erhielt ich einen Brief des großen Kunstverlegers ~Dr.~ Venediger: er habe von autoritativer Seite reiches Lob über eine Reihe meiner Radierungen gehört und er werde sich freuen, sie einmal zu sehen. Er erwarte mich, und so fort. Ich lege sie ihm vor, er ist entzückt. Aus seinen Worten ging hervor, daß er wirklich verstand, was er lobte; auf ahs und ohs wäre ich nicht hineingefallen; druntendurch kann man immer denken: hol den Kerl der Deubel. Rhythmus und Bändigung der Gestalten, Verteilung und Abstufung des Dunkels und jeder Helligkeit, die gegliederte Fläche und die strenge Anordnung -- es gab keinen ästhetischen Wert, den er nicht gespürt hätte, und jedes Blatt vertiefte sein Erstaunen. Er machte förmlich in Begeisterung. Nun, nicht wahr, man ist jung und unverwöhnt -- ich genoß diese Augenblicke; sie waren süß für manches bittere Jahr. Wenn er alle gesehen hat, wird er auch den Sinn verstehen, dachte ich und reichte ihm das dreizehnte Blatt. Er betrachtete es, lange, schweigend, dann fragte er, ob ich das zwölf oder zwanzig Menschen sehen lassen wolle oder jedermann? Ich wunderte mich und meinte, jedermann, der mich fühle, und sogleich entgegnete er, dann sei dieses Bild unmöglich, »es ist herrlich, es ist vielleicht das schönste; aber es ist Blasphemie.« Und während in mir ein ungeheures Staunen erstarrte, fuhr er fort, mir einen ganz großen Erfolg zu versprechen, wenn ich mich entschließen könnte, es umzuarbeiten; wenn ich den Heiland durch irgendeine Figur ersetzte. Dann begann ich zu sprechen« -- er lachte kurz und scharf -- »empört und begeistert. Aber das ist ja fromm! schrie ich. Ich legte ihm den Inhalt des Blattes dar, das Sinnbild alles Leidens als das Zeichen des wissenden Künstlers über denen, die da blind geben und nehmen, die den Trieben folgen, über dem Leben; ich sprach von dem Gedanken des ganzen Werks, der in diesem Bilde zusammengefaßt und verstärkt brannte -- er verstand nichts davon. Er sah nur Radierungen eines neuen und strengen Stils, und bot mir für das ganze Werk von vornherein dreitausend Mark; doch sei ein Entschluß auf der Stelle keineswegs vonnöten.

Als ich die Treppe hinabging, war ich ganz in Aufruhr und Hitze; als ich in meiner Werkstatt saß, konnte ich schon ruhig sagen: der Mann meint es ganz gut und hat für sich ganz Recht -- nur nicht für mich; und ich hielt die Angelegenheit für erledigt, begraben, abgelehnt. Aber sehen Sie, in der Schlaflosigkeit einer ganzen langen und heißen Sommernacht, während die Sterne an meinem offenen Fenster vorüberzogen, erlitt ich die erste und vollkommenste Niederlage meines Lebens. Gegen wen? gegen das Geld. Freilich gut verkleidet, aber schließlich doch erkennbar kam es, in allen Formen, mit allen Waffen: bessere Daseinsarten zeigten sich, Ruhm für mich und höhere Ehre der Kunst dieser Zeit, eine Bereicherung des Lebens, eine Vermehrung des Erhobenseins vieler Seelen und die Möglichkeit zukünftiger Werke, stärker, fruchtbarer, inbrünstiger, weil ohne Ablenkung und Darben hervorgebracht; denn nicht wahr, es ist ein infamer Unsinn, erfunden um die Teilnahmslosigkeit der Bürger zu beschönigen, daß Entbehrung dem Künstler beim Schaffen helfe. Was war dafür zu opfern? Eine Gestalt, nicht einmal eine Komposition; denn irgendeine andere konnte dort die Hände ausbreiten, mit ebensogroßen Augen und einem gleichleuchtenden Körper, ein Knabe oder ein Weib, Eros oder Aphrodite; nur eine Chimäre war zu opfern, nichts, was man sah, ein Sinn -- eine Wahrheit: die Wahrheit von zehn Jahren, die Erkenntnis einer ganzen der Kunst dargebrachtes Jugend. Bis zu diesem Augenblick war mir das Geld nichts gewesen, ein Mittel, das man benutzt um zu leben, etwas, ohne das es ein wenig schwerer, aber schließlich dennoch abgeht. Ich hatte es nicht verachtet, denn ich hatte es nie bemerkt. Nun kam es und warf mich um, meine ganze Existenz; und als ich am Morgen mich anschickte, ein wenig zu schlafen, sagte ich mir mit Bitterkeit, daß der Arme keine Seele haben dürfe, und daß Vornehmheit ohne Geld eine Art verbrecherischer Lächerlichkeit bedeute.

Ich wiederholte unterdessen fortwährend und haßvoll im Hören diese Worte: »Redner, schamloser, geschminkter Redner, der sich ausstellt!« Ich verlor innen meine Manieren, ich sank selbst angesichts dieser Niedrigkeit ...

Als ich gegen Mittag erwachte, fühlte ich mich ein wenig ruhiger und eilte zu Nottebohm, um meinen Lehrer, den alten Erfahrenen, der so sehr Künstler war, richten zu machen. Ich hoffte in meinem Herzen, daß er mich strafen werde, und suchte auf dem Wege die Worte vorwegzukosten, mit denen er meinen Verrat züchtigen sollte. Aber er, der vornehme Mensch, der empfindliche und verletzliche Geist, der diskrete Künstler, dessen zarte Landschaften in ihren lichten und verschleierten Farben, ihrem gedämpften Grün, lichtem Himmel und vielem hellem Grau und Blaßgelb mir immer als ein rechtes Abbild seiner Seele wert gewesen waren: auch er hatte den Gottessohn als »ein wenig unangebracht« empfunden, er staunte, daß ich schwanken konnte, lobte sehr den Einfall, Aphrodite über den Liebenden schweben zu lassen -- und als ich wieder in meinem Raume stand, vor meinen Skizzen und Fragmenten, da rückte ich den Tisch ans Fenster, stellte die alte geätzte und mit Schwärze beriebene Kupfertafel des dreizehnten Blattes schräg vor mich hin, und begann eine neue glänzende Platte mit Linien zu bedecken, kalt vor Aufmerksamkeit und mit totem Innern. Ich verbesserte zwei vorher verzeichnete Hände, und an dem Platz des Erleidenden in der Mitte des Bildes lächelte Aphrodite mit segnenden Armen, Ihre Aphrodite, Claudia.

Was nun noch? Ich malte Nottebohms Bildnis -- ich war ihm doch zu Danke verpflichtet, nicht wahr -- zärtlich wie einen Abschied; langsam, eindringlich, verzehrend, schwer scheidend. Es sollte ihm gehören, aber Sie wissen, daß ers schließlich nicht annahm -- es sei zu gut geworden und ich sollte es verkaufen -- und sich mit den Studien dafür begnügte.

Hätte ich damals eine böse Reihe Karikaturen von ihm niedergeschrieben, verzerrte Blätter, die meine Enttäuschung und Qual, meine Reue und meinen Haß gegen ihn und mich aufgenommen und meiner Seele entrissen hätten, so wäre er mir später vielleicht erhalten geblieben. Aber ich zwang mich zur Verehrung, zur kurzen Täuschung einer erstorbenen Liebe; das Bild ward fertig und ich hörte auf, an ihn zu denken, erst gewaltsam, dann vermöge der Gewöhnung ohne Mühe. Ich setzte die Kunst auch an diesen Ort meiner Seele und diente ihr streng, keusch und ausschließlich. Judas war ich, der am Leben geblieben zehnmal glühender eiferte als Paulus, der den Herrn nur bekämpft, nie verraten hatte.«

Er seufzte und blieb stumm; ich aber stand sofort auf -- ein Erlöstsein ohne Grenze zwang mich zu diesem wenig höflichen Ungestüm. Er war endlich, endlich zu Ende! Ich trat ans Fenster und sah den See grau und schlüpfrig wie einen Brei unter mir, umgeben von schwarzen Wänden, die man als Wälder erriet; ein Motorboot durchzog ihn, lautlos und ohne Licht, anzusehen wie ein Sarg. Ich war von vielen Empfindungen quälend erregt, ich fühlte zornig, das alles hätte nicht geschehen dürfen. Was hatte dieser Tag gegeben? Ich war genötigt worden, hassenswert tiefe Blicke in einen Menschen zu tun, den ich verehrt hatte, und ein großes Kunstwerk war mir auf immer zerstört worden. Denn stets würden, das war schon jetzt gewiß, die drohenden Augen des leidenden Gottes Aphrodites lächelndes Antlitz durchlöchern, und seine Wunden würden auf ihren Händen bluten. Ich war um etwas sehr Geliebtes ärmer.

Plötzlich sagte Klaus Manth mit ganz veränderter und beherrschter Stimme: »Gehen wir hinunter? Bleiben Sie bitte für den Abend bei mir, ich muß mich doch ein wenig heiterer zeigen, an meinem Geburtstage. Schließen Sie die Augen, ich mache Licht.« Die Helligkeit schlug um unsere geschlossenen Lider, dann öffneten wir sie und folgten geblendet unserem Wirt. Plötzlich erschrak ich ohne zunächst zu wissen worüber. Es war mir, als tauchte plötzlich ein vertrautes Gesicht vor meinen schmerzenden Augen auf: Oswald Saach. Ich zitterte. Aber er war ja tot! Und dann begriff ich -- man brauchte wirklich Zeit, sich an das Licht zu gewöhnen -- vor mir hing, rahmenlos an die Wand genagelt, eine Kohleskizze über das bäurisch bedeutende Gesicht des Musikers. Ich hielt Walter zurück, indem ich selbst stehenblieb: der Kopf brannte vor Lebendigkeit und war dennoch ein einfacher Umriß und einige wesentliche Linien. Die trotzig geworfenen Lippen waren nahe am Reden, und die Augen, schwarze unbestimmte Schattenflecke, glühten mich an ... Ich stand und schaute. Ein Mensch hat soviel Kunst in sich, dachte ich dann bitter, und bleibt dennoch ein Krüppel und Fragmentarier. Manth drehte sich um, sah wo wir standen und kommentierte mit gleichgültiger Stimme:

»Die erste Studie zu dem Porträt -- Sie wissen. Trauriges Ende, ja. -- Ich darf also das Abendbrot bestellen, nicht wahr?« Ich machte Einwände, aber Walter sah mich bittend an, und so gab ich nach und ging mit ihm, um meine Mutter zu benachrichtigen. Als wir allein vor dem blanken und schwarzen Apparat standen, sagte er, ehe ich den Hörer nahm:

»Der arme Mensch. Was er gelitten hat --«

»Ja«, antwortete ich, »was mag er gelitten haben« ... Aber ich dachte an Oswald dabei, nicht an den kleinen Maler.

»Und all das um Gebilde, die uns ergötzen.«

Ich sah ihn an: Lieber, Liebster, ich sage dir oft die Wahrheit, aber nicht immer, nicht über alles ... und ich liebe dich dennoch ... Aber schweigen wir von Oswald -- es wäre töricht, nicht? Glücklicherweise bereute ich meine Abwesenheit, ehe er sie bemerken konnte. Er war eigentlich sehr durchtränkt von dem Erlebnis dieser Stunde. Ich wußte nicht mehr, was er eben gesagt hatte.

»Du bist ziemlich damit beschäftigt?« fragte ich daher.

»Wie du. Ich sah es an deinem Aufspringen und fühlte es im Drucke deiner Hand vorhin.« Offenbar hatte er mich gründlich mißdeutet ... Aber was besagte das? Man brauchte den Irrtum nicht zu berichtigen. Es hätte ihm wehe getan. Aber ganz schweigen konnte ich dennoch nicht. Ich fragte zaghaft, mädchenhaft:

»Wäre aber alles das nicht besser verschwiegen geblieben?«

»Verschwiegen? Das erschütternde Bekenntnis eines solchen Menschen?«

»Ja,« sagte ich einfach. »Mein Lieblingswerk ist mir dadurch ferngerückt und neu, fremd geworden. Ich werde einen Monat brauchen, mich wieder daran zu gewöhnen, daran, und an den Schöpfer auch.« Aber daß ich mich schämte für den Mann, der mir jetzt gelassen und nun gewissermaßen nackt beim Essen im hellen Lichte gegenüber sitzen wollte, das mochte ich nicht sagen.

»Bist du nicht ein bißchen ungerecht, kleine Claudia?« fragte er sogleich in zärtlichem Vorwurf; ich aber, ohne jede Pause: »Du, Walter, bist lasterhaft gerecht --« und ich schloß mutwillig: »Ich behellige auch niemand mit Innenleben -- nicht einmal dich.«

Er legte lächelnd seine Hand auf die meine: »Dafür ist er ein Künstler und wir simple Bürgersleute, die bei der Kunst zu Gaste gehn.«

»Um so schlimmer,« gab ich zurück, »so soll er sich mit dem begnügen, was seine Werke gestehn; das ist immer noch genug.«

»Im Grunde fühlst du, glaube ich, was ich hier fühle. Sind wir einig, du?« Ich nahm den Hörer auf und log: »Vielleicht.«

Der Stern

Das Werk ist mir gewidmet. »Dem Jugendgenossen Walter Rohme« steht auf dem Titel zu lesen, und das bin ich. Erregt es mich darum so besonders tief? Vielleicht sagt sie Fremden wenig, diese »Sonate ~e-moll~ in tiefer Lage«. Unter Claudias Händen singt der Flügel mit dunklen, langsam aufstehenden Tönen ein finsteres Thema, weit gespannt, ein Stückchen Nacht, das beinah spricht -- von Trostlosigkeit spricht, hervorgebracht durch glockenhafte Klänge, einfach, steigend und die zögern, sich wieder zu senken, stocken und sich neigen: vier gedehnte Takte ohne jegliche Nebenstimme. Und das Cello hebt dieselbe Weise an, das Lied vervielfältigt sich mit sehr zarten Harmonien zu einem Zwiegesang der Schwermut, der manchmal in unverhofften Quinten und Oktaven auseinander klafft als öffneten sich plötzlich schreiende Durchblicke ins Leere der kahlen, kalten, unbegrenzten Trauer ... Aber alsbald webt Alexander Sirmisch mit beschwichtigendem Bogen und den vier zitternden Saiten einen tiefbraunen Schleier, sie mit einem Gewirk gehaltener Klage und starr gemessener Trauer zu verhüllen -- bis an einer Stelle, auf die ich mit immer neuem Zittern warte, der Flügel alle Zahmheit abschüttelt und sehr laut, in Oktaven, ohne Schonung das nackte Thema wie einen Schrei der letzten Verlassenheit ausstöhnt ... Hier läuft mir, so oft ich die Sonate auch gehört habe, ein Schauern von den Schultern zu den Lenden, ich strecke mich, lasse den Kopf rückwärts sinken und gebe mich hin. Oswald, klagt es, Kamerad, alter Kämpfer, daß es auch dich hinunter bekam! Mein Freund ... ich erinnere mich, daß es Zeiten gab, in der Schule, noch auf der Universität, wo mir das Leben, die Zukunft nicht wert schien erlebt zu werden, wenn du sie nicht mit mir teiltest ... Vier waren wir -- zwei fielen ab; du aber machtest dich davon, heimlich an einem Abend, als es regnete und in der fremden Stadt nur fremde Gesichter vor dir auftauchten. Da dachtest du noch an mich und schriebst mir. Aber die Grenze war schon überschritten und deine Gestalt schon Bewohner des +anderen+ Reichs ... Und es ist mir, als müsse der tote Komponist wieder an jenen Notenschrank gelehnt stehen, als müsse er lautlos über den blauen Teppich gehen, mit vorgeneigtem Kopfe sich selbst an den Flügel setzen, vor die Lichter, die so oft seinen Schatten riesengroß an die Wände gemalt haben, zuckend vor Inbrunst, und die Musik seiner Klage und Verzweiflung noch viel härter lautwerden lassen, viel anklagender, viel erdrückender ... Ich schaue erschreckt in die dunkle Ecke: niemand steht am Notenschrank. Ich schließe die Augen.

Ein vergrämtes Lächeln in den Sechzehnteln des staccatierenden Cellos, beginnt das sinistre Scherzo und verändert die Stimmung, die uns alle erfüllt. Die halbe Erlösung gestaltet sich körperlich in unseren Bewegungen, ohne Anteil des Willens, wie ich von mir aus urteile: ich richte mich auf, nehme ein wenig Haltung an und blicke um mich. Klaus Manth, der Maler, erhebt sich leise und tritt an das Fenster, den Vorhang zur Seite raffend; von Frau Eggeling kommt mir aus weiten Augen durch die Dämmerung des Raumes ernst und glänzend ein langer Blick; aber von Claudia sehe ich über dem Nacken nur das schwarze Haarhaupt und ein Stückchen Wange, an der eine Strähne herniederhängt, und Sirmisch, hinter seinem Instrument und dem schwarzen Notenpulte, neigt mir die erhellte Stirn zu und trinkt mit gesenkten Lidern und leicht geöffneten Lippen die Töne, die sein Bogen hervorholt. Sicherlich hatte niemand von uns vorher gewollt, daß dieser erste Abend unseres wieder vollständigen Trios -- Sirmisch war lange in Südfrankreich herumgewandert -- ein Gedächtnisdienst für Oswald Saach werden sollte; drei Monate sind eine lange Zeit für Menschen, und die Toten sterben so schnell; aber sicher wissen wir alle fünf, daß jener Tote es ist, der uns in der Dämmerung dieses Musikzimmers so schweigsam macht. Hat nicht, von dem Augenblick an, der uns heute »vollständig beisammen« fand, jeder nur an ihn gedacht, der fehlt, und der früher nahe oder entfernter aber zu jedem von uns in bestimmter Ferne stand? Manth hatte ihn gemalt, und bei dieser etwas lockeren Beziehung war es wohl geblieben; doch schon Sirmisch war ihm als sehr musikalisch angenehm, und zu Claudias alter Mutter zog ihn eine verständliche Verehrung, die sie mit Güte und Beruhigung erwiderte. Ich aber blieb für ihn der Klassenkamerad, ein Jugendgenosse, der ihm gern zuhörte, wenn er von seiner Zukunft redete und als Junge auf einem alten Klavier wunderlich wild fantasierte, und ich hatte auch ihn als letzten Lehrer zu Claudia gebracht, zu dem Mädchen, das soeben mit von ihm gelernter Kunst sein Werk, seine Seele tönen läßt, und das die meine ganz besitzt ...

Die Sonate dauert nicht lange. Du warst ein Künstler, Oswald Saach, und hast das Maß gefunden, welches eine solche Stimmung angstgespannter Trauer allein fassen und der Seele tragen helfen kann. Jetzt gibt es noch diese fünf Variationen, in denen das Cello die Stimme der Erinnerung ist und stets neu gewendet das stets gleiche Thema vorträgt, am Ende ohne Bogen und gezupft, tönend wie eine umhüllte Glocke. Ja, ein Mensch wühlt hier wie in Vergangenem, hebt mit beiden Händen schmerzvolle Dinge empor ans Licht, prüft die längst abgetanen und verwirft sie ohne Hoffnung: aber über diesem tief gegründeten Wissen frohlockt in mir die Genußfähigkeit vor der Form, die Lust des Erratens kunstvoller Maskerade, das Erblicken des Gleichen im Veränderten und die Bewunderung des immer neuen Ausdrucks für diese eine, tief wehmütige Angelegenheit. Noch einmal erhebt der Flügel seine Stimme für das erste Thema, für die langsamen, schmerzlichen, jetzt ernst harmonisierten vier Teile, läßt sie klingen, klingen und schweigt.

Niemand rührt sich, alle sinnen, wir an dem hellen Tische bestellt mit japanischem Geschirr voller Rot und Gold und mit Astern in hoher Vase, und die beiden anderen; nur die Lichter knistern über den Tasten, Kerzenlicht, das allein ein lebendiges Wesen ist, nur bewegen sich die Schatten an den Mauern, der Atem der Menschen rauscht leise, und in den Schläfen singt mein verstörtes Blut. Claudia verharrt vor dem Flügel, lautlos, sicherlich hat sie die Hände im Schoß gefaltet; der Maler versinkt klein in einem weiten Sessel, und Frau Eggeling stützt die Stirn mit einem noch im Dämmern weißen Arm auf das Seitenpolster des Divans -- da legt, und wir alle erschrecken, der Cellist den Bogen hart klappend auf das schwarze Notenpult, (empfindet er unser Schweigen als peinliche Gemachheit?) erhebt sich brüsk und sagt schneidend in die Stille hinein, während er sein edles Instrument behutsam in die Ecke lehnt:

»Einer Bourgeoise wegen, nicht wahr? Hat man mich recht unterrichtet, so ist eine Ehefrau die Ursache +davon+ geworden, eine Hausfrau, ein sittsames Geschöpf, oder?« Ich wundre mich; auch lehne ich diesen Ton ab.

»Lieber Sirmisch,« antwortet eine sanfte Stimme langsam und ganz einfach, »die Mutter zweier Kinder.« Und ich freue mich zunächst über diese Abwehr. Ich habe, +was+ er sagte, noch nicht aufgenommen, plötzlich begreife ich's und es schlägt wie eine Kugel durch meine Brust.

Claudia wendet sich auf ihrem drehbaren Schemel und sieht mich befremdet an, aus der halbdunklen Tiefe des Zimmers her. Ich verstehe jetzt wieder einmal alle diese Menschen, die einander gernhaben und doch eben jetzt kämpfend einander entgegenstreben (und das ist kein Vergnügen, sondern eine Qual, mit Verlaub): die Mutter, die mit diesem Worte ihr letztes gesagt zu haben scheint, und, daß Sirmisch sich damit nicht zufrieden geben kann -- er hat ja erst vor Wochen von dem Ende des Freundes Kenntnis erhalten und diesen Schuß gleichsam selbst empfangen, ganz allein in Paris, unverhofft, ohne jede Vorbereitung -- aber auch Claudias Blick: Schweigen wir nicht? und selbst den neugierigen Anteil des Malers an Sirmischs erregtem Gesicht; und weiß doch, hier zwingt es einen Mann zu Worten, und keine Ablenkung fruchtet. Ich fühle mich sehr unruhig; ich bin zu Untätigkeit gezwungen und möchte doch, wie er jetzt antwortet, das Tempo seiner Worte dreimal schneller haben um ganz zu wissen, was vorgeht.