Die Novellen um Claudia

Part 2

Chapter 23,818 wordsPublic domain

»Sie werden mit mir vorlieb nehmen müssen,« fuhr sie fort. Da entschloß er sich trotz alledem zu einem plötzlichen und brüsken Abschied, zu Flucht und Aufschub und brieflicher Erledigung, weil das wohl das leichteste sein würde: »Ich denke, es ist besser, ich gehe jetzt, Fräulein Claudia,« gab er zurück und suchte seine Stimme festzuhalten, damit sie nicht nach Trauer klinge, »es ist wohl Zeit ...« Das Mädchen ging sehr ruhig auf die Schwelle des Eßzimmers zu, wandte sich, die Hand auf dem Türgriff, zu ihm und bemerkte: »Ich denke, es ist besser, Sie bleiben und helfen mir essen. Es gibt ohnehin nur Eier. Das haben wir davon, wenn wir ins Theater gehen.« Sie öffnete, ging voraus und er zögerte, hob hilflos die Achseln und folgte ihr.

Von der weißen Decke herab strömte Licht. Schwarze Täfelung und das schwarze Holz der Möbel mahnten zur Haltung; aber das Grün des Teppichs und der Stoffe auf den Sitzen und Vorhängen leuchtete rasenhaft und milderte den Ernst des schönen Raumes zu gelassener Heiterkeit. Es war gut darin zu speisen. Der Tisch, an dem sie einander gegenübersaßen, war mit weißem feinfädigem Linnen gedeckt und symmetrisch bestellt mit Schüsseln voll Brotscheiben, dünn und locker, mit Wurstarten in einer Tonleiter von Rot, mit Gläsern für Bier und Tee, mit silbernen Bestecken und kelchartig geformten Eierbechern aus dünnem Porzellan und mit Tellern mancher Größe aus derselben edlen weißen Erde. An diesem einladenden und weißleuchtenden Tische saßen sie nun einander gegenüber, Claudia Eggeling und der Doktor Rohme, sie freimütig und heiter, leicht vorgeneigt und essend, nach Herzenslust in Bewegung mit ihrem braunen, zartrauschenden Seidenkleid -- er aber noch immer ein wenig steif, noch immer etwas beengt und geradeaufragend, schwarz, mit weißer Brust, hohem Kragen und rotem Schopf, an einen Specht erinnernd ... Sie aßen beide in Emsigkeit -- die späte Stunde, die in dem lichthellen Zimmer nicht galt und zur Gegenwart kam, meldete sich mit Hunger -- und selbst wenn Claudia Lust verspürt hätte, sogleich zu plaudern, wäre es nötig gewesen den Doktor zu wecken: denn sein ausdruckslos und starr beiseite gewandter Blick verriet zur Genüge, daß nur sein Leibliches hier anwesend sei, um zu essen, und daß sein Geist indessen anderswo schweifte, Gott weiß in welchen Gefilden ... Claudia lächelte in sich hinein, ganz wenig und schalkhaft, und ließ ihn gern seinen Weg gehen, weil sie sich inzwischen herzliche Blicke gönnen durfte, nach denen ihr Gemüt drängte -- sie glaubte, er sei noch im Schauspiel oder irgendwo in Goethes Welt; aber wie wäre sie erschrocken, wenn sie die Gedanken ihres Nachbarn gehört hätte! Er war nicht weit fort, er befand sich vielmehr in ihrer Nähe, er tummelte sich auf einem engen Kreise rund um sie beide und war schwer von Bitterkeit: »Und warum fühle ich mich Ihnen gegenüber gar so niedrig und mangelhaft, Claudia? Warum sitzen Sie so selbstgewiß und maßgebend da, während ich mich vor Ihnen demütige? Weil ich mich aus der Dürftigkeit meiner Geburt zu Ihnen emporgerissen habe, in eine Luft, die das Klima meiner Seele ist, und weil mein Intellekt größer ist als der Ihre, aber im Körper eines Knechts; weil ich für jeden Entschluß mehr gleichwertige Möglichkeiten sehe, weil ich nicht jemand in mir blind wählen lasse, sondern erwäge, und mittlerweile überwältigt werde. Und warum lasse ich mich überwältigen? Weil ich für Entschlüsse und Taten so leicht ein Lächeln habe, ein geringschätziges, bitte ich; weil diese Leute von pompöser Tatkraft und kurzem Geiste in ihrer Einfalt grotesk wirken ... Sie haben mehr Kraft und mehr Erfolg -- aber seit wann bedeuten diese beiden etwas im Reiche des Geistes? Ach nein, kleine Claudia, wenn Sie auch über mich siegen und lächeln: ich bin der höhere Typus, der schwächere, verfeinerte, geistigere -- und was Ihrer Klasse Macht über mich gibt, was diesen Götz über uns Weislingen triumphieren läßt, das ist bloße Physis, nichts als Körper, nur Natur!« -- Aber diese böse und hochmütige Aufwallung ebbte im Fortschreiten des Mahles; und während er ihren Händen zusah, die flink und anmutig für ihn sorgten, löste sich der Krampf seiner zu Einsamkeit verurteilten Seele in ruhige Wehmut; nichts blieb davon als ein trauernder und sanfter Blick hinter den scharfen Brillengläsern. Er würde es bald nicht mehr so gut haben. Vielleicht war dies das letzte Mal -- und ihn schauderte vor seinen leeren Zimmern, in denen er einst seine Zuflucht zu sehen pflegte. Sie hießen Verbannung.

Während sie aßen, waren anfangs nur wenig Worte hin und her gegangen, ein Scherz, eine Bitte um Brot, eine Aufforderung sich zu bedienen. Aber nach der Stillung des ersten Hungers entfaltete sich das Gespräch persönlicher. Claudia beschloß, jetzt das herbeizuführen, was sie vorhin vermieden hatte. Indem sie aus dem Aufschnitt wählte, der auf einer Platte lag, besann sie sich: »Sie erzählten vorhin, auf wie merkwürdige Art Sie endlich doch in meine Loge kamen. Kommt Ihnen das öfters vor, dieses ... Schwanken, oder haben Sie es als etwas Ungewöhnliches behalten?« Er seufzte leicht: »Ach, Fräulein Claudia, solche absurde Überwältigungen meiner selbst berechne ich nicht mehr. Es lohnt nicht der Mühe. Habe ich Ihnen die Geschichte erzählt, wie ich einmal ein Postpaket von Freiburg abschickte?« Er erschrak über die Worte, die soeben, im Augenblick vorher noch ungewußt, über seine Lippen rollten, und erstaunte. Wie kam jetzt diese alte beschämende und vergessene Sache zu ihm? War diese Eingebung die Frucht eines Suchens, das unterhalb des Bewußtseins fortgestöbert hatte und ihm jetzt reif und fertig ein passendes Beispiel zuwarf, das ihn lächerlich zeigte? Aber mit düsterem Frohlocken begrüßte er sie. Woher auch immer sie kam, gerade jetzt, sie war willkommen, sie kam gut; an ihr würde sie ihn erkennen und alles würde zu Ende sein.

»Niemals; also erzählen Sie. Ist sie nett? -- Nehmen Sie Tee oder Bier?« Was beabsichtigte er mit diesem Postpaket? Sie konnte sich täuschen, aber irgendeine Spannung und Erregung schien den ganzen Abend aus seinem Wesen zu quellen. Sie wollte doch zusehen; ihr war so wohl zumute in seiner Anwesenheit, und so sollte auch er sich nicht nutzlos quälen.

»Tee, bitte; mittel; so, danke sehr. Sie ist sehr spaßig und sehr langweilig, diese Geschichte, außerdem kann ich gar nicht erzählen, aber ich erzähle sie doch. Ich bin überzeugt davon, daß Sie nachher nichts mehr werden von mir hören wollen.« Mit schmerzlicher Wollust genoß er den Doppelsinn, von dem sie ohne Ahnung sein mußte.

»Lassen wir es darauf ankommen, Doktor,« sagte sie fröhlich. Wie klein und bleich ihre Hände waren! Sie trug keinen Ring. Und diese sollte er verlieren! Überwältigendes Mitleid mit sich drohte seinen Entschluß aufzulösen, aber er zwang es hinab, und es schwand. Er fühlte sich von Notwendigkeit gedrängt und begann tapfer:

»Also, ich lebte in Freiburg, eine gewisse Zeit lang. Es regnete viel, dann wollte ich wieder fort. Ich packte alle meine Sachen in Koffer und in Kisten für die Frachtbeförderung durch eine vertrauenerweckende Gesellschaft, deren Inhaber die Herren Säbelberger & Cie. waren und Haftpflicht ausübten.« Er schwieg, weil er sah, wie sie die Lippen leise auseinander tat, um etwas zu sagen, und schwieg gern.

»Hatten Sie damals schon Ihre vielen Bücher?« Ihre Finger machten sich daran, ein Ei abzuschälen, und schufen aus diesem winzigen Vorgang ein Spiel, anmutig wie ein Tanz von Kindern -- man durfte nichts tun, als ihnen zusehen ... Er schreckte auf und antwortete:

»Wie hätte ich es sonst wohl aushalten können, glauben Sie? Übrigens ist es gar nicht lange her. Die Bücher lagen in einer großen Kiste, gut verpackt, das können Sie sich denken. Aber es ließen sich nicht alle darin unterbringen, und als ich mir überlegte, daß diese Kiste sehr lange brauchen könnte, ehe sie mir hierher geschickt werden würde, wählte ich die Bücher, die ich am nötigsten hatte, weil sie mir die liebsten waren, und machte aus ihnen ein Paket, ein gutes Postpaket, fest aus Pappe und Schnur hergestellt. Darin lag nun beisammen die Kritik der reinen Vernunft in einem großen Lederbande, eine Schopenhauer-Erstausgabe, die Meditationes von 1650, ein denkwürdiger Pergamentband,« -- er lächelte ein wenig -- »Sie wissen, Descartes; drei oder vier alte französische Drucke des Montaigne und Konsorten, einige schöne englische Shakespearebände und dergleichen. Lauter gute wertvolle Bücher.« Wie wäre es, wenn er jetzt noch innehielt, ablenkte, aufhörte, ehe es zu spät war? Nein, feig wäre es.

»War der Larochefoucauld dabei, den Sie mir geborgt haben?«

»Auch, ja. Also ich nahm das Paket unter den Arm (es schien recht schwer) und begab mich damit auf die Post, Samstag nachmittags. Der Beamte hatte zwar rote schmutzige Hände, aber ein gutes Herz, denn er wog das Volumen mitleidig und riet mir, es doch lieber leichter zu machen, denn es wöge fünfundzwanzig Pfund, und das würde mich einen schönen Batzen Geld kosten. Oder er empfahl mir die Eilfracht. Also empfing ich das Paket wieder aus seinen Händen zurück, dankte ihm und begab mich damit zur Eilfracht.«

»Sie befolgten den unerbetenen Rat?« Ihre Frage klang beinahe träumerisch, denn sie sagte sich unterdessen: wenn er mit seinen lieben Büchern so sorglich umging -- wie gut würde es erst eine ... ein geliebter Mensch in seiner Nähe haben ... und sie errötete verwirrt.

»Den zweiten, ja. Ich wußte nun, daß ich fünfundzwanzig Pfund trug, das machte das Tragen schwerer. Die Eilfracht wohnte zwölf Minuten von der Post entfernt, auf dem Bahnhof. Man empfing mich dort ziemlich hastig, denn am Samstag nachmittag, gegen halb sechs, nicht wahr, da hat man bald Schluß vor, Ruhe, Sonntag. Der Beamte bemerkte, man wolle es besorgen, aber ob ich wisse, was es koste? Und er nannte mir den Preis, denn die Menschen sind dort leutselig. Er betrug etwa das doppelte des Postsatzes. Hm, sagte ich. Ja, sagte er, soviel koste es, und wenn ich es billiger haben wolle, was mir niemand verdenken könne, kein Mensch nicht, so sollte ich doch die Post nehmen, oder die gewöhnliche Fracht. Dazu brauchte ich nur auf den Güterbahnhof zu gehen. Wir schrieben Samstag, und am Montag um neun Uhr gedachte ich abzufahren.« Jetzt konnte nichts mehr vermieden werden, selbst wenn man es dringend wünschte ...

»Sie gingen also wieder zur Post?« lachte sie ihn an. Wie umständlich solch ein Mann sein konnte. Aber gerade das machte ihn so entzückend kindlich.

»Ich wandte mich der Fracht zu, Fräulein Claudia. Ja. Ich ging nach dem Güterbahnhof. Er lag ziemlich weit vor der Stadt, wie solche Baulichkeiten eben zu liegen pflegen. Ich schleppte meine fünfundzwanzig Pfund bald unter dem rechten, bald unter dem linken Arm. Es blieb ein Viertelzentner. Da lachen Sie nun,« sagte er und lachte mit. Vielleicht war es doch nicht so gefährlich, vielleicht ging alles noch gut ab. Gib, daß es so sei, sagte er dringlich zu irgend wem.

»Hatten Sie denn nicht die Idee, jemand zum Tragen zu mieten?« Wenn er lachte, sah er aus wie ein Junge.

»In der Tat, diese Idee hatte ich, sie lag ja nicht allzufern, aber einerseits sah ich niemand in der Nähe, und andrerseits ging ich zwar jetzt allein, zu zweien aber wären wir eine Karawane gewesen, und dergleichen mißfällt mir. Ich kam auch allein endlich zum Güterbahnhof.«

»Hier hatte doch die liebe Seele Ruh, nicht wahr?« -- Die Erkenntnis, die er unter Wunsch und aufsteigender Leichtigkeit begraben hatte, sprang jäh auf und stand da, schwarz und vernichtend: er gab sich verloren.

»Ja, Claudia, in gewisser Weise wenigstens. Also, da lag ein ziemlich umfangreicher Komplex, wie? Mit Rampen, Schuppen, großen Schiebetüren und dergleichen. Auch mit Büroräumen. Aber alles fest geschlossen. Nun, es schlug viertel sieben, Sie verstehen. Ich ging entlang, entlang, dann bog ich um Ecken, denn ich dachte mir, man läßt doch so etwas nicht allein. Nicht einmal ein Hund bellte, worüber ich mich übrigens freute, denn Hunde machen mich nervös. Endlich hörte ich ein Klopfen und Pochen, und da fand ich einige Leute mit Eisenbahnermützen auf dem Kopfe irgendwie untergeordnet beschäftigt, und ein Mann befehligte sie, der gar nicht amtlich aussah, sondern ein kleines Jackett anhatte und eine Reisemütze, eine Art Jockeymütze auf den Haaren. An den wandte ich mich mit meinem Viertelzentner. Nun, er sprach ungeheuer freundlich, ich solle das Zeug nur dalassen, er wolle das Zeug schon besorgen, da brauchte ich gar keine Sorge zu haben, er würde schon sehen und am Montag ging's fort, da sei gar kein Wort mehr not. Ich sagte ihm vielen Dank, ließ mein kostbares Volumen, das er Zeug nannte, in seinen Händen zurück und machte mich auf den Heimweg.« Seine weiche und hohe Stimme klang noch heiserer als sonst. Claudia bemerkte es:

»Gott sei dank,« sagte sie lächelnd; »nehmen Sie noch Tee?«

»Ja, das dachte ich auch. -- Nun, wenn ich bitten darf, noch eine Tasse, den letzten, danke. Ich fühlte mich ziemlich guter Laune; die Sonne ging bald unter, es war kein übles Wetter und ich pfiff, was, weiß ich nicht mehr.«

Er hielt zu kurzer Pause inne und senkte den Blick, der durstig von ihrem Gesicht getrunken hatte. Sie aßen beide längst nicht mehr. Schade, dachte er, während er den Tisch besah, auf dem das gebrauchte Gerät ungeordnet und unschön stand, unsere Bedürfnisse hinterlassen noch immer Häßlichkeit, trotz aller Pflege. Wie hübsch sah vorhin dieses Tischchen aus, mit dem hellen Schein auf all dem Weiß von Porzellan und Linnen ... und ist jetzt ein schlimmer Anblick ... Da stand Claudia auf und bat: »Einen Augenblick, lieber Freund, ich schlage einen Umzug vor; dieser Tisch verstört mich. Nehmen wir unsere Tassen und rauchen wir nebenan eine Zigarette. Wie?«

Er fand in frohem Staunen über die Gleichzeitigkeit dieses Gefühls kein Wort; er ergriff nur seine Tasse und folgte ihr stumm und vorsichtig in den rotbraunen Raum. Und während sie sich im Hin- und Hergehen alles nötige Geschirr holten, wollte aus diesem nebensächlichen Geschehnis in ihm eine blasse Hoffnung wachsen. Sie hatten dennoch Gemeinsames, vielleicht mehr als sie wußten -- sollte er nicht auch davon reden, wie sehnsüchtig und erstarrt und gleichgültig gegen alle äußeren Dinge er damals hinlebte? Sollte er sich nur beklagen, nicht auch entschuldigen und erklären? Daß er sich für sie unbedingt und ohne Zögern in jede Tat stürzen würde -- sollte er das nicht gestehen? Nein. Nein, nein. Seine Aufgabe stand, genau umrissen. Wenn sie ihn +gesehen+ hatte, konnte sie entscheiden. Es mochte ja nicht unbedingt sicher sein, daß sie ihn verwerfen werde. Aber die Hoffnung war verblüht.

Ein kleines Tischchen stand zwischen ihnen, auf dem ein Licht mit orangenfarbenem Schirm brannte, und breite rote Klubsessel nahmen sie auf, während das Zimmer rings umher mit unbestimmten Gegenständen und zurückgewichenen Grenzen rötlich verdämmerte. Eine hohe Uhr pochte beharrlich und mahnend. »Ich bitte ... Sie ziehen die Zigarre vor;« und Claudia atmete schon den weißen und duftenden Rauch aus. »Eigentlich soll ich nicht rauchen ... danke, da ist Feuer. Wo hielt ich ... Wenn Sie noch weiter hören wollen. Wie vorhergesagt, es ist langweilig.« Wenn sie jetzt ablenkte, wenn sie genug hatte, so konnte man in Ehren aufhören und ein andermal den Abschied in Szene setzen. Nur noch diese Stunde bat er genießen zu dürfen, dies rauchende Mädchen ansehen, auf dessen Gesicht wie Goldflecken das Licht lag hinter dem wohlriechenden Schleier von Rauch.

»Gar nicht. Erzählen Sie nur, obgleich ich nicht weiß, was noch kommen kann; es ist ja fertig, und Sie gingen guter Dinge heim.« Aha, es war fertig, in der Tat, es war fertig -- und es zitterte einen Moment lang in ihm nach: fertig.

»Richtig, ich pfiff. Plötzlich hörte ich mittendrin auf -- halt, ich weiß es jetzt, ich pfiff den Tannhäusermarsch -- und erschrak vor einem Gedanken. Mir fiel ein, wie leichtsinnig ich gewesen war. Der Mann hatte mir ja keinen Schein gegeben, ein Papier, daß er von Dr. Rohme ein Paket bekommen habe. Er hatte auch kein sichtliches Zeichen eines Beamten gehabt. Es genügt doch nicht, über Eisenbahnmützen zu kommandieren oder vielmehr müßig bei ihnen zu stehen, um eine Vertrauensperson zu sein. Dieser Mann brauchte das Paket nur zu öffnen, um morgen meine schönen Bücher bei allen Antiquaren der Stadt zu zerstreuen, ich wußte ja nicht einmal seinen Namen, nur: ein kleines Jackett, ein Jockeymützchen -- wenig, wenig. Ich hatte schon ein ziemliches Stück Weges hinter mir, ich blieb also stehen und wollte mich entschließen, zurückzugehen --«

»Was sehr weise gewesen wäre,« schaltete Claudia ein --

»Da besann ich mich, daß man diese Eisenbahnmützen, die am Samstag Nachmittag um ein viertel sieben Uhr an der und der Stelle gearbeitet hatten, sicherlich ermitteln konnte. Sie stellten Zeugen dar, drei wohlbeleumdete Zeugen. Das dürfte mir genügen. Sie mußten nötigenfalls schwören, daß ich dem Jockeymützchen ein rundliches Paket anvertraut hatte; und getröstet machte ich mich wieder auf den Weg zur Stadt, denn ich war müde und hungrig.« Er lächelte leicht und erinnert, von Vergangenheit überkommen. »Ihre Bücher hätten Sie durch diese Zeugen aber auch nicht wiederbekommen,« sagte sie sachlich. Man würde heute nicht mehr zu jener Unterhaltung kommen, die sie vorhin verschoben hatte, denn die Uhr lehrte sie, daß es allmählich spät wurde. Nun, morgen.

»Oder nur schwer. Aber ich rechnete damit, daß auch der Mann des kleinen Jacketts an sie dachte. Sie bildeten eine moralische Ziffer. Mit einem Male traf mich diese Idee des Moralischen. Wie? Moral? Aber Geld war sicherlich stärker als Moral. Arme Leute haben Geld lieber als Moral, Arbeiter sind arme Leute, folglich, nun?« Er mußte einen Augenblick innehalten. Mitten im Sprechen wurde ihm bewußt, daß er von nun an wieder zu Monolog und Stummheit verurteilt sei; das nahm ihm den Atem. Er sah sie an, -- sie dachte: um sie zu einer Äußerung zu veranlassen, und sie zog harmlos den Schluß, indem sie fand, daß seine Augen sehr gütig seien. »Folglich brachte er sie gegen Geld zum Schweigen.« Und die Form seiner Stirn wies sicherlich zarte Schönheit auf.

»Natürlich,« rief er ungesund lebhaft aus, »man konnte sie bestechen. Reisemützchen würde für meine Bücher eine anständige Summe haben, davon konnte er ein paar Mark opfern, und meine Zeugen waren dahin, schwiegen, blieben stumm wie das Grab, um dem Volksmunde nachzureden. Und unter dem Druck dieser starken Möglichkeit blieb ich stehen, überwand Hunger und Müdigkeit und marschierte zurück. Ich kam kurz nach dreiviertel auf sieben an die Stelle, auf der ich mein Volumen ausgeliefert hatte. Niemand da. Ich durchirrte den ganzen Güterboden. ~Personne.~ Ich rief -- umsonst. Endlich, um viertel acht, voll von Ekel und Unglück über meinen Leichtsinn, hungrig und müde doppelt so sehr als zuvor, ging ich nach Hause. Um acht kam ich in die Stadt. Ich wollte die Mutter des Bürgers zu Rate ziehn, die Polizei, aber ich schämte mich, und dann war es mir auch schon gleichgültig.« Wozu erzählt er mir das eigentlich, fragte sie sich in leichtem Erstaunen. Es ist nicht besonders appetitlich. Dann schämte sie sich jedoch und sagte als Buße mit hörbarer Teilnahme:

»Ich verstehe das.« Er streifte schweigend die Asche von der Zigarre und fuhr dann fort, schneller, weil der Schluß wie ein Abgrund das Fließen der Erzählung beschleunigte, gleichsam einsog, und indem er auf ihre Hände sah, die ruhig nebeneinander auf dem Tische lagen:

»Ich schlief schlecht diese Nacht. Am Morgen stand ich um sechs Uhr auf, am Ruhetag, am Sonntag, und ich pflegte mich sonst auch Wochentags nicht vor zehn zu erheben, ich hielt mich zur Erholung in Freiburg auf. Ich stand also um sechs auf und begab mich auf den Güterbahnhof. Natürlich traf ich keinen Menschen dort, nicht eine Seele. Ich wiederholte diese vergeblichen Spaziergänge um zehn, um halb zwölf und um vier, alle Male mit demselben Erfolge. Ich dachte nicht mehr, ich war vielmehr von der Idee besessen, das Meinige wiederzuhaben.«

Er schwieg wieder und betrachtete seine Zigarre, die zu Ende ging. Ihr Blick ruhte nachdenklich und ein ganz klein wenig spöttisch auf ihm: eigentlich macht er davon viel Aufhebens.

»Nun?« fragte sie endlich. Er schrak zusammen:

»Ich bin gleich fertig,« sagte er und sah von ihrem Gesicht wieder auf den Teppich. »Montag nach neun ging mein Zug. Montag um halb sieben stand ich im Büro der Güterabfertigung. Natürlich sah ich, sowie ich eintrat, mein Paket. Es lag ordnungsgemäß da, der Mann hatte es abgeliefert, redlich, es war fertig zum Abschicken.« Er schwieg ohne aufzusehen.

»Nun ist ja alles gut,« meinte sie geringschätzig, denn sie fühlte, daß er auf ein Wort wartete. Er stützte den Kopf in die Hand und blickte auf den Tisch:

»Was denken Sie also, das ich getan habe?«

»Sie haben sich entschuldigt und sind vergnügt zur Bahn gegangen«, entgegnete sie ohne Zaudern.

»So. Ja. Nein, ich nahm das Paket an mich, sagte, es habe Eile und trug es zur Post.«

Claudia lehnte sich langsam wie erstarrt in ihren Sessel zurück:

»Sie trugen es zur Post?« staunte sie tief bestürzt. Und dann kam ihr die Anwandlung laut und erbarmungslos zu lachen. Sie unterdrückte sie.

»Ja. Zu einer andern Post als das erste Mal. Ja, ich genierte mich, wissen Sie.« Er nickte mehrere Male, ohne den Kopf aus der Hand zu heben oder die Augen vom Tisch zu entfernen, lächelte traurig und sagte noch einmal: »Ja.«

Claudias Augen sprachen von dem Schrecken, der langsam in sie hinabsank wie ein Eimer in einen dunklen Brunnen, und um ihren Mund schrieben Spott und erschrockenes Verachten eine gekrümmte Linie. Sie zürnte ihm; sie warf ihm eine stumme Frage zu: Wozu erzählen Sie mir solche läppischen Streiche? und sah ihn hart und schweigend an. Die große Uhr pochte unablässig; Doktor Walter Rohme besah reglos den Schimmer der rötlichen Lampe auf der Tischdecke, mit gebeugtem Nacken. Da sitzt er nun auf seiner Heldentat, dachte sie zornig. Warum verteidigt er sich nicht? Wo verbarg sich seine Klugheit, wo sein sonst so rührendes Zartgefühl; warum zeigte er, der bisher Grund gegeben hatte zu glauben, er werde ihren Weg vor allem Häßlichen behüten, damit nichts sie kränke und verstöre -- warum zeigte er sich ihr heute so hilflos, so ausdrücklich schwach? Da saß er nun gebeugten Nackens wie ein Verurteilter und rührte sich nicht ... Und sie begriff. Ein Blitz schoß auf und erleuchtete ihr alles: sie sah ihn klar wie Kristall und ganz lauter. Eine Wonne stieg aus ihr empor wie ein Eimer aus durchsonntem Brunnen, von goldenem Wasser schwer und triefend. Sie lächelte immer verstehender, immer seliger, sie fühlte eine Wärme und einen süßen Druck in ihrem Herzen und nannte es Glück. Sie hob langsam die Hand und streckte sie ihm entgegen, reichte sie ihm über den Tisch, bis die feinen Fingerspitzen seinen Handrücken berührten. Er fuhr aus toter Verzweiflung auf, blickte unbegreifend in ihre glücklichen Augen -- erriet sie in einem erstickten Atemholen und küßte die Hand mit einem brennenden langen erlösten Kusse.

»Sie müssen jetzt gehen,« sagte sie und erhob sich. »Ich danke Ihnen für diese Erzählung, ja, ich danke Ihnen.« Ihre Augen leuchteten noch immer, und noch immer hielt er ihre Hand, gerettet. »Morgen kommen Sie zum Tee, dann reden wir von Weislingen und musizieren ein wenig, wie?« Ihre Stimme klang tief und schwingend, wie er sie noch nie gehört hatte, und er drückte die geliebte Hand. »Ja,« sagte er glücklich.

Das dreizehnte Blatt

»Glaube nur, kleine Claudia, daß man dich nicht hinauswerfen wird, mit deinem hübschen Kissen,« sagte mein »Verlobter« und lächelte über meine zögernd hervorgebrachten Besorgnisse. »Wir sind Klaus Manth angenehm, wir beiden.« »Hast du mit ihm telefoniert?« fragte ich aber mißtrauend, und stieg nicht eher in unser blaues Automobil, diesen beräderten Briefkasten, bis Walter mir eine feierlich ernste Versicherung darüber abgegeben hatte.