Part 13
Sie strich mit beiden Händen ihr Haar entlang, von der Stirn nach dem Nacken, wo es sich zum Knoten schürzte, und kreuzte unter ihm die Finger. Ein nachdenkliches Schweigen breitete sich aus. Besinne dich, sagte es in ihr, besinne dich ... und wie in plötzlichem Entschluß fragte sie sich: was ist überhaupt geschehen? Es schrie: etwas Entsetzliches, Unerhörtes, eine Beleidigung und Verletzung, ein Hieb ins lebendige Fleisch! -- Ruhe jetzt und Kälte, Claudia; du warst im Recht, aber nun lege es dar. Ein Mann -- wer? Dein Gatte, dein Geliebter, Claudia; Walter erzählt dir gewisse Erlebnisse der Jugend, die fünfzehn Jahre zurückliegen, spricht davon auf deinen Wunsch und weil sie ihn plötzlich peinigen, unausgesprochen wie sie in ihm begraben lagen. Zugegeben, daß sie besser verschwiegen blieben. Denn du fürchtest von jeher alles, was erniedrigt, Claudia, dein Leben war immer darauf gestellt, jenes andere, das man auch »Leben« nennt, zu verschweigen, nicht zu wissen -- du wolltest stets in Reinheit deinen Weg gehen, du brauchtest das, weil du zart bist und wenig Waffen gegen das Grauen und die Hilflosigkeit hast, die dich vor allem befällt, was du das Gemeine nennst ... du weißt es. Nun dringt, von unvermuteter Seite, das »Leben« auf dich ein, du siehst den Mann, der neben dir schläft und dem du -- wie gerne! alles gabst: du siehst ihn vom Leben gefangen; und was tust du? Du fliehst! Du läufst davon, als hättest du nicht längst, seit jener Nacht, das Leben ganz eng an dich herankommen lassen; du bist unselig, quälst dich und vergißt, daß er es ist, er, von dem es dir kam, und läßt ihn zurück, allein.
Sie glitt von ihrem Sitze herab und ließ Wasser in das Waschbecken rinnen, kühlte die Hände und das heiße Gesicht -- wie wohltuend fühlte sie all die Frische! trocknete sich mit sanftem Tuche und kehrte zurück, am Fenster zu stehen, die Nachtluft zu atmen und das Geschehene im Mondlicht zu überdenken. Und plötzlich überflutete sie Verwirrung: was war doch gleich so Widerliches und Gemeines aufgedeckt worden? Sie konnte es noch denken, aber sie +fühlte+ es nicht mehr ... Sie war geflüchtet, denn sie saß jetzt hier, bei verschlossenen Türen -- warum nur? ... Es mußte ein Grund dafür gewesen sein, ein triftiger überdies. Sie besann sich auf ihn -- vergebens. Er hatte stark gewirkt, und dennoch war er ihr nicht mehr gegenwärtig. Worin bestand das Schlimme, und was in ihr hatte sich so jäh dagegen erhoben? Sicherlich: wenn sie sich des Geständnisses erinnerte -- nein, wenn dieses Geständnis ihr eben jetzt gemacht würde: eben jetzt würde sie gewiß nicht fliehen. Das wußte sie scharf, klar und staunend. Warum fliehen? Als Mädchen, ja, damals hätte sie nichts anderes tun können. Aber hatte nicht in diesen drei Monaten Ehe so vieles eine andere Farbe gezeigt -- alles eigentlich? Sie merkte erst jetzt, wie fremd sie sich geworden war, sich von damals. Daß es süß war, ganz erkannt zu sein, daß man Glück fühlen könne, den eigenen Willen einem anderen zu unterwerfen; daß aus trivialen Verrichtungen der Häuslichkeit Heiterkeit in die Seele strömen könne, wenn sie für ihn geschahen -- hätte sie früher nicht einfach gelacht, wenn man ihr dergleichen vorausgesagt hätte? Dennoch war es so. Und nun stand es überraschend da: ein früheres Ich, das Mädchen Claudia Eggeling, hatte sich ihrer bemächtigt und sie fortgetragen -- und Claudia Rohme sah sich in dieses Schicksal und seine Qualen verwickelt, sich und ihn.
Sie blieb noch einen Augenblick mit angehaltenem Atem -- dann machte sie sich an ein unruhiges Auf- und Abgehen, oft stehenbleibend und manchmal bis zu Worten ins Getümmel der Empfindungen hineingerissen. Er? litt er denn? Ja, er leidet, du weißt es. -- So möge er; ich litt, ich auch, vielleicht mehr als er. Mehr -- nein, nicht einmal ebenso sehr. Denn den Gedanken, Claudia wehe getan zu haben -- er wird ihn schwer ertragen, und Reue wird ihn überdies vergiften ... Hätte er doch geschwiegen! Kannte er sie denn nicht? Mußte er nicht wissen, daß sie sich entsetzen werde? Er wußte es und hatte dennoch geredet ... Hatte er vielleicht einen Zweck damit verfolgt und in gewisser Absicht gesprochen? Es schien fast so ... Doch gleichviel: das Schlimme blieb ausgesprochen und die Welt auf immer verändert. Aber -- sie hielt an und ihre Stirn spannte sich -- mußte man nicht zusehen, gleichwohl weiter in ihr zu leben, miteinander, über dem neuen Wissen und aller Vertauschung? Sie hatte so viel Veränderung unmerklich hingenommen: immer einen Mann neben sich zu sehen -- warum nicht auch diese? »Komme ich darüber hinweg?«
Aber ein jäher Zorn sprang sie an: wer war sie denn! kam es ihr zu, diese Frage zu stellen, oder mußte nicht vielmehr er zu ihr kommen, er ihr die Hände entgegenhalten und ihr +helfen+? Er hatte es nicht so eilig, wahrhaftig! Er saß jetzt irgendwo herum und ... Was tat er denn jetzt! Er versuchte ja nicht einmal, sich mit ihr zu verständigen, hereinzukommen, zu erklären, zu bessern! -- Aber sie verwehrte sich diese Flucht in ungerechten Groll: nein, so töricht sollte sie nicht denken. Er durfte jetzt nicht hierher kommen, in diesen Raum mit den beiden Betten, er wußte das. Er blieb fern, aus Zartheit: gib das zu, Claudia. Ja, er hatte recht, es wäre eine Verfolgung gewesen und hätte alles verschlimmert. Wie schwer das war ... Aber dennoch: sie mußte allein damit fertig werden. Sie mußte diese Nacht für sich haben, und morgen würde man sehen. -- Morgen? Beim Lichte eines neuen Tages voreinander stehen? aber das bedeutete ja, eine Mauer aufrichten zwischen sich und ihm, die abzutragen lange Zeit bedurfte ... eine ganze einsame Nacht, mit ruhelosem Grübeln und spätem Schlafe? Zwei fremde Menschen würden morgen vor einander umschattete Augen niederschlagen! Hier stand sie vor Unmöglichem. Sie blickte auf die verschlossene Tür und stöhnte. Wenn er doch käme, wenn er es doch wagte! Aber sie wußte, es blieb ihm verboten -- und wie eine Verirrte, die im Dunkeln nach einem Ausgang tappt, machte sie ratlose Schritte, die sie ans Fenster führten.
Sie ließ die Blicke hinausgehen, Gleichgültiges zu sehen, eine kleine Weile Atem zu holen, zu ruhen. Der weite Garten lag weiß im Mondlicht, Wege wanden sich wie Dämme durch lichtes Wasser, und ganz schwarz ballten sich die Schattenmassen der großen Allee. Zwei junge Menschen traten daraus hervor, und Claudia wich zurück: Else und James. Der junge Diener, in Hemdsärmeln, die Hände in den Taschen und die kurze Pfeife rauchend -- sie sah sogar das Aufglimmen des Tabaks und den leichten Rauch -- ging neben dem Mädchen her, auf das Haus zu, einen kurzen Weg, der sich alsbald gabelte. Sie hielten einen Augenblick an; augenscheinlich wußten sie nicht, welchen wählen; dann beschritt er den rechten, der zu der hinteren Tür führte, nach der Rückseite des Hauses. Sie blieb stehen -- »sie will über die Vordertreppe« -- machte auf dem anderen zwei trotzige, zwei zögernde Schritte, hielt an, wandte sich und eilte ihm nach; er nickte.
Claudia lächelte spöttisch: »natürlich;« dann empörte sich etwas in ihr so heiß, als ginge sie das da irgendwie an. Dann hob sie das Gesicht: ein plötzlicher Ernst weitete ihre Augen. Sie glitt langsam mit beiden Händen ihr Haar entlang, von der Stirn zu den Schläfen und die Wangen hinab. Sie drehte sich um, ging leise zur Tür, schob leise den Riegel zurück, schloß ganz leise auf, öffnete geräuschlos, hob mit vorgestreckter Hand den Vorhang zur Seite und stand starr: da lag er, ausgestreckt, dicht an ihrem Fuß, quer über ihrer Türschwelle.
Claudia sah, zwischen den Falten des Vorhangs umdunkelt, in einer ungeheuerlich seligen Überraschung auf ihn hinunter: in einem Blicke erfaßte sie sein Gesicht: gealtert, von Schmerz zerrüttet, die Augen in Schatten, der Mund gepreßt und die Linien der Stirn wie nachgehöhlt. Ihre Rechte, in den schweren Stoff verklammert, hielt den vorgeneigten Körper. Er gewahrte sie sogleich, fuhr auf und hob, sitzend, auf die Hände gestützt, ihr das bleiche Gesicht entgegen und Augen, die mit Ungewißheit und ergreifendem Ernste fragten. So blickten sie aufeinander und harrten stumm. Das Herz der Frau schüttete in groben Schlägen Wellen von Zärtlichkeit durch ihr Blut, Wellen, in denen sie ertrank. Sie stand zu ihm gebeugt als werfe sie sich in höchstem Leid oder höchstem Glück über einen geliebten Körper, zur Umarmung, aber die Hand ließ den Vorhang nicht; so schwebte sie über seinem aufsaugenden Antlitz wie die Göttin eines Brunnens: und aus ihren Augen strömte Liebe. Er sah, erriet, zweifelte: dann löste Glauben die Spannung seiner Züge, und mit hörbarem Atem trank er die Erlösung, die sie über ihn ergoß. Grenzenlos schwermütige Zärtlichkeit glitt langsam in seinen dunklen Blick und umhüllte ihr bemondetes Gesicht, das ihm in Liebe zugewendet war, die der Ernst schmerzend machte. Sie schwiegen sich zu einander in einer Stille, unterhalb derer das Schlagen ihrer erschütterten jungen Herzen in das ferne, sanfte Zischeln der bewegten jungen Blätter floß und ins Wehen des Windes. Endlich sank Claudia in die Knie und war ihm nahe. Und er begann zu reden, mit einer tiefen, ganz leisen Stimme aus der innersten Brust:
»Kannst du mir wirklich verzeihen?«
Und sie flüsternd: »Und du mir? Daß ich dich allein ließ statt dir zu helfen? Wie eine Unmündige davonlief und töricht war?«
»Schilt dich nicht, Liebste! Zurückzuweichen, das war deine Waffe und dein Gesetz. Meins hätte geheißen: Schweigen.«
»Schweigen! mich außerhalb zu lassen, alles immer allein zu tragen!«
»Ja ich hätte dich schonen müssen. Wußte ich nicht, daß dein Leben hinweggehen will über alles das unterhalb des Menschen? Ich tat es trotzdem« ...
-- »Und es war gut. Es +mußte+ gesagt werden, einmal, irgendwas. Konnte ich noch länger so nebenher gehen? Einmal wäre es aufgebrochen, und je später, um so schrecklicher. Nein, Walter, ich sehe es jetzt, es war +sehr+ gut.«
»Siehst du es? Du siehst es also? Laß dir die Hände küssen ... Du sagtest: beichte. In diesem Augenblick erwog ich, ob ich es dir sagen solle, und antwortete: ja. Aber nachher, als du gingst und mein Herz zerriß und die Verzweiflung in mir so tobte, daß ich meine Adern aufschneiden wollte, um sie herauszuspülen, nachher fand ich: mich trieb nicht, daß dein Leben falsch und künstlich sei, auch nicht, daß du von mir wissen solltest -- mich trieb nichts als der eigensüchtige Wunsch des Befreitseins von dem, was ich nun 15 Jahre mit mir trage, von dem Bewußtsein, daß du mich gar nicht kanntest. Jetzt erkenne ich, mich bewegten alle diese Triebe zugleich. Und ich beschloß, vor deiner Schwelle zu warten, und morgen früh deine ersten Schritte in die Versöhnung hineinzuziehen -- oder in mein Ende. Denn ich kann nicht leben ohne dich -- das habe ich grell gesehen da ich elender war als je zuvor.«
-- »Aber mein Leben +war+ falsch und künstlich. Ich wußte vom Dasein, aber ich hatte es nie geschaut, vor Augen gehabt wie ich dich jetzt schaue, meinen Liebsten. Und wie ich sein Glück schaute, durch dich Liebster. Es ist frevelhaft, das Unglück zu verleugnen und das Grauenhafte nicht zu sehen. Ich fragte mich vorhin: komme ich darüber hinweg? Aber wo ist hier etwas, darüber hinwegzukommen? Ein Mann ist geprüfter als ich dachte, das Leben ist härter als ich dachte, -- nur härter? Nicht auch allgegenwärtiger? Nicht auch sanfter? Wie sinnlos, vor ihm zu bangen, da ich doch von ihm umspült bin wie von Luft, da es doch in mir enthalten ist wie eingeatmete Luft.«
Er erhob sich und zog sie sanft empor. Sie standen nebeneinander, im silbernen Lichte, Hand in Hand, und ihre Schatten mischten sich zu einem, der als Brücke ins Dunkel des Raumes reichte und ihrem Dastehen einen Sockel gab und das Festgegründete von Statuen.
»Ich sehe, das Leben wird von neuem beginnen. Daß du stark bist über dich, wußte ich seit dem Abend, an dem du mir die Hand reichtest über ein Geständnis hinweg, das ich aus Pflicht und Liebe zwischen uns gestellt hatte wie einen Abgrund: das Eingeständnis meiner Schwäche. Aber du nahmst es leicht, du senktest eine Brücke und wir fanden uns -- Fremde im Grunde. Und als du Oswald Saach vor uns anklagtest, den Toten, den du geliebt hattest, -- da sah ich dich, eine Unbekannte. Heute jedoch -- wie stark bist du denn, da du so fruchtbar zu leiden weißt?«
-- »Und wie stark du, da du dich heraushobst aus solchem Dunkel und so viel Wirrnis? Das Leben, das du mir heute als gangbar zeigtest, ich bin entschlossen, es zu beschreiten, aber ich bin schwach und neu. Ich zittere wie auf Eis, ich bin ängstlich und du mußt mich stützen, Nachsicht haben. Mit dir traue ich mich überall hin.«
»Du wirst es wagen? Aber wenn das Heutige nur ein Anfang war? Wenn von nun an mehr solche Ereignisse vor dich hintreten, und vielleicht schwerere? Kleine Claudia, was dann?«
-- »Ich werde zittern, und werde wegsehen wollen. Aber dann wirst du bei mir stehen und mich anblicken. Ich glaube, dann werde ich vieles können.«
»Wir wollen uns festhalten aneinander. Man kommt allzuleicht und fortwährend auseinander, man muß sich ansehen und sich finden wollen und einander allezeit die Hände hinhalten.«
Er legte die Arme um ihren Leib und zog sie an sich; sie legte ihre Hände wie eine Schale um sein Gesicht, dem sie das ihre ganz näherte. So durchdrangen sich ihre Blicke, tief und selig, so berührten sich ihre Körper in völliger Liebkosung, Claudias Lider fielen, und die Lippen sanken aufeinander im Kusse.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Korrekturen:
S. 130: setze → setzt sie {setzt} mehrfach an, schluckt
S. 175: oberflächig → oberflächlich wie {oberflächlich} und nebenhin mußten