Part 11
Er hielt an und hob ihr beschattetes Gesicht in die Helle der Laterne: »Du siehst so müde aus, Liebste« ... Zärtlichkeit drängte ihr entgegen und erstickte seine Stimme; er küßte den Handschuh über ihrer Hand und nahm ihren Arm; sie schmiegte die Schulter leise an die seine, und so gingen sie schweigend geradeaus. Er dachte nur an sie und fühlte, wie schmerzlich er sie liebte, und wie er bereute.
Sie überschritten die Hauptstraße der engen Stadt, über der rötliche Bogenlampen in langer Schnur wie aufgereihte Sönnchen schwebten und setzten ihren Weg fort. Die Töne einer leisen Drehorgel wehten ihnen plötzlich beginnend entgegen; sie spielte den Hohenfriedberger Marsch hinreichend verstimmt und näselnd, aber gar nicht widerwärtig. Walter summte mit: »Auf Ansbach-Bayreuth, nimm um deinen Degen und rüste dich zum Streit ...« Der sanfte Klang gab der kriegerisch schreitenden Musik eine zierliche Farbe. Claudia lachte plötzlich: »Und vorhin hat uns die Orgel gefehlt!« Er belachte ihren Einfall befreit und selig und mit seinem ganzen Herzen, glücklich über ihre Heiterkeit, sehr glücklich: sie schien nicht mehr betrübt! Er suchte in seiner Börse, und als sie an dem Leiermann vorübergingen, der sich, ein dunkler Umriß vor Dunkelheit, sitzend ans Geländer einer kleinen Brücke lehnte, warf er ihm ein Geldstück in den Hut, das auf die andern fallend nach Silber klang. Claudia freute sich, daß er nicht kleinlich gab, sah ihn aber dennoch fragend an. »Ein Opfer,« sagte er froh, »ein Sühnopfer. Und ist der Hohenfriedberger nicht sogar Gold wert?« »Du brauchst nicht zu opfern,« lächelte nun sie, und er meinte ernsthaft: »Doch.« Sie näherten sich dem Hotel; vor der steinernen Treppe flüsterte sie hastig: »Nimm bitte zwei Zimmer, ja, Walter? Ich sage nachher, warum.« Er erstaunte: »Selbstverständlich« ... Und indem eine bange Frage in ihm aufging, traten sie ein. Vielleicht war sie dennoch nicht versöhnt? Aber er hatte mit dem Portier zu verhandeln, und als er sie die Treppe hinaufbegleiten wollte, wehrte sie ab: »Bleib unten, Lieber, und iß. Nimm dir Zeit, denn ich kann dich jetzt nicht brauchen,« und sie lächelte dazu.
Walter Rohme saß noch einen Augenblick müßig im Speisezimmer; Claudia hatte sich eine Kleinigkeit in ihrem Zimmer servieren lassen. Er sog an seiner Zigarre; wenn eine der vielen Fragen, die ihn nicht verließen, einen Augenblick schwieg, vernahm er in der Stille ein Konzert von bruchstückhaften Melodien: die fröhliche Geigenstimme der Baßarie begann und brach nach einem Triller ab, der Hohenfriedeberger schob seinen Marschtakt ein, und immer wieder sang die Stimme Christi klagend und fern: Ach wollt ihr nun schlafen und ruhn? Er schmeckte den süßen Rauch mit dem Gaumen und entließ ihn durch die Nase als dampfe der Atem eines großen Tieres; aber weder die Fragen noch die Melodien vermochte er fortzublasen wie ihn. Er wußte nicht, ob Claudia etwa krank war oder ob sie ihm zürnte; er begriff nicht, wie er sich hatte so gehen lassen können, noch was in dem stummen Sich-Erheben der Menge so tiefe Wirkung auf ihn geübt hatte, daß er sie alle sah, wenn er die Augen schloß, immer nur diese lautlose Geste des Sich-Erhebens. Wenn das aber nur die Kraft des Stoffes wirkte, der biblischen und heiligen Gestalten, denen von Jugend auf Ehrfurcht geboten wurde? Und wenn dem so war, änderte das den Wert jener großen Gebärde? Und wie?
Er fand, daß er hier keine Ruhe zum Antworten habe, es gab Abendgäste, und der Kellner lief frackwedelnd hin und her: vor allem aber vibrierte in ihm die angstvolle Ungewißheit um Claudia, schrill und quälend wie eine dünne Saite. Er beschloß, oben zu Ende zu rauchen, und fragte nach der Nummer seines Zimmers: neun, im ersten Stock, und erstieg die mit grauen rotgekanteten Läufern belegte Treppe so abwesend, daß er, oben angelangt, das Bein allzuhoch hob, als sei da noch eine Stufe, und heftig aufstoßend niedersetzte. War Claudia wirklich krank oder nur zornig? Er trat in sein Zimmer; hinter den offenen Fenstern blaute tief der nächtliche Himmel; aber halb mechanisch schaltete er das Licht ein, und es fiel von der Decke wie ein weißer Block, der den Raum ganz füllte. Er musterte ihn, indem er wünschte, endlich daheim zu sein, der Gasthäuser ledig; nahe an einem Fenster stand der Tisch vor einem halbrunden Sofa, ihm gegenüber ging die Tür zu Claudia, die er hatte aufschließen lassen, und sein Bett streckte sich weiß an der dritten Wand nahe den Birnen; man sparte das Nachtlicht. Er ließ sich schwer in das Sofa sinken, welches erklang, und blinzelte dem Rauche nach, der im nun dunklen Blau verströmte. Jetzt, wo er der Geliebten ganz nahe weilte und die Antwort jeden Augenblick holen konnte, ward die gellende Saite langsam schlaff wie wenn eine Hand sie abspannte, und die Ungeduld verstummte. Er wollte ihr ein Zeichen geben: er sei nebenan, und pfiff die ersten Takte des Hohenfriedbergers; dann wartete er, daß sie ihn rufe. Die Stille sickerte ihn ein, die allenthalben schwebte wie draußen die leuchtende Farbe, die nirgends haftete und dennoch da war. Und kaum wartete er so einige Minuten und lauschte in sich, da vernahm er auch leise Antworten, erst halbklar, dann ganz verstanden: und sie lauteten so überraschend, daß er in Staunen aufstand und vor sich hinsah, und ein seltsames Glück darüber verspürte: Ehrfurcht war es und Sehnsucht ...!
Claudia rief, durch die Tür gedämpft: »Walter!« Endlich! Er legte schnell die Zigarre hin. Sie lag zu Bett und lächelte ihm zu, in der Helligkeit, die das Licht in breiten Streifen einbrechend auch dort verbreitete wo es nicht hinreichte. Er zog einen Stuhl heran und saß, halb über ihr Gesicht gebeugt und besorgt blickend. »Du rauchst,« sagte sie, »und ich störe dich.« Die innigste Zärtlichkeit stieg auf: »Bist du noch böse, kleines Mädchen? Ich war sehr unartig, es ist wahr« ...
»Aber ich verdarb dir den Abend! Du hattest Recht auf Wut. Und schließlich hast du mich ja nicht geprügelt« ... Er neigte sich über ihren Kopf, sie lag verhüllt bis ans Kinn, und küßte die lachenden Lippen und die Augen, die ihn grüßten. Nein, das klang nicht nach Groll, sie hatte ihm verziehen, diese Gütige, und blickte ihn klaren Herzens an: welches Glück! und ihre Stimme klang weder müde noch krank ...
»Gib mir die Hände,« bat er, »ich muß sie ohne Handschuh küssen.«
»Laß, sie fühlen sich schlecht an.«
»Unwohl, Liebling?« fragte er sofort. »Bist du etwa krank?«
»Krank? bewahre; nicht einmal mehr müde. Ich will nur liegen.« Sie sah im Halbdunkel, wie er ratlos die Arme hob, lachte ganz übermütig und rief: »Oh Walter, nun hast du eine Frau, und man merkt, du hattest keine Schwester.« Endlich begriff er; es traf ihn wie ein leichter Schlag, und dann dankte er, daß es dunkel war, denn er errötete bis in die Stirn. Er bewunderte sie; wie ganz und frei sie war, und wie einfach sie heimlichen Dingen jede Schwere nehmen konnte! Er küßte behutsam ihre Stirn. Er wollte ihr seine Entdeckung sagen, damit auch er vor ihr nichts verberge; wenn es stimmte, daß der Mann seine Seele so schamhaft behütete wie die Frau ihren Leib, so gab er gleiches für gleiches; aber er gab es schwerer.
»Dann kann ich also noch bleiben und zu dir reden?«
»Ich bitte dich darum. Es ist so langweilig, gleich zu schlafen. Vorhin habe ich lauter dumme Sachen geträumt, du weißt schon wann. Eine fällt mir ein, die ganz besonders weise ist: du legtest einen kleinen schwarzen Birnenkern in die Kiste, wo ich meine Puppen aufbewahrte und wolltest zaubern, zähltest dreimal bis drei, und wie Mama die Kiste aufmachte, lag eine große Birne drinnen, und ich klatschte in die Hände.« Er lächelte, aber nur leer, weil er schon mit seinem Erlebnis beschäftigt war: »Ist das kein netter Traum? Übrigens -- ich blieb dir vorhin eine Antwort schuldig, oder gab sie nur flüchtig, das heißt falsch. Du fragtest, ob mich die Leute nicht gestört hätten; erinnerst du dich? und ich sagte nein.«
Der fast befangene Ton, in dem er sprach, machte, daß sie ihn erwartungsvoll ansah: »Ich erinnere mich, es war noch vor der Laterne. Nun?«
Er stand auf und begann hin und her zu gehen; wenn er die Lichtbahn durchschritt, glänzte sein Haar rötlich, und sein Schattenriß mit dem dicken Schnurrbart schnitt sich scharf in die weiße Helle. Er sagte zögernd und halblaut: »Nein, sie störten mich nicht nur nicht; sondern in einem bestimmten Augenblick erhöhten sie sogar mein Erlebnis. Das war, als sie so still aufstanden und ohne Applaus hinausgingen. Da fühlte ich irgendeine tiefe Gemeinschaft mit diesen fremden Leuten. Oder besser, ich sehnte mich, eine tiefe Gemeinschaft mit ihnen zu haben; so etwa. Ich hatte Ehrfurcht vor ihnen, weißt du.« Ob sie durch die tastenden Worte das Gemeinte zu fassen vermochte? Was würde sie entgegnen? Sie schwieg einen Augenblick lang, dann kam es staunend: »Du scherzest nicht, das ist klar. Du sehntest dich? Du hattest Ehrfurcht vor diesen Menschen und ihrer mangelhaften Aufführung?«
Sie verstand nichts.
»Du verstehst mich nicht,« meinte er tief atmend. »Ich sehnte mich nicht gerade nach diesen Leuten, sondern nach Leuten überhaupt, nach dem Volk, kann man sagen. Die Aufführung war mangelhaft, ganz sicher. Aber war sie nicht auch rührend, in dem kahlen Saale? So wie Kinder oder Bauern Gott loben, in einem Hofe oder einer leeren Dorfkirche? Aber ich meinte gar nicht die Aufführung oder dergleichen. Ich könnte auch sagen: ich hatte Ehrfurcht vor Gott, oder eher, sehnte mich vor ihm Ehrfurcht zu haben, ihn zu fühlen wie diese da. Weißt du, was ich meine?«
Vielleicht war es ganz aussichtslos, sich verständlich zu machen? Ihn befiehl eine körperliche Angst davor. Wenn sie ihn auch hier allein ließ?
»Du drückst dich allzu sibyllinisch aus. Ich glaube, ich weiß jetzt, was du meinst. Aber wie es zu +dir+ kommt, und gerade heute, das ist mir, ich gestehe, schleierhaft.« Er versuchte es noch einmal -- weil der Mensch ein hoffendes Tier war.
»Wenn es klar zu sagen wäre, wäre es dir auch leichter zu empfinden. Ich will es erst negativ abgrenzen: ich sehne mich natürlich nicht nach ihrer Art zu fühlen oder nach ihrem Glück und Leben, ich danke nicht ab. Aber wiederum sind sie in einer Schicht reicher als ich, und davor habe ich Ehrfurcht. Sie sind miteinander in einem gewissen Gefühl verbunden, in dem Gefühl zu Gott; und darin wachsen sie zu einem Wesen zusammen mit einem Pulse. Diese ganze gemeinsame Erlebnisquelle ist uns verschlossen, die wir immer einer sind und bestenfalls zwei -- wie wir beide.« Er zögerte vor den letzten Worten, denn sie logen jetzt. »Ein Mann, siehst du, erhält sein letztes Leben erst dadurch, daß er mit einem Volke fühlt, wie ihr Frauen erst, wenn ihr mit einem Kinde fühlt. Das geht vielen von uns ab, und darum sind wir ärmer. Das Gegenteil davon, so kam mir vor, machte alle diese Menschen still aufstehen, ohne den gewohnten Lärm. Als Einzelne sind sie vielleicht öde Bürger, zusammen aber handelten sie vornehm, als Gemeinde, als Volk. Und nun habe ich dir gepredigt und dich müde gemacht.« Er fühlte, noch nicht am Ende, schon die Unmöglichkeit eines Widerhalls, und alsbald lehnte sie kopfschüttelnd ab:
»Politik, soviel ich verstehe. Ich habe das alles nicht in mir. Müde? Es geht. Ich werde sehen, daß ich schlafe. Wir fahren doch morgen früh?«
»Gegen elf. Gute Nacht, Liebling, schlaf wohl.« Er trat an ihr Bett und neigte sich, sie zu küssen. Sie holte die Arme hervor, schlang sie um seinen Hals und hielt ihn eine Weile auf ihren Lippen fest. Dann ließ sie ihn halb frei und sagte, dicht an seinem Gesicht: »Wir sind heute nicht ganz beieinander, wie? Aber ich lerne schon noch. Gute Nacht;« küßte ihn nochmals und ließ ihn von sich.
Er strich über ihre Stirn und ging.
Auf seinem Tische fand er die Zigarre zu zwei Dritteln unverbrannt; er entzündete sie und prüfte sich. Er fühlte eine Weite und Kühle in sich wie eine Wiese nach Regen, dabei aber weder sehr betrübt noch etwa hoffnungslos gestimmt. Nein, sie waren nicht beieinander; nun, so würden sie zu tun haben. Diese Art Ehe ist ein Anfang und noch nichts mehr, urteilte er tapfer; Gemeinsamkeit erkämpfen, hieß es, sie wurde nicht geschenkt. Er hatte an sich zu feilen und genug Brutales noch auszumerzen, und sie würde auch Arbeit finden ... Das ist ein weites Feld, sagte er sich bald heiter. Nun, man hatte Jahre vor sich, vorausgesetzt, daß man nicht bald starb. Und wie eine zuversichtlich frohe Marschmusik in diese Weise hinein klang ihm plötzlich wieder der friedericianische Marsch in die Ohren, ganz fein und leise, aber so, als spielte ihn eine große, sehr ferne Regimentsmusik: er hörte das Glockenspiel klingen, die Trommeln tobten kriegerisch, und am Ton der Trompeten hörte man, daß sie in der Sonne blitzten ...
Von einer fernen Kirche schwebten runde Töne herüber: er zählte, die Uhr schlug neun. Er wunderte sich, daß es noch so früh war, aber das Konzert hatte um halb sieben begonnen, es stimmte. Andere Uhren antworteten, er trat ans Fenster, sie zu hören, und sah die Sterne im tiefen Blau des Märzabends; schon hob sich Orions funkelnde Gestalt aus dem letzten Licht. Es wird alles gehen, dachte er aufatmend, hilf mir. Seine Augen hingen lange an dem großen Gestirn. Er fühlte sich wach und nach Tätigkeit verlangend; es gab viele Gedanken festzuhalten, zu ordnen und dann zu prüfen. Er beschloß noch einen nötigen Brief abzufassen und verließ das Fenster. Aber zum Schreiben genügte die Lampe an der Decke nicht. Nach kurzem Zögern ging er hinaus und kam bald mit Briefpapier und mit einer golden brennenden Petroleumlampe zurück, mit einem Bassin aus grünem Glase und einer weißen Glocke, die im Tragen leise klirrte. Als er das elektrische Licht löschte, blieb ein warmer Kreis um den Tisch hell, und das fremde Zimmer zog sich zurück.
Er saß auf dem Sofa und schrieb, wann sie heimkämen, an den Verwalter des Eggelingschen Hauses -- Claudias Mutter reiste mit Sirmisch und Kalderns, nachdem sie die Umänderungen angegeben hatte, die darin vorzunehmen waren -- und daß er die Arbeiten beschleunigen solle. Ohnedies blieb soviel als möglich unverändert; ein neues Arbeitszimmer kam dazu und die Schlafzimmer ... Der Zigarrenrauch schickte bläuliche Fäden in die Höhe, die sich zu Bändern verbreiterten. Sie hielten etliche große Stechmücken ab, die von einem nahen Wasser dem Scheine nachgingen.
Aber er war froh, als er den Halter weglegen und nachdenklich leer auf das weiße Blatt schauen durfte. Das unzugängliche Geheimnis schwang ihm im Sinne, das sich in der schlafenden Frau da drüben vollzog; und die Stirn auf die Hand gelehnt, mit ehrfürchtig schlagendem Herzen sann er ihm nach. Sie empfand nicht mehr, wie fremdartig pflanzenhaft und entrückt sie dadurch wurde, denn ihr war eine Gewohnheit, was ihn scheu und ernst stocken ließ. Hier war ihm eine heilige Grenze gesetzt, die er ehrte.
Sein Blick haftete auf dem grünen Glasbassin der Lampe, erst abwesend, dann aufmerksamer; einige Mücken lagen darauf. Der Tanz um den heißen Brenner hatte sie betäubt dorthin geworfen, aber sie konnten, obwohl unversehrt, nicht mehr aufstehen. Die ganz winzige Schicht Öl, die sich beim Füllen darüber ausbreitete, genügte, um ihre zarten Organe zu durchtränken. Eine klebte tot mit dem Kopfe darauf, eine andere zitterte wie trunken auf den Füßen; eine dritte aber, die rücklings gefallen war, haftete mit beiden schmalen Flügeln ausgebreitet auf dem gefetteten Glase. Ihr schlanker Leib krümmte sich in fruchtlosem Mühen aus und ein -- vielleicht litt sie wenig Schmerz, aber der Anblick ihres schlagenden Körpers hatte den Ausdruck grausamer Qual. Und mit einem durchzuckenden Schreck erkannte Walter Rohme: hier krümmte sich ein Wesen am Kreuz. Der Anblick war ganz unerträglich, und mit zitternden Fingern entfernte er sie mit einem Streichholz und tötete sie. Er wußte nicht, ob er Gott lästerte oder ihm diente. Er löschte die Lampe und ging zu Bett, noch lange wach und von vielen huschenden Einfällen bestürmt, zwischen deren bruchstückhaftem Lautwerden schwarze Pausen zum Besinnen Zeit schufen: ein ununterbrochenes Auseinander dieser ganze Abend ... Sie schläft und er genießt -- er zürnt ihr während sie bereut; sie fühlt nicht mit seinem Erlebnis -- und er errät nicht, +kann+ nicht erraten, was sie ermüdet, entfremdet: der weibliche Leib, der an eine andere Welt grenzt ... Man war trotz allem ziemlich allein -- und wenn einer alle Mücken kreuzigte, wie ungeheuer wäre das Leid der Welt vermehrt ... Das verständliche Denken verfiel in ein Vernehmen undeutlich geredeter Worte, Melodien schalteten sich ein, und im Einschlafen noch hörte er eine Stimme, mild und aus menschenferner Verlassenheit: »Ach, wollt ihr nun schlafen und ruhn? ... Siehe, er ist da, der mich verrät.« Nebenan lächelte Claudia im Schlummer.
Die Sonatine
Das nette rosige Dienstmädchen nahm so geräuschlos es anging, die blonden Brauen hochgezogen und gleichsam auf den Fußspitzen, das Geschirr des Abendessens vom Tisch, auf den von oben breit abspritzend Licht fiel wie Wasser auf einen weißen Stein. Es seufzte von Zeit zu Zeit in seinen sanften Busen, der nach Zärtlichkeit verlangte, und es warf hurtige Blicke zu den beiden auf dem Sofa dort, dringliche Blicke, hinter denen die Lider unschuldig herabfielen. Glücklicherweise -- sie atmete wahrhaftig tief ein und ein Lachen sprang über ihr Kindergesicht -- ließ der gnädige Herr das Blatt auf den Tisch fallen und sagte böse:
»Diese Zeitungen sind eine häßliche Sache. Man müßte dagegen einschreiten.«
Die gnädige Frau nickte lebhaft: »Abbestellen, Walter ... Hast du die Morde gezählt, die heute darin episch verwertet sind?«
»Vier,« sagte er, »vier. Mit dem Mordversuch des besiegten Schülers am Mitschüler fünf. Willst du hören? es ist ungemein knapp zu sagen: ein Schüler ohrfeigt den anderen vor der Klasse, sie prügeln sich und der Geohrfeigte unterliegt: da zieht er ein kleines Terzerol und schießt dem Sieger die Kugel auf zwei Schritte in die Seite.« »Genug, ich bitte dich!« ... und nach einem Schweigen leise: »Furchtbar ...« und sie zuckte sonderbar mit den Schultern.
»Daß man daraus eine Spalte macht, ist wirklich arg. Aber abbestellen? Und welche dafür halten?«
»Gar keine halten. Wozu überhaupt Zeitung?«
»Und das Leben da draußen? Wie willst du davon unterrichtet sein?«
»Ach, das Leben,« sagte sie geringschätzig. »Ich vergaß, daß du es damit hast. Ich meinerseits, du weißt, bin ohne dieses Bedürfnis« ...
Er schüttelte bedenklich lächelnd den Kopf, und sie bekräftigte: »doch«.
Das Mädchen warf ihr einen Blick zu, dem aber außer Hurtigkeit noch eine bittende Verlängerung eigen war, und wurde langsam ganz rot. »Else?« fragte die gnädige Frau und lachte ein wenig. Mit niedergeschlagenen Augen und froh daß sie Teller in den Händen hatte, brachte das Mädchen die Bitte heraus, noch ein bißchen spazieren gehen zu dürfen, es sei so schöner Vollmond draußen.
Er ging indessen zweimal auf und ab in gefaßter Bestürzung. Es konnte unmöglich so fortgehen. Wußte sie nicht, daß dieses ängstliche Fliehen vor dem Wirklichen sie irgendeinmal von ihm trennen würde, wenn sie es nicht überwand? Was dem Mädchen wohl anstand -- die junge Frau mußte damit fertig werden können ... Er hörte sie fragen: »Ist alles fertig für die Nacht?« und sah, sich wendend, eifriges Nicken. »Dann können Sie gehen. Aber um elf sind Sie wieder da, Else, hören Sie?« Sie bedankte sich, und der gnädige Herr, der am Fenster stand ohne hinauszusehen -- er erkannte gerade: er mußte sie zu sich hinüberziehen; Gelegenheit würde sich später finden -- drehte sich um und neckte: »Sie müssen morgen zeitig heraus, zur Frühmesse; vergessen Sie das nicht! Marienmonat!« Was ging den das an, er war ja ein Ketzer und kannte die heilige Jungfrau gar nicht, dachte sie unmutig und geschmeichelt, wurde ganz rot, bedankte sich nochmals und ging leise schnell hinaus.
Walter Rohme trat zu Claudia, die noch auf dem Sofa saß und den Nacken an die Rücklehne geschmiegt, soeben die Augen zu ihm hinwandte. »James«, sagte er vergnügt, »der Mond heißt James und ist bei dir bedienstet.« Sie lächelte mit den Mundwinkeln. Er bückte sich zu ihr herab, nahm ihren dunklen Kopf in beide Hände, ganz langsam und sanft und küßte ihre Lippen, die sanft geschlossen und blaßrot die seinen erwartet hatten, da nunmehr das Dienstmädchen draußen war. Er richtete sich endlich auf ohne die Umarmung zu lösen, hob sie so mit empor und führte sie, die dicht an ihm schritt, zu der Schiebetür in das Musikzimmer. Mit knapper Drehung löschte er hinter sich das Licht und schob die Türen auseinander. -- Hinüberziehen? Claudia? Nein. Sie mußte von selbst zu seinem Ufer kommen, nur die Brücke durfte er zeigen und ihr die Hände hinhalten ... irgend einmal, nicht allzuspät.
»Da haben wir also den gemeldeten Mond,« sagte Claudia ... Der Raum war bis in die Ecken von Licht gefüllt, von einem stofflosen Lichte, das ohne Quelle schien: das Dach des Hauses über ihnen verdeckte schon das Gestirn. Die Luft selber glomm weißlich, sanft, traumklar und berauschend, man atmete sie ein und löste die Seelen der Glücklichen sofort, wie ein stark milchiger Wein, unbekannt und beseligend. Sie standen lange auf der Schwelle, die beiden, in einem Beieinander, das inniger war als Küsse, und blickten in die lichte Nächtlichkeit des vertrauten Raumes. Auf Beethovens marmorner Stirn glänzte ein silberner Schein, und der warme Nachtwind bewegte langsam die Vorhänge der geöffneten Fenster; aber der Flügel war ein Werkzeug aus Licht geformt, und seine Decke blinkte wie der Spiegel eines Sees geschmolzener Klänge, silbern, umrissen und leicht. Blüten dufteten vom Garten herein: es war eine Nacht des Mai. Sie traten ein. Er führte die geliebte Frau vor das Instrument, ohne den Arm von ihrer Schulter zu nehmen, öffnete es: der Spiegel des Sees schwand hin, und auf hob sich die schwarze Schwinge zum Flug in eine tönende Ferne. Claudia entblößte dem singenden Drachen die Zähne, indem sie seine schwarze Oberlippe zurücklegte; sie ließ den Ring vom Finger neben sich aufs Fenster fallen und schlug einen hoch schwingenden Ton an, der sich dem Lichte hold vermählte, zitternd und schwindend.
»Und was?« fragte sie mit dunkler Stimme unterhalb des Klingens wie Dämmerung um Licht. Ein Flämmchen riß aufblitzend ein gelbes Loch in die Nacht und hinterließ einen kleinen roten Kreis, der duftend rauchte. »~Cis-moll~,« sagte der Mann endlich und atmete Rauch ein.
»Natürlich,« warf sie neckend hin, »ich wußte es vorher.« Aber er schwieg einfach, und als er hinter ihrem Rücken in einem großen Stuhle ruhte, begann sie.