v. Jagow, fürchtet aber, daß Serbien die Forderungen Österreich-Ungarns
annehmen könnte, und tut noch seine eigene Wohlmeinung hinzu, daß Österreich-Ungarn es zum »Bruch« mit Serbien treiben müsse und sich mit einem »sogenannten diplomatischen Erfolg« nicht begnügen dürfe. Er beruhigt sich aber schließlich mit der Versicherung des Grafen Hoyos, des Kabinettschefs Berchtolds, »daß die Forderungen (an Serbien) doch derart seien, daß ein Staat, der noch etwas Selbstbewußtsein und Würde habe, sie eigentlich unmöglich annehmen könne[18]«. Wahrlich, Wien hat Berlin keinen Moment über seine Absichten im Unklaren gelassen. Was hat aber Berlin auf diese sich immer ungeheuerlicher auswachsenden Geständnisse Wiens hin unternommen? Mäßigend eingewirkt? Wieder nicht! Am 20. Juli überreicht der serbische Geschäftsträger in Berlin Herrn v. Jagow eine ausführliche Note, in der die serbische Regierung die Mordtat von Sarajevo aufs schärfste verurteilt, den Wunsch ausspricht, »mit der Nachbarmonarchie freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten«, und den Willen kundgibt, allen etwaigen Forderungen Österreich-Ungarns entgegenzukommen, nur solche Forderungen ausgenommen, »die auch jeder andere Staat, der auf seine Würde und Unabhängigkeit bedacht ist, nicht erfüllen könnte«. Schließlich bittet die serbische Regierung »die ihr freundschaftlich gesinnte Kaiserliche (deutsche) Regierung, im Sinne der Versöhnlichkeit gefälligst wirken zu wollen[19]«. Was aber tut Herr v. Jagow darauf? Herr v. Jagow erwidert dem serbischen Geschäftsträger, daß er »_es wohl begreifen könne_, wenn man jetzt dort (in Wien) energische Saiten aufzöge. Die Forderungen, die Österreich-Ungarn stellen wolle, seien ihm nicht bekannt[20]« -- für welche Sprache Graf Forgach, in Vertretung des Grafen Berchtold, dem Herrn v. Jagow namens der k. u. k. Regierung dankt[21]. Der Staatssekretär wußte am 20. Juli schon längst aus Tschirschkys Bericht vom 10. Juli das Wesentliche der von Österreich-Ungarn beabsichtigten Forderungen, vor allem, daß sie solche sein werden, die mit der Würde und Unabhängigkeit eines Staates unverträglich seien. Vom serbischen Geschäftsträger erfuhr er nun, daß die serbische Regierung solche Forderungen ablehnen werde. _Herr v. Jagow wußte also am 20. aus authentischen Quellen ganz genau, daß Graf Berchtolds Plan zum Kriege führen müsse._ Was tat er? Dem serbischen Geschäftsträger spricht er im voraus seine prinzipielle Zustimmung zu den Berchtoldschen Forderungen aus, teilt dies der Wiener Regierung mit, die darin eine ausdrückliche Bestärkung ihrer Pläne sieht und dafür dankt. Wenn aber Herr v. Jagow wirklich mäßigend hätte wirken wollen, hätte ihm die Initiative der serbischen Regierung vom 20. Juli, also ehe noch die Kugel aus dem Lauf war, die beste Gelegenheit geben können, _zwischen Wien und Belgrad unter Ausschluß von Petersburg zu vermitteln_, nicht nur den Krieg zu vermeiden, sondern den Streit zu lokalisieren, anstatt Rußlands Deutschland zur Vermittlungsstation zwischen Serbien und Österreich-Ungarn und _Rußlands Protektorat illusorisch zu machen_.
Das ist aber der Berliner Regierung gar nicht eingefallen. Nicht nur, daß sie nichts tat, um die Wiener Regierung von ihren exzessiven Plänen zurückzuhalten, setzte sie vielmehr alles in Bewegung, um das Gelingen dieser Pläne zu sichern. Mit einer geradezu subaltern zu nennenden Beflissenheit ging sie, sofort nach Empfang des dem Handschreiben Kaiser Franz Josephs an Kaiser Wilhelm beigelegten Berchtoldschen Memorandums vom 2. Juli, daran, dessen Ideen, ohne Widerrede, wie einen höheren Auftrag auszuführen. Die serbophobe und bulgarophile Balkanpolitik Österreich-Ungarns war bekanntlich im zweiten Balkankrieg in einen ausgesprochenen Gegensatz zu der Politik des Deutschen Reiches gekommen, die Rumänien, Serbien und Griechenland gegen Bulgarien unterstützte, und dieser Gegensatz hatte durch die Publizierung der anläßlich des Bukarester Friedens zwischen dem deutschen Kaiser und dem König von Rumänien gewechselten Telegramme sogar zu einem öffentlichen Eklat geführt. Nach Empfang des Memorandums sattelte nun Berlin vollständig um und folgte getreulich den Spuren der Wiener Politik. Wie ein Hund, dem ein Stein ins Wasser vorausgeworfen wird, so entsprachen die Berliner Staatsmänner den Winken von Wien. Am 5. Juli war das Berchtoldsche Memorandum in Berlin überreicht worden, und schon am 6. sehen wir die Berliner Regierung an der Arbeit, die Ideen des Memorandums zu verwirklichen, nämlich Bulgarien und die Türkei an den Dreibund anzuschließen, diese beiden Staaten durch ein Bündnis auch untereinander zu einigen und Rumänien und Griechenland, wenn möglich, von Serbien abzuwenden.
Am 6. Juli beauftragt Herr v. Jagow den Geschäftsträger in _Bukarest_, in diesem Sinne mit dem König von Rumänien zu sprechen, und den Gesandten in _Sofia_, die Schritte des österreichisch-ungarischen Gesandten zu unterstützen[22]. Als sich Graf Berchtold nach wenigen Tagen die Sache mit Bulgarien anders überlegt und die Aktion zu vertagen für gut findet, winkt Herr v. Jagow sofort auch seinen Leuten in Bukarest und Sofia ab[23]. Nach den Ultimaten an Rußland und Frankreich dringt nun Berlin am 1. August auf die Verständigung mit Bulgarien, und diese nähert sich denn auch noch in den ersten Augusttagen ihrem Abschluß[24]. Beim König von Rumänien dagegen holt sich der deutsche Gesandte mit den Berchtoldschen Projekten einen Korb und eine unerfreuliche Lektion. König Carol sagt ihm am 10. Juli, »in Wien scheine man den Kopf verloren zu haben«, über den Grafen Berchtold selbst sprach sich der König »nicht gerade schmeichelhaft« aus, die Hauptschuld an allem Übel trügen die »gewissenlosen Preßtreibereien«, »auch in Österreich müsse auf die Presse gewirkt werden, damit diese nicht allzusehr gegen Serbien hetze. Sasonow (mit dem der König kurz vorher im Juni in Constantza anläßlich des Zarenbesuches zusammengekommen war) habe ihm gesagt, Rußland denke nicht daran, einen Krieg zu führen.« Der König empfahl eine Demarche in Petersburg, damit von dort aus auf Serbien ernst eingewirkt werde. Er selbst erklärte sich gleichfalls bereit, »einen Druck auf Serbien auszuüben«. Alle diese Warnungen und Anregungen des sonst in Berlin so hoch angesehenen Königs Carol wurden von der deutschen Regierung in den Wind geschlagen. Selbst der Befehl des Kaisers, diesen Bericht des Bukarester Gesandten den Botschaften in Wien, Rom und Petersburg weiterzugeben, blieb unausgeführt[25]. Die Berliner Regierung hat eine heilige Scheu, die Kreise des großen Staatsmannes am Ballplatz zu stören, und gar auf Serbien via Petersburg einzuwirken, wäre eine schwere Kränkung für den Grafen Berchtold gewesen, der auf eine Überrumpelung Serbiens und dessen Intransigenz seine Rechnung gestellt hatte.
Sehr aufregend gestalteten sich die Verhandlungen mit _Griechenland_, die der deutsche Kaiser selbst in einem Telegrammwechsel mit dem König von Griechenland führte. König Constantin lehnt zunächst am 27. Juli die Berliner Pläne ab, mit der einfachen Begründung, daß er und sein Volk »keinen Krieg« wollen. Darauf beschwört der Kaiser am 30. Juli seinen Schwager, den jüngst ernannten preußischen Generalfeldmarschall König Constantin, beim Andenken seines ermordeten Vaters, nicht »gegen meine Person und den Dreibund für die serbischen Meuchelmörder Partei zu ergreifen«, und droht ihm sogar für den Fall des Widerstandes mit einer dauernden Schädigung ihrer persönlichen Beziehungen. Constantin wünscht aber, neutral zu bleiben, und sträubt sich in seinem Telegramm vom 2. August mit aller Macht dagegen, nun plötzlich seine ganze politische Richtung zu ändern, dem Erbfeind Griechenlands, Bulgarien, zu einer Machterweiterung zu verhelfen, »über die Serben herzufallen, da sie einmal unsere Verbündeten sind«, und den Bukarester Frieden, dessen Dauerhaftigkeit Wilhelm II. selbst in seinem solennen Telegrammwechsel mit Carol erst im August 1913 garantiert hatte, umzustoßen. »Von dem ist jetzt nicht mehr die Rede«, schreibt der Kaiser, an dessen Wort man nicht deuteln soll, an den Rand dieses Telegramms, der »Balkan marschiert«, fügt der große Friedenskaiser in befehlendem Ton hinzu, er antwortet dem griechischen König nicht mehr selbst, sondern läßt ihm nur durch seine Regierung ankündigen, daß, wenn er »nicht jetzt sofort mitgeht«, er »als Feind behandelt« werden wird[26]. Hier dient also der deutsche Kaiser persönlich als Zutreiber für den kriegssüchtigen Grafen Berchtold. Auch bei der _Türkei_ sieht der Vielgeschäftige persönlich nach dem »Rechten«. Hier stößt die papierene Kombination der Ballplatz-Weisen auf eine ganz neu erwachsene Schwierigkeit. Herr v. Jagow selbst, den Graf Berchtold am 14. Juli um seine Meinung fragen läßt, ist nämlich entschieden dagegen, die Türkei in diesem Zeitpunkt an den Dreibund heranzuziehen[27]. Auch der deutsche Botschafter in Konstantinopel beeilt sich, am 18. Juli die Berliner Regierung davor zu warnen, indem er darlegt, _daß die Türkei derzeit »vollkommen bündnisunfähig« sei_[28]. _Doch Graf Berchtold, der Tonangebende, siegt._ Der Kaiser entscheidet am 24. von der hohen See aus, wo er gerade seine Erholungsreise macht, selbstverständlich, ohne seinen Ministern auch nur formell Gelegenheit zur Raterteilung zu geben, »trotz bestehender Zweifel über die Bündnisfähigkeit der Türkei«, »aus Opportunitätsgründen die Geneigtheit der Türkei zum Dreibundanschluß zu benützen[29]«. So wird denn dieses Bündnis auch am 2. August geschlossen[30]. Der Verlauf des Krieges hat die Zweifel des Konstantinopler Botschafters gerechtfertigt. Blind und taub folgt Berlin der Führung Wiens. Auch die Warnungen des deutschen Botschafters in London, ihres wichtigsten Berichterstatters, schlägt die Berliner Regierung in den Wind. Diesem kündigte bereits ein Erlaß vom 12. Juli »ernstere Maßnahmen gegen Serbien« an, die »zu allgemeinen Komplikationen führen könnten«. Der Diplomat verstand, was die Euphemismen »ernstere Maßnahmen« und »allgemeine Komplikationen« zu bedeuten hatten: »Krieg gegen Serbien« und »Weltkrieg«. Der Londoner Botschafter Fürst Karl Lichnovsky, der in allen seinen Berichten ein richtiges, durch die Tatsachen nachträglich nur allzu traurig bestätigtes Urteil zeigt, warnt die Berliner Regierung sofort am 14. Juli vor Illusionen über die Haltung der englischen Regierung und der englischen Presse[31]. Herr v. Jagow repliziert am 15. Juli[32]. Lichnovsky verschärft am 15. Juli seine Warnungen[33]. Zu dieser Depesche schreibt Herr v. Jagow an den Rand: »_Das ist leider alles richtig_«, verfolgt aber -- noch mehr müssen wir nachträglich »leider« sagen -- seine von Wien inspirierte, von ihm selbst als falsch erkannte Politik weiter, ohne Lichnovskys Warnungen auch nur nach Wien weiterzugeben. Ist das noch bona fides, ist das Treue, ist das Ehrlichkeit?
Berlin erweist sich nach jeder Richtung des Vertrauens des Grafen Berchtold würdig. Seine Eingeweihtheit in die Wiener Pläne benützt der Reichskanzler, um den Ententemächten bei den kommenden Verhandlungen einen kleinen Vorsprung abzugewinnen. Schon am 21. Juli, also zwei Tage vor Überreichung des Ultimatums, erläßt Herr v. Bethmann einen ausführlichen Zirkularerlaß an die Botschafter in Petersburg, Paris und London, worin er sie über die Pläne der Wiener Regierung -- irreführt. Er versichert ihnen, um sie für die kommenden Verhandlungen zu instruieren, daß die Forderungen der österreichisch-ungarischen Regierung an Serbien als »billig und maßvoll angesehen werden können«, und -- der Heuchler! -- spricht die »Befürchtung« aus, die böse serbische Regierung könnte diese maßvollen Forderungen ablehnen und Österreich-Ungarn »provozieren«, wo doch der Reichskanzler sehr gut weiß, daß die Forderungen von Wien absichtlich unannehmbar formuliert worden sind, und Wien einen Krieg mit Serbien unter allen Umständen will, den er selbst durch Bündnisverhandlungen mit den anderen Balkanstaaten und Passivität gegenüber Serbien gut vorzubereiten so eifrig bestrebt ist. Daß _ein Reichskanzler die eigenen Botschafter irreführt_, um der Wiener Regierung zu helfen, geht doch wohl über alles erdenkliche Maß von »Nibelungentreue« hinaus. Um übrigens die Lüge, daß er das Ultimatum vor seiner Überreichung nicht gekannt habe, aufrechterhalten zu können, hat Herr v. Bethmann diesen Erlaß vom 21. Juli 1914 im deutschen Weißbuch vom Mai 1915 auf den _23. Juli nachdatiert_[34]! Das geht noch über die Selbstverleugnung des Herrn