Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena einer realistischen Aesthetik
Part 7
Nicht Wenige, die sich im Allgemeinen an das Causalprincip gewöhnt haben, wie es die logische Wissenschaft lehrt, meinen in Folge dessen jeden Zufall, der als Factor in einer Dichtung auftritt, schlechtweg als unerlaubten deus ex machina verwerfen zu müssen. Im letzten Grunde der Erscheinungen hängt ja Alles zusammen, das ist richtig. Trotzdem bietet die Welt von einem Standpuncte wie unserm menschlichen, der gewissermassen sehr weit ab in der grossen Kette liegt, das schematische Bild einer unendlichen Menge in sich geschlossener Linien dar, innerhalb deren alles causal verknüpft ist und ohne fremde Beihilfe weiterläuft. Jede Kreuzung zweier dieser Linien erscheint vom Standpuncte der beiden einzelnen wie ein in keinem ihrer eigenen Richtungsgesetze begründeter grober Stoss von aussen. Diesen jedesmaligen Kreuzungsstoss nennen wir Zufall. Vom hypothetischen Standpuncte einer Kenntniss sämmtlicher anfänglicher Richtungsverhältnisse aller causalen Sonderlinien zueinander, also einer mathematisch exacten Vorstellung von der anfänglichen Atomlagerung der irdischen Welt aus hörten die Empfindungen dieses unerwarteten Stosses und damit der Zufall als Sonderbegriff auf zu existiren. Der menschliche Standpunct den Dingen gegenüber ist hiervon noch sehr weit entfernt. Wenn ich in einer Weltstadt von zwei Millionen Einwohnern an einem Tage mit meiner individuellen Linie ohne jede bewusste Abneigung zu einer zweiten hin vier Mal auf diese zweite treffe, also einem und demselben Bekannten vier Mal an vier verschiedenen Orten, die wir beide ohne Kenntniss von der Anwesenheit des andern aufsuchten, begegne, so bleibt mir das, aller atomistischen Nothwendigkeit unbeschadet, persönlich ein vierfacher Zufall. Oder im oben gewählten Beispiele von der neu entstehenden Raubthierart: wenn dort die in sich geschlossene Causalitätsreihe innerhalb des doppelt behaarten Individuums mit der absolut unabhängigen klimatischen Causalitätsreihe, die den strengeren Winter bewirkt, zusammenstösst, so ist dieser Zusammenstoss Zufall. Das Weitere nicht mehr; denn die Erhaltung jenes Individuums und die folgende Ausbildung einer neuen Rasse sind von da ab logische Consequenzen des Zufalls, der als solcher den Ausgangspunct einer neuen, selbstständigen Causalitätslinie bildet. Vom Dichter verlangen, dass er diesen Erscheinungen gegenüber seinen menschlichen Betrachtungsstandpunct aufgeben und uns nur noch überall geschlossene Linien vorführen sollte, hiesse denn doch gerade die Wirklichkeit in seinen Bildern antasten. Wir wissen physikalisch sehr gut, dass unsere Auffassung beispielsweise von der Farbe der Gegenstände eine illusorische ist, indem wir die Farbe an den Dingen haftend glauben, während sie in unserm Auge liegt; soll etwa deswegen der Dichter nicht mehr von rothen Rosen oder blauem Himmel sprechen? Ja, man kann geradezu sagen, dass eine schärfere Beachtung des Zufalls in seiner thatsächlichen Erscheinung den Dichter eher darauf führen wird, ihm eine mehr, als eine weniger wichtige Rolle zuzuertheilen. Man führe -- was fachwissenschaftlich bei Gelegenheit angeblicher mystischer Phänomene, zweitem Gesicht, Prophezeiungen und Aehnlichem fast zur Pflicht wird -- nur eine kurze Zeit seines Lebens einmal Buch über die Zufälle, denen man begegnet, vor allem die mehrfachen in derselben Sache. Man wird selbst staunen, welche Resultate man erhält, wie merkwürdig unwahrscheinlich das alltäglichste Leben im Grunde genommen ist! Hier und da, an einer Spielbank zum Beispiel, sind die tollsten Beobachtungen dieser Art in einem einzigen Tage zusammen zu bringen. In diesem Puncte aber ist das ganze Leben ein ununterbrochenes blindes Glücksspiel. Der Begriff der Wahrscheinlichkeit -- und hier liegt der Knoten -- der Begriff, den wir in jedem prüfenden Augenblicke hineinschmuggeln, ist eben in Wahrheit nichts Reales. Für unsern Standpunct ist es, wenn wir einen Würfel fallen lassen, selbst wenn er fünf leere Seiten hat, positiv nicht wahrscheinlicher, dass eine der leeren, als dass die einzige bezeichnete Seite nach oben zu liegen kommt. Jede Wahrscheinlichkeit hört der freien Macht des Zufalls in der Welt gegenüber auf, gerade weil der Zufall im letzten Ende auch ein Nothwendiges, uns aber völlig Verhülltes einschliesst. Ich weiss recht wohl, dass sich das ganze Innere des logisch denkenden Kritikers auflehnt, wenn ein Poet uns eine Liebesgeschichte erzählt, die auf fünf oder sechs groben Zufällen, wie ungewolltes Begegnen, aufgebaut ist. Und doch spreche ich es rund als meine Ueberzeugung aus, dass man Bände füllen könnte mit der einfachen Aufzählung der grossen und kleinen Zufälle, die bei einer nicht annähernd gleich verwickelten Geschichte im wahren Leben bei peinlicher Beobachtung sich ergeben würden, denn mit jedem Schritt, den wir thun, kreuzen wir fremde ungeahnte Causalitätsreihen, die in Folge der neuen Reihe, die aus dem Contact hervorgeht, eine Macht innerhalb unserer eigenen Linie werden. Ein ganzes Menschenleben bis in dieses feine Gewebe seines Schicksals hinein zu zergliedern: das wäre ein Kunstwerk, wie wir es noch nicht einmal ahnen. In Wahrheit giebt es wenige Puncte, die dem Beobachter so schmerzlich nahe legen, wie weit unsere Kunst in all' ihrer Erfassung des Menschlichen noch hinter der Wirklichkeit zurücksteht.
Das Wort des alten Malers bei Zola muss uns trösten: »Arbeiten wir!« Arbeit steckt auch in all' diesen darwinistischen Problemen, Arbeit nicht bloss für den Naturforscher, sondern auch für den Dichter. Sagen wir uns unablässig, dass die Arbeit, das harte, mit dem Leben ringende Künstlerstreben, unser wahres Erbe von den grossen Geistern der Vergangenheit her ist, nicht das unklare Träumen. Genialität wird geboren; aber das Ausleben der Genialität ist unablässige Durchdringung des Stoffes, ist ewiges Studium; wenn sie das nicht ist, so ist sie eine Krankheit, für die der schonungslose Kampf um's Dasein die ideale Nemesis wird, indem er sie ausrottet.
Siebentes Capitel.
Eine Schlussbetrachtung.
In dem Augenblicke, wo ich diese Studie abschliesse, hat die realistische Bewegung bei uns in Deutschland eine Form angenommen, die es mehr und mehr wünschenswerth erscheinen lässt, das Wort zu friedlicher Verständigung zu ergreifen. Während in Russland und Frankreich muthige Werkmeister sich in harter Arbeit um die neuen Stoffe der Dichtung mühen und, bald mit falschen, bald mit treffenden Schlägen, doch unablässig das Rohmaterial gefügig machen und das Instrument üben, vernimmt man bei uns viel Lärm und sieht wenig Früchte. Man ist allerdings bisweilen geneigt, das laute Geschrei bloss für das harmlose Jauchzen von Schulknaben zu halten, die einen freien Tag haben, weil ihre Lehrer zu stiller, ernster Conferenz über die wichtigsten Fragen des Unterrichts zusammengetreten sind. Werden wir erleben, dass auch die Stimme der Meister einmal laut wird und uns in anderer Weise, als das Gezwitscher der Jungen es vermochte, von der Bedeutung der Stunde Rechenschaft ablegt? Wir haben es schon oft gesehen, dass der Deutsche zuletzt kam, dann aber dem Ganzen die Krone aufsetzte, indem er ihm aus der Tiefe seiner geistigen Entwickelung heraus Dinge verlieh, die keine andere Nation je besessen. Ich bin auf diesen Blättern wiederholt gezwungen gewesen, den Namen Zola zu nennen, und ich kann es als meine ruhige Ueberzeugung auch hier noch einmal aussprechen, dass mir Zola in vielen Puncten sehr hoch steht, sowohl in seinem Können, wie in der Ehrlichkeit seines Wollens. Aber ich möchte diese fragmentarische Behandlung des realistischen Problems nicht schliessen, ohne vorher noch mit ein paar Worten auch dem deutschen Antheil an der Entstehung jener ganzen Richtung -- wie immer unsere Besten im Augenblick sich zu ihr stellen mögen -- gerecht geworden zu sein. Wenn die Literaturgeschichte dereinst mit dem Werkzeuge einer geläuterten darwinistischen Methode die Wurzeln dessen aufdecken wird, was wir jetzt Realismus in der Poesie nennen, so wird der Hass der gereizten Parteien sich versöhnen müssen in der Erkenntniss ihres gemeinsamen Ursprungs. Einseitige Beurtheiler schmähen heute in Zola das Stück Victor Hugo, das unbezweifelbar in ihm steckt; die einsichtigere Zukunft wird sich mit Ruhe sagen dürfen, dass es sich hier einfach um eine Entwickelung handelt, dass der Zola'sche Realismus sich folgerichtig als zweite Stufe des bessern Theils in Victor Hugo aus dem Hugo'schen Idealismus ergeben musste. Nicht anders ergeht es uns in Deutschland. Indem wir scheinbar neue Wege wandeln werden, werden wir unbewusst doch nur das bessere Theil unserer grossen literarischen Vergangenheit ausbauen. Welch' himmelweite Kluft trennt scheinbar eine deutsche Dichtung, die sich in dem von mir im Vorstehenden ausgeführten Sinne mit den Principien der Naturwissenschaft in Einklang setzt, von einem Freytag'schen Romane! Und doch ist das alles nur scheinbar. Als Freytag den tiefen Ausspruch Julian Schmidt's zum Motto machte: »Die Dichtung soll das Volk bei der Arbeit aufsuchen«, war er nach den Träumen der Romantik im Grunde der Begründer des Realismus. Anderes hat dann, sollte man glauben, die Linie abgelenkt, die Richtung auf das Historische hat den Roman wieder auf ein neues Gebiet gedrängt. In schärferer Beleuchtung erscheint auch das als ein realistisches Symptom. Man wollte die Ahnen in der Dichtung sehen, um die Enkel in ihrer Arbeit zu begreifen. Leichter Sinn sieht in diesen krausen Gängen, die das Princip gewandelt, eine Modekrankheit. Das heisst nichts. Krankhaft war allerdings und ist hier mancher Detailzug geblieben, wie ich das in dem Capitel über die Liebe vielleicht schroff, aber als volle Ueberzeugung ausgesprochen. Doch selbst dieser Tadel trifft kaum die Bessern, fast nur die Kleinen. Die historische Dichtung als Ganzes war eine berechtigte Pionierarbeit -- grösser und glänzender als sie, folgt ihr freilich jetzt die Aufgabe, das Geschichtliche nicht darzustellen in künstlich belebten Bildern des Vergangenen, sondern in seiner lebendigen Bethätigung mitten unter uns, in seinen fortschwirrenden Fäden, in seiner Macht über die Gegenwart.
Von diesem freien Standpuncte aus verliert der Kampf um den Realismus seine Bitterkeit. Die grosse Literatur, auf die wir stolz sind, erscheint wieder als Ganzes, wo jeder Bedeutende sein Recht erhält. Und am Ende, wenn auch bei uns in Deutschland der Realismus im neuen Sinne einmal seine grossen Vertreter gefunden hat, wird als Summe sich ergeben, dass wir, die wir auf einer stofflich reicheren und tieferen Literatur fussen, als die Nachbarländer, auch nun in jenem Gebiete fester und sicherer uns ergehen werden, als die Franzosen und Engländer oder die Russen und Skandinavier. Gerade den Jüngeren, die jetzt so viel Lärm schlagen, kann nicht genug an's Herz gelegt werden, dass Realisten sein nicht heissen darf, die Fühlung mit den grossen Traditionen unserer Literatur verlieren. Studirt Zola, achtet ihn, helft die Kurzsichtigen im Publicum aufklären, die keinen Dichter vertragen können, der im Dienste einer Idee selbst das Extreme nicht scheut; aber gebt euch nicht blind für Schüler Zola's aus, als wenn in Paris ein Messias erstanden sei, der alle alten und neuen Testamente auflösen sollte. Studirt, was Zola sich zu thun ehrlich bemüht hat, Naturwissenschaften, beobachtet, wendet Gesetze auf das menschliche Leben an, das ist alles schwere Arbeit, aber es bringt uns vorwärts. Und vor allem: vergesst nicht, dass ihr der deutschen Literatur angehört, dass hinter euch Göthe und Schiller stehen und dass ihr ein Recht habt, euch als deren Enkel selbstständig neben den Schüler Balzac's und Nachfolger Victor Hugo's zu stellen, was die Vergangenheit und den Bildungsgrad eures Volkes anbetrifft. Die Wissenschaft ist internationales Gut, Jeder kann sie sich aneignen, der sich der Mühe unterzieht. Aber bildet euch nicht ein, das leere Poltern und Schreien hülfe irgend etwas. Ihr habt jetzt nach Kräften auf den historischen Roman gescholten, obwohl darin doch wenigstens ordentliche Arbeit, ordentliches Studium steckte. Ich will glauben, dass das Schelten begründet war, wenn ihr zeigt, dass ihr mehr könnt, dass ihr das unendlich viel erhabenere Problem zu lösen wisst, wie die Fäden der Geschichte sich verknoten im socialen und ethischen Leben der Gegenwart, wie man historische Dichtungen schreibt, die gestern und heute spielen. Ihr habt die weiche, tändelnde Lyrik ausgepfiffen auf allen Gassen. Auch das soll gut und recht sein, wenn ihr mir eine neue Lyrik zeigt, die an Göthe und Heine organisch anknüpft und doch selbstständig das Herzensglück und Herzensweh des modernen Menschen zum Ausdruck bringt. Macht der Welt klar, dass der Realismus in Wahrheit der höchste, der vollkommene Idealismus ist, indem er auch das Kleinste hinaufrückt in's Licht des grossen Ganzen, in's Licht der Idee. Dann werden die Missverständnisse aufhören. Der Leser wird nicht mehr der Ansicht huldigen, wenn er eine realistische Dichtung aufschlüge, so umgellte ihn das Gelächter von Idioten und Cocotten, und wenn man, was überhaupt recht rathsam wäre, sich bloss genöthigt sähe, das Romanlesen bei unreifen Mädchen etwas mehr einzuschränken in Folge des Ueberwiegens der realistischen Richtung, so sollte das unser geringster Schmerz sein. Freilich wird es auch ohne Missverständnisse noch manchen harten Kampf kosten, bis die Mehrzahl der geniessenden Leser sich an das schärfere Instrument des Beobachters gewöhnt haben wird. Das kommt nicht von heute auf morgen. Zunächst muss das Vertrauen in der Menge für den realistischen Dichter gewonnen werden, und wir werden gut thun, die Schauerscenen nach Kräften zu vermeiden, so lange die Vorurtheile noch so sehr gross sind. Auch werden die Lyrik und das Drama, die ja immer mehr zum Herzen sprechen, den harten Tritt des Romanes dämpfen helfen, wenn sie erst einmal zur Stelle sind. Am Ende wird auch die Masse des Volkes besser sehen lernen, und das ist für alle Fälle ein Gewinn. Die Poesie wahrt so nur ihre alte Rolle als Erzieherin des Menschengeschlechtes, und indem sie es thut, darf sie hoffen, auf freundlichem Boden sich mit der Naturwissenschaft zu begegnen. Beide reichen sich dann die Hand in dem Bestreben, den Menschen gesund zu machen.
C. G. Röder, Leipzig.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert. Alte und unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten.
Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
S. 12: Methaphysische → Metaphysische Das {Metaphysische} kann ich dabei nur streifen
S. 53: uud → und {und} indem der wachsende Embryo
S. 57: letztere → letzteres {letzteres} etwas Geistiges