Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena einer realistischen Aesthetik

Part 5

Chapter 53,288 wordsPublic domain

Nehmen wir einmal für einen heitern Moment an, es gäbe eine Dichterschule, die den kühnen Satz als poetisches Programm aufstellte, die physiologische Function der Nahrungsaufnahme im Menschen gehöre zu den höchsten und dankbarsten Vorwürfen der Poesie, und thatsächlich durch practische Werke ersten Ranges die Haltbarkeit dieses Programmes darthäte. Man müsste die Gründe prüfen, die jenem Unterfangen zu Grunde lägen und, wofern diese stichhaltig wären, sich darein finden und der Sache freuen. Jetzt aber käme eine Spaltung innerhalb der neuen Partei und es erhöben sich beredte Apostel, die Folgendes aufstellten. Das Essen selbst sei etwas Unschönes, Unappetitliches, wohl gar Unmoralisches, dürfe nur im Geheimen geübt werden, sei kein Gegenstand der Poesie. Ein poetisches Element stecke bloss im Hunger. Von unvergleichlichem dichterischen Werthe sei jener eigenartige nervöse Zustand des Gehirns bei leise dämmerndem Hungergefühl, jener Wechsel von geistigem Eifer und geistiger Abspannung in seinen tausend feinen Nuancen, wie er dem Mahle vorausgehe, bis zu jenen Anfällen von Raserei, von Hallucinationen und von völliger Lethargie, wie sie bei Verhungernden in der Wüste sich zeigten, oder dem Ekel vor aller Nahrungsaufnahme, der Blasirtheit im Puncte des Appetits, wie sie durch sonstige Störungen des Nervensystems hervorgebracht würden.

Ich glaube, man würde, selbst das Ganze zugestanden, diese Sectirer der letztern Sorte für Narren erklären.

Ich bin weit entfernt, diesen Titel auf alle Poeten anzuwenden, die das Liebesproblem nach derselben Seite hin einseitig gefasst haben, aber das Gefühl eines vollkommenen Parallelismus kann ich nicht opfern. Das natürliche Ziel der Liebesempfindung, so höre ich von allen Seiten, soll man in der Poesie verschleiern und beseitigen, die Empfindung selbst, die voraufgeht, verherrlichen. Ersteres soll etwas grob Sinnliches sein, letzteres etwas Geistiges. In der That, auch der Hunger ist scheinbar mehr ein nervösgeistiges Phänomen als das Zerkauen der Nahrung zwischen den Zähnen. Aber diese geistige Disposition ist, was beim Hunger kein kleines Kind je bezweifelt hat, doch unmittelbares Erzeugniss eines physiologischen Vorganges. Ganz so die Liebe. Es ist physiologisch sogar leichter, die Liebe aus dem Geschlechtsbedürfniss, als den Hunger aus dem leeren Magen abzuleiten. Erst von einem gewissen Alter ab entwickeln sich beim Menschen die mechanischen Bedingungen des Zeugungsactes; Hand in Hand mit dieser Entwickelung schreitet das allmähliche Erwachen und Functioniren des sexuellen Hauptcentrums im Gehirn vor, dessen Thätigkeit wir uns in der geistigen, nervösen Erscheinung des Liebesgefühls bewusst werden. Jüngling und Mädchen beginnen sich als etwas Gegensätzliches zu betrachten, das doch eine Vereinigung fordert, der Unterschied der Formen erweckt unklare Phantasiebilder, die durch individuelle Sympathieen meist sehr bald eine feste Gestalt annehmen, die Gestalt eines subjectiven Ideals, mit dem vorkommenden Falles die geschlechtliche Vereinigung grössern Reiz gewähren würde, als mit jedem zweiten Wesen des andern Geschlechtes.

Gegen diese einfache, dem Thatsächlichen Rechnung tragende Auffassung der Liebe als Anregung einer gewissen Gehirnpartie in Folge eines dem Gesammtorganismus, dem Zellenstaate, erwachsenen Bedürfnisses erhebt sich aber jene andere Meinung mit erneuter Macht, indem sie das Wort »die Liebe ist etwas Geistiges« so gefasst haben will, dass darin noch etwas Besonderes stecken soll. Dieses Besondere aber, das meist nicht näher definirt, dafür aber desto mehr gepriesen und dem »Gemeinen« gegenüber gesetzt wird, stellt sich bei kritischer Zerlegung sehr leicht als ein Doppeltes heraus. Einmal ist es ein »Göttliches«, ein »göttlicher Funke«, der in der Liebe zum Ausdruck kommen soll, also ein Stück Metaphysik -- das andere Mal ein »Wahnsinn«, eine »zerstörende Macht«, also, physiologisch gesprochen, ein Stück Psychiatrie. Wer sich davon überzeugen will, ob diese Zerlegung des beliebten Begriffes richtig ist, der unterziehe sich der Aufgabe, aus einigen Dutzend Romanen und lyrischen Gedichtsammlungen der Alltagsmode die Phrasen herauszuschreiben, in denen der Autor selbst oder seine Haupthelden ihre Liebesgefühle definiren. Stets wird er das Entweder -- Oder finden: die Liebe ist von Gott -- die Liebe ist Wahnsinn. Nur höchst selten wird er auch einmal verschämt angedeutet finden, dass die Liebe auf natürlichen Gesetzen und Functionen basirt, die ihre feste und geordnete Stellung im Zellenstaate des menschlichen Organismus einnehmen. Am »Göttlichen« in der Liebe zweifeln, ist für diese Poeten und ihre Verehrer gleichbedeutend mit äusserster Roheit und Gefühllosigkeit. Gleichwohl ist der realistische Aesthetiker, der auf naturwissenschaftlichem Boden steht, genöthigt, den Ausdruck für gänzlich werthlose Phrase zu erklären. Wenn »göttlich« so viel heissen will, wie in eminentem Sinne gemahnend an unsere Abhängigkeit von einer grossen Entwicklungswelle, an die Unterordnung des Subjectiven unter das Allgemeine, so kann man sich das Wort gefallen lassen für das eigentliche Ziel der Liebe, für die ganze Annäherung und Vereinigung der Geschlechter. Das angeblich Roheste und Gemeinste ist dann das hochgradig Göttlichste und die Verbindung von Mann und Weib in ihrer physiologischen Thatsächlichkeit der göttlichste, d. h. der Gottheit nächst stehende Act, den das individuelle Menschenleben überhaupt umschliesst. Die göttliche Mission des Weibes besteht dann in seiner Schönheit, die den Mann reizt -- die Liebe, mit der die Gatten einander begegnen, ist der höchste Gottesdienst. In solchem Sinne mag das Wort gelten. Aber diese Auslegung läuft dem gewöhnlichen Wortbegriffe schnurstracks entgegen. Andererseits die Liebe schlechthin als Wahnsinn zu bezeichnen, ist physiologisch eine Ungeheuerlichkeit. Das Geschlechtscentrum im geistigen Apparate des Menschen kann erkranken, das ist richtig. Die Liebe kann eine Verrücktheit werden, sie kann vermöge der Trennung von functionirendem Geschlechtsorgan und nervösem Gehirncentrum eine Geisteskrankheit werden, deren Wahngebilde jede Fühlung mit den wahren Zielen des natürlichen Triebes verlieren, so gut wie es psychiatrische Fälle giebt, in denen der Kranke jedes Gefühl für Nahrungsaufnahme verliert und ohne Hilfe bei normalem Munde und Magen verhungern würde. Diese sexuellen Geisteskrankheiten sind streng zu unterscheiden von den Krankheiten der sexuellen Functionsorgane. Sie treten zumeist als Folgen bereits vorhandener anderer Verbildungen des Gehirns auf. Seit uralten Zeiten sind sie eine Begleiterscheinung bestimmter Formen von religiösem Wahnsinn gewesen und lassen sich als solche durch die Geschichte der orientalischen Völker wie der abendländischen bis in's Mittelalter und bis auf den heutigen Tag verfolgen -- eine Aufgabe, der allerdings noch kein grosser Historiker sich im rechten Masse unterzogen hat. Sie treten ferner chronisch und wahrscheinlich sogar erblich bei Nationen auf, deren cerebrale Centra durch Ueberbildung und zwecklosen Luxus geschwächt und verdorben sind; dahin gehört die gesammte historische Entwickelung der Päderastie, bei deren Beurtheilung übrigens der moderne Rechtsstandpunct so wenig durch die Erkenntniss des Krankhaften verrückt wird, wie es durch die Leugnung der Willensfreiheit auf andern Gebieten geschieht. Selbst die einfache Einseitigkeit in der Anstrengung gewisser Gehirnpartieen beim vollkräftigen Genie besitzt meistens einen irgendwie schädigenden Einfluss auf die benachbarte sexuelle Gegend des nervösen Centralapparates, so dass die geschlechtlichen Neigungen sehr grosser Männer durchweg nicht als Muster des Normalen gelten können, äussere sich dieses Abweichen von der Linie nun in widernatürlicher Enthaltsamkeit oder unbändiger Ausschweifung.

Aus allen diesen Einschränkungen ergiebt sich nun aber doch noch lange nicht die Krankhaftigkeit +aller+ Liebeserscheinungen. Die Liebe soll ein Zwang sein, der auf dem freien Bewusstsein lastet, der die Seele knechtet und zu Gemeinem treibt. Da liegt der fundamentale Irrthum. Um das freie Bewusstsein, die unabhängige göttliche Seele zu retten, erklärt man den einfachsten und logischsten Naturtrieb für eine unwürdige Fessel, die uns an's Gemeine kettet. Hier, wie bei dem andern Falle liegen die Wurzeln im Metaphysischen, sagen wir immerhin, da wir von modernen Dichtern sprechen: im Christlichen. Die künstliche Seele, die uns diese religiösen Anschauungen in den Menschen hineingedacht haben, empfindet schliesslich die ganze Natur, auch wo sie heiter und glücklich macht, als Zwang. Der Zeugungsact verwandelt sich ihr, obwohl von anderem Standpuncte, von anderer cerebraler Verbildung aus, als bei dem sexuell erkrankten Don Juan oder dem geschlechtlich complet wahnsinnigen alten Griechen, in ein leeres Spiel, eine Dummheit, von der wir uns frei machen möchten. Das fällt aber selbst bereits in's Gebiet der sexuellen Gehirnkrankheit.

Der einfache Schluss ergiebt sich: jene ganze Literatur, die in guten oder schlechten Versen, reiner oder fehlerhafter Prosa uns unablässig von dem Dämon der Liebe, von der Knechtung unter das Joch Amors seufzt und die reine, heilige, göttliche Minne preist -- jene ganze Literatur ist Product einer mehr oder minder entwickelten sexuellen Gehirnschwächung, die täglich weiter um sich greift, je mehr Menschen mit empfänglichem, für die Gewohnheitslinien des Unterrichts geebnetem Gehirn jene Literatur lesen und wieder lesen. Ein schwererer Vorwurf kann meines Erachtens gegen eine ganze Richtung der Poesie nicht wohl erhoben werden. Die nothwendige practische Folge ist, dass eine Scheidung entsteht zwischen der gewöhnlichen, normalen Liebe, der sogenannten hausbackenen, und jenem metaphysisch verbildeten, in lauter Jammer und Träumen dahinsiechenden Zerrbilde der Liebe, das Roman, Drama und Lyrik allerorten predigen. Der gesunde Spiessbürger, der seine Gehirncentra noch in erfreulicher Ordnung beisammen hat, unterscheidet schliesslich mit sicherm Gefühl die »Liebe, wie sie im Leben vorkommt« von der »Liebe in Büchern und Theaterstücken«, und der junge Mann oder das junge Mädchen, die sich schon in unreifen Jahren durch das beständige Hören und Lesen in letztere zuerst hineinhimmeln, sehen sich durchweg bei späterm, reifem Eintritt in das wirkliche Leben genöthigt, jenes erste Bild zwangsweise wieder aus dem Gehirn herauszuschaffen -- ein Process, der in nur zu vielen Fällen gar nicht mehr gelingt -- so wenig, wie ein Kind, das man an Morphium gewöhnt hat, später noch normal einschlafen kann. Wer nicht blind ist, muss einsehen, dass wir hier dem vollkommenen Bankerotte der erotischen Poesie entgegensteuern, denn was sich vom Normalen derartig trennt, muss über kurz oder lang nothwendig gewaltsam unterdrückt werden. Anstatt aber Hilfe zu schaffen, wüthet man vielmehr gegen jede Sorte von Schriftstellern, die der Liebe in ihren Dichtungen wieder zu einem natürlichen Boden verhelfen möchten. Es ist eine höchst traurige Erscheinung, wie dabei alles durcheinander geworfen wird. Männer, die mit Bewusstsein daran gehen, die Kehrseite der echten Liebe in den krankhaften Entartungen zu schildern, stellt man ganz unbefangen neben oder unter solche, die selbst im Banne sexueller Gehirnaffectionen stehen und ihre Bücher mit den unlogischen Gebilden ihrer kranken Phantasie füllen, ohne ihre Abirrung vom Normalen selbst zu empfinden. Gewiss sind auch jene bewussten Studien über das Abnorme mehr oder weniger eine unerfreuliche Lectüre und gewinnen höchstens durch den Contrast, den das Logische und Helle der wahren Liebe selbst unausgesprochen gegen alle diese Fratzen und Verirrungen bildet. Aber welcher unendliche Fortschritt liegt schon allein in dem Bewusstsein, wie es Zola's Nana oder Daudet's Sappho vertreten -- dem schneidig scharfen Bewusstsein, dass wir es hier mit kranken Menschen zu thun haben, mit krankhaften Situationen, krankhaften Verwickelungen. Von der Erkenntniss des Falschen, Ungesunden zur Erkenntniss des Wahren und Gesunden ist aber nur ein Schritt. Jene Schriftsteller, die vor unsern Augen sich so eifrig mit dem Studium der entarteten Liebe befassen, bekunden bereits auf Schritt und Tritt eine weit tiefere Einsicht in das Gebiet des Normalen, wie hundert andere, die nach ihrer und ihrer Leser Meinung niemals die Linie des Erhabenen auf erotischem Gebiete verlassen haben. Eine zukünftige Poesie, die sich an die Ersteren anlehnt, ohne ihnen auf ihr Specialgebiet zu folgen, wird das Grösste zu leisten im Stande sein. Wir wollen übrigens darin Gerechtigkeit walten lassen, dass wir unsern Poeten, die theils unbefangen, theils mit kritischem Bewusstsein immerfort das Krankhafte in der Liebe schildern, nicht die ganze Schuld daran aufbürden. Die Poesie -- wenigstens die unbefangene -- hilft zwar das Gift weiterverbreiten, aber sie empfängt es auch unablässig aus dem Leben zurück. Eine ungeheure Masse falscher Sentimentalität, künstlicher Gefühle, moralischer Unnatur belastet unser ganzes modernes Liebesleben. Freytag hat gelegentlich in seinem Romane von der verlorenen Handschrift ein anmuthiges Bildchen vom deutschen Mädchen entworfen, wie es unsere Bildung in unsern Städten heranbildet. Das Bild ist anmuthig geblieben, weil der Kern in diesem einzelnen Mädchen durch und durch gesunde Erbschaft war und das Sentimentale sich bloss in einer Form darüber ranken konnte, die dem Humor Stoff bot, aber ohne ernste Folgen blieb. Leider ist dieses Bild schon nicht mehr überall das Typische. Eine widerwärtige Sentimentalität greift wie ein schleichendes Gift allenthalben um sich und zeitigt ein Geschlecht von Menschenkindern, in deren Empfindungen so wenig waschechte Natur steckt, wie auf den Wangen einer Pariser Ballschönheit. Es ist vor allen Dingen Mission der Poesie, die hier viel gesündigt und viel gelitten, mit festem Muthe sich mehr und mehr dem Modegeschmacke entgegenzustellen. Sie kann es aber nur, indem sie echt realistisch wird, das heisst: sich an die Natur anlehnt. Der einfache Realismus, der den Menschen die wahren Kleider des Lebens anzieht, ist noch lange nicht ausreichend zum wirklichen Zweck. Es gilt tiefer zu gehen und die Welt wieder an den Gedanken zu gewöhnen, den sie durch Metaphysik, Sentimentalität und Katzenjammer so vielfach verloren: dass die Liebe weder etwas überirdisch Göttliches, noch etwas Verrücktes und Teuflisches, dass sie weder ein Traum, noch eine Gemeinheit sei, sondern diejenige Erscheinung des menschlichen Geisteslebens darstelle, die den Menschen mit Bewusstsein zu der folgenreichsten und tiefsten aller physischen Functionen hinleitet, zum Zeugungsacte. Damit eine derartige Rolle für die Poesie aber ermöglicht werde, ist es allererste Bedingung für den realistischen Dichter, sich über die näheren Puncte der physiologischen Basis des Liebesgefühls zu unterrichten. Nur eine strenge Beobachtung der Gesetze und Erscheinungen des Körperlichen in seinen verschiedenen Phasen kann zu neuen Zielen führen. Das erfordert freilich auch an dieser Stelle wieder harte Arbeit für den Poeten. Das leichte Fabuliren von den lustigen oder bösen Abenteuern verliebter Seelchen hört dabei auf, und der Dichter wird nothgedrungen sogar hin und wieder Pfade wandeln müssen, wo die landläufige Moral erschreckt zurückschaudert. Wer dazu nicht das Zeug in sich fühlt, der soll dem Liebesproblem fern bleiben; besser gar keine Liebesgeschichten mehr, als jene gefälschten; denn der Dichter mag lügen, wo er Lust hat -- es ist alles harmlos gegen das Lügen auf erotischem Gebiete, dessen Folgen bei dem von Natur gesetzten Nachahmungs- und Gewohnheitstriebe des menschlichen Geistes unmittelbar in's practische Leben hineingreifen. Ich nehme keinen Anstand, zu behaupten, dass wir überhaupt eine erschöpfende dichterische Darstellung des ganzen normalen Liebeslebens in Weib und Mann von seinen ersten Keimen bis zur reifen Mitte und wiederum abwärts bis zum langsamen Versiegen im alternden Organismus in der gesammten Weltliteratur noch nicht besitzen. Zola hat in seinem geistvollen und tiefen Romane »La joie de vivre« wenigstens gelegentlich einmal den Versuch gemacht, an einem gesunden weiblichen Typus ein vollkommen plastisches Bild zu entwickeln; aber bei seiner Neigung für das Pathologische, die ihm nun einmal im Blute steckt, ist das Ganze nach meisterhafter Anlage schliesslich doch einseitig und ohne die natürliche Versöhnung ausgelaufen. Was ich fordere, ist noch weitaus mehr. Ich fordere neben vollkommen scharfer Beobachtung eine bestimmte Tendenz. Man rede mir nicht davon, die realistische Dichtung müsse sich ganz frei machen von jeder Tendenz. Ihre Tendenz ist die Richtung auf das Normale, das Natürliche, das bewusst Gesetzmässige. Die Poesie hat mit wenigen, allerdings sehr hoch stehenden Ausnahmen bisher zu allen Sorten abnormer Liebe erzogen. Sie muss in Zukunft versuchen, dem Leser gerade das Normale als das im eminenten Sinne Ideale, Anzustrebende auszumalen. Nur dann giebt es noch einen Aufschwung in der erotischen Poesie. Der vermessene Ausspruch muss mit Macht widerlegt werden: das Gewöhnliche, jene Liebe, die der einfache Spiessbürger auch erlebt, wenn er gesund ist, sei zu gering für den edeln Schwung der Poesie. Das ist die schwerste Unwahrheit, die je Geltung gewonnen hat in der Literatur. Ihre Folge ist gewesen, dass wir hunderttausend Bände über eine sentimentale, nervös überspannte Liebe und eben so viele über eine unter alles Natürliche herabgesunkene Liebe besitzen -- eine Literatur voller Göttinnen und Cocotten, aber ohne Normalmenschen.

Unwillkürlich, indem ich dieses schreibe, schweift mein Blick in entlegene Tage hinüber. Wunderbare Gleichförmigkeit der auf- und niedersteigenden Wellen im Laufe der Culturgeschichte! Derselbe Gedanke, der uns heute zu so herbem Urtheile über eine grosse Masse der vorhandenen Poesie treibt, den wir als neue Frucht vom ewig fortgrünenden Baume der Erkenntniss zu pflücken glauben: er lebte in Cervantes schon, als er Don Quixote's Freunde die geistverderbenden Ritterromane zum Flammentode verdammen liess.

Wann erstehen unserer Zeit die treuen Freunde, die sie von ihren gefährlichen Lieblingen erlösen?

Fünftes Capitel.

Das realistische Ideal.

Ist es mehr als ein Wortspiel, ein heiteres Paradoxon, was in den beiden Worten der Ueberschrift liegt? Kennt der Realismus ein Ideal? Giebt es etwas derart in all' den Gigantomachieen des modernen realistischen Romans, diesen wilden Büchern, in denen der Mensch hoffnungslos ringt mit zerstörenden Gewalten, mit den zermalmenden Gespenstern der Vergangenheit, mit den rohen Naturmächten einer blinden mechanischen Weltordnung, in diesem öden Lande, das keine Götter mehr kennt, keine Freiheit des Willens, keine Unsterblichkeit im alten Sinne, keine von allen Banden der gemeinen Natur erlöste Liebe?

Es wäre vielleicht angemessener gewesen, diese Frage zu allererst aufzuwerfen, ehe wir uns der Mühe unterzogen, jene einzelnen Puncte näher zu prüfen. Ich habe gleichwohl den umgekehrten Weg gewählt. Anstatt das Wort »Ideal« unmittelbar mit seinem Vollgewicht in die Rechnung einzusetzen, habe ich mich bemüht, den Leser selbst mehr und mehr dem Begriffe nahe zu bringen, der nach meiner Ansicht sich innerhalb des Realismus allein noch mit jenem stolzen Worte deckt. Wer mir genau gefolgt ist, kann nicht mehr im Zweifel darüber sein.

Wir haben gebrochen mit der Metaphysik. Jenseits unseres Erkennens liegt eine andere Welt, aber wir wissen nichts von ihr; unser Ideal, so fern es eine lebendige Macht sein soll, muss irdisch, muss ein Theil von uns sein, muss der Welt angehören, die wir bewohnen, die in uns lebt und webt. Wir haben gebrochen mit den heitern Kinderträumen von Willensfreiheit, von Unsterblichkeit der Seelen in den Grenzen unseres Denkens, von einer göttlichen Liebe, die ein anderes, als das natürliche Dasein lebt. Unser Weg geht aufwärts zwischen zerborstenen Tempelsäulen, zwischen versiegenden Quellen, zwischen verdorrendem Laub. Wir wissen jetzt, dass unsere Visionen, unsere Prophetenstimmen, unsere leidenschaftlich schmachtenden und schwelgenden Gefühle nichts besseres waren, als Krankheit, Delirien des Fiebertraums, dämmernde Nacht des klaren Geisteslichts. Nun denn: wenn dem allem so ist, das Ideale geben wir damit doch nicht auf. Wenn es nicht mehr der Abglanz des Göttlichen sein darf, so ist ihm darum nicht benommen, die Blüthe des Irdischen zu sein, die tiefste, reinste Summe, die der Mensch ziehen kann aus allem, was er sieht, all' dem Unermesslichen, was sich in der Natur, in der Geschichte, in allem Erkennbaren ihm darbietet. Wenn er den Blick schweifen lässt über diese ganze Erde, über sein ganzes Geistesreich, so sieht er im Grunde all' dieser wechselnden Formen ein einziges grosses Princip, nach dem alles strebt, alles ringt: das gesicherte Gleichmass, die fest in beiden Schaalen schwebende Wage, den Zustand des Normalen, die Gesundheit. Ganz vollkommen erfüllt ist dieses Princip allerdings nirgendwo. Aber es schwebt über Allem als das ewige Ziel, niemals ganz realisirt, aber darum doch die unablässige Hoffnung des Realen. Es giebt nur einen Namen für dieses Princip, er lautet: Ideal. Vor diesem Ideale schwindet jeder Unterschied des Bewussten und Mechanischen in der Natur. Der Mensch, indem er sich seiner bewusst wird im Triebe nach Glück, Frieden, Wohlsein, harmonischem Ausleben des Zuerkannten, theilt nur den innern Wunsch, der allem Spiel molecularer Kräfte zu Grunde liegt. Das letzte Ziel des grandiosen Daseinskampfes, der zwischen den frei schwebenden Himmelskörpern wie zwischen den Elementen auf Erden, zwischen den einfachen chemischen Stoffen wie zwischen den geheimnissvollen Bildungen des organischen Lebens tobt, ist nichts anderes, als der dauernde Wohlstand von Generationen, die in Einklang mit der Umgebung gelangt sind. In diesem Sinne ist die Natur selbst erfüllt von einer tiefen, zwangsweisen Idealität, und wo ihre volle Entfaltung zu Tage tritt, äussert sich diese in der höchsten Annäherung an das ideale Princip des grösstmöglichen Glückes der Gesammtheit, an dem jedes Individuum seinen Antheil hat. Dunkel, wie der ganze Untergrund der grossen Daseinswelle, in der wir leben, für unsere Erkenntniss bleibt, ist die ideale Richtung auf das Harmonische, nach allen Seiten Festgefügte, in seiner Existenz Glückliche und Normale überhaupt die einzige feste Linie, die wir durch das ganze Weltsystem verfolgen können. Es ist die einzige treibende Idee, die aus dem ungeheuren Wirrsal des Geschehens einigermassen deutlich hervortritt, von der wir sagen können: sie verkörpert ein Ziel, einen Endpunct. Die weiteren philosophischen Träumereien, ob man sich die Welt denken solle als etwas ursprünglich Gutes, das schlecht geworden und nun im Banne eines metaphysischen Willens wieder zum Anfänglichen zurückstrebe -- ob das absolute Glück denkbar sei als absolute Ruhe oder harmonische Bewegung -- das alles geht mich hierbei herzlich wenig an.