Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena einer realistischen Aesthetik

Part 4

Chapter 43,278 wordsPublic domain

Mit Entschiedenheit muss ich mich nun aber gegen die zweite Hälfte jenes Doppelsatzes wenden. Ich frage: was will der Satz »mit dem Tode ist Alles aus«? In dem »Alles« steckt eine Vermessenheit, die derselbe Naturforscher, der eben die bestimmte, positive Einzelannahme eines Fortlebens der individuellen Seele zurückweisen musste, darum noch lange nicht kritiklos nachzusprechen gezwungen ist. In jenem »Alles« wäre enthalten, dass wir eine factische Kenntniss vom Wesen der ganzen Welt, wie des Individuums hätten. Das ist nicht der Fall. Es muss ganz scharf unterschieden werden: die bestimmte psychisch-physiologische Weltansicht des Naturforschers und die Welt an sich, die Welt, die sich hinter dem Bilde verbirgt, das wir sehen. Der Naturforscher ist ein Mensch. Er sieht Dinge um sich her, so weit seine Sinnesorgane und sein Gehirn ihm das erlauben -- nicht mehr. Die schärfsten Beweise sprechen dafür, dass diese Sinnesorgane und dieses Gehirn ihm nur einen ganz beschränkten Theil der wirklichen Welt zeigen, und es giebt eine Reihe von Puncten, die nahe zu legen scheinen, dass sogar dieser kleine Theil beeinflusst und möglicherweise gefälscht ist durch die feste Form seines beobachtenden und reflectirenden Organes. Da Alles, was wir gewahren, erst in unserm Centralorgan zum Bilde wird, so kann die Vermuthung nicht wohl widerlegt werden, dass die Structur dieses Organs auf die Form dieses Bildes einen Druck ausübt; man hat mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits ausgesprochen, dass die Begriffe des Raumes, der Zeit und der Causalität in unserm subjectiven Weltbilde erst Wirkungen dieses Druckes wären und somit überhaupt nur in uns, nicht in der Aussenwelt existirten; man hat mit ziemlicher Sicherheit den Begriff des Stoffes in uns selbst verlegt, während von Aussen nur Krafteindrücke kommen. Und es wird für den Laien am Besten ermöglicht, sich in diese kühnen, aber nicht unbegründeten Hypothesen hineinzudenken, wenn er sich an rohe Facta der Sinnenwelt hält (beispielsweise die Farben, welche bekanntlich nicht an den Gegenständen haften, die wir roth, blau oder grün sehen, sondern in unserm Auge sind) und sich mit ihrer Hilfe die Möglichkeit vergegenwärtigt. Während diese Ideenkreise die Fälschung unseres Weltbildes durch unser eigenes Denkorgan als wahrscheinlich hinstellen, zwingt andererseits die Forschung selbst zur Erkenntniss fester Grenzen. Wir sind nicht im Stande, jenen Parallelismus von Psychischem und Molecularem, von dem auf diesen Blättern bereits so oft die Rede gewesen ist, irgendwie zu verstehen. Wenn eine Molecülreihe rechts schwingt beim Gefühl des Schmerzes, links bei dem des Angenehmen, so ist damit noch keine Brücke geschlagen von der Schwingung zum Gefühl und wir können lediglich den nie wechselnden Parallelismus constatiren. Wenn wir den Begriff des Molecüls zerlegen und die tieferen Geheimnisse dessen aufzudecken versuchen, was wir mechanische Kraft nennen, so verwickeln wir uns nicht aus Unkenntniss der Sachen, sondern durch offenkundiges Versagen der Logik in unlösbare Widersprüche. Wir können nicht umhin, ein derartiges Aufhören aller wissenschaftlich gangbaren Strassen als Grenze zu bezeichnen. Wir fühlen sehr wohl, dass jenseits derselben noch sehr Viel liegt, ja, die fundamentale Kenntniss des Daseins eigentlich erst ihren Anfang nehmen würde, aber es ist nichts zu machen, wir können mit dem Gehirn, das wir haben, einfach nicht weiter. Ob unsere Urenkel mehr vermögen werden, muss ihnen ihr vielleicht weiter entwickeltes Gehirn sagen, es geht uns gegenwärtig nichts an.

Eine Wissenschaft aber, die von Grenzen, von Fälschungen ihres Weltbildes zu reden gezwungen ist, kann zwar innerhalb ihres Gebietes sehr wohl diese oder jene Thatsache als sicheres Resultat aufstellen, sie hat aber kein Recht, ihre Urtheile in der Weise zu verallgemeinern, dass sie sich für competent in Fragen der absoluten Welt, der Welt an sich, erklären darf. Die Wissenschaft ist nicht nur berechtigt, sondern genöthigt, ausdrücklich festzustellen, dass so, wie sich die Welt in unsern Menschenaugen deutlich erkennbar spiegelt, ein isolirtes Fortleben der Seele einfach unmöglich ist. Mit dem Tode ist eine Kette von Ereignissen der sichtbaren Welt zu Ende. Was beweist das für die wirkliche Welt, jene Welt, die sich noch unabsehbar hinter unsern Erkenntnissgrenzen dehnt und von der ein ganz kleines, getrübtes Endchen in unser Sehfeld sich erstreckt? Gar nichts. Wir, die wir weder wissen, was psychische und moleculare Vorgänge ihrem innersten Wesen nach sind, noch wie sie zusammen kommen, wir, die wir von Zielen, Zwecken, Sittlichkeit, Gesetzmässigkeit, Anfang, Ende, Schönheit oder Hässlichkeit der wahren Welt auch nicht das Geringste ahnen, wir sollten von etwas sagen, es sei zu Ende? Wir, die wir in einer Welt voll unendlicher, sich im Raum verlierender Linien, voll unendlicher Decimalbrüche, voll unendlich theilbarer Körper leben, wir sollen von irgend einem Ding sagen: Hier ist alles aus? Eine wohlfeile Philosophie, die aus dem schwankendsten unserer Begriffe, der Materie, etwas absolutes macht, mag sich dabei beruhigen; Naturwissenschaft ist das nicht.

Ich hoffe, dass man mich richtig verstanden hat. Alles was wir Menschen sehen, ist Physisches, auch das Psychische, in so fern es stets an ein Physisches geknüpft ist. Innerhalb dieses Physischen giebt es keine Unsterblichkeit. Aber wir haben Grund zu glauben, dass dieses Physische vor unsern Augen nicht das echte Cosmische, das eigentlich Wahre und Seiende ist, sondern bloss ein mattes und lückenhaftes Gleichniss desselben. Innerhalb dieses eigentlich Seienden ist allem Anschein nach das Leben, das psychische wie das moleculare, selbst etwas ganz anderes, und dort mag es Verhältnisse geben, die alle irdischen Conflicte lösen, alles Schiefe versöhnen; die Annahme kann uns nicht bestritten werden, der Naturforscher hat hier nichts mehr zu sagen. Freilich: Wissen thun wir von jener Welt an sich gar nichts, als dass sie besteht. Aber darin liegt viel. Mit ihrer Existenz haben wir einen ruhenden Punct gefunden, der ausserhalb des Irdischen liegt. Mit dem Bewusstsein eines solchen Punctes weicht die drückende Schwere des Vernichtungsgedankens sowohl im Individuellen, wie im allgemeinen Erdenloos. Mag unsere Laufbahn immerhin um sein für die Augen, für das enge Gehirn der verschwindenden Menschenwelle auf dem einsamen Planeten der Sonne. +Alles+ ist damit nicht aus. Hinter dem ewig verschlossenen Vorhang wandelt ein Anderes, ein Grösseres, als wir. Indem der Forscher uns unerbittlich versagt, unsere Unsterblichkeitsträume in Bilder der sichtbaren Welt zu kleiden, eröffnet er uns zugleich durch die Feststellung von Grenzen die Ahnung einer Welt, an die jene Träume sich ungestört heften dürfen. In dem Versagen jenes ersten Punctes muss er denn allerdings seine ganze Strenge walten lassen.

Wohl eröffnet sich uns der tiefe Gedanke, dass unser Leben nicht das Absolute, nicht Leben im eigentlicheren Sinne sei, sondern nur ein seltsamer Traum, ein Wandelbild, das an uns vorüberzieht, wohl mögen wir zugeben, dass der Tod nur eine Episode in diesem Bilde, kein wirklicher Abschluss sei. Aber das ist auch nun von der andern Seite wieder alles. Jene wahre Welt greift nicht als fremder Gott in unsere Welt ein, weder in den Offenbarungen der Religion, noch den Geheimnissen des innersten Seelenlebens, noch auch in den Idealen der menschlichen Kunst. Es giebt keine Puncte im physischen Weltbilde, das wir vor uns sehen, wo wir der Welt an sich näher oder ferner wären; überall stossen wir bei einiger Durchdringung der Erscheinungen auf die ewige Schranke.

Gleichwohl -- selbst mit all' diesem Vorbehalt -- scheint mir der Poesie vor allem eine mächtige Stütze in dieser Fassung des Unsterblichkeitsgedankens zu liegen. Für sie, die stets das Ganze, das Allgemeine im Auge hat, ist das Resultat des Naturforschers, das hinter der physischen Welt eine andere, wenn auch unbekannte, nachweist, ein gewaltiger Gewinn. Dem Irdischen, das in ungelösten Conflicten auseinandergeht, wahrt sie die Fernsicht in ein Zweites, das dahinter liegt und das zugleich unsere Erkenntnissschwäche, wie unsere Hoffnung einschliesst. Nur wenn sich die Poesie frei macht von dem gewöhnlichen, physischen Unsterblichkeitsglauben und, der Wissenschaft folgend, sich zu dem wahrhaft philosophischen Gedanken erhebt, dass diese Erscheinungen des Lebens, wie des Todes überhaupt nicht das wahre Wesen der Sache, sondern nur das getrübte Bild, wie es unser Gehirn im Zwange fester Ursachen schafft, darstellen -- nur dann kann sie mit gutem Gewissen wieder gelegentlich den Schmerz der Tragödie mildern durch ein weises Betonen des tröstenden Gedankens, dass weder mit dem Leben, noch mit dem Tode, weder mit menschlichem Glücke noch menschlichem Unglücke »Alles aus sei.« Und es ist dann sehr einerlei, ob sie mit Hamlet bloss unser Nichtwissen in die geheimnissschweren Worte kleidet: »Der Rest ist Schweigen,« oder ob sie in sieghaftem Vertrauen emporjubelt mit dem Götheschen Chor: »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichniss!«

Viertes Capitel.

Liebe.

Weit ab von jenen geheimnissvollen Schranken des irdischen Geschehens, die wir im letzten Capitel berührten, liegt mitten im Centrum der molecularen Welt der unscheinbare Ursprung dessen, was unter dem Flammenzeichen des stolzen Namens »Liebe« sich zum mächtigsten Herrscher im Gesammtbereiche der Poesie aufgerungen hat. Das Wort Unsterblichkeit mit seinem Echo in den Gründen, »von wo kein Wandrer wiederkehrt,« muss seiner Natur nach den menschlichen Gedanken bis zu jenen Grenzen führen, die dem Forscher gestellt sind; das Wort Liebe, und mag das noch so hart hineintönen in alle unklaren Träumerseelen, bedeutet in seiner Quelle, seinem Verlauf und seinen Zielen eine durchaus irdische Erscheinung.

Der Naturforscher, von dem der gewissenhafte Dichter Aufschluss verlangt über die Resultate seiner unbefangenen Forschung nach der Natur der Liebesempfindung, ist gezwungen, den Fragenden vor die Anfänge jener ungeheuren Kette zu stellen, die wir zusammenfassend die organische Welt nennen. Tief unten an den Wurzeln dieses riesigen Lebensbaumes zeigt er ihm die einfache Zelle, ein selbstständiges Wesen, nicht Thier noch Pflanze -- einen Crystall aus gleichem Stoffe geformt wie alle andern, aber von allen ewig geschieden durch die Besonderheit seiner molecularen Zusammensetzung. Gesetze, ihrem Wesen nach unbekannt, wie jene, die den crystallinischen Sprösslingen irgend einer Mutterlauge alltäglich vor unsern Augen jenes mathematisch starre Gefüge geben, das jeder Mineraliensammlung den allgemein bekannten Charakter verleiht, ermöglichen dieser organischen Zelle eine bestimmte Art von Aufnahme fremder Stoffe, die sie wachsen lassen, und eine Zertheilung in zwei oder mehrere Individuen vom Puncte an, wo dieses Wachsthum einen gewissen, nicht näher definirbaren Zustand der Reife erlangt hat. Wir kennen heute noch Geschöpfe solcher einfachsten Art, deren Leben in den beiden Processen des Wachsens durch Nahrungsaufnahme, das durch das Vermögen der Ortsbewegung unterstützt werden kann, und des Zerfallens in eine Anzahl neuer, kleiner Individuen, bei denen sich dasselbe wiederholt, erschöpft zu sein scheint. Die höchste Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass sie unveränderte Nachkommen uralter Formen sind, aus denen sich an andern Stellen durch Umwandlung die gesammte Linie der höheren Organismen entwickelt hat. Der Begriff der Fortpflanzung bedeutet hier einfach, wie bei Mutter und Kind: Trennung. Von Liebe, von einer Vereinigung zweier Individuen ist noch keine Rede. Aber in dieser Trennung liegt bereits der erste Schritt zum Kommenden. Gewisse äussere Ursachen, die im Princip jedenfalls am Besten in dem Darwin'schen Gedanken von der umwandelnden Macht des Kampfes um's Dasein, der kleinste chemisch und physicalisch bedingte individuelle Neigungen im bestehenden Typus zu grossen Verwandlungen heraufzüchtet, ausgesprochen sind, führten nämlich im Laufe der Zeit eine Fortentwickelung unter den einzelligen Wesen herbei. Die einfache Zelle zerfiel unter Umständen in ein Dutzend Tochterzellen. Anstatt sich nun nach allen Richtungen zu zerstreuen, konnte es für diese nützlich werden, beisammen zu bleiben. Wir sehen ein Conglomerat von Zellen einer einzigen Generation, die sich wie die Haut einer Blase um einen hohlen Mittelraum gruppiren und als Ganzes in einfachster Form das Schema eines thierischen Körpers bilden. Zwischen den Zellen entwickelt sich ein Gefühl der Gemeinschaft -- der Freundschaft, wenn man so will. Aus der Generation von Zellen wird ein Zellenstaat, in dem die Mitglieder, selbst Sprösslinge einer Einheit, sich gewissermassen zu einer neuen, höheren Einheit zusammenthun. Sehr bald entwickelt sich Arbeitstheilung. Da die Nahrungssäfte durch die dünnen Zellwände hindurch bei näherem Aneinanderschliessen auf Grund physikalischer Gesetze frei circuliren, können sich einige wenige Zellen, indem sie alle Kraft darauf verwenden, ganz der Nahrungsaufnahme widmen und den übrigen die motorischen und sensitiven Eigenschaften überlassen. Durch diese Theilung der Functionen entstehen Organe, das heisst bestimmte Ecken des Zellenstaates, wo Zellen bloss noch für eine einzige Function thätig sind, diese aber so intensiv betreiben, dass sie für alle andern mit genügt. Am Ende ist ein höchst verwickelter Organismus geschaffen, dessen Theile nur mehr in der Gesammtmasse existiren können, so dass der Zellenstaat ein einheitliches Wesen, ein wahres Individuum wird. Die Frage ist: wie wird die Fortpflanzung dieser complicirten Maschine vor sich gehen? Das Zerfallen in neue Individuen war eine Function der Einzelzelle. Im Zellenstaat hat diese sich bei der allgemeinen Arbeitstheilung ebenfalls derartig in gewissen Zellen localisirt, dass nur noch diese zerfallen und Abkömmlinge des Ganzen in Gestalt einzelner Zellen entsenden. Von diesen Tochterzellen gründet später jede ihren neuen Staat für sich, indem sie den alten Weg der Selbsttheilung einschlägt und aus den Theilchen den Staat hervorgehen lässt. Der Vorgang ist jetzt complicirter, aber noch immer behauptet die Trennung allein ihr Recht, wo es sich um Fortpflanzung handelt. Erst die nächste Stufe erweitert sie zu etwas Neuem. Allenthalben bestehen Zellengemeinden, die kleine Einzelzellchen als Sprösslinge aussenden. Es ereignet sich, dass zwei dieser Sprösslinge -- zwei von verschiedenen Gemeinden -- auf einander stossen, sich vermischen. Jeder trägt das Bestreben in sich, durch Selbsttheilung einen neuen Staat zu gründen. Indem das Bestreben der Beiden sich vermischt, entsteht ein gemeinsamer Bau von doppelt starken Dimensionen. Wieder treten Gesetze in Kraft, die den Vortheil nicht verloren gehen lassen, es bildet sich bei einem grossen Theile der Zellenstaaten allmählich das Bestreben aus, seine Sprösslinge alle sich mit je einem Sprössling eines andern vermischen zu lassen, um dem künftigen Neubau eine Doppelbasis von verstärkter Kraft zu geben. Die Trennung des Keims vom Mutterorganismus bleibt nach wie vor; aber es folgt ihr eine Mischung, eine Vereinigung, ehe ein neuer Organismus entstehen kann.

Inzwischen, während dieser letzte Fortschritt sich anbahnte, hat die Arbeitstheilung und Organisation in den einzelnen Zellenstaaten colossale Entwickelungen durchgemacht. Es giebt Zellstaaten, die aus Millionen einzelner Zellen bestehen, welche sich um die verschiedensten Hohlräume in mehrschichtigen Blasen gruppiren, und jeder Keimzelle wird durch bestimmte Vererbungsgesetze auferlegt, nach Verschmelzung mit einer solchen eines andern gleichartigen Staates ein Gebäude aufzuführen, das nach Kräften dem Mutterstaate gleichen muss. Indessen: die Welt ist gross, die gleichartigen Staaten sind oft weit von einander entfernt, die frei ausschwärmenden Keimzellen finden sich oft nicht zueinander. Es bahnt sich ein neuer Fortschritt an. Wie einst jene ersten Tochterzellen in einem Gefühle von Zugehörigkeit, von Freundschaft beisammen blieben und den Zellenstaat gründeten, so vereinigen sich jetzt je zwei Zellenstaaten -- nicht um ganz zu verwachsen, sondern bloss, um ihren Keimzellen durch möglichst günstige locale Bedingungen das Verschmelzen zu erleichtern. Sie treten von Zeit zu Zeit nahe zusammen, und der eine entsendet seine Fortpflanzungszellen in einen der geschützten Hohlräume im Innern des andern, wo sie sich ungestört mit den Keimzellen dieses letztern verbinden können, um ihr Verschmelzungsproduct nachher von dort aus in's Freie treten zu lassen.

Der Laie, dem diese Dinge neu sind, denkt vielleicht, der Naturforscher, indem er die letzte Stufe der Zellenentwickelung schildert, stehe noch immer bei grauen Urzeiten. In Wahrheit sind wir bereits am Ziel. Der Mensch ist der höchste und vollendetste Zellenstaat der zuletzt besprochenen Art; und zwar ist der Mann der eine, das Weib der andere. Indem sie sich geschlechtlich nähern, vermischt sich eine Keimzelle des Mannes, die Samenzelle, mit einer Keimzelle des Weibes, der Eizelle, in geschütztem Hohlraum des weiblichen Körpers, aus der Mischung der beiden Zellen entsteht der neue Zellenstaat des kindlichen Organismus, der später aus dem bergenden Leibe des Mutterstaates an's Licht des Tages tritt, um sich hier fertig auszugestalten. Bei allen Verwickelungen des Details geht durch den ganzen Zeugungsprocess ein Athem staunenswerthester Einfachheit, ein Zurückgehen auf die ursprünglichsten Erscheinungen des organischen Lebens. In jenen beiden Keimzellen, der Samen- und der Eizelle, wird der werdende Organismus unter dem Bilde der anfänglichen Einzelzelle, des Urwesens, von dem die ganze Kette abstammt, wieder angelegt, und indem der wachsende Embryo sich aus ihnen formt, durchläuft er noch einmal die wichtigsten Stufen der ganzen Ahnenreihe in traumhaft verschwommenem Fluge. Noch einmal scheint die Natur sich durchzutasten durch die unzähligen Erinnerungen des organischen Stammbaums, über dessen einstigen lebenden Vertretern jetzt bereits der Sedimentärschutt vieler Jahrmillionen versteinernd lastet. Endlich wird der Mensch. Aber auch in ihm mischen sich Vater und Mutter noch immer so seltsam, dass man den doppelten Ursprung ahnen kann, selbst wenn wir vom Zeugungsacte gar keine Vorstellung hätten, die Eizelle des Weibes und die Samenzelle des Mannes nie im Lichtfelde unseres Mikroskops erschienen wären.

Geheimnisse für den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft giebt es hier im Einzelnen die Menge, Metaphysik gar nicht. Der Parallelismus des Psychischen und Molecularen wahrt seine gewöhnliche Rolle, das Geistige zeigt sich durchaus in stufenweisem Aufbau, je nach der Entwicklungshöhe des Körperlichen, und die menschlichen Seelenregungen äussern sich folgerichtig erst mit Vollendung des menschlichen Gehirns. Wer geneigt ist, den Schauer des Erhabenen besonders stark vor den Momenten der höchsten Vereinigung des Universellen und Geschichtlichen mit dem Individuellen und Vorübergehenden zu empfinden und dem Idealen die wissenschaftlich allein zulässige Bedeutung des Allgemeinen, über das Einzelne als höhere Einheit Hervorragenden zu geben, der wird in den gesammten Erscheinungen des Zeugungsprocesses eine hohe, vielleicht die allerhöchste ideale Erhebung des individuell Menschlichen erblicken müssen und ihnen gegenüber jene Regung stärker als irgendwo anders empfinden. Wir verdanken den Begleitungsphänomenen des Zeugungsgesetzes überhaupt, wenn nicht sogar den Sinn für Schönheit, so doch das Wichtigste, was wir schön nennen: die edeln Formen des Weibes in ihrer künstlerischen Gegensätzlichkeit zum Manne, die Farbenpracht der organischen Natur, deren Blüthen, Federn, Düfte in ihrer höchsten Entfaltung sämmtlich auf geschlechtlichen Beziehungen beruhen, die reichen Gaben des Gemüthes, die sich in der Gatten- und Elternliebe durch die höhere Thierwelt ziehen, um schliesslich in den verallgemeinernden Regungen des menschlichen Mitleids ihre höchsten Triumphe zu feiern.

Unsere grossen Dichter haben sich dementsprechend auch niemals gescheut, von den natürlichen Acten der Zeugung als etwas Grossartigem und im eminenten Sinne Idealem unbefangen zu reden und den Satz aufrecht zu erhalten, dass wir es in ihnen keineswegs mit einem der Sittlichkeit als »Sinnlichkeit« feindselig gegenübergestellten Principe, sondern vielmehr mit der Basis aller Sittlichkeit zu thun haben. Ohne eine solche naturgemässe Grundidee wäre beispielsweise die Gretchentragödie des Faust, in der gerade die Tiefe und Wahrheit der Neigung bei dem Weibe, das geschlechtlich »Echte« das versöhnende Element für alle Verletzung der Sitte abgiebt, vollkommen widersinnig. Hier wie in andern poetischen Meisterwerken liegt der Nachdruck auf dem Satze: die Liebe +muss+ auf enge geschlechtliche Vereinigung als ihr natürliches Ziel hinauslaufen, wenn sie wahr sein soll -- und wenn äussere Umstände gerade diese Wahrheit des Gefühls zur Tragödie gestalten, so ist sie selbst dann noch immer grösser als eine Unwahrheit im gleichen Falle wäre, so gut wie Wallenstein, obwohl er tragisch endet, grösser bleibt, als Einer, der in seiner Lage anders handelte; der ganze Begriff der Tragödie rankt sich eben um die Wahrheit auf.

Diese Anschauungen unserer grossen Dichter, die viel genannt, aber weniger gelesen werden, sind jedoch keineswegs die gleichen wie die einer ungeheuren Masse kleiner Dichter, die weniger genannt, aber vermöge ihrer colossalen Menge weit mehr gelesen werden. Die Begriffe, die unser Publicum sich seit Jahrhunderten von der Bedeutung der geschlechtlichen Dinge für das unausgesetzt behandelte Thema der Liebe bildet, sind unter dem Einflusse dieser zweiten Sorte von Dichtern nach und nach ganz eigenthümliche geworden.

Ich halte diesen Punct für lehrreich genug, um ein deutliches Beispiel für jene eigenartige Krankheitsgeschichte abzugeben, die sich unter dem Titel der sogenannten »rein idealistischen« Richtung durch die erotische Weltliteratur und wohl mit am ärgsten durch unsere neuere erotische Poesie zieht, eine Krankheitsgeschichte, die sich freilich, wie schon gesagt, zumeist nur an der breiten Masse der Dichterwerke bemerkbar macht, aber von hier aus schwere Ansteckungsstoffe in's Publicum verbreitet hat. Man wirft der modernen realistischen Richtung die Vorliebe für pathologische Probleme vor. Ich erlaube mir im Nachfolgenden, ein solches an einem ganzen Kreise poetischer Bestrebungen zu entwickeln, auf die Gefahr hin, jenem Vorwurfe zu verfallen. Ich schicke dabei voraus, dass ich keineswegs der Erste bin, der darauf hin weist, dass aber, wie so viele Fälle, die unmittelbar in's Gebiet der Wechselbeziehungen zwischen naturwissenschaftlichem Denken und poetischem Schaffen gehören, auch dieser noch lange nicht eindringlich und oft genug öffentlich besprochen wird und darum in den Prämissen einer realistischen Aesthetik nicht fehlen darf.