Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena einer realistischen Aesthetik
Part 3
Eigentliches Leben in dieses an und für sich sehr einfache Gedankenspiel bringt aber nun eine Thatsache, die ich bisheran absichtlich vernachlässigt habe. Was wir durch Unterricht (sei es nun unmittelbarer durch das Leben oder mittelbarer in der Schule) an festen Gedankenlinien eingeprägt bekommen, steht weder immer im Einklange untereinander, noch mit dem, was durch die Vererbung an allgemeinen Instincten oder individuellen Neigungen in uns bereits bei der Geburt befestigt ist. Mit andern Worten: jene constanten Linien im Denkorgan kreuzen, hemmen, verwickeln sich vielfach, wodurch die einfachen Denkprocesse, die durch die Möglichkeit des Eingrabens fester Linien so bequem und bis zur Grenze des Reflectorischen glatt gemacht wurden, wiederum recht erschwert werden. Ich sehe ab von ganz krankhaften Erscheinungen. Man hat Fälle, wo eine Gedankenlinie eines Menschen von einem gewissen Puncte ab, ohne dass er sich dessen bewusst wurde, in eine ganz andere überging, so dass beim Versuche, den Gedankengang wieder zu geben, von einer Ecke ab jedesmal die Begriffe wie vertauscht waren. Hier waren offenbar zwei Linien in abnormer Weise verschmolzen, ein hochinteressanter, aber lediglich psychiatrischer Fall.
Ich will jetzt versuchen, an einem consequent durchgeführten Beispiele genau den normalen Fall von sich widersprechenden Gedankenlinien aufzudecken. Es ist das um so wichtiger, als man gerade hier, im Widerstreite der Gedankenlinien, den schärfsten Beweis für eine metaphysisch beeinflusste Willensfreiheit zu finden geglaubt hat.
Ich nehme an, einen Menschen trifft ein äusserer Sinneseindruck, -- etwa der Anblick einer schönen Frau, die das Weib eines Andern ist, also ein Sinneseindruck, den das Auge in's Gehirn übermittelt, der dort zur geistigen Wahrnehmung wird und als solche gewisse Gedanken erregen muss, deren Lauf durch die vorhandenen Gewohnheitslinien bestimmt wird und deren endliches Resultat bei genügend starker Erregung ein Willensact, eine Handlung ist. Der Anblick einer körperlich reizenden Frau erweckt im Manne nothwendig zunächst die Gedankenketten, die um das Geschlechtliche gelagert sind. Diese können aber sehr verschiedener Art sein, von dem einen örtlichen Centrum können Furchen ganz entgegengesetzter Richtung und Tiefe ausstrahlen. Nehmen wir den Fall eines Menschen, der gar keine Bildung genossen hat, aber auch, vielleicht weil er eben erst geschlechtsreif geworden ist, im Bezug auf das Geschlechtliche noch durchaus keine feste Gewohnheitsfurche im Gehirn trägt. Bei ihm wird der erste Gedanke höchstwahrscheinlich die Vererbungsfurche, die den instinctiven Fortpflanzungstrieb als uraltes Erbe stets neu zeitigt, einschlagen, ein Kampf ist ausgeschlossen, da nur diese einzige Linie vorhanden ist, aber der aus der angeregten Gedankenkette hervorgehende Wille wird etwas Unklares, Reflectorisches haben, das sich dämonisch Bahn bricht, aber dem Bewusstsein selbst fast ganz entzogen ist.
Zweiter Fall: der Mensch ist ein geübter und geriebener Don Juan. Im Worte liegt schon enthalten, dass bei diesem Typus sich in der für das Geschlechtliche reservirten Gegend des Gehirns nicht bloss die instinctive Vererbungs-Furche, sondern daneben noch eine sehr tief ausgefahrene Aneignungs-Furche, ein durch Gewohnheit individuell scharf eingepflügtes Geleise findet, das beim Anblick des schönen Weibes eine grosse, aber dem Bewusstsein noch durchweg zugängliche Gedankenkette durchpassiren lässt, als deren Resultat ein sicherer, auf hundert Erfahrungen gestützter Wille entsteht, -- der Wille zur Verführung, der Wille zum geschlechtlichen Genuss, -- im Princip derselbe Wille, wie bei dem ersten Menschen, nur unendlich bewusster und dauernder. Ein Conflict findet -- moralische Bildung bei dem Typus des Don Juan ausgeschlossen -- auch hier nicht statt, die Wahrnehmung erregt nur eine einzige Ideenkette, die als Endresultat nur einen Willen kennt.
Der dritte Fall aber, an den ich jetzt herantrete, ist der weitaus interessanteste, dichterisch jedenfalls der werthvollste. Ein Mensch soll eine ordentliche moralische Bildung genossen haben, dabei aber dem Geschlechtlichen nicht so fern geblieben sein, dass es nicht auch, abgesehen von der stets vorhandenen ererbten Linie, eine gewisse Spur in seinem Gehirn zurückgelassen hätte, die im Stande wäre, den Gedanken bei völliger Unbeeinflussung in Don Juanartige Gelüste zu treiben. Eine Disposition, wie diese, ist unter allen die verbreitetste. Ihr Ergebniss ist im vorliegenden Falle ein innerer Kampf. Die Wahrnehmung erweckt zwei Gedankenlinien, die moralische und die schlechthin sexuelle, von denen die eine als Endergebniss einen Willen erzeugen muss, der dem der andern durchaus entgegengesetzt ist. Die Moral verbietet, was die geschlechtliche Neigung verlangt. Beide Gedankenketten erscheinen vor dem Bewusstsein, -- eine freie Wahl ist diesem aber absolut versagt; es steht als indifferenter Zuschauer vor dem Kampfe der Gedanken um den Willen. Nur ein Wille kann als Endresultat hervortreten. So lange beide Ideenketten vollkommen gleich stark sind, heben sie sich gegenseitig im Puncte des Willens auf wie Plus und Minus. Rollt der eine Gedankenzug glatt durch sein Geleise bis zur Willensstation, so ist inzwischen der andere ebenso glatt dort angekommen und die Beiden verschliessen sich gegenseitig den Ausgang. Die Entscheidung, welche Linie siegt, kann sehr lange ausstehen. Ueber ihre Veranlassung herrschen vielfach die irrigsten Vorstellungen. Man denkt sich unwillkürlich, das Bewusstsein selbst, welches doch keinerlei mechanische Macht besitzt, könne durch einen metaphysischen Druck diesen oder jenen Willen zum Durchschlag bringen. Das wäre die reinste Hexerei. Die Entscheidung kommt vielmehr daher, von wo überhaupt alles Motorische nur kommen kann: von aussen, durch neue Wahrnehmungen, die während der Hemmung jener beiden Ketten in's Gehirn eintreten. Es fragt sich bei diesen, in welche der beiden Linien sie einlenken. Sind es zufällig sexuelle Eindrücke, die mit dem Streite sonst nichts zu schaffen haben, aber nothwendig in die geschlechtliche Linie gerathen, so graben sie dort die Furche ebenso nothwendig ein Minimum tiefer, und dieses Minimum genügt, grob sinnlich gesprochen, um dem sexuellen Gedankenzuge im Wettlaufe zum Willensziel einen Vorsprung zu geben und damit das Resultat zu entscheiden. Umgekehrt: nahen sich zufällig bei schwebendem Streite neue, moralische Wahrnehmungen, so siegt die Moral auch in jenem offenen Falle. Unendlich geringe Factoren haben hier die weittragendste Bedeutung. Ein zufälliges Wort, ein lebhaftes Erinnerungsbild, der Anblick irgend einer Situation, die unmittelbar alle nicht das Mindeste mit dem obwaltenden Gedankenzwist in der kritischen Sache zu thun haben, entscheidet mit mathematischer Gewissheit über den Sieg. In mancher bedeutenden Dichtung will es uns bei oberflächlicher Betrachtung fast störend und unlogisch erscheinen, dass lange Seelenkämpfe plötzlich durch einen vielleicht sehr geringfügigen äusserlichen Umstand zur jähen Entscheidung gebracht werden. Wer sicherer beobachtet hat, sieht gerade hierin den echten Spiegel des Wahren, und er wird in der Wahl jenes scheinbar geringfügigen Umstandes bei schärferem Hinblick stets etwas entdecken, was indirect einem der streitenden Gedanken des Helden nicht zufällig, sondern nothwendig den Sieg verleihen musste, selbst wenn es gar nicht direct an die Objecte des Seelenkampfes heranreichte. Es ist nichts weiter als der Tropfen Oel, der die eine Wagenaxe in der Arena geschmeidiger macht; aber dieser Tropfen ist die weihende Spende der Nike.
Von diesem dritten Menschen giebt es tausend und abertausend Varianten. Die gegenseitige Hemmung und Beeinflussung der Gedankenketten ist es, die uns erst eigentlich das geistige Werden unserer Handlungen zum Bewusstsein bringt und verhindert, dass Impuls und Effect sich bloss reflectorisch auslösen. Man kann sagen, dass wir unserer Gedanken erst recht bewusst werden, wenn sie gehemmt sind und einander bekämpfen, etwa so, wie die Meeresfläche uns erst charakteristische Form gewinnt, wenn wir sie uns als ein Spiel sich brechender Wogen denken. Von einer freien Beeinflussung des Willens aber durch das Bewusstsein kann im buchstäblichen Sinne keine Rede sein. Wir erhalten äussere Eindrücke, wir denken in gewissen vorgezogenen Linien, dieses Denken wird uns unter gewissen Bedingungen durch einen Act, dessen innerste Natur wir nicht ergründen können, bewusst: das ist alles. In diesen Verhältnissen liegen die Wurzeln unseres Glückes und unserer Schmerzen, unserer Fortschritte und unserer Rückschritte. Naturwissenschaftlich sind wir als ehrliche Beobachter gezwungen, die Bedingtheit aller menschlichen Willensacte der Art des geistigen Apparates gemäss als eine Thatsache auszusprechen, die weder juristische noch theologische Forderungen irgendwie erschüttern können.
Diese Forderungen müssen sich mit der Thatsache abfinden. Die Genesis seiner Gedanken und Handlungen zugestanden, bleibt ja praktisch der Mensch mit lauter Gedankenketten, die im Verbrechen gipfeln, schlecht und strafbar und der Mensch, der durch den Zwang seiner Gehirnfurchen zu moralischem Denken und Thun gezwungen wird, gut.
Für den Dichter aber scheint mir in der Thatsache der Willensunfreiheit der höchste Gewinn zu liegen. Ich wage es auszusprechen: wenn sie nicht bestände, wäre eine wahre realistische Dichtung überhaupt unmöglich. Erst indem wir uns dazu aufschwingen, im menschlichen Denken Gesetze zu ergründen, erst indem wir einsehen, dass eine menschliche Handlung, wie immer sie beschaffen sei, das restlose Ergebniss gewisser Factoren, einer äussern Veranlassung und einer innern Disposition, sein müsse und dass auch diese Disposition sich aus gegebenen Grössen ableiten lasse, -- erst so können wir hoffen, jemals zu einer wahren mathematischen Durchdringung der ganzen Handlungsweise eines Menschen zu gelangen und Gestalten vor unserm Auge aufwachsen zu lassen, die logisch sind, wie die Natur.
Im Angesicht von Gesetzen können wir die Frage aufwerfen: Wie wird der Held meiner Dichtung unter diesen oder jenen Umständen handeln? Wir fragen zuerst: Wie wird er denken? Hier habe ich die äussere Ursache: was findet sie in ihm vor? Was liegt als Erbe in seinem Geistesapparate, was hat die Bildung und Uebung des Lebens darin angebahnt, welche fertigen Gedankenlinien wird jene äussere Thatsache erregen, wie werden diese sich hemmen oder befördern, welche wird siegen und den Willen schaffen, der die Handlung macht? Ich habe das Wort »mathematisch« gebraucht. Ja, eine derartige Dichtung wäre in der That eine Art von Mathematik, und indem sie es wäre, hätte sie ein Recht, ihr Phantasiewerk mit dem stolzen Namen eines psychologischen Experimentes zu bezeichnen.
Ich glaube gezeigt zu haben, wie gross unsere Unkenntniss im Einzelnen besonders bei der Vererbungsfrage noch ist. Jene Dichtung, von der ich rede, ist in ihrer Vollendung noch ein Traum. Aber das soll uns nicht hindern, rüstig am grossen Bau mitzuschaffen. Einstweilen möge sich vor allem die Klarheit über die Hauptprobleme Bahn brechen. Der Dichter soll anfangen, sich bei der Unzahl von Phrasen etwas zu denken, die auf seinem Gebiete umherschwirren, die Sätze wie: »Es lag in ihm so zu handeln«, »Die Natur brach sich gewaltsam Bahn«, »Er fühlte etwas, was seinen Gedanken blitzschnell eine andere Richtung gab« und ähnliches, sollen ihm einen Inhalt bekommen, er soll einsehen, dass es im Geiste so wenig Sprünge giebt, wie bei einem festen Verkehrsnetz, wo jede alte Strasse so lange wie möglich benutzt wird und eine neue nicht von heute auf morgen gebaut wird, er soll endlich alle die grossen Namen: Schicksal, Erbsünde, Zufall und wie sie heissen mögen, im Einzelnen neu prüfen und auf die Principien hin modificiren, wo es Noth thut. Ich gebe hier keine Aesthetik, sondern beschränke mich auf die naturwissenschaftlichen Grundlagen, es liegt mir fern, in jene Fragen näher einzutreten, die sich daran anknüpfen. Man sagt wohl, die Poesie werde roh und alltäglich, wenn sie sich an die Fragen der Physiologie um Auskunft wende. Wenn ich die Probleme überblicke, auf die der Gang dieser Studie mich geführt hat, so weiss ich nicht, was das heissen soll. Diese Probleme sind die höchsten, die ich mir denken kann. Wir stehen dicht vor der Schwelle des Ewigen, des Unerreichten, und wandeln doch noch auf dem sicheren Boden der Wirklichkeit. Giebt es einen höheren Genuss?
Drittes Capitel.
Unsterblichkeit.
Geheimnissvolles Wort, -- Unsterblichkeit! Wer die Geschichte der Menschheit anknüpfen wollte an die Geschichte ihrer tiefsten Träume, ihres bangesten, herzbewegtesten Sehnens, der müsste sie anknüpfen an dieses Wort.
Es ist nicht wahr, dass dieses Wort nicht auch uns noch immer im Grunde all' unseres Denkens fortzitterte: -- die uralten Phantasieen des Volkes vom Nilstrande, in denen der Zauber desselben zuerst eine dämonische Macht geworden, sind von all' dem Alten, Verklungenen vielleicht noch das Lebendigste und greifbar Deutlichste, was mitten durch unsere junge Welt wandelt. Wir sind anders geworden, besser, freier, wir stehen nicht mehr im Morgenschein der Jahrtausende, der helle Mittag wölbt sich über uns, der grosse, helle Mittag, von dem wir noch kein Ende sehen, -- und doch -- und doch. Das Wort Unsterblichkeit ist nach wie vor eine zwingende Gewalt. Es ist die Basis aller Metaphysik in der Religion. Die Zeiten sind herum, wo die Menschheit einen Gott in Donnerwolken oder Knechtsgestalt zur Erklärung ihrer Sittengesetze brauchte: die Frage des ewigen Looses nach aller Zeitlichkeit fordert auch heute noch den kühnen Flug über die Grenzen des Erkannten, und wenn alle dogmatische Religion sich sonst zersetzen sollte, so wird ihre letzte lebenskräftige Ranke sich immer wieder emporwinden an der festen Säule des Trostes am Grabe unserer Todten. Aber wie die meisten Fragen, die eine religiöse Bedeutung besitzen, ist auch diese zugleich auf's Engste verwachsen mit der Dichtung. Ihre Behandlung unter den Prämissen realistischer Aesthetik und Poesie scheint mir um so dringender geboten, als die allgemeine Ansicht von der Stellung der exakten Naturwissenschaft zu ihr vielfach eine einseitige oder geradezu falsche ist. Dank einer gewissen Sorte von voreiligem und bei bestem Willen hochgradig ungeschicktem Popularisiren physiologischer Erkenntniss, hat man sich daran gewöhnt, ein Dilemma aufzustellen, das thatsächlich nicht stichhaltig ist. Man wiederholt unaufhörlich die beiden Sätze: Entweder unsere Seelen sind unsterblich, -- -- oder mit dem Tode ist alles aus für ewige Zeiten und in jeder Bedeutung, -- wobei es dann als Folgerung der Wissenschaft nahe gelegt wird, dass die erste Möglichkeit in Wahrheit keine sei und die zweite als Kehrseite der andern die nothwendig richtige sein müsse. Der Fehler liegt in dem »entweder -- oder«. Ich will versuchen, das exact zu entwickeln. Die moderne Physiologie ist, um den ersten Punct zunächst allein in's Auge zu fassen, allerdings, sobald sie ehrlich sein will, gezwungen, die gewöhnlichen Vorstellungen von Unsterblichkeit sämmtlich zu vernichten. Die Seele im Volkssinne ist für sie lebend wie todt ganz gleichmässig ein Gespenst. Das, was wir so nennen, ist ein Complex von Erscheinungen höchst verwickelter Art, die wir unabänderlich als Parallelphänomene gewisser molecularer Vorgänge finden und zwar so parallel, dass jeder molecularen Verschiebung auch eine Verschiebung des Psychischen entspricht und das so genau, dass, wie ich es im vorigen Capitel für ein bestimmtes Gebiet durchgeführt habe, schematische Bilder des psychischen Mechanismus auf den molecularen passen und umgekehrt. Möglicherweise ist jede moleculare Erscheinung in der Welt von entsprechenden psychischen begleitet, doch werden letztere uns erst bemerkbar bei einer gewissen Summirung und Ordnung der Molecularphänomene, wie sie in der organischen und hier vor allem der höheren organischen, der thierischen und schliesslich der menschlichen Molecularstructur sich finden. Diese höhere Structur ist lediglich ein Anordnungsproblem, eine Constructionsaufgabe, bei der einfachste Bestandtheile schliesslich den complicirtesten Bau liefern. Obwohl durch gewisse, uns zur Zeit noch verschlossene Zeugungs- und Vererbungsgesetze mit der nächsten Generation ähnlicher Gebilde verknüpft, hat die einzelne Molecularpyramide, die in ihrer ungeheuren Massenanhäufung für bestimmte Zwecke auch die erstaunlichsten psychischen Parallelerscheinungen aufwies, die je geleistet worden waren, doch eine endliche Dauer und zerfällt nach einer gewissen Zeit wieder in ihre kleinen molecularen Bausteine. Letzteren Vorgang nennen wir Tod. Dass die psychischen Phänomene, die sich parallel mit den molecularen zu einer colossalen Gesammtleistung für die Dauer der molecularen Massenordnung vereinigt, im Momente des Zusammenbruchs der molecularen Pyramide ebenfalls als Ganzes verschwinden und sich in die problematischen geringsten Procentsätze auflösen, die möglicherweise an jedem Einzelmolecül haften, ist vollkommen selbstverständlich. Das Schema des physiologischen Todes: Zerfallen einer kunstvollen mathematischen Figur in lose, durch das Spiel neuer Kräfte bald nach allen Richtungen verschobene Puncte, muss sich nothwendig auch decken mit dem Schema des psychologischen Todes. Der Naturforscher muss als absolut sichere Thatsache constatiren, dass noch niemals an irgend einem Puncte der bekannten Welt psychische Erscheinungen ohne entsprechende moleculare beobachtet worden sind, und der Inductionsschluss vom Bekannten auf das Unbekannte tritt mit allem Rechte in Kraft. Das Suchen nach körperlosen Seelen, wie es in spiritistischen Kreisen als angebliches Problem behandelt wird, kann gerade vom methodologischen Standpuncte aus nur mit dem Eifer verglichen werden, mit dem jener berühmte Bürger der guten Stadt Schilda das Tageslicht vermittelst einer Mausefalle zu fangen versuchte, um es in das fensterlose Rathhaus zu überführen. Alles was in's Gebiet dieser theoretischen wie practischen Narrheiten gehört, kann physiologisch nicht scharf genug zurückgewiesen werden. Der Dichter, der hier pikante Stoffe zu finden glaubt, ist zu bedauern. Ich bin sogar der Ansicht, dass, abgesehen von den Geistererscheinungen, die keine Dichtung uns mehr im Ernste auftischen kann, der rechte Poet auf so manche kleinen Effecte verzichten soll, die man sich im Banne älterer Anschauungen noch gefallen liess. Wenn er einen Todten schildert, soll er nicht mehr die Reporterphrase verwenden: »Die Mienen des Entschlafenen bezeugten den tiefen Frieden, zu dem er eingegangen.« Die Gesichtsmuskeln werden nach eingetretenem Tode meist schlaff und geben den Zügen etwas Lächelndes. Aber man sollte das nicht mehr als Anhaltspunct benutzen, nachdem man weiss, dass es in Wahrheit nichts besagt und eine körperliche Erscheinung ganz gleicher Natur wie die nachfolgenden der Verwesung ist, die kein Mensch als Effecte ausspielen möchte.
Die strenge Wissenschaft geht übrigens noch weiter. Sie verneint nicht nur die individuelle Fortdauer der psychischen Processe über den Tod hinaus, sondern sie bedroht auch ernstlich die letzte Zuflucht der Unsterblichkeitsträume, die bedingte Fortdauer der Väter in den Nachkommen. Es giebt gewisse nicht wohl anfechtbare Schlüsse, die das ewige Bestehen des Menschengeschlechts für die Zukunft ebenso unsicher machen, wie es auf Grund der paläontologischen Forschung für die Vergangenheit ist.
Cosmologische Erscheinungen, die theils als Ergebniss unendlich kleiner, aber unablässig anwachsender Störungen, theils in Form gröberer Catastrophen eintreten können, sind möglich, die den Planeten, an dessen Existenz und Temperaturhöhe das organische Leben gebunden ist, gänzlich vernichten oder doch zum Bewohnen untauglich machen können. Auch jener Fortdauer durch Zeugung ähnlicher Nachkommen wäre damit ein Ziel gesetzt.
Das ist mit runden Worten die eine Seite der Frage. Die Antwort der Wissenschaft ist bei aller Mangelhaftigkeit unserer physiologischen Erkenntniss in diesem Falle decidirt genug, um alle leichtfertigen Träumereien auszuschliessen. Die Dichtung kann nichts thun, als die Thatsache annehmen, wie sie ist. Wir dürfen weder poetisch darstellen, wie ein verstorbener Mensch aus dem Jenseits zurückgekommen, noch dürfen wir überhaupt den Anschein erwecken, als hielten wir die psychische Existenz eines lebenden Wesens für etwas, was von der physiologischen Erscheinungsform so unabhängig wäre, dass es beim Zerfallen der Letzteren selbstständig weiter existiren könne.