Part 20
Unter den medizinischen Schriftstellern, die *Plinius* den Stoff für seine der Heilkunde gewidmeten Bücher geliefert haben, ist neben *Hippokrates*, *Erasistratos* und vielen anderen besonders *Cornelius Celsus* (etwa 35 v. Chr. bis etwa 45 n. Chr.) zu nennen. Ähnlich wie *Varro* und schon lange vor ihm *Cato* suchte *Celsus* das Wissen seiner Zeit in einer Enzyklopädie zusammenzufassen. Sie erhielt den Titel »Artes«. Erhalten geblieben ist nur der Teil, der von der Heilkunde handelt. Auf diesem Gebiete vermochte es *Celsus*, ohne selbst Arzt zu sein, auf Grund von Erfahrungen eigene Anschauungen zu entwickeln. Als griechische Quellen hat *Celsus* neben den *Hippokrati*schen hauptsächlich die alexandrinischen Schriften benutzt. Mit diesen und den Schriften *Galens* hat man das medizinische Buch des *Celsus* auf eine Linie zu stellen[514]. Es behandelt in klarer, schmuckloser Darstellung zunächst die Lebensweise, darauf die Krankheiten und endlich deren Heilung durch Arzneien und chirurgische Eingriffe[515]. So beschreibt *Celsus* das Verfahren des Unterbindens, das die *Hippokrati*schen Schriften noch nicht erwähnen, wenn man auch schon sehr früh blutstillende Mittel, die verklebend oder zusammenziehend wirkten, benutzte. Derartige Mittel finden nämlich schon bei *Homer* Erwähnung[516].
Sehr zutreffend hat *Celsus* unter anderem die Krankheiten der Leber und des Magens beschrieben. Das von ihm bei diesen Krankheiten empfohlene Heilverfahren und seine Begründung auf diätetischen Regeln ist selbst heute noch von Wert[517].
Einer etwas späteren Zeit als *Celsus* gehört *Asklepiades* an. Er war hellenischer Herkunft[518] und lebte im Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr. in Rom. *Asklepiades* wirkte dort zuerst als Lehrer der Beredsamkeit. Später erwarb er sich als Arzt große Anerkennung. Er wird als der Erfinder der Tracheotomie genannt. Anklänge an die moderne Zellentheorie enthält seine Lehre, daß die Lebewesen aus einer sehr großen Zahl von Körperchen zusammengesetzt seien. Sie sollten sich in steter Bewegung und Veränderung befinden und beim Menschen durch ihr Verhalten und ihre Beschaffenheit Gesundsein und Krankheit bedingen.
Auch den als Schöpfer der Äneïde bekannten *Virgil* erwähnt *Plinius* als Quelle für eine Anzahl seiner Bücher. In einer »Georgika« genannten Dichtung schildert und preist nämlich *Virgil* das Leben auf dem Lande. In der Hauptsache handeln die »Georgika« vom Ackerbau, der Baumpflege, der Viehzucht und der Imkerei. Das Leben der Bienen wird anschaulich und in der fesselnden Sprache des Dichters geschildert.
Von den zahlreichen ausländischen Schriftstellern, die *Plinius* als seine Quellen nennt, seien hier nur folgende genannt: *Thales*, *Aristoteles*, *Theophrast*, *Demokrit*, *Hipparch*, *Herophilos*, *Eudoxos*, *Pytheas*, *Juba* usw. *Juba* war nach Besiegung seines Vaters als Geisel aus Numidien nach Rom gekommen. Dort widmete er sich ganz den Wissenschaften. Auch *Plutarch* und andere Schriftsteller gehen häufig auf *Juba* zurück, von dessen Schriften nur noch Fragmente erhalten sind.
Die Frage nach den Quellen, die *Plinius* benutzte, hat eine umfangreiche Literatur hervorgerufen. Insbesondere hat man das Verhältnis eingehend erörtert, in dem *Plinius* zu *Aristoteles*, zu *Cato* und zu *Varro* steht[519].
Als Schriftsteller, dem besonders die Rolle eines Vermittlers zwischen *Plinius* und der griechischen Literatur zuzuschreiben ist, wird *Juba* betrachtet. Letzterer ging auf *Aristoteles* und *Theophrast* zurück und hatte für *Plinius* hinsichtlich der griechischen Literatur etwa die Bedeutung, die *Varro* für ihn bezüglich der römischen besaß.
Gebricht der »Naturgeschichte« des *Plinius* auch die Einheitlichkeit des Aufbaues, so ist doch eine vom Allgemeinen zum Einzelnen fortschreitende Gliederung des Stoffes nicht zu verkennen. *Plinius* beginnt seine Darstellung mit der Schilderung des Weltgebäudes sowie den Erscheinungen, die uns das Luftmeer und die Oberfläche der Erde im allgemeinen darbieten. Darauf folgt das Wesentlichste aus der Geographie und der Völkerkunde. Im Anschluß daran werden die Tiere, beginnend mit den Säugetieren und schließend mit den Insekten, behandelt. Es folgen die Bücher über die Pflanzen sowie über die dem Pflanzenreich entstammenden Heilmittel und ihre Wirkungen. Den Schluß bilden die Bücher mineralogischen Inhalts. Den Edelsteinen sowie den Mineralfarben sind je ein besonderes Buch gewidmet. In den letzten Büchern wird die Verwendung der Metalle und der Gesteine zu künstlerischen Zwecken eingehend unter Aufzählung zahlreicher hervorragender Kunstwerke geschildert[520].
Unter den Geographen, auf die sich *Plinius* stützte, ist vor allem *Pomponius Mela*, ein Zeitgenosse des Kaisers *Claudius*, zu nennen. Seine »Chorographie« (Ortskunde) entstand wahrscheinlich um das Jahr 43 n. Chr. Sie ist das älteste römische Werk über Geographie, das uns erhalten geblieben ist[521]. *Pomponius* beschreibt, den Küsten folgend, die Länder und enthält über die mathematische Geographie, mit der *Plinius* sein Werk anhebt, fast nichts.
Die »Naturgeschichte« des Plinius.
Wir gehen jetzt zu *Plinius* selbst über. In seiner »Naturgeschichte«, die 37 Bücher umfaßt, stellt er sich die Aufgabe, das in den zahlreichen erwähnten Quellen zerstreute Wissen seiner Zeit zu sammeln und zu sichten. Durch die mühevolle Lösung dieser Aufgabe hat er sich ein großes Verdienst erworben, wenn er auch oft kritiklos zusammenträgt und den Stoff nicht immer beherrscht. So hält er beispielsweise die fabelhaftesten Nachrichten über afrikanische Völker für erwähnenswert. Er berichtet von einem dieser Volksstämme, seine Angehörigen besäßen keine Köpfe, sondern trügen Mund und Augen auf der Brust. Der Grundgedanke, welcher das Werk durchzieht, ist der, daß die Natur des Menschen wegen alles erzeugt zu haben scheine. Die beschriebenen Naturkörper werden daher kaum als solche, sondern vorzugsweise in ihrer Beziehung zum Menschen betrachtet[522]. Über den Menschen selbst spricht er sich in folgenden, für ihn charakteristischen Worten aus: »Die anderen Tiere fühlen sich sogleich im Besitz ihres Wesens. Nur der Mensch kann nichts ohne Unterweisung. Er allein kennt Ehrgeiz, Habsucht, sorgt für sein Grab, ja sogar für die Zukunft nach seinem Tode. Keinem Geschöpf raubt die Angst so die Besinnung. Bei keinem wird die Wut heftiger. Alle anderen Tiere leben mit ihresgleichen in Frieden. Die Löwen kämpfen trotz ihrer Wildheit nicht gegeneinander, ebensowenig die Seeungeheuer. Aber fürwahr, dem Menschen schafft das größte Leid der Mensch«[523].
Daß *Plinius* übrigens sich des öfteren auch mit den Gegenständen selbst bekannt machte und sich eine eigene Meinung bildete, geht aus verschiedenen Stellen seines Werkes hervor. Manches von den Dingen, über die er berichtet, wird ihm auch das vielgestaltige Leben der Kaiserzeit ganz von selbst aufgedrängt haben. Gar manches Tier, das er beschreibt, wurde zur Befriedigung der Schaulust, für die Arena oder für den Gaumen aus den entferntesten Teilen des Orbis antiquus nach der Welthauptstadt gebracht. Ähnlich stand es mit den Pflanzen. Erzählt doch *Plinius* von einem botanischen Garten[524], den ein römischer Gelehrter unterhielt, um die Wirkungen der Kräuter kennen zu lernen. Unter seiner Anleitung ist *Plinius* mit zahlreichen heilkräftigen Pflanzen bekannt geworden.
Zu der Lehre von der Kugelgestalt der Erde ist die Ansicht getreten, daß das Menschengeschlecht viel weiter verbreitet sei, als man früher glaubte, ja, daß es Gegenfüßler geben müsse. »Die Wissenschaft und die Meinung des großen Haufens«, sagt *Plinius*[525], »befinden sich in gewaltigem Widerspruch. Jener zufolge wird die Erde ringsum von Menschen bewohnt, so daß sie mit den Füßen gegeneinander stehen und den Himmel alle gleichmäßig über dem Scheitel haben. Nach der anderen Meinung fragt man, weshalb denn die Antipoden nicht abfielen. Als ob nicht die Gegenfrage zur Hand wäre, warum jene sich nicht verwundern, daß wir nicht abfallen. Am meisten aber sträubt sich der große Haufe, wenn man ihm glaublich machen will, daß auch das Wasser gewölbt sei. Und doch ist nichts augenfälliger, denn überall bilden hängende Tropfen sich zu kleinen Kugeln.«
Aus der Tatsache, daß der längste Tag in Alexandrien 14, in Italien 15 und in Britannien 17 Stunden hat, folgert *Plinius*, daß die dem Pol benachbarten Länder im Sommer 24 Stunden Tag, zur Zeit des Wintersolstitiums dagegen eben so lange Nacht haben müssen[526]. Bei *Plinius* finden wir unter den Beweisen für die Krümmung der Erdoberfläche auch die Erscheinung angeführt, daß auf dem Meere zuerst der Mast der Schiffe und erst später der Rumpf sichtbar wird.
Während zur Zeit der römischen Weltherrschaft die Lehre von der Kugelgestalt der Erde zu einem Gemeingut der Gebildeten geworden war, hat man vereinzelt auch schon eine richtige Auffassung vom Verhältnis der Sonne zu den Planeten gehegt. Infolgedessen blieben die bei den Griechen entstandenen Keime der heliozentrischen Lehre bei den späteren Schriftstellern nicht unbeachtet. *Koppernikus* konnte seine Lehre daher unmittelbar an die aus dem Altertum überlieferten Anschauungen anknüpfen[527].
Dem Monde und sogar den Fixsternen, denen wir heute keine nachweisbaren Einflüsse auf irdische Vorgänge beimessen, schrieben die Römer, wie wir aus der »Naturgeschichte« des *Plinius* ersehen, solche zu. So heißt es dort[528]: »Daß beim Aufgang des Hundes der Einfluß dieses Gestirns auf die Erde in der weitesten Ausdehnung empfunden wird, wer wüßte das nicht? Bei seinem Aufgang schäumt das Meer, der Wein wird unruhig in den Kellern und die Sümpfe beginnen zu gären.« Daß der Mond bei der Erregung von Ebbe und Flut eine wichtige Rolle spielt, hatte man wohl erkannt, doch erklärte man diese Erscheinung in einem durchaus mystischen Sinne, indem man den Mond als das Gestirn des Odems ansah. Daher sollten sich bei der Annäherung des Mondes alle Körper füllen. *Plinius* behauptet sogar, daß bei zunehmendem Monde die Muscheln größer würden. Ja, auch das Blut im menschlichen Körper mehre und mindere sich wie das Licht dieses Gestirnes[529]. »Ebbe und Flut des Meeres«, sagt *Plinius*, »haben bei aller Abwechslung doch ihre Ursache nur in der Sonne und in dem Monde. Indessen treten die Gezeiten nie wieder zu derselben Stunde ein wie am Tage zuvor, weil sie dem gierigen Gestirn, das alle Tage an einer anderen Stelle aufgeht, gewissermaßen dienstbar sind. Bei Vollmond ist die Flut am heftigsten. Auch tritt die Flut zwei Stunden später ein, als sich der Mond aus der Mittagslinie abwärts senkt, da die Wirkungen aller Erscheinungen am Himmel erst später zur Erde gelangen, als die Erscheinungen selbst stattfinden. Die offene, große Fläche des Meeres empfindet die Macht des weithin wirkenden Gestirns nachdrücklicher als engbegrenzte Räume. Daher werden weder Seen noch Flüsse auf solche Weise in Bewegung versetzt[530].«
Die Zahl der Sterne, welche die Astronomen mit Namen bezeichnet hatten, gibt *Plinius* auf 1600 an[531]. Sie sollen aus dem das All umgebenden Feuer entstanden sein und werden nach ihm von der belebenden, alle Räume durchdringenden Luft, die sich dem Feuer am nächsten befindet, in der Schwebe gehalten. Von der Luft getragen, ruht die Erde, verbunden mit dem Wasser als viertem Element, im Raume. Zwischen der Erde und dem Himmelsgewölbe schweben der Mond, die Sonne und die fünf Planeten. Ihrer Bewegung wegen würden diese wohl Irrsterne genannt, obgleich keine weniger irrten als gerade sie.
Das ist in großen Zügen das Weltbild, das sich das Altertum gebildet. In dieser Vorstellung gab es keinen Raum mehr für die anthropomorphen Götter der früheren Zeit, an denen das Volk unter der Führung der Priester festhielt. Ein unüberwindlicher Zwiespalt zwischen Wissen und Glauben war somit auch im Altertum das Ergebnis der ganzen geistigen Entwicklung. Dem Fortschreiten der Erkenntnis hat sich indessen stets der religiöse Glaube anzupassen gesucht. So hat im Altertum der Gang der Wissenschaft einer neuen, monotheistischen Gestaltung der Religion vorgearbeitet. Hatten in dem gewonnenen Weltbilde die vielen Gottheiten der früheren Zeit keinen Raum mehr, so mußte, wie *Plinius* es ausdrückt, die Welt selbst als Gottheit gelten. Dem pantheistischen Standpunkte des *Plinius* entspricht seine Auffassung, daß, wenn man von einer Gottheit rede, damit nur die Natur gemeint sein könne. Von der Auffassung, die Welt sei ein Ganzes, zu dem Glauben, daß die Welt zwar nicht Gott selbst, wohl aber die Kundgebung eines einzigen Gottes sei, war aber nur ein Schritt. Und dieser führte in dem Zeitalter, von dem wir handeln, zur Begründung des Monotheismus. Weil der alte Götterglaube für den Gebildeten überwunden war, fehlte es an einem innerlichen Verhältnis zwischen Gott-Natur und dem Menschen. Daher das Unbefriedigte und der pessimistische Grundzug, welcher der christlichen Religion in jener Zeit den geeignetsten Boden bereitete. Bezeichnet es doch *Plinius* als den einzigen Trost gegenüber der Unvollkommenheit des Daseins, daß der Mensch diesem Dasein jederzeit freiwillig entsagen könne.
Auf dem Gebiete der beschreibenden Naturwissenschaften finden wir bei *Plinius* einen Rückgang gegen *Aristoteles* und *Theophrast*. Manche zoologische Mitteilung älterer Schriftsteller, die *Aristoteles* in das Gebiet der Fabel verwiesen hatte, nimmt *Plinius* unbedenklich wieder auf. Von einem systematischen Aufbau der Zoologie und der Botanik ist bei ihm nicht die Rede. Bezüglich der letzteren bleibt er weit hinter *Theophrast* zurück, da er bei der Einteilung der Pflanzen den reinen Nützlichkeitsstandpunkt vertritt. Er unterscheidet nämlich Arzneipflanzen, Spezereien usw. Eine richtige Auffassung finden wir hingegen bei *Plinius* bezüglich derjenigen Tiere, die *Aristoteles* »Blutlose« genannt hatte. »Daß die Insekten kein Blut haben«, sagt er, »gebe ich zu, doch besitzen sie dafür eine gewisse Lebensfeuchtigkeit, die für sie Blut ist.«
Seine der Botanik gewidmeten Bücher beginnen mit den Bäumen. Nicht etwa, daß er in ihnen die höchste Stufe pflanzlicher Organisation erblickt hätte, sondern weil sie zuerst die einfachsten Bedürfnisse des Menschen befriedigten. Zunächst bespricht er (12. und 13. Buch) die bemerkenswerteren fremden Bäume nach ihrem geographischen Vorkommen. Dann handelt er vom Weinstock, vom Ölbaum und von den Obstbäumen. Ein Buch ist den Zierpflanzen und den Bienenpflanzen gewidmet. Letztere unterscheidet er in empfehlenswerte und in solche, die den Honig verderben.
Am ausführlichsten werden die Arzneipflanzen behandelt. *Plinius* ist dabei von dem Gedanken durchdrungen, daß auch das unscheinbarste Kraut seine, wenn auch oft noch verborgenen, Heilkräfte haben müsse. Wie hier, so ist auch an den übrigen Stellen der »Naturgeschichte« der leitende Gedanke der, daß die Natur alles um des Menschen willen erzeugt habe. Das Nützlichkeitsprinzip beherrscht also die Darstellung, die dementsprechend oft recht trocken ist und nicht selten auf eine bloße Aufzählung hinausläuft. Stellenweise erhebt sie sich jedoch auch zu rhetorischem Schwung, zumal wo *Plinius* seine stoische Weltanschauung durchblicken läßt oder, wo er sich als laudator temporis acti, d. h. als Lobredner auf die gute alte Zeit, zu erkennen gibt.
Die Hauptquelle für die botanischen Kenntnisse des *Plinius* ist *Theophrast*. So entnahm er z. B. *Theophrast* die Schilderung der indischen Pflanzenwelt. Doch geschah es ohne tieferes Urteil und Verständnis. Das Feine und Exakte ist zumeist verwischt und kaum merklich hebt sich bei *Plinius* dieser Teil aus der Menge der übrigen Einzelheiten ab[532]. Eigene Beobachtungen kann *Plinius* in Anbetracht seiner oben erwähnten Lebensweise nicht oft gemacht haben. Wenn er gelegentlich in seinem Werke von Erfahrungen spricht, so ist damit wohl in den meisten Fällen ihm mündlich zuteil gewordene Auskunft gemeint. Die Zahl der bei *Plinius* vorkommenden Pflanzen ist eine recht beträchtliche. Sie beläuft sich auf nahezu tausend, etwa das Doppelte der bei *Dioskurides* aufgezählten Arten[533]. Es entspricht das zwar dem enzyklopädischen Grundsatz des *Plinius*, verdient aber immerhin Beachtung, wenn wir bedenken, daß *Linné* den Pflanzenreichtum der ganzen Erde auf nur 10000 Arten schätzte.
Auch über die Wirkung, welche die »Naturgeschichte« des *Plinius* auf die Nachwelt ausgeübt, und über die Würdigung, die das Werk erfahren hat, mögen hier einige Bemerkungen Platz finden. Hatte doch die »Naturgeschichte« für die gesamten nachchristlichen Jahrhunderte bis zum Wiederaufleben der Wissenschaften eine Bedeutung wie nur wenige Bücher. Sie war die wichtigste Quelle für jede Belehrung über naturwissenschaftliche und viele andere Dinge. Dies dauerte so lange, bis man das eigene Beobachten und Forschen höher als Autorität und Bücherweisheit einschätzen lernte und damit die Grundlagen für einen Neubau der Naturwissenschaften zu schaffen begann.
Daß die Elemente des alten Wissens nicht nur manches wertvolle Stück für diesen Neubau lieferten, sondern auch durch ihre Unzulänglichkeit den Anstoß zur Weiterentwicklung gegeben haben, wird bei der Beurteilung der antiken Schriften oft vergessen. Daher rührt es, daß das Urteil je nach der Stellung, die man einnimmt, außerordentlich schwankend und widerspruchsvoll ist. Es gilt das von *Plinius* nicht minder wie von *Theophrast*, *Aristoteles* und viele andere. Man hat sie bald hoch gepriesen, bald herabgesetzt, selten aber sie nach Gebühr gewürdigt.
Selbst ein *Cuvier* und ein *Buffon*, Forscher, die zu den bedeutendsten der Neuzeit zählen, haben *Plinius* ihre Anerkennung nicht versagt. So schreibt *Buffon* in seiner großen »Naturgeschichte«, der er ein Wort des *Plinius* voranstellt, über diesen: »Sein Werk umfaßt nicht nur die Tiere, die Pflanzen und die Mineralien, sondern auch die Erd- und Himmelskunde, die Medizin, die Entwicklung des Handels und der Künste, kurz alle Wissenschaften. Erstaunlich ist, wie bewandert *Plinius* sich auf allen Gebieten zeigt. Erhabenheit der Gedanken und Schönheit des Ausdrucks vereinigen sich bei ihm mit tiefer Gelehrsamkeit.«
Auch *A. v. Humboldt*, der uns im 2. Bande seines »Kosmos« eine Geschichte der physischen Weltanschauung hinterließ, hat für *Plinius* Worte der Anerkennung. Er bezeichnet die »Naturgeschichte«, dem das Altertum nichts Ähnliches an die Seite zu stellen habe, als das großartige Unternehmen einer Weltbeschreibung. Trotz aller Mängel des Werkes habe dem Verfasser ein einziges großes Bild vorgeschwebt. Man möchte hinzufügen, daß *Plinius* für seine Zeit das versucht hat, was *v. Humboldt* im »Kosmos« anstrebte. Und wenn *Plinius* selbst sein Werk als eine Enzyklopädie bezeichnete, so ist zu bedenken, daß dieses Wort seit dem Altertum seine Bedeutung gewechselt hat. Es bedeutete nämlich etwa soviel wie »Vollkreis und Inbegriff der allgemeinen Wissenschaften«[534], während man heute eine Art Wörter- und Nachschlagebuch darunter versteht. Neuere geschichtliche Darstellungen, deren Verfasser die »Naturgeschichte« vielleicht nicht einmal genauer kennen, haben *Plinius* mitunter als enzyklopädischen Vielschreiber und geistlosen Kompilator abgetan. Dabei verfielen sie selbst in den Fehler, zu Nachbetern der absprechenden Urteile zu werden, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts über das Altertum und seine Schriftsteller (besonders von naturwissenschaftlicher Seite) in Umlauf gesetzt wurden. Heute ist dagegen eine sachlichere Würdigung der geschichtlichen Entwicklung im Entstehen begriffen, so daß man es wohl allgemein ablehnen würde, wenn jemand *Plinius* oder *Aristoteles* an dem Maße eines neueren Forschers messen wollte. Um den richtigen Maßstab zu gewinnen, müssen wir sie aus der Zeit, die sie erzeugt hat, zu verstehen suchen und ihre Werke mit denen der nämlichen oder einer noch naheliegenden Periode vergleichen. Dabei richtet sich der Blick zunächst auf die christliche und die arabische Literatur des Mittelalters. Und wenn man die »Naturgeschichte« des *Plinius* mit einem Erzeugnis jener Literatur, das das gleiche Ziel verfolgt, z. B. mit dem »Buch der Natur« des *Konrad Megenberg*, vergleicht, dann erscheint das Werk des Römers in einer ganz anderen und vor allem in der richtigen Beleuchtung.
Der Anerkennung, die man der »Naturgeschichte« des *Plinius* während des ganzen Mittelalters zollte, entspricht es, daß aus diesem Zeitraum eine große Zahl von Handschriften -- es sind nicht weniger als zweihundert -- auf uns gelangt sind. Von den älteren ist allerdings keine einzige vollständig. Sie sind sogar oft sehr fragmentarisch. Sämtliche neueren Handschriften lassen übrigens erkennen, daß sie auf einen Archetyp (d. h. die nämliche alte Vorlage) zurückzuführen sind.
Fortschritte der Anatomie und der Heilkunde.
Für die Beschäftigung mit den Tieren und den Pflanzen waren bei den Römern, wie in der alexandrinischen Akademie, an erster Stelle medizinische und landwirtschaftliche Gesichtspunkte maßgebend. Wichtig war es auch, daß man sich über die Bedenken hinwegsetzte, die bis dahin von einem Eindringen in den Bau und die Verrichtungen des menschlichen Körpers abgehalten hatten. Schon bald nach *Aristoteles*, dessen anatomisches Wissen, wie wir sahen, wenigstens in bezug auf den Menschen, noch gering war, unterschied man Arterien und Venen. Auch bemerkte man, daß ihre Verzweigungen dicht nebeneinander liegen. Da man die Arterien jedoch beim Zerschneiden des toten Körpers leer fand, so glaubte man, daß es ihre Aufgabe sei, im lebenden Organismus Luft zu führen. Zu einer zwar noch mit vielen Unrichtigkeiten durchsetzten Vorstellung von der Bewegung des Blutes, deren wahren Verlauf erst *Harvey* im 17. Jahrhundert erkannte, kam der römische Arzt *Galen*[535] (131-201 n. Chr.). *Galen* wurde in Pergamon geboren. Er empfing seine Ausbildung in Griechenland, übte aber die ärztliche Kunst in Rom aus (von 164-201 n. Chr.) und hielt dort auch Vorlesungen über Anatomie, für die er schätzenswerte Beiträge auf Grund zootomischer Untersuchungen lieferte.
*Galen* erkannte die Anatomie und die Physiologie als die Grundlagen der Heilkunde und bemühte sich schon, physiologische Fragen auf experimentellem Wege zu entscheiden[536]. Die Bewegung des Blutes schildert er folgendermaßen, wobei wir uns der heutigen Bezeichnungweise bedienen wollen[537]: »Durch die Venen gelangt das Blut zum rechten Teile des Herzens. Mittels der Wärme des Herzens werden die noch brauchbaren Teile von den unbrauchbaren geschieden. Die letzteren werden durch die Lungenarterie zu den Lungen geführt und beim Ausatmen entfernt, während gleichzeitig die Lungen Pneuma aus der Atmosphäre anziehen[538]. Das Pneuma gelangt durch die Lungenvenen zum linken Herzen, verbindet sich hier mit dem Blut, das durch die Herzscheidewand treten sollte, und wird alsdann durch die Aorta in alle Teile des Körpers und endlich wieder in die Venen zurückgeführt.«
Von dem großen Kreislauf des Blutes hatte *Galen*[539] also schon eine Vorstellung, während ihm unbekannt blieb, daß die ganze Masse des Blutes nach Vollendung dieses Kreislaufs durch die Lungen getrieben wird. An die Stelle einer richtigen Auffassung von der Rolle des Luftsauerstoffs, die erst durch die fortschreitende Einsicht in den chemischen Prozeß ermöglicht wurde, tritt bei *Galen* die Annahme des mystischen Pneumas. Darunter dachte man sich nicht die Luft selbst, sondern ein ihr innewohnendes, belebendes Prinzip.