Part 1
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*Dannemann.* Entwicklung der Naturw. Bd. I.
DIE NATURWISSENSCHAFTEN
IN IHRER ENTWICKLUNG UND IN IHREM ZUSAMMENHANGE
DARGESTELLT VON
FRIEDRICH DANNEMANN
ZWEITE AUFLAGE
I. BAND:
VON DEN ANFÄNGEN BIS ZUM WIEDERAUFLEBEN DER WISSENSCHAFTEN
MIT 64 ABBILDUNGEN IM TEXT UND MIT EINEM BILDNIS VON ARISTOTELES
LEIPZIG
VERLAG VON WILHELM ENGELMANN
1920
Copyright 1920 by Wilhelm Engelmann, Leipzig.
HERRN GEH. HOFRAT PROF. DR.
EILHARD WIEDEMANN
AUS DANKBARKEIT FÜR SEINE MITWIRKUNG BEI DER HERAUSGABE DER NEUEN AUFLAGE
GEWIDMET
Vorwort.
Das vorliegende Werk wurde kurz vor dem Kriege vollendet. Die Aufnahme war so günstig, daß der erste Band schon während des Krieges vergriffen war. Leider konnte die zweite Auflage, weil das deutsche Verlagsgeschäft mit außerordentlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, nicht sofort erscheinen, so daß das vollständige Werk längere Zeit im Buchhandel fehlte.
Die zweite Auflage stellt sich nicht nur als eine vermehrte, sondern, zumal in einem Punkte, als eine ganz wesentlich verbesserte dar. Da es nämlich dem einzelnen nicht wohl möglich ist, auf allen Gebieten gleich gründliche Vorarbeiten zu machen, haben sich mir dieses Mal einige hervorragende Forscher zugesellt. Insbesondere bin ich den Herren Geh. Hofrat Prof. Dr. *E. Wiedemann* (Erlangen), Prof. Dr. *E. v. Lippmann* (Halle a. S.) und Prof. Dr. *J. Würschmidt* (Erlangen) zu großem Dank verpflichtet. Ich empfing von den Genannten nicht nur zahlreiche Anregungen; sie haben auch die Korrektur des Satzes bis in alle Einzelheiten überwacht. Die Mehrzahl der von ihnen ausgehenden Verbesserungsvorschläge konnte noch Verwendung finden. Manches ließ sich erst am Schlusse in einem besonderen Abschnitt (s. S. 478) bringen. Einzelne weitergehende Vorschläge mußten vorläufig zurückgestellt werden.
Wenn ich die drei ersten Bände den Herren *Wiedemann*, *v. Lippmann* und *Würschmidt* widme, so ist dies nur ein schwacher Ausdruck meines Dankes. Auch verkenne ich nicht, daß diese Mitwirkung in erster Linie erfolgt ist, um das Werk für den Gebrauch geeigneter zu machen. Manche Anregung ging mir ferner in den zahlreichen Besprechungen, sowie von befreundeter Seite zu. Eine Aufzählung würde zu weit führen. Doch drängt es mich, besonders für die nachfolgenden Bände den verstorbenen Geh. Rat. Dr. *G. Berthold*, einen verdienten Forscher auf dem Gebiete der neueren Geschichte der Wissenschaften, zu nennen. Seine bedeutende Bibliothek, die durch Ankauf in den Besitz des Münchener Deutschen Museums für Meisterwerke auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und der Technik übergegangen ist, stand mir jeder Zeit zur Verfügung. Auch der häufige persönliche Verkehr mit *Berthold*, den die Bayrische Akademie der Wissenschaften mit der Abfassung einer von ihr herauszugebenden großen Geschichte der Physik betraut hatte[1], war für die Neuherausgabe des ganzen Werkes von Belang.
Über die Ziele wiederhole ich hier die Worte, die ich der ersten Auflage vorausgeschickt habe: Die Anteilnahme an der Geschichte der Wissenschaften ist seit mehreren Jahrzehnten sehr lebhaft. Je mehr man erkennt, daß sich einer Enträtselung der Natur mit jedem Schritte weitere Schwierigkeiten entgegenstellen, um so lieber richtet man den Blick auch wieder rückwärts, um den durchmessenen Weg zu überschauen und aus dem reichen Gesamtergebnis der bisherigen Forschung neue Hoffnung auf ein immer tieferes Eindringen in den Zusammenhang der Naturerscheinungen zu schöpfen. In dem Maße, wie sich ferner die Tätigkeit des einzelnen auf ein kleines Arbeitsfeld beschränkt, um so dringender wird das Bedürfnis, das Augenmerk häufiger auf die Gesamtwissenschaft zu richten. Sie in ihrem gegenwärtigen Umfange zu überschauen, ist nicht möglich. Wohl aber können wir sie uns in einem historischen Rückblick vergegenwärtigen, der die Haupttatsachen hervorhebt, sie verknüpft und zu einer vertieften Auffassung anregt.
Eine wertvolle Frucht des geschichtlichen Studiums ist ferner darin zu erblicken, daß es vor dogmatischer Einseitigkeit bewahrt, wenn man sich die Wissenschaft als etwas Werdendes und infolgedessen Unfertiges vergegenwärtigt. Auch gelangt man zu der Einsicht, daß uns dieselben oder ähnliche Methoden und Schlußweisen, die man heute anwendet, in der Entwicklung der Wissenschaft begegnen. Manche Gebiete lassen sich daher kaum darstellen, ohne an die früheren Untersuchungen, Vorstellungen und Gedankengänge anzuknüpfen. Aus diesem Grunde ist die genetische Betrachtungsweise nicht nur in manche Lehrbücher eingedrungen. Es sind auch zahlreiche Geschichten der Einzelwissenschaften entstanden, und das Quellenstudium ist durch Neudrucke der oft schwer zugänglichen älteren Arbeiten belebt worden. Erinnert sei hier nur an *Ostwalds* großes Unternehmen. Seine »Klassiker der exakten Wissenschaften« enthalten in 195 Bänden die grundlegenden Abhandlungen aus den Gebieten der Mathematik, Astronomie, Physik, Kristallographie und Physiologie.
*Das vorliegende Werk soll gewissermaßen den Rahmen für »Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften« abgeben und dartun, wie sich die einzelnen Gebiete gegenseitig auf ihrem Werdegange beeinflußt haben.* Die Wissenschaftsgeschichte ist vor allem ein wichtiger Teil der Kulturgeschichte. Sie kann daher nur verstanden werden, wenn wir sie in ihrem Zusammenhange mit dieser und der allgemeinen Geschichte betrachten. Eine von solchen Gesichtspunkten ausgehende Darstellung des Entwicklungsganges der Naturwissenschaften ist von anderer Seite wohl kaum versucht worden. Wenn ein einzelner sie unternimmt, so muß er in mancher Beziehung um Nachsicht bitten. Eine Teilung der Arbeit unter viele erschien nicht angängig, wenn etwas Ganzes entstehen sollte.
Nicht nur dem Historiker, sondern auch dem Fachmanne, der ein Einzelgebiet bearbeitet, dem Lehrenden, dem Techniker, dem Arzte und jedem, der sich für die Naturwissenschaften lebhafter interessiert, dürfte damit gedient sein, ein Werk zu besitzen, das einen Gedanken zu verwirklichen sucht, dem der Altmeister der historischen Forschung, *Leopold v. Ranke*, im fünften Bande seiner deutschen Geschichte Ausdruck verleiht. *Ranke* schreibt dort, es müsse ein herrliches Werk sein, einmal die Teilnahme, welche die Deutschen an der Fortbildung der Wissenschaften genommen, im Rahmen der europäischen Entwicklung mit gerechter Würdigung darzustellen. »Zu einer allgemeinen Geschichte der Nation«, fügt *Ranke* hinzu, »wäre ein solches eigentlich unentbehrlich.«
Über dieses von *Ranke* gesteckte Ziel geht das vorliegende Werk allerdings noch hinaus, da es die Geschichte der exakten Wissenschaften in ihrem ganzen Umfange schildert. Im übrigen dürfte die von *Ranke* gestellte Aufgabe erfüllt sein, da sich die »Geschichte der Wissenschaften in Deutschland« nicht anders als im Rahmen der Gesamtentwicklung darstellen läßt. Wenn wir die letztere im Auge behalten, so sind die Naturwissenschaften nicht nur als ein Ergebnis der gesamten Kultur zu betrachten, sondern auch in ihren Beziehungen zu den übrigen Wissenschaften, insbesondere zur Philosophie, zur Mathematik, zur Medizin und Technik; und es ist zu zeigen, wie sich diese Zweige des Denkens und der Forschung gegenseitig gefördert und bedingt haben.
Von einem Werke, das diese Aufgabe zu erfüllen sucht, darf man keine Vollständigkeit in Bezug auf die biographischen und bibliographischen Daten erwarten. Doch sind zumal die letzteren in solchem Umfange aufgenommen worden, daß es zwar nicht als Nachschlagebuch, wohl aber zur Einführung in das Studium der älteren und neueren naturwissenschaftlichen Literatur dienen kann. Um diesem Zwecke zu entsprechen, bringt der letzte Band ausführliche, sich über alle Teile erstreckende Literatur-, Sach- und Namenregister. Die übrigen Bände enthalten ein kürzeres Sach- und Namenverzeichnis.
Die Geschichte der Naturwissenschaften ist einer der jüngsten Zweige der historischen Forschung. Daher ist besonders für die entlegeneren Zeiten vieles noch unaufgeklärt. Manches ist erst neuerdings mit dem Fortschreiten der archäologischen und der philologischen Untersuchungen bekannt geworden. Es sei nur an die wertvollen Ergebnisse erinnert, die uns die Erschließung der altorientalischen Kultur und die Erforschung der arabischen Literaturschätze gebracht haben. Allerdings sind gerade hier die Urteile noch nicht genügend geklärt, ja häufig genug in wichtigen Punkten einander widersprechend. Für denjenigen, der in zusammenhängender Darstellung die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Kenntnisse im Altertum und Mittelalter schildern will, ergeben sich daraus nicht geringe Schwierigkeiten. Manche Angabe wird bei dem einen auf Zustimmung, bei dem anderen auf Widerspruch stoßen. Das Gleiche gilt von den Ansichten, die wir uns über die Zusammenhänge und die Ursachen bilden können.
Diese Umstände haben mich aber nicht abgehalten, ein Gesamtbild zu entwerfen und damit eine schon lange angestrebte Aufgabe, deren Bewältigung immer dringender wird, in Angriff zu nehmen. Denn nur in dem Gesamtbilde erhalten die zahllosen Einzelergebnisse der Forschung erst ihren vollen Wert, während sie in ihrer Vereinzelung oft genug geringwertig oder gar bedeutungslos erscheinen.
Zur Belebung der Wissenschaftsgeschichte ist bisher recht wenig geschehen. Umfassende Vorlesungen darüber fehlen selbst an den größeren Hochschulen wohl noch überall. Ja, es gibt sogar eine ganze Reihe von Universitäten, an denen auch nicht einmal das bescheidenste historische Kolleg über einen besonderen Zweig der so gewaltig emporgeblühten Naturwissenschaften gehalten wird, während Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, der Kunst, der Literaturen usw. nirgends fehlen. Was uns nottut, ist ein besonderer Lehrstuhl für die Geschichte der Naturwissenschaften an jeder Hochschule. Solange solche fehlen, dürfte ein Werk wie das vorliegende dem wissenschaftlichen Nachwuchs einen gewissen Ersatz bieten. Ich habe es daher mit Freuden begrüßt, daß einzelne Hochschullehrer ihre Hörer auf die Wichtigkeit des eindringenderen geschichtlichen Studiums hinweisen. So schreibt Herr Dr. *A. Stock*, Prof. an der Universität Berlin und am Kaiser-Wilhelmsinstitut in Dahlem, seit Jahren empfehle er seinen Hörern in der einführenden Vorlesung über experimentelle Chemie »Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange.« Es ist also zu hoffen, daß das unter der Mitwirkung mehrerer Hochschullehrer erneut erscheinende Werk auch in dieser Hinsicht seine Aufgabe erfüllen wird.
Friedrich Dannemann.
Inhalt.
1. In Asien und in Ägypten entstehen die Anfänge der Wissenschaften.
(S. 1-62.)
1. Einleitendes. -- 2. Die Kultur der alten Ägypter. -- 3. Die Literatur der Ägypter. -- 6. Mathematik und Technik der Ägypter. -- 14. Die Anfänge der Metallurgie. -- 15. Die babylonisch-assyrische Kultur. -- 17. Keilschriftfunde. -- 18. Die Mathematik der Babylonier. -- 20. Der Ursprung der Astronomie. -- 22. Einteilung des Jahres. -- 24. Anfänge der Astrologie. -- 26. Astronomische Urkunden. -- 28. Finsternisse, Kometen, Schaltjahr. -- 31. Genauigkeit der Messungen. -- 33. Die Chaldäer. -- 35. Mondbewegung. -- 36. Der Gnomon. -- 38. Maße und Gewichte. -- 41. Die Gewinnung des Eisens. -- 42. Kupfer, Zink und Zinn. -- 44. Glasbereitung. -- 45. Die Anfänge der Heilkunde. -- 48. Erstes naturgeschichtliches Wissen. -- 51. Die alte Kultur Süd- und Ostasiens. -- 53. Die Mathematik der Inder. -- 56. Indische Rechenkunst. -- 59. Heilkunde und Chemie bei den Indern. -- 61. Die Astronomie der Chinesen.
2. Die Entwicklung der Wissenschaften bei den Griechen bis zum Zeitalter des Aristoteles.
(S. 63-103.)
65. Anfänge der griechischen Astronomie. -- 67. Anfänge der Erdbeschreibung. -- 69. Ionische Naturphilosophie. -- 71. Mechanische Naturerklärung. -- 73. Zweckbegriff. -- 79. Pythagoras und seine Schule. -- 84. Quadratur des Kreises und Würfelverdopplung. -- 86. Kegelschnitte. -- 89. Kalenderrechnung. -- 91. Die sieben Planeten. -- 93. Die heliozentrische Weltanschauung. -- 96. Gestalt und Größe der Erde. -- 97. Pflanzenkenntnis der Griechen. -- 99. Die Anfänge der Zoologie. -- 100. Keime der Descendenzlehre. -- 101. Ursprung der griechischen Heilkunde.
3. Das aristotelische Zeitalter.
(S. 104-151.)
104. Aristoteles und seine Zeit. -- 107. Die Werke des Aristoteles. -- 109. Die Philosophie des Aristoteles. -- 112. Fall und Hebelgesetz. -- 114. Parallelogrammgesetz. -- 115. Die Anfänge der Akustik und der Optik. -- 117. Das Himmelsgebäude nach Aristoteles. -- 121. Die Natur der Weltkörper. -- 123. Anfänge der physischen Erdkunde. -- 125. Einsicht in die geologischen Vorgänge. -- 127. Die vier aristotelischen Elemente. -- 129. Die Begründung der Zoologie. -- 133. Die Einteilung des Tierreichs. -- 137. Bau und Lebensweise. -- 138. Ernährung und Sexualität der Pflanzen. -- 141. Botanik und Heilkunde. -- 143. Geographie der Pflanzen. -- 146. Bau und Entwicklung der Pflanzen. -- 148. Mineralogie und Bergbau. -- 149. Einfluß und Dauer des aristotelischen Lehrgebäudes.
4. Das alexandrinische Zeitalter.
(S. 152-207.)
154. Die Begründung eines Systems der Mathematik. -- 157. Das Leben und die Bedeutung des Archimedes. -- 159. Die Erfindungen des Archimedes. -- 163. Die Anfänge der höheren Mathematik. -- 165. Rotationskörper. -- 167. Kegelschnitte. -- 170. Das archimedische Prinzip. -- 172. Fortschritte der Optik und Akustik. -- 174. Die Grundlagen der wissenschaftlichen Erdkunde. -- 177. -- Die Ausmessung der Erde. -- 180. Die Bestimmung von Sternörtern. -- 182. Entfernung und Größe von Mond und Sonne. -- 184. Astronomie und Geometrie. -- 186. Die Entdeckung der Präzession. -- 188. Die Anfänge der wissenschaftlichen Kartographie. -- 190. Physik der Gase und der Flüssigkeiten. -- 193. Herons Apparate und Automaten. -- 196. Wasserorgel. -- 197. Thermoskop. -- 198. Flaschenzug. -- 199. Wegmesser. -- 200. Grundlagen der Vermessungskunde. -- 201. Herons Werke. -- 205. Naturbeschreibung und Medizin im alexandrinischen Zeitalter.
5. Die Naturwissenschaften bei den Römern.
(S. 208-245.)
208. Allgemeingeschichtliches. -- 209. Einfluß des Hellenismus. -- 211. Meßkunst und Astronomie bei den Römern. -- 213. Regelung des Kalenders. -- 215. Pflege der Ingenieurmechanik. -- 219. Die Literatur während der Kaiserzeit. -- 220. Plinius. -- 222. Quellen des Plinius. -- 226. Die »Naturgeschichte« des Plinius. -- 233. Fortschritte der Anatomie und der Heilkunde. -- 239. Die Botanik als Hilfswissenschaft der Heilkunde. -- 240. Die römische Naturauffassung bei Lukrez und Seneka. -- 244. Chemische Kenntnisse und ihre Anwendungen.
6. Der Ausgang der antiken Wissenschaft.
(S. 246-284.)
246. Das ptolemäische Weltsystem. -- 249. Die Epizyklentheorie. -- 252. Hilfswissenschaften der Astronomie. -- 255. Astronomische Meßwerkzeuge. -- 257. Fortschritte der Geographie. -- 258. Astronomie und Geographie. -- 260. Physische Geographie. -- 262. Forschungsreisen. -- 265. Förderung der Optik. -- 267. Theorie des Sehens. -- 268. Elektrizität und Magnetismus. -- 270. Die Anfänge der Chemie. -- 272. Metallurgie und Alchemie. -- 277. Alchemie und Astrologie. -- 278. Alchemistische Urkunden. -- 281. Altertum und Mittelalter.
7. Der Verfall der Wissenschaften zu Beginn des Mittelalters.
(S. 285-295.)
285. Allgemeingeschichtliches. -- 286. Wissenschaft und Kirche. -- 289. Christentum und Germanentum. -- 291. Wissenschaft und Klosterwesen. -- 293. Die Erhaltung der alten Schriftwerke. -- 294. Enzyklopädien der Wissenschaften.
8. Das arabische Zeitalter.
(S. 296-331.)
296. Die Wissenschaften und der Islam. -- 299. Vermittlerrolle der Araber. -- 301. Die Bedeutung der arabischen Literatur. -- 303. Mathematische Geographie und Astronomie. -- 305. Astronomie und Trigonometrie. -- 306. Astronomische Instrumente. -- 308. Der Kompaß. -- 310. Die Rechenkunst der Araber. -- 312. Die Ausbreitung der arabischen Wissenschaft. -- 314. Die Optik bei den Arabern. -- 319. Die Chemie im arabischen Zeitalter. -- 322. Alchemistische Schriften. -- 324. Säuren und Metalle. -- 325. Alchemistische Theorien. -- 326. Stein der Weisen. -- 327. Mineralogische Kenntnisse der Araber. -- 328. Arabische Bearbeitungen der Zoologie. -- 329. Botanische Schriften. -- 330. Heilkunde. -- 331. Verfall der arabischen Kultur.
9. Die Wissenschaften unter dem Einfluß der christlich-germanischen Kultur.
(S. 332-369.)
332. Allgemeingeschichtliches. -- 335. Die Kultur im Reiche der Franken. -- 336. Anfänge einer mitteleuropäischen Literatur. -- 338. Christliche Völker und Islam. -- 341. Erweiterung des geographischen Gesichtskreises. -- 342. Handel und Städtewesen. -- 343. Die Wiederbelebung der alten Literatur. -- 346. Die Zoologie im Mittelalter. -- 350. Die Botanik im Mittelalter. -- 352. Die »Tiergeschichte« des Albertus Magnus. -- 353. Roger Bacon. -- 355. Bacons Naturlehre. -- 357. Bacons optische Kenntnisse. -- 361. Mittelalterliches Denken. -- 365. Die Naturwissenschaften im 14. Jahrhundert. -- 366. Das Weltbild des Mittelalters.
10. Das Wiederaufleben der Wissenschaften.
(S. 370-402.)
370. Mittelalter und Renaissance. -- 372. Dante und Petrarka. -- 373. Die Ausbreitung des Humanismus. -- 377. Humanismus und Kirche. -- 379. Humanismus und Naturwissenschaft. -- 382. Lionardo da Vinci. -- 384. Lionardos Manuskripte. -- 386. Lionardos Erfindungen. -- 388. Wechselwirkung von Kunst und Wissenschaft. -- 392. Das Wiedererwachen der Astronomie. -- 395. Astronomische Tafeln. -- 396. Astronomische Instrumente. -- 398. Astronomie und Nautik. -- 400. Die Wiederbelebung der Naturbeschreibung.
11. Die Begründung des heliozentrischen Weltsystems durch Koppernikus.
(S. 403-419.)
403. Koppernikus. -- 407. Die Vorläufer des Koppernikus. -- 408. Das Koppernikanische Weltsystem. -- 412. Aufnahme und Ausbreitung der heliozentrischen Lehre. -- 415. Das unendliche Universum. -- 417. Astronomie und Kartographie.
12. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der anorganischen Naturwissenschaften.
(S. 420-445.)
421. Die Physik im 16. Jahrhundert. -- 428. Entdeckungen auf dem Gebiete der Optik. -- 429. Die Lehre vom Magnetismus. -- 430. Anfänge der Dynamik. -- 431. Alchemie und Jatrochemie. -- 435. Paracelsus. -- 437. Die Neubegründung der Mineralogie. -- 439. Agricolas mineralogische Schriften. -- 441. Anfänge der neueren Geologie. -- 443. Anfänge der Paläontologie.
13. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der organischen Naturwissenschaften.
(S. 446-467.)
446. Naturwissenschaften und Entdeckungsreisen. -- 450. Die Erneuerung der Botanik. -- 451. Kräuterbücher. -- 455. Die Anordnung der Pflanzen. -- 458. Die Erneuerung der Zoologie. -- 462. Das Wiederaufleben der Anatomie. -- 464. Vesals anatomisches Hauptwerk. -- 466. Anatomie und Chirurgie.
1. In Asien und in Ägypten entstehen die Anfänge der Wissenschaften.
Den ersten naturwissenschaftlichen und mathematischen Lehrgebäuden, die in der Blütezeit des griechischen Geisteslebens entstanden, gingen ungemessene Zeiträume voraus, in denen die einfachsten Überlegungen und Beobachtungen, die Grundlagen aller Wissenschaft, teils zufällig, teils auch schon mit bestimmter Absicht angestellt, selten aber nach ihrem Werte gesichtet und aufgezeichnet wurden. Aus dieser Periode stammende Urkunden sind deshalb höchst spärlich, so daß sich die Wurzeln der Naturwissenschaften wie so mancher anderen Betätigungen des menschlichen Geistes, im Dunkel vorgeschichtlicher Zeiten verlieren. Soviel ist jedoch gewiß, daß wir diese Wurzeln nicht in Griechenland zu suchen haben, wo uns die ersten wissenschaftlichen Systeme entgegentreten.
In den Niederungen des Nils und des Euphrats, den ältesten Stätten der Kultur, haben sich auch die ersten Kenntnisse entwickelt, die sich über die Ergebnisse der oberflächlichen Betrachtung und der naiven Anschauung erhoben. Durch die Berührung mit den in Ägypten und in Vorderasien entstandenen Elementen entzündete sich alsdann der prometheische Funke, der in den Griechen schlummerte. Ihnen gelang es, diese Elemente nicht nur in sich aufzunehmen, sondern sie durch eigenes Forschen zu vervielfältigen und den Baum der Erkenntnis zu pflanzen, der nach einer langen Zeit der Dürre zu dem gewaltigen Stamme erwuchs, von dem die Segnungen der heutigen Kultur in erster Linie ausgegangen sind.
Die Entwicklung der Naturwissenschaften ist seit der frühesten Zeit mit derjenigen des mathematischen Denkens Hand in Hand gegangen. Auch in dieser Hinsicht sind die ersten Regungen auf die Ägypter und die Babylonier zurückzuführen. War man früher bezüglich dieser beiden Völker fast nur auf die uns durch die Literatur übermittelten, zum Teil recht zweifelhaften Berichte angewiesen, so hat unser Zeitalter, indem es den Schutt von den Ruinen Ägyptens und Mesopotamiens wegräumte und die alten Schriftzeichen entziffern lernte, die Geschichte, die Kenntnisse, ja das gesamte Leben jener ältesten Völker aus dem Dunkel und der Vergessenheit nach Jahrtausenden ans Licht gebracht.
Zwar ist die Kultur im Osten und im Süden Asiens vielleicht ebenso früh entstanden wie diejenige, die in den Tälern des Nils und des Euphrats emporblühte. Dennoch wird eine Geschichte der gesamten exakten Wissenschaften auf Indien und China nur wenig Rücksicht zu nehmen brauchen, weil die dort wohnende Bevölkerung sehr abgeschlossen lebte und infolgedessen auf die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Kenntnisse in Vorderasien und Europa nur geringen Einfluß gehabt hat.
Die Kultur der Ägypter.
Wenden wir uns daher zunächst den Ägyptern zu, dem Volke, das wohl die älteste Literatur und die ersten mathematischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen Kenntnisse hervorbrachte. Die griechische Überlieferung, nach welcher die Ägypter von Süden her aus Äthiopien in das Niltal eingewandert sind, hat der neueren anthropologischen und Altertumsforschung gegenüber nicht Stand gehalten[2]. Wir müssen vielmehr annehmen, daß die alten Ägypter protosemitischen Ursprungs, also mit den Babyloniern durch Abstammung verwandt waren[3]. Darauf weisen nicht nur sprachliche Eigentümlichkeiten, sondern auch der Umstand hin, daß die Kultur sich in Ägypten[4] von der Mündung aus stromaufwärts ausbreitete.
Der fruchtbare, zu beiden Ufern des Nils sich durch die Wüste hinziehende Streifen Landes, der das eigentliche Ägypten bildet, erwies sich in der Hand der geistig höher begabten Ankömmlinge als ein für die Entwicklung einer hohen Kultur vortrefflich geeigneter Boden. Zuerst erblühte sie in Memphis, in dessen Mauern die Wissenschaften gepflegt wurden und die Künstler Meisterwerke hervorbrachten. Die höchste Blüte entfaltete sie indessen, nachdem um das Jahr 1600 v. Chr. das neue Reich mit der Hauptstadt Theben gegründet war. In der Nähe der beiden Hauptplätze entstanden in der Wüste monumentale Begräbnisstätten, welche den Wechsel der Zeiten in solchem Maße überstanden haben, daß durch die neuere archäologische Forschung, wie einer ihrer Hauptvertreter sagt[5], nach und nach das ganze alte Ägypten wieder emporsteigt und im vollen Lichte der Geschichte erscheint, so daß die Menschen jener entlegenen Zeiten für uns die gleiche Wirklichkeit erhalten wie die alten Griechen und Römer.