Chapter 5
Eugenie. Das zeige sich, sobald du ausgesprochen.
Gerichtsrat. Ich wage viel! Der Ehstand ist es!
Eugenie. Wie?
Gerichtsrat. Gesprochen ist's, nun überlege du.
Eugenie. Mich überrascht, mich ängstet solch ein Wort.
Gerichtsrat. Ins Auge fasse, was dich überrascht.
Eugenie. Mir lag es fern in meiner frohen Zeit, Nun kann ich seine Nähe nicht ertragen; Die Sorge, die Beklemmung mehrt sich nur. Von meines Vaters, meines Königs Hand Musst' ich dereinst den Bräutigam erwarten. Voreilig schwärmte nicht mein Blick umher, Und keine Neigung wuchs in meiner Brust. Nun soll ich denken, was ich nie gedacht, Und fühlen, was ich sittsam weg gewiesen; Soll mir den Gatten wünschen, eh' ein Mann Sich liebenswert und meiner wert gezeigt, Und jenes Glück, das Hymen uns verspricht, Zum Rettungsmittel meiner Not entweihen.
Gerichtsrat. Dem wackern Mann vertraut ein Weib getrost, Und wär' er fremd, ein zweifelhaft Geschick. Der ist nicht fremd, wer teilzunehmen weiß, Und schnell verbindet ein Bedrängter sich Mit seinem Retter. Was im Lebensgange Dem Gatten seine Gattin fesselnd eignet, Ein Sicherheitsgefühl, ihr werd' es nie An Rat und Trost, an Schutz und Hilfe fehlen, Das flößt im Augenblick ein kühner Mann Dem Busen des Gefahr umgebnen Weibes Durch Wagetat auf ew'ge Zeiten ein.
Eugenie. Und mir, wo zeigte sich ein solcher Held?
Gerichtsrat. Der Männer Schar ist groß in dieser Stadt.
Eugenie. Doch allen bin und bleib' ich unbekannt.
Gerichtsrat. Nicht lange bleibt ein solcher Blick verborgen!
Eugenie. O täusche nicht ein leicht betrognes Hoffen! Wo fände sich ein Gleicher, seine Hand Mir, der Erniedrigten, zu reichen? Dürft' ich Dem Gleichen selbst ein solches Glück verdanken?
Gerichtsrat. Ungleich erscheint im Leben viel, doch bald Und unerwartet ist es ausgeglichen. In ew'gem Wechsel wiegt ein Wohl das Weh Und schnelle Leiden unsre Freuden auf. Nichts ist beständig! Manches Missverhältnis Löst unbemerkt, indem die Tage rollen, Durch Stufenschritte sich in Harmonie. Und ach! Den größten Abstand weiß die Liebe, Die Erde mit dem Himmel, auszugleichen.
Eugenie. In leere Träume denkst du mich zu wiegen.
Gerichtsrat. Du bist gerettet, wenn du glauben kannst.
Eugenie. So zeige mir des Retters treues Bild.
Gerichtsrat. Ich zeig' ihn dir, er bietet seine Hand!
Eugenie. Du! Welch ein Leichtsinn überraschte dich?
Gerichtsrat. Entschiedne bleibt auf ewig mein Gefühl.
Eugenie. Der Augenblick, vermag er solche Wunder?
Gerichtsrat. Das Wunder ist des Augenblicks Geschöpf.
Eugenie. Und Irrtum auch der Übereilung Sohn.
Gerichtsrat. Ein Mann, der dich gesehen, irrt nicht mehr.
Eugenie. Erfahrung bleibt des Lebens Meisterin.
Gerichtsrat. Verwirren kann sie, doch das Herz entscheidet. O lass dir sagen: Wie vor wenig Stunden, Ich mit mir selbst zu Rate ging und mich So einsam fühlte, meine ganze Lage, Vermögen, Stand, Geschäft ins Auge fasste Und um mich her nach einer Gattin sann, Da regte Phantasie mir manches Bild, Die Schätze der Erinnrung sichtend, auf, Und wohlgefällig schwebten sie vorüber. Zu keiner Wahl bewegte sich mein Herz. Doch du erscheinest, ich empfinde nun, Was ich bedurfte. Dies ist mein Geschick.
Eugenie. Die Fremde, Schlechtumgebne, Missempfohlne, Sie könnte frohen, stolzen Trost empfinden, Sich so geschätzt, sich so geliebt zu sehn; Bedächte sie nicht auch des Freundes Glück, Des edlen Manns, der unter allen Menschen Vielleicht zuletzt ihr Hilfe bieten mag. Betrügst du dich nicht selbst? Und wagst du, dich Mit jener Macht, die mich bedroht, zu messen?
Gerichtsrat. Mit jener nicht allein!--Dem Ungestüm Des rohen Drangs der Menge zu entgehn, Hat uns ein Gott den schönsten Port bezeichnet. Im Hause, wo der Gatte sicher waltet, Da wohnt allein der Friede, den vergebens Im Weiten du da draußen suchen magst. Unruh'ge Missgunst, grimmige Verleumdung, Verhallendes, parteiisches Bestreben, Nicht wirken sie auf diesen heil'gen Kreis! Vernunft und Liebe hegen jedes Glück, Und jeden Unfall mildert ihre Hand. Komm! Rette dich zu mir! Ich kenne mich! Und weiß, was ich versprechen darf und kann.
Eugenie. Bist du in deinem Hause Fürst?
Gerichtsrat. Ich bin's! Und jeder ist's, der Gute wie der Böse. Reicht eine Macht denn wohl in jenes Haus, Wo der Tyrann die holde Gattin kränkt, Wenn er nach eignem Sinn verworren handelt, Durch Launen, Worte, Taten jede Lust Mit Schadenfreude sinnreich untergräbt? Wer trocknet ihre Tränen? Welch Gesetz, Welch Tribunal erreicht den Schuldigen? Er triumphiert, und schweigende Geduld Senkt nach und nach, verzweifelnd, sie ins Grab. Notwendigkeit, Gesetz, Gewohnheit gaben Dem Mann so grobe Rechte; sie vertrauten Auf seine Kraft, auf seinen Biedersinn.-- Nicht Heldenfaust, nicht Heldenstamm, geliebte, Verehrte Fremde, weiß ich dir zu bieten; Allein des Bürgers hohen Sicherstand. Und bist du mein, was kann dich mehr berühren? Auf ewig bist du mein, versorgt, beschützt. Der König fordre dich von mir zurück; Als Gatte kann ich mit dem König rechten.
Eugenie. Vergib! Mir schwebt noch allzu lebhaft vor, Was ich verscherzte! Du, Großmütiger, Bedenkest nur, was mir noch übrig blieb. Wie wenig ist es! Dieses Wenige Lehrst du mich schätzen, gibst mein eignes Wesen Durch dein Gefühl belebend mir zurück. Verehrung zoll' ich dir. Wie soll ich's nennen? Dankbare, schwesterlich entzückte Neigung! Ich fühle mich als dein Geschöpf und kann Dir leider, wie du wünschest, nicht gehören.
Gerichtsrat. So schnell versagst du dir und mir die Hoffnung?
Eugenie. Das Hoffnungslose kündet schnell sich an!
Dritter Auftritt Die Vorigen. Hofmeisterin.
Hofmeisterin. Dem günst'gen Wind gehorcht die Flotte schon. Die Segel schwellen, alles eilt hinab. Die Scheidenden umarmen tränend sich, Und von den Schiffen, von dem Strande wehn Die weißen Tücher noch den letzten Gruß. Bald lichtet unser Schiff die Anker auch! Komm! Lass uns gehen! Uns begleitet nicht Ein Scheidegruß, wir ziehen unbeweint.
Gerichtsrat. Nicht unbeweint, nicht ohne bittern Schmerz Zurückgelassner Freunde, die nach euch Die Arme rettend strecken. O! Vielleicht Erscheint, was ihr im Augenblick verschmäht, Euch blad ein sehnsuchtswertes, fernes Bild. (Zu Eugenie.) Vor wenigen Minuten nannt' ich dich Entzückt willkommen! Soll ein Lebewohl Behend auf ewig unsre Trennung siegeln?
Hofmeisterin. Der Unterredung Inhalt, ahn' ich ihn?
Gerichtsrat. Zum ew'gen Bunde siehst du mich bereit.
Hofmeisterin (zu Eugenie). Und wie erkennst du solch ein groß Erbieten?
Eugenie. Mit höchst gerührten Herzens reinstem Dank.
Hofmeisterin. Und ohne Neigung, diese Hand zu fassen?
Gerichtsrat. Zur Hilfe bietet sie sich dringend an.
Eugenie. Das Nächste steht oft unergreifbar fern.
Hofmeisterin. Ach! Fern von Rettung stehn wir nur zu bald.
Gerichtsrat. Und hast du künftig Drohendes bedacht?
Eugenie. Sogar das letzte Drohende, den Tod.
Hofmeisterin. Ein angebotnes Leben schlägst du aus?
Gerichtsrat. Erwünschte Feier froher Bundestage?
Eugenie. Ein Fest versäumt' ich, keins erscheint mir wieder.
Hofmeisterin. Gewinnen kann, wer viel verloren, schnell.
Gerichtsrat. Noch glänzendem ein dauerhaft Geschick.
Eugenie. Hinweg die Dauer, wenn der Glanz verlosch.
Hofmeisterin. Der Mögliches bedenkt, lässt sich genügen.
Gerichtsrat. Und wem genügte nicht an Lieb' und Treue?
Eugenie. Den Schmeichelworten widerspricht mein Herz, Und widerstrebt euch beiden ungeduldig.
Gerichtsrat. Ach, allzu lästig scheint, ich weiß es wohl, Uns unwillkommne Hilfe! Sie erregt Nur innern Zwiespalt. Danken möchten wir, Und sind undankbar, da wir nicht empfangen. Drum lasst mich scheiden! Doch des Hafenbürgers Gebrauch und Pflicht vorher an euch erfüllen, Aufs unfruchtbare Meer von Landesgaben Zum Lebewohl Erquickungsvorrat widmen. Dann werd' ich stehen, werde starren Blicks Geschwollne Segel ferner, immer ferner, Und Glück und Hoffnung weichend schwinden sehn.
Vierter Auftritt Eugenie. Hofmeisterin.
Eugenie. In deiner Hand, ich weiß es, ruht mein Heil, Sowie mein Elend. Lass dich überreden! Lass dich erweichen! Schiffe mich nicht ein!
Hofmeisterin. Du lenkest nun, was uns begegnen soll, Du hast zu wählen! Ich gehorche nur Der starken Hand, sie stößt mich vor sich hin.
Eugenie. Und nennst du Wahl, wenn Unvermeidliches Unmöglichem sich gegenüberstellt?
Hofmeisterin. Der Bund ist möglich, wie der Bann vermeidlich.
Eugenie. Unmöglich ist, was Edle nicht vermögen.
Hofmeisterin. Für diesen biedern Mann vermagst du viel.
Eugenie. In bessre Lagen führe mich zurück; Und sein Erbieten lohn' ich grenzenlos.
Hofmeisterin. Ihm lohne gleich, was ihn allein belohnt: Zu hohen Stufen heb' ihn deine Hand! Wenn Tugend, wenn Verdienst den Tüchtigen Nur langsam fördern, wenn er, still entsagend Und kaum bemerkt sich andern widmend, strebt, So führt ein edles Weib ihn leicht ans Ziel. Hinunter soll kein Mann die Blicke wenden; Hinauf zur höchsten Frauen kehr' er sich! Gelingt es ihm, sie zu erwerben, schnell Geebnet zeigt des Lebens Pfad sich ihm.
Eugenie. Verwirrender, verfälschter Worte Sinn Entwickl' ich wohl aus deinen falschen Reden, Das Gegenteil erkenn' ich nur zu klar: Der Gatte zieht sein Weib unwiderstehlich In seines Kreises abgeschlossne Bahn. Dorthin ist sie gebannt, sie kann sich nicht Aus eigner Kraft besondre Wege wählen; Aus niedrem Zustand führt er sie hervor, Aus höhern Sphären lockt er sie hernieder. Verschwundne ist die frühere Gestalt, Verloschen jede Spur vergangner Tage. Was sie gewann, wer will es ihr entreißen? Was sie verlor, wer gibt es ihr zurück?
Hofmeisterin. So bricht du grausam dir und mir den Stab.
Eugenie. Noch forscht mein Blick nach Rettung hoffnungsvoll.
Hofmeisterin. Der Liebende verzweifelt; kannst du hoffen?
Eugenie. Ein kalter Mann verlieh' uns bessern Rat.
Hofmeisterin. Von Rat und Wahl ist keine Rede mehr; Du stürzest mich ins Elend, folge mir!
Eugenie. O dass ich dich noch einmal freundlich hold Vor meinen Augen sähe, wie du stets Von früher Zeit herauf mich angeblickt! Der Sonne Glanz, die alles Leben regt, Des klaren Monds erquicklich leiser Schein Begegneten mir holder nicht als du. Was konnt' ich wünschen? Vorbereitet war's. Was durft' ich fürchten? Abgelehnt war alles! Und zog sich ins Verborgne meine Mutter Vor ihres Kindes Blicken früh zurück, So reichtest du ein überfließend Maß Besorgter Mutterliebe mir entgegen. Bist du denn ganz verwandelt? Äußerlich Erscheinst du mir die Vielgeliebte selber; Doch ausgewechselt ist, so scheint's, dein Herz-- Du bist es noch, die ich um Kleines und Großes So oft gebeten, die mir nichts verweigert. Gewohnter Ehrfurcht kindliches Gefühl, Es lehrt mich nun, das Höchste zu erbitten. Und könnt' es mich erniedrigen, dich nun An Vaters, Königs, dich an Gottes Statt Gebognen Knies um Rettung anzuflehen?
(Sie kniet.)
Hofmeisterin. In dieser Lage scheinst du meiner nur Verstellt zu spotten. Falschheit rührt mich nicht.
(Hebt Eugenie mit Heftigkeit auf.)
Eugenie. So hartes Wort, so widriges Betragen, Erfahr' ich das, erleb' ich das von dir? Und mit Gewalt verscheuchst du meinen Traum. Im klaren Lichte seh' ich mein Geschick! Nicht meine Schuld, nicht jener Großen Zwist, Des Bruders Tücke hat mich hergestoßen, Und, mitverschworen, hältst du mich gebannt.
Hofmeisterin. Dein Irrtum schwankt nach allen Seiten hin. Was will der Bruder gegen dich beginnen? Den bösen Willen hat er, nicht die Macht.
Eugenie. Sei's, wie ihm wolle! Noch verschmacht' ich nicht In ferner Wüste hoffnungslosen Räumen. Ein lebend Volk bewegt sich um mich her, Ein liebend Volk, das auch den Vaternamen Entzückt aus seines Kindes Mund vernimmt. Die fordr' ich auf. Aus roher Menge kündet Ein mächt'ger Ruf mir meine Freiheit an.
Hofmeisterin. Die rohe Menge hast du nie gekannt, Sie starrt und staunt und zaudert, lässt geschehn; Und regt sie sich, so endet ohne Glück, Was ohne Plan zufällig sie begonnen.
Eugenie. Den Glauben wirst du mir mit kaltem Wort Nicht, wie mein Glück mit frecher Tag, zerstören. Dort unten hoff' ich Leben, aus dem Leben, Dort, wo die Masse, tätig strömend, wogt, Wo jedes Herz, mit wenigem befriedigt, Für holdes Mitleid gern sich öffnen mag. Du hältst mich nicht zurück! Ich rufe laut, Wie furchtbar mich Gefahr und Not bedrängen, Ins wühlende Gemisch mich stürzend, aus.
Fünfter Aufzug (Platz am Hafen.)
Erster Auftritt Eugenie. Hofmeisterin.
Eugenie. Mit welchen Ketten führst du mich zurück? Gehorch! Ich wider Willen diesmal auch! Fluchwürdige Gewalt der Stimme, die Mich einst so glatt zur Folgsamkeit gewöhnte, Die meines ersten bildsamen Gefühls Im ganzen Umfang sich bemeisterte! Du warst es, der ich dieser Worte Sinn Zuerst verdanke, dieser Sprache Kraft Und künstliche Verknüpfung; diese Welt Hab' ich aus deinem Munde, ja, mein eignes Herz. Nun brauchst du diesen Zauber gegen mich, Du fesselst mich, du schleppst mich hin und wider, Mein Geist verwirrt sich, mein Gefühl ermattet, Und zu den Toten sehn' ich mich hinab.
Hofmeisterin. O hätte diese Zauberkraft gewirkt, Von jenen hohen Plänen abzustehn.
Eugenie. Du ahntest solch ungeheures Übel Und warntest nicht den allzu sichern Mut?
Hofmeisterin. Wohl durft' ich warnen, aber leise nur; Die ausgesprochne Silbe trug den Tod.
Eugenie. Und hinter deinem Schweigen lag Verbannung! Ein Todeswort, willkommner war es mir.
Hofmeisterin. Dies Unglück, vorgesehen oder nicht, Hat mich und dich in gleiches Netz verschlungen.
Eugenie. Was kann ich wissen, welch ein Lohn dir wird, Um deinen armen Zögling zu verderben.
Hofmeisterin. Er wartet wohl am fremden Strande mein! Das Segel schwillt und führt uns beide hin.
Eugenie. Noch hat das Schiff in seine Kerker nicht Mich aufgenommen. Sollt' ich willig gehen?
Hofmeisterin. Und riefst du nicht das Volk zur Hilfe schon? Es staunte nur dich an und schwieg und ging.
Eugenie. Mit ungeheurer Not im Kampfe, schien Ich dem gemeinen Blick des Wahnsinns Beute. Doch sollst du mir mit Worten, mit Gewalt Den mut'gen Schritt nach Hilfe nicht verkümmern. Die Ersten dieser Stadt erheben sich Aus ihren Häusern dem Gestadte zu, Die Schiffe zu bewundern, die gereiht, Uns unerwünscht das hohe Meer gewinnen. Schon regt sich am Palast des Gouverneurs Die Wache. Jener ist es, der die Stufen, Von mehreren begleitet, niedersteigt. Ich will ihn sprechen, ihm den Fall erzählen! Und ist er wert, an meines Königs Platz Den wichtigsten Geschäften vorzustehn, So weist er mich nicht unerhört von hinnen.
Hofmeisterin. Ich hindre dich an diesem Schritte nicht, Doch nennst du keinen Namen, nur die Sache.
Eugenie. Den Namen nicht, bis ich vertrauen darf.
Hofmeisterin. Es ist ein edler junger Mann und wird, Was er vermag, mit Anstand gern gewähren.
Zweiter Auftritt Die Vorigen. Der Gouverneur. Adjutanten.
Eugenie. Dir in den Weg zu treten, darf ich's wagen? Wirst du der kühnen Fremden auch verzeihn?
Gouverneur (nachdem er sie aufmerksam betrachtet). Wer sich wie du dem ersten Blick empfiehlt, Der ist gewiss des freundlichsten Empfangs.
Eugenie. Nicht froh und freundlich ist es, was ich bringe, Entgegen treibt mich dir die höchste Not.
Gouverneur. Ist, sie zu heben, möglich, sei mir's Pflicht; Ist sie auch nur zu lindern, soll's geschehn.
Eugenie. Von hohem Haus entspross die Bittende; Doch leider ohne Namen tritt sie auf.
Gouverneur. Ein Name wird vergessen; dem Gedächtnis Schreibt solch ein Bild sich unauslöschlich ein.
Eugenie. Gewalt und List entreißen, führen, drängen Mich von des Vaters Brust ans wilde Meer.
Gouverneur. Wer durfte sich an diesem Friedensbild Mit ungeweihter Feindeshand vergreifen?
Eugenie. Ich selbst vermute nur! Mich überrascht Aus meinem eignen Hause dieser Schlag. Von Eigennutz und bösem Rat geleitet, Sann mir ein Bruder dies Verderben aus, Und diese hier, die mich erzogen, steht, Mir unbegreiflich, meinen Feinden bei.
Hofmeisterin. Ihr steh' ich bei und mildre großes Übel, Das ich zu heilen leider nicht vermag.
Eugenie. Ich soll zu Schiffe steigen, fordert sie! Nach jenen Ufern führt sie mich hinüber!
Hofmeisterin. Geb' ich auf solchem Weg ihr das Geleit, So zeigt es Liebe, Muttersorgfalt an.
Gouverneur. Verzeiht, geschätzte Frauen, wenn ein Mann, Der, jung an Jahren, manches in der Welt Gesehn und überlegt, im Augenblick, Da er euch sieht und hört, bedenklich stutzt. Vertrauen scheint ihr beide zu verdienen, Und ihr misstraut einander beide selbst, So scheint es wenigstens. Wie soll ich nun Des wunderbaren Knotens Rätselschlinge, Die euch umstrickt, zu lösen übernehmen?
Eugenie. Wenn du mich hören willst, vertrau' ich mehr.
Hofmeisterin. Auch ich vermöchte manches zu erklären.
Gouverneur. Dass uns mit Fabeln oft ein Fremder täuscht, Muss auch der Wahrheit schaden, wenn wir sie In abenteuerlicher Hülle sehn.
Eugenie. Misstraust du mir, so bin ich ohne Hilfe.
Gouverneur. Und traut' ich auch, ist doch zu helfen schwer.
Eugenie. Nur zu den Meinen sende mich zurück.
Gouverneur. Verlorne Kinder aufzunehmen, gar Entwendete, verstoßne zu beschützen, Bringt wenig Dank dem wohl gesinnten Mann. Um Gut und Erbe wird sogleich ein Streit, Um die Person, ob sie die rechte sei, Gehässig aufgeregt, und wenn Verwandte Ums Mein und dein gefühllos hadern, trifft Den Fremden, der sich eingemischt, der Hass Von beiden Teilen, und nicht selten gar, Weil ihm der strengere Beweis nicht glückt, Steht er zuletzt auch vor Gericht beschämt. Verzeih mir also, wenn ich nicht sogleich Mit Hoffnung dein Gesuch erwidern kann.
Eugenie. Ziemt eine solche Furcht dem edlen Mann, Wohin soll sich ein Unterdrückter wenden?
Gouverneur. Doch wenigstens entschuldigst du gewiss Im Augenblick, wo ein Geschäft mich ruft, Wenn ich auf morgen frühe dich hinein In meine Wohnung lade, dort genauer Das Schicksal zu erfahren, das dich drängt.
Eugenie. Mit Freuden werd' ich kommen. Nimm voraus Den lauten Dank für meine Rettung an!
Hofmeisterin (die ihm ein Papier überreicht). Wenn wir auf deine Ladung nicht erscheinen, So ist dies Blatt Entschuldigung genug.
Gouverneur (der es aufmerksam eine Weile angesehn, es zurückgebend). So kann ich freilich nur beglückte Fahrt, Ergebung ins Geschick und Hoffnung wünschen.
Dritter Auftritt Eugenie. Hofmeisterin.
Eugenie. Ist dies der Talisman, mit dem du mich Entführst, gefangen hältst, der alle Guten, Die sich zu Hilfe mir bewegen, lähmt? Lass mich es ansehn, dieses Todesblatt! Mein Elend kenn' ich, nun, so lass mich auch, Wer es verhängen konnte, lass mich's wissen.
Hofmeisterin (die das Blatt offen darzeigt). Hier! Sieh herein.
Eugenie (sich weg wendend). Entsetzliches Gefühl! Und überlebt' ich's, wenn des Vaters Name, Des Königs Name mir entgegen blitzte? Noch ist die Täuschung möglich, dass verwegen Ein Kronbeamter die Gewalt missbraucht Und, meinem Bruder frönend, mich verletzt. Da bin ich noch zu retten. Eben dies Will ich erfahren! Zeige her!
Hofmeisterin (wie oben). Du siehst's!
Eugenie (wie oben). Der Mut verlässt mich! Nein, ich wag' es nicht. Sei's, wie es will, ich bin verloren, bin Aus allem Vorteil dieser Welt gestoßen; Entsag' ich denn auf ewig dieser Welt! O dies vergönnst du mir! Du willst es ja, Die Feinde wollen meinen Tod, sie wollen Mich lebend eingescharrt. Vergönne mir, Der Kirche mich zu nähern, die begierig So manch unschuldig Opfer schon verschlang. Hier ist der Tempel; diese Pforte führt Zu stillem Jammer, wie zu stillem Glück. Lass diesen Schritt mich ins Verborgne tun! Was mich daselbst erwartet, sei mein Los.
Hofmeisterin. Ich sehe, die Äbtissin steigt, begleitet Von zwei der Ihren, zu dem Platz herab; Auch sie ist jung, von hohem Haus entsprossen; Entdeck' ihr deinen Wunsch, ich hindr' es nicht.
Vierter Auftritt Die Vorigen. Äbtissin. Zwei Nonnen.
Eugenie. Betäubt, verworren, mit mir selbst entzweit Und mit der Welt, verehrte heil'ge Jungfrau, Siehst du mich hier. Die Angst des Augenblicks, Die Sorge für die Zukunft treiben mich In deine Gegenwart, in der ich Lindrung Des ungeheuren Übels hoffen darf.
Äbtissin. Wenn Ruhe, wenn Besonnenheit und Friede Mit Gott und unserm eigenen Herzen sich Mitteilen lässt, so soll es, edle Fremde, Nicht fehlen an der Lehre treuem Wort, Dir einzuflößen, was der Meinen Glück Und meins für heut' sowie auf ewig fördert.
Eugenie. Unendlich ist mein Übel, schwerlich möcht' Es durch der Worte göttliche Gewalt Sogleich zu heilen sein. O nimm mich auf Und lass mich weilen, wo du weilst, mich erst In Tränen lösen diese Bangigkeit Und mein erleichtert Herz dem Troste weihen!
Äbtissin. Wohl hab' ich oft im heiligen Bezirk Der Erde Tränen sich in göttlich Lächeln Verwandeln sehn, in himmlisches Entzücken, Doch drängt man sich gewaltsam nicht herein; Gar manche Prüfung muss die neue Schwester Und ihren ganzen Wert uns erst entwickeln.
Hofmeisterin. Entschiedner Wert ist leicht zu kennen, leicht, Was du bedingen möchtest, zu erfüllen.
Äbtissin. Ich zweifle nicht am Adel der Geburt, Nicht am Vermögen, dieses Hauses Rechte, Die groß und wichtig sind, dir zu gewinnen. Drum lasst mich bald vernehmen, was ihr denkt.
Eugenie. Gewähre meine Bitte, nimm mich auf! Verbirg mich vor der Welt im tiefsten Winkel. Und meine ganze Habe nimm dahin. Ich bringe viel und hoffe mehr zu leisten.
Äbtissin. Kann uns die Jugend, uns die Schönheit rühren, Ein edles Wesen, spricht's an unser Herz, So hast du viele Rechte, gutes Kind. Geliebte Tochter! Komm an meine Brust!
Eugenie. Mit diesem Wort, mit diesem Herzensdruck Besänftigst du auf einmal alles Toben Der aufgeregten Brust. Die letzte Welle Umspielt mich weichend noch. Ich bin im Hafen.
Hofmeisterin (dazwischen tretend). Wenn nicht ein grausam Schicksal widerstünde! Betrachte dieses Blatt, uns zu beklagen.
(Sie reicht der Äbtissin das Blatt.)
Äbtissin (die gelesen). Ich muss dich tadeln, dass du wissentlich So manch vergeblich Wort mit angehört. Ich beuge vor der höheren Hand mich tief, Die hier zu walten scheint.
Fünfter Auftritt Eugenie. Hofmeisterin.
Eugenie. Wie? Höhre Hand? Was meint die Heuchlerin? Versteht sie Gott? Der himmlisch Höchste hat gewiss nicht hier Mit dieser Freveltat zu tun. Versteht Sie unsern König? Wohl! Ich muss es dulden, Was dieser über mich verhängt. Allein Ich will nicht mehr in Zweifel, zwischen Furcht Und Liebe schweben, will nicht weibisch mehr, Indem ich untergehe, noch des Herzens Und seiner weichlichen Gefühle schonen. Es breche, wenn es brechen soll, und nun Verlang' ich, dieses Blatt zu sehen, sei Von meinem Vater, sei von meinem König Das Todesurteil unterzeichnet. Jener Gereizten Gottheit, die mich niederschmettert, Will ich getrost ins Auge schauend stehn. O dass ich vor ihr stünde! Fürchterlich Ist der bedrängten Unschuld letzter Blick.
Hofmeisterin. Ich hab' es nie verweigert, nimm es hin.
Eugenie (das Papier von außen ansehend). Das ist des Menschen wunderbar Geschick, Dass bei dem größten Übel noch die Furcht Vor feinerem Verlust ihm übrig bleibt. Sind wir so reich, ihr Götter, dass ihr uns Mit einem Schlag nicht alles rauben könnt? Des Lebens Glück entriss mir dieses Blatt, Und lässt mich größeren Jammer noch befürchten.
(Sie entfaltet's.)
Wohlan! Getrost, mein Herz, und schaudre nicht, Die Neige dieses bittren Kelchs zu schlürfen.
(Blickt hinein.)
Des Königs Hand und Siegel!
Hofmeisterin (die ihr das Blatt abnimmt). Gutes Kind, Bedaure mich, indem du dich bejammerst. Ich übernahm das traurige Geschäft, Der Allgewalt Befehl vollzieh' ich nur, Um dir in deinem Elend beizustehn, Dich keiner fremden Hand zu überlassen. Was meine Seele peinigt, was ich noch Von diesem schrecklichen Ereignis kenne, Erfährst du künftig. Jetzt verzeihe mir, Wenn mich die eiserne Notwendigkeit, Uns unverzüglich einzuschiffen, zwingt.
Sechster Auftritt Eugenie allein, hernach Hofmeisterin im Grunde.