Die natürliche Tochter

Chapter 4

Chapter 43,714 wordsPublic domain

Herzog. Durch Trauern wird die Trauer zum Genuss. O dass ich doch geschwundner Asche Rest, Im kleinen Hause, wandernd, immer weiter, Bis zu dem Ort, wo ich zuletzt sie sah, Als Büßender mit kurzen Schritten trüge! Dort lag sie tot in meinen Armen, dort Sah ich, getäuscht, sie in das Leben kehren. Ich glaubte, sie zu fassen, sie zu halten, Und nun ist sie auf ewig mir entrückt. Dort aber will ich meinen Schmerz verew'gen. Ein Denkmal der Genesung hab' ich dort In meines Traums Entzückungen gelobt-- Schon führet klug des Gartenmeisters Hand Durch Busch und Fels bescheidne Wege her, Schon wird der Platz gerundet, wo mein König Als Oheim sie an seine Brust geschlossen, Und ebenmaß und Ordnung will den Raum Verherrlichen, der mich so hoch beglückt. Doch jede Hand soll feiern! Halb vollbracht Soll dieser Plan wie mein Geschick erstarren! Das Denkmal nur, ein Denkmal will ich stiften, Von rauen Steinen ordnungslos getürmt, Dorthin zu wallen, stille zu verweilen, Bis ich vom Leben endlich selbst genese. O lasst mich dort, versteint, am Steine ruhn, Bis aller Sorgfalt lichtgezogne Spur Aus dieser Wüste Trauersitz verschwindet! Mag sich umher der freie Platz berasen, Mag sich der Zweig dem Zweige wild verflechten, Der Birke hangend Haar den Boden schlagen, Der junge Busch zum Baume sich erheben, Mit Moos der glatte Stamm sich überziehn; Ich fühle keine Zeit; denn sie ist hin, An deren Wachstum ich die Jahre maß.

Weltgeistlicher. Den viel bewegten Reiz der Welt zu meiden, Das Einerlei der Einsamkeit zu wählen, Wird sich's der Mann erlauben, der sich oft Wohltätiger Zerstreuung übergab, Wenn Unerträgliches, mit Felsenlast Herbei sich wälzend, ihn bedrohend, schlich? Hinaus! Mit Flügelschnelle durch das Land, Durch fremde Reiche, dass vor deinem Sinn Der Erde Bilder heilend sich bewegen.

Herzog. Was hab' ich in der Welt zu suchen, wenn Ich sie nicht wieder finde, die allein Ein Gegenstand für meine Blicke war? Soll Fluss und Hügel, Tal und Wald und Fels Vorüber meinen Augen gehen und nur Mir das Bedürfnis wecken, jenes Bild, Das einzige geliebte, zu erhaschen? Vom hohen Berg hinab, ins weite Meer, Was soll für mich ein Reichtum der Natur, Der an Verlust und Armut mich erinnert!

Weltgeistlicher. Und neue Güter eignest du dir an!

Herzog. Nur durch der Jugend frisches Auge mag Das längst Bekannte neubelebt uns rühren, Wenn das Erstaunen, das wir längst verschmäht, Von Kindes Munde hold uns widerklingt. So hofft' ich, ihr des Reichs bebaute Flächen, Der Wälder Tiefen, der Gewässer Flut Bis an das offne Meer zu zeigen, dort Mich ihres trunknen Blicks ins Unbegrenzte Mit unbegrenzter Liebe zu erfreun.

Weltgeistlicher. Wenn du, erhabner Fürst, des großen Lebens Beglückte Tage der Beschauung nicht Zu widmen trachtetest, wenn Tätigkeit Fürs Wohl Unzähliger am Throne dir Zum Vorzug der Geburt den herrlichern Des allgemeinen, edlen Wirkens gab, So ruf' ich dich im Namen aller auf: Ermanne dich! Und lass die trüben Stunden, Die deinen Horizont umziehn, für andre, Durch Trost und Rat und Hilfe, lass für dich Auch diese Stunden so zum Feste werden.

Herzog. Wie schal und abgeschmackt ist solch ein Leben, Wenn alles Regen, alles Treiben stets Zu neuem Regen, neuem Treiben führt Und kein geliebter Zweck euch endlich lohnt. Den sah ich nur in ihr, und so besaß Und so erwarb ich mit Vergnügen, ihr Ein kleines Reich anmut'gen Glücks zu schaffen. So war ich heiter, aller Menschen Freund, Behilflich, wach, zu Rat und Tat bequem. Den Vater lieben sie! So sagt' ich mir, Dem Vater danken sie's und werden auch Die Tochter einst als werte Freundin grüßen.

Weltgeistlicher. Zu süßen Sorgen bleibt nun keine Zeit! Ganz andre fordern dich, erhabner Mann! Darf ich's erwähnen? Ich, der unterste Von deinen Dienern? Jeder ernste Blick In diesen trüben Tagen ist auf dich, Auf deinen Wert, auf deine Kraft gerichtet.

Herzog. Der Glückliche nur fühlt sich Wert und Kraft.

Weltgeistlicher. So tiefer Schmerzen heiße Qual verbürgt Dem Augenblick unendlichen Gehalt, Mir aber auch Verzeihung, wenn sich kühn Vertraulichkeit von meinen Lippen wagt. Wie heftig wilde Gärung unten kocht, Wie Schwäche kaum sich oben schwankend hält; Nicht jedem wird es klar, dir aber ist's Mehr als der Menge, der ich angehöre. O zaudre nicht, im nahen Sturmgewitter Das falsch gelenkte Steuer zu ergreifen! Zum Wohle deines Vaterlands verbanne Den eignen Schmerz; sonst werden tausend Väter Wie du um ihre Kinder weinen, tausend Und aber tausend Kinder ihre Väter Vermissen, Angstgeschrei der Mütter grässlich An hohler Kerkerwand verklingend hallen. O bringe deinen Jammer, deinen Kummer Auf dem Altar des allgemeinen Wohls Zum Opfer dar, und alle, die zu rettest, Gewinnst du dir als Kinder zum Ersatz.

Herzog. Aus grauenvollen Winkeln führe nicht Mir der Gespenster dichte Schar heran, Die meiner Tochter liebliche Gewalt Mir zaubrisch oft und leicht hinweggebannt. Sie ist dahin, die schmeichlerische Kraft, Die meinen Geist in holde Träume sang. Nun drängt das Wirkliche mit dichten Massen An mich heran und droht, mich zu erdrücken. Hinaus, hinaus! Von dieser Welt hinweg! Und lügt mir nicht das Kleid, in dem du wandelst, So führe mich zur Wohnung der Geduld, Ins Kloster führe mich und lass mich dort, Im allgemeinen Schweigen, stumm, gebeugt, Ein müdes Leben in die Grube senken.

Weltgeistlicher. Mir ziemt es kaum, dich an die Welt zu weisen; Doch andre Worte sprech' ich kühner aus. Nicht in das Grab, nicht übers Grab verschwendet Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert. Er kehrt in sich zurück und findet staunend In seinem Busen das Verlorene wieder.

Herzog. Dass ein Besitz so fest sich hier erhält, Wenn das Verlorne fern und ferner flieht, Das ist die Qual, die das geschiedene, Für ewig losgerissne Glied aufs neue Dem Schmerz ergriffnen Körper fügen will. Getrenntes Leben, wer vereinigt's wieder? Vernichtetes, wer stellt es her?

Weltgeistlicher. Der Geist! Des Menschen Geist, dem nichts verloren geht, Was er von Wert mit Sicherheit besessen. So lebt Eugenie vor dir, sie lebt In deinem Sinne, den sie sonst erhub, Dem sie das Anschaun herrlicher Natur Lebendig aufgeregt; so wirkt sie noch Als hohes Vorbild, schützet vor Gemeinem, Vor Schlechtem dich, wie's jede Stunde bringt, Und ihrer Würde wahrer Glanz verscheuchet Den eitlen Schein, der dich bestechen will. So fühle dich durch ihre Kraft beseelt! Und gib ihr so ein unzerstörlich Leben, Das keine Macht entreißen kann, zurück.

Herzog. Lass eines dumpfen, dunklen Traumgeflechtes Verworrne Todesnetze mich zerreißen! Und bleibe mir, du vielgeliebtes Bild, Vollkommen, ewig jung und ewig gleich! Lass deiner klaren Augen reines Licht Mich immerfort umglänzen! Schwebe vor, Wohin ich wandle, zeige mir den Weg Durch dieser Erde Dornenlabyrinth! Du bist kein Traumbild, wie ich dich erblicke; Du warst, du bist. Die Gottheit hatte dich Vollendet einst gedacht und dargestellt. So bist du teilhaft des Unendlichen, Des Ewigen, und bist auf ewig mein.

Vierter Aufzug (Platz am Hafen. Zur einen Seite ein Palast, auf der andern eine Kirche, im Grund eine Reihe Bäume, durch die man nach dem Hafen hinab sieht.)

Erster Auftritt Eugenie, in einen Schleier gehüllt, auf einer Bank im Grunde, mit dem Gesicht nach der See. Hofmeisterin, Gerichtsrat im Vordergrunde.

Hofmeisterin. Drängt unausweichlich ein betrübt Geschäft Mich aus dem Mittelpunkt des Reiches, mich Aus dem Bezirk der Hauptstadt an die Grenze Des festen Lands zu diesem Hafenplatz, So folgt mir streng die Sorge, Schritt vor Schritt, Und deutet mir bedenklich in die Weite. Wie müssen Rat und Anteil eines Manns, Der allen edel, zuverlässig gilt, Mir als ein Leitstern wonniglich erscheinen! Verzeih daher, wenn ich mit diesem Blatt, Das mich zu solcher schweren Tat berechtigt, Zu dir mich wendend komme, den so lange Man im Gericht, wo viel Gerechte wirken, Erst pries als Beistand, nun als Richter preist.

Gerichtsrat (der indessen das Blatt nachdenkend angesehen). Nicht mein Verdienst, nur mein Bemühen war Vielleicht zu preisen. Sonderbar jedoch Will es mich dünken, dass du eben diesen, Den du gerecht und edel nennen willst, In solcher Sache fragen, ihm getrost Solch ein Papier vors Auge dringen magst, Worauf er nur mit Schauder blicken kann. Nicht ist von Recht, noch von Gericht die Rede; Hier ist Gewalt! Entsetzliche Gewalt, Selbst wenn sie klug, selbst wenn sie weise handelt. Anheim gegeben ward ein edles Kind, Auf Tod und Leben--sag' ich wohl zu viel?-- Anheim gegeben deiner Willkür. Jeder, Sei er Beamter, Kriegsmann, Bürger, alle Sind angewiesen, dich zu schützen, sie Nach deines Worts Gesetzen zu behandeln.

(Er gibt das Blatt zurück.)

Hofmeisterin. Auch hier beweise dich gerecht und lass Nicht dies Papier allein als Kläger sprechen, Auch mich, die hart Verklagte, höre nun Und meinen offnen Vortrag günstig an. Aus edlem Blut entspross die Treffliche; Von jeder Gabe, jeder Tugend schenkt' Ihr die Natur den allerschönsten Teil, Wenn das Gesetz ihr andre Rechte weigert. Und nun verbannt! Ich sollte sie dem Kreise Der Ihrigen entführen, sie hierher, Hinüber nach den Inseln sie geleiten.

Gerichtsrat. Gewissem Tod entgegen, der im Qualm Erhitzter Dünste schleichend überfällt. Dort soll verwelken diese Himmelsblume, Die Farbe dieser Wange dort verbleichen! Verschwinden die Gestalt, die sich das Auge Mit Sehnsucht immer zu erhalten wünscht.

Hofmeisterin. Bevor du richtest, höre weiter an! Unschuldig ist, bedarf es wohl Beteurung? Doch vieler Übel Ursach' dieses Kind. Sie als des Haders Apfel warf ein Gott Erzürnt ins Mittel zwischen zwei Parteien, Die sich, auf ewig nun getrennt, bekämpfen. Sie will der eine Teil zum höchsten Glück Berechtigt wissen, wenn der andre sie Hinabzudrängen strebt. Entschieden beide!-- Und so umschlang ein heimlich Labyrinth Verschmitzten wirkens doppelt ihr Geschick, So schwankte List um List im Gleichgewicht, Bis ungeduld'ge Leidenschaft zuletzt Den Augenblick entschiedenen Gewinns Beschleunigte. Da brach von beiden Seiten Die Schranke der Verstellung, drang Gewalt, Dem Staate selbst gefährlich, drohend los, Und nun, sogleich der Schuld'gen Schuld zu hemmen, Zu tilgen, trifft ein hoher Götterspruch Des Kampfs unschuld'gen Anlass, meinen Zögling, Und reißt, verbannend, mich mit ihm dahin.

Gerichtsrat. Ich schelte nicht das Werkzeug, rechte kaum Mit jenen Mächten, die sich solche Handlung Erlauben können. Leider sind auch sie Gebunden und gedrängt. Sie wirken selten Aus freier Überzeugung. Sorge, Furcht Vor größerm Übel nötiget Regenten Die nützlich ungerechten Taten ab. Vollbringe, was du musst, entferne dich Aus meiner Enge rein gezognem Kreis.

Hofmeisterin. Den eben such' ich auf! Da dring' ich hin! Dort hoff' ich Heil! Du wirst mich nicht verstoßen. Den werten Zögling wünscht' ich lange schon Vom Glück zu überzeugen, das im Kreise Des Bürgerstandes hold genügsam weilt. Entsagte sie der nicht gegönnten Höhe, Ergäbe sich des biedern Gatten Schutz Und wendete von jenen Regionen, Wo sie Gefahr, Verbannung, Tod umlauern, Ins Häusliche den liebevollen Blick; Gelöst wär' alles, meiner strengen Pflicht Wär' ich entledigt, könnt' im Vaterland Vertrauter Stunden mich verweilend freuen.

Gerichtsrat. Ein sonderbar Verhältnis zeigst du mir!

Hofmeisterin. Dem klug entschlossnen Manne zeig' ich's an.

Gerichtsrat. Du gibst sie frei, wenn sich ein Gatte findet?

Hofmeisterin. Und reichlich ausgestattet geb' ich sie.

Gerichtsrat. So übereilt, wer dürfte sich entschließen?

Hofmeisterin. Nur übereilt bestimmt die Neigung sich.

Gerichtsrat. Die Unbekannte wählen wäre Frevel.

Hofmeisterin. Dem ersten Blick ist sie gekannt und wert.

Gerichtsrat. Der Gattin Feinde drohen auch dem Gatten.

Hofmeisterin. Versöhnt ist alles, wenn sie Gattin heißt.

Gerichtsrat. Und ihr Geheimnis, wird man's ihm entdecken?

Hofmeisterin. Vertrauen wird man dem Vertrauenden.

Gerichtsrat. Und wird sie frei solch einen Bund erwählen?

Hofmeisterin. Ein großes Übel dränget sie zur Wahl.

Gerichtsrat. In solchem Fall zu werben, ist es redlich?

Hofmeisterin. Der Rettende fasst an und klügelt nicht.

Gerichtsrat. Was forderst du vor allen andern Dingen?

Hofmeisterin. Entschließen soll sie sich im Augenblick.

Gerichtsrat. Ist euer Schicksal ängstlich so gesteigert?

Hofmeisterin. Im Hafen regt sich emsig schon die Fahrt.

Gerichtsrat. Hast du ihr früher solchen Bund geraten?

Hofmeisterin. Im allgemeinen deutet' ich dahin.

Gerichtsrat. Entfernte sie unwillig den Gedanken?

Hofmeisterin. Noch war das alte Glück ihr allzu nah.

Gerichtsrat. Die schönen Bilder, werden sie entweichen?

Hofmeisterin. Das hohe Meer hat sie hinweggeschreckt.

Gerichtsrat. Sie fürchtet, sich vom Vaterland zu trennen?

Hofmeisterin. Sie fürchtet's, und ich fürcht' es wie den Tod. O lass uns, Edler, glücklich Aufgefundner, Vergebne Worte nicht bedenklich wechseln! Noch lebt in dir, dem Jüngling, jede Tugend, Die mächt'gen Glaubens, unbedingter Liebe Zu nie genug geschätzter Tat bedarf. Gewiss umgibt ein schöner Kreis dich auch Von Ähnlichen! Von Gleichen sag' ich nicht! O seih dich um in deinem eignen Herzen, In deiner Freunde Herzen sieh umher, Und findest du ein überfließend Maß Von Liebe, von Ergebung, Kraft und Mut, So werde dem Verdientesten dies Kleinod Mit stillem Segen heimlich übergeben!

Gerichtsrat. Ich weiß, ich fühle deinen Zustand, kann Und mag nicht mit mir selbst bedächtig erst. Wie Klugheit forderte, zu Rate gehen! Ich will sie sprechen.

Hofmeisterin (tritt zurück gegen Eugenie).

Gerichtsrat. Was geschehen soll, Es wird geschehn! In ganz gemeinen Dingen Hängt viel von Wahl und Wollen ab; das Höchste, Was uns begegnet, kommt wer weiß woher.

Zweiter Auftritt Eugenie. Gerichtsrat.

Gerichtsrat. Indem du mir, verehrte Schöne, nahst, So zweifl' ich fast, ob man mich treu berichtet. Du bist unglücklich, sagt man; doch du bringst, Wohin du wandelst, Glück und Heil heran.

Eugenie. Find' ich den ersten, dem aus tiefer Not Ich Blick und Wort entgegen wenden darf, So mild und edel, als du mir erscheinst; Dies Angstgefühl, ich hoffe, wird sich lösen.

Gerichtsrat. Ein viel Erfahrner wäre zu bedauern, Wär' ihm das Los gefallen, das dich trifft; Wie ruft nicht erst bedrängter Jugend Kummer Die Mitgefühle hilfsbedürftig an!

Eugenie. So hob ich mich vor kurzem aus der Nacht Des Todes an des Tages Licht herauf, Ich wusste nicht, wie mir geschehn! Wie hart Ein jäher Sturz mich lähmend hingestreckt. Da rafft' ich mich empor, erkannte wieder Die schöne Welt, ich sah den Arzt bemüht, Die Flamme wieder anzufachen, fand In meines Vaters liebevollem Blick, An seinem Ton mein Leben wieder. Nun Zum zweiten Mal, von einem jähern Sturz, Erwach' ich! Fremd und schattengleich erscheint Mir die Umgebung, mir der Menschen Wandeln, Und deine Milde selbst ein Traumgebild.

Gerichtsrat. Wenn Fremde sich in unsre Lage fühlen, Sind sie wohl näher als die Nächsten, die Oft unsern Gram als wohlbekanntes Übel Mit lässiger Gewohnheit übersehn. Dein Zustand ist gefährlich! Ob er gar Unheilbar sei, wer wagt es zu entscheiden!

Eugenie. Ich habe nichts zu sagen! Unbekannt Sind mir die Mächte, die mein Elend schufen. Du hast das Weib gesprochen, jene weiß; Ich dulde nur dem Wahnsinn mich entgegen.

Gerichtsrat. Was auch der Obermacht gewalt'gen Schluss Auf dich herab gerufen, leichte Schuld, Ein Irrtum, den der Zufall schädlich leitet; Die Achtung bleibt, die Neigung spricht für dich.

Eugenie. Des reinen Herzens traulich mir bewusst, Sinn' ich der Wirkung kleiner Fehler nach.

Gerichtsrat. Auf ebnem Boden straucheln ist ein Scherz, Ein Fehltritt stürzt vom Gipfel dich herab.

Eugenie. Auf jenen Gipfeln schwebt' ich voll Entzücken, Der Freunde Übermaß verwirrte mich. Das nahe Glück berührt' ich schon im Geist, Ein köstlich Pfand lag schon in meinen Händen. Nur wenig Ruhe! Wenige Geduld! Und alles war, so darf ich glauben, mein. Doch übereilt' ich's, überließ mich rasch Zudringlicher Versuchung.--War es das?-- Ich sah, ich sprach, was mir zu sehn, zu sprechen Verboten war. Wird ein so leicht Vergehn So hart bestraft? Ein lässlich scheinendes, Scherzhafter Probe gleichendes Verbot, Verdammt's den Übertreter ohne Schonung? O, so ist's wahr, was uns der Völker Sagen Unglaublich überliefern! Jenes Apfels Leichtsinnig augenblicklicher Genuss Hat aller Welt unendlich Weh verschuldet. So ward auch mir ein Schlüssel anvertraut! Verbotne Schätze wagt' ich aufzuschließen, Und aufgeschlossen hab' ich mir das Grab.

Gerichtsrat. Des Übels Quelle findest du nicht aus, Und aufgefunden fließt sie ewig fort.

Eugenie. In kleinen Fehlern such' ich's, gebe mir Aus eitlem Wahn die Schuld so großer Leiden. Nur höher, höher wende den Verdacht! Die beiden, denen ich mein ganzes Glück Zu danken hoffte, die erhabnen Männer, Zum Scheine reichten sie sich Hand um Hand. Der innre Zwist unsicherer Parteien, Der nur in düstern Höhlen sich geneckt, Er bricht vielleicht ins Freie bald hervor! Und was mich erst als Furcht und Sorg' umgeben, Entscheidet sich, indem es mich vernichtet, Und droht Vernichtung aller Welt umher.

Gerichtsrat. Du jammerst mich! Das Schicksal einer Welt Verkündest du nach deinem Schmerzgefühl. Und schien dir nicht die Erde froh und glücklich, Als du, ein heitres Kind, auf Blumen schrittest?

Eugenie. Wer hat es reizender als ich gesehn, Der Erde Glück mit allen seinen Blüten. Ach, alles um mich her, es war so reich, So voll und rein, und was der Mensch bedarf, Es schien zur Lust, zum Überfluss gegeben. Und wem verdankt' ich solch ein Paradies? Der Vaterliebe dankt' ich's, die, besorgt Ums Kleinste, wie ums Größte, mich verschwendrisch Mit Prachtgenüssen zu erdrücken schien Und meinen Körper, meinen Geist zugleich, Ein solches Wohl zu tragen, bildete. Wenn alles weichlich Eitle mich umgab, Ein wonniges Behagen mir zu schmeicheln, So rief mich ritterlicher Trieb hinaus, Zu Ross und Wagen, mit Gefahr zu kämpfen. Oft sehnt' ich mich in ferne Weiten hin, Nach fremder Lande seltsam neuen Kreisen. Dorthin versprach der edle Vater mich, Ans Meer versprach er mich zu führen, hoffte Sich meines ersten Blicks ins Unbegrenzte Mit liebevollem Anteil zu erfreun-- Da steh' ich nun und schaue weit hinaus, Und enger scheint mich's, enger zu umschließen. O Gott, wie schränkt sich Welt und Himmel ein, Wenn unser Herz in seinen Schranken banget!

Gerichtsrat. Unselige! Die mir aus deinen Höhen, Ein Meteor, verderblich niederstreifst Und meiner Bahn Gesetz berührend störst! Auf ewig hast du mir den heitren Blick Ins volle Meer getrübt. Wenn Phöbus nun Ein feuerwallend Lager sich bereitet, Und jedes Auge von Entzücken tränt, Da werd' ich weg mich wenden, werde dich Und dein Geschick beweinen. Fern am Rande Des nachtumgebnen Ozeans erblick' ich Mit Not und Jammer deinen Pfad umstrickt! Entbehrung alles nötig lang Gewohnten, Bedrängnis neuer Übel, ohne Flucht. Der Sonne glühendes Geschoss durchdringt Ein feuchtes, kaum der Flut entrissnes Land. Um Niederungen schwebet, gift'gen Brodens, Blaudunst'ger Streifen angeschwollne Pest. Im Vortod seh' ich, matt und hingebleicht, von Tag zu Tag ein Kummerleben schwanken. O die so blühend, heiter vor mir steht, Sie soll so früh langsamen Tods verschwinden!

Eugenie. Entsetzen rufst du mir hervor! Dorthin? Dorthin verstößt man mich! In jenes Land, Als Höllenwinkel mir von Kindheit auf In grauenvollen Zügen dargestellt. Dorthin, wo sich in Sümpfen Schlang' und Tiger Durch Rohr und Dorngeflechte tückisch drängen, Wo, peinlich quälend, als belebte Wolken Um Wandrer sich Insektenscharen ziehn, Wo jeder Hauch des Windes, unbequem Und schädlich, Stunden raubt und Leben kürzt. Zu bitten dacht' ich; flehend siehst du nun Die Dringende. Du kannst, du wirst mich retten.

Gerichtsrat. Ein mächtig ungeheurer Talisman Liegt in den Händen deiner Führerin.

Eugenie. Was ist Gesetz und Ordnung? Können sie Der Unschuld Kindertage nicht beschützen? Wer seid denn ihr, die ihr mit leerem Stolz Durchs Recht Gewalt zu bänd'gen euch berühmt?

Gerichtsrat. In abgeschlossnen Kreisen lenken wir Gesetzlich streng das in der Mittelhöhe Des Lebens wiederkehrend Schwebende. Was droben sich in ungemessnen Räumen Gewaltig seltsam hin und her bewegt, Belebt und tötet ohne Rat und Urteil, Das wird nach anderm Maß, nach andrer Zahl Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.

Eugenie. Und ist das alles? Hast du weiter nichts Zu sagen, zu verkünden?

Gerichtsrat. Nichts!

Eugenie. Ich glaub' es nicht! Ich darf's nicht glauben.

Gerichtsrat. Lass, o lass mich fort! Soll ich als feig, als unentschlossen gelten? Bedauern, jammern? Soll nicht irgendhin Mit kühner Hand auf deine Rettung deuten? Doch läge nicht in dieser Kühnheit selbst Für mich die grässlichste Gefahr, von dir Verkannt zu werden? Mit verfehltem Zweck Als frevelhaft unwürdig zu erscheinen?

Eugenie. Ich lasse dich nicht los, den mir das Glück, Mein altes Glück, vertraulich zugesendet. Mich hat's von Jugend auf gehegt, gepflegt, Und nun im rauen Sturme sendet mir's Den edlen Stellvertreter seiner Neigung. Sollt' ich nicht sehen, fühlen, dass du teil An mir und meinem Schicksal nimmst? Ich stehe Nicht ohne Wirkung hier: Du sinnst! Du denkst!-- Im weiten Kreise rechtlicher Erfahrung Schaust du zu meinen Gunsten um dich her. Noch bin ich nicht verloren! Ja, du suchst Ein Mittel, mich zu retten; hast es wohl Schon ausgefunden! Mir bekennt's dein Blick, Dein tiefer, ernster, freundlich trüber Blick. O kehre dich nicht weg! O sprich es aus, Ein hohes Wort, das mich zu heilen töne!

Gerichtsrat. So wendet voll Vertrauen zum Arzte sich Der tief Erkrankte, fleht um Linderung, Fleht um Erhaltung schwer bedrohter Tage; Als Gott erscheint ihm der erfahrne Mann. Doch ach! Ein bitter, unerträglich Mittel Wird nun geboten. Ach! Soll ihm vielleicht Der edlen Glieder grausame Verstümmlung, Verlust statt Heilung angekündigt werden? Gerettet willst du sein! Zu retten bist du, Nicht herzustellen. Was du warst, ist hin, Und was du sein kannst, magst du's übernehmen?

Eugenie. Um Rettung aus des Todes Nachtgewalt, Um dieses Lichts erquickenden Genuss, Um Sicherheit des Daseins ruft zuerst Aus tiefer Not ein Halbverlorner noch. Was dann zu heilen sei, was zu erstatten, Was zu vermissen, lehre Tag um Tag.

Gerichtsrat. Und nächst dem Leben, was erflehst du dir?

Eugenie. Des Vaterlandes vielgeliebten Boden!

Gerichtsrat. Du forderst viel im einz'gen, großen Wort!

Eugenie. Ein einzig Wort enthält mein ganzes Glück.

Gerichtsrat. Den Zauberbann, wer wagt's, ihn aufzulösen?

Eugenie. Der Tugend Gegenzauber siegt gewiss!

Gerichtsrat. Der obern Macht ist schwer zu widerstehen.

Eugenie. Allmächtig ist sie nicht, die obre Macht. Gewiss! Dir gibt die Kenntnis jener Formen, Für Hohe wie für Niedre gleich verbindlich, Ein Mittel an. Du lächelst. Ist es möglich! Das Mittel ist gefunden! Sprich es aus!

Gerichtsrat. Was hilf' es, meine Beste, wenn ich dir Von Möglichkeiten spräche! Möglich scheint Fast alles unsern Wünschen; unsrer Tat Setzt sich von innen wie von außen viel, Was sie durchaus unmöglich macht, entgegen. Ich kann, ich darf nicht reden, lass mich los!

Eugenie. Und wenn du täuschen solltest!--Wäre nur Für Augenblicke meiner Phantasie Ein zweifelhafter, leichter Flug vergönnt! Ein Übel um das andre biete mir! Ich bin gerettet, wenn ich wählen kann.

Gerichtsrat. Ein Mittel gibt es, dich im Vaterland Zurückzuhalten. Friedlich ist's und manchem Erschien' es auch erfreulich. Große Gunst Hat es vor Gott und Menschen. Heil'ge Kräfte Erheben's über alle Willkür. Jedem, Der's anerkennt, sich's anzueignen weiß, Verschafft es Glück und Ruhe. Vollbestand Erwünschter Lebensgüter sind wir ihm, So wie der Zukunft höchste Bilder schuldig. Als allgemeines Menschengut verordnet's Der Himmel selbst und ließ dem Glück, der Kühnheit Und stiller Neigung Raum, sich's zu erwerben.

Eugenie. Welch Paradies in Rätseln stellst du dar?

Gerichtsrat. Der eignen Schöpfung himmlisch Erdenglück.

Eugenie. Was hilft mein Sinnen! Ich verwirre mich!

Gerichtsrat. Errätst du's nicht, so liegt es fern von dir.