Die natürliche Tochter

Chapter 3

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(Sie öffnet den Schrank, an der Türe zeigen sich Spiegel.)

Welch köstliches Gewand entwickelt sich, Indem ich's nur berühre, meinem Blick. Und diese Spiegel! Fordern sie nicht gleich, Das Mädchen und den Schmuck vereint zu schildern?

Hofmeisterin. Kreusas tödliches Gewand entfaltet, So scheint es mir, sich unter meiner Hand.

Eugenie. Wie schwebt ein solcher Trübsinn dir ums Haupt? Denk' an beglückter Bräute frohes Fest. Komm! Reiche mir die Teile, nach und nach. Das Unterkleid! Wie reich und süß durchflimmert Sich rein des Silbers und der Farben Blitz.

Hofmeisterin (indem sie Eugenie das Gewand umlegt). Verbirgt sich je der Gnade Sonnenblick, Sogleich ermattet solch ein Widerglanz.

Eugenie. Ein treues Herz verdient sich diesen Blick, Und, wenn er weichen wollte, zieht's ihn an.-- Das Oberkleid, das goldne, schlage drüber, Die Schleppe ziehe, weit verbreitet, nach. Auch diesem Gold ist, mit Geschmack und Wahl, Der Blumen Schmelz metallisch aufgebrämt. Und tret' ich so nicht schön umgeben auf?

Hofmeisterin. Doch wird von Kennern mehr die Schönheit selbst In ihrer eignen Herrlichkeit verehrt.

Eugenie. Das einfach Schöne soll der Kenner schätzen; Verziertes aber spricht der Menge zu.-- Nun leihe mir der Perlen sanftes Licht, Auch der Juwelen leuchtende Gewalt.

Hofmeisterin. Doch deinem Herzen, deinem Geist genügt Nur eigner, innrer Wert und nicht der Schein.

Eugenie. Der Schein, was ist er, dem das Wesen fehlt? Das Wesen, wär' es, wenn es nicht erschiene?

Hofmeisterin. Und hast du nicht in diesen Mauern selbst Der Jugend ungetrübte Zeit verlebt? Am Busen deiner Liebenden, entzückt, Verborgner Wonne Seligkeit erfahren?

Eugenie. Gefaltet kann die Knospe sich genügen, Solange sie des Winters Frost umgibt; Nun schwillt vom Frühlingshauche Lebenskraft, In Blüten bricht sie auf an Licht und Lüfte.

Hofmeisterin. Aus Mäßigkeit entspringt ein reines Glück.

Eugenie. Wenn du ein mäßig Ziel dir vorgesteckt.

Hofmeisterin. Beschränktheit sucht sich der Genießende.

Eugenie. Du überredest die Geschmückte nicht. O dass sich dieser Saal erweiterte Zum Raum des Glanzes, wo der König thront! Dass reicher Teppich unten, oben sich Der goldnen Decke Wölbung breitete! Dass hier im Kreise vor der Majestät Demütig stolz die Großen, angelacht Von dieser Sonne, herrlich leuchteten! Ich unter diesen Ausgezeichnete! O lass mir dieser Wonne Vorgefühl, Wenn aller Augen mich zum Ziel erlesen!

Hofmeisterin. Zum Ziele der Bewunderung nicht allein, Zum Ziel des Neides und des Hasses mehr.

Eugenie. Der Nieder steht als Folie des Glücks, Der Hasser lehrt uns immer wehrhaft bleiben.

Hofmeisterin. Demütigung beschleicht die Stolzen oft.

Eugenie. Ich setz' ihr Geistesgegenwart entgegen.

(Zum Schranke gewendet.)

Noch haben wir nicht alles durchgesehn; Nicht mich allein bedenk' ich diese Tage, Für andre hoff' ich manche Kostbarkeit.

Hofmeistern (ein Kästchen hervor nehmend). Hier aufgeschrieben steht es: "Zu Geschenken".

Eugenie. So nimm voraus, was dich vergnügen kann, Von diesen Uhren, diesen Dosen. Wähle!-- Nein, überlege noch! Vielleicht verbirgt Sich Wünschenswerteres im reichen Schrein.

Hofmeisterin. O fände sich ein kräft'ger Talisman, Des trüben Bruders Neigung zu gewinnen!

Eugenie. Den Widerwillen tilge nach und nach Des unbefangnen Herzens reines Wirken.

Hofmeisterin. Doch die Partei, die seinen Groll bestärkt, Auf ewig steht sie deinem Wunsch entgegen.

Eugenie. Wenn sie bisher mein Glück zu hindern suchte, Tritt nun Entscheidung unaufhaltsam ein, Und ins Geschehne fügt sich jedermann.

Hofmeisterin. Das, was du hoffest, noch ist's nicht geschehn.

Eugenie. Doch als vollendet kann ich's wohl betrachten.

(Nach dem Schrank gekehrt.)

Was liegt im langen Kästchen, obenan?

Hofmeisterin (die es herausnimmt). Die schönsten Bänder, frisch und neu gewählt-- Zerstreue nicht durch eitlen Flitterwesens Neugierige Betrachtung deinen Geist. O wär' es möglich, dass du meinem Wort Gehör verliehest einen Augenblick! Aus stillem Kreise trittst du nun heraus In weite Räume, wo dich Sorgendrang, Vielfach geknüpfte Netze, Tod vielleicht Von meuchelmörderischer Hand erwartet.

Eugenie. Du scheinst mir krank! Wie könnte sonst mein Glück Dir fürchterlich, als ein Gespenst erscheinen.

(In das Kästchen blickend.)

Was seh' ich? Diese Rolle! Ganz gewiss Das Ordensband der ersten Fürstentöchter! Auch dieses werd' ich tragen! Nur geschwind! Lass sehen, wie es kleidet! Es gehört Zum ganzen Prunk; so sei auch das versucht!

(Das Band wird umgelegt.)

Nun sprich vom Tode nur! Sprich von Gefahr! Was zieret mehr den Mann, als wenn er sich Im Heldenschmuck zu seinem Könige, Sich unter seinesgleichen stellen kann? Was reizt das Auge mehr als jenes Kleid, Das kriegerische lange Reihen zeichnet? Und dieses Kleid und seine Farben, sind Sie nicht ein Sinnbild ewiger Gefahr? Die Schärpe deutet Krieg, womit sich, stolz Auf seine Kraft, ein edler Mann umgürtet. O meine Liebe! Was bedeutend schmückt, Es ist durchaus gefährlich. Lass auch mir Das Mutgefühl, was mir begegnen kann, So prächtig ausgerüstet, zu erwarten. Unwiderruflich, Freundin, bleibt mein Glück.

Hofmeisterin (beiseite). Das Schicksal, das dich trifft, unwiderruflich.

Dritter Aufzug (Vorzimmer des Herzogs, prächtig, modern.)

Erster Auftritt Sekretär. Weltgeistlicher.

Sekretär. Tritt still herein in diese Totenstille! Wie ausgestorben findest du das Haus. Der Herzog schläft, und alle Diener stehen, Von seinem Schmerz durchdrungen, stumm gebeugt. Er schläft! Ich segnet' ihn, als ich ihn sah Bewusstlos auf dem Pfühle ruhig atmen. Das Übermaß der Schmerzen löste sich In der Natur balsam'scher Wohltat auf. Den Augenblick befürcht' ich, der ihn weckt; Euch wird ein jammervoller Mann erscheinen.

Weltgeistlicher. Darauf bin ich bereitet, zweifelt nicht.

Sekretär. Vor wenig Stunden kam die Nachricht an, Eugenie sei tot! Vom Pferd gestürzt! An eurem Orte sei sie beigesetzt, Als an dem nächsten Platz, wohin man sie Aus jenem Felsendickicht bringen können, Wo sie verwegen sich den Tod erstürmt.

Weltgeistlicher. Und sie indessen ist schon weit entfernt?

Sekretär. Mit rascher Eile wird sie weggeführt.

Weltgeistlicher. Und wem vertraut ihr solch ein schwer Geschäft?

Sekretär. Dem klugen Weibe, das uns angehört.

Weltgeistlicher. In welche Gegend habt ihr sie geschickt?

Sekretär. Zu dieses Reiches letztem Hafenplatz.

Weltgeistlicher. Von dorten soll sie in das fernste Land?

Sekretär. Sie führt ein günst'ger Wind sogleich davon.

Weltgeistlicher. Und hier auf ewig gelte sie für tot!

Sekretär. Auf deiner Fabel Vortrag kommt es an.

Weltgeistlicher. Der Irrtum soll im ersten Augenblick Auf alle künft'ge Zeit gewaltig wirken. An ihrer Gruft, an ihrer Leiche soll Die Phantasie erstarren. Tausendfach Zerreiß' ich das geliebte Bild und grabe Dem Sinne des entsetzten Hörenden Mit Feuerzügen dieses Unglück ein. Sie ist dahin für alle, sie verschwindet Ins Nichts der Asche. Jeder kehret schnell Den Blick zum Leben und vergisst im Taumel Der treibenden Begierden, dass auch sie Im Reihen der Lebendigen geschwebt.

Sekretär. Du trittst mit vieler Kühnheit ans Geschäft; Besorgst du keine Reue hintennach?

Weltgeistlicher. Welch eine Frage tust du? Wir sind fest!

Sekretär. Ein innres Unbehagen fügt sich oft Auch wider unsern Willen an die Tat.

Weltgeistlicher. Was hör' ich? Du bedenklich? Oder willst Du mich nur prüfen, ob es euch gelang, Mich, euren Schüler, völlig auszubilden?

Sekretär. Das Wichtige bedenkt man nie genug.

Weltgeistlicher. Bedenke man, eh' noch die Tat beginnt.

Sekretär. Auch in der Tat ist Raum für Überlegung.

Weltgeistlicher. Für mich ist nichts zu überlegen mehr! Da wär' es Zeit gewesen, als ich noch Im Paradies beschränkter Freuden weilte, Als, von des Gartens engem Hag umschlossen, Ich selbst gesäte Bäume selber pfropfte, Aus wenig Beeten meinen Tisch versorgte, Als noch Zufriedenheit im kleinen Hause Gefühl des Reichtums über alles goss, Und ich nach meiner Einsicht zur Gemeinde Als Freund, als Vater aus dem Herzen sprach, Dem Guten fördernd meine Hände reichte, Dem Bösen wie dem Übel widerstritt. O hätte damals ein wohltät'ger Geist Vor meiner Türe dich vorbei gewiesen, An der du müde, durstig von der Jagd Zu klopfen kamst; mit schmeichlerischem Wesen, Mit süßem Wort mich zu bezaubern wusstest. Der Gastfreundschaft geweihter, schöner Tag, Er war der letzte rein genossnen Friedens.

Sekretär. Wir brachten dir so manche Freude zu.

Weltgeistlicher. Und dranget mir so manch Bedürfnis auf. Nun war ich arm, als ich die Reichen kannte; Nun war ich sorgenvoll, denn mir gebrach's; Nun hatt' ich Not, ich brauchte fremde Hilfe. Ihr wart mir hilfreich, teuer büß' ich das. Ihr nahmt mich zum Genossen eures Glücks, Mich zum Gesellen eurer Taten auf. Zum Sklaven, sollt' ich sagen, dingtet ihr Den sonst so freien, jetzt bedrängten Mann. Ihr lohnt ihm zwar, doch immer noch versagt Ihr ihm den Lohn, den er verlangen darf.

Sekretär. Vertraue, dass wir dich in kurzer Zeit Mit Gütern, Ehren, Pfründen überhäufen.

Weltgeistlicher. Das ist es nicht, was ich erwarten muss.

Sekretär. Und welche neue Fordrung bildest du?

Weltgeistlicher. Als ein gefühllos Werkzeug braucht ihr mich Auch diesmal wieder. Dieses holde Kind Verstoßt ihr aus dem Kreise der Lebend'gen; Ich soll die Tat beschönen, sie bedecken, Und ihr beschließt, begeht sie ohne mich. Von nun an fordr' ich, mit im Rat zu sitzen, Wo Schreckliches beschlossen wird, wo jeder, Auf seinen Sinn, auf seine Kräfte stolz, Zum unvermeidlich Ungeheuren stimmt.

Sekretär. Dass du auch diesmal dich mit uns verbunden, Erwirbt aufs neue dir ein großes Recht. Gar manch Geheimnis wirst du blad vernehmen; Dahin gedulde dich und sei gefasst.

Weltgeistlicher. Ich bin's und bin noch weiter, als ihr denkt; In eure Pläne schaut' ich längst hinein. Der nur verdient geheimnisvolle Weihe, Der ihr durch Ahnung vorzugreifen weiß.

Sekretär. Was ahnest du? Was weißt du?

Weltgeistlicher. Lass uns das Auf ein Gespräch der Mitternacht versparen. O dieses Mädchens trauriges Geschick Verschwindet, wie ein Bach im Ozean, Wenn ich bedenke, wie verborgen ihr Zu mächtiger Parteigewalt euch hebt Und an die Stelle der Gebietenden Mit frecher List euch einzudrängen hofft. Nicht ihr allein; denn andre streben auch, Euch widerstrebend, nach demselben Zweck. So untergrabt ihr Vaterland und Thron; Wer soll sich retten, wenn das Ganze stürzt?

Sekretär. Ich höre kommen! Tritt hier an die Seite! Ich führe dich zu rechter Zeit herein.

Zweiter Auftritt Herzog. Sekretär.

Herzog. Unsel'ges Licht! Du rufst mich auf zum Leben, Mich zum Bewusstsein dieser Welt zurück Und meiner selbst. Wie öde, hohl und leer Liegt alles vor mir da, und ausgebrannt, Ein großer Schutt, die Stätte meines Glücks.

Sekretär. Wenn jeder von den Deinen, die um dich In dieser Stunde leiden, einen Teil Von deinen Schmerzen übertragen könnte, Du fühltest dich erleichtert und gestärkt.

Herzog. Der Schmerz um Liebe, wie die Liebe, bleibt Unteilbar und unendlich. Fühl' ich doch, Welch ungeheures Unglück den betrifft, Der seines Tags gewohntes Gut vermisst. Warum o! Lasst ihr die bekannten Wände Mit Farb' und Gold mir noch entgegen scheinen, Die mich an gestern, mich an ehegestern, An jenen Zustand meines vollen Glücks Mich kalt erinnern. O warum verhüllet Ihr nicht Gemach und Saal mit schwarzem Krepp! Dass, finster wie mein Innres, auch von außen Ein ewig nächt'ger Schatten mich umfange.

Sekretär. O möchte doch das Viele, das dir bleibt, Nach dem Verlust als etwas dir erscheinen.

Herzog. Ein geistverlassner körperlicher Traum! Sie war die Seele dieses ganzen Hauses. Wie schwebte beim Erwachen sonst das Bild Des holden Kindes dringend mir entgegen! Hier fand ich oft ein Blatt von ihrer Hand, Ein geistreich, herzlich Blatt zum Morgengruß.

Sekretär. Wie drückte nicht der Wunsch, dich zu ergötzen, Sich dichtrisch oft in frühen Reimen aus.

Herzog. Die Hoffnung, sie zu sehen, gab den Stunden Des mühevollen Tags den einz'gen Reiz.

Sekretär. Wie oft bei Hindernis und Zögrung hat Man ungeduldig, wie nach der Geliebten Den raschen Jüngling, dich nach ihr gesehn.

Herzog. Vergleiche doch die jugendliche Glut, Die selbstischen Besitz verzehrend hascht, Nicht dem Gefühl des Vaters, der entzückt, In heil'gem Anschaun stille hingegeben, Sich an Entwicklung wunderbarer Kräfte, Sich an der Bildung Riesenschritten freut. Der Liebe Sehnsucht fordert Gegenwart; Doch Zukunft ist des Vaters Eigentum. Dort liegen seiner Hoffnung weite Felder, Dort seiner Saaten keimender Genuss.

Sekretär. O Jammer! Diese grenzenlose Wonne, Dies ewig frische Glück verlorst du nun.

Herzog. Verlor ich's? War es doch im Augenblick Vor meiner Seele noch im vollen Glanz. Ja, ich verlor's! Du rufst's, Unglücklicher, Die öde Stunde ruft mir's wieder zu. Ja, ich verlor's! So strömt, ihr Klagen, denn! Zerstöre, Jammer, diesen festen Bau, Den ein zu günstig Alter noch verschont. Verhasst sei mir das Bleibende, verhasst, Ws mir in seiner Dauer Stolz erscheint; Erwünscht, was fließt und schwankt. Ihr Fluten, schwellt, Zerreißt die Dämme, wandelt Land in See! Eröffne deine Schlünde, wildes Meer! Verschlinge Schiff und Mann und Schätze! Weit Verbreitet euch, ihr kriegerischen Reihen, Und häuft auf blut'gen Fluren Tod auf Tod! Entzünde, Strahl des Himmels, dich im Leeren Und triff der kühnen Türme sichres Haupt! Zertrümmr', entzünde sie und geißle weit Im Stadtgedräng' der Flamme Wut umher, Dass ich, von allem Jammer rings umfangen, Dem Schicksal mich ergebe, das mich traf!

Sekretär. Das ungeheuer Unerwartete Bedrängt dich fürchterlich, erhabner Mann.

Herzog. Wohl unerwartet kam's, nicht ungewarnt. In meinen Armen ließ ein guter Geist Sie von den Toten wieder auferstehn Und zeigte mir gelind, vorübereilend, Ein Schreckliches, nun ewig Bleibendes. Da sollt' ich strafen die Verwegenheit, Dem Übermut mich scheltend widersetzen, Verbieten jene Raserei, die, sich Unsterblich, unverwundbar wähnend, blind, Wetteifern mit dem Vogel, sich durch Wald Und Fluss und Sträuche von dem Felsen stürzt.

Sekretär. Was oft und glücklich unsre Besten tun, Wie sollt' es dir des Unglücks Ahnung bringen?

Herzog. Die Ahnung dieser Leiden fühlt' ich wohl, Als ich zum letzten Mal--Zum letzten Mal! Du sprichst es aus, das fürchterliche Wort, Das deinen Weg mit Finsternis umzieht. O hätt' ich sie nur einmal noch gesehn! Vielleicht war dieses Unglück abzuleiten. Ich hätte flehentlich gebeten, sie als Vater Zum treulichsten ermahnt, sich mir zu schonen, Und von der Wut tollkühner Reiterei Um unsres Glückes willen abzustehn. Ach, diese Stunde war mir nicht gegönnt. Und nun vermiss' ich mein geliebtes Kind! Sie ist dahin! Verwegner ward sie nur Durch jenen Sturz, dem sie so leicht entrann. Und niemand, sie zu warnen, sie zu leiten! Entwachsen war sie dieser Frauenzucht. In welchen Händen ließ ich solchen Schatz? Verzärtelnden, nachgieb'gen Weiberhänden. Kein festes Wort, den Willen meines Kinds Zu mäßiger Vernünftigkeit zu lenken! Zur unbedingten Freiheit ließ man ihr, Zu jedem kühnen Wagnis offnes Feld. Ich fühlt' es oft und sagt' es mir nicht klar: Bei diesem Weibe war sie schlecht verwahrt.

Sekretär. O tadle nicht die Unglückselige! Vom tiefsten Schmerz begleitet, irrt sie nun, Wer weiß, in welche Lande, trostlos hin. Sie ist entflohn. Denn wer vermöchte dir Ins Angesicht zu sehen, der auch nur Den fernsten Vorwurf zu befürchten hätte.

Herzog. O lass mich ungerecht auf andre zürnen, Dass ich mich nicht verzweifelnd selbst zerreiße! Wohl trag' ich selbst die Schuld und trag' sie schwer. Denn rief ich nicht mit törigem Beginnen Gefahr und Tod auf dieses teure Haupt? Sie überall zu sehn als Meisterin, Das war mein Stolz! Zu teuer büß' ich ihn. Zu Pferde sollte sie, im Wagen sie, Die Rosse bändigend, als Heldin glänzen. Ins Wasser tauchend, schwimmend schien sie mir Den Elementen göttlich zu gebieten. So, hieß es, kann sie jeglicher Gefahr Dereinst entgehen. Statt sie zu bewahren, Gibt Übung zur Gefahr den Tod ihr nun.

Sekretär. Des edlen Pflichtgefühles Übung gibt, Ach! Unsrer Unvergesslichen den Tod.

Herzog. Erkläre dich!

Sekretär. Und weck' ich diesen Schmerz Durch Schildrung kindlich edlen Unternehmens? Ihr alter, erster, hoch geliebter Freund Und Lehrer wohnt, von dieser Stadt entfernt, Verschränkt in Trübsinn, Krankheit, Menschenhass. Nur sie allein vermocht' ihn zu erheitern; Als Leidenschaft empfand sie diese Pflicht; Nur allzu oft verlangte sie hinüber, Und oft versagte man's. Nun hatte sie's Planmäßig angelegt; sie nutzte kühn Des Morgenrittes abgemessne Stunden Mit ungeheurer Schnelligkeit zum Zweck, Den alten, viel geliebten Mann zu sehn. Ein einz'ger Reitknecht nur war im Geheimnis, Er unterlegt' ihr jedes Mal das Pferd, Wie wir vermuten; denn auch er ist fort. Der arme Mensch und jene Frau verloren Aus Furcht vor dir sich in die weite Welt.

Herzog. Die Glücklichen, die noch zu fürchten haben, Bei denen sich der Schmerz um ihres Herrn Verlornes Heil in leicht verwundene, In leicht gehobne Bangigkeit verwandelt! Ich habe nichts zu fürchten! Nichts zu hoffen! Drum lass mich alles wissen; zeige mir Den kleinsten Umstand an! Ich bin gefasst.

Dritter Auftritt Herzog. Sekretär. Weltgeistlicher.

Sekretär. Auf diesen Augenblick, verehrter Fürst, Hab' ich hier einen Mann zurückgehalten, Der, auch gebeugt, vor deinem Blick erscheint. Es ist der Geistliche, der aus der Hand Des Todes deine Tochter aufgenommen, Und sie, da keiner Hilfe Trost sich zeigte, Mit liebevoller Sorgfalt beigesetzt.

Vierter Auftritt Herzog. Weltgeistlicher.

Weltgeistlicher. Den Wunsch, vor deinem Antlitz zu erscheinen, Erhabner Fürst, wie lebhaft hegt' ich ihn! Nun wird er mir gewährt im Augenblick, Der dich und mich in tiefen Jammer senkt.

Herzog. Auch so willkommen, unwillkommner Bote! Du hast sie noch gesehn, den letzten Blick, Den sehnsuchtsvollen, dir ins Herz gefasst, Das letzte Wort bedächtig aufgenommen, Dem letzten Seufzer Mitgefühl erwidert. O sage: Sprach sie noch? Was sprach sie aus? Gedachte sie des Vaters? Bringst du mir Von ihrem Mund ein herzlich Lebewohl?

Weltgeistlicher. Willkommen scheint ein unwillkommner Bote, Solang er schweigt und noch der Hoffnung Raum, Der Täuschung Raum in unserm Herzen gibt. Der ausgesprochne Jammer ist verhasst.

Herzog. Was zauderst du? Was kann ich mehr erfahren? Sie ist dahin! Und diesen Augenblick Ist über ihrem Sarge Ruh' und Stille. Was sie auch litt, es ist für sie vorbei, Für mich beginnt es; aber rede nur!

Weltgeistlicher. Ein allgemeines Übel ist der Tod. So denke dir das Schicksal deiner Toten, Und finster wie des Grabes Nacht verstumme Der Übergang, der sie hinabgeführt. Nicht jeden leitet ein gelinder Gang Unmerklich in das stille Reich der Schatten. Gewaltsam schmerzlich reißt Zerstörung oft Durch Höllenqualen in die Ruhe hin.

Herzog. So hat sie viel gelitten?

Weltgeistlicher. Viel, nicht lange.

Herzog. Es war ein Augenblick, in dem sie litt, Ein Augenblick, wo sie um Hilfe rief. Und ich? Wo war ich da? Welch ein Geschäft, Welch ein Vergnügen hatte mich gefesselt? Verkündigte mir nichts das Schreckliche, Das mir das Leben voneinander riss? Ich hörte nicht den Schrei, ich fühlte nicht Den Unfall, der mich ohne Rettung traf. Der Ahnung heil'ges, fernes Mitgefühl Ist nur ein Märchen. Sinnlich und verstockt, Ins Gegenwärtige verschlossen, fühlt Der Mensch das nächste Wohl, das nächste Weh, Und Liebe selbst ist in der Ferne taub.

Weltgeistlicher. Soviel auch Worte gelten, fühl' ich doch, Wie wenig sie zum Troste wirken können.

Herzog. Das Wort verwundet leichter, als es heilt. Und ewig wiederholend strebt vergebens Verlornes Glück der Kummer herzustellen. So war denn keine Hilfe, keine Kunst Vermögend, sie ins Leben aufzurufen? Was hast du, sage mir, begonnen? Was Zu ihrem Heil versucht? Du hast gewiss Nichts unbedacht gelassen.

Weltgeistlicher. Leider war Nichts zu bedenken mehr, als ich sie fand.

Herzog. Und soll ich ihres Lebens holde Kraft Auf ewig missen! Lass mich meinen schmerz Durch meinen Schmerz betrügen, diese Reste Verewigen. O komm! Wo liegen sie?

Weltgeistlicher. In würdiger Kapelle steht ihr Sarg Allein verwahrt. Ich sehe vom Altar Durchs Gitter jedes Mal die Stätte, will Für sie, solang ich lebe, betend flehen.

Herzog. O komm und führe mich dahin! Begleiten Soll uns der Ärzte viel erfahrenster. Lass uns den schönen Körper der Verwesung Entreißen! Lass mit edlen Spezereien Das unschätzbare Bild zusammenhalten! Ja! Die Atomen alle, die sich einst Zur köstlichen Gestalt versammelten, Sie sollen nicht ins Element zurück.

Weltgeistlicher. Was darf ich sagen? Muss ich dir bekennen! Du kannst nicht hin! Ach! Das zerstörte Bild! Kein Fremder säh' es ohne Jammer an! Und vor die Augen eines Vaters--Nein, Verhüt' es Gott! Du darfst sie nicht erblicken.

Herzog. Welch neuer Qualenkrampf bedroht mich!

Weltgeistlicher. O lass mich schweigen, dass nicht meine Worte Auch die Erinnrung der Verlornen schänden! Lass mich verhehlen, wie sie durchs Gebüsch, Durch Felsen hergeschleift, entstellt und blutig, Zerrissen und zerschmettert und zerbrochen, Unkenntlich, mir im Arm zur Erde hing. Da segnet' ich, von Tränen überfließend, Der Stunde Heil, in der ich feierlich Dem holden Vaternamen einst entsagt.

Herzog. Du bist nicht Vater! Bist der selbstischen Verstockten, der Verkehrten einer, die Ihr abgeschlossnes Wesen unfruchtbar Verzweifeln lässt. Entferne dich! Verhasst Erscheinet mir dein Anblick.

Weltgeistlicher. Fühlt' ich's doch! Wer kann dem Boten solcher Not verzeihn?

(Will sich entfernen.)

Herzog. Vergib und bleib. Ein schön entworfnes Bild, Das wunderbar dich selbst zum zweiten Mal Vor deinen Augen zu erschaffen strebt, Hast du entzückt es jemals angestaunt? O hättest du's! Du hättest diese Form, Die sich zu meinem Glück, zur Lust der Welt In tausendfält'gen Zügen auferbaut, Mir grausam nicht zerstümmelt, mir die Wonne Der traurigen Erinnrung nicht verkümmert.

Weltgeistlicher. Was sollt' ich tun? Dich zu dem Sarge führen, Den tausend fremde Tränen schon benetzt, Als ich das morsche, schlotternde Gebein Zu ruhiger Verwesung eingeweiht?

Herzog. Schweig, Unempfindlicher! Du mehrest nur Den herben Schmerz, den du zu lindern denkst. O! Wehe! Dass die Elemente nun, Von keinem Geist der Ordnung mehr beherrscht, Im leisen Kampf das Götterbild zerstören. Wenn über werdend Wachsendem vorher Der Vatersinn mit Wonne brütend schwebte, So stockt, so kehrt in Moder nach und nach Vor der Verzweiflung Blick die Lust des Lebens.

Weltgeistlicher. Was Lust und Licht Zerstörliches erbaut, Bewahret lange das verschlossne Grab.

Herzog. O weiser Brauch der Alten, das Vollkommne, Das ernst und langsam die Natur geknüpft, Des Menschenbilds erhabne Würde, gleich Wenn sich der Geist, der wirkende, getrennt, Durch reiner Flammen Tätigkeit zu lösen! Und wenn die Glut mit tausend Gipfeln sich Zum Himmel hob und zwischen Dampf und Wolken, Des Adlers Fittich deutend sich bewegte, Da trocknete die Träne, freier Blick Der Hinterlassnen stieg dem neuen Gott In des Olymps verklärte Räume nach. O sammle mir in köstliches Gefäß Der Asche, der Gebeine trüben Rest, Dass die vergebens ausgestreckten Arme Nur etas fassen, dass ich dieser Brust, Die sehnsuchtsvoll sich in das Leere drängt, Den schmerzlichsten Besitz entgegendrücke.

Westgeistlicher. Die Trauer wird durch Trauern immer herber.