Die natürliche Tochter

Chapter 2

Chapter 23,713 wordsPublic domain

Eugenie. Der wichtigen Momente gibt's im Leben Gar manche, die mit Freude, die mit Trauer Des Menschen Herz bestürmen. Wenn der Mann Sein Äußeres in solchem Fall vergisst, Nachlässig oft sich vor die Menge stellt, So wünscht ein Weib noch, jedem zu gefallen, Durch ausgesuchte Tracht, vollkommnen Schmuck Beneidenswert vor andern zu erscheinen. Das hab' ich oft gehört und oft bemerkt, Und nun empfind' ich im bedeutendsten Momente meines Lebens, dass auch ich Der mädchenhaften Schwachheit schuldig bin.

Herzog. Was kannst du wünschen, das du nicht erlangst?

Eugenie. Du bist geneigt, mir alles zu gewähren, Ich weiß es. Doch der große Tag ist nah, Zu nah, um alles würdig zu bereiten; Und was von Stoffen, Stickerei und Spitzen, Was von Juwelen mich umgeben soll, Wie kann's geschafft, wie kann's vollendet werden?

Herzog. Uns überrascht längst gewünschtes Glück; Doch vorbereitet können wir's empfangen. Was du bedarfst, ist alles angeschafft, Und heute noch, verwahrt im edlen Schrein, Erhältst du Gaben, die du nicht erwartet. Doch leichte Prüfung leg' ich dir dabei Zum Vorbild mancher künftig schweren auf. Hier ist der Schlüssel! Den verwahre wohl! Bezähme deine Neugier! Öffne nicht, Eh' ich dich wieder sehe, jenen Schatz. Vertraue niemand, sei es, wer es sei. Die Klugheit rät's, der König selbst gebeut's.

Eugenie. Dem Mädchen sinnst du harte Prüfung aus; Doch will ich sie bestehn, ich schwör' es dir!

Herzog. Mein eigner wüster Sohn umlauert ja Die stillen Wege, die ich dich geführt. Der Güter kleinen Teil, den ich bisher Dir schuldig zugewandt, missgönnt er schon. Erführ' er, dass du, höher nun empor Durch unsres Königs Gunst gehoben, bald In manchem Recht ihm gleich dich stellen könntest, Wie müsst' er wüten! Würd' er tückisch nicht, Den schönen Schritt zu hindern, alles tun?

Eugenie. Lass uns im Stillen jenen Tag erharren. Und wenn geschehn ist, was mich seine Schwester Zu nennen mich berechtigt, soll's an mir, Soll's an gefälligem Betragen, guten Worten, Nachgiebigkeit und Neigung nicht gebrechen. Er ist dein Sohn; und sollt' er nicht nach dir Zur Liebe, zur Vernunft gebildet sein?

Herzog. Ich traue dir ein jedes Wunder zu, Verrichte sie zu meines Hauses Bestem Und lebe wohl. Doch ach! Indem ich scheide, Befällt mich grausend jäher Furcht Gewalt. Hier lagst du tot in meinen Armen! Hier Bezwang mich der Verzweiflung Tigerklaue. Wer nimmt das Bild vor meinen Augen weg! Dich hab' ich tot gesehn! So wirst du mir An manchem Tag, in mancher Nacht erscheinen. War ich entfernt von dir nicht stets besorgt? Nun ist's nicht mehr ein kranker Grillentraum, Es ist ein wahres, unauslöschlichs Bild: Eugenie, das Leben meines Lebens, Bleich, hingesunken, atemlos, entseelt.

Eugenie. Erneue nicht, was du entfernen solltest, Lass diesen Sturz, lass diese Rettung dir Als wertes Pfand erscheinen meines Glücks. Lebendig siehst du sie vor deinen Augen

(Indem sie ihn umarmt.)

Und fühlst lebendig sie an deiner Brust. So lass mich immer, immer wieder kehren! Und vor dem glühnden, liebevollen Leben Entweiche des verhassten Todes Bild.

Herzog. Kann wohl ein Kind empfinden, wie den Vater Die Sorge möglichen Verlustes quält? Gesteh' ich's nur! Wie öfters hat mich schon Dein überkühner Mut, mit dem du dich, Als wie ans Pferd gewachsen, voll Gefühl Der doppelten, zentaurischen Gewalt, Durch Tal und Berg, durch Fluss und Graben schleuderst, Wie sich ein Vogel durch die Lüfte wirft, Ach! Öfters mehr geängstigt als entzückt. Dass doch gemäßigter dein Trieb fortan Der ritterlichen Übung sich erfreue!

Eugenie. Dem Ungemessnen beugt sich die Gefahr, Beschlichen wird das Mäßige von ihr. O fühle jetzt wie damals, da du mich, Ein kleines Kind, in ritterliche Weise Mit heitrer Kühnheit fröhlich eingeweiht.

Herzog. Ich hatte damals unrecht; soll mich nun Ein langes Leben sorgenvoll bestrafen? Und locket Übung des Gefährlichen Nicht die Gefahr an uns heran?

Eugenie. Das Glück, Und nicht die Sorge bändigt die Gefahr. Leb' wohl, mein Vater, folge deinem König, Und sei nun auch um deiner Tochter willen Sein redlicher Vasall, sein treuer Freund. Leb' wohl!

Herzog. O bleib! Und steh an diesem Platz Lebendig, aufrecht, noch einmal, wie du Ins Leben wieder aufsprangst, wo mit Wonne Du mein zerrissen Herz erfüllend heiltest. Unfruchtbar bleibe diese Freude nicht! Zum ew'gen Denkmal weih' ich diesen Ort. Hier soll ein Tempel aufstehn, der Genesung, Der glücklichsten, gewidmet. Rings umher Soll deine Hand ein Feenreich erschaffen. Den wilden Wald, das struppige Gebüsch Soll sanfter Gänge Labyrinth verknüpfen. Der steile Fels wird gangbar, dieser Bach, In reinen Spiegeln fällt er hier und dort. Der überraschte Wandrer fühlt sich hier Ins Paradies versetzt. Hier soll kein Schuss, Solang ich lebe, fallen, hier kein Vogel Von seinem Zweig, kein Wild in seinem Busch Geschreckt, verwundet, hingeschmettert werden. Hier will ich her, wenn mir der Augen Licht, Wenn mir der Füße Kraft zuletzt versagt, Auf dich gelehnt, wallfahrten; immer soll Des gleichen Danks Empfindung mich beleben. Nun aber lebe wohl! Und wie?--Du weinst?

Eugenie. O! Wenn mein Vater ängstlich fürchten darf, Die Tochter zu verlieren, soll in mir Sich keine Sorge regen, ihn vielleicht-- Wie kann ich's denken, sagen--ihn zu missen? Verwaiste Väter sind beklagenswert; Allein verwaiste Kinder sind es mehr. Und ich, die Ärmste, stünde ganz allein Auf dieser weiten, fremden, wilden Welt, Müsst' ich von ihm, dem Einzigen, mich trennen.

Herzog. Wie du mich stärktest, geb' ich dir's zurück. Lass uns getrost, wie immer, vorwärts gehen! Das Leben ist des Lebens Pfand; es ruht Nur auf sich selbst und muss sich selbst verbürgen. Drum lass uns eilige auseinander scheiden! Von diesem allzu weichen Lebewohl Soll ein erfreulich wieder Sehn uns heilen!

(Sie trennen sich schnell; aus der Entfernung werfen sie sich mit ausgebreiteten Armen ein Lebewohl zu und gehen eilig ab.)

Zweiter Aufzug (Zimmer Eugenies, im gotischen Stil.)

Erster Auftritt Hofmeisterin. Sekretär.

Sekretär. Verdien' ich, dass du mich, im Augenblick, Da ich erwünschte Nachricht bringe, fliehst? Vernimm nur erst, was ich zu sagen habe!

Hofmeisterin. Wohin es deutet, fühl' ich nur zu sehr. O lass mein Auge vom bekannten Blick, Mein Ohr sich von bekannter Stimme wenden! Entfliehen lass mich der Gewalt, die, sonst Durch Lieb' und Freundschaft wirksam, fürchterlich Wie ein Gespenst mir nun zur Seite steht.

Sekretär. Wenn ich des Glückes Füllhorn dir auf einmal Nach langem Hoffen vor die Füße schütte, Wenn sich die Morgenröte jenes Tags, Der unsern Bund auf ewig gründen soll, Am Horizonte feierlich erhebt, So scheinst du nun verlegen, widerwillig Den Antrag eines Bräutigams zu fliehn.

Hofmeisterin. Du zeigst mir nur die eine Seite dar, Sie glänzt und leuchtet, wie im Sonnenschein Die Welt erfreulich daliegt; aber hinten Droht schwarzer Nächte Graus, ich ahn' ihn schon.

Sekretär. So lass uns erst die schöne Seite sehn! Verlangst du Wohnung, mitten in der Stadt, Geräumig, heiter, trefflich ausgestattet, Wie man's für sich, so wie für Gäste wünscht? Sie ist bereit, der nächste Winter findet Uns festlich dort umgeben, wenn du willst. Sehnst du im Frühling dich aufs Land, auch dort Ist uns ein Haus, ein Garten uns bestimmt, Ein reiches Feld. Und was Erfreuliches An Waldung, Busch, an Wiesen, Bach und Seen Sich Phantasie zusammendrängen mag, Genießen wir, zum Teil als unser eignes, Zum Teil als allgemeines Gut. Wobei Noch manche Rente gar bequem vergönnt, Durch Sparsamkeit ein sichres Glück zu steigern.

Hofmeisterin. In trübe Wolken hüllt sich jenes Bild, So heiter du es malst, vor meinen Augen. Nicht wünschenswert, abscheulich naht sich mir Der Gott der Welt im Überfluss heran. Was für ein Opfer fordert er? Das Glück Des holden Zöglings müsst' ich morden helfen! Und was ein solch Verbrechen mir erwarb, Ich sollt' es je mit freier Brust genießen? Eugenie! Du, deren holdes Wesen In meiner Nähe sich von Jugend auf Aus reicher Fülle rein entwickeln sollte, Kann ich noch unterscheiden, was an dir Dein eigen ist, und was du mir verdankst? Dich, die ich als mein selbst gebildet Werk Im Herzen trage, sollt' ich nun zerstören? Von welchem Stoffe seid ihr denn geformt, Ihr Grausamen, dass eine solche Tat Ihr fordern dürft und zu belohnen glaubt?

Sekretär. Gar manchen Schatz bewahrt von Jugend auf Ein edles, gutes Herz und bildet ihn Nur immer schöner, liebenswürd'ger aus Zur holden Gottheit des geheimen Tempels; Doch wenn das Mächtige, das uns regiert, Ein großes Opfer heischt, wir bringen's doch Mit blutendem Gefühl der Not zuletzt. Zwei Welten sind es, meine Liebe, die, Gewaltsam sich bekämpfend, uns bedrängen,

Hofmeisterin. In völlig fremder Welt für mein Gefühl Scheinst du zu wandeln, da du deinem Herrn, Dem edlen Herzog, solche Jammertage Verräterisch bereitest, zur Partei Des Sohns dich fügest--Wenn das Waltende Verbrechen zu begünst'gen scheinen mag, So nennen wir es Zufall; doch der Mensch, Der ganz besonnen solche Tat erwählt, Er ist ein Rätsel.--Doch--und bin ich nicht Mir auch ein Rätsel, dass ich noch an dir Mit solcher Neigung hänge, da du mich Zum jähen Abgrund hinzureißen strebst? Warum o! Schuf dich die Natur von außen Gefällig, liebenswert, unwiderstehlich, Wenn sie ein kaltes Herz in deinen Busen, Ein Glück zerstörendes, zu pflanzen dachte?

Sekretär. An meiner Neigung Wärme zweifelst du?

Hofmeisterin. Ich würde mich vernichten, wenn ich's könnte. Doch ach! Warum, und mit verhasstem Plan, Aufs Neue mich bestürmen? Schwurst du nicht, In ew'ge Nacht das Schrecknis zu begraben?

Sekretär. Ach leider drängt sich's mächtiger hervor. Den jungen Fürsten zwingt man zum Entschluss. Erst blieb Eugenie so manches Jahr Ein unbedeutend unbekanntes Kind. Du hast sie selbst von ihren ersten Tagen In diesen alten Sälen auferzogen, Von wenigen besucht und heimlich nur. Doch wie verheimlichte sich Vaterliebe! Der Herzog, stolz auf seiner Tochter Wert, Lässt nach und nach sie öffentlich erscheinen; Sie zeigt sich reitend, fahrend. Jeder fragt Und jeder weiß zuletzt, woher sie sei. Nun ist die Mutter tot. Der stolzen Frau War dieses Kind ein Gräuel, das ihr nur Der Neigung Schwäche vorzuwerfen schien. Nie hat sie's anerkannt und kaum gesehn. Durch ihren Tod fühlt sich der Herzog frei, Entwirft geheime Pläne, nähert sich Dem Hofe wieder und entsagt zuletzt Dem alten Groll, versöhnt sich mit dem König Und macht sich's zur Bedingung, dieses Kind Als Fürstin seines Stamms erklärt zu sehn.

Hofmeisterin. Und gönnt ihr dieser köstlichen Natur Vom Fürstenblute nicht das Glück des Rechts?

Sekretär. Geliebte, Teure! Sprichst du doch so leicht, Durch diese Mauern von der Welt geschieden, In klösterlichem sinne von dem Wert Der Erdengüter. Blicke nur hinaus! Dort wägt man besser solchen edlen Schatz. Der Vater neidet ihn dem Sohn, der Sohn Berechnet seines Vaters Jahre, Brüder Entzweit ein ungewisses Recht auf Tod Und Leben. Selbst der Geistliche vergisst, Wohin er streben soll, und strebt nach Gold. Verdächte man's dem Prinzen, der sich stets Als einz'gen Sohn gefühlt, wenn er sich nun Die Schwester nicht gefallen lassen will, Die, eingedrungen, ihm das Erbteil schmälert? Man stelle sich an seinen Platz und richte.

Hofmeisterin. Und ist er nicht schon jetzt ein reicher Fürst? Und wird er's nicht durch seines Vaters Tod Zum Übermaß? Wie wär' ein Teil der Güter So köstlich angelegt, wenn er dafür Die holde Schwester zu gewinnen wüsste!

Sekretär. Willkürlich handeln ist des Reichen Glück! Er widerspricht der Fordrung der Natur, Der Stimme des Gesetzes, der Vernunft, Und spendet an den Zufall seine Gaben. Genug besitzen hieße darben. Alles Bedürfte man! Unendlicher Verschwendung Sind ungemessne Güter wünschenswert. Hier denke nicht zu raten, nicht zu mildern; Kannst du mit uns nicht wirken, gib uns auf!

Hofmeisterin. Und was denn wirken? Lange droht ihr schon Von fern dem Glück des liebenswürd'gen Kindes. Was habt ihr denn in eurem furchtbarn Rat Beschlossen über sie? Verlangt ihr etwa, Dass ich mich blind zu eurer Tat geselle?

Sekretär. Mitnichten! Hören kannst und sollst du gleich, Was zu beginnen, was von dir zu fordern Wir selbst genötigt sind. Eugenien Sollst du entführen! Sie muss dergestalt Auf einmal aus der Welt verschwinden, dass Wir sie getrost als tot beweinen können; Verborgen muss ihr künftiges Geschick, Wie das Geschick der Toten, ewig bleiben.

Hofmeisterin. Lebendig weiht ihr sie dem Grabe, mich Bestimmt ihr tückisch zur Begleiterin. Mich stoßt ihr mit hinab. Ich soll mit ihr, Mit der Verratnen die Verräterin, Der Toten Schicksal vor dem Tode teilen.

Sekretär. Du führst sie hin und kehrest gleich zurück.

Hofmeisterin. Soll sie im Kloster ihre Tage schließen?

Sekretär. Im Kloster nicht; wir mögen solch ein Pfand Der Geistlichkeit nicht anvertrauen, die Es leicht als Werkzeug gegen uns gebrauchte.

Hofmeisterin. So soll sie nach den Inseln? Sprich es aus.

Sekretär. Du wirst's vernehmen! Jetzt beruh'ge dich.

Hofmeisterin. Wie kann ich ruhen bei Gefahr und Not, Die meinen Liebling, die mich selbst bedräut?

Sekretär. Dein Liebling kann auch drüben glücklich sein, Und dich erwarten hier Genuss und Wonne.

Hofmeisterin. O schmeichelt euch mit solcher Hoffnung nicht. Was hilft's, in mich zu stürmen? Zum Verbrechen Mich anzulocken, mich zu drängen? Sie, Das hohe Kind, wird euren Plan vereiteln. Gedenkt nur nicht, sie als geduld'ges Opfer Gefahrlos wegzuschleppen. Dieser Geist, Der mutvoll sie beseelt, ererbte Kraft Begleiten sie, wohin sie geht, zerreißen Das falsche Netz, womit ihr sie umgabt.

Sekretär. Sie festzuhalten, das gelinge dir! Willst du mich überreden, dass ein Kind, Bisher im sanften Arm des Glücks gewiegt, Im unverhofften Fall Besonnenheit Und Kraft, Geschick und Klugheit zeigen werde? Gebildet ist ihr Geist, doch nicht zur Tat, Und wenn sie richtig fühlt und weise spricht, So fehlt noch viel, dass sie gemessen handle. Des Unerfahrnen hoher, freier Mut Verliert sich leicht in Feigheit und Verzweiflung, Wenn sich die Not ihm gegenüberstellt. Was wir gesonnen, führe du es aus! Klein wird das Übel werden, groß das Glück.

Hofmeisterin. So gebt mir Zeit, zu prüfen und zu wählen!

Sekretär. Der Augenblick des Handelns drängt uns schon. Der Herzog scheint gewiss, dass ihm der König Am nächsten Fest die hohe Gunst gewähren Und seine Tochter anerkennen wolle; Denn Kleider und Juwelen stehn bereit, Im prächt'gen Kasten sämtlich eingeschlossen, Wozu er selbst die Schlüssel wohl verwahrt Und ein Geheimnis zu verwahren glaubt; Wir aber wissen's wohl und sind gerüstet; Geschehen muss nun schnell das Überlegte. Heut Abend hörst du mehr. Nun lebe wohl!

Hofmeisterin. Auf düstern Wegen wirkt ihr tückisch fort Und wähnet, euren Vorteil klar zu sehen. Habt ihr denn jeder Ahnung euch verschlossen, Dass über Schuld und Unschuld, Licht verbreitend, Ein rettend, rächend Wesen göttlich schwebt?

Sekretär. Wer wagt, ein Herrschendes zu leugnen, das Sich vorbehält, den Ausgang unsrer Taten Nach seinem einz'gen Willen zu bestimmen? Doch wer hat sich zu seinem hohen Rat Gesellen dürfen? Wer Gesetz und Regel, Wonach es ordnend spricht, erkennen mögen? Verstand empfingen wir, uns mündig selbst Im ird'schen Element zurecht zu finden, Und was uns nützt, ist unser höchstes Recht.

Hofmeisterin. Und so verleugnet ihr das Göttlichste, Wenn euch des Herzens Winke nichts bedeuten. Mich ruft es auf, die schreckliche Gefahr Vom holden Zögling kräftig abzuwenden, Mich gegen dich und gegen Macht und List Beherzt zu waffnen. Kein Versprechen soll, Kein Drohn mich von der Stelle drängen. Hier, Zu ihrem Heil gewidmet, steh' ich fest.

Sekretär. O meine Gute! Dies ihr Heil vermagst Du ganz allein zu schaffen, die Gefahr Von ihr zu wenden, magst du ganz allein, Und zwar, indem du uns gehorchst. Ergreife Sie schnell, die holde Tochter, führe sie, So weit du kannst, hinweg, verbirg sie fern Von aller Menschen Anblick, denn--du schauderst, Du fühlst, was ich zu sagen habe. Sei's, Weil du mich drängest, endlich auch gesagt: Sie zu entfernen ist das Mildeste. Willst du zu diesem Plan nicht tätig wirken, Denkst du, dich ihm geheim zu widersetzen, Und wagtest du, was ich dir anvertraut, Aus guter Ansicht irgend zu verraten, So liegt sie tot in deinen Armen! Was Ich selbst beweinen werde, muss geschehn.

Zweiter Auftritt Hofmeisterin.

Die kühne Drohung überrascht mich nicht! Schon lange seh' ich dieses Feuer glimmen, Nun schlägt es blad in lichte Flammen aus. Um dich zu retten, muss ich, liebes Kind, Dich deinem holden Morgentraum entreißen. Nur eine Hoffnung lindert meinen Schmerz; Allein sie schwindet, wie ich sie ergreife. Eugenie! Wenn du entsagen könntest Dem hohen Glück, das unermesslich scheint, An dessen Schwelle dir Gefahr und Tod, Verbannung als ein Milderes begegnet. O dürft' ich dich erleuchten! Dürft' ich dir Verborgne Winkel öffnen, wo die Schar Verschworener Verfolger tückisch lauscht! Ach schweigen soll ich! Leise kann ich nur Dich ahnungsvoll ermahnen; wirst du wohl Im Taumel deiner Freude mich verstehen?

Dritter Auftritt Eugenie. Hofmeisterin.

Eugenie. Sei mir gegrüßt! Du Freundin meines Herzens, An Mutter Statt Geliebte, sei gegrüßt!

Hofmeisterin. Mit Wonne drück' ich dich an dieses Herz, Geliebtes Kind, und freue mich der Freude, Die reich aus Lebensfülle dir entquillt. Wie heiter glänzt dein Auge! Welch Entzücken Umschwebet Mund und Wange! Welches Glück Drängt aus bewegtem Busen sich hervor!

Eugenie. Ein großes Unheil hatte mich ergriffen, Vom Felsen stürzte Ross und Reiterin.

Hofmeistern. O Gott!

Eugenie. Sei ruhig! Siehst du doch mich wieder, Gesund und hoch beglückt, nach diesem Fall.

Hofmeisterin. Und wie?

Eugenie. Du sollst es hören, wie so schön Aus diesem Übel sich das Glück entwickelt.

Hofmeisterin. Ach! Aus dem Glück entwickelt oft sich Schmerz.

Eugenie. Sprich böser Vorbedeutung Wort nicht aus! Und schrecke mich der Sorge nicht entgegen.

Hofmeisterin. O möchtest du mir alles gleich vertrauen!

Eugenie. Von allen Menschen dir zuerst. Nur jetzt, Geliebte, lass mich mir. Ich muss allein Ins eigene Gefühl mich finden lernen. Du weißt, wie hoch mein Vater sich erfreut, Wenn unerwartet ihm ein klein Gedicht Entgegenkommt, wie mir's der Muse Gunst Bei manchem Anlass willig schenken mag. Verlass mich! Eben schwebt mir's heiter vor, Ich muss es haschen, sonst entschwindet's mir.

Hofmeisterin. Wann soll wie sonst vertrauter Stunden Reihe Mit reichlichen Gesprächen uns erquicken? Wann öffnen wir, zufriednen Mädchen gleich, Die ihren Schmuck einander wiederholt Zu zeigen kaum ermüden, unsres Herzens Geheimste Fächer, uns bequem und herzlich Des wechselseit'gen Reichtums zu erfreuen?

Eugenie. Auch jene Stunden werden wieder kehren, Von deren stillem Glück man mit Vertrauen, Sich des Vertrauns erinnernd, gerne spricht. Doch heute lass in voller Einsamkeit Mich das Bedürfnis jener Tage finden.

Vierter Auftritt Eugenie, nachher Hofmeisterin außen.

Eugenie (eine Brieftasche hervorziehend). Und nun geschwind zum Pergament, zum Griffel! Ich hab' es ganz und eilig fass' ich's auf, Was ich dem Könige zu jener Feier, Bei der ich, neu geboren durch sein Wort, Ins Leben trete, herzlich widmen soll.

(Sie rezitiert langsam und schreibt.)

Welch Wonneleben wird hier ausgespendet! Willst du, o Herr der obern Regionen, Des Neulings Unvermögen nicht verschonen? Ich sinke hin, von Majestät geblendet. Doch bald getrost zu dir hinauf gewendet Erfreut's mich, an dem Fuß der festen Thronen, Ein Sprössling deines Stamms, beglückt zu wohnen, Und all mein frühes Hoffen ist vollendet. So fließe denn der holde Born der Gnaden! Hier will die treue Brust so gern verweilen Und an der Liebe Majestät sich fassen. Mein Ganzes hängt an einem zarten Faden, Mir ist, als müsst' ich unaufhaltsam eilen, Das Leben, das du gabst, für dich zu lassen.

(Das Geschriebene mit Gefälligkeit betrachtend.)

So hast du lange nicht, bewegtes Herz, Dich in gemessnen Worten ausgesprochen! Wie glücklich, den Gefühlen unsrer Brust Für ew'ge Zeit den Stempel aufzudrücken! Doch ist es wohl genug? Hier quillt es fort, Hier quillt es auf!--Du nahest, großer Tag, Der uns den König gab und der nun mich Dem Könige, dem Vater, mich mir selbst Zu ungemessner Wonne geben soll. Dies hohe Fest verherrliche meine Lied! Beflügelt drängt sich Phantasie voraus, Sie trägt mich vor den Thron und stellt mich vor, Sie gibt im Kreise mir--

Hofmeisterin (außen). Eugenie!

Eugenie. Was soll das?

Hofmeisterin. Höre mich und öffne gleich!

Eugenie. Verhasste Störung! Öffnen kann ich nicht.

Hofmeisterin. Vom Vater Botschaft!

Eugenie. Wie? Vom Vater? Gleich! Da muss ich öffnen.

Hofmeisterin. Große Gaben scheint Er dir zu schicken.

Eugenie. Warte!

Hofmeisterin. Hörst du?

Eugenie. Warte! Doch wo verberg' ich dieses Blatt? Zu klar Spricht's jene Hoffnung aus, die mich beglückt. Hier ist nichts zum Verschließen! Und bei mir Ist's nirgend sicher, diese Tasche kaum; Denn meine Leute sind nicht alle treu. Gar manches hat man schon mir, als ich schlief, Durchblättert und entwendet. Das Geheimnis, Das größte, das ich je gehegt, wohin, Wohin verberg' ich's?

(Indem sie sich der Seitenwand nähert.)

Wohl! Hier war es ja, Wo du, geheimer Wandschrank, meiner Kindheit Unschuldige Geheimnisse verbargst! Du, den mir kindisch allausspähende, Von Neugier und von Müßiggang erzeugte, Rastlose Tätigkeit entdecken half, Du, jedem ein Geheimnis, öffne dich!

(Sie drückt an einer unbemerkbaren Feder, und eine kleine Türe springt auf.)

So wie ich sonst verbotnes Zuckerwerk Zu listigem Genuss in dir versteckte, Vertrau' ich heute meines Lebens Glück Entzückt und sorglich dir auf kurze Zeit.

(Sie legt das Pergament in den Schrank und drückt ihn zu.)

Die Tage schreiten vor, und ahnungsvoller Bewegen sich nun Freud' und Schmerz heran.

(Sie öffnet die Türe.)

Fünfter Auftritt Eugenie. Hofmeisterin. Bediente, die einen prächtigen Putzkasten tragen.

Hofmeisterin. Wenn ich dich störte, führ' ich gleich mit mir, Was mich gewiss entschuld'gen soll, herbei.

Eugenie. Von meinem Vater? Dieser prächt'ge Schrein! Auf welchen Inhalt deutet solch Gefäß?

(Zu den Bedienten.)

Verweilt!

(Sie reicht ihnen einen Beutel hin.)

Zum Vorschmack eures Botenlohns Nehmt diese Kleinigkeit! Das Bessre folgt.

(Bediente gehen.)

Und ohne Brief und ohne Schlüssel! Steht Mir solch ein Schatz verborgen, in der Nähe? O Neugier! O Verlangen! Ahnest du, Was diese Gabe mir bedeuten kann?

Hofmeisterin. Ich zweifle nicht, du hast es selbst erraten. Auf nächste Hoheit deutet sie gewiss. Den Schmuck der Fürstentochter bringt man dir, Weil dich der König bald berufen wird.

Eugenie. Wie kannst du das vermuten?

Hofmeisterin. Weiß ich's doch! Geheimnisse der Großen sind belauscht.

Eugenie. Und wenn du's weißt, was soll ich dir's verbergen? Soll ich die Neugier, dies Geschenk zu sehn, Vor dir umsonst bezähmen!--Hab' ich doch Den Schlüssel hier!--Der Vater zwar verbot's. Doch was verbot er? Das Geheimnis nicht Unzeitig zu entdecken; doch dir ist Es schon entdeckt. Du kannst nicht mehr erfahren, Als du schon weißt, und schweigst nun, mir zuliebe. Was zaudern wir? Komm, lass uns öffnen! Komm, Dass uns der Gaben hoher Glanz entzücke.

Hofmeisterin. Halt ein! Gedenke des Verbots! Wer weiß, Warum der Herzog weislich so befohlen?

Eugenie. Mit Sinn befahl er, zum bestimmten Zweck; Der ist vereitelt; alles weißt du schon. Du liebst mich, bist verschwiegen, zuverlässig. Lass uns das Zimmer schließen! Das Geheime Lass uns sogleich vertraulich untersuchen.

(Sie schließt die Zimmertüre und eilt gegen den Schrank.)

Hofmeisterin (sie abhaltend). Der prächt'gen Stoffe Gold und Farbenglanz, Der Perlen Milde, der Juwelen Strahl Bleib' im Verborgnen! Ach, sie reizen dich Zu jenem Ziel unwiderstehlich auf.

Eugenie. Was sie bedeuten, ist das Reizende.