Chapter 1
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Die natürliche Tochter
Trauerspiel
Johann Wolfgang von Goethe
Personen
König. Herzog. Graf. Eugenie. Hofmeisterin. Sekretär. Weltgeistlicher. Gerichtsrat. Gouverneur. Äbtissin. Mönch.
Erster Aufzug (Dichter Wald.)
Erster Auftritt König. Herzog.
König. Das flücht'ge Ziel, das Hunde, Ross und Mann, Auf seine Fährte bannend, nach sich reißt, Der edle Hirsch, hat über Berg und Tal So weit uns irr' geführt, dass ich mich selbst, Obgleich so landeskundig, hier nicht finde. Wo sind wir, Oheim? Herzog, sage mir, Zu welchen Hügeln schweiften wir heran?
Herzog. Der Bach, der uns umrauscht, mein König, fließt Durch deines Dieners Fluren, die er deiner Und einer Ahnherrn königlicher Gnade, Als erster Lehnsmann deines Reiches, dankt. An jenes Felsens andrer Seite liegt Am grünen Hang ein artig Haus versteckt, Dich zu bewirten keineswegs gebaut; Allein bereit, dich huld'gend zu empfangen.
König. Lass dieser Bäume hochgewölbtes Dach Zum Augenblick des Rastens freundlich schatten. Lass dieser Lüfte liebliches Geweb' Uns leis umstricken, dass an Sturm und Streben Der Jagdlust auch der Ruhe Zeit sich füge.
Herzog. Wie du auf einmal völlig abgeschieden Hier hinter diesem Bollwerk der Natur, Mein König, dich empfindest, fühl' ich mit. Hier dränget sich der Unzufriednen Stimme, Der Unverschämten offne Hand nicht nach. Freiwillig einsam merkest du nicht auf, Ob Undankbare schleichend sich entfernen. Die ungestüme Welt reicht nicht hierher, Die immer fordert, nimmer leisten will.
König. Soll ich vergessen, was mich sonst bedrängt, So muss kein Wort erinnernd mich berühren. Entfernten Weltgetöses Widerhall Verklinge nach und nach aus meinem Ohr. Ja, lieber Oheim, wende dein Gespräch Auf Gegenstände diesem Ort gemäßer. Hier sollen Gatten aneinander wandeln, Ihr Stufenglück in wohlgeratnen Kindern Entzückt betrachten; hier ein Freund dem Freunde, Verschlossnen Busen traulich öffnend, nahn. Und gabst du nicht erst neulich stille Winke, Du hofftest mir in ruh'gen Augenblicken Verborgenes Verhältnis zu bekennen, Drangvoller Wünsche holden Inbegriff, Erfüllung hoffend, heiter zu gestehn?
Herzog. Mit größrer Gnade konntest du mich nicht, O Herr, beglücken, als indem du mir In diesem Augenblick die Zunge lösest. Was ich zu sagen habe, könnt' es wohl Ein andrer besser hören als mein König, Dem unter allen Schätzen seine Kinder Am herrlichsten entgegenleuchten, der Vollkommner Vaterfreuden Hochgenuss Mit seinem Knechte herzlich teilen wird?
König. Du sprichst von Vaterfreuden! Hast du je Sie denn gefühlt? Verkümmerte dir nicht Dein einz'ger Sohn durch rohes, wildes Wesen, Verworrenheit, Verschwendung, starren Trutz Dein reiches Leben, dein erwünschtes Alter? Verändert er auf einmal die Natur?
Herzog. Von ihm erwart' ich keine frohen Tage! Sein trüber Sinn erzeugt nur Wolken, die, Ach, meinen Horizont so oft verfinstern. Ein anderes Gestirn, ein andres Licht Erheitert mich. Und wie in dunklen Grüften, Das Märchen sagt's, Karfunkelsteine leuchten, Mit herrlich mildem Schein der öden Nacht Geheimnisvolle Schauer hold beleben, So ward auch mir ein Wundergut beschert, Mir Glücklichem! Das ich mit Sorgfalt, mehr Als den Besitz ererbt errungner Güter, Als meiner Augen, meines Lebens Licht, Mit Freud' und Furcht, mit Lust und Sorge pflege.
König. Sprich vom Geheimnis nicht geheimnisvoll.
Herzog. Wer spräche vor der Majestät getrost Von seinen Fehlern, wenn sie nicht allein Den Fehl in Recht und Glück verwandeln könnte.
König. Der wonnevoll geheim verwahrte Schatz?
Herzog. Ist eine Tochter.
König. Eine Tochter? Wie? Und suchte, Fabelgöttern gleich, mein Oheim, Zum niedern Kreis verstohlen hingewandt, Sich Liebesglück und väterlich Entzücken?
Herzog. Das Große wie das Niedre nötigt uns, Geheimnisvoll zu handeln und zu wirken. Nur allzu hoch stand jene heimlich mir Durch wundersam Geschick verbundne Frau, Um welche noch dien Hof in Trauer wandelt Und meiner Brust geheime Schmerzen teilt.
König. Die Fürstin? Die verehrte, nah verwandte, Nur erst verstorbne?
Herzog. War die Mutter! Lass, O lass mich nur von diesem Kinde reden, Das, seiner Eltern wert und immer werter, Mit edlem Sinne sich des Lebens freut. Begraben sei das übrige mit ihr, Der hoch begabten, hoch gesinnten Frauen. Ihr Tod eröffnet mir den Mund, ich darf vor meinem König meine Tochter nennen, Ich darf ihn bitten, sie zu mir herauf, Zu sich herauf zu heben, ihr das Recht Der fürstlichen Geburt vor seinem Hofe, Vor seinem Reiche, vor der ganzen Welt Aus seiner Gnadenfülle zu bewähren.
König. Vereint in sich die Nichte, die du mir, So ganz erwachsen, zuzuführen denkst, Des Vaters und der Mutter Tugenden: So muss der Hof, das königliche Haus, Indem uns ein Gestirn entzogen wird, Den Aufgang eines neuen Sterns bewundern.
Herzog. O kenne sie, eh' du zu ihrem Vorteil Dich ganz entscheidest. Lass ein Vaterwort Dich nicht bestechen! Manches hat Natur Für sie getan, das ich entzückt betrachte, Und alles, was in meinem Kreise webt, Hab' ich um ihre Kindheit hergelagert. Schon ihren ersten Weg geleiteten Ein ausgebildet Weib, ein weiser Mann. Mit welcher Leichtigkeit, mit welchem Sinn Erfreut sie sich des Gegenwärtigen, Indes ihr Phantasie das künft'ge Glück Mit schmeichelhaften Dichterfarben malt. An ihrem Vater hängt ihr frommes Herz, Und wenn ihr Geist den Lehren edler Männer, Sich stufenweis entwickelnd, friedlich horcht: So mangelt Übung ritterlicher Tugend Dem wohl gebauten, festen Körper nicht. Du selbst, mein König, hast sie unbekannt Im wilden drang der Jagd um dich gesehn. Ja, heute noch! Die Amazonentochter, Die in den Fluss dem Hirsche sich zuerst Auf raschem Pferde flüchtig nachgestürzt.
König. Wir sorgten alle für das edle Kind! Ich freue mich, sie mir verwandt zu hören.
Herzog. Und nicht zum ersten Mal empfand ich heute, Wie Stolz und Sorge, Vaterglück und Angst Zu übermenschlichem Gefühl sich mischen.
König. Gewaltsam und behände riss das Pferd Sich und die Reiterin auf jenes Ufer, In dicht bewachsner Hügel Dunkelheit. Und so verschwand sie mir.
Herzog. Noch einmal hat Mein Auge sie gesehen, eh' ich sie Im Labyrinth der hast'gen Jagd verlor. Wer weiß, welch ferne Gegend sie durchstreift, Verdrossnen Muts, am Ziel sich nicht zu finden, Wo, ihrem angebeteten Monarchen sich In ehrerbietiger Entfernung anzunähern, Allein ihr jetzt erlaubt ist, bis er sie Als Blüte seines hoch bejahrten Stammes Mit königlicher Huld zu grüßen würdigt.
König. Welch ein Getümmel seh' ich dort entstehn? Welch einen Zulauf nach den Felsenwänden?
(Er winkt nach der Szene.)
Zweiter Auftritt Die Vorigen. Graf.
König. Warum versammelt sich die Menge dort?
Graf. Die kühne Reiterin ist eben jetzt Von jener Felsenwand herabgestürzt.
Herzog. Gott!
König. Ist sie sehr beschädigt?
Graf. Eilig hat Man deinen Wundarzt, Herr, dahin gerufen.
Herzog. Was zaudr' ich? Ist sie tot, so bleibt mir nichts, Was mich im Leben länger halten kann.
Dritter Auftritt König. Graf.
König. Kennst du den Anlass der Begebenheit?
Graf. Vor meinen Augen hat sie sich ereignet. Ein starker Trupp von Reitern, welcher sich Durch Zufall von der Jagd getrennt gesehn, Geführt von dieser Schönen, zeigte sich Auf jener Klippen Wald bewachsner Höhe. Sie hören, sehen unten in dem Tal Den Jagdgebrauch vollendet, sehn den Hirsch Als Beute liegen seiner kläffenden Verfolger. Schnell zerstreuet sich die Schar, Und jeder sucht sich einzeln seinen Pfad, Hier oder dort, mehr oder weniger Durch einen Umweg. Sie allein besinnt Sich keinen Augenblick und nötiget Ihr Pferd von Klipp' zu Klippe grad' herein. Des Frevels Glück betrachten wir erstaunt; Denn ihr gelingt es eine Weile, doch Am untern stielen Abhang gehen dem Pferde Die letzten, schmalen Klippenstufen aus, Es stürzt herunter, sie mit ihm. So viel Konnt' ich bemerken, eh' der Menge Drang Sie mir verdeckte. Doch ich hörte bald Nach deinem Arzte rufen. So erschein' ich nun Auf deinen Wink, den Vorfall zu berichten.
König. O möge sie ihm bleiben! Fürchterlich Ist einer, der nichts zu verlieren hat.
Graf. So hat ihm dieser Schrecken das Geheimnis Auf einmal abgezwungen, das er sonst Mit so viel Klugheit zu verbergen strebte?
König. Er hatte schon sich völlig mir vertraut.
Graf. Die Lippen öffnet ihm der Fürstin Tod, Nun zu bekennen, was für Hof und Stadt Ein offenbar Geheimnis lange war. Es ist ein eigner, grillenhafter Zug, Dass wir durch Schweigen das Geschehene Für uns und andre zu vernichten glauben.
König. O lass dem Menschen diesen edlen Stolz! Gar vieles kann, gar vieles muss geschehn, Was man mit Worten nicht bekennen darf.
Graf. Man bringt sie, fürcht' ich, ohne Leben her!
König. Welch unerwartet schreckliches Ereignis!
Vierter Auftritt Die Vorigen. Eugenie, auf zusammen geflochtenen Ästen für tot herein getragen. Herzog. Wundarzt. Gefolge.
Herzog (zum Wundarzt). Wenn deine Kunst nur irgend was vermag, Erfahrner Mann, dem unsres Königs Leben, Das unschätzbare Gut, vertraut ist, lass Ihr helles Auge sich noch einmal öffnen, Dass Hoffnung mir in diesem Blick erscheine! Dass aus der Tiefe meines Jammers ich Nur Augenblicke noch gerettet werde! Vermagst du dann nichts weiter, kannst du sie Nur wenige Minuten mir erhalten: So lasst mich eilen, vor ihr hinzusterben, Dass ich im Augenblick des Todes noch Getröstet rufe: Meine Tochter lebt!
König. Entferne dich, mein Oheim! Dass ich hier Die Vaterpflichten treulich übernehme. Nichts unversucht lässt dieser wackre Mann. Gewissenhaft, als läg' ich selber hier, Wird er um deine Tochter sich bemühen.
Herzog. Sie regt sich!
König. Ist es wahr?
Graf. Sie regt sich!
Herzog. Starr Blickt sie zum Himmel, blickt verirrt umher. Sie lebt! Sie lebt!
König (ein wenig zurücktretend). Verdoppelt eure Sorge!
Herzog. Sie lebt! Sie lebt! Sie hat dem Tage wieder Ihr Aug' eröffnet. Ja! Sie wird nun bald Auch ihren Vater, ihre Freunde kennen. Nicht so umher, mein liebes Kind, verschwende Die Blicke staunend, ungewiss; auf mich, Auf deinen Vater wende sie zuerst. Erkenne mich, lass meine Stimme dir Zuerst das Ohr berühren, da du uns Aus jener stummen Nacht zurückekehrst.
Eugenie (die indes nach und nach zu sich gekommen ist und sich aufgerichtet hat). Was ist aus uns geworden?
Herzog. Kenne mich Nur erst!--Erkennst du mich?
Eugenie. Mein Vater!
Herzog. Ja! Dein Vater, den mit diesen holden Tönen Du aus den Armen der Verzweiflung rettest.
Eugenie. Wer bracht' uns unter diese Bäume?
Herzog (dem der Wundarzt ein weißes Tuch gegeben). Bleib Gelassen, meine Tochter! Diese Stärkung, Nimm sie mit Ruhe, mit Vertrauen an!
Eugenie (Sie nimmt dem Vater das Tuch ab, das er ihr vorgehalten, und verbirgt ihr Gesicht darin. Dann steht sie schnell auf, indem sie das Tuch vom Gesicht nimmt). Da bin ich wieder!--Ja, nun weiß ich alles. Dort oben hielt ich, dort vermaß ich mich Herab zu reiten, grad' herab. Verzeih! Nicht wahr, ich bin gestürzt? Vergibst du mir's? Für tot hob man mich auf? Mein guter Vater! Und wirst du die Verwegne lieben können, Die solche bittre Schmerzen dir gebracht?
Herzog. Zu wissen glaubt' ich, welch ein edler Schatz In dir, o Tochter, mir beschieden ist; Nun steigert mir gefürchteter Verlust Des Glücks Empfindung ins Unendliche.
König (der sich bisher im Grunde mit dem Wundarzt und dem Grafen unterhalten, zu dem letzten). Entferne jedermann! Ich will sie sprechen.
Fünfter Auftritt König. Herzog. Eugenie.
König (näher tretend). Hat sich die wackre Reiterin erholt? Hast sie sich nicht beschädigt?
Herzog. Nein, mein König! Und was noch übrig ist von Schreck und Weh, Nimmst du, o Herr, durch deinen milden Blick, Durch deiner Worte sanften Ton hinweg.
König. Und wem gehört es an, das liebe Kind?
Herzog (nach einer Pause). Da du mich fragst, so darf ich dir bekennen; Da du gebietest, darf ich sie vor dich Als meine Tochter stellen.
König. Deine Tochter? So hat für dich das Glück, mein lieber Oheim, Unendlich mehr als das Gesetz getan.
Eugenie. Wohl muss ich fragen, ob ich wirklich denn Aus jener tödlichen Betäubung mich Ins Leben wieder aufgerafft? Und ob, Was mir begegnet, nicht ein Traumbild sei? Mein Vater nennt vor seinem Könige Mich seine Tochter. O, so bin ich's auch! Der Oheim eines Königes bekennt Mich für sein Kind, so bin ich denn die Nichte Des großen Königs. O verzeihe mir Die Majestät! Wenn aus geheimnisvollem, Verborgnem Zustand ich, ans Licht auf einmal Hervor gerissen und geblendet, mich, Unsicher, schwankend, nicht zu fassen weiß.
(Sie wirft sich vor dem König nieder.)
König. Mag diese Stellung die Ergebenheit In dein Geschick von Jugend auf bezeichnen, Die Demut, deren unbequeme Pflicht Du, deiner höheren Geburt bewusst, So manches Jahr im Stillen ausgeübt! Doch sei auch nun, wenn ich von meinen Füßen Zu meinem Herzen dich herauf gehoben,
(Er hebt sie auf und drückt sie sanft an sich.)
Wenn ich des Oheims heil'gen Vaterkuss Auf dieser Stirne schönen Raum gedrückt, So sei dies auch ein Zeichen, sei ein Siegel, Dich, die Verwandte, hab' ich anerkannt Und werde bald, was hier geheim geschah, Vor meines Hofes Augen wiederholen.
Herzog. So große Gabe fordert ungeteilten Und unbegrenzten Dank des ganzen Lebens.
Eugenie. Von edlen Männern hab' ich viel gelernt, Auch manches lehrte mich mein eigen Herz; Doch meinen König anzureden, bin Ich nicht entfernterweise vorbereitet. Doch wenn ich schon das ganz Gehörige Dir nicht zu sagen weiß, so möcht' ich doch Vor dir, o Herr, nicht ungeschickt verstummen. Was fehlte dir? Was wäre dir zu bringen? Die Fülle selber, die zu dir sich drängt, Fließt nur für andere strömend wieder fort. Hier stehen Tausende, dich zu beschützen, Hier wirken Tausende nach deinem Wink; Und wenn der einzelne dir Herz und Geist Und Arm und Leben fröhlich opfern wollte; In solcher großen Menge zählt er nicht, Er muss vor dir und vor sich selbst verschwinden.
König. Wenn dir die Menge, gutes, edles Kind, Bedeutend scheinen mag, so tadl' ich's nicht; Sie ist bedeutend, mehr noch aber sind's Die wenigen, geschaffen, dieser Menge Durch Wirken, Bilden, Herrschen vorzustehn. Berief hierzu den König die Geburt, So sind ihm seine nächsten Anverwandten Geborne Räte, die, mit ihm vereint, Das Reich beschützen und beglücken sollten. O träte doch in diese Regionen, Zum Rate dieser hohen Wächter nie Vermummte Zwietracht, leise wirkend, ein! Dir, edle Nichte, geb' ich einen Vater Durch allgewalt'gen königlichen Spruch; Erhalte mir nun auch, gewinne mir Des nah verwandten Mannes Herz und Stimme! Gar viele Widersacher hat ein Fürst, O lass ihn jene Seite nicht verstärken!
Herzog. Mit welchem Vorwurf kränkest du mein Herz!
Eugenie. Wie unverständlich sind mir diese Worte!
König. O lerne sie nicht allzu früh verstehn! Dir Pforten unsres königlichen Hauses Eröffn' ich dir mit eigner Hand; ich führe Auf glatten Marmorboden dich hinein. Noch staunst du dich, noch staunst du alles an, Und in den innern Tiefen ahnest du Nur sichre Würde mit Zufriedenheit. Du wirst es anders finden! Ja, du bist In eine Zeit gekommen, wo dein König Dich nicht zum heitren, frohen Feste ruft, Wenn er den Tag, der ihm das Leben gab, In kurzem feiern wird; doch soll der Tag Um deinetwillen mir willkommen sein; Dort werd' ich dich im offnen Kreise sehn, Und aller Augen werden auf dir haften. Die schönste Zierde gab dir die Natur; Und dass der Schmuck der Fürstin würdig sei, Die Sorge lass dem Vater, lass dem König.
Eugenie. Der freud'gen Überraschung lauter Schrei, Bedeutender Gebärde dringend Streben, Vermöchten sie die Wonne zu bezeugen, Die du dem Herzen schaffend aufgeregt? Zu deinen Füßen, Herr, lass mich verstummen.
(Sie will knien.)
König (hält sie ab). Du sollst nicht knien.
Eugenie. Lass, o lass mich hier Der völligsten Ergebung Glück genießen. Wenn wir in raschen, mutigen Momenten Auf unsern Füßen stehen, strack und kühn, Als eigner Stütze froh uns selbst vertraun, Dann scheint uns Welt und Himmel zu gehören. Doch was in Augenblicken der Entzückung Die Knie beugt, ist auch ein süß Gefühl. Und was wir unserm Vater, König, Gott Von Wonnedank, von ungemessner Liebe Zum reinsten Opfer bringen möchten, drückt In dieser Stellung sich am besten aus.
(Sie fällt vor ihm nieder.)
Herzog (kniet). Erneute Huldigung gestatte mir.
Eugenie. Zu ewigen Vasallen nimm uns an.
König. Erhebt euch denn und stellt euch neben mich, Ins Chor der Treuen, die an meiner Seite Das Rechte, das Beständige beschützen. O diese Zeit hat fürchterliche Zeichen: Das Niedre schwillt, das Hohe senkt sich nieder, Als könnte jeder nur am Platz des andern Befriedigung verworrner Wünsche finden, Nur dann sich glücklich fühlen, wenn nichts mehr Zu unterscheiden wäre, wenn wir alle, Von einem Strom vermischt dahin gerissen, Im Ozean uns unbemerkt verlören. O lasst uns widerstehen, lasst uns tapfer, Was uns und unser Volk erhalten kann, Mit doppelt neu vereinter Kraft erhalten! Lasst endlich uns den alten Zwist vergessen, Der Große gegen Große reizt, von innen Das Schiff durchbohrt, das, gegen äußre Wellen Geschlossen kämpfend, nur sich halten kann.
Eugenie. Welch frisch wohltät'ger Glanz umleuchtet mich Und regt mich auf, anstatt mich zu verblenden! Wie! Unser König achtet uns so sehr, Um zu gestehen, dass er uns bedarf; Wir sind ihm nicht Verwandte nur, wir sind Durch sein Vertraun zum höchsten Platz erhoben. Und wenn die Edlen seines Königreichs Um ihn sich drängen, seine Brust zu schützen, So fordert er uns auf zu größerem Dienst. Die Herzen dem Regenten zu erhalten, Ist jedes Wohlgesinnten höchste Pflicht; Denn, wo er wankt, wankt das gemeine Wesen, Und wenn er fällt, mit ihm stürzt alles hin. Die Jugend, sagt man, bilde sich zu viel Auf ihre Kraft, auf ihren Willen ein; Doch dieser Wille, diese Kraft, auf ewig, Was sie vermögen, dir gehört es an.
Herzog. Des Kindes Zuversicht, erhabner Fürst, Weißt du zu schätzen, weißt du zu verzeihen. Und wenn der Vater, der erfahrne Mann, Die Gabe dieses Tags, die nächste Hoffnung In ihrem ganzen Werte fühlt und wägt, So bist du seines vollen Danks gewiss.
König. Wir wollen bald einander wieder sehn, An jenem Fest, wo sich die treuen Meinen Der Stunde freun, die mir das Licht gegeben. Dich geb' ich, edles Kind, an diesem Tage Der großen Welt, dem Hofe, deinem Vater Und mir. Am Throne glänze dein Geschick. Doch bis dahin verlang' ich von euch beiden Verschwiegenheit. Was unter uns geschehn, Erfahre niemand. Missgunst lauert auf, Schnell regt sie Wog' auf Woge, Sturm auf Sturm; Das Fahrzeug treibt an jähe Klippen hin, Wo selbst der Steurer nicht zu retten weiß. Geheimnis nur verbürget unsre Taten; Ein Vorsatz, mitgeteilt, ist nicht mehr dein; Der Zufall spielt mit deinem Willen schon; Selbst wer gebieten kann, muss überraschen. Ja, mit dem besten Willen leisten wir So wenig, weil uns tausend Willen kreuzen. O wäre mir zu meinen reinen Wünschen Auch volle Kraft auf kurze Zeit gegeben; Bis an den letzten Herd im Königreich Empfände man des Vaters warme Sorge. Begnügte sollten unter niedrem Dach, Begnügte sollten im Palaste wohnen. Und hätt' ich einmal ihres Glücks genossen, Entsagt' ich gern dem Throne, gern der Welt.
Sechster Auftritt Herzog. Eugenie.
Eugenie. O welch ein selig jubelvoller Tag!
Herzog. O möcht' ich Tag' auf Tage so erleben!
Eugenie. Wie göttlich hat der König uns beglückt.
Herzog. Genieße rein so ungehoffte Gaben.
Eugenie. Er scheint nicht glücklich, ach! Und ist so gut.
Herzog. Die Güte selbst erregt oft Widerstand.
Eugenie. Wer ist so hart, sich ihm zu widersetzen?
Herzog. Der Heil des Ganzen von der Strenge hofft.
Eugenie. Des Königs Milde sollte Milde zeugen.
Herzog. Des Königs Milde zeugt Verwegenheit.
Eugenie. Wie edel hat ihn die Natur gebildet.
Herzog. Doch auf zu hohen Platz hinaufgestellt.
Eugenie. Und ihn mit so viel Tugend ausgestattet.
Herzog. Zur Häuslichkeit, zum Regimente nicht.
Eugenie. Von altem Heldenstamme grünt er auf.
Herzog. Die Kraft entgeht vielleicht dem späten Zweige.
Eugenie. Die Schwäche zu vertreten, sind wir da.
Herzog. Sobald er unsre Stärke nicht verkennt.
Eugenie (nachdenklich). Mich leiten seine Reden zum Verdacht.
Herzog. Was sinnest du? Enthülle mir dein Herz.
Eugenie (nach einer Pause). Auch du bist unter denen, die er fürchtet.
Herzog. Er fürchte jene, die zu fürchten sind.
Eugenie. Und sollten ihm geheime Feinde drohen?
Herzog. Wer die Gefahr verheimlicht, ist ein Feind. Wo sind wir hingeraten! Meine Tochter! Wie hat der sonderbarste Zufall uns Auf einmal weggerissen nach dem Ziel. Unvorbereitet red' ich, übereilt Verwirr' ich dich, anstatt dich aufzuklären. So musste dir der Jugend heitres Glück Beim ersten Eintritt in die Welt verschwinden. Du konntest nicht in süßer Trunkenheit Der blendenden Befriedigung genießen. Das Ziel erreichst du; doch des falschen Kranzes Verborgne Dornen ritzen deine Hand. Geliebtes Kind! So sollt' es nicht geschehn! Erst nach und nach, so hofft' ich, würdest du Dich aus Beschränkung an die Welt gewöhnen, Erst nach und nach den liebsten Hoffnungen Entsagen lernen, manchem holden Wunsch. Und nun auf einmal, wie der jähe Sturz Dir vorbedeutet, bist du in den Kreis Der Sorgen, der Gefahr herabgestürzt. Misstrauen atmet man in dieser Luft, Der Neid verhetzt ein fieberhaftes Blut Und übergibt dem Kummer seine Kranken. Ach, soll ich nun nicht mehr ins Paradies, Das dich umgab, am Abend wieder kehren, Zu deiner Unschuld heil'gen Vorgefühl Mich von der Welt gedrängter Posse retten! Du wirst fortan, mit mir ins Netz verstrickt, Gelähmt, verworren, dich und mich betrauern.
Eugenie. Nicht so, mein Vater! Konnt' ich schon bisher, Untätig, abgesondert, eingeschlossen, Ein kindlich Nichts, die reinste Wonne dir, Schon in des Daseins Unbedeutenheit Erholung, Trost und Lebenslust gewähren: Wie soll die Tochter erst, in dein Geschick Verflochten, im Gewebe deines Lebens Als heitrer bunter Faden künftig glänzen! Ich nehme teil an jeder edlen Tat, An jeder großen Handlung, die den Vater Dem König und dem Reiche werter macht. Mein frischer Sinn, die jugendliche Lust, Die mich belebt, sie teilen dir sich mit, Verscheuchen jene Träume, die der Welt Unüberwindlich ungeheure Last Auf eine Menschenbrust zerknirschend wälzen. Wenn ich dir sonst in trüben Augenblicken Ohnmächt'gen guten Willen, arme Liebe, Dir leere Tändeleien kindlich bot; Nun hoff' ich, eingeweiht in deine Pläne, Bekannt mit deinen Wünschen, mir das Recht Vollbürt'ger Kindschaft rühmlich zu erwerben.
Herzog. Was du bei diesem wicht'gen Schritt verlierst, Erscheint dir ohne Wert und ohne Würde; Was du erwartest, schätzest du zu sehr.
Eugenie. Mit hoch erhabnen, hoch beglückten Männern Gewalt'ges Ansehn, würd'gen Einfluss teilen, Für edle Seelen reizender Gewinn!
Herzog. Gewiss! Vergib, wenn du in dieser Stunde Mich schwächer findest, als dem Manne ziemt. Wir tauschten sonderbar die Pflichten um: Ich soll dich leiten, und du leitest mich.
Eugenie. Wohl denn, mein Vater, tritt mit mir herauf In diese Regionen, wo mir eben Die neue, heitre Sonne sich erhebt! In diesen muntren Stunden lächle nur, Wenn ich den Inbegriff von meinen Sorgen Dir auch eröffne.
Herzog. Sage, was es ist.