Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen

Part 7

Chapter 73,731 wordsPublic domain

Dies kleine Bild, im Rahmen des in der Mittagsstille friedlich daliegenden Bauernhofes, verfehlte nicht seinen Eindruck auf Kantis empfängliches Herz. Unter dem zarten Laub des Jujubenstrauches huschten die Lichtkringelchen hin und her und spielten auf dem Schoße des Mädchens. Nicht weit davon lag eine Kuh behaglich wiederkäuend und wehrte mit trägen Bewegungen ihres Kopfes und Schwanzes die Fliegen ab. Der Nordwind flüsterte leise im nahen Bambusdickicht. Und sie, die ihm in der Morgenfrühe am Flußufer wie die Waldkönigin erschienen war, erschien ihm jetzt im Schweigen des Mittags wie die Gottheit des Hauses, die sich voll Erbarmen über ein leidendes Geschöpf neigte. Kanti, der mit seiner Flinte in ihr Bereich eingedrungen war, überkam ein Gefühl der Schuld. Er fühlte sich wie ein Dieb, der auf frischer Tat ertappt war. Es drängte ihn, ihr zu sagen, daß nicht er es war, der die Taube verletzt hatte. Als er noch so dastand und nicht wußte, wie er beginnen sollte, rief jemand vom Hause her: »Sudha!« Das Mädchen sprang auf. »Sudha!« rief die Stimme noch einmal. Sie nahm ihre Taube und lief hinein. »Sudha!,« dachte Kanti, »welch ein passender Name!«[27]

[27] sudha bedeutet Nektar.

Er kehrte zu seinem Boot zurück, gab seine Flinte einem seiner Leute und ging zu der vorderen Tür des Hauses. Dort fand er einen Brahmanen von mittleren Jahren, mit einem friedlichen, glattrasierten Gesicht, der auf einer Bank vor dem Hause saß und in seinem Erbauungsbuch las. Kanti fand auf seinem gütigen ernsten Antlitz etwas von der Mildherzigkeit wieder, die aus dem des Mädchens leuchtete.

Kanti trat grüßend näher und sagte: »Darf ich um etwas Wasser bitten, Herr? Ich bin sehr durstig.« Der Brahmane hieß ihn mit eifriger Gastfreundlichkeit willkommen, und nachdem er ihn zum Niedersitzen auf die Bank genötigt, ging er hinein und brachte eigenhändig einen kleinen Zinnteller mit Zuckerwaffeln und einem zinnernen Krug mit Wasser.

Nachdem Kanti gegessen und getrunken hatte, bat der Brahmane ihn, ihm seinen Namen zu sagen. Kanti nannte seinen und seines Vaters Namen und seinen Wohnort. »Wenn ich Ihnen irgendwie zu Diensten sein kann, Herr,« fügte er in der üblichen Weise hinzu, »so werde ich mich glücklich schätzen.«

»Sie können mir nicht zu Diensten sein, mein Sohn,« sagte Nabin Banerdschi, »ich habe augenblicklich nur eine einzige Sorge.«

»Und was für eine Sorge ist das?« fragte Kanti.

»Die Sorge um meine Tochter Sudha, die herangewachsen ist« (Kanti lächelte, als er an ihr Kindergesicht dachte) »und für die ich noch keinen würdigen Bräutigam habe finden können. Wenn ich sie nur gut verheiratet hätte, so würde ich der Welt meine Schuld abgetragen haben. Aber hier am Ort ist kein passender Bräutigam für sie, und ich kann den Dienst meines Gottes hier nicht im Stich lassen, um anderswo für sie einen Gatten zu suchen.«

»Wenn Sie mich in meinem Boot aufsuchen möchten, Herr, so könnten wir über die Heirat Ihrer Tochter sprechen.« Mit diesen Worten verabschiedete sich Kanti und kehrte zu seinem Boot zurück. Dann sandte er einige von seinen Leuten ins Dorf, um sich nach der Tochter des Brahmanen zu erkundigen. Die Antwort war ein einstimmiges Lob ihrer Schönheit und Tugenden.

Als am nächsten Tage der alte Mann zu dem Boot kam, um seinen versprochenen Besuch zu machen, begrüßte ihn Kanti mit tiefer Ehrfurcht und bat ihn um die Hand seiner Tochter für sich selbst. Der Brahmane war so überwältigt von diesem ungehofften Glück, -- denn Kanti gehörte nicht nur einer wohlbekannten Brahmanenfamilie an, sondern war auch ein reicher und angesehener Gutsbesitzer --, daß er zuerst kaum ein Wort erwidern konnte. Er dachte, es müsse sich um einen Irrtum handeln. Endlich wiederholte er mechanisch: »Sie selbst wollen meine Tochter heiraten?«

»Wenn Sie mich ihrer für würdig halten«, sagte Kanti.

»Sie meinen Sudha?« fragte der Alte noch einmal.

»Ja«, war die Antwort.

»Aber wollen Sie sie nicht erst sehen und mit ihr sprechen?«

Kanti verschwieg, daß er sie schon gesehen hatte, und sagte: »O, das wird bei der Hochzeit geschehen, im Augenblick der glückverheißenden Schau[28].«

[28] Nach der Verlobung dürfen Braut und Bräutigam sich nicht wiedersehen bis zu dem Teil der Hochzeitsfeierlichkeit, den man als »glückverheißende Schau« bezeichnet.

Mit vor innerer Erregung zitternder Stimme sagte der Alte: »Meine Sudha ist wirklich ein gutes Mädchen, in allen häuslichen Dingen geschickt. Da Sie sie so großmütig auf Treu und Glauben nehmen, so möge sie Ihnen nie einen Augenblick Kummer bereiten. Dies ist mein Segen!«

Man mietete das große Backsteingebäude des Archivars für die Hochzeitsfeierlichkeit, die auf den nächsten Magh[29] festgesetzt wurde, da Kanti nicht gern länger warten wollte. Zur bestimmten Zeit erschien der Bräutigam auf seinem Elefanten mit Trommeln und Musik und einem Fackelzuge, und die Feierlichkeit begann.

[29] Januar-Februar.

Als der Augenblick der glückverheißenden Schau gekommen und der Scharlachschleier über das Brautpaar geworfen war, sah Kanti zu seiner Braut auf. In dem schüchternen, verwirrten Antlitz, das sich unter der Brautkrone neigte und ganz mit Sandelpaste bedeckt war, konnte er kaum das Dorfmädchen, dessen Bild seiner Phantasie vorschwebte, wiedererkennen, und seine Erregung war so groß, daß es sich wie ein Nebel über seine Augen legte.

Als die Hochzeitsfeierlichkeiten vorüber waren und die Frauen sich im Zimmer der Braut versammelten, bestand eine alte Dame aus dem Dorf darauf, Kanti solle selbst seinem Weibe den Brautschleier abnehmen. Als er es tat, fuhr er zurück. Es war nicht dasselbe Mädchen.

Es war ihm, als ob etwas in ihm aufstiege und sein Gehirn durchstäche. Als ob die Lichter der Lampen sich verdüsterten und Dunkelheit das Gesicht der Braut selbst schwarz färbte.

Im ersten Augenblick war er zornig auf seinen Schwiegervater. Der alte Halunke hatte ihm das eine Mädchen gezeigt und das andere verheiratet. Aber bei ruhiger Überlegung erinnerte er sich, daß ihm der alte Mann überhaupt keine Tochter gezeigt hatte, -- daß alles seine eigene Schuld war. Er hielt es für das beste, seine heillose Dummheit den Menschen nicht zu verraten, und nahm mit scheinbarer Ruhe wieder seinen Platz ein.

Er brachte die Pille glücklich herunter, aber ihren Geschmack konnte er nicht loswerden. Die ausgelassene Fröhlichkeit der Hochzeitsgesellschaft war ihm unerträglich. Er war wütend auf sich selbst und auf alle anderen.

Plötzlich merkte er, wie seine Braut, die neben ihm saß, zusammenschrak und einen Schrei unterdrückte; ein junger Hase war ins Zimmer gesprungen und über ihre Füße gehuscht. Dicht hinter ihm kam das Mädchen, das er vorher gesehen hatte. Sie ergriff das Häschen, nahm es in ihren Arm und begann, ihm liebkosend etwas zuzumurmeln. »Ach, das verrückte Mädchen!« riefen die Frauen und machten ihr Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Aber sie beachtete es nicht, sondern kam herein und setzte sich ganz unbekümmert dem Brautpaar gegenüber, das sie mit kindlicher Neugierde anstarrte. Als ein Dienstmädchen kam und sie am Arm nahm, um sie hinauszubringen, wehrte Kanti ihr hastig und sagte: »Laß sie in Ruh.«

»Wie heißt du?« wandte er sich dann an das Mädchen.

Diese wiegte mit dem Körper hin und her, aber gab keine Antwort. Alle Frauen im Zimmer begannen zu kichern.

Kanti stellte eine andere Frage: »Wie geht es deinen kleinen Enten?«

Das Mädchen fuhr fort, ihn unbekümmert anzustarren.

Der ganz verwirrte Kanti raffte seinen Mut noch einmal zusammen und erkundigte sich teilnahmsvoll nach der verwundeten Taube, aber es half ihm nichts. Das zunehmende Gelächter im Zimmer zeigte, daß irgend etwas bei der Sache sehr komisch war.

Endlich erfuhr Kanti, daß das Mädchen taubstumm und die Gefährtin aller Tiere im Dorfe sei. Es war nur Zufall gewesen, als sie sich damals bei dem Ruf Sudha erhoben hatte.

Jetzt traf es Kanti zum zweitenmal wie ein Schlag. Der dunkle Vorhang zerriß, der sich vor seine Augen gesenkt hatte. Mit einem aus tiefster Seele kommenden Seufzer der Erleichterung, wie aus einer furchtbaren Gefahr befreit, blickte er noch einmal in das Antlitz seiner Braut. Dann kam in Wahrheit die glückverheißende Schau. Das Licht, das aus seinem Herzen und von den hell leuchtenden Lampen strahlte, fiel auf ihr liebliches Antlitz, und er sah es in seinem wahren Glanz und wußte, daß Nabins Segen sich erfüllen würde.

DER POSTMEISTER

Der Postmeister begann seine Laufbahn im Dorfe Ulanur. Zwar war das Dorf nur klein, aber in seiner Nähe lag eine Indigofabrik, und der Besitzer, ein Engländer, hatte es durchgesetzt, daß das Dorf ein Postamt bekam.

Unser Postmeister stammte aus Kalkutta. Er fühlte sich in diesem abgelegenen Dorfe wie ein Fisch auf dem Trocknen. Seine Amtsstube, die zugleich als Wohnraum diente, war in einem dunklen Strohschuppen, nicht weit von einem grünen, schlammigen Teiche, der an allen Seiten von dichtem Buschwerk umgeben war.

Die Männer, die in der Indigofabrik beschäftigt waren, hatten keine Zeit; sie waren auch wohl kaum wünschenswerte Gesellschaft für Leute seines Standes. Dazu kommt noch, daß ein junger Kalkuttaer sich schwer an andre anschließt. Unter Fremden macht er immer den Eindruck, als ob er stolz sei oder sich nicht wohl unter ihnen fühle. So war der Postmeister recht einsam; zu tun hatte er auch nicht viel.

Zuweilen versuchte er sich in Versen. Er versuchte zum Ausdruck zu bringen, daß das Rauschen der Blätter und das Wandern der Wolken am Himmel genug seien, um das Leben mit Freude zu füllen. Aber Gott weiß, daß der arme Bursche sich wie neugeboren gefühlt hätte, wenn irgendein Geist aus Tausendundeiner Nacht plötzlich Bäume, Blätter und alles hinweggefegt und sie durch eine gutgepflasterte Straße ersetzt hätte, deren hohe Häuserreihen ihm die Wolken verdeckten.

Des Postmeisters Gehalt war gering. Er mußte sich seine Mahlzeiten selbst zubereiten und teilte sie mit Ratan, einem Waisenmädchen aus dem Dorf, die allerlei kleine Dienste für ihn verrichtete.

Wenn am Abend der Rauch aus den Kuhställen aufzusteigen begann[30] und in jedem Busch die Heimchen zirpten; wenn die Fakire der Baul-Sekte an ihren täglichen Versammlungsorten ihre schrillen Lieder sangen, wenn einem Dichter, der etwa versucht hätte, auf das Rauschen der Blätter im Bambusdickicht zu horchen, ein eiskalter Schauer über den Rücken gelaufen wäre -- dann zündete der Postmeister seine kleine Lampe an und rief: »Ratan!«

[30] Man zündet in den Kuhställen Rauchfeuer an, um die Moskitos zu vertreiben.

Ratan saß draußen und wartete auf diesen Ruf, aber statt sogleich hereinzukommen, antwortete sie erst: »Haben Sie mich gerufen, Herr?«

»Was tust du?« fragte dann der Postmeister.

»Ich muß jetzt wohl das Küchenfeuer anzünden«, kam als Antwort zurück.

Und dann sagte der Postmeister: »Ach, laß das Feuer noch eine Weile, zünde mir erst meine Pfeife an.«

Nach einem Augenblick kam Ratan herein, mit aufgeblasenen Backen, denn sie blies aus Leibeskräften in ein Stück brennende Kohle, womit sie den Tabak anzündete. Dies gab dem Postmeister dann eine Gelegenheit zur Unterhaltung. »Nun, Ratan,« begann er dann wohl, »hast du noch irgendwelche Erinnerungen an deine Mutter?«

Das war ein ergiebiges Thema. Ratan hatte nicht mehr viel Erinnerungen an sie. Ihr Vater hatte mehr von ihr gehalten als ihre Mutter, an ihn erinnerte sie sich noch viel lebhafter. Er pflegte am Abend nach der Arbeit heimzukommen, und ein paar solcher Abende hatten sich ihrem Gedächtnis wie deutliche Bilder eingegraben. Ratan hockte auf dem Boden, während sie sich in diesen Erinnerungen erging. Sie gedachte eines kleinen Bruders, und wie sie einmal an einem trüben Tag am Teich mit ihm Fischen gespielt hatte, mit einem Zweig als Angelrute. Solche kleinen Erlebnisse wurden in der Erinnerung groß und bedeutungsvoll und verdrängten die größeren. Während sie so plauderten, wurde es oft sehr spät, und der Postmeister fühlte sich zu schläfrig, um noch irgend etwas zu kochen. Dann machte Ratan eilig ein Feuer an und röstete etwas ungesäuertes Brot, das ihnen, zusammen mit den kalten Resten der Mittagsmahlzeit, als Abendessen genügte.

An manchen Abenden, wenn der Postmeister so an seinem Pult in der Ecke des großen, leeren Strohschuppens saß, rief auch er die Erinnerungen an sein Heim wach, an seine Mutter und Geschwister, an die, nach denen sich sein Herz in seiner Verbannung sehnte -- an die er immer dachte, aber von denen er mit den Fabrikleuten nicht sprechen konnte, obgleich es ihm ganz natürlich war, in Gegenwart des einfachen kleinen Mädchens ihrer zu gedenken. Und so kam es, daß das Mädchen, wenn sie von den Seinen sprach, sie als Mutter, Bruder und Schwester[31] bezeichnete, als ob sie sie ihr Leben lang gekannt hätte. Sie hatte ja auch in ihrem kleinen Herzen ein deutliches Bild von jedem einzelnen.

[31] Die Dienstboten in der Familie bezeichnen den Herrn und die Herrin als Vater und Mutter und die Kinder als ältere Geschwister.

Es war in der Regenzeit, an einem Mittage. Der Regen hatte gerade aufgehört, und es wehte eine leise, kühle Brise. Der Duft des feuchten Grases und Laubes in der heißen Sonne berührte den Körper wie der warme Atem der ermüdeten Erde. Ein Vogel wiederholte den ganzen Nachmittag unermüdlich den Kehrreim seines Klageliedes im Audienzraum der Natur.

Der Postmeister hatte nichts zu tun. Der Glanz des frischgewaschenen Laubes und die aufgetürmten Wolkenmassen am Himmel waren ein herrlicher Anblick, und der Postmeister sah den abziehenden Regenwolken nach und dachte bei sich: »Ach, wenn ich nur eine verwandte Seele hier hätte, ein liebendes Wesen, das ich an mein Herz schließen könnte!« Genau dasselbe, so dachte er weiter, versuchte auch jener Vogel zu sagen, genau dasselbe seufzte das Laub des alten Baumes, an dessen Stamm er müßig seinen Rücken lehnte. Aber das wußte und glaubte niemand, daß auch in einem schlecht bezahlten Dorfpostmeister in der tiefen Stille der Mittagspause solche Gefühle aufsteigen könnten.

Der Postmeister seufzte und rief: »Ratan!« Ratan lag ausgestreckt unter dem Guajavabaum und war eifrig damit beschäftigt, unreife Guajavafrüchte zu essen. Sobald sie die Stimme ihres Herrn hörte, kam sie atemlos angelaufen und fragte: »Haben Sie mich gerufen, Dada[32]?« --»Ich dachte eben,« sagte der Postmeister, »ich könnte dich eigentlich lesen lehren.« Und er brachte den Rest des Tages damit zu, ihr das Alphabet beizubringen.

[32] = älterer Bruder

Auf diese Weise kam Ratan in ganz kurzer Zeit schon bis zu den Doppelkonsonanten.

Es schien, als ob die Regenzeit nicht enden wollte. Kanäle, Gräben und Gruben strömten über von Wasser. Tag und Nacht hörte man das Prasseln des Regens und das Quaken der Frösche. Die Dorfstraßen wurden unpassierbar, und man mußte seine Einkäufe in flachen Booten machen.

Eines Morgens, als der Himmel wieder schwer von Wolken war, hatte die kleine Schülerin des Postmeisters schon lange vor der Tür auf seinen Ruf gewartet. Als sie immer noch nichts hörte, nahm sie endlich ihr arg zerlesenes Buch und ging leise hinein. Sie fand ihren Herrn auf seiner Matratze ausgestreckt, und in dem Glauben, er schliefe noch, wollte sie schon auf den Zehen wieder hinausschleichen, als sie plötzlich ihren Namen hörte: »Ratan!« Sie wandte sich sogleich um und fragte: »Schliefen Sie, Dada?« Der Postmeister sagte in klagendem Ton: »Ich bin nicht wohl. Fühl' einmal meinen Kopf, ist er nicht ganz heiß?«

In der Einsamkeit seiner Verbannung und in dem trüben Dunkel der Regenzeit brauchte sein schmerzender Körper etwas zarte und liebevolle Pflege. Er gedachte mit Sehnsucht der Zeit, wo eine weiche Hand mit leise klirrendem Armband sanft über seine Stirn gestrichen hatte, und er versuchte sich vorzustellen, daß Frauenliebe an seinem Lager saß in Gestalt von Mutter und Schwester. Und er wurde nicht enttäuscht. Ratan hörte auf, ein kleines Mädchen zu sein. Sie trat sofort an die Stelle der Mutter, rief den Dorfarzt, gab dem Patienten zu den vorgeschriebenen Zeiten seine Pillen, wachte die ganze Nacht an seinem Lager, kochte ihm seine Hafersuppe und fragte von Zeit zu Zeit: »Fühlen Sie sich ein wenig besser, Dada?«

Es dauerte einige Zeit, bis der Postmeister mit sehr geschwächtem Körper sein Krankenlager verlassen konnte. »Dies geht nicht so weiter«, sagte er entschlossen. »Ich muß um Versetzung einkommen.« Er schrieb sofort in diesem Sinne ein Gesuch nach Kalkutta mit der Begründung, daß der Ort zu ungesund sei.

Nachdem Ratan ihrer Pflichten als Krankenpflegerin enthoben war, nahm sie wieder ihren alten Platz draußen vor der Tür ein. Aber sie wartete vergebens auf den altgewohnten Ruf. Mitunter blickte sie verstohlen hinein; dann sah sie den Postmeister auf seinem Stuhl sitzen oder auf seiner Matratze ausgestreckt und geistesabwesend in die Luft starren. Während Ratan auf ihren Ruf wartete, wartete der Postmeister auf eine Antwort auf sein Gesuch. Die Kleine las ihre alten Aufgaben immer wieder durch; ihre größte Angst war, daß sie, wenn sie gerufen würde, die Doppelkonsonanten nicht richtig lesen könnte. Endlich, nach einer Woche, kam eines Abends wirklich der Ruf. Mit überquellendem Herzen stürzte Ratan ins Zimmer: »Haben Sie mich gerufen, Dada?«

Der Postmeister sagte: »Ich reise morgen fort, Ratan.«

»Wohin reisen Sie, Dada?«

»Ich reise nach Hause.«

»Wann kommen Sie zurück?«

»Ich komme nicht zurück.«

Ratan fragte nicht weiter. Der Postmeister erzählte ihr von selbst, daß sein Gesuch um Versetzung abschlägig beschieden sei, und daß er nun seinen Posten aufgegeben habe und nach Hause wolle.

Lange sprach keiner von beiden ein Wort. Die Lampe brannte trübe weiter, und durch ein Loch in einer Ecke des Daches tropfte das Wasser gleichmäßig in ein irdenes Gefäß, das darunter auf dem Boden stand.

Nach einer Weile stand Ratan auf und ging in die Küche, um das Abendessen zu bereiten; aber sie wurde nicht so schnell damit fertig wie sonst. Viele neue Gedanken stürmten auf ihr kleines Hirn ein. Als der Postmeister sein Abendessen beendet hatte, fragte das Mädchen ihn plötzlich: »Dada, werden Sie mich mit nach Hause nehmen?«

Der Postmeister lachte. »Was für ein Einfall!« sagte er; aber es schien ihm überflüssig, dem Mädchen zu erklären, was denn so Lächerliches dabei sei.

Die ganze Nacht, im Wachen und im Traum, verfolgte sie des Postmeisters lachende Antwort: »Was für ein Einfall!«

Als der Postmeister am andern Morgen aufstand, fand er sein Bad bereit. Er hatte an seiner Kalkuttaer Gewohnheit festgehalten, im Hause zu baden, statt, wie man es sonst im Dorfe tat, sein Bad im Fluß zu nehmen. Das Mädchen hatte ihn nicht fragen können, um welche Zeit er abreisen wolle, daher hatte sie schon lange vor Sonnenaufgang das Wasser vom Fluß geholt, damit er es bereit fände, sobald er es brauchte. Nach dem Bade hörte sie ihn rufen. Sie trat leise ein und sah ihrem Herrn schweigend ins Gesicht, seine Befehle erwartend. »Du brauchst dir keine Sorge zu machen wegen meines Fortgehens, Ratan,« sagte er zu ihr, »ich werde meinem Nachfolger sagen, daß er sich um dich kümmert.« Diese Worte waren ohne Zweifel freundlich gemeint, aber ein Frauenherz ist unberechenbar.

Ratan hatte, ohne zu klagen, manche Schelte von ihrem Herrn hingenommen, aber diese freundlichen Worte konnte sie nicht ertragen. »Nein, nein!« rief sie, in Tränen ausbrechend, »Sie brauchen niemandem irgend etwas über mich zu sagen; ich will hier nicht länger bleiben.«

Der Postmeister war sprachlos. So hatte er Ratan nie gesehen. --

Pünktlich kam der Nachfolger an, und nachdem der Postmeister ihm das Amt übergeben hatte, schickte er sich an, abzureisen. Bevor er aufbrach, rief er Ratan und sagte: »Hier ist etwas für dich; ich hoffe, damit kommst du eine kleine Zeitlang aus.« Und damit zog er aus seiner Tasche sein ganzes Monatsgehalt und behielt nur eine geringfügige Summe für seine Reiseausgaben zurück. Doch Ratan fiel ihm zu Füßen und rief: »Ach nein, Dada, bitte geben Sie mir nichts, kümmern Sie sich überhaupt gar nicht um mich!« Dann lief sie hinaus.

Der Postmeister seufzte, nahm seine Reisetasche, hängte seinen Regenschirm über die Schulter, und begleitet von einem Manne, der seinen bunten, mit Eisenblech beschlagenen Koffer trug, ging er langsam nach dem Schiff.

Als er einstieg und das Schiff abfuhr und die vom Regen geschwollenen Wasser des Flusses schweigend seinen Bug umsprudelten wie Tränenströme, die von der Erde aufstiegen, da wurde ihm eigentümlich weh ums Herz. Das gramerfüllte Antlitz des Dorfmädchens schien ihm ein Abbild zu sein von dem großen, unausgesprochenen, unermeßlich tiefen Leid der Mutter Erde selbst. Schon spürte er den Drang, umzukehren und das einsame, von der Welt verlassene Geschöpf mitzunehmen. Aber der Wind hatte gerade die Segel gebläht, das Schiff war mitten in der heftigen Strömung, das Dorf lag schon hinter ihm, und der weit außerhalb des Dorfes liegende Verbrennungsplatz wurde bereits sichtbar.

So ließ sich denn der Reisende auf den Wogen des schnell strömenden Flusses dahintragen und tröstete sich mit philosophischen Betrachtungen über die zahllosen Trennungen in der Welt und über den Tod, die letzte große Trennung.

Aber Ratan hatte keine Philosophie. Sie wanderte ruhelos im Postamt umher, und ihre Tränen flossen unaufhaltsam. Vielleicht hegte sie noch in irgendeinem Winkel ihres Herzens eine leise Hoffnung, daß ihr Dada zurückkehren werde, und dies war der Grund, weshalb sie sich nicht losreißen konnte. Ach, um das törichte Menschenherz!

DIE FLUSSTREPPE

Wenn du von vergangenen Zeiten hören willst, setze dich hier auf diese meine Stufe und lausche dem Murmeln und Plätschern des Wassers.

Es war Anfang September. Der Fluß war hoch geschwollen, nur vier von meinen Stufen sahen aus dem Wasser hervor. Seine Wellen überspülten die tiefer liegenden Teile des Ufers, wo die Katschupflanzen in dichten Massen unter den Zweigen der Mangobäume wuchsen. An einer Biegung des Flusses ragten drei alte Steinhaufen aus dem Wasser hervor. Die Fischerboote, die an die Stämme der Akazienbäume am Ufer festgebunden waren, schaukelten sich am frühen Morgen auf den schwellenden Fluten. Die langen Gräser auf der Sandbank wurden gerade von der eben aufgehenden Sonne berührt; sie waren noch nicht voll erblüht, sondern hatten erst zu blühen begonnen.

Die kleinen Boote blähten ihre winzigen Segel auf dem sonnenbeschienenen Fluß. Der Brahmanenpriester kam mit seinen heiligen Gefäßen, um zu baden. Die Frauen kamen zu zweien und dreien, um Wasser zu holen. Ich wußte, dies war die Zeit, wo Kusum zur Badetreppe kam.

Aber an jenem Morgen vermißte ich sie. Bhuban und Swarno kamen und klagten um sie. Sie sprachen darüber, daß man ihre Freundin fortgebracht habe zu dem Hause ihres Gatten, an einen Ort weitab von dem Fluß, mit fremden Menschen und fremden Häusern und fremden Straßen.

Mit der Zeit verblaßte ihr Bild fast ganz in meiner Erinnerung. Ein Jahr verging. Die Frauen auf den Badestufen sprachen selten von Kusum. Aber eines Morgens schrak ich zusammen bei der altvertrauten Berührung ihrer Füße. Ach ja, es waren ihre Füße, aber sie waren ohne Spangen und hatten ihre alte Musik verloren.

Kusum war Witwe geworden. Die Leute sagten, daß ihr Gatte an einem fernen Ort gearbeitet und sie ihn nur ein paar Mal gesehen hätte. Ein Brief hatte ihr die Nachricht von seinem Tode gebracht. So war sie mit acht Jahren Witwe geworden, hatte das rote Frauenmal von ihrer Stirn entfernt, ihren Schmuck abgelegt und war in ihr altes Heim am Ganges zurückgekehrt. Aber sie fand nur noch wenige ihrer alten Spielgefährtinnen. Bhuban, Swarno und Amala waren verheiratet und fortgezogen; nur Sarat war noch da, aber auch sie, hieß es, würde nächsten Dezember heiraten.