Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen
Part 3
»Ich habe Schmerzen, Maschi, aber du mußt nicht denken, daß ich leide. Es ist, als ob meine Schmerzen sich allmählich von meinem Leben lösten. Bisher folgten sie ihm wie ein beladenes Boot im Schlepptau, jetzt aber ist das Seil zerrissen, und sie treiben dahin mit allem, was mich drückt. Ich sehe sie noch, aber sie gehören nicht mehr zu mir. -- Aber Maschi, ich habe diese beiden letzten Tage Mani nicht ein einziges Mal gesehen!«
»Dschotin, ich will dir ein anderes Kissen geben.«
»Es scheint mir fast, Maschi, als ob Mani mich auch verlassen hat und von mir forttreibt wie das beladene Leidensboot.«
»Komm, trink ein Schlückchen von dem Granatapfelsaft, mein Liebling. Dir muß der Hals ganz trocken sein.«
»Ich schrieb gestern mein Testament; habe ich es dir gezeigt? Ich kann mich nicht mehr erinnern.«
»Du brauchst es mir nicht zu zeigen, Dschotin.«
»Als Mutter starb, besaß ich nichts. Du ernährtest mich und zogst mich auf. Daher meine ich -- --«
»Unsinn, Kind. Ich hatte nur dies Haus und ein bißchen Vermögen. Das übrige hast du verdient.«
»Aber dies Haus --?«
»Das ist nichts. Du hast ja soviel hinzugebaut, daß es schwer ist zu sagen, wo mein Haus war!«
»Ich bin sicher, daß Manis Liebe zu dir wirklich --«
»Ja, ja, das weiß ich, Dschotin. Nun versuch' zu schlafen.«
»Wenn ich auch mein ganzes Eigentum Mani hinterlassen habe, so ist es praktisch doch deins, Maschi. Sie wird dir ja immer in allem gehorchen.«
»Warum quälst du dich deshalb so viel, mein Liebling?«
»Alles, was ich habe, verdanke ich dir. Wenn du mein Testament siehst, so denke keinen Augenblick, daß -- --«
»Aber was fällt dir ein, Dschotin? Glaubst du denn, daß ich es auch nur einen Augenblick übelnehmen könnte, wenn du Mani gibst, was dir gehört? Ich bin doch nicht so kleinlich.«
»Aber du wirst auch -- --«
»Nun höre einmal, Dschotin, jetzt werde ich böse. Du willst mich mit Geld trösten.«
»Ach, Maschi, wie gern möchte ich dir etwas geben, was besser ist als Geld!«
»Das hast du ja getan, Dschotin! mehr als genug. Hast du mir denn nicht mein einsames Leben ausgefüllt? Das war solch ein großes Glück, daß ich es mir in vielen früheren Leben verdient haben muß. Du hast mir soviel gegeben, daß ich jetzt, wo dies Leben mir nichts mehr zu geben hat, nicht klagen werde. Ja, ja, hinterlasse nur Mani alles: dein Haus, dein Geld, deinen Wagen und dein Land -- mir sind solche Lasten jetzt zu schwer.«
»Ich weiß ja, daß du den Geschmack an den Freuden des Lebens verloren hast, aber Mani ist so jung, daß --«
»O nein, das mußt du nicht sagen. Wenn du ihr dein Eigentum hinterläßt, das ist schon recht, aber was die Freuden des Lebens anbetrifft --«
»Aber warum sollte sie sie auch nicht genießen, Maschi?«
»Nein, nein, das wird sie nicht können in ihrem großen Schmerz. Sie werden ihr wie Staub und Asche sein.«
* * * * *
Dschotin schwieg. Er konnte nicht entscheiden, ob es wahr war oder nicht und ob er es beklagen müsse, wenn Mani die Welt ohne ihn zuwider war.
Er seufzte und sagte: »Das, was wirklich des Gebens wert ist, können wir niemandem zurücklassen.«
»Es ist nichts Geringes, was du gibst, mein Liebling. Ich bete nur, daß sie den Wert dessen, was ihr gegeben wird, erkennen möge.«
»Gib mir noch etwas von dem Granatapfelsaft, Maschi, ich bin durstig. Kam Mani eigentlich gestern zu mir?«
»Ja, sie kam, aber du schliefst gerade. Sie saß lange Zeit am Kopfende deines Bettes und fächelte dich; dann ging sie weg, um deine Wäsche zu besorgen.«
»O wie wunderschön! Ich glaube, ich habe in demselben Augenblick geträumt, daß Mani versuchte, zu mir hereinzukommen. Die Tür war angelehnt, und sie stieß dagegen, aber sie wollte sich nicht öffnen. Aber Maschi, du gehst zu weit, du solltest sie wissen lassen, daß ich sterbe; sonst wird mein Tod ein so furchtbarer Schlag für sie sein.«
»Komm, mein Liebling, ich will dir diesen Schal über die Füße decken, sie werden ganz kalt.«
»Nein, Maschi, ich kann so etwas nicht auf den Füßen haben.«
»Weißt du, Dschotin, daß Mani dir diesen Schal gestrickt hat? Sie hat so fleißig daran gearbeitet, als sie eigentlich hätte schlafen sollen. Erst gestern ist sie damit fertig geworden.«
Dschotin nahm den Schal und streichelte ihn zärtlich. Er empfand die sanfte Weichheit der Wolle als hielte er Manis Hand in der seinen. Nacht für Nacht hatte sie ihre liebenden Gedanken hineingewoben. Er war nicht aus Wolle gemacht, sondern aus ihrer Berührung. Als daher Maschi den Schal über seine Füße legte, war es ihm, als ob Mani seine müden Glieder liebkoste.
»Aber Maschi, ich dachte, Mani könne gar nicht stricken, -- jedenfalls mochte sie es nie.«
»So etwas lernt man schnell. Natürlich mußte ich es ihr zeigen. Auch sind allerlei Fehler darin.«
»Laß diese Fehler nur, wir wollen ihn ja nicht auf die Pariser Ausstellung schicken. Er wird trotz der Fehler meine Füße warm halten.«
Dschotin begann sich im Geiste Mani bei der Arbeit vorzustellen, wie sie Fehler machte und nicht damit zustande kommen konnte und doch Abend für Abend geduldig weiter daran arbeitete. Wie lieb und rührend war das doch! Und wieder strichen seine Finger zärtlich über den Schal.
»Maschi, ist der Doktor unten?«
»Ja, er will heute nacht hierbleiben.«
»Aber sag' ihm, es ist nutzlos, wenn er mir einen Schlaftrunk gibt. Der verschafft mir nicht wirklich Ruhe, und ich fühle mich nur schlechter danach. Laß mich richtig wach bleiben. -- Weißt du, Maschi, daß unsre Hochzeit in der Vollmondnacht war im Monat Mai? Morgen ist der Tag, und die Sterne jener Nacht werden am Himmel scheinen. Mani denkt vielleicht nicht daran. Ich möchte sie heute daran erinnern; rufe sie doch auf ein paar Minuten her. -- ... Warum antwortest du nicht? Der Doktor hat dir wohl gesagt, ich sei so schwach, daß jede Aufregung -- aber ich versichere dich, Maschi, wenn ich heute abend nur ein paar Minuten mit ihr sprechen kann, brauche ich gar keinen Schlaftrunk. -- Maschi, weine doch nicht so! Ich fühle mich ganz wohl. Mein Herz ist heute so voll wie nie zuvor in meinem Leben. Darum möchte ich Mani sehen. -- Nein, nein, Maschi, ich kann es nicht ertragen, wenn du so weinst. Du bist alle diese letzten Tage so ruhig gewesen. Was hast du denn nur heute abend?«
»Ach, Dschotin, ich glaubte, daß der Quell meiner Tränen versiegt wäre; aber sie fließen immer wieder von neuem. Ich kann es nicht ertragen.«
»Ruf' Mani! Ich will sie an unsern Hochzeitsabend erinnern, so daß sie morgen -- --«
»Ich geh schon, mein Liebling. Schombhu wird an der Tür warten. Wenn du irgend etwas willst, ruf' ihn.«
Maschi ging in Manis Schlafzimmer und sank weinend auf den Fußboden nieder. »O komm, komm dies eine Mal, du herzloses Geschöpf! Erfülle die letzte Bitte dessen, der dir alles gegeben hat. Er stirbt ja schon, gib ihm doch nicht den Todesstoß!«
* * * * *
Als Dschotin draußen Schritte hörte, fuhr er auf und rief: »Mani!«
»Ich bin Schombhu. Hat der Herr mich gerufen?«
»Sage deiner Herrin, sie soll kommen.«
»Wer soll kommen?«
»Deine Herrin.«
»Sie ist noch nicht zurück.«
»Zurück? Von wo?«
»Von Sitarampur.«
»Wann reiste sie dahin?«
»Vor drei Tagen.«
Einen Augenblick war Dschotin ganz betäubt, und alles drehte sich vor seinen Augen. Er glitt von den Kissen herab, die ihn stützten, und stieß den wollenen Schal, der seine Füße bedeckte, auf den Boden.
* * * * *
Als Maschi nach einer langen Weile zurückkam, erwähnte Dschotin Manis Namen nicht, und Maschi dachte, daß er sie ganz vergessen hätte.
Plötzlich rief er: »Maschi, erzählte ich dir den Traum, den ich neulich nachts hatte?«
»Welchen Traum?«
»Wo Mani immer gegen die Tür stieß, und die Tür wollte sich nicht weiter als einen Zoll öffnen. Sie stand draußen und konnte nicht herein. Jetzt weiß ich, daß Mani bis zuletzt draußen vor meiner Tür bleiben muß.«
Maschi antwortete nicht. Sie sah, daß der Himmel, den sie aus Lügen für Dschotin aufgebaut hatte, nun doch eingestürzt war. Wenn das Leid kommt, so ist es am besten, es nicht zu verleugnen. Wenn Gott schlägt, können wir dem Schlag nicht ausweichen.
»Maschi, die Liebe, die du mir gegeben hast, wird durch all meine künftigen Leben dauern. Ich habe dies Leben ganz damit angefüllt und nehme sie mit fort. Ich bin gewiß, in unserm nächsten Leben wirst du als meine Tochter geboren werden, und ich werde dich mit meiner ganzen Liebe hüten und hegen.«
»Was sagst du da, Dschotin? Meinst du, ich soll wieder als Mädchen geboren werden? Kannst du nicht beten, daß ich als Sohn in deine Arme komme?«
»Nein, nein, nicht als Sohn. Du wirst in mein Haus kommen in jener wunderbaren Schönheit, die dich schmückte, als du jung warst. Ich kann mir sogar schon vorstellen, wie ich dich kleiden werde.«
»Sprich nicht so viel, Dschotin, versuch' zu schlafen.«
»Ich werde dich Lakschmi[4] nennen.«
[4] Gemahlin Vischnus, Göttin des Glückes und der Schönheit.
»Aber das ist ein altmodischer Name, Dschotin.«
»Ja, aber du bist ja auch meine altmodische Maschi. Komm wieder in mein Haus mit deiner schönen altmodischen Art.«
»Ich kann doch nicht wünschen, deinem Hause die Enttäuschung zu bringen, daß ein Mädchen statt eines Knaben kommt.«
»Maschi, du hältst mich für schwach und willst mir alles Schwere ersparen.«
»Mein Kind, ich bin eine Frau und habe als solche meine Schwäche. Daher habe ich mein ganzes Leben versucht, dir alles mögliche Schwere zu ersparen, -- aber es ist mir nicht gelungen.«
»Maschi, ich habe in diesem Leben nicht Zeit gehabt, die Lehren, die ich empfangen habe, anzuwenden. Aber sie werden mir in meinem nächsten Leben zugute kommen. Ich werde dann zeigen, was ein Mann leisten kann. Ich habe gelernt, wie verkehrt es ist, immer nur an sich zu denken.«
»Was du auch sagen magst, mein Liebling, du hast nie etwas für dich selbst erstrebt, sondern alles andern gegeben.«
»Eins darf ich jedenfalls von mir sagen: Ich bin im Glück nie tyrannisch gewesen, noch habe ich versucht, mein Recht mit Gewalt zu erzwingen. Weil ich mich nicht belügen konnte, habe ich lange warten müssen. Vielleicht wird die Wahrheit zuletzt doch gütig zu mir sein. -- Wer ist da, Maschi, wer ist da?«
»Wo? Es ist niemand da, Dschotin.«
»Maschi, sieh doch einmal nebenan nach. Ich glaubte --«
»Nein, mein Liebling! Ich sehe niemanden.«
»Aber ich meinte ganz deutlich -- --«
»Nein, Dschotin, es ist nichts. Also sei ruhig. Der Doktor kommt jetzt.«
Als der Doktor eintrat, sagte er:
»Hören Sie mal, Sie dürfen nicht so viel bei dem Kranken sein, Sie regen ihn auf. Gehn Sie zu Bett, mein Assistent bleibt bei ihm.«
»Nein, Maschi, ich kann dich nicht fortlassen.«
»Gut, mein Liebling, ich werde ruhig in der Ecke sitzen.«
»Nein, nein, du mußt dicht bei mir sitzen. Ich kann deine Hand nicht lassen, nicht bis zuletzt. Deine Hand hat mich geführt und aus deiner Hand soll Gott mich wieder empfangen.«
»Nun gut,« sagte der Doktor, »Sie können dableiben. Aber Dschotin Babu, Sie dürfen nicht zu ihr sprechen. Es ist Zeit, daß Sie Ihre Medizin nehmen.«
»Zeit für Medizin? Unsinn! Die Zeit dafür ist vorbei. Jetzt Medizin geben heißt nur täuschen. Aber ich fürchte mich auch gar nicht vor dem Sterben. Maschi, der Tod bereitet mir schon seinen Trank, was soll der Doktor mich noch plagen! Schick' ihn fort! Dich nur brauch ich jetzt, niemanden sonst, niemanden! Keine Lüge mehr!«
»Ich muß hier als Arzt Einspruch tun, diese Aufregung schadet Ihnen!«
»Gehen Sie also fort, Doktor, regen Sie mich nicht mehr auf! -- Ist er fort, Maschi? ... das ist gut! Nun komm und nimm meinen Kopf in deinen Schoß.«
»Ja komm, mein Liebling. Und nun versuch' zu schlafen!«
»Nein, Maschi, sag' nicht, daß ich schlafen soll. Wenn ich einschlafe, wache ich nicht wieder auf. Ich muß mich noch etwas wach halten. -- Hörst du nicht ein Geräusch? Es kommt jemand!«
V
»Dschotin, mein Liebling, mach' deine Augen mal ein wenig auf. Sie ist gekommen. Schau einmal her und sieh!«
»Wer ist gekommen? Ein Traum?«
»Kein Traum, mein Liebling! Mani ist mit ihrem Vater gekommen.«
»Wer bist du?«
»Siehst du denn nicht? Es ist deine Mani!«
»Mani? Hat die Tür sich geöffnet?«
»Ja, mein Lieb, sie ist weit offen.«
»Nein, Maschi, nicht den Schal! nicht diesen Schal! Dieser Schal ist eine Lüge!«
»Es ist kein Schal, Dschotin. Es ist unsere Mani, die sich über deine Füße geworfen hat. Leg deine Hand auf ihren Kopf und segne sie. Weine nicht so, Mani! Du hast noch Zeit genug dazu. Nun sei ein Weilchen ganz still.«
DAS SKELETT
In dem Zimmer, neben welchem wir Knaben zu schlafen pflegten, hing ein menschliches Skelett. In der Nacht pflegte die Brise, die durch das geöffnete Fenster hereinstrich, mit seinen Knochen zu rasseln. Am Tage rasselten wir mit diesen Knochen. Wir hatten Osteologie bei einem Studenten der Medizin, denn unser Vormund war entschlossen, uns in alle Wissenschaften einzuweihen. Wieweit es ihm gelang, brauchen wir denen, die uns kennen, nicht zu sagen, und den andern bleibt es besser ein Geheimnis.
Viele Jahre sind seitdem vergangen. Inzwischen ist das Skelett aus dem Zimmer verschwunden und auch die Osteologie aus unserm Gehirn, ohne eine Spur zurückzulassen.
Neulich war das Haus voll von Gästen, und ich mußte die Nacht in demselben alten Zimmer zubringen. Der Schlaf wollte in dieser ungewohnten Umgebung nicht kommen, und während ich mich ruhelos von einer Seite auf die andere warf, hörte ich die Kirchenuhr in der Nähe eine Stunde nach der andern schlagen. Das Licht der Nachtlampe in der Ecke wurde immer matter, endlich sprühte und flackerte es noch ein paarmal auf und ging dann ganz aus.
Wir hatten kürzlich mehrere Verluste in der Familie gehabt, so war es natürlich, daß das Erlöschen der Lampe mich auf Todesgedanken brachte. Ich stellte die Betrachtung an, daß es in der großen Arena der Natur doch eigentlich derselbe Vorgang sei, wenn eine Lampe erlischt, und wenn das Lichtlein eines Menschenlebens sich in ewiges Dunkel verliert.
Meine Gedanken riefen das Skelett wieder in meiner Erinnerung wach. Während ich versuchte mir vorzustellen, wie der Leib, der es einst umhüllt hatte, wohl ausgesehen haben könnte, war es mir plötzlich, als ob etwas immer um mein Bett herumginge, wobei es an den Wänden entlang tastete. Ich konnte sein rasches Atmen hören. Es schien nach etwas zu suchen, was es nicht finden konnte, und es ging mit immer hastigeren Schritten im Zimmer umher. Ich war ganz sicher, daß dies alles nur eine Einbildung meines schlaflosen, aufgeregten Hirns war und daß, was mir als laufende Tritte erschien, in Wahrheit das Pochen der Adern in meinen Schläfen war. Doch trotzdem überlief es mich kalt. Um diese Halluzination loszuwerden, rief ich laut: »Wer ist da?« Die Tritte schienen neben meinem Bett anzuhalten, und jemand antwortete: »Ich bin es. Ich bin gekommen, um mich nach meinem Skelett umzusehen.«
Es wäre doch lächerlich gewesen, einem Geschöpf meiner Einbildung gegenüber Furcht zu zeigen; daher sagte ich -- indem ich aber doch die Bettdecke etwas fester faßte -- mit erheuchelter Ruhe: »Eine nette Beschäftigung zu dieser nächtlichen Stunde! Was wollen Sie denn mit dem Skelett anfangen?«
Die Antwort schien fast unmittelbar aus meinem Moskito-Vorhang zu kommen. »Welche Frage! In dem Skelett waren die Knochen, die mein Herz einschlossen; der jugendliche Reiz meiner sechsundzwanzig Jahre umblühte es. Sollte ich nicht den Wunsch haben, es noch einmal zu sehen?«
»Gewiß,« sagte ich, »das ist ein ganz berechtigter Wunsch. Suchen Sie nur weiter, während ich versuche, etwas zu schlafen.«
Die Stimme sagte: »Aber ich glaube, Sie sind einsam. Nun, da werde ich mich ein Weilchen zu Ihnen setzen, und wir wollen ein wenig plaudern. Vor Jahren pflegte ich so bei Menschen zu sitzen und mich mit ihnen zu unterhalten. Aber während der letzten fünfunddreißig Jahre habe ich nur auf den Verbrennungsplätzen der Toten im Winde gestöhnt. Ich möchte gern einmal wie in früheren Zeiten mit einem Menschen plaudern.«
Ich fühlte, wie sich jemand ganz dicht bei meinem Vorhang niedersetzte. So ergab ich mich denn in diese Situation und erwiderte mit soviel Herzlichkeit, wie ich aufbringen konnte: »Ja, das wird sehr nett sein. Lassen Sie uns von etwas Lustigem reden.«
»Das Lustigste, was ich kenne, ist meine eigene Lebensgeschichte. Die will ich Ihnen erzählen.«
Die Kirchenuhr schlug die zweite Stunde.
»Als ich noch im Lande der Lebendigen und jung war, fürchtete ich eins wie den Tod selbst, und das war mein Gatte. Was ich fühlte, läßt sich nur mit dem vergleichen, was ein Fisch empfindet, der an einem Angelhaken gefangen ist. Denn es war, als hätte mich ein Fremder mit dem schärfsten aller Haken aus dem friedlich stillen Heim meiner Kindheit gerissen -- und ich hatte kein Mittel, ihm zu entrinnen. Mein Gatte starb zwei Monate nach unsrer Heirat, und meine Freunde und Verwandten beklagten mich mit vielem Pathos. Der Vater meines Gatten aber, nachdem er mir lange forschend ins Gesicht geblickt hatte, sagte zu meiner Schwiegermutter: >Siehst du nicht, daß sie den bösen Blick hat?< -- Nun, hören Sie auch zu? Ich hoffe, Sie finden die Geschichte unterhaltend?«
»Sehr unterhaltend«, sagte ich. »Der Anfang ist wirklich äußerst lustig.«
»Lassen Sie mich also fortfahren. Ich war sehr froh, als ich wieder in meines Vaters Haus zurückkam. Die Leute versuchten, es mich nicht merken zu lassen, aber ich wußte wohl, daß ich von der Natur mit einer seltenen, blendenden Schönheit ausgestattet war. Was meinen Sie?«
»Ich glaube es wohl«, murmelte ich. »Aber Sie müssen bedenken, daß ich Sie nie gesehen habe.«
»Was? Sie haben mich nicht gesehen? Und mein Skelett? Hahaha! Nun gut. Ich scherzte nur. Wie kann ich Sie je davon überzeugen, daß jene zwei höhlenartigen Löcher das strahlendste dunkle, schmachtende Augenpaar enthielten? Und daß die grinsenden Zähne, die Sie zu sehen pflegten, nichts ahnen ließen von dem Lächeln, das jene rubinroten Lippen umspielte? Wenn ich nur versuche, Ihnen eine Vorstellung zu geben von der Anmut, dem Reiz, der in der Fülle der Jugend in weichen, wundervoll geschwungenen Linien jene trocknen alten Knochen umwuchs und umblühte, so muß ich lächeln. Aber es macht mich auch zornig. Die hervorragendsten Ärzte meiner Zeit hätten sich nicht träumen lassen, daß meine Knochen dazu gut seien, um Osteologie daran zu lernen. Wissen Sie, daß ein junger Arzt, den ich kannte, mich tatsächlich mit einer goldenen Tschampakblüte verglich? Er meinte, daß die ganze übrige Welt nur der Kelch sei, der die Blüte meiner Schönheit umschloß. Denkt irgend jemand bei dem Skelett an eine Tschampakblüte?
Wenn ich ging, so hatte ich das Gefühl, daß, wie ein Diamant Glanz um sich verbreitet, jede meiner Bewegungen nach allen Seiten Wellen von Schönheit ausstrahlte. Ich konnte stundenlang meine Hände betrachten -- Hände, die spielend leicht den unbändigsten aller Männer gezügelt hätten.
Aber jenes starre, starrende alte Gerippe hat falsch Zeugnis von mir abgelegt, während ich unfähig war, die schamlose Verleumdung zurückzuweisen. Darum hasse ich von allen Menschen Sie am meisten! Ich möchte durch ein Traumbild von meiner einstigen lebenswarmen Schönheit auf immer allen Schlaf aus Ihren Augen bannen und mit ihm den ganzen osteologischen Krimskrams, mit dem Ihr Hirn angefüllt ist.«
»Ich könnte bei Ihrem Leibe schwören, wenn Sie ihn noch hätten,« rief ich aus, »daß auch keine Spur von Osteologie mehr in meinem Kopf ist, und daß das einzige, was ihn jetzt erfüllt, ein strahlendes Bild vollkommener Schönheit ist, das sich leuchtend vom schwarzen Hintergrund der Nacht abhebt. Das ist alles, was ich sagen kann.«
»Ich hatte keine weiblichen Gefährten«, fuhr die Stimme fort. »Mein einziger Bruder war entschlossen, nicht zu heiraten. Im Frauengemach war ich allein. Allein pflegte ich im Garten zu sitzen, im Schatten der Bäume, und zu träumen, daß die ganze Welt in mich verliebt sei; daß die Sterne schlaflos mit durstigen Blicken meine Schönheit tränken, daß der Wind schmachtende Seufzer ausstieße, wenn er unter irgendeinem Vorwande an mir vorbeistrich, und daß der Rasen, auf dem meine Füße ruhten, wenn er Bewußtsein gehabt, es bei ihrer Berührung wieder verloren hätte. Ich träumte, daß alle jungen Männer in der ganzen Welt wie Grashalme zu meinen Füßen lägen; und mein Herz wurde von einer unbestimmten Traurigkeit erfaßt.
Als meines Bruders Freund Schekhar seine medizinischen Studien beendet hatte, wurde er unser Hausarzt. Ich hatte ihn schon oft durch einen Spalt des Vorhangs gesehen. Mein Bruder war ein Sonderling und mochte die Welt nicht mit offenen Augen ansehen. Sie war ihm zu bunt und kraus. Und so rückte er allmählich immer mehr von ihr ab, bis er ganz allein in einer dunklen Ecke saß. Schekhar war sein einziger Freund und daher der einzige junge Mann, den ich je zu sehen bekam. Und wenn ich des Abends im Garten meinen Hof hielt, so war das ganze Heer von eingebildeten Anbetern, die zu meinen Füßen lagen, jeder ein Schekhar. -- Hören Sie zu? Woran denken Sie?«
Ich erwiderte mit einem Seufzer: »Ich wünschte eben, ich wäre Schekhar.«
»Warten Sie ein Weilchen. Hören Sie erst die Geschichte zu Ende. Eines Tages, in der Regenzeit, bekam ich Fieber. Der Arzt kam, um nach mir zu sehen. Das war unsre erste Begegnung. Ich lag dem Fenster gegenüber, so daß der rosige Abglanz des Abendhimmels auf mein blasses Antlitz fallen mußte. Als der Doktor eintrat und mich anblickte, versetzte ich mich an seine Stelle und betrachtete mich selbst. Ich sah im herrlichen Abendlicht das zarte blasse Gesicht wie eine welke Blume auf dem weichen, weißen Kissen liegen, während die Locken lose um die Stirn fielen und die schüchtern gesenkten Lider dem ganzen Gesicht einen rührenden Ausdruck gaben.
Der Doktor fragte in zaghaft leisem Tone meinen Bruder: >Dürfte ich wohl ihren Puls fühlen?<
Ich zog ein müdes, schön geformtes Handgelenk unter der Decke hervor. >Ach,< dachte ich, als ich darauf blickte, >könnte ich doch nur ein Saphirarmband daran haben[5].< Ich habe nie gesehen, daß ein Doktor sich so ungeschickt anstellte, wenn er den Puls eines Patienten fühlte. Seine Finger zitterten, als sie mein Handgelenk faßten. Er maß mein Fieber und ich seinen Herzschlag. -- Glauben Sie mir das nicht?«
[5] Witwen dürfen sich nur in Weiß kleiden, ohne jeden Schmuck.
»Das glaube ich Ihnen gern,« sagte ich, »der Herzschlag des Menschen ist verräterisch.«
»Nachdem ich mehrmals erkrankt und wiederhergestellt war, bemerkte ich, daß die Zahl der Höflinge, von denen ich des Abends im Garten träumte, bald auf einen einzigen zusammengeschmolzen war. Und zuletzt bestand meine kleine Welt nur noch aus einem Doktor und einem Patienten.
An solchen Abenden kleidete ich mich heimlich in einen goldgelben Sari, wand um den Knoten, in den ich mein Haar schlang, einen Kranz von weißen Jasminblüten und begab mich, mit einem kleinen Spiegel in der Hand, zu meinem gewohnten Platz unter den Bäumen.
Nun, glauben Sie etwa, daß man es bald müde wird, seine eigene Schönheit anzustaunen? Ach nein! Ich sah mich gar nicht mit meinen eigenen Augen. Ich war damals ein Doppelwesen. Ich sah mich, als ob ich der Doktor wäre; ich starrte mich an, war entzückt, verliebte mich zum Wahnsinn. Aber trotz all der Liebkosungen, mit denen ich mich überhäufte, irrte doch ein Seufzer in meinem Herzen umher, wie der ruhelose Nachtwind.