Die Nacht der Erfüllung: Erzählungen

Part 2

Chapter 23,798 wordsPublic domain

Er begann mit der alten Sage aus dunkler Vorzeit von dem Geschlecht des Königs und erzählte von dem Heldensinn und dem unvergleichlichen Edelmut dieses Geschlechts bis hinab in die Gegenwart. Er richtete den Blick auf das Antlitz des Königs, und die ganze unermeßliche Liebe zum Königshause, die das Volk still im Herzen hegte, fand Ausdruck und stieg wie Weihrauch in seinem Liede auf, den Thron von allen Seiten einhüllend. Dies waren seine letzten Worte, als er sich zitternd setzte: »Herr, wohl mag man mich im Spiel der Worte übertreffen, aber niemals in meiner Liebe zu dir.«

Tränen füllten die Augen der Hörer, und die Steinmauern erbebten von dem Beifallssturm.

Doch Pundarik schüttelte bei diesem allgemeinen Gefühlsausbruch nur erhaben sein majestätisches Haupt. Dann erhob er sich und warf mit verächtlichem Lächeln die Frage in die Versammlung: »Was gibt es Höheres als das Wort?« Augenblicklich verstummte der Beifall.

Und nun bewies er, indem er eine erstaunliche Gelehrsamkeit entfaltete, daß das Wort von Anfang an gewesen sei, daß das Wort Gott sei. Er brachte einen Haufen von Belegen aus den heiligen Schriften und errichtete daraus dem Wort einen hohen Altar, daß es darauf throne über allem, was im Himmel und auf Erden ist. Er wiederholte mit seiner mächtigen Stimme: »Was gibt es Höheres als das Wort?«

Stolz blickte er um sich. Niemand wagte, seine Herausforderung anzunehmen, und er setzte sich, langsam wie ein Löwe, der sich eben an seinem Opfer gesättigt hat. Die gelehrten Brahmanen riefen: »Bravo!« Der König war stumm vor Staunen, und der Dichter Schekhar kam sich ganz unbedeutend vor neben dieser verblüffenden Gelehrsamkeit. Die Versammlung war damit für den Tag geschlossen.

Am nächsten Tage stimmte Schekhar sein Lied an. Er sang von jenem Tage, wo das Flötenspiel der Liebe zum ersten Mal die Lüfte des Brindawaldes aus ihrem Schweigen aufschreckte. Die Schäferinnen wußten nicht, wer der Spieler war und von wannen die Musik kam. Bald schien sie aus dem Herzen des Südwindes zu kommen, und bald aus den Wolken, die über die Hügel hinzogen. Sie kam und brachte Liebesbotschaft vom Lande des Sonnenaufgangs, und sie schwebte mit Seufzern der Sehnsucht vom Tal des Sonnenuntergangs her. Die Sterne schienen die Register des geheimnisvollen Instruments zu sein, das die Träume der Nacht mit Melodien überflutete. Es war, als ob die Musik plötzlich von allen Seiten heranströmte, von Feldern und Hainen, von schattigen Heckenwegen und einsamen Landstraßen, aus dem zarten Blau des Himmels und aus dem schimmernden Grün des Grases. Sie verstanden ihren Sinn noch nicht und wußten nicht, was die Sehnsucht in ihrem Herzen bedeutete. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und ihr Leben sehnte sich, hinabzutauchen ins Meer des Todes und sich ganz darin zu verlieren.

Schekhar vergaß seine Hörer, vergaß, daß er dabei war, sich im Kampf mit seinem Nebenbuhler zu messen. Er stand ganz allein inmitten seiner Gedanken, die um ihn rauschten und flüsterten wie Blätter im Sommerwind, und er sang das Lied von der Flöte. Vor seinem Geiste stand ein Bildnis, das geboren war aus einem Schatten und aus dem leise klingenden Laut eines fernen Schrittes.

Er setzte sich. Ein unnennbares Gefühl wehmütiger Wonne, unbestimmt und grenzenlos, durchbebte die Hörer, und sie vergaßen, ihm Beifall zu rufen. Als sich die Wogen dieses Gefühls legten, trat Pundarik vor den Thron und forderte seinen Nebenbuhler auf zu erklären, wer der Liebende und wer die Geliebte sei. Er blickte stolz und selbstbewußt um sich, lächelte seinen Anhängern zu und fragte noch einmal: »Wer ist Krischna, der Liebende, und wer ist Radha, die Geliebte?«

Dann begann er, die Etymologie dieser Namen zu erklären, und wie man ihre Bedeutung auf verschiedene Weise auslegen könne. Mit vollendeter Geschicklichkeit brachte er alle die verwickelten Systeme der verschiedenen philosophischen Schulen vor die ganz betäubten Zuhörer. Jeden Buchstaben jener Namen trennte er von seinem Nachbarn und hetzte sie alle einzeln mit unbarmherziger Logik, bis sie vernichtet in den Staub sanken. Doch dann griff er sie wieder auf und gab ihnen eine ganz neue Bedeutung, auf die auch der scharfsinnigste Wortkrämer nicht verfallen wäre.

Die Gelehrten waren in Ekstase; laut lärmten sie Beifall, und die Menge stimmte ein, von dem Wahn hingerissen, daß jetzt eben hier vor ihren Augen durch ein Wunder von Intellekt der Vorhang vor der Wahrheit bis auf den letzten Faden zerrissen worden sei. Diese gewaltige Leistung entzückte sie so, daß sie ganz vergaßen, zu fragen, ob denn die Wahrheit nun auch wirklich hinter diesem Vorhang war.

Der König war von Staunen überwältigt. Die Luft war von allen Musikträumen vollständig gereinigt, und die Welt, die vorher im frischen jungen Grün dagelegen hatte, hatte sich in eine solide, gut gepflasterte Landstraße verwandelt.

Dem versammelten Volk erschien ihr Dichter jetzt wie ein bloßer Knabe an der Seite jenes Riesen, der so sicher dahinschritt durch die Welt der Worte und Gedanken und alle Schwierigkeiten mit einem Tritt zu Boden stampfte. Zum erstenmal wurde es ihnen klar, daß die Dichtungen Schekhars lächerlich einfach waren, und daß sie sie ebenso gut selbst hätten schreiben können. Sie waren weder neu, noch schwer verständlich, noch belehrend, noch unentbehrlich.

Der König versuchte heimlich durch scharfe Blicke seinen Dichter zu einem letzten Versuch anzuspornen. Aber Schekhar beachtete es nicht und blieb stumm auf seinem Platz sitzen.

Da stand der König zornig auf von seinem Thron -- nahm seine Perlenkette ab und legte sie Pundarik um das Haupt. Alle in der Halle riefen Beifall. Oben vom Balkon her kam ein leises Geräusch, wie das Rauschen eines Gewandes und der Klang von goldenen Glöcklein. Schekhar erhob sich und verließ die Halle.

Die Nacht war dunkel, die Sichel des abnehmenden Mondes gab nur ein mattes Licht. Der Dichter Schekhar nahm seine Manuskripte aus dem Schrank und häufte sie auf dem Fußboden auf. Einige davon enthielten seine ersten Dichtungen, die er fast vergessen hatte. Er blätterte darin und las hier und da eine Seite. Sie schienen ihm alle so unbedeutend und armselig, bloße Worte und kindische Reime.

Er zerriß seine Bücher eins nach dem andern und warf sie ins Feuer, indem er sagte: »Dir, dir will ich sie weihen, o meine Schönheit, mein Feuer! Du hast all diese verlorenen Jahre in meinem Herzen gebrannt. Wenn mein Leben ein Stück Gold gewesen wäre, so wäre es strahlender aus dieser Feuerprobe hervorgegangen. Aber es ist eine zertretene Rasenscholle und nichts bleibt von ihm übrig als diese Handvoll Asche.«

Die Nacht rückte langsam vor. Schekhar öffnete seine Fenster weit. Er breitete auf seinem Lager die weißen Blumen aus, die er so liebte: Jasminblüten, Tuberosen und Chrysanthemen, brachte alles, was er an Lampen im Hause hatte, in sein Schlafzimmer und zündete sie an. Dann vermischte er den Saft einer giftigen Wurzel mit Honig, trank ihn und legte sich auf sein Lager.

Da erklangen draußen im Korridor goldene Fußspangen und die Brise trug einen feinen Duft ins Zimmer.

Der Dichter hatte die Augen geschlossen. »Meine Herrin,« flüsterte er, »hast du endlich Erbarmen mit deinem Diener und kommst zu ihm?«

Eine süße Stimme antwortete: »Mein Dichter, ich bin da.«

Schekhar öffnete die Augen und sah an seinem Lager die Gestalt einer Frau. Er konnte nur noch wie durch einen Nebel sehen. Und es schien ihm, daß das aus dem Schatten geborene Bildnis, das er so lange im geheimen Schrein seines Herzens bewahrt hatte, jetzt in seinem letzten Augenblick in die Welt hinausgekommen war, um ihm ins Antlitz zu sehen.

Die Gestalt sagte: »Ich bin die Prinzessin Adschita.« Mit äußerster Anstrengung richtete sich der Dichter von seinem Lager auf.

Die Prinzessin flüsterte ihm ins Ohr: »Der König hat dir nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen. Du warst es, mein Dichter, der den Kampf gewann, und ich bin gekommen, um dich mit dem Siegeskranz zu krönen.«

Damit nahm sie den Blumenkranz von ihrem Haar und setzte ihn dem Dichter aufs Haupt, und der Dichter sank tot auf sein Lager zurück.

MASCHI

I

»Maschi!«

»Versuche zu schlafen, Dschotin, es wird spät.«

»Das macht nichts. Ich habe nicht mehr lange zu leben. Ich dachte eben, daß Mani doch lieber zu ihrem Vater sollte nach -- wo wohnt er doch noch?«

»In Sitarampur.«

»O ja, Sitarampur. Schicke sie dahin. Sie sollte nicht länger bei einem kranken Mann bleiben. Sie ist selbst nicht kräftig.«

»Nun höre ihn einer! Denkst du denn, sie könnte es ertragen, dich in diesem Zustand zu verlassen?«

»Weiß sie, was die Ärzte --?«

»Aber das sieht sie ja selbst! Als ich neulich nur leise andeutete, daß sie zu ihrem Vater sollte, weinte sie sich fast die Augen aus.«

* * * * *

Wir müssen hier zur Erklärung sagen, daß dieser Bericht die Wahrheit etwas entstellte -- um es gelinde auszudrücken. In Wirklichkeit verlief das Gespräch mit Mani folgendermaßen:

* * * * *

»Nun, mein Kind, du hast wohl Nachricht von deinem Vater bekommen? Ich meinte, deinen Vetter Anath hier zu sehen.«

»Ja! Nächsten Freitag ist das Annapraschan-Fest[2] meiner kleinen Schwester. Daher meine ich --«

[2] Entwöhnungsfest, wobei das Kind zum erstenmal Reis zu essen bekommt.

»Schön, liebes Kind. Schicke ihr ein goldenes Halsband. Darüber wird deine Mutter sich freuen.«

»Ich möchte selbst hinreisen. Ich habe meine kleine Schwester noch gar nicht gesehen, und ich möchte sie gar zu gern sehen.«

»Was fällt dir ein? Du denkst doch nicht im Ernst daran, Dschotin allein zu lassen? Hast du nicht gehört, was der Arzt gesagt hat?«

»Aber er sagte doch, daß augenblicklich keine besondere Ursache zu --«

»Wenn er das auch gesagt hat, du siehst doch, wie krank er ist.«

»Sie ist das erste Mädchen nach drei Brüdern und alle machen soviel aus ihr. -- Ich hörte, daß es eine große Sache werden soll. Wenn ich nicht komme, wird Mutter sehr --«

»Ja, ich weiß! Ich verstehe deine Mutter nicht. Aber ich weiß auch sehr gut, wie böse dein Vater sein wird, wenn du jetzt gerade Dschotin allein läßt.«

»Du mußt ihm ein paar Zeilen schreiben und ihm sagen, daß kein besonderer Grund zur Besorgnis da ist und daß, selbst wenn ich reise, auch kein --«

»Ja, da hast du recht; selbst wenn du reist, so ist nicht viel verloren. Aber das wisse: wenn ich deinem Vater schreibe, werde ich ihm offen sagen, was ich denke.«

»Dann brauchst du nicht zu schreiben. Ich werde meinen Mann fragen, und er wird sicher --«

»Nun hör mal, mein Kind. Ich habe ein gut Teil von dir ertragen, aber wenn du das tust, sind wir fertig miteinander. Und dein Vater kennt dich zu gut, als daß du ihn täuschen könntest.«

Als Maschi fort war, warf Mani sich verdrießlich aufs Bett.

Ihre Nachbarin und Freundin kam und fragte, was geschehen sei.

»Denk dir nur! Ist es nicht eine Schande? Jetzt kommt das Annapraschan-Fest meiner einzigen Schwester, und sie wollen mich nicht hinreisen lassen!«

»Aber Mani! Du denkst doch nicht wirklich daran, hinzureisen, wo dein Mann so krank ist?«

»Ich tue doch nichts für ihn, und ich könnte es auch nicht, wenn ich es auch versuchte. Ich will dir offen sagen: Es ist so sterbenslangweilig in diesem Hause, daß ich es nicht aushalten kann!«

»Du bist eine seltsame Frau!«

»Ich kann nur nicht heucheln wie ihr andern und trübsinnig aussehen, nur damit andre nicht schlecht von mir denken.«

»Nun, dann sag' mir, was du jetzt tun willst.«

»Ich muß fort. Niemand kann mich hindern.«

»Kßß! Was du für eine eigenwillige kleine Frau bist!«

II

Als Dschotin hörte, daß Mani geweint hätte bei dem bloßen Gedanken an eine Heimreise zu ihrem Vater, wurde er so erregt, daß er sich im Bett aufrichten mußte. Er schob das Kissen hinter seinen Rücken und sich darauf zurücklehnend, sagte er: »Maschi, öffne das Fenster ein wenig und nimm die Lampe weg.«

Die stille Nacht stand schweigend am Fenster wie ein Pilger der Ewigkeit, und die Sterne schauten herein, die Zeugen zahlloser Todesszenen in zahllosen Jahrtausenden.

Dschotin sah das Antlitz seiner Mani auf dem Hintergrunde der dunklen Nacht und sah, wie ihre großen dunklen Augen unaufhörlich von Tränen überflossen.

Maschi fühlte sich erleichtert, als sie ihn so ruhig sah, denn sie dachte, er schliefe.

Plötzlich machte er eine hastige Bewegung und sagte: »Maschi, ihr meintet alle, Mani sei zu oberflächlich, um sich in unserem Hause glücklich zu fühlen. Aber jetzt siehst du --«

»Ja, mein Liebling, jetzt sehe ich, daß ich mich irrte, -- aber in der Prüfung bewährt sich erst der Mensch.«

»Maschi!«

»Versuch doch zu schlafen, mein Liebling.«

»Laß mich doch ein bißchen denken, laß mich plaudern. Sei nicht böse, Maschi!«

»Nun also, plaudre.«

»Damals, als ich glaubte, ich könnte Manis Herz nicht gewinnen, ertrug ich es still. Aber du --«

»Nein, mein Liebling, das darfst du nicht sagen; ich ertrug es auch.«

»Unsre Herzen, weißt du, sind nicht leblose Dinge, die man nur aufzunehmen braucht, um sie zu besitzen. Ich fühlte, daß Mani ihr eigenes Herz nicht kannte und daß eines Tages, durch ein starkes Erlebnis --«

»Ja, Dschotin, du hast recht.«

»Daher beachtete ich ihre Launen nicht viel.«

Maschi schwieg und unterdrückte einen Seufzer. Nicht einmal, sondern oft hatte sie bemerkt, wie Dschotin die Nacht auf der Veranda zugebracht hatte. Er hatte sich lieber von dem prasselnden Regen durchnässen lassen, als daß er in sein Schlafzimmer gegangen wäre. Wie manchen Tag lang hatte er mit fieberndem Kopf dagelegen, und sie wußte, wie er sich sehnte, daß Mani käme und seine heiße Stirn kühlte, während Mani sich fertig machte, um ins Theater zu gehen. Doch wenn Mani gekommen war, um ihn zu fächeln, hatte er sie verdrießlich fortgeschickt. Sie allein wußte von seiner heimlichen großen Not. Wie oft hätte sie ihm sagen mögen: »Beachte das törichte Kind nicht so viel, laß sie, bis sie selbst Sehnsucht und stille Tränen kennenlernt.« Aber so etwas kann man nicht sagen, und es wird auch leicht mißverstanden. Dschotin hatte der Gottheit Weib in seinem Herzen einen Altar errichtet, auf dem Mani thronte. Er konnte nicht glauben, daß er keinen Anteil haben sollte an dem Wein der Liebe, den jene Gottheit schenkte. Und so fuhr er fort anzubeten und sein Opfer darzubringen und gab die Hoffnung auf eine Gabe nicht auf.

* * * * *

Maschi glaubte wieder, daß Dschotin schliefe, als er plötzlich ausrief:

»Ich weiß, du dachtest, ich sei nicht glücklich mit Mani, und daher warst du böse auf sie. Aber Maschi, das Glück ist wie jene Sterne. Sie decken nicht die ganze Dunkelheit zu, es sind Lücken dazwischen. Diese Lücken sind unsere Irrtümer. Wir machen Fehler im Leben und verstehen vieles falsch, aber das Licht der Wahrheit dringt doch durch. -- Ich weiß nicht, wie es kommt, daß mein Herz heute abend so froh ist.«

Maschi begann sanft über Dschotins Stirn zu streichen, während ihre Tränen ungesehen im Dunkel flossen.

»Ich dachte eben, Maschi, sie ist so jung! Was wird sie tun, wenn ich -- --?«

»Jung, Dschotin? Sie ist alt genug. Ich war auch jung, als ich den Geliebten verlor, und ich fand ihn auf immer in meinem Herzen wieder. War das überhaupt ein Verlust? Und meinst du denn, daß man durchaus glücklich sein muß?«

»Maschi, es scheint, daß gerade, wo Manis Herz erwacht, ich -- --«

»Sei darum nicht traurig, Dschotin. Ist es nicht genug, _daß_ ihr Herz erwacht?«

Plötzlich fielen Dschotin die Worte aus dem Liede eines Volkssängers ein, das er vor langer Zeit einmal gehört hatte:

O mein Herz, du erwachtest nicht, als der Mann deiner Liebe an deine Tür kam. Erst beim Schall seiner scheidenden Schritte erwachtest du. O, du erwachtest im Dunkel!

»Maschi, wie spät ist es jetzt?«

»Gegen neun.«

»Noch so früh! Und ich glaubte, es müßte wenigstens schon zwei oder drei sein. Meine Mitternacht beginnt ja schon, wenn die Sonne untergegangen ist. Aber warum wolltest du denn, daß ich schlafe?«

»Nun, du weißt, wie lange du gestern wach lagst, als du immerfort sprachst. Daher mußt du heute früh einschlafen.«

»Schläft Mani schon?«

»O nein, sie ist dabei, dir etwas Suppe zu kochen.«

»Das ist doch nicht dein Ernst, Maschi? Tut sie das wirklich?«

»Gewiß! Sie kocht ja alles für dich, die fleißige kleine Frau.«

»Ich dachte, daß Mani überhaupt nicht --«

»Eine Frau braucht nicht lange, um solche Dinge zu lernen. Wenn's not tut, lernt man sie von selbst.«

»Die Fischsuppe, die ich heute morgen aß, hatte einen so besonders köstlichen Geschmack; ich dachte, du hättest sie gekocht?«

»Ach, du meine Güte, nein! Du denkst doch nicht etwa, Mani würde mich etwas für dich tun lassen? Sie besorgt ja deine ganze Wäsche selbst; sie weiß, wie eigen du damit bist. Wenn du nur deine Wohnzimmer sehen könntest, wie blitzblank sie alles hält! -- Wenn ich sie häufig in dein Krankenzimmer kommen ließe, so würde sie sich ganz aufreiben. Aber das will sie ja auch gerade.«

»Ist denn Manis Gesundheit --?«

»Der Arzt meint, wir sollten sie nicht zu oft ins Krankenzimmer lassen. Sie ist zu weichherzig.«

»Aber Maschi, wie kannst du sie daran hindern, hereinzukommen?«

»Weil sie mir blind gehorcht. Aber ich muß ihr beständig sagen, wie es dir geht.«

* * * * *

Die Sterne glitzerten am Himmel wie Tränentropfen. Dschotin neigte sein Haupt dankbar seinem Leben, das im Begriff war zu scheiden, und als der Tod durch das Dunkel seine Rechte nach ihm ausstreckte, faßte er sie vertrauensvoll.

Nach einer Weile seufzte Dschotin und sagte mit einer Bewegung leiser Ungeduld:

»Maschi, wenn Mani doch noch wacht, könnte ich da nicht -- wenn auch nur eine --?«

»Ja gewiß! Ich will sie rufen.«

»Ich werde sie nicht lange festhalten, nur fünf Minuten. Ich habe ihr etwas Besonderes zu sagen.«

Maschi ging seufzend hinaus, um Mani zu holen. Inzwischen fing Dschotins Puls an, schnell zu schlagen. Er wußte nur zu gut, daß es ihm nie gelungen war, ein vertrauliches Gespräch mit Mani zu haben. Die beiden Instrumente waren verschieden gestimmt, und es war nicht leicht, sie zusammen zu spielen. Immer wieder hatte Dschotin ein plötzliches Gefühl von Eifersucht überkommen, wenn er Mani mit ihren Freundinnen lustig schwatzen und lachen hörte. Dschotin tadelte nur sich, -- warum konnte _er_ nicht über oberflächliche Dinge plaudern so wie sie? Nicht daß er es nicht gekonnt hätte; mit seinen männlichen Freunden plauderte er oft über allerlei alltägliche Dinge. Aber _das_ Geplauder, das für Männer paßt, paßt nicht für Frauen. Man kann ein philosophisches Gespräch als Monolog halten und seinen unaufmerksamen Zuhörer gar nicht beachten, aber beim leichten Geplauder müssen mindestens zwei zusammenwirken. Man kann auf _einer_ Sackpfeife spielen, aber nicht mit _einer_ Zymbel. Wie oft hatte Dschotin, wenn er am Abend mit Mani draußen auf der Veranda saß, gewaltsame Anstrengungen gemacht, eine Unterhaltung mit ihr in Gang zu bringen, aber immer wieder riß gleich der Faden ab. Und es war, als ob der Abend sich seines Schweigens schämte. Dschotin war sicher, daß Mani sich von ihm fortsehnte. Dann hatte er selbst ernstlich gewünscht, ein Dritter möchte dazu kommen. Denn eine Unterhaltung zu dreien ist leicht, wenn sie zu zweien schwer fällt.

Jetzt fing er an darüber nachzudenken, was er sagen wollte, wenn Mani käme. Aber so ein künstlich zurechtgelegtes Gespräch wollte ihn nicht befriedigen. Dschotin fürchtete, daß diese fünf Minuten heute abend verloren sein würden. Und doch blieben ihm nur so wenige Augenblicke zu vertraulichem Gespräch.

III

»Was ist denn das, Kind, du willst doch nicht irgendwohin?«

»Doch, ich will nach Sitarampur.«

»Was denkst du dir denn? Wer soll dich denn begleiten?«

»Anath.«

»Nicht heute, mein Kind, ein andermal.«

»Aber die Kajüte ist schon belegt.«

»Was macht das? Der Verlust läßt sich leicht tragen. Reise morgen, morgen früh.«

»Maschi, ich glaube nicht an die Unglückstage des Kalenders. Was kann es schaden, wenn ich heute reise?«

»Dschotin möchte mit dir sprechen.«

»Schön, ich habe noch etwas Zeit. Ich will noch schnell einmal nach ihm sehen.«

»Aber du mußt ihm nicht sagen, daß du verreisen willst.«

»Gut, ich will ihm nichts sagen. Aber ich kann nicht lange bei ihm bleiben. Morgen ist das Annapraschan-Fest meiner Schwester, und ich muß heute reisen.«

»O mein Kind, ich bitte dich, höre doch dies eine Mal auf mich! Versuch, dich eine Weile ganz still zu fassen und setze dich zu ihm. Laß ihn nicht merken, daß du es eilig hast.«

»Was kann ich tun? Der Zug wartet nicht auf mich. Anath kommt in zehn Minuten zurück. Bis dahin kann ich bei ihm bleiben.«

»Nein, das geht nicht. In dieser seelischen Verfassung werde ich dich nie zu ihm lassen ... O du erbärmliches Geschöpf, der Mann, den du so quälst, wird bald diese Welt verlassen; aber ich warne dich: du wirst diesen Tag zeitlebens nicht vergessen. Daß es einen Gott gibt, daß es einen Gott gibt, das wirst du eines Tages erfahren.«

»Maschi, du mußt mich nicht so verwünschen.«

»O mein armer Junge, mein Liebling! Warum lebst du noch länger? Diese Sünde hat kein Ende, und ich kann nichts tun, sie zu hindern.«

* * * * *

Maschi zögerte noch eine Weile, dann ging sie ins Krankenzimmer zurück in der Hoffnung, daß Dschotin inzwischen eingeschlafen sei. Aber Dschotin bewegte sich im Bett, als sie eintrat. Maschi rief aus:

»Sieh einmal an, was sie nun gemacht hat!«

»Was ist geschehen? Kommt Mani nicht? Warum bist du so lange fortgeblieben, Maschi?«

»Ich fand sie bitterlich weinend, weil sie die Milch für deine Suppe hatte verbrennen lassen. Ich versuchte sie zu trösten und sagte, es gäbe ja noch mehr Milch. Aber daß sie bei der Zubereitung _deiner_ Suppe so nachlässig hatte sein können, der Gedanke brachte sie ganz in Verzweiflung. Mit großer Mühe gelang es mir, sie etwas zu beruhigen und ins Bett zu bringen. Daher habe ich sie heute nicht mitgebracht. Laß sie ihren Kummer verschlafen.«

Obgleich es Dschotin schmerzlich war, daß Mani nicht kam, fühlte er sich doch in gewisser Weise erleichtert. Er hatte so halb und halb gefürchtet, daß die wirkliche Mani das Bild, das er von ihr im Herzen trug, trüben könnte. Das war schon früher geschehen. Und der Gedanke, daß Mani unglücklich war, weil sie _seine_ Milch verbrannt hatte, füllte sein Herz mit überströmender Freude.

»Maschi!«

»Ja, mein Liebling?«

»Ich bin ganz gewiß, daß es mit mir zu Ende geht. Aber ich bin nicht traurig darum. Gräme dich nicht um mich!«

»Nein, mein Liebling, ich werde mich nicht grämen. Ich glaube nicht, daß nur das Leben gut ist, und der Tod nicht.«

»Maschi, du kannst mir glauben, der Tod ist süß.«

Dschotin lag still da und blickte hinaus in den dunklen Nachthimmel, und es war ihm, als ob es Mani selbst sei, die in Gestalt des Todes auf ihn zuschritt. Sie war in ewige Jugend gekleidet, und die Sterne waren Blumen, die die große Mutter der Welt segnend auf ihren dunklen Scheitel gestreut hatte. Es war ihm, als ob er sie jetzt wieder zum erstenmal unter dem Hochzeitsschleier sähe[3]. Die unendliche Nacht wurde ganz erfüllt von dem liebenden Blick aus Manis dunklen Augen. Mani, die Braut dieses Hauses, das kleine Mädchen, wurde zu dem Bild einer Gottheit, das auf dem Altar der Sterne thronte, wo Leben und Tod in _einen_ Strom münden. Dschotin faltete die Hände und flüsterte leise: »Endlich hat sich der Schleier gehoben, die Hülle des tiefen Dunkels ist zerrissen. Ach, Geliebte! Wie oft hast du mein Herz gemartert, aber jetzt wirst du mich nicht mehr verlassen!«

[3] Braut und Bräutigam sehen einander zum erstenmal bei der Hochzeitsfeier unter einem Schleier, den man ihnen übers Haupt wirft.

IV