Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen

Part 6

Chapter 63,185 wordsPublic domain

Ich lag des Nachts auf dem Schiffsboden. Traumsterne funkelten und bebten. Sie wußten von fremden Wesen, die unfaßbare Dinge erlebten, die von ungeahntem Glück umleuchtet, von ungewußtem Leid bedrückt waren. Die Segel schwangen im Winde und sangen das Lied von verlöschenden Leben und süßen Lüsten an fernen Gestaden, wo viel bunte Blumen sich vor weißen Terrassen verbeugen, und violette Vögel aus den Bäumen äugen.

Einmal, beim windigen, fröstelnden Frühmorgenrot, tauchte ein massiges Riff finster über die Wellen. Die wütenden Wasser wuchsen an, sprangen zu uns ins Boot, begruben unsere Füße, leckten nach Händen und nach dem Mund. Wir kämpften in Mühsal uns weiter, den geheimnisschwangeren Umrissen entgegen. Ihre Formen falteten sich auseinander, wurden weit und hoch. Da hob sich die Sonne ein weniges über die weißen, die schreienden Wasserkämme und zeigte uns einen verstümmelten Schiffsleib. Mit zierlichen weißen Geländern und Türmchen und Stangen, mit Kupferkesseln und Silbergerät, schräge über das Meer gestellt, zur Hälfte nur noch aus den Fluten heraus. In seinem Innern überschlugen sich hämmernd die Wogen. Kreischend rissen sie an Bänken und Türen, an metallenen Haken und Lampenringen, an allem, was bei stiller See ihnen immer unerreichbar blieb.

Der Schiffer und sein Knabe falteten die Hände zu unhörbarem Beten und erinnerten sich, daß Fischer im Nachbardorf eines Winters Tag und Nacht lang um die Insassen eines gestrandeten Schiffes gerungen hätten, und wie sie in schauriger Vormorgenstunde erst geborgen wären, bis auf den letzten Matrosen, bis auf den letzten Fahrgast.

Das Frührot deckte sich grau zu. Bleierne Last hüllte das ferne Land und die Umschau über die Wasser. Nichts blieb als der ungeheure zertrümmerte Rumpf und das Peitschen und Jagen der gründunklen Wasser. Kalter Nebel faßte uns an und hetzte uns fort von dem einsam gelassenen, toten Schiff inmitten der heulenden Wetterstürze, legte sich zwischen uns, bis es uns nur noch dunkle Vision war.

Wir gingen an Land, weit vom bestimmten Ort. Aus dem Nebel war dickflüssiger Regen geworden, der uns an fremder Fischerhütte Obdach bitten ließ, kalt und verfroren, wie wir waren von langer Sturmesfahrt. Wir legten die nassen Kleider zum Feuer, tranken Heißes. Und unsere Blicke ließen nicht ab von dem brüllenden Meer vor den Scheiben.

Da wiederholte ich langsam die traurige Geschichte »Vom gestrandeten Schiff«, die mir die Begegnung auf den brüllenden Wassern erzählt hatte:

»Der Meergott hatte sich in das Schiff »Weiße Schwalbe« verliebt. In Wildheit und brennender Lust. Er wollte es hinunterreißen zu seinen fünfzigtausendundneun anderen Geliebten, Schiffen aus allen Winden, die er am Meeresgrund gefesselt hielt. Die Weiße Schwalbe aber stieß mit ihrem flinken Körper Furchen in die Wellen und sagte nichts zu seinem Lieben. Der Meergott ritt auf wutschäumenden grünen Untieren hinter ihr her, riß das Meer auseinander und zeigte ihr seiner abgründigen Reichtümer Pracht: Korallenwälder in roten Flammen und gelbe Bernsteinfelder, durchsichtig wie Glas. Schlösser aus fabelweißen Perlen gebaut. Tanzende Quallen, Schalen und Muscheln von unerhörtem Geglänz. Im Lichte bleichblütiger Sterne, die er des Abends vom Himmel herabnahm. Die Schwalbe aber hob sich immer höher über ihn, je mehr er sie mit seinem Werben umstürmte, als höhnte sie ihn mit der Unnahbarkeit ihres fernen weißen Leibes.

Einmal, da sie sich kaum noch retten konnte aus seiner harten Umklammerung, schrie sie ihm ihre Verachtung zu: »Ich will nicht deine Reichtümer unter der Oberfläche, die von Ungetümen und stummen Fabelwesen bedräut sind. Ich will nicht das gestohlene Licht vom Himmel, das jeder Morgen sich zurückholt. Ich will selbst die Helle der Welt besitzen und die schönsten vollendetsten Wesen der Schöpfung zu ihren Zielen führen. Ich will ihren traurigen Gesprächen und ihren süßen Torheiten horchen. Ich will stolz sein wie sie und das Meer selbst unter meine Füße zwingen.«

Der Meergott befahl seine Vasallen und wies ihnen das weiße Schiff. Sie rasten und rissen an ihm. Das Schiff aber hob seine metallenen Flügel und flog ihnen voraus. Musik und Lachen, weißflimmernde Masten und bunte Gestalten und flatternde Wimpel und lichtumbraustes Gold- und Silbergestänge auf seinem Rücken. Da fielen die Untertanen des ergrimmten Gottes es von vorn an, von den Seiten, von überall. Immer größere Scharen warfen sich dagegen, mit Gezisch und Geseufze und Wassergekreisel. Sie schlugen darauf ein, trümmerten es mit Wasserklumpen, hart wie Felsengestein. Sie rollten es von Seite zu Seite und warfen ihm Ballen von Wasser tief in den Mund. Halb im Ersticken neigte es sich. Die süßen und die wehen Melodien verstummten. Alle Insassen drängten auf eine Seite, zu den Rettungsboten, daß es tiefer noch hinsank zu seinen Peinigern. Die rissen ihm Wunden ins Fleisch und erstickten sein Todesröcheln mit wildem Freudengebrüll. Sein heißes Herz zersprang und schüttete noch im Verenden flammenden Brand ihm in die Eingeweide, daß sie in tausend Schmerzen verglühten.

»Haltet ein,« rief der Meergott, »euer Werk ist getan! das Weitere bleibe mir!«

Und seine untertänigen Diener liefen und rollten und entrissen dem zuckenden Leib die versehrten Teile, bis er, kalt und leblos, von den fröhlichen Menschen verlassen, zur Hälfte verbrannt, zur Hälfte versunken, in den Wassern hing, die ihn wie Tausende Schleusen umrauschten.

Nachts aber, wenn das Meer überschwoll, erhob sich der rachsüchtige Gott und schrie und stöhnte an dem zerschellten Gerippe, das seine Liebeshoffnung gewesen war. Zuweilen auch nahm er in Wut die Hände voll mannshoher Wellen und bedrängte mit ihnen den toten Leib, schlug und polterte auf ihn ein und kauerte sich darin zusammen. Neugierige Fische wollen gesehen haben, wie er ihn in unbeweglichen Frühlingsnächten mit weichen Fingern in zärtliche, dunkelblaufließende Seiden gehüllt, ihn in flüsterndem Singsang gewiegt und aus seinem Seetangbart tränende Perlen darauf verschüttet habe.

Die Wanderer aber, die sich im Herbstdräu'n hierher verlieren, auf die winters es schneit an der Küste so öder Verlassenheit, stehen und lugen in Bangnis nach ihm und sprechen mitleidsvoll von den armen Menschen, die eine ganze schwarze Novembersturmnacht mit dem nassen Tode gerungen.

Niemand aber gedachte des stolzen Schiffes, seines qualvoll langsamen Untergangs und seines geschändeten Leichnams, dem bis heute kein Grab noch geworden.«

* * * * *

Die Fischer tranken und schwiegen. Ich sog den unwiderstehlichen Duft von Salzluft, Tang und Meeresatem tief in mich ein, daß er mich ganz durchtränke. Ich horchte dem wachsenden Lärmen der Wasser, und meine Gedanken umflatterten schwer das gestorbene Schiff und seinen wollüstigen Schänder und kämpften um die Möglichkeit einer malerischen Gestaltung.

XVII.

Den 30. Juli 1919.

Wieder zu Hause! Ich male, male, male. Noch zwei, drei Tage. Und das Werk fällt ab von mir und meinem Sein. Wird selbständig. Geht in die Welt. Und ich weiß nicht, wie die tausend Augen da draußen es ansehen, die tausend Herzen es fühlen, die tausend Hirne es verstehen werden. Das Werk fällt ab von dem Künstler wie ein Kind von der Mutter. Wird selbständig. Und doch -- so anders. Das Werk nährt sich von unserem Geiste, unserer Seele allein. Des Kindes Säfte sind aus den Samen vielvieler Voreltern aufgeblüht. Seine Seele kann hunderte Jahre nachgeboren sein. Von einem, der ganz fremden Stammes, ganz fremden Sinnes uns wäre und den wir nie begreifen würden. Wie seltsam das ist! Und unerklärlich, solange das Kind uns ganz gehört: in der Frühe seines Lebens ...

Ich male des Tags. Und lebe abends allein im Garten. Ludwig und Henno weichen mir aus. Verschließen mir die Pforte zu ihrem Wesen mehr und mehr. Sie sagen mir nichts als glatte Alltäglichkeiten, wenn wir bei Tisch uns begegnen. Ich lasse sie. Das beendete Werk gibt mir ein Glück, so meeresreich und macht mich weich für ihre Härten. Wie soll ich auch wissen, was heute ihre Jugend, ihre Seelen bedrängt? In Tagen zeige ich ihnen mein Bild, das fertige ... Wie aber, wenn Ludwig sich beim Anschauen nur des wirtschaftlichen Erfolges freute? ... Nur das Recht neuer Ausschreitungen von seinem Ruhme erhoffte?

Und ich schelte mich: Grüblerin! Mußt du immer Neues dir erklügeln? Und Henno? Hast du nicht Henno? Wie wird er sie hochhalten, gerade diese Schöpfung, da schon die Skizzen, der Anfang, ihn Stunde und Stunde seinen eigenen Ehrsuchtsplänen und Arbeiten zu entführen wußten! ...

Ist es nur die Hitze dieser Sommertage, oder verbrennt mich die Hast, den letzten Strich zu sehen? Die weiße Glut des Tages drückt, drückt. Läßt nicht einmal nach, wenn der Abend ihr seine dunklen Tücher über die grellen Augen wirft. Sie drängt in die müde Nacht, in das lichtverschlossene Haus, durch die tagumhüllten Fenster und entweicht auch nicht aus den Zimmern, wenn sie dem Nachtdunkel geöffnet werden. Sie preßt so schwer auf den Kopf! Macht die Hände, die Gedanken ermatten. Unersättlich greift sie mit brennenden Fingern nach allem, was blüht und atmet und lebt ... Und läßt es hindorren und zerschmachten ...

XVIII.

Den 2. August 1919, am Morgen.

Gestern war Henno früh heimgekommen und hatte den Abend zu Hause gelebt. In merkwürdiger Erregtheit, mit nachtwandlerischen Augen und dem schwankenden Gang eines Trunkenen, war er im Garten unter dem bleiernen Dach der hitzeschwelenden Wolken einhergeirrt. Ohne Ermüdung. Stumm und steif. Zuweilen kam er dicht zu der Bank, auf der ich der Entladung der hirnumklammernden Gluten harrte. Ich fürchtete, ihn aus seinen bösen Träumen zu rufen, und wartete doch eines Wortes der Schwachmütigkeit, eines Hilfeschreis. Sahen seine Augen mich wirklich nicht? Sie blickten mich starr an, tot. Und weiter hetzte er seine Füße quer durch die Wege und über die Rasenflächen. Schweiß rann von seinen Haaren, seinen Wangen. Manchmal stießen Blitze ins Grau, rot und zugespitzt, in Feuer getauchte Dolche. Irgendwo mochten Felsblöcke in tiefen Grund kollern, aber es war noch fern. Und weiter die Last der tiefen Hitzewellen und Luft wie kochendes Wasser.

Ich erhob mich schwer und matt und vertrat Henno den Weg.

»Was quält dich? ...« fragte ich. Und meine Stimme liebkoste seine Unrast, als sei er der kleine Knabe mir im Schoß.

»Weißt du's nicht?« rief er. Seine Augen spießten die meinen, und dann leise: »Später!«

* * * * *

Den 2. zum 3. August 1919, in der Nacht.

Welch eine Gewißheit, ein paar Stunden nach der Niederschrift vom Morgen. Eine Gewißheit, die mir durch Zeitungen werden sollte! Und die ich diesen Blättern als Letztes beifügen will ... muß.

Ich glaubte an eine Augentäuschung, ein Versagen meines Gehirns, eine Verzerrtheit der Berichterstattung. Ich rieb die Lider, feuchtete die Schläfen kalt, sah den Namen des Schreibenden an. Wieder und nochmals. Tat andere Blätter auf. Einen Irrtum gab es nicht. Henno Bergmann, der Hochbegabte, Unermüdliche, hatte bei einer Ausstellung der Akademieschüler den Ersten Preis erhalten, für phantasievolle, geniale Entwürfe zu einem Revolutionsball.

Und dennoch: es mußte eine Verzerrung der Tatsachen geben! Vielleicht, daß er mich überraschen gewollt, daß die Preisrichter Henno statt Henny gelesen hatten und deshalb dem Schüler die Ehrung zusprachen ...

»Henno,« schrie ich durchs Haus ...

Er war im Augenblick da. Ich riß die Hülle von meinem Gemälde. Ich wies auf die hingestreuten Zeitungen. Kein Wort konnte mir bis zu den Lippen kommen.

Er stand vor dem Bilde. Und seine Augen besaßen es ganz, Strich um Strich. Brennend und doch wägend.

»Schade,« sagte er, »sehr schade ... aber meine Zukunft ist von größerem Wert ...«

Und als ich, sein Geständnis aus diesen Worten empfangend, zusammenbrach, drang sein Beschwören auf mich ein:

»Bedenk' doch, meine Zukunft! Die Zukunft deines Sohnes! Bist du nicht die Fertige? Was tut es dir Abbruch? Wie lange aber hätte ich beiseite stehen und in Erschöpftheit hinsinken müssen, ehe meine Kunst den Herren Lehrern und Kritikmännern mehr als Machwerk bedeutet hätte? Kannst du nicht Neues dir erdenken und erschaffen alle Tage?«

In abgerissenen Sätzen, zerhackten Worten und Ausrufen widersprach ich seiner Schönfärberei. Ob er in dem Gnadengeschenk künstlerischer Empfängnis eine alltägliche Begebenheit sähe, auf Befehl zu verdichten, mit den Händen zu haschen? Ob er nicht die Not des Schaffens, die Wehen des Werdens, die Marter eines mißlungenen Eindrucks oder Entwurfs, den bitteren Kampf um die Einzelheiten wisse, daß Urheberschaft eines Werkes ihm so Geringes sei?

»Bin ich nicht dein Erbe ohnehin?« erhitzte er sich.

»Der Erbe meiner Habe, der Erträgnisse meiner Kunst ... meines Blutes, wenn du will , nie aber der Erbe meines geistigen Eigentums ...«

»Die Kunstrichter haben gesprochen. Morgen gehen die Zeitungsmeldungen weiter hinaus. Was soll diese Szene?«

»Dich zu deiner Pflicht führen. Die Blätter und die Lehrer berichtigen, daß nur ein Buchstabe den Irrtum schuf ... den kostbarsten Besitz deiner Mutter wiedergeben ...«

»Du scherzest nicht, höhnst mich nicht in solcher Stunde?« schrie er auf. »Oder glaubst du, ich werde mich selbst an den Pranger stellen? Von unten neu anfangen mit Kniebeugen und Nackenkrümmen vor jedem Handlanger der Zunft, mit Suchen nach neuen Plänen, mich rasch, rasch zur Höhe zu reißen nach der mein Ehrgeiz verbrennt? Mit Arbeit, daß mir die Hirnschale zerspringt und das Herz vor Eifersucht und Groll bei jedem Aufstieg der anderen?«

»Ich will dir helfen, Henno, soviel ich kann, soweit es nur geht. _Ein_ Werk tut's ja nicht ... Wie willst du weiterbestehen?«

»Wie naiv du urteilst! Und bist so alt neben mir! Der Name macht's, die Reklame, das Tamtam! Nun ich den Namen habe, brauche ich um Aufstieg nicht bange zu sein. Kann ich nicht etwas? Und mehr als die anderen?«

»Ebendarum, Henno, hörst du, du mußt die Sache in Reinlichkeit ordnen. Sag' meinetwegen, eine üble Wette ..., daß meine Pinselführung erkannt würde. Sag', was du willst! Henno, ich verlange, ich fordere es: Rette mir mein Bild, damit ich es nicht tun müßte ...«

»Da ... mit ... _du_ ... es ... nicht ... tun müßtest? Und bist zu solcher ... Handlung entschlossen?«

»Dachtest du, daß ich lautlos beiseite trete? ... Mein bestes Werk aufgebe für ein paar Vorentwürfe, die dir einen Schülerpreis geben? Dein Leben, Henno, steht kaum noch im Lenzessprossen ... Was kann dir an Kunst noch gelingen, an Ruhm noch werden! ... Das meine fließt Tag um Tag schneller zum Ende hin ... Es sind nicht mehr viele Bilder, die ich so aus tiefinnerster Scham und Leid für meine Mitmenschheit, in solcher Vergeistigung, so reich an Räuschen und Buntheiten schaffen könnte. Habt ihr Jungen es denn nicht leicht genug, eure Vorderen zu überlaufen? Muß es auf so unheiligem Wege sein?«

»Wir verstehen uns nicht, das weißt du seit Monaten,« sagte er. Sein Gesicht war harlekinweiß und hochfahrend geworden wie das Ludwigs bei solchen Anlässen. Seine Augen sahen eisig und nadelspitz zu mir hin. »Ein weiteres Hin und Her würde deine Anschauungen und Beschlüsse nicht zu ändern vermögen. Bitte, sage: ja oder nein?«

In meinem bohrenden Hirn schnellten Erwägungen, Entwürfe, Vermittlungen auf, aber ich erkannte sie alle als gleich schöne Dichtungen. Meine Söhne wollten Tatsächlichkeiten. Immer ein Ja oder Nein ... mit der Pistole in der Hand ...

Hatte ich es ausgesprochen? Gab es sekundenflinke Suggestion? Henno hatte seine Hand in die Tasche gesenkt, hielt etwas umkrallt.

Träumte ich einen Schreckenstraum? Vorstellungen rasten an mir vorbei, fielen ineinander ... Vor dem offenen Fenster toste in Urgewalt das Gewitter. Wolkenbrüche stürzten sich auf die gezerrten Bäume, vernichteten Farbiges, Blühendes, Leuchtendes. Aus Augenblicken schwarzer Finsterkeit, aus tiefem Niederbruch hob sich hier, da ein Baumast, flehend wie Menschenarm, eine Blume, betend wie Menschenauge, fanatisch: »Komm, zerstöre auch mich ...«

»Ja oder nein!« wiederholte jemand. War es Henno? Oder wer sonst? ... Wer? Doch ... ich ... wußte es ja ... der Sohn, der den Vater erschießen kam ... Oder mein Sohn, Henno? Hatten sie es nicht gelobt in jenem Buche? ...

»Und wenn ich mich nicht ... so zwingen ließe ... Henno ... sag's erst ... wenn ich bei meinem ›Nein‹ verharrte?«

»Ich kann nicht zurück in das Bodenlose, in die Unbekanntheit ... Niemals! ...«

»Henno, deine Mutter, die Beraubte, die Gekränkte, bittet, fleht zu dir: Gib mir mein Werk zurück! Laß uns Wege zu ihm suchen, so wirr und so mühselig sie sein sollten, wir wollen sie gehen, Hand in Hand ...«

»Wir würden keinen finden, der das Werk da dir rettet ... Die Skizzen dazu künden meinen Namen ... Es gibt für mich kein anderes ... Keinen Kompromiß. Nur ein Ja oder Nein ... von deinen Lippen ...«

Meine Lippen ließen nicht voneinander, verkrampften sich fest an den Rändern.

Der Garten ächzte und schrie unter den peitschenden Hieben vom Sturm und den Wolkengüssen. Die Fenster zerrten kreischend an ihren Angeln. Feurige Schwerter durchflogen die Luft und rissen gezackte Wunden ins Dunkel. Eins zerstieß mir das Herz und brannte, brannte ...

Meine Lippen konnten sich nicht aus ihrer Starrheit erlösen. Schaurig, beutebereit, wie eine Horde wilder Bestien brüllten die Donner, in meinem Hirn schrie ihr Echo ...

Die Hand Hennos hob sich schneeweiß auf grauem Gebilde ... Zögernd noch ...

»Jetzt zielt er,« blitzte mir ein Gedanke zu, »wie bei seinem Lieblingsdichter ... Nur ... bin ich viel zu gesund noch zum Herzschlag ...«

Die Hand hob sich höher ... zu Hennos Kopf ...

Sein Gesicht war grünlich, spitz und hart wie der Tod.

Wer wirbelte all diese Bilder einen Pulsschlag lang auf? Henno, den Säugling mit atlaßnen Härchen, die Händchen kosend mir an den Wangen. Henno, den Schüler, mir an der Hand. Und mein Glück bei seinen kindhaften Malereien. Henno im Krankenbett, und ich in leisen Schneefallnächten sein Leben von neuem erkämpfend. Henno ... am Boden liegend ... aus schwarzer, kaum sichtbarer Öffnung sein Blut verströmend, sein purpurrotes ... sein geliebtes Blut hinströmend ...

»Henno,« meine Lippen waren weit aufgetan, »Henno, ja ... ich schenke es dir, Henno ... mein Bild ... da ... hast ... du ... es ...«

Und in Hast, vor dem totverblaßten Jüngling, schnitt ich ins Fleisch meines Werkes ... kreuz und in die Quere. Und längshin und in die Breite ...

Und hielt ihn und tastete seine Glieder an, die unversehrten. Und aus der Ferne, aus einem entschollenen, verlorenen Leben tropften Worte in meine brennende Herzenswunde. Verse einer bretonischen Ballade. Vom Sohne, der seiner Liebsten das Herz der Mutter für ihre Gunst bringen sollte, das Herz seiner Mutter für ihren Hund.

Der ging und schlug seine Mutter tot Und nahm ihr Herz, das zuckte so rot ... Und als er es trug in zitternder Hand, Da fiel er -- es glitt das Herz in den Sand. Und als es so vor ihm im Staube lag, O sieh, es sprach ... Es sprach, das hörte wie Weinen sich an: »Mein Kind, hast du dir weh getan?«

Wir Verlag / =Dr.= Kurt Bock / Berlin NW 87

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Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

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Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

Seite 16: "«" eingefügt (Ausgleich für der Mutter Abwesendsein?«)

Seite 24: "," eingefügt (lösche das hyazinthblau hängende Licht,)

Seite 27: "blaßen" geändert in "blassen" (sehnsuchtsbang in die blassen Stuben)

Seite 32: "besassen" geändert in "besaßen" (Männer sie mit den Blicken besaßen)

Seite 63: "«" entfernt hinter "sei?" (daß Urheberschaft eines Werkes ihm so Geringes sei?) ]