Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen
Part 5
»Mammi hat dir sicher von meinem Entschluß gesagt. Wie sollte mir sonst diese Sehnsucht kommen, wenn nicht von ihm? Meine Mutter, die Mitschülerinnen, meine Freunde, alle neigen sie weltlicher Weise zu ... Alle werden sie meine Wahl töricht, kindhaft, voreilig benennen ... Er aber, mein Vater, der Dichter und fromme Katholik, wird wissen, daß es nicht Enthaltsamkeit, daß es Wonne ist, die mich dorthin, zu den heiligen Freuden gehen heißt ...«
»Du bist zu jung noch. Deine Entschließungen dürfen nicht heute schon dein ganzes Leben binden,« unterbrach ich sie. Und die Schuld meines Sohnes krallte sich in mein Herz.
»Jung?« fragte sie. Und ich erinnerte mich, daß das gleiche Wort, so gedehnt und abweisungsvoll schon einmal zu mir gesprochen war. Und wie ein Schemen flog Gert Driesen an mir vorüber. »Jung? Es gibt Menschen, die kaum als Greise altern. Und es gibt Junge, die ein Tag alt und weise werden läßt. Oh, ich weiß das Leben der Welt jetzt,« rief sie und ihre tote Haltung wandelte sich und wurde lodernde Empörung: »Soll ich es dir sagen, damit du meine Bestimmungsreife erkennst? Das Leben der Welt da draußen heißt Krieg, Revolution, Diebstahl, Mord, Lüge, Falschheit und Wortbruch. Ist Grausamkeit, Eigensucht und Genußbegier. Ist alles, was einen häßlichen Namen führt. Und selbst die schönbenannten Dinge tragen nur lose Hüllen und offenbaren bei geringer Wendung ihre geheime Garstigkeit ...
Dort aber, vor jener Stätte, die mein Leben einschließen soll in ihre ewige Heiligkeit, bleibt alle dunkle Last des Lebens zurück. Dort werden die Leiden und Züchtigungen der Erde in trunkene Lust verkehrt. Dort ziehen die Tage vorüber, weiß und unschuldig, wie eine Prozession feiertäglicher Firmelkinder und blicken uns an mit edelsteinreinen Augen. Dort, hinter jenen Toren der stillen Glückseligkeit, verschweben die Stunden auf den sammetnen Sängen der Nonnen und der frommen Orgeln und schmiegen uns in sanftblaue Weihrauchdüfte. Dort stützen die Heiligen unsere Herzen, daß sie nimmer im Erdenmeere des Leides ertrinken. Dort heben uns die zum Menschheitsheile Geopferten empor, damit wir nie mehr im Abgrund der Einsamkeit versinken. Oh! Wären die Monate schon gelebt, die mich von jener mondleisen Bleibe scheiden! Daß ich nur noch die gefestigten Mauern des süßen Asyls, meine Augen die Welt nur noch durch verdämmernde Kirchenfenster schauen! ...«
»Kleine, süße Ellinor!« flehte ich, »bleib bei uns! Nur eine kleine Wartezeit! Vielleicht, daß du hier etwas findest: Deine Kunst zu dichten, einen geliebten Menschen, die du mit gleich schwärmerischer Sehnsucht umfangen könntest. Bedenke, es gibt keine Rückkehr von dort! ... Es sei denn, unter unfaßbaren Opfern ...«
Da schrie sie die wilde Klage:
»Mein Glaube an eure roten Erdenfreuden, an der Menschen Verlaß ist gestorben. So laßt mir das Paradies der kerzenblassen, himmlischen Schwermütigkeiten ...«
XIII.
Den 20. März 1919.
Ich arbeitete emsig und spät in die Nächte hinein, um meine eigensinnigen Gedanken von Ellinor und Sabine fortzujagen. Und hatte angeordnet, daß kein Besuch mich störe. So erfuhr ich nach Tagen erst, als ich meinen allzu angespannten Nerven Ruhepause geben mußte, daß Kurt-Georg zweimal gebeten hatte, mich sprechen zu dürfen.
Ich rief ihn ans Telephon und wollte wissen, ob ihn etwas bedrücke. Er komme sofort, hieß die Antwort und sagte mir ehe er da war: ja.
Und wie er eintrat, mit eingezogenen Schultern und sein Gesicht zu mir aufhob, das mit einer gilbenden Schicht bezogen schien, wußte ich, daß ungeheure Last ihn beschwere. Er sprach von ganz fortliegenden Dingen, wie ein fremder junger Mann von Stande und Umgangsformen. Seine Augen sahen schräge an mir vorüber auf einen nackten Punkt der Wand.
Ich zerriß einen seiner Sätze, aus fernen Worten zusammengesetzt, die weder zu ihm, noch zu mir gelangten, und bat ihn, mir das Ziel seiner Besuche zu nennen.
Er verwirrte sich in seiner Erzählung, blieb stecken. Dann brach hinter der maskenhaften Gleichgültigkeit des Gesellschafters die Traurigkeit eines Menschen durch, der furchtbar litt. Langsam, immer noch in Widerstreben, schob seine Hand sich in eine Tasche, entnahm ihr einen gelbgesiegelten Brief und seine zuckenden Finger ließen ihn auf den Tisch fallen.
»Soll ich lesen?« fragte ich.
»Ich ... bit ... te ...« Dreimal hob seine Brust sich, um die Silben deutlich werden zu lassen.
Der Brief war aus Berlin und von Gert Driesen geschrieben:
»Armer Kurt-Georg!
Du hast noch eine weite Strecke zu pilgern, ehe Du zu dem Ziele kommst, dessen Türe ich sogleich öffnen werde. Ich muß Dich für diesen Anfang um Verzeihung bitten und für die Banalität, die dahinter steht: ›Wenn Du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr!‹ Aber was ist denn unser ganzes Leben anderes, als eine große gähnende Banalität? Und wozu sich die Mühe nehmen, sie schönzeichnerisch zu umranden? Solche Effekthascherei überlasse ich jenen, die noch die vage Kühnheit besitzen, sich dieses Leben gelb, rot, grün oder blau malen zu wollen. Ich sehe es, wie es ist: eine schmutziggraue, abgestandene Lache.
Warst Du nicht mit in Henny Bergmanns Salon, wenn ich meine Eindrücke vom Kriege hersagte? Hinter diese Erinnerungen hätte ich den dicken Punkt setzen müssen. Nach der Rückkehr aus jenem Unrattümpel war ich jenseits aller Erwartung angelangt. Und selbst die andere Hälfte, aus der unser Sein besteht und die sich Enttäuschtwerden nennt, war mir nur noch als Zustand für Säuglinge bekannt. Da kam die rote Flamme Lilli, höhnend, immerzu lockend, eine maßlose, ungeheure Versprechung! Und -- die Möglichkeit einer Aufrüttelung vor mir -- folgte ich diesem flimmernden Irrlicht in neuen Morast.
Leonhard Kauffmann befreite mich von ihr und von meiner Fadheit. Er, der den Krieg von der anderen Seite gesehen, hatte das Kinderfieber, von einer Frau Erlösung zu erhoffen, oder Glück oder wie man es sonst heißen mag, noch nicht hinter sich. Die Seuche wird ihn, fürchte ich, verheerend hinwerfen. Denn Lilli kann nicht bei ihm enden, wie sie bei mir nicht angefangen hat.
Ich gehe also vor diesen langweiligen Wiederholungen, die sich Leben benennen, davon. Bin neugierig, ob dort etwas Merkenswerteres anzusehen ist! Ich habe Bewunderung und Bedauern um Eure Auffassung.
Daß es Euch wohl sei! In Eurem Sinne!
_Gert._«
Kurt-Georgs Augen hingen an mir, schwer von ungeweinten Tränen.
»Wie er sich mit seiner Scham verkriecht,« klagte er verstört, »als ob nicht aus jedem Satz der Schrei nach dem einen Weibe ginge, von der ihm selbst Rettung werden sollte ...«
»Kann man das wissen?« sann ich, »wer hat je im Kampf zwischen Leib und Seele erkannt, wer Sieger blieb? Mir scheint Gert Driesen ein spätes Opfer des Krieges. Viele mögen sich aus Umständen wie die seinen zurückgetastet haben in ein bürgerliches Pflichtendasein. Mehr aber -- sehen Sie unsere Arbeiter -- haben bis heute nicht Kraft dazu gehabt. Ein Kind noch, aus der Schule her, in ein Leben der Zuchtlosigkeit, satanischer Gier, perverser Ausschweifungen geschleudert, jahrelang durch Befriedigung der tollsten Abenteuer übersättigt, fand er nichts, was jene Zeiten überbieten konnte. Stille und Arbeit waren ihm fremde Worte, fremde Werte, und so mußte die Welt ihm Widerwillen sein ...«
»Daß Lilli ihn nicht zu halten wußte ...,« zagte er immer noch einmal, »wie wird sie es tragen?«
»Wer weiß, ob er zu halten war,« beschwichtigte ich ihn, selbst kummerbelastet, »wenn nur jemand käme, der sie festhielte ...«
»Solche Frauen hält man schwer,« kündete er seine junge Weisheit. »Wissen Sie ...,« er stockte und schleuderte es dann rasch heraus: »Wissen Sie, daß meine Mutter sich geschieden und wiederverheiratet hat? Zum dritten Male ...« wollte er spotten. Aber sein Gesicht zeigte eine weinende Grimasse.
»Werden Sie sie aufsuchen?« fragte ich, nur um keine Stille zwischen uns zu legen.
»Ich habe eine zweite Mutter gefunden,« und seine Züge durchleuchteten sich ... »ihre Schwester, Tante Grünhagen ... Sie gleicht ihr im Aussehen so sehr ...«
»Und Annemarie ... wie nimmt sie den Halbbruder auf?« forschte ich angstbeklommen im Gedenken jenes Balles.
»Sie will ein paar Semester zu anderen Universitäten ziehen. Sie verwickelt sich immer mehr in dunkle Probleme und schwierige Arbeiten ... Wir sehen sie nur bei den Mahlzeiten, und es weht uns Kühle an von ihrem versteinten Gesicht ...«
Ich holte eine Mappe, um das Gespräch zu wechseln, und meine Gedanken stürzten zu Ellinor und Gert Driesen zurück. Zu den beiden, die ihre Wege aus all diesen dunklen Wirrsalen hinauszuführen gewußt hatten. Sie, indem sie ihre lichte Seele dem Himmel anbot. Er, indem er seinen befleckten Leib der Erde wiedergab.
XIV.
Den 9. April 1919.
Ich weiß, sie alle würden sagen: »Es konnte nur so werden, bei Frauenerziehung und da der Vater fehlte!« Ich aber würde sie mit der Frage schlagen: »Und Lilli von Groddeck? Und Karl Z.?« War Lilli nicht die erste Leben gewordene Hoffnung eines Elternpaares von beamtenstarrer Gesittung und altbewahrter Frommheit? Hatte Karl Z. nicht den berühmtesten, den erfolgreichsten Pädagogen zum Erzeuger und als tägliches Beispiel vor sich?
Immer schon war, solange die Welt atmet, Umsturz in gärenden Kinderschädeln um die Wende ihres Flüggeseins. Immer schon starrte ihr Ungestüm zur Spitze des Berges hinauf, ob ihre Vorderen nicht oben angelangt seien, und wann ihr Abstieg begönne, damit sie selbst sich, weite Abstände überspringend, zu ihrem Platze hinaufschwängen. Nie aber schien mir die Brutalität so weit gegangen, den langsam Hinabwandernden Steine nachzuwerfen, um ein Rückblicken, ein Stehenbleiben zu behindern, nie die Bedenklosigkeit, Bosheit gegen Liebe zu geben, so groß, wie bei dieser Jugend des Krieges und der Revolution.
Gewiß, es gab und es gibt andere Kinder. Aber sie sind vereinsamte helle Lichter auf dem dunklen Gemälde der Gegenwart. Und so viele Empörer überschreien sie, daß sie sich mit ihrer Furcht, zurückgeblieben zu scheinen, verstecken.
Als unerbittlich Fordernder stand Ludwig vor mir, gestern, da er in harten, mißschönen Worten erneute Verpflichtungen bekannte, eine Summe verlangte, welche uns mehr als ein Jahr Unterhalt sein muß. Er las aus Blick und Schweigen mein Erstaunen, meine Abwehr. Wollte einlenken, indem er dies sein Erbteil nannte, das ihm bei Mündigkeit ohnehin zufiele, und mich bat, mit dieser Ansicht als seiner unabwendbaren Haltung zu rechnen. Ohnehin würden Henno und er bald selbständig sein.
Ich dachte an die langen Jahre, die diese Studierenden noch gehen mußten, bis Wissenschaft und Kunst sie mit Brot belohnten, während sie jetzt schon Kuchen verkrümelten und Weine verschütteten, und daß ihr winziges Vermögen nicht den geringsten Teil von diesen Lebensansprüchen deckte und von denen, die die Not dieser Jahre brauchte. Ich dachte seiner früheren Schuld, meines ersten Opfers und seiner Hoffart bei unserer Auseinandersetzung. Wie demütigend wäre ein nutzloses Wiederholen!
Und wieder tat ich den Gang in die Stadt unter tiefhängenden Wolken. Diesmal als Bittende bei zuwideren Berechnungen, Zusammenstellungen und Findigkeiten, deren Ziel nur das gleiche geblieben war: Ludwigs nächtliche Verfehlungen auszutilgen. Und wie graue Aprilschauer prasselten, wie ich weiterhastete, unter Schloßen und widrigen Winden, die die anderen Menschen von den Straßen vertrieben, verfielen lange Jahre, weil an einem solchen Aprilanfang mein Ältester seinem ersten Schulzwang gehorchen mußte und mich mitzwang. Ich war von einer Krankheit genesen. Aber sein Weinen war stärker als meine Bedenklichkeiten und des Arztes Verbote. Ich spürte seine angstheiße Kinderhand in der meinen. Seine tränenbeladenen Blicke zogen mich unwidersprechlich zu seinem Willen hinüber. Und meine Zärtlichkeit, meine liebegroßen, verschmitzten Überredungskünste verzauberten seinen ersten harten Gang im Leben durch die menschenentleerten Gassen bei schmerzendem Windes- und Regentreiben, daß er an der Schwelle des Schulgebäudes das Gelübde sprach, unhaltbar wie alle Gelübde auf lange Dauer: »Mit dir werde ich immer, überallhin gehen, wo du willst ...«
Hieß das Leid der Erde nicht von allher Mutter sein? Wie ein Fremder hatte er mich angeschaut. Wie ein Fremder seine Worte gefügt, gestern, als er uns für Jahre hinaus auf meine Arbeit stellte. Eine Arbeit, die von ungezählten Zufälligkeiten abhängig war, und die schon die Mutigsten von hohem Künstlertum zum Kunstfabrikanten erniedert hatte. Müßte ich nur für meine eigenen Tage Sorge tragen, was täte das? Aber die Jahre ihrer Studien bedrückten mich wie banger Nachtalp. War nicht ohnehin oft genug die Künstlerin, die Kunstschaffende in mir von Mutterpflichten verdrängt worden? Durch Zeitverluste, Stimmungsumschwung und unbenennbare kleine Schatten?
Vielleicht auch die Mutter durch die Künstlerin? fragte es irgendwo leise in Kopf oder Gewissen. Ich wollte gern Rechnung ablegen. Wer aber war der gerechte Entscheider? Hatte ich nicht immer ihr Menschsein geachtet vom ersten Tage an, bewußt der Verantwortung, die Vater und Mutter beim Vorhandensein eines neuen Wesens auf sich nehmen? Hatte ich nicht ihr Werden, ihre Art uneingeschränkt sich entwickeln lassen? Was entzog ihnen die Künstlerin? Nichts Faßbares ... sicherlich. Vielleicht doch den vollen Ton eines Liebeswortes, wenn meine Urheimat: der Traum mich gefangen hielt? Vielleicht doch ein aufmerkendes Hinhören vor der neuen Offenbarung einer Farbe oder eines Gedankens? Vielleicht auch nur wenige Minuten durch mein Enteilen, sie rasch auf Papier zu bringen, während das Kinderherz noch die Mutter brauchte ...?
»Später werden Sie erfahren, wie schwer es ist, einen anderen zu lieben!« Hatte ich es vor mich hingesagt? Oder sprach eine fremde Stimme mir ins Ohr und in die bangende Seele? Ganz laut und lange schwangen die einzelnen Silben in mir fort.
Ich eilte, die Geschäftsangelegenheit zu überwinden, und lebte noch lange im Banne ihrer Häßlichkeit.
Dann bat ich Ludwig -- wie damals -- in mein Zimmer, das Herz voll Milde und zum Verzeihen bereit. Er kam, ganz zuckende Erregung, und sah nicht die Wandlung in meinen Gesichtszügen und fühlte nicht, wie meine Liebe ihm entgegenging.
Ich begann zu sprechen, stockend, nach Worten suchend, die ihn zu einem anderen Weg führen sollten, ihm leise Bitten zu sagen, daß solches sich nie, nie wiederholen dürfe ...
Seine Ungeduld machte ihn unfähig zu hören ...
»Hast du es ...?« zerschrie er den Beginn eines neuen Satzes ...
Ich legte die Scheine auf den Tisch ...
»Siehst du, es ist alles ganz leicht ... Wenn man nur den bestimmten Vorsatz hat ...« sagte er und holte Atem, tief, aus bedrängter Brust.
Und als ich ihm die Schwierigkeiten zu nennen anfing:
»Nun? Und was weiter? Du hast ja deine Kunst ... Und dann ... bist du zu alt, um die Freuden zu verstehen, die mir das Geld gibt ...«
Vielleicht war es eine Ungeschicklichkeit, in der Aufregung hergesagt ... zum Trotze ... Ich aber hörte fortan nur jene Worte, heute, vom Wege. Sie schwollen an zu lauten Schreien. Zu dem Jammergeschrei der Väter und Mütter, die mir ihr blutendes Herz geöffnet hatten, und all jener, die ich nicht kannte in der Welt, und die vergebens nur einen kargen, einen elenden Teil der Liebe von ihrem Kinde ersehnten, mit der sie es so schwelgerisch überschütteten. Sie wurden zu dröhnenden Hämmern und schlugen sich in mein Hirn: »Später werden Sie erfahren, wie schwer es ist, einen anderen zu lieben ...«
XV.
Den 30. Mai 1919.
»Du hast deine Kunst,« hatte Ludwig gesagt. Vor wie vielen Wochen? Die Tage standen auf und fielen zusammen und wiederholten mir die Worte, mit denen er meine Verluste umglänzen wollte. Da tat ich, wie immer, wenn eine Not mir das Herz erdrückte: ich legte Einsamkeit um mich. Undurchstoßbar, Woche um Woche. Ich nährte meine Bitterkeit, grausam und selbstquälerisch, indem ich mir sagte: »Gewöhne dich an dein neues Leben! Bald, wenn nichts mehr die Freuden deiner Söhne bezahlen kann, müssen sie sich ohnehin von dir wenden. Lerne sie entbehren! Und die Behaglichkeit eines leisen Zuhause! Wie lange noch? Und die zügellose Jugend Ludwigs, nach Genuß hinschmachtend, wird dir jede Geborgenheit verscheucht haben.«
Ich nahm eine alte Gewohnheit auf, die der lichtarme Winter getötet hatte, und machte lange Spazierwege. Allein mit meiner Not und den immer sprechenden Gedanken. Zuweilen geschah es, daß bekannte Gesichter, von Luft gewiegt, auf mich zugingen. Ich sah nur die Bläue des Tages und schritt schnell weiter. Und wie sich dies wiederholte, kam mir ein Freuen und ich sprach meine Gedanken an ihnen hin: »Seht ihr nicht, daß meine Augen, mein Hirn, alle meine Sinne auf Reisen sind? Ich trage den Mantel Harun al Raschids, der euch mein Wesen vermummt ... Unerkannt will ich die Mengen durchwandern!«
Denn, wie ich mit den singenden Vorfrühlingswinden auszog, täglich und viele Stunden, entstiegen den Schmerzen des Winters alte Sehnsüchte und neue Entzückungen. Der Zaubermantel des Künstlers hüllte mich und floß lang an mir nieder, getränkt mit blutigen Tränen, durchwirkt von den blauesten Träumen. Seinen Falten entnahm ich, was meiner gebietenden Laune beliebte. Riß meine Sehnsucht mich zu weißer Orientstadt: sie blühte heran, das schimmernde Wunder, augenblendend, mit alabasternen Kuppeln und dem milchweißen Geleucht ihrer flachen Dächer. Durch hitzeflimmernde Straßen wankten teppichbehangene Kamele. Sie trugen gelbe und braune Menschen, licht- oder purpurgewandet zu sonnenverbrannten Sandbergen. Die Luft war kochend. Trommeln schlugen wo, ferne, und graue Bettler, denen die Sonne die Augen ausgesogen, streckten mir die gedörrten Hände zu ...
Begehrt eine Schwermutsstunde die andere Seite der Erde: ich gleite durch nachtschwarze Wasser auf lampionbehangener Barke. Vogelschnelle Dschonken fliegen vorüber, mit geflochtenen Segeln aus Bambus. Sampans schwimmen auf der Fläche, zahllos wie Ameisen in wimmelnden Haufen. In der Ferne türmen sich, eckig und dunkel, Pagoden. Plumpe, steinerne Untiere, die dräuen. Die Barke geht an Land. Ich streife durch Gassen voll verwirrenden Treibens und tausendfältiger Geheimnisse unter den umgebogenen mongolischen Dächern, gleite in ein Haus, strecke mich neben Männern und Frauen auf bunte Matten und sauge in träumerischer Nacht aus glimmender Pfeife das süße Gift: das verbotene Gift der Illusionen und der Vergessenheiten. Frauen mit schrägegestellten Augen und seltsamer Seele streicheln der Halbberauschten Antlitz mit seidenen, duftenden Tüchern und schlürfen den bitteren Nachgeschmack des Giftes von ihren Lippen. Matte Lichter schimmern durch Reispapier. Drüben, vom gelben Teehaus zirpt wundersames Saitenspiel. Zu Sängen von Kirchblütenfesten, vom Goldfischteich und der Nachtigall.
Der April sendet neue Schloßen, neue Stürme, Sturzbäche von Regen. Ich atme bedrückt im Haus, Stunde um Stunde, und enteile ihm im Vorabendlicht. Der Taxenkutscher schaut mir erschrocken ins Gesicht, daß ich kein Ziel benenne, daß ich auf Zeit durch Stadt- und Landstraßen zu fahren bestimme, in den Abend hinein, hier und dort.
Die Winde blasen. Die Fenster des Wagens sind mit Tränenschleiern behangen. Spitze Lichter zerfetzen sie hin und her, und Regenfall und Zwielichtgrau und wechselnde gelbe und rötliche Lichter und der Tropfen leises Geweine schieben die Wirklichkeit weit davon, heben süße Visionen empor. Aus matten Dünsten schweben Bilder heran. Erst fern und ungewiß: das Erwachen einer fernen Fremdstadt. Wie in Luftspiegelung stehen plötzlich Kirchen da, mit Türmen und Spitzenwerk. Fremde Straßen, Plätze, Flüsse, Kanäle springen näher. Allmählich bevölkern sie sich. Mit Menschen, die zu fremden Beschäftigungen, Pflichten, dunkel bleibenden Geschicken eilen. Fremde Laute, unverständliche Rufe durchbohren die Luft. Alle Haustore, alle Fenster erwachen. Auf allen Wegen schwellen Geräusche an. Alle Straßen werden geschwätzig. Auf dem geschwärzten Hintergrunde des Abends öffnen sich weit mir die taghellen Türen. Und ich blicke hinein: in weiße, leise Spitäler, in laute Freudenhäuser, in stille Forscherstuben, in goldene Feste und in Sterbezimmer. In Kirchen mit sonnenzerflammten Fenstern, die blutendes Licht werfen auf heilige Prozessionen. Und in Kellerhöhlen, wo das Verbrechen geboren wird ...
Die Tage standen auf und fielen zusammen. Und immer noch blieb alles Leben außerhalb mir erloschen, lebte ich in der weiten Welt des Traumes und der hinreißenden Gesichte. Schuf aus Schmerzen mir Lust und machte das Heute versinken. Und wieder, wie oft schon, kam mir ein großes Bedauern, daß Offenbarungen mir wurden, die in Farben und Strichen nicht Gestalt werden konnten. Die des Wortes brauchten, um Leben zu haben. In solchen Worten muß Eduard Stucken das Schmerzensglück gekommen sein, sagen zu können:
Zu Asche verbrannt auf dem Scheiterhaufen der Zeit und des Raumes Stirbt jeden Augenblick, was im Augenblick Lebendem glich. Schwarz, ein Grau'n, ist das Morgen. Schwarz, ein Weh, ist das Gestern. Trügerisch bunt ist das Heute, ein Irrlicht auf schwarzem Moor. Nur, was nie lebte, lebt. Nur du und die bleichen Schwestern, Ihr schreitet unwandelbar schön, unvergänglich durch Traumes Tor.
* * * * *
Über alle diese Untätigkeit, die Qualen und Seligkeiten hinweg, kam der Tag, kam ein früher Morgen, der mich wieder an meiner Arbeitsstelle sah, mit Farben und Pinseln und Spachteln vor grauem Leinen. Wie hatte ich so viel Zeit verträumen und verlieren können über den Verwandlungen meiner Gesichte? Aber mit jedem Tage strömten mehr der Gestalten, lebten feinere Nuancen mir vom Hirn in die Finger. In Schauern, die mich fiebern machten, wuchs »der Revolutionsball« aus Vorstudien, Skizzen, Anfängen und inbrünstigem Fühlen groß, und schloß sie alle zu dem Gemälde ein, von dem ich wußte: es würde mein bestes sein.
Je mehr es zur Vollendung reifte, um so mehr vertiefte sich meine Erregtheit, mein Beglücktsein. Jubel durchbrauste mich. Ein Unfaßbares überstrahlte meine Körperlichkeit. Alle diese Gestalten, die ich geschaffen, aus dem Nichts geboren, in eine Welt gestellt, die laut und vernehmbar zu sprechen wußte, war das nicht Macht, die vieles überdauert?
»Du hast deine Kunst ... bist alt ...« sagtest du, Ludwig, nicht so?
»Ja, ich habe meine Kunst,« wollte ich dir entgegenschreien. »Aber weißt du, der Wissenschaftler erster Semester, der nüchterne Zergliederer des Schrifttums, daß sie es ist, die immer jung erhält, die mich vor müdem, blutleerem Abstieg bewahrt? Meine Haut kann gilben und runzeln, mein Körper siechen, mein Geisteslicht leiser werden: die Welt in mir, die Kraft meines Fühlens und meines Erträumens, die immer sich erneuernden Sehnsüchte, die starken Schmerzen, daraus Kunst sich nährt, machen die Jahre versinken, auch wenn das Werk ungeschaffen bleibt. Ja, Ludwig, du sagtest recht. Nur anders, als du es gedacht. Darf der um erdenkleine Dinge zagen, der die Unendlichkeit in sich trägt?«
XVI.
Den 25. Juli 1919.
Einmal wurde die Stunde, da meine Nerven, meine Hände, meine Augen, mein Hirn sich gegen die Gewalttätigkeit meines Willens auflehnten. Nur noch wenige Tage und ich hätte den Revolutionsball hinaussenden können. »Jetzt nicht gestreikt!« lächelte ich, »ich bewillige euch so viele Ferientage, bis ihr wieder zu arbeiten begehrt.«
Und ich ging hin zur Sommersee. Allein mit einem graubebärteten Fischer und seinem Knaben segelte ich über das traumhaft murmelnde Wasser. Bis dahin, wo das Weltende beginnt. Und nichts mehr übrigläßt, als seligen Himmel über den grünlichten Fluten. Keinen Laut als den trunkenen Einsamkeitsschrei der Möwen und das silberleise Wollustgeriesel der Fläche, wenn der Vögel Schwingen spielend über sie streifen. Wie weit war das Leben! Und wie hart seine Steine!