Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen
Part 4
Meiner großen Angst ein wenig entbürdet, wanderte ich die weißen Vorortstraßen hinab. Durch frostklirrende Luft, über winterstarre Wege, an blänkernden Eisflächen vorüber. Und stand an einer Wegwinkelung vor Ludwig, Henno, Lilli und Leonhard Kauffmann, die mit luftgeröteten Wangen und lachenden Augen dem glitzernden Nordlandstag huldigten.
Das Haus füllte sich bald mit ihrer jungen Daseinsfreude. Zimmer und Gänge schimmerten ihr Frohsein wider und hallten von den tanzenden Melodien der letzten Ballnacht.
Ich zog mich nach gemeinsam genommenem Tee in mein Zimmer zurück und ruhte gedankenmatt von den schlaflosen Nachtstunden und dem Hin und Her meiner entschwirrenden und zurückkehrenden Bangigkeiten aus ... Wie lange? ...
Der helle Schneetag fiel sterbend in die dunkle Abendgruft, als mir von irgendwo schmerzvolles Wachsein und die wunden Male unter Ellinors Kindermund nahten. Ich besann mich und horchte. Das Haus lag schweigsam in seiner Dämmergrauheit. War Ludwig noch einmal gegangen, mir entwichen, ohne mein Suchen zu ahnen?
Ich ging durch die verstummten Räume zu seiner Stube hin. Ich klinkte die Tür auf. Vor mir, tief in seinen Lehnstuhl gesunken, saß Ludwig, Lilli von Groddeck auf den Knien. Sie küßten sich, als wollten ihre vereinten Münder das Siegel irdischer Glückseligkeit brechen. Sie küßten sich, als stünde der Tod hinter ihnen und ließe ihnen nur diese eine Frist, um alle Meere der Wollust auszutrinken. Und fühlten nicht den Luftzug der geöffneten Tür. Und spürten nicht meine großen Blicke. Und hörten nicht das Treten neuer sachter Schritte. Und sahen nicht das kleine, weiße Mädchen, das die Augen mit schneller Gebärde zudeckte, deren Gestalt sich zusammenbog ...
Und wußten vielleicht nicht einmal den Hilferuf in Ellinors Stimme, welche sagte:
»Tante Henny, Mama wartet in deinem ...«
X.
Den 30. Januar 1919.
Die nachfolgende Nacht war ein neues, nervöses Warten auf die Heimkehr Ludwigs, der mit Lilli gegangen war. Ein blasses Intermezzo des Denkens, Harrens und Schweigens, zwischen zwei Tagen rot an Geschehen.
Ehe der frierende Wintermorgen sich ganz behauptete, meldete das Mädchen den frühen Besuch Frau von Groddecks. Ich mochte sie nicht warten lassen und meine Finger waren doch steif von Aufruhr, da ich meinen Anzug ordnen wollte. Würde sie logisch genug denken können, der Mutter die Unverantwortlichkeit für des Sohnes Tun zu lassen? In ihren Kreisen blieben Ansichten und Beurteilungen häufig schablonisiert, und Ludwig war dem Gesetze nach ein Unmündiger.
Ich mühte mich, die peinliche Angst meines Gesichtes mit einer Gesellschaftsmaske zu hüllen. Ich zerpeinigte mich nach einem kleinen Begrüßungswort, und dann stand ich im Gartenzimmer vor ihr und faßte den Sinn ihrer Sätze schwer. Wie ... sie kam nicht, um meinen Sohn zur Rechenschaft zu ziehen? Nicht als Anklägerin, sondern als Bittende zu mir? Und endlich faßte mein Sinn das Geschehen: Lilli war mit einem Nachtzug entflohen. »Ein Freund, den sie nicht missen könne, warte ihrer irgendwo in der Welt und werde ihr Leiter sein in die neuen Wege hinein,« verriet ein Brief, den sie dagelassen. Aber weder der Name des Freundes, noch des Ortes, den sie aufsuche, sei genannt. Ob ich, ob meine Söhne nicht mehr wüßten? Nicht ahnten, wie dies Wurzel greifen konnte in ihrer Tochter Sein?
Wir beschieden Henno zu uns. Er sprach aufgehobenen Angesichts: wie Lilli in letzten Zeiten die Lauheit und Untertänigkeit der früheren Frau verdammt, wie sie die Mädchen in den Sturm des Lebens hineingerufen hätte. Wie ihr Blut und ihr Sehnen ihr Dinge vorsagten, denen sie folgen mußte, ohne Wehr. Wie die Enge ihrer Heimat sie zu Tode presse. Und sie nur eine Flamme noch sei, hinbrennend zur großen Ferne, zu der Freiheit Lüsten.
Und endlich stand Ludwig im Raum, mit umschatteten Augen. Und sagte, er würde jede Auskunft über seiner Freundin Pläne weigern, selbst, wenn er etwas wüßte. Es sei ihm jedoch sicher, daß Lilli nie mehr nach einer anderen Richtung hin gebogen werden könne ...
Und ich saß dabei und erlebte Frau von Groddecks Tränenstürze und mußte ihr Jammern hören um die verlorene Standesehre, um die zerbrochene Zukunft ihrer anderen Kinder, an denen nun der Makel »Lilli« klebe. Und war nahe dabei, Lillis Tun zu verzeihen. Und fühlte dabei doch dies eine mit Erschauern: hier, in meinem Hause war das Feuer entzündet, rot geblasen und geschürt worden, das die Brunst des Weibtiers Lilli in Flammen gesetzt und Aufruhr gegen Eltern in ihre Seele geworfen hatte ...
Und während ich der Gebeugten Trostworte hinhielt und ihrer Haltlosigkeit Stütze zu geben suchte, führte ich -- meiner Gewohnheit nach -- stumme Selbstgespräche zur Rettung meiner Schuldlosigkeit. Wenn mein eigenes Gewissen mich jeder Verantwortlichkeit entlöste, wie durfte da die Menschengesellschaft kommen und sagen: »Ihre Söhne, der Malerin Henny Bergmann Söhne, haben des Mädchens böse Triebe aufgeweckt, haben sie ihrem Elternhause entführt und sie einem garstigen Abenteuer hingegeben. Das ist nun die Ernte ihrer freiheitlichen Erziehungsgrundsätze! ...«
Ich aber wußte, wie groß die Entfernung von Eltern zu Kindern ist, und daß kein Bogen einer Erziehung weit genug gespannt werden könne, um die Einflüsse des Lebens zu überbauen, um die eigene Tönung des Blutes zu verfärben. Sind Kinder denn nur körperliche Fortsetzung der Zeugenden? Schlafen in ihnen nicht die Begierden vieler Geschlechter, aus denen Eltern und Urureltern von Vater und Mutter her gewachsen sind? Strömt nicht durch sie das Wollen ungezählter Vorfahren, die in ihren Säften weiterwirken? Und blitzschnell entriegelte mein Denken diese Episode aus Kindheitstagen der Vergessenheit:
Wir hatten im Sommerhäuschen am hohen Berge den berühmten Pädagogen zum Nachbarn. Jenen Erziehungskünstler, dem seit Jahrzehnten die Eltern ihre aufsässigen, wissensfeindlichen oder böse beanlagten Söhne zu Zöglingen gaben. Sein Name stand als Hoffnungsschein vor traurigen Vätern. Sein Ruf kam über lange Brücken zu allen enttäuschten Müttern hin. Und Name und Ruf behielten ihren echten Klang. Neben dem leisen Gelehrten wirkte eine stille Frau und spendete den weithergereisten Schülern Behagen und mildes Frauentum. Ein einziger Knabe nur, starkknochig, mit vorgeschobenem Munde und dichtverwachsenen Brauen, sagte Vater und Mutter zu ihnen unter all den fremden Gefährten. Und doppelt zärtlich leuchtete ihm die Liebe und das Vorbild der Eltern ...
Eines Tages hatte der winzige Ort am Berge seine riesengroße Sensation: Karl Z. war verschwunden. Keine Hütte am Hang, kein Haus der Sommerfrischler, das nicht Boten entließ oder selbst auf der Suche war nach dem vermißten Professorssohn. Tag und Nacht und wieder einen Tag und eine Nacht und einen Tag blieb uns Zermürbung und Ungewisses. Am Abend des dritten Tages drang aus dem Bergwald ein krankes Gewinsel, das einer Menschenstimme entstammen mußte. Und wie die Suchenden nahe drangen, lag da, halb entblößt, in Stricke eingebunden, gekratzt und mit zerschundenen Händen der sechzehnjährige Karl. Wegelagerer hatten ihn angefallen, ihn seiner Wertsachen, seiner Stiefel, seiner Jacke und der kostbaren Uhr beraubt, die er für seinen Vater zum Uhrmacher des entfernten Marktfleckens hatte hintragen sollen. Die hellen Lampen der ortsnahen Gerichtsbarkeit aber durchleuchteten das Dunkel und erlichteten das Geschehene und konnten dem großen Erzieher und dem zerquälten Vater die Marterung nicht ersparen: daß der wegelagernde Dieb und sein Sohn _ein_ Wesen seien ...
Wie meine Besucherin dann, von Henno geleitet, den frostigen Vorgarten durchging, stand ich mit zerstörtem Gefühl vor meinem ältesten Sohne und forderte Rechnung von ihm über seine Haltung zu Lilli und Ellinor. Er wies meine Anschuldigungen, die früher gedachten und nun verkündeten, beruhigten Gesichtes und in seinem alten hochmütigen Ton zurück. Wie ich Lilli, das Rassepferd, vor die behäbige, verschollene Karosse ihrer Voreltern spannen wolle? »Auch ein Rassepferd, und gerade dieses,« sagte ich, »bedürfe sorgsamer Einschulung, damit es seinen Zwecken diene. Lilli aber, die immer Untätige, die Gedankenarme, handle aus Mangel an Wissen und aus Mißverstehen der Neuheitsideen, die er ihr verkündet und die vielleicht durch die verstaubten Anschauungen ihrer Eltern bessere Nahrung gefunden hatten. Sie alle aber seien zu jung, zu sehr Stürmer, um zu ahnen, wie bald Lilli einem ernsten Wirken hingeführt werden müsse. Älter geworden, hätte sie besser die Möglichkeiten ihres Weib-Erlebens gekannt und wäre nicht wild irgendeinem vagen Zauberbild nachgerannt.«
Ludwig hörte mit abwärts gezogenen Mundecken zu und seine eingekniffenen Augen fragten, warum ich mir so unnütze Mühe und Worte mache?
Da sank meine gewaltsame Ruhe nieder. Und ich ließ ihn mein aufgebrochenes Herz sehen und schluchzte über das kleine Mädchen Ellinor, der so viel Weh hier, gerade von mir, von meinem Kinde, gekommen sei. Und malte ihm ihr verwühltes Gesicht und wie ihr kleiner Leib vor Schmerz in sich zusammengekrochen sei vor dem Bilde, das er mit Lilli gesessen habe. Und weinte ihm meine Qualen zu um die Zerstörung ihrer Kinderillusion, um das Leid, das meiner Freundin nun werde, und um das der strengsittigen Eltern Lillis.
Geschah es um mich? Um Sabine? Um Ellinor? Um Groddecks? Mund und Augen Ludwigs wurden ernst. Seine Stimme aber murrte, während er ausführte, wie ich unmöglich die Mädchen von heute meinen Auffassungen angliedern könne. Keine, aber nicht eine einzige, die über Liebe anders denke als er, die sich dem Augenblicke versage, wenn ihr Blut sänge. Ob diese Zeit mich nichts mehr gelehrt habe? Freie Liebe, freie Lust für alle, ohne Gewissensansprüche, ohne Zeitbedingnisse. Älter werden sollte Lilli? Zu welchem Ziele? Mündigkeitsfrist sei nach den Gesetzen von ehemals erklärt. Die neuen Geboteschreiber würden andere Grenzen ziehen, mit sechzehn Jahren sei jeder Geschöpf für sich allein, und nicht den Erzeugern, nicht dem Staatswesen hörig, sobald er sich uneins mit ihnen wisse ...
Ich widerlegte seine allzuviel gehörten und zu wenig bedachten Theorien, indem ich ihm Ellinors Erschütterung wiederzeigte, und dabei entkam mir die Frage, wie sich sein ferneres Verhalten zu ihr bilden würde?
»Das läßt sich keinesfalls vor einem neuen Wiedersehen bestimmen, kleine, neugierige Frau Mama,« sagte Ludwigs Stimme in ganz gewandeltem Klang. Seine Augen überschien ein huschendes Geflimmer. Sein Mund öffnete sich. Und es umgab ihn jenes Lächeln, das einer törichten Eitelkeit, gesättigten Trieben und irgendeiner Vorstellung neuer geheimer Freuden entstammte, von denen man zwar nicht spricht, die man aber gar zu gern von seinen Gesichtszügen ablesen läßt. Jenes unsaubere, perfide Lächeln des Manntiers, das ich so grenzenlos verachte.
Das Lächeln verbreiterte Ludwigs Mund. Und zwischen sein klaffendes Rot schob sich das Weiß der beiden vorgebauten Vorderzähne ...
Da geschah mir das Unbegreifliche: ich haßte das andere Geschlecht in meinem eigenen Sohne.
XI.
Den 16. Februar 1919.
Die Menschen, die zu Hause geblieben, hatten viel vom Tode gehört in diesen Jahren. Hatten ihm Vater und Gatten und Söhne und den Liebsten gegeben. In Zorn, in schmerzender Auflehnung, in patriotischer Heldenhaftigkeit, in frommem oder stumpfem Ergebensein. Aber sie hatten ihn nicht selbst in ihrem Rücken gespürt, den letzten Besucher. Nicht sein Schleichen in windiger Nacht auf den Treppen. Nicht das Lauern seiner hohlen Augen auf ihrem blütigen Jugendgesicht. Nicht den Fang seiner dürren Eiseshände nach ihren warmen Gliedern. Nicht das fiebernde Feuer, das er durch hungerverheerte Körper hetzt.
Nun erfuhren sie, wie Todesfurcht tut. Nun kam gar einem, dem man nie genug der jungen Todesbeute zum Feld des Schlachtens gesandt hatte, die bleiche Angst vor dem eigenen Auslöschen. Nun glitten sie grauwangig an den Häusern hin und kauften Arzneien zum Vorbeugen und suchten vorzeitigen Schutz bei Ärzten und bei den Starken ihrer Bekanntschaft.
Die Obrigkeit und die Verwalter der Volksgesundheit setzten ihm ein kleines, harmloses Hütchen auf und gaben ihm einen freundlichen Namen. Er aber flog mit diesem unschuldigen Passe »Die Grippe« über die Lande und lehrte die Fröhlichen und die Mürrischen, die Feigen und die Gefahrsuchenden, die Gedankenlosen und die Allzubedachten, lehrte sie alle: die Lebensnacht anbrechen zu wissen und -- den Sang des Lebens im Blute -- zu fühlen: ich versinke! ... Und seine Bevorzugten, die am liebsten Hinterlisteten blieben die ganz Jungen ...
Wir hörten es hier und dort einmal. Und schon verfiel Henno dem Fieber. Sein frisches Jungenblut wehrte sich lange gegen der Seuche Übermacht. Und doch war sein Körper dann eine einzige Feuersbrunst, die ihm Gedanken und Selbstbestimmung verbrannte, daß er die Hände über die Decken wälzte und seinen Ruhm endlich anfühlen wollte, daß seine kranke Stimme nach Erleuchtungen schrie, nach Bildern, die er auf Wände und Stoffe setzen wollte, mit nie gemischten, unverlöschbaren Farben, damit die Menschen heute und in weiter Zukunft vor seinem Namen und vor seiner Meisterschaft hinsänken in die Knie.
Vor diesem zwiefachen Kranksein meines Jüngsten verwandelte sich mein Herz, das die Kälte der Kinder wintern gemacht hatte, und stürzte frühlingshaft vor sein Leidensbett. Ich hielt seinen schwanken Knabenkörper in den Armen und sprach ihm mit meiner Stimme aus jungen Muttertagen Friede zu. Ich baute ihm Schlösser zu den Sternen auf und ließ von allen Planeten Anbeter seines Genies herabsteigen und ihn bekrönen.
Und wie sein siecher Körper sich erneut dem Leben entgegendehnte, mit beruhigtem Sinn, und alle Fährnis zurückstieß in starkem Wollen, unterdrückte die Krankheit Ludwigs hartnäckigen Widerstand. Und der Hoffärtige mußte durch eine fremde Gewalt abwehrlose Mißhandlungen dulden und lange schweigen und konnte dann nur flüstern, die Augen voll Müde und einer leisen Beschämtheit.
Viele Jahre fielen hinter mir zusammen. Und aufgerollt lag vor mir eine alte, weite Zeit. Ich belauschte wieder in Bangnis und in Trauer den Atem meiner kranken Knaben. Ich wartete ihrer Tag um Tag und Nacht um Nacht. Ich hütete die schwanke Flamme des gelbmatten Krankenlämpchens. Und die Winterwinde bestürmten die Stadt und unser Haus im Garten, während mir märchenferne Lieder zufielen. Einmal klang ein vergessenes Wort auf: »Und wenn er mir tausendfach unrecht tut -- ich bin doch sein Vater! Soll er andere mehr lieben als mich? Wir Väter müssen erst unsere Söhne erringen, ehe wir wissen, was sie sind ...« Und noch: »Ich verstehe unter Sohn ein Wesen, das mir geschenkt ist, dem ich dienen muß ...«
Das war ja jüngste Gegenwart, die da in unser welt- und zeitfernes Krankenheim einbrach, die mich dieses hören ließ ... Schon einmal ... Und dann erinnerte ich mich, daß es der Kommissar aus jenem jungen Drama war, der diese Worte zu mir gesprochen, und daß ich ihm hatte folgen wollen.
War der Wille, meinen Kindern zu dienen, nicht machtvoll genug gewesen? Was hätte ich beginnen sollen, um ihre böse Abkehr von mir zu hindern, ihre betörten Handlungen zu vereiteln? Wie die Mißformen ihrer Vorstellungen umgestalten? Warum denn war dieses trotzige Nachtragen in mir, seit ich meine Söhne mir fremdgeartet wußte? Weshalb mühte ich mich nicht, ihrer persönlichen Art nahezukommen? Wieder und wieder? Sollte Liebe zu unseren Kindern auch nur höchstentwickelte Eigensucht sein? Durch die wir unsere Körperformen, unsere Beanlagungen, unsere Gedanken in ihnen wiederlieben? Und wäre es möglich, daß sie bei sehr großem Abstand einmal versagte? ...
Die Nordstürme bliesen so schaurig in dieser schwarzen Stunde der Nacht. Ich nahm mein großes Weh in leise Hände und trug es dem schlafenden Henno zu. Und die zärtlichen Hände liefen über die seinen und sollten ihm in seinen Traum sagen: »Siehe, du, der werdende Künstler, du mußt meine Flucht vor eurer brutalen Gewaltsucht, vor euren reuelosen Abenteuern und Gieren, vor dem Mangel an Scham verstehen, mit dem ihr eurer Mutter das traurige Gebot kündet: ›Das Alternde wird überrannt.‹«
Der Traum, den Henno träumte, aber war stärker als meine Flüsterworte. »Aus dem Wege, ihr alle!« überschrie er plötzlich die stürmenden Winde vor dem Blaß des Fensters und packte wild meinen Arm an.
Da wußte ich, daß auch die künstlerische Gemeinschaft, die Henno mit mir band, keine Gemeinsamkeit sei, daß Kunst bei ihm erdebeheimatet bliebe und Ruhmsucht und Marktgeschrei heißen würde, und daß er meine sternennahen Entzückungen: das Erträumen, das Erfinden, das Erschaffen als Glück an sich nie kennen, nie verstehen, nie ersehnen würde.
»Aus dem Wege, ihr alle!« rief er uns auch ohne Worte zu, sobald er das Bett verlassen konnte. Das Hauswesen mußte sich seinen Arbeitsstunden, den willkürlichen, zupassen. Ludwigs Gäste wurden aus der Söhne Zimmer gebannt. Und Ludwig selbst, der immer Spöttelnde, der immer Neinsagende, durfte, kaum genesen, seine eigenen Wünsche im eigenen Heim nicht zur Wirklichkeit machen. Auch er sagte dem jüngeren Bruder: ja! ...
Ich aber zog in mein lichtgefülltes Zimmer heim und holte die unerlösten Vorstudien jenes Balles aus meinen Schränken. Und entlas ihren Andeutungen die mehlbleichen Hanswürste und die scharlachroten Dirnen, die Feuer der Lampen, die von Fratzen beschatteten Spieltische, die tanzenden Tiermasken und die Farbenschreie der Gewänder. Und begann den ganzen schrillenden Revolutionsball aufzuwecken. In Einzelfiguren und in Gruppen und in Zieraten, die sich einem großen Bilde einordnen sollten.
Es erstaunte mich, daß Henno immer häufiger in mein Zimmer trat, daß er seine Arbeit stundenlang ruhen ließ und mir mit dunkelnden Augen zusah.
XII.
Den 10. März 1919.
Regen liegt schon lange über der Stadt, mit trauriger Melodie. Aber zwei Tage lang blutete Brudermord, daß seine graunassen Ketten sich feuern färbten und der sehnliche Singsang Wehegeschrei ward. Der Krieg, der durch wundersame Fügung in milder Wendung diese Stadt hatte liegen lassen, war nun durch Brüder hineingehetzt worden. Wie Gift, durch Freundeshand heimtückisch in einen einst geliebten, siechen Körper getragen, um ihn ganz verelenden zu machen. In früher Morgenkälte schon rollten Kämpfe. Kostbares Leben entströmte, durch Aufrührer verspritzt. Stadtteile wurden Nester von Rauch. Fenster zerbarsten. Mauern schauerten. Und die nackten Bäume erbebten und schüttelten ihre frierenden Häupter.
Es gab Neugierige, die ihr sicheres Haus ließen und ausgingen, solches Schauspiel zu besehen. Manche kamen verstümmelt, manche gar nicht mehr heim. Sicherheitswachen warnten. Aber die böse Lust nach lärmenden Eindrücken überschrie Vernunft und Warnruf. Andere irrten durch langgewohnte Räume. Ihre Augen liebkosten manches Stück Hausrat. Ihre Gedanken wühlten in öder Pein Wogen der Erinnerung auf, die sich über das Meer ihrer Schmerzen hinwegwälzten, jeden Augenblick fertig, unter brennenden Trümmern oder durch eine Kugel zu verenden.
Auch diese Tage gehören dem Vergangensein an und wurden Beute der Sprechlüsternen. Solcher, die alles lange vorausgesehen hatten und es gut befanden. Und solcher, die es bekrittelten und noch lange Tage vor Furchtsamkeit schlotterten. Und alle nahmen teil an dieser und an jener Gruppe der Streiter. Und diese und jene erhofften gerechten Ausgang durch Mordgewalt. Und bedachten nicht, daß nur eines Friede wirken kann und Gerechtigkeit: in Verständnis dem anderen nahezukommen. Mit großem Bemühen, selbst auf langen, unschönen Wegen. »Den anderen zu lieben, wie sich selbst,« dahin werden Menschen wohl noch tausende Jahre wandern müssen. Ihn zu verstehen, seine Art, seine Lebensbedingungen zu achten und zu fördern, wie die eigenen, das muß vornehmste Aufgabe des Geschlechtes von heute und von morgen sein.
Solches Geschehen und Betrachten hatte mich aufgetrieben vom Heim und meiner Schaffensverzückung und zu Sabine hin, denn länger konnte ich Sorge und Unkunde um Ellinor nicht tragen.
»Ob ich nicht wisse, daß Fräulein krank sei?« staunte das Hausmädchen an der Eingangspforte, »schon zwei Wochen lang oder mehr.«
Sabine empfing mich in ihrem Wohnraum. Ihr graublasses Gesicht ertrank im Halbdämmer des Spätnachmittags. Die Schmalheit ihres Körpers in diesen kurzen Wochen des Ferneseins war beängstigend geworden und klagte meinen Sohn hart und laut an.
Ich senkte den Kopf tiefer als ein überführter Verbrecher. Meine Beredsamkeit als Verteidiger entfernte sich jäh von mir und ließ mich mit meinen Theorien allein auf weiter öder Steppe. Dort saß ich, meiner Freundin fern, beladen mit der Freveltat meines Sohnes und wußte kein einziges Wort.
»Du schweigst schon um ihrer Erkrankung willen und weißt noch nicht das Schlimmere,« klagte Sabine nach banger Stille.
Ich wollte meiner zusammengedrückten Kehle ein paar Laute entquälen, ihr sagen, sie anflehen ... Da sprach sie schon weiter mit schwerem Ton. Wie die Krankheit das Kind plötzlich gepackt hätte, mit Fieber und schauernden Frösten. Wie sie nun -- auf dem Wege zur Genesung -- eine andere geworden sei. Eine starke, entschlossene Frau, die keine Träne mehr habe vor dem schwarzen Marterkreuz, das sie ihrer Mutter aufbürde mit dem festen Vorsatz, ins Kloster zu gehen. Im Frühling schon, nach beendeter Schulzeit, zu ihrer Tante, die Äbtissin sei im klösterlichen Verband zur heiligen Barbara, und daß sie trotz inbrünstiger Mutterbitten kein Wort verrate, worum dieser Entschluß ihr gekommen sei.
Ich hörte ihr, ins Finster meiner Gedanken gestürzt, zu. Erkennend, wie weit auch dieses kleine Mädchen von ihrer Mutter fortgegangen war, seit sie die Trauerkrone der Liebe trug. Und mein Herz krümmte sich zusammen vor diesem Elend: daß Vertrauen und Mitteilen aller Kinder zu Fremden hingehe. Und wußte mir in diesem Dunkel immer wieder nur den armen Trost: daß ein ganzes Menschenalter, und die scheue Scham vor diesem fremden Alter das Kind von seinen Eltern trenne, und daß die rührsamste Liebe kein Steg darüber sei ...
Und dennoch hörte ich mich kranke Trostesworte hinsagen, jeder Überzeugung leer. Verstummte aber vor der schleichenden Pein, mit der Sabines Blicke fragten, warum ich sie belöge. Da bat ich sie zu bleiben, damit Ellinor vor mir allein ihre grausamen Entschließungen begründe.
Als ich plötzlich und ohne Meldung in ihrem Zimmer war, saß sie aufrecht in ihren weißen Kissen, die messerschmalen Hände um ein Betbuch gelegt. Aus teerosenbleichem Gesicht starrten ihre Augen mich verdunkelt an. Ihr Körper, winziger noch geworden, fiel ohne Halt vorneüber und Tränen tropften auf Finger und auf Buch.
Auf einmal kam aus unsagbaren Weiten ihre Stimme zu mir geflossen. Ihre novemberne Kinderstimme als Fräulein, die seltsam schwingend zu Ludwig gesprochen hatte: »Liebt' ich dich denn, wenn ich dir nicht ein Opfer brächte? Ich weiß, daß ich zu vielen Tränen verurteilt bin, aber das muß wohl so sein. Welche Seligkeit, auf der schwankenden Brücke der Lust!«
Ich faßte ihre Kinderhand und hielt sie sprachlos fest. Was hätte ich reden können, damit ihr Leid um meinen Anblick sich verringere? Wir saßen wohl eine halbe Stunde lang und sagten nichts. Und doch fühlte ich, wie der große Aufschrei ihres Herzens schwächer ward, wie ihr Blut sich besänftigte unter der schweigenden Kosung meiner Liebe.
»Daß beide Söhne dir so fremdgeartet sind!« sagte Ellinor aus einem Nachdenken heraus.
»Das beschäftigt auch mich seit Monaten,« gab ich staunend als Antwort, schwächte das Gesagte aber ab: »Jahrzehnte an Altersunterschied verwischen die Ähnlichkeiten.«
»Es ist nicht dies, daß sie so anders wurden,« erwiderte das Mädchen, beharrlich ihren Gedanken weiterführend, »auch ich bin ein Geschlecht jünger als mein Vater. Kaum kenne ich ihn mehr. Seit er im Kriege, blieb ich unbeeinflußt von ihm. Und doch fühle ich, wie seine Art in mir auflebt.«
Und als sie mein Aufmerken sah: