Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen
Part 3
Einen Frühlingsnachmittag, in fremder Weltstadt, von duftendem Lenzwind und sachtgrünem Baumgeschleier umjubelt ... Alle Häuser mit ihren Adelsfassaden, alle goldspitzigen Edelgitter, alle Alleen, alle Rasenflächen, Plätze, Parks und die unzähligen grauen Kirchentürme sprangen freudeberauscht aus der blaublauen Luft hervor. Vor allen Cafés, vor allen Bierstuben, vor allen zum Straßendamm vorgerückten Marmortischen frohe, schwatzende, stubenerlöste Menschen. Türkenjungen spreiteten anpreisend, mit liebkosenden Händen, sattfarbene Teppiche, Decken und Stoffe über die Erde, als bereiteten sie einer Geliebten huldigenden Willkomm. Zeitungsvertreiber warfen ihre Schreie wie flinke Bälle zur sonnendurchglänzten Höhe. Schwärme von Schuhputzern, Blumenmädchen, fliegenden Händlern mühten sich, sie zu überschrillen. Taxen, Autos, Dampf- und Straßenbahnen rasten im Freudentaumel durch diese Festesstraßen. Die Frauen trugen ein verträumtes Geleucht in den Augen und um den Mund, als schritten sie, in unsehbare Glückseligkeiten geschmiegt, durch diese Stunden. Die Männer, müßig, den Hut lässig ins Genick geschoben, die Zigarette im Mund, schlürften den Anblick all dieses zu Erraffenden, des ihnen zu entgleiten Drohenden. An einem Straßengewinkel, beschattet von altersgrau hohem Tore, sang mit geknittertem Gesicht, mit welken, vorgebreiteten Händen und von einer Menschenschar umbrandet, ein Zerlumpter alte Romanzen. Halbwüchsige Mädchen tänzelten auf hohen Stöckelschuhen den Rhythmus des Sanges mit. Jungen Burschen brach ein Blinken aus den Augen. Und in Hingegebenheit schwoll zum Schluß jeder Strophe der Kehrreim, von der ganzen Zuhörermenge wiederholt, an den siebenstöckigen Häusern hinan.
Später, beim Weiterschlendern, im leise fallenden Nachmittagsschein, hielt neues Gedränge uns gebannt. Auf einem öffentlichen Volksplatz trompetete Militärmusik. Ein Wirbel von Paaren drehte sich dazu in Verzücktheit: Mädchen mit verkommenen Leibern und Burschen mit noch kindhaft gerundeten Gesichtern, Rohlinge und Soldaten, Bäckerknaben und Lehrmädchen, schmalschultrige Studenten und zufällig des Weges kommende Zimmermädchen, enttäuschte Weltstadtstürmer, Kunstjünger mit zerwühlten Mienen, Modistinnen und Freudenmädchen mit flackenden Schwarzaugen und kirschrot gefärbten Mundrändern. Kleine von der Musik hergelockte Mädelchen mit schwankem Fußspann, gedrehten Hängelocken und langen schmächtigen Gesichtern machen im Vorübergehen mit ihrer Bonne eine Runde. Sie alle, die eine zuckende Melodie für eine Weile zusammengeworfen hatte, preßten sich in Inbrunst aneinander und kreisten ekstatisch, unbewußt zu der jungen Lust des Frühlingseins.
Matt und schwer von dieser Atmosphäre der Verheißungen und Entgleisungen winkte einer unserer Begleiter ein Auto her. Wir glitten zu vieren unserem weit entlegenen Ziele zu: der russische Ingenieur, die himmelsschöne Pianistin, die junge Schauspielnovize und ich. Das Fahrzeug hielt sich auf den breiten Fahrdämmen nahe dem Flusse, dessen unruhige Wasser die lusttaumelnde Stadt und die gelbblanke Sonne einfingen. So, wortlos in meine Ecke eingeschmiegt, nahm ich von dieser in lichtblauen Frühling hineingedichteten Wandelschau unveräußerbaren Besitz. Von den fernen, vergangenen Häusern, die mit uns durch köstliche Gassen zogen, von dem vielfarbigen Gestrahle der Blüten und den auffliegenden Wohlrüchen der Dolden auf dem unabsehbar weiten Blumenmarkt. Von dem Gewimmel und den Geräuschen der Straßen, der Brücken und der Kaie, von alten gewundenen Hintergäßchen, von finsteren Durchlässen, von der Buntscheckigkeit der zur Straße gelegten Waren, von den grellen Plakaten, von Spelunken und gotischen Kathedralen, von einem rubinfarben brennenden Kirchenfenster, von unbekannten, traumseligen Häusern und Straßenzügen.
Langsam begann der Nachmittag zu zerflammen, als wir in den Salon des böhmischen Edelmanns traten, der uns zu intimem Zusammensein hingebeten hatte. Wir waren etwas verspätet, und der Hausdiener bat sogleich zu Tisch. Breite Fenster und eine Glastür standen vom Speiseraum weithin nach dem Frühlingsgarten geöffnet, der sich in Terrassen zum Flusse niederließ; denn diese am Strome hingelagerte Vorstadt erhob sich auf beträchtlichen Hügeln über der Millionenstadt. Die blauen Schattungen des Abends trugen gebrochene Akkorde von fernen Glocken über den Strom. Zwei Freunde des Hausherrn, ein junger Dichter und einer, dessen Ruhm bereits im Absteigen war, gaben Langgewußtem Neuartigkeit, entdeckten ungekannte Tiefen. In der Frische, die Fluß und Garten brachten, und vor dem stillen Gespräch, das diese Stimmung erschuf, verfiel das Gebrause der lenzberauschten Weltstadt, das uns bisher im Blute gesungen.
Dann saßen wir in dem kleinen Salon, der angefüllt war mit Raritäten, mit verschollenen Bildern und Handschriften, und der im stillen Schein der hohen Kerzen erbleichte. Der junge Dichter sprach zum Gedämmer des Raums seine Frühgedichte, in denen er seine erste Liebe eingeschlossen hielt und allen Reiz der kaum herangeblühten Schauspielerin mit den adeligen Händen und dem feierlich weißen Stiel ihres Halses, die so traurig verenden mußte an ihrem Schminktisch, von weißen Spitzen berieselt, vor ihrer Antrittsrolle im größten Schauspielhaus, das an diesem Abend von grausigem Brande versehrt ward.
Schweigend vergingen unsere Gesichter in den hereinstürzenden Dunkelheiten. Wir hörten das Hintropfen der wächsernen Lichte und vom Garten einer tagmüden Schwalbe Zwitscherruf. Da zauberte die romanische Klavierkünstlerin vom Nebenzimmer uns singende Vögel, Hansnarren mit schallenden Glocken, das Geklingel alter Rokokouhren, das Stelzen bejahrter Schwerenöter her, Schäfereien, Jahrmärkte ... Die ganze verwehte Anmut Couperinscher Schalkhaftigkeiten. Sie lud Rameau zu Gast ... und ihre schmalen Finger wurden Werkzeuge zur Beseelung Chopinscher Wehmütigkeiten.
Die Frühlingsnacht stieg sehnsuchtsbang in die blassen Stuben ein. Sie zog uns zum mondweißen Garten hinaus. Die Bäume hatten sich in sanft gleitende, lila verschillernde Seiden getan. Tief unten murmelte der Fluß seine Liebesworte an die Stadt, die mit flammigen Reklamen und Millionen gelber Lichteraugen in die Ferne gemalt stand. Von vorzeitiger Wärme aufgewehte Düfte regneten über uns her. Weiße Steinbilder beugten sich wortlos über dunkles Gehecke. Wir lehnten an einer Brücke gebogenem Geländer. Breit um uns schossen grasige Hügel schräge zum Wasser ab. Auf ihnen -- hingeschenkt dieser Mondnacht -- verströmten Tausende Veilchen ihr Sein.
Die Reklamen hörten auf, über die Weiten zu schreien. Uhren und Glocken gingen dann und wann leise in kurzer Zwiesprache nebeneinander. Wir saßen auf gläsernem Vorbau des Hauses, nippten von alten Weinen, redeten von Kunst und Sehnsüchtigkeiten und schwiegen lange, vom Dichten, vom Getöne und von den Bildern des Heute durchklungen.
Da stieg vom Küchengeschoß ein Lied zu uns auf, fremd und zehrend und leidbeschwert. Der Hausherr richtete sich stehend hoch auf und ging zum Fenster. Gequältheit über den sonst so beherrschten Zügen, lauschte er in den Traumglanz des Mondgartens, lauschte ... Dann schob er seinen Lehnstuhl uns nahe, und ich hörte ihn die Rilkeschen Verse klagen:
Mich rühret so sehr Böhmischen Volkes Weise; Schleicht sie ins Herz sich leise, Macht sie es schwer.
Wenn ein Kind sacht Singt beim Kartoffeljäten, Klingt dir sein Lied im späten Traum noch der Nacht.
Magst du auch sein Weit über Land gefahren, Fällt es dir doch nach Jahren Stets wieder ein.
Langsam entquollen die Silben seiner zerquälten Stimme, als müsse der Schönheit dieser Nacht eine Opferung werden.
Ich wollte ihm von Rilke sprechen und von der Seltsamkeit der Gedichte, die die Fremde ihm geschenkt hatte. Ob er seinen großen Landsmann nicht aufsuche? Doch ich ward stumm, als meine Augen sich zu den seinen hoben, denn die dichteten das Weh dieses Liedes vom vergangenen Glück mit preisgegebener Seele fort ...
Die andern, der deutschen Sprache und dem Dichter unvertraut, hatten flüsternd wieder zu reden begonnen.
Düfte welkender Veilchen flogen von den Tischen und schufen wehvolle Müdigkeit.
Dann gingen wir unter den leuchtenden Wundern schwimmender Wolken den Dämmerungen der werdenden Morgenstadt zu, in langem Wandern. Wer sprach es aus? Einer der Gruppe wußte unseres Gastgebers Leid, wie er als Jüngling Haus und Land gelassen, die Mutter tot, und er für immer vom Vater gegangen. Ringend mit seiner Heimwehnot, sei er ein Hort geworden allen Landesgenossen in der fernen Fremdstadt. Nur die Alte, die ihn als Kind gesehen, und ihre Lieder seien ihm Brücke zu seinem Land.
Glocken schwangen schwermütig in den entbrennenden Morgen ... schwangen traurig in meinen Pulsen, in meinen Schläfen ...
Frierend schauerte ich auf, Kälte faßte mich an, Eiswind hatte das Feuer im Ofen gepackt und erwürgt. Die Glocken der Nordstadt läuteten ... läuteten der Geburt des Jahres 1919 ...
Sein Anfang trug mir über die Vision des Geschauten hinweg neue Wirrnis zu. So war Auflehnung gegen Vater und Mutter nicht nur Begleiterscheinung von Krieg, Revolution und der durch sie gezeugten Verwilderung? War auch das Verhältnis von Eltern und Kind -- wie Frau von Staël von der Liebe behauptet -- ein ewiger Kriegszustand, der hier zur Niederlage, dort zum Sieg, zuweilen nur zu gerechtem Ausgleich wird?
* * * * *
Den 1. Januar 1919 abends.
Noch im Traum dieser ersten Nacht im Jahr sang mir eine Stimme voll dunklem Trauern:
Magst du auch sein Weit über Land gefahren, Fällt es dir doch nach Jahren Stets wieder ein.
Den ganzen Tag kamen mir vorwurfsvolle Augen nach aus einem gedankenzerpflügten Gesicht. »Weißt du, was mir von meinem Vater geschehen?« »Zu Schlimmes kann es nicht sein ... es ist der Vater ...« rief mein Gedanke in unbekannte Fernen ...
Aber der spitze Dorn der Frage stieß sich immer tiefer in mein Herz: »Wie soll ich, gerade ich, die Lösung finden zu gerechtem Ausgleich zwischen den zwei Lebensaltern?«
VIII.
Den 20. Januar 1919.
Die Eindrücke der Silvesternacht vergitterten mir lange die Außenwelt. Ich verstrickte mich in die Wundergärten der Vergangenheit. Ich tauchte unter in die vereisten Wasser meiner Erinnerungen und griff nach gefrorenen Blüten, die unter meinen warmen Händen auftauten und Offenbarungen dufteten. Ich überflog die Höhen der Vergessenheit und nahm in Beglückung neuen Besitz von den Wundern und Mären der Fremde.
Es war schwer, die Treppen so verzauberter Gänge wieder hinanzufinden. Aber die Gegenwart pochte immer lauter und aufrüttelnder an diese Stollen der Entrücktheit. Als ich endlich in harten Mühen den Ausgang fand und den Januar dieses Jahres wieder erreicht hatte, erstickte ich fast in dem Gefängnis, darin der Krieg uns nun fast ein halbes Jahrzehnt lang eingesperrt hielt.
Tausend Schiffe waren seither zu Inseln gezogen, wo Freude glänzt. Tausend Züge waren hingeleitet in Städte, die nichts kannten von dem Leid, das auf uns gefallen. Tausende Menschen waren besonnte Pfade gegangen, und wir durch schwarzes, entwirrloses Gestrüpp. Tausende Menschen hatten schimmernde Früchte gebrochen, und wir die Hände nach einem Stück trockenen Brotes durch Kerkerstäbe gereckt. Tausende Menschen hatten die süßen Abenteuer des Lebens an sich gepreßt, und wir die unerhörten Nöte des Todes ...!
Durfte ich der Jugend zürnen, ihr, der kein »Einst« verschüttet, kein Vergleichen gegeben war, daß sie selbst solcher Zeit Lust abzwang? Daß sie nicht länger vor der verhangenen Schaubude des Lebens harren wollte? Den Eintritt sich ertrotzte? Die Hüter der Pforte überrannte?
Die Zeitungen schrien die »Not des Tages« in jeden Morgen, jeden Abend. Sie malten die Schauer der Todespein im Osten und warben flehend zu freiwilligem Grenzdienst. Von Finanzwissenden verbreitete Artikel besprachen das Für und Wider des Staatsbankerotts und schufen Panik. Blutrote Geschichten von Vergehen und Bolschewistengreueln färbten lange Spalten der Tagesblätter. Die Seuche der Streiks -- meldeten sie -- breitete sich wie eine bösartige Flechte über das ganze große Land. Bilder malten so weiter: Gehärtete Proletarierfäuste streckten sich drohend hoch. Das Rund eines Riesenmunds brüllte den Landsleuten: »Arbeiten und nicht verzweifeln!« zu. Parteien verlangten -- eine andere höhnend -- mehr Mitglieder. Die antworteten mit Lästerungen ...
Dazwischen aber tanzen und lächeln zierlich gezeichnete Pierretten und Harlekins. In allen Stadtteilen aufwachsende Maskengeschäfte rufen ihre Wohnungen aus. Daneben ergeht auf langen Reihen der immer wiederholte Schrei nach Maskenkleidern, bei Sonderwünschen mit der Versicherung, daß der Preis Nebensache bliebe. Diese Zeitungsspalten wachsen vom Morgen zum Abend, dehnen sich vom Abend zum Morgen länger aus, bis die seltensten Lebensmittel zum Tausche für jeden Maskengegenstand geboten werden. Die hungernde, frierende Stadt fiebert der Nacht und ihren Karnevalsfreuden entgegen.
Ihre nüchternen Nordlandsstraßen, tagsüber von Menschen mit grauen, verzehrten Gesichtern begangen, tragen in kalter Frühe südlichen Putz: papierne Schlangen, zitronengelb und gewunden über naßschwarzen Steinen, pfaublaue Kringel, in die lehmigen Wasser der Gasse gekrümmt, in allen Pfützen flammrot kreiselnde Wunden, grasgrüne Bänder um Telegraphendrähte geklammert. Und von den Simsen hebt der Wind weiße Vögel flatternd zur Höhe.
Sie alle schimmern ein eintägiges Leben lang. Die Straße aber erwacht in nächster Morgenfrühe mit dem Schmuck ähnlicher Formen in immer wechselndem Farbenrausch.
War es der Ruf nach den verlorenen Fernen der Freuden und der Frühlinge, der mich führte? Der bleiche Gedanke, meine Söhne mir enger zu verbinden, wenn ihre Feste die meinen würden? Eines Spätabends schritt auch ich neben Ludwig und Henno über die feuchten Straßen der entlegenen Vorstadt zu einem jener großen Bälle, die Maske und Gesellschaftsanzug gestatteten.
Die vielen Räume des Hauses dienten dem Tage mit sachlicher Nüchternheit. Die Abende aber schufen aus ihnen verwunschene Säle, in denen die Menschen aus ihrer Zerstreuung in die Welt sich heimfanden zu träumerischem Wahn des Vereintseins: braunfarbene Bajaderen mit schmächtigen Armen und langgezopfte Chinesen in schilfgrünem Atlasgewand, neapolitanische Bettelknaben und derbknochige Kriegsgewinnlerfrauen in überputztem Ballkleid und allzu kühnem Halsausschnitt, langbeinige Matrosen neben steilen, hohen Mädchen von unsagbarer Herkunft, behäutete Lappländer und weißumwallte Beduinen, Schauspielerinnen in köstlichen Schleierwindungen, wandelnde Blumen und Kammerzofen in sehr geschmackarmer Verkleidung, rätseläugige Pierretten, mondblasse Hanswürste und irrende Ritter durch diese Welt ...
Geigenbögen sprangen jauchzend über die Saiten. Flöten griffen ein paar trunkene Takte auf und schütteten sie wild über die Massen aus. Regenbogene Papierschlangen zuckten über die Köpfe hin und bebänderten feierliche Fracks und ernste Mönchskutten, und ein grün-gelb-rot-blauer Schneefall verhängte dies bizarre Bild zuweilen bis zur Unsichtbarkeit.
Es war nicht mühelos, sich hier zu finden. Doch hatte sich bald ein kleiner Kreis um uns geschlossen. Aus braundunkel verhängter Nische blieben wir nunmehr wechselnd Zuschauer und Mitwirkende des draußen vorübertosenden Spiels.
Ringsum, an allen Wänden, erhielten die Tische, einzeln und in Gruppen, die bunte Zier tanzmüder Gäste, und aus dem Mischmasch der Völker und der Erscheinungen hoben sich die Gestalten und die Begierden der Einzelwesen. Das Profil eines vertrauten Gesichts flog vorüber ... ging unter, Blicke brannten auf, verschwelten ...
In blutrote Seiden gewickelt, kurzgeschürzt, Hals und Nacken bis zur letzten Möglichkeit der Umhüllung befreit, wiegte sich, schob, raste Lilli von Groddeck, bald dahinschmachtend, bald bacchantisch durch die Räume. Der rote Mohn in ihren Haaren flammte der Schar derer den Weg, die sie zu neuem Tanze werben wollten. Wie junge und alte Männer sie mit den Blicken besaßen, wie ihre Tanzgenossen sie hielten und faßten, wie Ludwig, den Kopf zu ihrem Busen gebeugt, mit ihr flüsterte und zynisch lächelte, kam mir ganz ungefähr ihre Stimme der Novembertage ins Ohr, jene freche Stimme, die sie der »süßen Yvette« gegeben hatte. Und sehr kleinbürgerlich beruhigt, gewahrte ich eine ihrer braven Tanten, die ihr die Eltern auf dem Balle ersetzen sollte.
Zu vorgerückter Stunde saß auf einmal, irgendwo hergeweht, Gert Driesen zwischen uns mit seinem frühalten Gesicht und dem Fremdsein aller jungen Lust. Ich sah eine seltsame Beziehung zwischen seiner Art und der Annemarie Grünhagens, die auch seit Stunden an unserem Tisch war mit ihrem abgedämpften Jungsein. Aber aus den feuchten Tiefen ihrer Augen schoß in Zwischenräumen ein Glitzern auf und sagte von verschwiegenen Strömungen. Und wie ich der Richtung ihrer wandernden Pupillen nachfolgte, schatteten die Gesichter Kurt-Georgs und ihrer Mutter vorüber.
Jähe Angst bäumte sich in mir auf, vor der Abweisung, die Annemaries Gesicht zerstörte. Ich schob mich langsam durch die Tanzenden und bat Tante und Neffe, uns ihre Gesellschaft zu schenken. Allzulange schon wäre sie uns Verlust gewesen.
Aber Annemaries Blicke hingen voll unaussprechlichen Glanzes über dem wilden Gebrause der Ballsäle und schienen dessen nicht zu achten, daß die Augen Kurt-Georgs ihrer Mutter von Dingen sprachen, die seltsam fremd und traurig gegen das Tanzbild in seinem Rücken standen. Es kam ein Chinese, mit schmerzlich verzogenen Brauen unter spitzem Hut, und küßte, sich neigend, Frau Grünhagens Fußspitze. Sie lehnte es ab, ihm einen Tanz zu gewähren. Ein Ritter trat vor und setzte spielerisch seinen Degen auf Kurt-Georgs Brust. Fahrende Sänger hockten in unserer Nische nieder, mit Mandolinengeklimper und Sehnsuchtssang. Derbe Worte fielen wie erregende Wurfgeschosse vor uns hin. Laute voll schwerer Süße rauschten auf und davon. Und alle lobpriesen die Schönheit der Frau und hatten des jungen Mädchens nicht acht. Da mahnte Frau Grünhagen mit peinlich zugekniffenen Lippen zum Gehen, aber Annemarie, immer dies absonderliche Glitzern im Auge, bestimmte zu bleiben.
Gert Driesen hatte sich bislang manches Wort erdacht, das eine Antwort Annemaries wollte. Nun endlich kehrte sie sich ihm nach langem Schweigen zu und sagte und fragte schnelle Dinge. Ein Verhaltenes, Unerklärbares war über ihren Zügen. Ihre dürftige Gestalt neigte sich bisweilen vor und zurück. Da stand plötzlich, rot und lockend, alle überblühend, Lilli von Groddeck bei uns und nahm Annemarie das letzte Wort von den Lippen. Sie drehte sich, streckte die schimmernden Arme irgendeiner zu erwartenden Lust hin. Und ihre Augen zogen langsam saugend die Augen der anderen an sich, mit unbeirrbarer Gewalt. Dann fiel unsagbares Geglänz aus ihren Blicken, haftete bei dem aufwärts schauenden Gert und hob ihn wie an hellblauen Seilen von seinem Sitze hoch.
Sie tanzten, als seien ihre Leiber willenlos verkrampft. Sie tanzten und ruhten anderswo, weit von uns, aus, bis sie von neuem durch den Saal taumelten.
Annemaries Gesicht sah klein und verfroren über uns hinweg, und plötzlich stand sie steil bei ihrer Mutter und sagte: »Komm bitte jetzt!« Und zu Kurt-Georg: »Du nicht!«
Die wehe Melodie ihrer Stimme blieb mir lange im Ohre hängen und überschrie die Lautheit der Festfanfaren. Ich nahm Kurt-Georgs Arm und wir schweiften ziellos durch die Räume. Da sah ich, wie die vorschreitende Stunde die Gesellschaft gewandelt hatte. Viele, die Stillen, blieben unauffindbar, andere, mit grotesken Pappmasken und dicken Tierköpfen -- wie auf einer elenden Jahrmarktsschau -- mit frechem Gelach und Gejohle, waren von irgendwoher in die Gesellschaft geraten. An vielen Tischen flogen Karten, Kugeln, Spielmarken und Tausendmarkscheine. Frauen mit geschminkten Gesichtern, in unziemlicher Haltung, griffen mit flinken Gierfingern nach den abgegriffenen Papieren. Weintrunkene Männer ließen sie ihnen, vermerkten Forderungen oder faßten mit lüsternen Händen den Gegenstand ihres Kaufes.
In einem Nebenraum war eine Schönheitskonkurrenz ausgerufen. Die Eigentümerin der betörendsten Schultern wurde soeben durch zwei Männer von ihrem erhöhten Postament herabgetragen. Zotige Vorschläge für eine neue Preisbewerbung züchtigten unser Ohr. Sie wurden verlacht und durch ungebührlichere überboten. Wir flohen.
In den Tanz- und Spielräumen rasten immer weiter die Begierden des Blutes und der Habgier. Tänze, Blicke und Gebärden hatten sich jeder Scheu entfesselt.
Ludwig stand neben uns und berichtete, daß Henno lange gegangen sei. Er hätte nur meiner gewartet. Seine Augen starrten voll Verwunderung, als ich ihn mit Kurt-Georg zu bleiben bat.
Dann saß ich an einer Tischecke, hatte das vereiste Gesicht Annemaries, hatte Zeit, Müdheit und Ekel vergessen und war nur noch Auge und zitterndes, eilendes Hirn, während mein Zeichenstift Papier um Papier mit raschen Strichen und Figuren bedeckte.
IX.
Den 29. Januar 1919.
Immer, wenn ich jetzt das kleine Giebelfenster erblicke, steigt Widerwille in mir an und ein beklommenes Erschauern vor diesem fremden Fühlen, das mich erschreckt. Immer neu wächst das erhellte Bild über den dunkeln Massen der Gärten in mein Erinnern, so wie ich es vor zwei Tagen sah: Ludwig, die Hände um einen Mädchenkopf gekrampft, den Rücken gegen das graue Kreuz des Fensters gedrückt, und den enteilenden Schatten des Mädchens, das unerkennbar bleibt.
Und dann das Wissen um ihren Namen: Ellinor, die zarte Ellinor, das schöne Kleinod meiner Freundin aus Jugendfernen. Wie ich die Haustür auftat, lief sie mir durch die Eingangshalle entgegen. Im kleinen verbleichten Gesicht brannten die Mundränder röter als lodernder Mohn. Darunter, in zwei tiefen Eindrücken, die die Form zwei vorstehender Vorderzähne Ludwigs purpurn abmalten, hing je ein Tropfen Blut.
Die beiden Tropfen verdunkelten mir den Tag und fielen als schwarze Tränen in meinen nächtigen Traum, daß ich aufschreckte mit dem Ahnen eines verhängten Wehs und plötzlich wieder wußte: Mein Sohn Ludwig, dessen junges Blut sich alle Nächte an zügellosen Festen und Frauen entbrannte, hatte den Kindermund eines Gastes entheiligt. Hatte die Sinne einer werdenden Frau vorzeitig bedrängt, eines halbwüchsigen Mädchens, die aus frühesten Tagen wie eine kleine Schwester neben ihm gegangen war, deren Mutter der seinen durch Jahrzehnte Freundin gewesen. Wie hatte solches geschehen dürfen? Mein Gehirn zerdachte die gelebten Jahre, Monate, Tage und kam zu den süßen, wehmütigen Abenden vom letzten Dezember. Da sah ich Ellinors beflorte Augen wieder und ihren verstummten Mund, fühlte, wie sie ihren schmalen Körper an meine Knie legte, und wollte eine entschuldigende Ursache für Ludwigs Tun finden.
Doch nicht lange glückte es mir. Gab die wunderbare Neigung eines kleinen, unerweckten Mädchens ihm das Recht zu tändelndem Mißbrauch? Durfte er dieses Gefühl zu einem Zwischenspiel seiner nächtlichen Abenteuer niederziehen? Im Hause seiner Mutter das Gastrecht entwürdigen?
Ich rief den Morgen herbei und zerlegte Frage und Anklage, mit denen ich ihn richten wollte. Aber der junge Tag begann bereits zu altern und Ludwig war immer noch nicht heimgekehrt. Die Blicke Ellinors wehklagten mir aus allen Stuben, allen Winkeln des Hauses entgegen. Nirgends ließen sie mich allein, meine Unrast wuchs riesenhaft auf.
Ich dachte an einen Besuch bei Sabine, mochte Ludwig jedoch nicht verfehlen. Ich harrte seiner in Haus und Garten und an den schneeigen Gittern zur Straße. Es schob, es riß mich hierhin, dorther. Dann kam mir der nahe Gedanke zu telephonieren. »Es ginge der gnädigen Frau und Fräulein Ellinor gut. Sie seien in der Stadt und wollten später zu Frau Bergmann hinaus,« berichtete das Mädchen am Hörrohr.