Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen

Part 2

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Auch Annemaries Vetter, Kurt-Georg Regensburg, litt an seiner zu schönen Mutter. Sein Leid aber blieb kleinlichen Gefühlen fremd. Es glich dem haßnahen Schmerz des unglücklich Liebenden, den die Liebste aus hellem Festschein einer starken Vereinung in das dunkle Grausen des Immer-allein-Seins gestoßen hatte. In die Zeit seines Jünglingwerdens, in sein fünfzehntes Lebensjahr, da übererregte Wallungen seiner Liebe zu der schönen Mutter Krankhaftes liehen, fiel ihre Flucht aus dem väterlichen Heim. Immer hatte er es gefühlt, daß die vielen jungen Herren in seinem Elternhause nur die Mutter suchen kamen. Das plötzliche Wissen seines Verlassenseins schlug ihn in Finsternis und Krankheit. Im Nebenzimmer klagte der Vater in wehen Lauten. Und Kurt-Georg tat sich den feierlichen Eid, ihn und sich zu rächen. Es war noch kein halbes Jahr später, daß der Vater der so Verlorenen eine Nachfolgerin gab. Der Knabe entband sich selbst seines Schwurs und siedelte, mannhaft seinen unerschütterbaren Entschluß vertretend, zu einer Schwester seines Vaters über. Er verachtete das Weib, die Ehe, die Menschheit mit knappen Ausnahmen. Und sein junges Knabengesicht mit der hellen Stirn wurde von zwei messerspitzen Linien zu seiten der Mundecken gefurcht.

Sicherlich, er war der einzige der sechs Verschwörer, dem Verständnis für Mißachtung und Rachegefühl gegen Eltern werden konnte, äußerlich gesehen und solange man seine jungen Jahre und das alte Mal seiner Wunden ansah. Würde der welterfahrene Kurt-Georg nach zehn, nach zwanzig Jahren nicht in anderm Gefühl richten? Der Vater ein alternder, immer nörgelnder, immer siecher Mann. Die Mutter schön, jung, gewissensschwach und denkarm, dafür übervoll an Blut und Genußfähigkeit. Nicht alle Frauen sind Märtyrerin genug, ihr eigenes junges Dasein dem Ableger ihres Körpers als Opfer zu geben.

Was wird der junge Knabe an Leben erraffen und durchdulden müssen, um dieser Erkenntnis nahezukommen?

IV.

Den 2. Dezember 1918.

Die Tragik des jungen Lebens Kurt-Georg hatte mich mit so harten Griffen gepackt, daß ein Weiterschreiben mir lange Tage Unmöglichkeit blieb. Gedanken, Fragen, Antworten und Widerreden überstürzten sich wie Katarakte in meinem Hirn. Begegnete ich in der Zwischenfrist den tiefliegenden Augen des Jünglings, in denen immer ein Weinen stand, so spürte ich es als Vorwurf, daß so dunkles, unstillbares Bluten in seinem Herzen war. Das Abbild seiner Mutter blitzte vor mir auf, eine überlebensgroße Erscheinung, in lüsterner Körperlichkeit, durch zähen Erdenschmutz watend. Doch sobald die müde Trauer seiner Augen mir entwichen war, wurde ich in Gedanken zum redefertigen Anwalt der soeben Geschmähten. Und die rasenden Anklagen der Richter trafen auf meine spitzfindigsten Erwiderungen. Ich lieferte wilde, verzweifelte Verteidigungsschlachten vor einem Parterre von beifallklatschenden Frauen aller Stände und aller Lebensalter. Wie, das schreiend geforderte Recht auf Ausleben der Persönlichkeit, die Freiheit des einzelnen -- und wie die abgegriffenen Schlagworte sonst alle heißen mochten -- es erstreckte sich nur auf Männer und Kinder? Die Frau aber, die in einem Augenblick junger Unwissenheit, in Unlust, in törichter Unverantwortlichkeit, oder einfach ihrem Geschlecht folgend, ein Kind empfangen hatte, sollte ihr ganzes Nachleben diesem einen Tage unterordnen? Sollte ein späteres Erstarken oder Erwachen ihres Menschentums, ihres Weibseins, sollte die Gewißheit, in einem anderen Manne die Ergänzung ihres Wesens, die Hut ihres Lebens gefunden zu haben, sollte eine martervolle Leidenschaft jenem Augenblicke opfern?

»Sophismen,« hörte ich den Richter dazwischenzetern, »trügerische Vernünfteleien! Und das Kind, das uns anvertraute neue Wesen, das kommende Geschlecht -- was wird aus ihm, he ...?«

»In unserem Falle hatte die Mutter es vierzehn Jahre geschirmt. Ein Mann werdender Sohn bedarf mehr des Vaters als der Mutter ...,« sagte meine Stimme. Aber sie schwang dünn und kleinlaut, denn Kurt-Georgs Augen sahen mich hinter dem Rücken des Anwalts hervor an ...

Da legte ich schamhaft mein Gesicht in meine Hände und wußte, daß ich nicht um die Sache der geflohenen Mutter gefochten hatte, daß ich mich vor meinem Innern hatte entsühnen wollen für eine nicht geschehene, aber ernst bedachte Tat. Doch nicht lange ließ mein Stolz diesen Vergleich bestehen. War ich zu jener Zeit nicht frei gewesen, Herrin meiner selbst, und hätte ich die vaterlosen Waisen nicht früher oder später, vielleicht sogleich mitgeführt in das neuerrichtete Haus?

»Wo, bitte, ist da der Unterschied?« plusterte sich plötzlich wieder das feiste Gesicht des anklagenden Richters auf, »wo? Hatte nicht auch Kurt-Georg seinen Vater behalten, und ein frischgegründetes Heim stand ihm freundlichst geöffnet? Woher kommt Ihnen die Gewißheit, daß Ludwig und Henno die liebe Gabe eines fremden Herrn Vaters und eines fremdgezimmerten Zuhause aus Ihren schönen Händen entgegengenommen hätten?«

»Warum diese Verärgerung, werter Herr?« höhnte ich dawider. »Sie sehen mich als bravstes Musterstück einer deutschen Hausfrau und Mutter meine Söhne betreuen. Der ausgepichteste Sherlock-Holmes-Nacheiferer würde in meinem entlegenen Häuschen ein beklagenswertes Fiasko machen. Ihre Bedenken, mein wohlwürdiger Herr, waren ganz die meinen. Wollen Sie mir nun Ihrerseits Klarheit geben für die Gründe, die meine Söhne zum Aufbegehren trieben? Sahen Sie, Herr Allesbesserweiß, nicht meine Liebe und Sorglichkeit auf jedem ihrer Gänge, von Kindheit an? Ich ließ sie allzuoft allein, meinen Sie. Doch nur zeitweise. Und tat ich's nicht, um ihnen mit meiner Kunst zu dienen, da sie, noch nicht schulpflichtig, den Vater durch bösen Unfall verloren? War ihnen nicht das wärmste Großelternhaus Ausgleich für der Mutter Abwesendsein? »Die Kunst selbst, verehrte Dame, gibt sie Ihren Kindern nicht Eifersucht?« ...

Lange überdachte ich auf diesen Einwurf die Ablehnung. Doch nein, Ludwigs Verlangen an das Leben war so machtvoll, so unbekämpfbar, daß gelegentliche Uneinigkeiten zwischen uns ihren Urgrund nie in Aufwallungen unsachlicher Art hatten. Henno hingegen lebte von einer Ehrfucht besessen, und zudem war jede Kunst ihm, dem hingerissenen Kunstjünger so ganz Heiligtum, daß mein Beruf -- meine Zeichnungen und die Anerkennung, die ich fand -- mich ihm vielleicht wertvoller machten als mein Muttertum ...

Weshalb nur fehdeten ihre Blicke mich an? Und schwieg ihre Rede vor mir? Weshalb denn legten sie einen Racheeid gegen mein Tyrannentum ab?

Hinter diesen gequälten Fragen stand plumpe, dichte Finsterkeit. Nur zuweilen blitzte es lauernd darin auf. Aber sobald ich fest zusehen wollte, sank schwarz und schwer das Dunkel umeinander.

V.

Den 18. Dezember 1918.

Die langen, undurchleuchteten Dezemberabende sind angefüllt mit Geheimnis und huschenden Schattenwesen. Aufgereckt aus angstvollem Nichts, zerstieben sie schwärzlich in nachtstarre Schächte. In alle Teile der kranken, schauerreichen Abendstadt hin: dem Unwissenden ein nichtfaßliches Grauen, dem Eingeweihten verzweiflungsvolle Notwendigkeit. Faßliche Rückwirkung jahrelangen Hungers auf Lust. Die zertretene, vergewaltigte Jugend reißt in Gier die vergifteten Früchte vom wildgewachsenen Freudenbaume, der vulkanischer Erde entsproß.

Aus allen Stadtrichtungen, aus allen Straßen, aus allen Quergassen, von überall trägt die Luft, kehrt man von spätem Nachmittagsgang heim, tanzende Rhythmen fort. In den Zusammenkünften der Jüngsten, der Nochjungen und der Alternden findet jedes Gespräch, das die letzten Tanzveranstaltungen, Tanzmoden und Modetänze ausscheidet, bald seinen Tod. Morgen um Morgen laden gutgedruckte Karten zu irgendeinem neuen vornehmen Nachmittagstanz, zu einem intimen Ball, so intim, daß selbst der Name des Einladenden Verschwiegenheit bleibt, und nur: »Die Veranstalter«, die »Einladenden«, der »Ausschuß« und ähnliche Unterschriften zu locken mühen, wer sich in so rätselvolle Gemeinschaft locken läßt. »Bei allen Revolutionen ist getanzt worden,« heißt die Ausflucht denen gegenüber, die dieser tragischen Zeit mehr Würde ins Antlitz ätzen wollen.

In solcher Verelendung der Geselligkeit den wollüstigen Sang der Großstadt witternd und Sättigung ihrer jungen Süchte erhoffend, lassen Ludwig und Henno Abend für Abend die leise Schönheit ihrer Stuben und ziehen dem Rufe der fremden Betörer nach, zuweilen in Gesellschaft Kurt-Georgs, häufiger noch neben Lilli von Groddeck. Mit welchen Umschweifen, auf welchen Nebenwegen die in alte Vorurteile eingeschnürte Beamtentochter dorthin gelangen konnte, bleibt mir Geheimnis. Eine Frage würde irgendwie ausweichend abgetan werden. Und Lilli ihren Eltern als Lügnerin melden, ist mir ein Unmögliches.

Mit hämischer Freundlichkeit trägt das Hausmädchen in der Frühe Stöße von Karten, Adressen, Anerbietungen an meinen Morgentisch, die den verschiedenen Taschen der jungen Herren beim Abputzen entfielen: Empfehlungen von Frack- und Maskenverleihinstituten, von Damenbekleidungsgeschäften ohne Aushängeschild, von Austauschstellen für Lebensmittel, Geldverleihstätten, Anpreisungen von Nachtbars mit Hintertreppen- und Kellereingängen, Einzelzimmern mit verschwiegenen Eintrittstüren -- nächte- und wochenweise, Namen von Köchen, die zu Abendessen ohne Lebensmittelmarken einladen. Unerschöpfbar scheint der Überfluß, der nachts auf so heimlichen Wegen abgeleitet, durch so geheime Pforten vertrieben werden muß, nimmt von Tag zu Tag ausgedehnteren Umfang an. »Werden wir's ändern?« »Haben wir darum gefragt?« lehnen Ludwig und Henno alles Erörtern ab. Und ein Achselzucken erstickt jede Frage.

Die Lesetage siechen müde dem Tode zu. Die Mehrheit der einstigen Teilnehmenden hat jetzt in langer Nachmittagsruhe verlorene Nächte zu ersetzen. Zwar finden die sechs Verbündeten sich oft noch zusammen, aber nur, um wieder auseinanderzustieben. Auch meine Gäste der ersten erregten Revolutionswochen sind ausgeblieben. Der Werkeltag heischt sie zurück. Und menschliche Gewohnheit fügt sich auch fremdem Zustand ein. So geschieht es gar oft, daß mit der Scheidestunde dieser kargen Dezembertage drei junge Schatten ins Zwitterlicht meines Zimmers fließen: Kurt-Georg, Annemarie und Ellinor.

Im Beginn wird ein Gespräch versucht, eine zage Melodie angeschlagen. Abendweh und Abschied liegen auf der Lauer. Draußen stürzt der Wind in die Gartenpfade. Schwarze Äste zerkrachen. Das Spiel entstirbt. Tiefes Stillesein schmiegt sich ins Zimmer und wird zum Lied.

Ist es solche Stunde allein, die mir die beiden Mädchen bleicher und schmächtiger malt? Daß der grüne Sammet in Ellinors Augen mir feucht und gedunkelt scheint? Das Spottlächeln um Annemaries Mundrand zu Traurigkeit verzogen wirkt?

Einmal, da matter Wintermond über dem Garten, dem Zimmer und den Dingen hing und die Mädchengesichter auf hellbepudertem Grunde hinblassen ließ, kam es, daß Ellinor mir zu Füßen glitt und geneigten Kopfes unaufhaltsam über meine Hände strich.

Kurt-Georg lehnte am Fenster, halb zum Zimmer, halb zum Garten gekehrt, seine Augen dürstend dem weiten, blinkenden Schimmer geöffnet, den Körper vorwärts gebogen, als suche er in Heimweh nach verlorenem Lande. Dann deckten schwere Lider das nasse Geglänz seiner Pupillen.

»So traumhaftes Nachtlicht erhellte mein Knabenkranksein ... wie alt, wie süß und fern!« flüsterte er, wie wenn er selbst sich im Traume bewege ...

»Kurt-Georg,« hauchte Annemarie, in Furcht, ihn aufzuschrecken, »Kurt-Georg, wir sind dir so nahe ... und ohne Schuld ... Weshalb fliehst du unser Haus? Komm wieder wie in Kindheitszeiten ...«

Lange schaute er zur weißen Schale am hohen Himmel auf, die das Land mit kranker Blässe begoß. Annemarie hatte die Hände wie in Frommheit zusammengelegt. Dann drehte sich sein Gesicht uns zu. Und stockend kam es: »Ich will ... euch ... wieder ... besuchen ...«

Der Mond beglänzte Annemaries Augen. Sie hoben sich in blinkender Verklärung aus dem unschönen Gesicht.

VI.

Den 29. Dezember 1918.

Henno beginnt in diesen allnächtlichen Schwelgereien Widersinn seines auf strenge Arbeit gestellten Lebens zu ahnen. Er hält Umschau unter den Veranstaltungen und Orten, bedacht und voll Sorgsamkeit, wählt die, welche er zu besuchen denkt, mit Geschmack aus, und verteidigt seine Arbeitsstunden gegen jede Außenstörung. Nie mehr bleiben seine Studien in der Kunstakademie zurück. Nach dem kurzbefristeten Ausflug zu Orgien, denen seine Jugend Zins entrichtete, kehrte er, besonnen wägend und abrechnend, wie ein alter Großhandelsherr, zu seiner Tätigkeit heim. Immer schon schien dies mir das Seltsame an seinen jungen Jahren und der Erzeugung seiner Malereien. Daß er seine Kunst nie von innerer Erleuchtung, packenden Gesichten oder überstarkem Empfinden abhängig machte, daß seine Sehnsucht nie die Erde verließ, daß er Kunst arbeitete mit Kopf und mit Hand, schweißbegossen, als leistete er Frondienst, daß er sie rechnete wie eine mathematische Aufgabe. Einen Achtzehnjährigen sah ich noch nie so kunstbesessen, so arbeitsnüchtern dabei wie Henno.

Ludwig ist nur noch Gast daheim. Irgendeine Nacht hat ihm jäh zwei ältere Schulkameraden wiedergegeben, beide bald nach ihrer Rückkehr von der Front. Zuweilen geleiten sie ihn zu unserem lautlosen Vorort hinaus und weilen ein wenig in meinem Gartenzimmer. Der langbeinige Gert Driesen, der über zwei Jahre lang im Osten gestanden, hat seine Jugend dort gelassen. Gewöhnlich sitzt er schweigend und zuhörend in einem Lehnstuhl, mit herabgezogenen Mundwinkeln und dünnen Fältchen rund um die Augen. Hin und her aber holt er Bilder aus tiefem Erinnern herauf, glitzernde, ausschweifende, atemnehmende. Man weiß nie, ob es Phantasie, ob Milderung oder Übertreibung eines wirklich Geschauten ist, was er da sprunghaft, eines das andere überdrängend, vorbringt. Die Lider decken sich auf die Pupillen. Und nur zuweilen, bei ganz krassen Stellen, flitzt ein schräger Blitz an den Zuhörenden entlang. Die Hände strecken sich und ziehen sich mit zeichnenden Gebärden vor und zurück. Um den Mond gespenstert ein Zug, der das Gesicht zum Widerspiel eines ausgepichten Schalks oder einer meisterlich gedämmten Erschütterung macht. So läßt er die Ahnung eines baltischen Schlosses aus dem Nichts erwachsen, mit marmornen Marställen, mit gläsernen Wintergärten und Gewächshäusern, durchsüßt von Ananasdüften, mit grauäugigen Schloßfrauen voll schweren Geblüts, mit weißen Abenden voll melancholischer Violinen und aufpeitschend alter Weine. Flüchtende Bilder schatten auf und hin, von östlichen Kleinstädten, darinnen alle Laster gegeneinander tollen, in Nächten, heiß und funkelnd von Feuersbrünsten, die garstige Lüste und zerrüttende Begier gebären und stillen und schwanger gehen mit jedem Verbrechen. Getöse erschrillt vor Bolschewistenlagern. Volkshaufen gären auf: eine wütende Menge drängt Lebensmitteldiebe zu einer Brücke. Tierhafte Schreie ... Regengepeitschtes Wasser spritzt hoch, strudelt über Menschenleibern, die langsam in graue Tiefe hinsinken. Und wieder, rasch hinskizziert, wilde Gelage, Tische mit rollendem Gold und Trunk und Speisen, deren Namen in Deutschland schon lange Jahre Sage und Verschollenheit bedeuten ...

Als sei das Heraufzaubern solcher Vorgänge eine Schwarzkunst, die seinen Nerven Zusammenbruch bringt, sinkt er dann haltlos, mit weitausblickenden Augen, in sich zusammen, sagt nicht ein Wort mehr. Nur einmal flüsterte er, als ich ihn beim Abschiednehmen an sein junges Leben mahnte: »Jung? Wie kann der jung sein, der bereits alles, aber alles gelebt hat? Dem nichts mehr Überraschung sein darf? Ich bin ein Greis ...«

Der andere, Leonhard Kauffmann, hat die gleichen zwei Jahre, im Westen, vielviele Schlachten mitgekämpft. Und es deucht ihm immer noch ein unglaubbar schöner Wahn, daß er jenen tausend Höllen unversehrt entkommen ist. Einmal, ganz zu Anfang, in einer Wintersturmnacht in Flandern, auf Marsch zu neuen Gefechten, war er in Erschlaffung gegen einen Baum gesunken. Trotz Starre und Windesheulen hatte bleischwerer Schlaf ihn in schillernde Traumeshöhen gehoben. Als er im fahlen Morgengegrau aufschreckte, frostschütternd und mit feuchtsteifen Gliedmaßen, hatte ein seltsames Klappern ihn aufsehen gemacht. Und unaufhörlich schreiend, wie unter einer mittelalterlichen Folter, war er lang auf den erfrorenen Boden zurückgefallen, unfähig, zu fliehen. Denn über ihm, im schwarzkahlen Gezweig des Baumes, schlug der Wind die Glieder eines Gehenkten wie dürre, düstere Glockenschwengel hin und her, her und hin ...

Eine Nervenerschütterung war der Ertrag jenes verhängnisvollen Schlafens und Aufwachens gewesen. Sie hatten ihn bald als genesen entlassen. Er aber wußte es: nie würde ein neues Geschehen dieses eine ganz auszulöschen vermögen, nie seinen Nerven volle Wiederherstellung geben. Er hatte später in grausen Stunden Schreckhafteres gesehen: Zerfetzungen, Hinbluten junger Leiber, gelle Todesrufe. Aber immer war jener gehenkte Spion, mit dem der Wind auf platter, naßkalter Ebene, im farblosen Wintertagwerden sein wunderliches Spiel trieb, ihm die größte Ungeheuerlichkeit und Verzerrung geblieben, die der Krieg ihm gezeigt.

Nun riß er, heimgekehrt, in rasender Gier in alles Blühen des Lebens, und erwüchse es auf fauligem Sumpfe. Nur diese letzten zwei Jahre des belohnten Mordens und Vernichtens mit Lust und Freuden des Daseins zudecken, so hoch wie möglich. Sein schmächtiger Körper, von zweijährigem Kriegsleben gedörrt, widersetzte sich häufig dem Zuviel, der Regellosigkeit und Gehetztheit, die von ihm gefordert wurden. Leonhard mißachtete solche Warnung der Natur. Und die drei wiedergeeinten Genossen zogen weiter auf dem unschönen Wege, der vierjährigem Kriege und einer von denkfaulen Massen mißverstandenen Revolution nachfolgte.

Und dennoch fand es mich unvorbereitet, daß Ludwig von solchen Wegen in moorige Gründe geriet, daß er mir vor drei Tagen seine Abirrung gestand, gestehen mußte, weil der Schuldschein, den der Unmündige mit seinem Namen gezeichnet hatte, mir am kommenden Morgen vorgelegt werden sollte. Zum ersten Male seit jenen Novembertagen, an denen Ludwig und Henno meinen geistigen Einfluß als Mutter abgelehnt hatten, stand ich meinem Erstgeborenen in langer Auseinandersetzung gegenüber. Gewiß, er mißverkenne die peinlichen Folgen nicht, die meiner auf kleinem Grunde aufgebauten Wirtschaft durch seine etwas erhöhten Ausgaben erwachsen könnten. Aber sie seien nicht unüberwindbar. Auf artige Reue, fromme Buße oder Hergabe seiner Jugendrechte werde ich -- das hoffe er -- doch keineswegs gerechnet haben. Ich rief sein klares Denken, sein Rechtsbewußtsein an. Ich verleugnete meine Art so weit, ihm meine Rückstellung eigener Wünsche anzudeuten, ihnen, den Söhnen zuliebe. »Elternpflicht«, lautete die Erwiderung, prompt und in geschäftskühlem Ton. »Auch wenn sie die Künstlerin in ihrer Kunst behemmt?« »Selbst dann!« »Auch wenn die Ausübung dieser Kunst zum Erhalt der Kinder beitragen muß?« »Auch dann ... sie kann ja von heute zu morgen reichere Früchte tragen ...«

Erschütterung vor solcher Eigensucht machte mich verstummen. Ich sagte ihm Zahlung zu und eilte, rechtzeitig vor Bankschluß zur Stadt zu kommen. Der Tag hing grau und regensatt über braunem Land und der tristen Stadt im Norden. Weichlich, wie nasse Lappen, klebte die Luft sich um Gesicht und Haar. Glitschige Steine behinderten rasches Gehen und schufen Müde und Schwere. Ich wollte Bekannten und jedem Wortwechsel ausweichen und suchte meinen Weg durch wenigbegangene Straßen. Meine Gedanken beschwerten mich wie der niedere Winterhimmel die steinernen, eigenartbaren Großstadtzeilen, die ich durchwanderte. Eine Gruppe Kinder mit hohlen Backen streckte mir hagere Hände begehrlich zu. Ich gab den Bittenden kleine Münze. Sie starrten mich an, als fragten ihre Mienen: »Aus welchen glückseligen Landstrichen verirrst du dich zu uns?« Dann kam es gleichzeitig -- _ein_ Schrei -- von ihren blutleeren Lippen: »Brotkarte! ...« Ich trug keine bei mir und fühlte Scham, ihnen nein sagen zu müssen. Da fragte ich nach der Kleinsten Wohnung. Ich wollte sie ihr im Briefumschlag senden. Vor einem Kellerladen staute sich ein langer Zug von armseligen Frauen, dürftigen Halbwüchsigen und Greisen in schäbiger Kleidung. Sie hielten Schüsseln und Eimer in Händen. Langsam nur schob dieser Menschenkeil sich zur Öffnung der Kellertür hinab. »Was es da gäbe?« wollte ich wissen. Der Erste, die Zweite schielten mich mißtrauend an und kehrten stumm den Kopf ab. Ich ahnte ihre Furcht vor Verkürzung des eigenen Bedarfs und wies auf meine leeren Hände, während die ihren Gefäße trugen. Da kam es ängstlich, stockend, nicht ganz des Argwohns befreit: »Kohlenabfall und Torfgrus ...« Vor einer Hökerei derselbe Zug der Entbehrung. »Heute Kartoffeln«, las ich in schlechter Schrift und falscher Rechtschreibung ...

Dann endlich hielt ich den Betrag in Händen, welchen Ludwig auf seinen Freudenwegen vertan hatte. Papierscheine in nennenswerter Höhe nach meinen Begriffen. Und plötzlich, in seltsamer Gedankenverkettung, kam mir die Verachtung der Proletarierkinder beim Anblick des Geldes zu Sinn. Kein Weiser konnte seine Wertlosigkeit offensichtlicher bekunden, als diese im Kriege Herangewachsenen es getan hatten. Brotkarte, Kohlenschlacke, Kartoffeln, wärmende Hülle, das war dem halbverhungerten, entblößten Volke Besitz. Bedrucktes Papier flog ihnen selbst in nie gewohnter Höhe zu, seit sie Todeswerkzeuge im Massenbetrieb angefertigt hatten, seit Arbeitslosigkeit mit Richtergehältern entschädigt wurde. Mußte die Jugend von heute nicht mit anderen Maßstäben, anderer Moral werten als die von gestern? Eine Jugend, die täglich um eines Stückes Brot willen, um ein Ei, eine Flasche Milch, um ein paar Schuhe die triumphierende Übertretung von Gesetzen geschehen sah, die mit hohen Strafen bedroht war? Jahre hindurch. Die gemeinsam mit denen, die ihnen Sittenlehrer waren, auf verbotene Heranschaffung des stofflichen Bedarfs schlich, wie ein Tier auf listiger Fährte? Eine Jugend, die Grausamkeiten, blinden Haß feiern und dekorieren sah und den Atem des Bösen überall in sich sog? ...

Ich übergab Ludwig die Scheine noch am gleichen Nachmittag und verdoppelte sein Taschengeld, damit Ähnliches sich nicht wiederhole. Er gab seinen Dank durch ein anerkennendes Kopfnicken kund.

VII.

Den 31. Dezember 1918.

Nordwind schlägt die Bäume und drückt schwer an die Fenster meines Arbeitsraumes. Eisesodem sticht nadelspitz durch jede Mauerfuge. Wie atme ich tief auf und beglückt, die letzten Stunden des Jahres allein und daheim sein zu können! Ludwig und Henno bleiben bis zum Neutag im jungen Jahr in der Stadt, bei Annemarie Grünhagen, die der Wiederkehr Kurt-Georgs ein Fest weihen will.

Das Mädchen hat schwere Blöcke in meinen Ofen getürmt solche, die langsam verschwelen. Ich zünde den letzten Spiritus unter dem Teekessel an, lösche das hyazinthblau hängende Licht, rücke einen Tisch vor den tiefen Sessel zum Feuer und horche dem Geflüster des Holzes. Die Farbe der Möbel lischt aus. Alle Formen verzittern. Aus dem Ofen blecken rotgeifernde Flammenzungen, zerwehen bei neuem Windesstoßen in nichts. Erscheinungen erstehen, durchhuschen als Spuk das frostumstarrte Zimmer. Irgendeine dunkle Begegnung wächst aus dem Gewelle schwarzer Vergangenheit empor. Fetzen trauriger Träume beben vorbei, verbleichen, kaum erst geboren. Etwas Versäumtes klagt um Nichterfülltheit. Mißverstandenes blickt drohend wie unter schwarzgerunzelter Braue. Verlorenes schluchzt auf. Dann hebt sich über Stille, über verflatternde Gesichte und Entsinnungen ein einfaches Lied und legt sich weich mir in die Seele ... Und wie die Töne des singenden Mädchens draußen in der Küche sich allmählich vereinsamen und wieder zueinander gesellen, blättern die letzten sechs Jahre vom Baum meines Daseins ab, als hätte ein Hagelschlag sie alle mitsammen zerschlagen. Und ich lebe und atme einen Tag, mit allen seinen Schauern und Trunkenheiten, die er mir damals zu geben hatte ...