Die Mutter: Blätter aus dunklen Tagen

Part 1

Chapter 13,436 wordsPublic domain

Die Mutter

Blätter aus dunklen Tagen von Gutti Alsen

1922

Im Wir Verlag · Berlin NW 87

Dem Andenken meiner Eltern!

Titelholzschnitt von Konrad Elert Alle Rechte vorbehalten =Copyright 1922 by Wir Verlag, Berlin NW 87= Gedruckt 1921 in der Alt-Fraktur von Herrosé & Ziemsen, GmbH. & Co. in Wittenberg (Bez. Halle)

I.

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1918.

Wie seltsam dies alles war am Tage, der dieser Nacht voraufging! Und wie es mir jetzt, da ich den verfallenden Stimmen nachlausche, als ein gleichgestimmter Klang erscheint! Gell, schneidend, aufrührend! In blanker Frühe die Nachricht vom Ausbruch der Revolution. Tagsüber der schreiende Regensturm in den gekrümmten Gassen der alten Seestadt. Am wundgepeitschten Abend die Aufführung des gewalttätigen Stückes, dem die Menge zum Schluß wie in Besessenheit Beifall kreischte. Und endlich der Rausch der drei Jünglinge neben mir beim Heimweg im wehen Abendnovember!

Oft, im schleichenden Gehen der langen, unendlichen Jahre des Krieges hatte ich in Gedanke und Rede dem Wunsche Ausdruck gegeben, sie mögen ein Ende machen, die Soldaten aller Länder. Unpolitischer als ein halbwüchsiger Knabe, hatte ich mit diesem Anruf einer fremden Macht gespielt, wie ein geschlagenes Kind etwa, das, um straffrei zu bleiben, Kaiser zu werden bittet. Nun meiner Bitte Gewährung geschah, stehe ich diesem Zustand genau so verängstet, genau so hilflos gegenüber wie das Kind, dem kaiserliche Gewalt verliehen wäre.

Das also ist das Gesicht der Revolution am ersten Tage ihrer Geburt! Elf Mann, deren Namen unerforschbar blieben, hatten in vergangener Nacht die Herrschaft der Handelsstadt an sich genommen, kampflos, mit einer großartigen Selbstverständlichkeit. Die tags zuvor noch Gebieter des Volkes geheißen, waren zu Hunderten hingemäht, wie hohe Halme von einem einzigen Sichelschlag. Durch die nassen windigen Gassen aber brodelten den ganzen Tag die Stürze der Volksmassen, oder sie stauten sich an einem Platze um irgendeinen Redner, dessen Worte am Sturm zerbrachen. Jünglinge mit brennenden Augen und großen Gebärden gaben Freudenschreie in den Tumult. Flieger beschütteten die Menge in knappen Zwischenräumen mit weißen Blättern voll flammender Überschriften. Autos mit brandroten, klatschenden Fahnen trugen in toller Fahrt halbwüchsige Burschen an irgendein geheimnisschwangeres Ziel.

Ich aber strich mit schweren Gliedern und mattem Herzschlag an den Häusern hin, die hinter dieser Empörung der Menschen und der Elemente düsterten, und sah junge, blutstrotzende Offiziere erbleichen, weil ihnen lärmende Buben in aufsehenerregender Art die Zeichen ihre Standes abrissen und mit dem Straßenschmutz mengten. Ich sah einen weißhaarigen, hohen Militärsmann, mit Tränen auf den Wangen und gespreizten Fingern um die Vergünstigung betteln, seine Entehrung in einem Hausflur vornehmen zu dürfen ... mit eigenen Händen. »Ich habe sie fast fünfzig Jahre getragen«, stammelte sein verblaßter Mund, während die gekrampften Hände sich zu den Achselklappen und der Kokarde zu heben mühten und sein ganzes blutentleertes Gesicht in Schmach und Schwachheit zuckte. Und -- o Wandelbarkeit der menschlichen Empfindungswelt -- mein Gefühl, das sich bislang gegen dieses mittelalterliche Bleibsel gerichtet hatte, flog ihnen heute, als den Getretenen, in warmer Wallung zu.

Da wandte ich mich von der Stadt ab und von dieser Erhebung des Volkes, die neue Gewaltsamkeit an Stelle der alten setzte, und strebte unter den breiter fallenden gelben Regengüssen meinem Heim entgegen, vorbei an krüppligen Weidenbäumen, die auf schwarze Felder starrten, vorbei an grünlich aufglimmenden, tränenüberstürzten Fenstern, heim zu meiner stillen Arbeitsstube, mit meinen angefangenen Zeichnungen, mit den alten, vielgelesenen Büchern und den wundersamen Schattengebilden einer zerwehten Zeit, die doch die Gegenwart auszuwischen vermochten.

Vor der Gartentür harrten bereits, bebend in ungebärdiger Erwartung, die drei Freunde: meine Söhne Ludwig und Henno und ihr Jugendgenosse Kurt Georg. »Wie, hatte ich dies denn vergessen können, daß heute die so schmerzvoll ersehnte Aufführung des aufwühlenden jungen Dramas vor sich gehen sollte, das der Familie Revolution ansagt? ...« stürmten sie mir entgegen. »Und war es nicht das bedeutsame Zeichen einer herrlichen Zukunft, daß diese Tat am ersten Tage der Volksauflehnung geschah? Hoch, dreimal hoch der jungen Republik und allen Umstürzen in ihrem Gefolge! In die Abfallgrube mit vermoderten Vorurteilen und mit allen Tyrannengesetzen!«

Es blieb mir nur knappe Frist, mich umzukleiden und die Taxe zu besteigen, welche die drei fiebernden Gefährten inzwischen aufgetrieben hatten. Dann ließ ich, von den Jünglingen durch lange Reihen geschieden, das brutale Werk des genialen jungen Dichters allein zu mir sprechen. Ich stand in verschüchtertem Staunen der Raserei des Publikums gegenüber. Ich hörte die Begeisterungsstürme der drei Knaben beim Heimweg den Wintersturm in den nächtigen Gassen noch überschreien und suchte im gedämpften Schein meines Zimmers mit List und mit Bemühen den heutigen Tag meinem Sein, meiner Denkwelt einzuordnen ... Vergebens ...

Durch alle geschlossenen Türen, über einen Gang hinweg, hörte ich sie die halbe Nacht hindurch toasten, jubeln, singen und deklamieren, die drei Getreuen, denen diese Zeit Anfang des Lebens ist. Denn was stand für sie an Verstandenem, an Erlittenem, an Erlebnis vor diesem Tage? Nichts als der Krieg, den sie als Kinder feiernd begrüßt und den sie dann aus Büchern und Schriften der »Jüngsten« verachten gelernt hatten, ohne eigenes Durchdenken der einen und der anderen Richtung ...

Draußen gab sich der Sturm in Schrecken an die trübselige Nacht hin. Ich sehnte eine alte Sehnsüchtigkeit, ein Bild, ein Erinnern, einen Traum herbei, irgend etwas, um flüchtend diese Jahre der Not und Schwere abzusperren. Ich beschwor eine funkelnde Friedensstadt, einen winterblauen Morgenaufgang im Eisenbahnwagen über Schneeland, eine süße Straße im Regenglanz, einen fernen Freund ... Umsonst ... Sie löschten hin, wie dem Andersenschen Mädchen die Bilder vor den verflackenden Schwefelhölzern, sobald mein verlangender Sinn sie greifen, sie halten wollte.

Ich trug meine müde Traurigkeit zu den jugendberauschten Knaben. Sie achteten meines Eintritts kaum. Purpur auf den Wangen und Erschütterung in der Stimme, die nichts von der sonst gewollten Gelassenheit des Studenten der Philosophie hatte, rezitierte Ludwig im Tonfall des heutigen Sohndarstellers:

»Aber was sind all diese Toten gegen mich, der ich in Verzweiflung lebe! Wär' ich vom Krebse zerfressen, hättest Du mir jeden Wunsch erfüllt; denn ein Kranker, dem niemand helfen kann, darf noch im Rollstuhl an die Küste der blauen Meere fahren. Ihr Lebenden, wer rettet _euch_? Du rufst das Grauen aus den Gräbern auf. Doch dem schönen Glücke mißtrauen darf nur, auf wessen Haupt die Drommete des Todes erschallt ist. Aus zwanzig Jahren, aus zwanzig Särgen steig' ich empor, atme den ersten goldenen Strahl -- du hast die Sünde gegen das Leben begangen, der du mich lehrtest, den Wurm zu sehen, wo ich am herrlichsten stand --«

Henno, der Achtzehnjährige, riß in Gier nach dem Buche, griff die Blätter hin und her und schrie, während seine Hände auf und ab flatterten, diese Stelle:

»Es gibt doch Freude -- etwas, was golden an die Firmamente rollt -- weshalb war ich verstoßen von allen wie ein Mensch mit der Pest? Weshalb muß ich weinen, wenn ein armer Affe im Zirkus aus einer künstlichen Tasse trinkt? Ich kenne die Qual der unfreien, der friedlosen Kreatur. Das ist gegen Gott! Du hast mir die Kleider verboten und mir die Haare geschoren, wenn ich aus glühender Eitelkeit sie anders wollte als du ... Soll ich noch weiter in diesem Schlunde wühlen, wo doch an tausend Zacken mein Fleisch klebt! ...«

Kurt-Georg hatte die Arme emporgeworfen wie in Freudenüberschwang. Dann plötzlich deckte er mit ungestümen Händen sein hageres Gesicht.

Jetzt erst schien ihnen meine Gegenwart Bewußtsein zu werden. Und dieser Umstand gebar eine tiefe Stummheit. Ich riß die Stille entzwei und sagte etwas über das kranke Pathos dieser zerquälten Jugend. Sie aber wiesen mich alle drei mit erstarrenden Blicken zurück. Und als ich weitersprechen wollte, bedeutete Ludwig mich hochgestreckten Gesichts, daß die Berechtigung dieses gegen alle Väter aufrufenden Stückes unerörterbar sei, und daß dieser urmoderne Konflikt dem früheren Geschlecht immer fern und unsympathisch sein müsse.

Ich wies auf den Sonderfall hin, den der Dichter zum Anhalt seines Stückes genommen hatte. Denn wem von ihnen und all ihren Schul- und Studiengenossen sei eine ähnlich lichtarme Jugend gegeben, wer von ihren Gefährten sei mit der Reitpeitsche gezogen worden? Ich zeigte ihnen das Übertriebene, die Kraßheiten des Schauspiels. Sie antworteten nicht mehr. Aber ihre jungen Lippen alterten unter einem Lächeln, das Abweisung und mitleidige Nachsicht sagte. Und wie mein bedrücktes Gefühl mich schweigen machte, hatten sie mich im Augenblick vergessen und der Strom ihrer Begeisterung trümmerte von neuem gegen die Dämme des stillen Nachthauses.

Ich schlich mit meiner dunklen Not in mein Zimmer heim und schmiegte mich in seine sachte Umarmung. Das Licht unter der verhangenen Lampe blühte hyazinthblau. Im breiten, unmodischen Kachelofen geigten die Winde. Aus den gläsernen Türen der Bücherschränke neigten sich in Vertrautheit die alten Freunde. Von Brettern, Tischen, aus geöffneten Mappen winkten meine Zeichnungen mir zu: »Hast du uns denn vergessen und des Heimlichkeitsglückes unserer Erschaffung?«

Ich griff in Verlangen nach einem Gedichtband, der tausend süße Wunder aufzuschließen wußte. Ich nahm ein träumerisches Pastell hoch. Mein Gefühl und Verstehen blieb ihnen so fern wie dem Philister der Zauber einer Reisenacht. Ich ging zum Fenster, das ein Stück finsteren Gartens umgriff. Der Sturm schlug die Bäume, daß sie sich in Schmerzen krümmten und verbogen. Er verknäuelte schwarzes Gewölk und zerzerrte es, bis es in Fetzen auseinanderfiel. Dahinter wieder nichts als gehäufte, düstere Wolkengebilde. Eine einzige, im Winde tränende Laterne warf ihr Licht auf das schwergraue Bild. Angezechte Burschen schoben sich vorüber. Ihrem heiseren Gejohle paarte sich das Aufkrächzen der Raben.

Der Sturm brüllte immer lauter. Immer gebieterischer ward sein Tun, bis alles ihm in Trotz oder Schwäche untertan blieb. Hin und her meldete die Stutzuhr von meinem Schreibtisch, daß wieder eine Stunde hingewelkt sei. In Zwischenräumen hörte ich die Knaben Verse hersagen und singen. Es war keine Müdigkeit in mir diese Nacht. Mit unabweisbarer Macht stieg der erschütternde Gedanke in mir, daß der verflossene Tag einen tiefen Einschnitt in mein Leben getan hatte, eine tiefere Kerbe, als alle bisherigen. Wie hieß das Neue, das von meinem Dasein Besitz ergreifen wollte? Und mit welchem Antlitz würde es mich anschauen?

Ich fröstelte ob dieser Ungewißheit. Und während die Winde die Mauern meines Hauses umpfiffen und verdorrte Zweige über die Gartengänge peitschten, während meine Kinder der Geburt einer neuen Welt entgegenjubelten, zündete ich meine Schreibtischlampe an und schrieb die Eindrücke dieses Tages in diese Blätter ein.

II.

Den 15. November 1918.

Es war so großes Heimweh in mir in diesen vergangenen fünf Tagen, Heimweh nach Einsamkeit, die so oft ihr Lied in meinem Zimmer gesungen hatte, und deren Weise meinem Ohr seit jener Nacht zerfallen war. Wie konnte es anders sein? Einst gab der Ton einer traurigen Kirchenglocke diesem ländlichen Vorort Hintergrund für Sinnen und Dichten. Nun sind die Lüfte vom Gepfeif und Gesurr unzähliger Flugzeuge zerschnitten. Und ein Blätterfall aller Farben und Größen schreit den Fußgängern unaufhörlich Verordnungen, Verbote, Aufhebung von Satzungen und Bräuchen, Gesetze zur Sicherung der Bürger ins Gesicht.

Der dicke Regen rinnt seit Tagen nicht mehr. Die Winde sind gelinder geworden. Aber ihr Todeskampf geht in langwährenden Schluchzern durch bange Stunden. Und an den Straßenbeugen hebt sich der Staub in klirrendem Gekreisel.

Tagsüber schwillt ein Durcheinander von lärmenden, hastenden, bekümmerten und neugierigen Menschen in Straßen und Gassen der Innenstadt an. Der Abend aber schleicht in schwarzen Schauern durch die Stollen der menschenbaren Großstadtzeilen, als habe eine außerirdische Stimme alle Lebewesen fortgehetzt aus diesem lichtlos-gespenstischen Häuserhaufen. Denn alle Verfügungen und Gewaltregeln haben die durch langen Krieg verrohten Instinkte nicht niederzuhalten vermocht. Es hockt Gefahr in den tagtoten Gassen.

Bekannte und Unbekannte drängen sich in Ruhelosigkeit aneinander, ungewiß vor der nächsten Stunde. Erhofft ein jeder in seinem Unterbewußtsein Erlösung durch ein Wort, das über allen Irrwahn hinausträgt?

Auch zu unserem winzigen Häuschen in der herbstkahlen Vorstadt kamen sie gepilgert: lange Vernachlässigte, zufällige Gefährten irgendeiner bedachtsamen Stunde, Fernstehende und Freunde. Ihnen wie allen wurden diese aufrüttelnden Tage Brücke zu Bekenntnissen, lange verdrängten Äußerungen von Furcht oder Freudigkeit.

Am Tage, der jener durchschwärmten Nacht folgte, war Kurt-Georg mit einem Packen Bücher und einem Köfferchen Wäsche aus der Stadt herausgekommen. Die Gemeinsamkeiten ihrer Ekstasen hatten die Knaben so aneinandergeschweißt, daß sie sich nicht einmal abends zu trennen gedachten. Der weite Weg durch die im Finster erstarrende Stadt, das Versagen der Straßenbahn, die Unsicherheit der Abendstrecken, all dieses hätte ihnen sonst das Glück des Beieinanderseins verriegelt.

Sie hatten ein paar Karten ausgeschickt mit der Meldung, daß ihre Nachmittage an einzelnen Tagen frei wären und daß sie zu einer privaten Vorlesung des jungen Revolutionsdramas mit verteilten Rollen einlüden. Und schon der kommende Nachmittag sah sie um die Lampe ihres Arbeitszimmers geeint: den =stud. phil.= Ludwig und den Kunstakademiker Henno Bergmann, den Primaner Kurt-Georg Regensburg, seine Cousine, die Studentin Annemarie Grünhagen, deren Freundin Lilli von Groddeck und die Schülerin Ellinor Babinski, das Kind meiner einzigen Jugendfreundin Sabine.

Fast jeden Tag hatten sie seither da gesessen, unter dem grünen, bleichenden Licht der Studienlampe. Zuweilen war ich hinübergegangen, um sie zu uns ins Besuchszimmer zu bitten, wenn einer der Gäste das Dunkle dieser Novemberabende durch die Helle ihrer Jugend zu erlichten hoffte. Aber da war selten einer von ihnen, der solcher Bitte Gewährung gab. Und wenn es geschah, so war es für eine knappe Viertelstunde, daß sein Körper sich von der Schar löste, während Gedanke und Herz im Kreise der anderen weiterblühten.

Denn der Rausch der drei Knaben hatte sich auch ins Blut der drei Mädchen gegossen, seit sie dort Tag um Tag die Verzückungen des überreizten Aufbegehrers nachfühlen und mitleben mußten. Die Besetzung war als feststehend beibehalten. Den Sohn las: Ludwig. Den Freund: Henno. Das Fräulein: Ellinor Babinski. Die Dirne: Lilli von Groddeck. Kurt-Georg und seine Cousine Annemarie teilten sich, verträglicher als beim Theater, in die übrigen Rollen.

Wenn ich mich dem Zimmer ihrer Versammlung nahte, wenn ich zu ihnen trat, immer blieb mir Furcht vor dem Ineinanderschmelzen von Dichtung und Wirklichkeit, zu dem dieses Stück die sechs jungen Menschen emporgerissen hatte. Einmal, beim Eintreten, enttropften dem verbleichten Munde Kurt-Georgs die blutenden Worte: »Er nimmt die Marter unser aller Kindheit auf sich ...« Düster und langsam fiel Hennos Antwort: »Ach, er redet wahr! ...« Und verhängnisgleich sank Kurt-Georgs Geklage: »Er sagt, daß wir alle gelitten haben unter unseren Vätern -- in Kellern und in Speichern -- vom Selbstmord und von der Verzweiflung ...«

Und wie sie meiner ansichtig wurden, flohen, wie am ersten Revolutionstage, ihre Mienen und ihre Haltung hinter eine Schanze zurück. Und deutlich lesbar feindeten mich die Augen meiner Söhne an: »Was kommst du so taktlos unsere Entzückung töten, du, eine des einstigen, des gewesenen Menschenalters?«

Ich stammelte eine Entschuldigung, die der Störung galt und nahm, halb in Gedanken, einen überzähligen Dramenband -- Annemarie war heute am Kommen verhindert -- mit in mein Zimmer.

Wenn der Dichter alle zu zwingen gewußt hat, die Mengen in den Theatern der Großstädte, die Kritik, wenn er die sechs so verschieden gearteten Jugendlichen unter meinem Dache zu _einer_ Anbetung gebeugt hatte, warum nur empfand ich das Werk als einen mißfälligen Ton? War es die kleinliche Regung der Mutter, der sich an jenem Tage zum ersten Male die Kluft zwischen den Lebensaltern öffnete, die sie von ihren Kindern trennte? Die Beschämung: Vergangenheit, Unverständnis, Gewesenes zu bedeuten?

Ich schlug den letzten Auftritt nach. Mir blieb wie im Theater Verwirrung und Abkehr vor so kreischendem Aufruhr. Wie will derselbe Dichter, der gebietet: »Klammre dich hinauf an den Gedanken -- zu der Frage höchster Menschlichkeit,« seine Forderung erhalten sehen, wenn er das Geschöpf seines Geistes den Revolver auf den Vater richten heißt?

Ich wandte das Buch und las es bedächtig vom Anfang bis zum letzten Wort und fand so die Überraschung, daß der Verfasser -- wie jeder wahre Dichter -- vielerlei darin gesagt hatte, daß er mich mit manchem schmelzenden Wort gekost, mich mit leuchtenden Bildern gefangengehalten hatte. Verblüffend blühen an seinem Baum des Hasses und der Empörung so zarte Blüten auf: »Später werden Sie erfahren, wie schwer es ist, einen anderen zu lieben. Heute kennen Sie keinen als sich.« Und solche Weisheit kündet der neunzehnjährige Dichtersohn: »Wie kannst du ein Wort auf der Zunge bewegen und sagen: So ist es! Siehst du nicht stündlich den Tod in den Baracken und weißt nicht, daß alles anders ist in der Welt!« Und dann sagt einmal, auch ein Vater, der Kommissar: »Und wenn mein Sohn mir tausendfach unrecht tut -- ich bin doch sein Vater! Soll er andere mehr lieben als mich? Wir Väter müssen erst unsere Söhne erringen, ehe wir wissen, was sie sind.«

Das Buch glitt vom Tische. Ich hielt es im Hinfallen bei einer Seite. Es war das Deckblatt und fühlte sich dicker an als die anderen. Und wie meine Finger es abtasteten, klaffte ein Spalt. Mein Messer trennte die zwei aneinandergeklebten Seiten. Da sah ich, daß kein Zufall sie verbunden hatte, denn die Steilschrift Annemarie Grünhagens kündete:

»Wir sechs Unterzeichnete geloben, gegen alle Tyrannen, so hoch sie anderen und so nahe sie uns stehen mögen, unerbittlichen Kampf zu führen, getreu dem Geiste dieses herrlichen Aufrufs!«

Den 12. November 1918.

Alle sechs Teilnehmer der Lesenachmittage hatten ihre Unterschrift hingesetzt.

Ich holte meinen Wettermantel und durchquerte lange den schwärzlichen Garten, der immer leiser und immer verlassener in den Winter wuchs.

III.

Den 22. November 1918.

Ich grüble in den sinkenden Nachmittag und finde kein Asyl für meine wirrenden Gedanken. Schon die ganze verflossene Woche lang. Kein Buch, kein Weg in die Stadt, keine Unterhaltung vermochte sie zu einem anderen Ziel zu bringen. Durch die dunklen Gassen meiner Ratlosigkeit stürzen sich Ängste und böse Gesichte mir entgegen. Immer finsterer umfließen mich meine Bängnisse. Wie soll ich es beginnen, meinen Söhnen von meiner Entdeckung zu sprechen? Woher die Beweise holen, daß ihre stürmende Jugend, unfertig genug, den Kern des Buches, das überhitzt Symbolische allzu wörtlich genommen hat?

Und wenn ich's täte ... hätte ich etwas anderes zu erwarten als das spöttische oder hochfahrende Schweigen wie auf meine ersten Versuche? Kommt dieser Anfang des Umsturzes ihnen doch ohnehin allzusehr zu Hilfe! In einer der städtischen Schulen hat ein Fünfzehnjähriger vom Katheder in brennenden Worten zum Krieg gegen alle Lehrer gerufen, die die »Genossen« von Tertia und Sekunda bisher zu Unrecht gepeinigt haben. Aufsätze und Artikel schreien nach Lösung der Kinder von elterlicher Gewalt. Und das in einer Epoche, die man mit vollster Berechtigung das Zeitalter des Kindes hieß! Ich mühe mich, mit Ausschalten jeder Sentimentalität dem Leben und Heranwachsen des durchschnittlichen Kindes bei Durchschnittseltern nachzugehen, und finde fast überall das Gebot des Kommissars erfüllt: seinem Kinde zu dienen. Ich dringe endlich in das Familienleben der jungen Verblendeten ein, die jenen verhängnisschwangeren Schwur geschrieben haben. Was konnte, was durfte sie dahin führen?

Fern der Stadt, in einem hellen Hause, das alter Garten umbirgt, geschah das Lebenwerden und Erwachsen der wunderzarten Ellinor. Als einziges Kind des namhaften Schriftstellers Ludolf Babinski und seiner Gattin, der einstigen Liedersängerin Sabine, deren Freundschaft mich aus Kindesreich bis in diese Tage nicht verlassen, nicht getäuscht hat. Wie eine nie verlöschende Kirchenleuchte war die heilige Flamme dieser Elternliebe um das weiße Wunder des jungen Kindes. Der Garten, Gedichte und Lieder blieben lange sein stärkstes Bewußtsein. Im zwölften Jahre geschah ihm der erste Schmerz: der Vater mußte fort, in den Krieg. Nur einmal noch durften die drei vorübergehend geeint sein: nach einer Verwundung. Dann, im letzten Jahre, geriet er in französische Gefangenschaft, die ihn bis heute in Verbannung schloß. Sabines Gang und Augen waren alt geworden von Trennung. Dem sechzehnjährigen Mädchen aber war väterliches Dasein nur mehr ein Federstrich auf Papier.

Welches Gegenspiel im Hause, darin Lilli von Groddeck herangewachsen war. Vater und Mutter, Abkömmlinge von preußisch strengen Beamten, nun selbst in verantwortlich hoher Beamtenstellung. Sechs Kinder machten trotz knapper Haushaltungsmittel Tage und Stuben heiter. Und doch trug Lilli, die Älteste, in hellen Augen seltsame Neugier nach einem Dasein, das sich farbensatt vom Profil dieses grauen Pflichtweges abheben mochte. Ihr wundroter Mund lachte breit über aufdringend leuchtenden Zähnen. Ihre Büste stemmte sich in Keckheit gegen jede Bekleidung. Sie ging, nach Beendigung der Schule, ein Jahr schon, geregelter Beschäftigung bar, dem lange vertretenen Geleise der einstigen höheren Tochter nach.

Traurig stand Annemaries Erscheinung zu der kostbaren Feinheit Ellinors und Lillis greller Jugend, die jedermann zulachte. Ihr konnte ich Bitternis gegen Zufall oder Geschick zugestehen, keineswegs aber Zorn und Aufstand gegen die, welche ihr Sein so hutsam schirmten und es mit so kostbarem Rahmen umschmückten: den Großindustriellen Grünhagen und seine aus jeder Gesellschaft strahlende Frau. Wie ein Protest gegen die Vererbungstheorie schritt die kleine Tochter mit den unjungen, garstigen Zügen und dem spärlichen Haar neben der Schmalheit der hochgegliederten Mutter, die in Gesicht und Gebärden die volle Lieblichkeit der Jugend trug. Das befremdende Vergleichen bei jeder neuen Bekanntschaft konnte dem jungen Mädchen wohl schamvolle Pein sein. Die Eltern aber, Vater und Mutter, beteten zu diesem Kinde. Was liebende Voraussicht, durchläuterter Geschmack und Wohlstand zusammenzutragen wußten, häuften sie um diese Tochter in der plumpen Hülle. Ein Guthaben bei der Bank ermöglichte ihr Erfüllung aller Wünsche, die dem Wissen der Eltern fern und leise bleiben sollten. Und während das Mädchen, in Verbitterung und Auflehnung, kein Wort für so große Liebe fand, war der Mutter ganzes Denken: ihr Ausgleich zu geben für das Mißgeschick ihres Körpers.