Die Mumie von Rotterdam. Erster Theil
Part 9
Als =Philippintje= bemerkte, daß ihr =Clötje= sich immer mehr der Neigung zum Verzeihen überlasse und nur noch durch die Gedanken an den Zorn des Vaters und an das Gerede unter den Verwandten und Bekannten daheim zu =Rotterdam=, hauptsächlich beunruhigt werde, ging sie in einen andern Ton über und sagte scherzhaft:
»Was ist es denn auch Schlimmes um eine Spazierfahrt mit einer ältern Freundin und dem Bräutigam, der schon vor aller Welt als solcher genannt und bekannt ist? Wer weiß, daß die Väter sich entzweit haben am Abend vor der Abreise? Jetzt nach der Abreise werden die beiden Alten wohl so gescheut seyn, und Niemanden etwas davon sagen! Und ein Mittelchen gibt es, das macht Alles wieder gut, Herzenskind. Laß den Brautstand aufhören und den Hausstand anfangen! Bei der Muhme =Jacobea= ist gut seyn und des Vaters Schwester kann wohl Vaters Stelle vertreten und an seiner Statt das Jawort geben, wenn der Domine es verlangt, um Euere Hände segnend in einander zu fügen!«
»Nimmermehr!« fiel =Clelia= heftig und erröthend ein. »Ohne des Vaters Einwilligung, ohne seine Verzeihung thue ich nie diesen Schritt, und ich kann nicht begreifen, wie du, die immer von ihrer mütterlichen Liebe zu mir spricht, mir dazu rathen kannst?«
»Recht, Kind, ganz Recht!« versetzte einlenkend =Philippintje=, die noch zur rechten Zeit einsah, daß sie zu weit gegangen war. »Ich wollte dich nur auf die Probe stellen. Ohne des Vaters Jawort dürfen wir freilich den Domine nicht kommen lassen. Aber das wird sich Alles zusammenfinden ohne Anstand und Hinderniß, wenn wir einmal bei der Muhme sind. Jungfrau =Jacobea= muß dem wohledeln Herrn einen rührenden Brief schreiben, Junker =Cornelius= einen noch rührendern und du machst auch deinen kindlichen Schnörkel dran. =Dem= kann der Alte nicht widerstehn und wenn ihm der =Schiwa= auch noch so heidnische und gottlose Gedanken eingäbe! Und was kann er denn Besseres verlangen für seine =Clötje=, als den Sohn des Mannes, der nächst ihm der dickste ist im guten =Rotterdam=? Mein Himmel, auf zwei Finger breit dicker oder dünner kommt es nicht an vor dem Auge unseres Herrgottes und wenn er recht drein sieht, so sind wir Erdenwürmer alle so dick oder so dünn, einer wie der andere. Das sage ich dir, =Clötje=, unter die Haube mußt du mir, ehe wir wieder nach =Rotterdam= hineinkommen, als Frau =van Daalen= mußt du in den Haven einlaufen, oder sonst thue ich =mir= ein Leids an, denn das Gerede, was außerdem entstünde, brächte mich doch ums Leben in den ersten vierundzwanzig Stunden. Das Entsetzlichste aber ist dir noch gar nicht eingefallen: die Kirchenbuße an der Kirchthüre, die der Domine zu deiner ewigen Schande über dich verhängen wird.«
Dieser Schlag traf. =Clelia= erwiederte nichts. Sie seufzte und stand auf. Die Besorgnisse, welche ihr =Philippintje's= Bericht von dem verzweiflungsvollen Zustande ihres Geliebten, beigebracht hatte, ließen ihr keine Ruhe. Sie stieg die Treppe hinauf, die nach dem Verdecke führte. Hier wollte sie, wenn =Cornelius= nun als ein rechtes Bild des Jammers und der Reue vor ihr stünde, durch einen tröstlichen Blick, durch ein friedliches, wenn auch nicht freundliches Wort ihn erheben. =Philippintje= folgte ihr. Auf dem kurzen Wege, den sie zu machen hatte, stellten sich ihrer einmal aufgeregten Einbildungskraft alle schrecklichen Entschlüsse in ihrer Ausführung dar, zu denen die Verzweiflung den beklagenswerthen Jüngling bewegen könne. Sie betrat in großer Beängstigung das Verdeck. Ihre Blicke flogen nach allen Seiten hin, um sich zu überzeugen, daß er noch da, daß er noch am Leben sey und nicht bereits nach dem letzten Hülfsmittel der Verzweiflung gegriffen habe. Siehe! da stand er frisch und fröhlich an der rauchenden Oeffnung, die der Küche zum Schornsteine diente und rief eben mit heller, heitrer Stimme hinab:
»Macht, daß bald angerichtet wird, Frau =Beckje=, denn ich habe ganz entsetzlichen Hunger!«
Ein bitteres Lächeln zeigte sich in =Clelia's= Antlitz. Sie wandte sich mit einer Gebehrde des Unwillens ab und schritt nach dem Vordertheile hin.
»Er redet irre, der arme Mensch!« sagte =Philippintje= in tödlicher Verlegenheit. =Clelia= fühlte sich tief gekränkt. Sie ließ die herben Empfindungen, welche ihre Seele ergriffen hatten, nicht laut werden; aber um Thränen zu verbergen, die in ihr Auge aufstiegen, trat sie dicht an das Bordgeländer und sah hinab in die treibenden Wellen. Wie ganz anders hatte sie erwartet den Geliebten zu finden! Er konnte scherzen, er konnte, was noch weit schlimmer war, einen gewöhnlichen, gemeinen Hunger empfinden, während sie aus Liebe zu ihm, aus quälender Angst um sein Wohlergehn, um sein Leben, die Mahnungen der Kindespflicht, den gerechten Unwillen über seine Täuschung, bekämpft und zurückgewiesen hatte. Das war zu arg! Einem solchen Leichtsinne konnte keine wahre Reue zugetraut werden. =Clelia= stand auf dem Punkte, wieder zu allen Ansichten und Vorsätzen zurückzukehren, die sie vor =Philippintje's= wirkungsreichen Ermahnungen gehegt hatte.
Da fühlte sie sich leise am Kleide gezupft. Sie sah sich um und erblickte =Philippintje=, neben dieser mit einem wahren armen Sündergesichte den Junker =Cornelius=. So wie er jetzt vor ihr dastand, schien er nichts weniger, als von einem unwiderstehlichen, nagenden Appetit gequält zu werden, und wirklich hatte er auch, sobald die Hausjungfer ihn auf die Gegenwart der Geliebten aufmerksam gemacht, sobald er diese in nachdenklicher Stellung, mit allen ersichtlichen Zeichen des Unwillens, am Vorsteven erblickt, in einem Augenblicke alle Sehnsucht nach Backobst und Pökelfleisch verloren, seine ganze Sündenschuld war ihm schwer auf das Gewissen gefallen und er trat nun vor =Clelia= mit den Gefühlen eines Delinquenten hin, der vor dem peinlichen Halsrichter erscheint, um den Ausspruch über Leben oder Tod zu vernehmen. Er stand in erwartungsvollem Schweigen. Er wagte nicht, die Blicke zu der schwer Beleidigten zu erheben. Alle Zeichen, die =Philippintje= gab, er möge die drückende Stille unterbrechen, gingen an ihm verloren. =Clelia= aber wurde durch den Zustand, in dem sie ihn jetzt sah, um Vieles besänftigt. Die Nachtwache, die peinigenden Zweifel über die Art und Weise, wie die Geliebte ihm nach ihrem Erwachen begegnen würde, hatten seinem Angesichte ihre Spuren eingeprägt, so daß es eine ungewöhnliche Blässe und Eingefallenheit zeigte. =Clelia= konnte sich, als sie dieses bemerkte, einer mitleidigen Regung nicht erwehren. =Philippintje's= Hindeutungen, daß sie doch eigentlich die Schuld des ganzen seltsamen Verhältnisses trage, indem sie die Hand zu der heimlichen Zusammenkunft geboten, kamen ihr wieder in den Sinn und stellten sich ihr als wohlbegründete Vorwürfe dar. Sie wurde jetzt beinahe ebenso verlegen, wie =Cornelius=. Sie hätte gern das Gespräch eröffnet, aber sie vermochte, wie sehr sie auch darauf sann, keinen schicklichen Eingang zu finden. Die ältere Freundin ahnete jetzt, welche Veränderung in den letzten Augenblicken in ihr vorgegangen sey und beschloß die günstige Gelegenheit nicht ungenutzt vorbeigehn zu lassen. Sie ergriff des Mädchens Hand und sagte in einem Tone, dem sie die möglichste Feierlichkeit zu geben suchte:
»=Clötje, Clötje!= Blick um dich! Nichts wie Himmel und Wasser und das letzte Stückchen Landes verschwindet eben dort hinten, wie ein grauer Flor. Das Wasser unter uns ist der Tod, der uns in jedem Augenblicke verschlingen kann; im Himmel über uns aber ist Einer, der da gebietet, daß wir den Zorn nicht in uns aufkommen lassen, den Haß nicht in uns nähren sollen. Wenn nun jetzt die Wellen, die gierig nach uns heraufschnappen, plötzlich das Schiff hinunterschlucken mit Mann und Maus und du im Unfrieden stürbest, mit einem unversöhnlichen Gemüthe gegen den Junker, der es doch wahrlich nicht böse gemeint? Oder willst du warten bis zum letzten Augenblicke und meinst du, daß dann noch Zeit genug übrig wäre, ein Wörtchen der Verzeihung auszusprechen, mit welchem auf der Lippe man ruhig von hinnen fahren könne aus diesem irdischen Jammerthale? Glaube Das nicht, =Clötje=! Noth und Todt liegen so nahe zusammen, daß sie mit einander wechseln können, ehe die Hand sich wendet und wenn du dann denjenigen, dem du hartnäckig die Versöhnung versagt, vor dir erblicken müßtest bleich und leblos, mit gebrochenen Augen, die dich nie mehr liebevoll anschauen, mit blassen Lippen, die nimmer mehr ein freundliches Wort zu dir sprechen könnten, dann wäre es zu spät, dann würde sich die Reue vergebens in deinem Herzen erheben, dann würdest du umsonst den armen Junker =Cornelius= zurückrufen, ihn trösten, ihm verzeihen wollen --«
Jetzt hatte Jungfrau =Philippintje= den Höhepunkt ihrer Beredsamkeit erreicht. Weiter konnte sie nicht. Sie fing an sich zu verwirren, zu stottern; aber sie durfte sich auch bereits des glänzendsten Erfolgs erfreuen. =Clelia= reichte in Thränen schwimmend dem entzückten =Cornelius= die Versöhnungshand. Ihre Einbildungskraft hatte ihr Alles in täuschenden Vorspieglungen gezeigt, was =Philippintje= mit Worten dargestellt. Sie sah =Cornelius= als eine Leiche im Sarge liegen, mit dem weißen Todtentalare bekleidet, wie sie bei der Leichenausstellung des letztverstorbenen hochmögenden Herrn Bürgermeisters von =Rotterdam= diesen gesehen; auf dem Sarge fand sich eine Inschrift in großen silbernen Buchstaben, die den Namen, Stand und Alter des Todten besagte. Ihre Phantasie ging noch weiter, als =Philippintje's= Darstellung. Sie sah, wie der Todte sich im Sarge aufrichtete, wie die Augenlieder sich öffneten, die gebrochenen Blicke sie vorwurfsvoll anstarrten, plötzlich die rechte Hand sich drohend erhob -- da war es um ihren Trotz geschehen, sie mußte in Thränen zerfließen, sie mußte verzeihend dem nächsten Augenblicke zuvorkommen, der ja das Entsetzlichste bringen konnte.
Nach diesem ersten versöhnenden Schritte, hatte die weitere Verständigung zwischen den Liebenden ihren ungestörten Fortgang. =Cornelius= war außer sich vor Freude. Er bauete tausend Luftschlößer in die Zukunft hinein, von denen immer eins unhaltbarer war, als das andere. =Clelia= aber gefiel sich sehr darin, sein Feuer durch altkluge Ermahnungen zu dämpfen, indem sie ihm auseinandersetzte, auf welche Weise sie, nachdem sie bei der Muhme glücklich angekommen wären, sich um die Einwilligung des Vaters bemühen müßten, ohne welche sie durchaus nicht die seinige werden könne. So machte sie den von =Philippintje= ausgedachten Plan zu dem ihrigen, während die Hausjungfer seelenvergnügt über die günstigen Aussichten, die sich ihrer Zukunft eröffneten, nach dem Steuerbord trippelte, damit die beiden jungen Leute sich selbst überlassen blieben und auch noch den letzten Groll vom Herzen kosen möchten. Sie war so froh bewegt, daß sie ein Glas Genever, welches ihr der Bootsmann zutrank, dankbar annahm und indem sie auf gutes Gedeihen des begonnenen Werkes nur nippen wollte, zum Erstaunen des Darbringenden auf einen Zug leerte. Dann setzte sie sich still auf die Schiffsbank und fiel bald in einen sanften Schlummer.
Die Barke wurde auf dem weiten Wasserspiegel von günstigen Winden so rasch vorwärts getragen, als schwebe sie auf offener See. Der Himmel blieb heiter, kein Wölkchen zeigte sich und die Strahlen der Mittagssonne fielen so erwärmend nieder, daß man darüber die vorgerückte Jahreszeit vergaß, in der man sich befand. Das Ufer im Hintergrunde war verschwunden. Dagegen zeigte sich in weiter Ferne vor den Schiffenden ein schwarzer Punkt, der sich, je näher man kam, vergrößerte. Er wurde bald für eine Insel von bedeutendem Umfange erkannt. Rechts von einem aus der Wasserfläche auftauchenden Ufer zeigten sich weiß herüberglänzend die Gebäude von =Dortrecht=. Links in der Ferne wurden neben jener großen Insel noch einige kleinere sichtbar.
=Jansen= war selbst zum Steuerruder getreten. Er lenkte weit ab von dem Dortrechter Ufer. Er wußte, daß dieser Haven mit seinen Umgebungen besonders von den feindlichen Kreuzern zum Schauplatze ihrer oft sehr verwegenen Unternehmungen auserkoren war. Der Lauf, den das Fahrzeug jetzt beschrieb, schien zu seinem Richtpunkte die Durchfahrt zwischen zwei der kleinern Inseln bestimmt zu haben. Mit großer Aufmerksamkeit und einiger Unruhe in seinem ganzen Wesen untersuchte der Capitän durch das Fernrohr den Gesichtskreis, den er überblicken konnte. Er bemerkte nichts, was ihm hätte Besorgniß erwecken können. Nach dem Gestade von =Dortrecht= hin war Alles ruhig, zwischen der Stelle, wo sich jetzt die Barke befand, und den vornliegenden Inseln, waren nur einige Fischernachen sichtbar und ein in weiter Entfernung hinter der =Syrene= erscheinendes größeres Fahrzeug, kam, wie seine Laufbahn erkennen ließ, ebenfalls die =Maas= herauf und mußte demnach von friedlicher Bedeutung seyn. Des Capitäns Antlitz erheiterte sich bei diesen Wahrnehmungen. Er hatte eine reiche Ladung von =Utrechter= Sammet und Seide an Bord. Die Kaufleute, denen die Sendung angehörte, hatten in den gegenwärtigen kriegerischen Zeitläufen damit gezögert und waren erst dann, als der kecke =Jansen= sie auf seine eigene Gefahr übernommen, zur Ausführung geschritten. =Jansen= setzte in dieser Sache sein ganzes bedeutendes Vermögen auf das Spiel; aber er fand eine eigene Lust, sich an Wagestücken zu versuchen, von denen andere Schiffsführer sich gern zurückzogen. Als er noch Bootsmann auf einem Kriegsschiffe der holländischen Flotte gewesen, hatte er in vielen Gefechten einen Muth bewiesen, der an Tollkühnheit grenzte und seinen Namen unter den Seeleuten seiner Nation bekannt und in einem gewissen Grade berühmt machte. Die Matrosen und Bootsmänner nannten ihn nur den =tollen Jansen= und nebenbei stand er auch seiner ungeheuern Körperstärke wegen unter ihnen in großem Ansehn. Später hatte er die muntere =Beckje= kennen gelernt, die einiges Vermögen besaß. Beide Leutchen gefielen einander, sie heiratheten sich und von =Beckje's= Geld und =Jansen's= Ersparnissen wurde nun die Barke angeschafft, der sich der Junker =van Daalen= mit seiner Herzliebsten anvertraut hatte.
In dem süßen Liebesgespräch, das sich zwischen =Cornelius= und der verführten =Clelia= entsponnen hatte, wurden sie durch das Läuten der Mittagsglocke und durch die Anrede =Jansens=, der freundlich lachend zu ihnen trat, gestört:
»Deine Sehnsucht wird nun gestillt werden, =Cornelius=;« sagte er. »Frau =Beckje= hat aufgetragen und du, der ihr treulich beigestanden bei den Kochtöpfen, wirst gewiß die besten Bissen erhalten. Ob aber die Jungfrau Schwester mit der groben Schiffmannskost zufrieden seyn wird, bezweifle ich sehr!«
=Clelia= versicherte, sie werde der Tafel alle Ehre anthun, zu der sie ein langes Fasten und die zehrende Herbstluft fähig mache, und folgte, von schönen Hoffnungen belebt und erhoben, am Arme des Geliebten dem voranschreitenden Capitän nach der Cajüte. Vergebens suchten sie im Vorübergehen =Philippintje= zu erwecken, die noch immer auf der Schiffsbank im tiefen, todtähnlichen Schlaf lag. Der Nektar, von dem sie allzureichlich genippt, hielt sie in seinen Zauberbanden gefangen. Sie blieb taub gegen alle Aufforderungen und das junge Liebespaar mußte sich entschließen, sie auf dem harten Lager, das sie sich selbst erwählt hatte, ihren beseligenden Träumen zu überlassen. Daß sie von solchen heimgesucht werde, verrieth ein lächelnder Zug in ihrem Antlitze und der Name: =Balthasar=, der im schmachtendsten Tone über ihre Lippen glitt.
Im Innern der sehr reinlich und zierlich gehaltenen Cajüte empfing Frau =Beckje= ihre Gäste. Sie hatte, um nicht zu sehr in ihrem Aeußeren gegen die Begleiterin des Junker =Cornelius= abzustechen, ihren besten Staat angelegt. Das knapp anliegende Kleid von schönem schwarzen Utrechter Sammet stand ihr recht wohl und das rothbäckige, volle Schelmengesicht sah unter dem Spitzenhäubchen, so freundlich und anmuthig hervor, daß =Clelia=, durch den lieblichen Anblick überrascht, für einige Momente ihre gewöhnliche Gravität ablegte, erst die dargebotene Hand des lächelnden Weibchens annahm und dann auf die frischen Lippen, die ihr entgegenkamen, einen herzlichen Kuß drückte.
»Nun ist die Freundschaft gemacht,« sagte =Beckje=, »und« setzte sie schalkhaft hinzu, »der Junker da kann Euch kein besserer Bruder seyn, als ich Euch eine Freundin bin!«
=Clelia= erröthete. Nur daß sie eine Unwahrheit behaupten helfen sollte, trieb das Blut auf ihre Wangen; sie ahnete nicht, daß die Capitänsfrau auf eine Vermuthung der Wahrheit, ja, daß diese schon zu der Ueberzeugung ihrer Nicht-Blutverwandtschaft mit =Cornelius= gekommen sey!
»Wir machen gerade einen hübschen Tisch voll!« fuhr indessen =Beckje= fort, indem sie =Clelien= gegenüber, ihren Platz zwischen den beiden Männern einnahm. »Es ist nur Schade, daß Ihr zwei Schwester und Bruder und nicht auch Mann und Frau, oder doch wenigstens Bräutigam und Braut seyd! Es ginge dann noch weit lustiger her, denn es mag mir einer sagen, was er will, die Liebe ist doch eigentlich =Das=, was dem Leben erst seine wahre Freude, seine rechte Lust gibt!«
=Cornelius= vermochte kaum seinen Unwillen zu bekämpfen, daß =Beckje Clelien= gegenüber in ihrem Scherze so weit ging. Er warf ihr einige sehr ernste und finstere Blicke zu, die den guten Erfolg hatten, daß sie ihr stets fertiges Zünglein ein wenig im Zaume hielt. Das Gespräch wandte sich auf andere Gegenstände und =Jansen= trug nun in den Zwischenräumen, die ihm die Befriedigung seines sehr guten Appetits ließ, die Kosten der Unterhaltung, indem er mit vieler Laune und Lebendigkeit manches Abentheuer erzählte, das ihm in seinem vieljährigen Seeleben begegnet war. Gegen das Ende der Tafel, bei der er mehr dem Genever, als dem spanischen Weine, dem =Cornelius= den Vorzug gab, zusprach, wurde er sehr lustig und rief:
»Nun muß ich Euch doch noch die wunderliche Geschichte erzählen, wie ich zu dem Ballaste da« -- hier wieß er auf =Beckje= -- »in meinem Lebensschifflein gekommen bin! So wie Ihr mich hier sehet, bin ich ein Bursche, der schon seine vierzig hinter sich hat, aber die frische Seeluft hat mich =frisch= erhalten und ich wette drauf, mein =Beckje= vertauscht mich gegen keinen Hasenfuß von zwanzig Jahren! Ich hatte schon meine sechs Fahrten nach =Batavia= gemacht, hatte unter =Ruyter= gedient, ihm zur Seite gestanden, als er siegreich an der Küste von Sicilien seinen Tod fand, war mit Oraniens Glück nach England hinübergegangen und kam eben von einem Kreuzzuge unter =Wassenaar= zurück, als ich mich entschloß, meine armen Verwandten in =Amsterdam= einmal zu besuchen, ihrer Noth nach Kräften abzuhelfen und nebenbei die große Stadt zu sehen, von der ich so Vieles gehört hatte und die ich noch nicht kannte. Die Flotte lag gerade zu der Zeit im Texel und wurde ausgebessert. Es fiel mir deshalb nicht schwer, einen Urlaub von einigen Wochen zu erhalten. Ich hatte mir etwas zusammen gespart. Ich kann Euch sagen, ich trat ans Land, aufgetakelt wie ein Kirmesbaum, und mit dem besten Willen, meine Jahreslöhnung, die ich eben erhalten, an allerlei Narrenspossen zu verthun. Mehr aber keinen Stüber, denn das Uebrige war für die Verwandten und für den Sparpfennig bestimmt, an dem ich seit meiner frühen Jugend gesammelt. Wenn ich Euch erzählen wollte, wie es zuging, daß ich schon am ersten Tage in =Harlem= fünfzig Gulden für eine garstige braune Zwiebel wegwarf, blos aus Respect, weil man sie den Admiral =Enkhuysen= nannte, wie ich dann die Zwiebel wieder gegen eine Flasche ächten Genever aus =Schidam= vertauschte, wie ich für andere fünfzig Gulden fünfzig hübsche Mädchen bei einer Kirmes auf einem Dorfe in der Nähe von =Harlem= mit bunten Halstüchern beschenkte und mich hernach mit ihren Liebhabern herumschlagen mußte, -- ja! wenn ich Euch das Alles genau berichten wollte, so hätte ich viel zu thun und =Beckje= würde es vielleicht nicht einmal gern hören --«
»Meinethalben magst du reden, was du willst!« fiel schnippisch =Beckje= ein. »Mir sind auch bunte Halstücher geschenkt worden, ehe ich dich gekannt habe, und ich bin keinem ein Geschenk schuldig geblieben.«