Die Mumie von Rotterdam. Erster Theil

Part 12

Chapter 123,410 wordsPublic domain

»Ruhig, =Beckje=!« erwiederte lachend der Capitän und reichte der Grollenden treuherzig die Hand. »Es war nicht böse gemeint und was ich unter dem hübschen Affengesicht verstanden habe, das machte wahrlich der heidnischen Schönheitsgöttin =Venus= keine Schande. Doch weiter im Text, sagt der Domine; ich sage: weiter in der Fahrt! Es wurde wieder ruhiger im Zimmer. Wenige setzten sich auf's Neue nieder. Die meisten legten sich auf den Bänken und auf den Fußboden vor Anker, um hier nach wenigen Augenblicken in einen tiefen Schlaf zu fallen. Der Seemann, der vor dem Tumulte mir gegenüber gesessen, nahm seinen Platz wieder ein. »Sie haben den wilden =Hann= gekielholt im Canale!« sagte er lachend. »Es war dem Burschen gesund. Das Wasser machte ihn in einem Augenblicke wieder nüchtern; er schwamm durch, wie ein Delphin, und schickte uns von der andern Seite eine volle Lage von Verwünschungen zu. Aber, Blixen!« fuhr er auf: »wir sitzen wieder fest auf der Sandbank im leeren Glase. Schenk ein, Wirth! Mir und dem Landsmanne! Ich hoffe, du hast noch ein tüchtiges Stück Kreide für den =Claas=!« Mit großer Geschäftigkeit war der Rothkopf bei der Hand und füllte unsere Gläser. Ich ließ es geschehen, denn der Trunk fing an mir zu munden und ich dachte: morgen, wenn du dein Papier zu Geld gemacht hast, kannst du es dem lockern Seehunde zehnfach wiedergeben. Er trank mir zu auf das Wohlergehn aller Seeleute, und ich that ihm mit so vieler Lust und Fröhlichkeit Bescheid, daß er mich mit den listigen Augen groß ansah und ich wohl merkte, er wittere Seeluft. Bald aber schien dieser Gedanke wieder ganz von ihm gewichen, er behandelte mich als eine Landratte, spottete über das ewige, langweilige Werkeltagsleben in Städten und Dörfern und fing nun an, auf eine vertrauliche Weise mir von dem Treiben auf der See zu sprechen, mir die Lust und das Wohlergehn auf den Schiffen gar herrlich auszumalen, die Merkwürdigkeiten von Ost- und Westindien zu preisen, mit solcher Uebertreibung und Unwahrheit, daß ich, der das Alles vielleicht besser kannte, als er, unwillkührlich vor mich hinlachen mußte. Ich merkte nun, daß er mich anwerben, daß er einen Rekruten für irgend einen Ost- oder Westindienfahrer aus mir machen wollte. Jetzt glaubte ich auch die Warnung des Mädchens zu verstehen. »Damit hat es gute Wege!« dachte ich: »der =Jansen= weiß auch, wie das Salzwasser in der Bay von =Batavia= schmeckt und sieht keine Piratenflagge für die Farbe der Ehrlichkeit an.« Mein lächelndes Gesicht mochte den Burschen glauben machen, daß mir seine Reden gefielen und ich blindlings in das Netz segle, das er so lockend vor mir ausgebreitet hatte. Er rückte zutraulich näher. Seine Zunge wurde noch geschwätziger. Er plapperte, wie es die Werber zu machen pflegen, gleich einem Papagey in einem fort. Hundert lustige Seemannsstückchen kamen an den Tag, dazwischen manche Geschichte von einem und dem andern, der als bloßer Matrose nach den Indien gegangen und als ein reicher Bewindhebber zurückgekehrt sey. Alle diese Künste waren mir bekannt und belustigten mich sehr. Er ließ noch mehreremale einschenken und ich trank mit ihm, denn vor seinem Genever brauchte ich mich nicht zu fürchten, das wußte ich aus vielfältigen Erfahrungen, in denen ich auf ganz andere Proben gesetzt worden war und See gehalten hatte. »Gelt!« sagte endlich, nachdem er eine gar lustige Geschichte erzählt, über die ich sehr lachen mußte, der Bursche mit einer verschmitzten Miene zu mir: »Das Leben gefällt Euch und Ihr möchtet es auch gern so haben? Nun das kann geschehen und an einem hübschen Handgeld soll es auch nicht fehlen! So ein zwanzig Gulden etwa, dächte ich, wären Euere Sache?« Jetzt stieg mir der Aerger in den Hals. Einem Kerl, wie mir, lumpige zwanzig Gulden zu bieten! Ich vergaß meinen Vorsatz, ich nahm die falsche Flagge ab, ließ lustig das Seemannswimpel wehen und rief: »Halsen und Schoten, was bildet Ihr Euch ein? Der Sturm aus dem Brandweinglase hat Euch das Takelwerk verwirrt, daß Ihr einem Manne, der schon als zwölfjähriger Junge die blauen Berge von =Sumatra= gesehen und in den Riffen von =Ceilan= Schiffbruch gelitten hat, einen so niederträchtigen Vorschlag macht. Geht in Euere Hangematte und schlaft den Rausch aus! Morgen könnt Ihr mit mir trinken zur Revange, aber bringt gescheidtere Gedanken mit.« Ich stand auf und sah auf meinen Mann, der auch aufgesprungen war, herab wie der Goliath auf den David. Er sagte nichts. Seine Blicke flogen aber unruhig über seine Cameraden hin, als wolle er untersuchen, ob im Falle der Noth ihr Beistand ihn unterstützen werde. Sie lagen jetzt sämmtlich in einem so tiefen Brandweinschlafe, daß ich bei der geringsten verdächtigen Bewegung des Meisters =Claas=, ihn zehnmal hätte kalt machen können, ehe sie einmal zur Besinnung gekommen wären. Er mochte das selbst einsehen und setzte sich ruhig wieder an seinen Platz. Ich rief jetzt dem Wirthe, daß er mir mein Schlafzimmer zeigen solle. »Ey, Ihr wollt allein schlafen?« sagte er gedehnt. »Nun dann müßt Ihr auch vorlieb nehmen mit dem, was Ihr bekommt, denn auf Schlafgäste bin ich gerade nicht eingerichtet.« Der Rothkopf zündete eine Lampe an, ich wünschte dem Meister =Claas= lachend eine gute Nacht, die er nicht erwiederte, und folgte dann meinem Führer über einen langen Hof, zu einem düstern Hintergebäude. Auf diesem Wege bemerkte ich zu meinem Erstaunen, daß ich nicht ganz fest auf den Beinen sey. Eine wunderliche Müdigkeit, wie ich sie noch nie empfunden, lag lähmend in allen meinen Gliedern. Wie betäubt stieg ich hinter dem Wirthe, der sich öfter nach mir umsah, eine schmale Treppe hinauf, die kein Ende nehmen wollte. »Sind wir bald an Bord?« fragte ich endlich, als wir unter dem Dache angekommen waren, das, schräg und niedrig ablaufend, mich am Geradestehn verhinderte. »Hier ist es;« antwortete der Rothkopf. Er stieß zugleich eine Thüre auf, durch die ich mich gebückt in eine kleine Kammer hineinbugsierte. Ich konnte nichts mehr sehen, ich konnte das Gemach nicht untersuchen; meine Augen fielen zu und ich sank angekleidet, wie ich war, indem das letzte Restchen von Bewußtseyn schwand und ich noch, wie aus weiter Ferne, das höhnische Gelächter des Rothkopfs zu vernehmen glaubte, auf die Lagerstatt nieder. Wie lange ich so, gleichsam in der Windstille des Todes als ein unbrauchbares Wrak, gelegen, weiß ich nicht. Als ich anfing, wieder zu mir zu kommen, fühlte ich einen heftigen Schmerz am Munde, an den Händen und den Füßen. Es war mir noch so wüst im Mastkorbe, daß ich mich mit Gewalt zusammen nehmen mußte, um einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Sturm und Wetter! Denkt Euch, was die Hunde gethan hatten? Ein scharfer Knebel saß mir im Munde, meine Hände waren mit einschneidenden Stricken auf den Rücken gebunden, meine Füße ebenso an die Pfeiler der Bettstelle befestigt, meine Brust mit einem ledernen Riemen an diese festgeschnürt. Ich war keiner Bewegung mächtig. Nur den Kopf konnte ich mit Mühe etwas heben und ihn vorwärts beugen. Das konnte mir nicht während eines gewöhnlichen Schlafes, nicht einmal in einem tüchtigen Rausche geschehen seyn, ohne daß ich erwacht wäre. Man mußte mir etwas Giftiges, Betäubendes in den Brandwein gethan haben. Durch eine Dachluke hoch über mir fiel ein Lichtstrahl herein. Indem ich den Kopf mühesam vordrückte, sah ich bei dem matten Dämmerlichte, das in der Spelunke herrschte, daß man mir meine guten Kleider ausgezogen und mich mit Lumpen bedeckt hatte. Mein Kopf that mir wehe. Vergebens strengte ich mich an, noch mehr über meinen Zustand nachzudenken, über die Veranlassungen dazu, über den gestrigen Abend, über die Menschen, die mich in diese Lage versetzt, und über die Absicht, die sie mit mir haben möchten. Es legte sich wieder, wie Blei, auf meine Glieder, im Kopfe wurde es mir ganz dumm und ohne einzuschlafen, die offenen Augen immer nach der Luke im Dache gerichtet, war es mir doch immer, als läge ich in einem schweren Traume. Da hörte ich plötzlich ein Geräusch, das mit einemmale, wie ein Blitz, in mein Gehirn fiel und dieses erhellte. Es war ein heiseres, höhnisches Gelächter aus einem Winkel der Kammer. Es schien mir nicht unbekannt, ich mußte ein ähnliches schon gehört haben. Ich versuchte zu sprechen, aber ich brachte nur einen kaum hörbaren, dumpfen Laut hervor. Da wurde das Lachen lauter und derjenige, von dem es kam, trat so dicht an mich heran, daß ich ihn sehen konnte. Klippen und Sandbank! Es war kein anderer, als Meister =Claas=, der mit untergeschlagenen Armen neben mir stand, mit den scharf blickenden Augen mich von oben bis unten maß und spöttisch grinsend sagte: »Warum habt Ihr doch die zwanzig Gulden Handgeld nicht genommen? Es wäre immer eine gute Ladung gewesen für Euere Tasche, die nun leer ist und wenig Hoffnung hat, bald wieder befrachtet zu werden. Jetzt liegt Ihr hier so lange fest, bis ich Euch flott mache zur lustigen Fahrt. Oder habt Ihr Euch vielleicht besonnen, sind Euch bessere Gedanken im Schlafe gekommen, als im Wachen? Ich will's einmal darauf wagen und Euch das Zungenband lösen. Aber das sage ich Euch, kommt ein lauter Ruf, ein Schrei, ein Wort über Euere Lippen, das man auch außerhalb dieser Coje vernehmen könnte, so ist's um Euer Leben geschehen, und Ihr athmet nie wieder weder See- noch Landluft!« Bei diesen Worten schwang er drohend in der einen Hand sein Krummmesser, während die andere den Knebel lös'te. Ich mußte mit mir geschehen lassen, was er thun wollte, ich lag da, wie ein Stück Holz. »Nun sprecht, bester Freund und Landsmann! Wollt Ihr jetzt freiwillig die Flagge streichen und mein lieber Camerad seyn auf dem Schiffe, zu dem ich Euch führe, so soll's immer noch auf die zwanzig Gulden nicht ankommen; besteht Ihr aber auf Euerem halsstarrigen Sinn, so bekommt Ihr keinen rothen Deut und bleibt angeschnürt und geknebelt, bis wir die Anker lichten und Ihr eingepökelt werdet in den untern Raum, den Ihr dann erst auf offener See verlaßt.« Meine Zunge klebte vor innerer Hitze am Gaumen fest und war durch den Zwang, den man ihr angethan, wie gelähmt. Der Bösewicht bemerkte das. Er langte einen Krug Wasser herbei, hielt ihn mir an die Lippen und sagte: »Trinkt einmal! das soll nicht gesagt seyn, daß =Claas= seinen künftigen Cameraden verdursten lasse. Ich weiß es aus hundert Erfahrungen mit hundert ähnlichen Thoren, wie Ihr! Das Opiumgebräu macht verdammt trocken im Halse.« Ich trank in langen, durstigen Zügen. Es war, als brenne ein höllisches, unauslöschliches Feuer in mir. Endlich gewann ich die Rede wieder. Die Wuth lag glühend in meiner Brust, wie die Lunte an einem Vierundzwanzigpfünder, und ich konnte sie kaum zurückhalten vom heftigsten Ausbruche. Aber ich mäßigte mich, denn ich sah ein, daß ich in der Gewalt des Schurken und ihm auf Gnade und Ungnade preißgegeben war. »Ihr mögt Euch freilich einbilden,« sagte ich, »daß Ihr ein rechtes Kunststück begangen habt mit Euerer gewaltthätigen Werbung; aber es nutzt Euch nichts, denn Ihr müßt wissen, daß ich schon seit mehreren Jahren Hochbootsmann bin auf dem Linienschiffe der hochmögenden Herrn Generalstaaten, auf der =Medusa=. Darum gebt mich nur wieder los und ich verspreche Euch, von der ganzen Geschichte nichts verlautbaren zu lassen!« -- »Wir wissen Alles, Freundchen!« erwiederte der Bube und lächelte noch hämischer, als bisher. »Wir haben ja deine Bestallung und deine Wechselbriefe gefunden in dem Landratzenfelle, das uns zur guten Prise geworden. Die Bestallung habe ich ins Feuer geworfen und die Wechsel werde ich einlösen, wenn du sie unterschrieben haben wirst, wozu du seiner Zeit schon genöthigt werden sollst. Sieh, Brüderchen, solche Leute, wie dich, können die Herrn Bewindhebber auf den Kapern gerade brauchen. Was kümmert es uns, ob du auf der =Medusa= für einen Deserteur und Schuft gehalten wirst? ob dein Bild am Galgen neben den Landstraßen mit einer verständlichen Unterschrift den Vorübergehenden sagt: das ist der entlaufene Hochbootsmann =Jansen=; wer ihn wieder einbringt, erhält eine gute Belohnung? Die Hauptsache ist: du kennst den Dienst, es fehlt dir nicht an Kraft und Gewandtheit und, wenn du deine Schuldigkeit thust gegen die spanischen =Don's= und französischen =Mosje's=, so kannst du es über Jahr und Tag wieder zum Hochbootsmann auf einem ehrbaren Kaperschiffe bringen. Gelt, Brüderchen, die Aussicht ist so übel nicht und wenn wir brav spanische Gallionen aufbringen, so bekommt auch die Mannschaft ihr gutes Theil davon. Sprich dein freiwilliges =Ja=, bester Camerad; mache dich los von dem lecken Schiffe, das doch die See nicht mehr halten kann! Lichte die Anker mit deinem Herzensfreunde =Claas=, der es am Besten mit dir meint auf der ganzen Welt und dich liebt, wie einen spanischen Brasilienfahrer, dem er gut Gold abzuzwicken gedenkt, oder einen vollen Geldbeutel, der immer sein bester Helfer in der Noth war.« -- Der Hohn und die Niederträchtigkeit des Buben brachten mich auf's Aeußerste. Ich konnte mich nicht mehr halten. Indem ich vergebens mit einer heftigen Bewegung mich von meinen Banden loszureißen suchte, rief ich: »Verdammter Schurke und --« »=Seelenkoper=!« fiel der Kerl mit der größten Kaltblütigkeit ein, während er mir den scharfen Knebel so heftig in den Mund zurückstieß, daß mir das Blut aus Lippen und Zunge drang. »Ich sehe wohl,« fuhr er eben so gelassen fort, »daß noch kein vernünftiges Wort mit Euch zu sprechen ist. Ich hoffe aber, daß Euch die Einsamkeit, Euere angenehme Lage, und Hunger und Durst bis heute Abend geschmeidiger machen werden. Wir haben sonst auch noch andere Mittelchen im Rückhalte, denen die Halsstarrigsten nicht widerstehen konnten. Was haltet Ihr von der Peitsche? Ich kann Euch auf Seemannsparole versichern, daß einer, der sie gut zu führen versteht, in Zeit von einer Viertelstunde einem Andern die Schreibkunst beibrachte, so daß dieser schön und deutlich seinen Namen unterzeichnete, wohin man wollte und was er bisher allen freundlichen Bitten und Ermahnungen verweigert. Merkt Euch das, Meister =Jansen=! Ich könnte der eine und Ihr könntet der andere seyn, wenn Ihr nicht heute Abends Euern Trotz in den untern Raum einsperrt. Bis dahin gehabt Euch wohl!« -- Der Kerl ging und ich hörte, wie er von Außen einen schweren Riegel vor die Thüre schob. Ich schäumte vor Wuth. Jetzt erst waren die Reden und Signale des Mädchens mir verständlich geworden, die ich früher viel zu leichthin gedeutet hatte. Die =Seelenverkäufer= und unter diesen die schändlichsten und grausamsten, die Mäkler der Kaperschiffe, hielten mich in ihren Klauen. Ich wußte, daß die Obrigkeiten bei diesem abscheulichen Menschenhandel ein Auge zudrückten, wenn er auf Rechnung der ostindischen Compagnie geführt wurde. Dieser hätte es sonst an Rekruten für ihre Flotten, für die Besatzungen in =Batavia= und den übrigen Colonieen gefehlt. Der große Vortheil, den die Compagnie dem Staate brachte, verpflichtete diesen, sie auf alle Weise zu unterstützen, wenn es auch oft wider Recht und Billigkeit war. Desto strenger wurde die =Seelenkoperei= der Privatleute, derjenigen, die sich einen Kaperbrief auf eigenen Gewinn und Verlust gelös't hatten, bestraft. Am Galgen fanden sie gewöhnlich den Lohn ihrer Verwegenheit, mit den Werbern der Compagnieherrn nach derselben Richtung des Compasses steuern zu wollen. Deshalb trieben sie ihr Geschäft immer in der tiefsten Verborgenheit, in Schenken, die außer ihren Handlangern niemand besuchte und in denen oft, wie man sich erzählte, diejenigen, die sich allzustarrköpfig gezeigt, einen gewaltsamen Tod gefunden hatten, damit sie nie zu Verräthern an ihren bübischen Bedrängern werden möchten. Das Alles wußte ich. Mit hundert Geschichten aus solchen Häusern, eine immer schrecklicher, als die andere, hatten wir uns oft während der Abende auf den Schiffen unterhalten. Wen einmal sein Unglück in eine solche Mordhöle geführt hatte, der kam nur als ein Sklav des Kapercapitäns oder als eine Leiche wieder heraus. Eins dieser zwei Loose erwartete nun auch mich und dabei die quälende Aussicht, von meinen Vorgesetzten, von meinen Cameraden auf der =Medusa= für einen Ausreißer gehalten, für ehrlos erklärt zu werden. -- Mein Kopf brannte mir wie im hitzigen Fieber. Ich wußte mir nicht zu rathen und zu helfen. So lag ich mehrere Stunden lang in einem dumpfen Hinbrüten, in dem Zustande eines Schiffes, das zwischen Klippen und Sandbänke gerathen ist und weder vor noch hinter sich kann. Dennoch brannte, wie eine Kohle unter der Asche, der Entschluß im tiefsten Grunde meiner Seele, lieber den Tod zu leiden, als meine Schande zu überleben und den Schurken zu Willen zu seyn. Hunger und Durst fingen an, sich zu melden. Bald mußten sie zu peinigenden Gefühlen werden und ich nahm mir fest vor, diesen zu trotzen, wie allen Drohungen, allen Grausamkeiten der nichtswürdigen Seelenkoper. Mein einziger Trost war die Helligkeit, die durch die Dachlucke in meinen Raum fiel. Ich konnte ein Stückchen blauen Himmel sehen, ich konnte den Zug der Wölkchen erkennen, die in weißen Nebelflocken drüber hin flogen. Gedankenlos starrte ich immer nach diesem einen Punkte. Da verdunkelte sich zu meinem Schrecken plötzlich auch dieser; aber eine Stimme, in der ich den Laut eines Engels zu vernehmen glaubte, rief mich nun bei Namen und mein Schreck verwandelte sich mit einemmale in die lebhafteste Freude, denn wer, meint Ihr, sah aus der Lucke mitleidig und freundlich auf mich herab, wie ein Sternlein vom Himmel? Wiederum niemand anders, als eben das Affengesichtchen da!«

»Das ist zu arg!« rief jetzt =Beckje= ernstlich böse werdend, sprang auf und lief nach der Thüre hin. Aber mit drei mächtigen Schritten hatte sie =Jansen= wieder eingeholt, drückte ihr einen derben Kuß auf die vollen Purpurlippen und führte sie zu ihrem Sitze zurück, indem er schmeichelnd sprach: »Habe ich dich denn nicht einen Engel genannt und ist denn ein Engel, ernst und wohl gemeint, nicht weit mehr, als ein Affengesichtchen, das ich dir im Scherz auf deinen lieben Hals lüge? Ich will dich aber gern auch die Wahrheit hören lassen und da bist du, so gewiß ein Orlogschiff keine Calebasse ist! mein Schutzengel, meine Retterin aus Schimpf und Schande und Todesgefahr gewesen.«

Befriedigt nahm die Capitänsfrau ihren Platz am Tische wieder ein und =Jansen= fuhr, während der Cojenbub Orangen und andere Früchte aufstellte, folgender Gestalt in seiner Erzählung fort:

»Das liebe Gesichtchen da -- ich will sie durch keinen Beisatz weder ärgern, noch stolz machen -- trug nicht die Wimpel der Ruhe und Freude so in seinen Zügen, wie jetzt. Es schien ein ganz anderes =Beckje=, von Furcht, Angst und Kummer bewegt und entstellt. »Ach, Ihr armer Mann,« flüsterte sie herab, doch deutlich genug, daß ich es vernehmen konnte, »warum habt Ihr nicht meiner Warnung geachtet und seyd nicht bei dem ersten Schritte in dieses Haus des Verbrechens wieder umgewendet und geflohen, so schnell Euch Euere Füße tragen mochten? Aber das ist nun zu spät, der Jammer ist unnütz und wir müssen darauf sinnen, ob Hülfe möglich und wie sie zu bewerkstelligen ist? Ich bin aus meinem Kämmerlein über das Dach herübergeklettert, denn ich ahnete wohl, daß sie Euch in diese Mordkammer geschleppt hätten, wo schon manches Herzblut geflossen seyn mag, denn ich sah den abscheulichen =Claas= herabsteigen. O, wie haben sie Euch gebunden und geknebelt, die Schändlichen! Jetzt sehe ich's erst, da mein Auge sich an die Dämmerung gewöhnt hat. Doch wartet einen Augenblick. Ich komme gleich wieder und, ist meine Hand nicht ganz ungeschickt, so sollen Euere Bande bald gelös't seyn.« Sie verschwand und es war mir, als erlösche das Sanct Elmo's-Feuer auf der Mastspitze meiner Lebensfregatte. Ich sah wieder in den blauen Himmel. Ich grübelte vergebens darüber nach, wie sie es anfangen wolle, aus dieser Höhe und Entfernung meinen Mund von dem Knebel, die Brust von dem pressenden Riemen, Hände und Füße, von den Stricken zu befreien. Nach einigen Minuten, die mich eine Ewigkeit dünkten, zeigte sich wieder das liebe Gesicht in der Lucke. Ich athmete neu, ein Vorgefühl der Freiheit durchströmte mich schon erquickend. Das herrliche Mädchen streckte einen Arm durch die Oeffnung. Sie hielt in der Hand ein weißes Papier, das mir in jenem Augenblicke wie eine Freuden- und Friedensflagge vorkam. »Gebt Acht!« sagte sie. »In dieses Papier habe ich ein Messer gewickelt. Wenn es mir nur gelingt, es so auf Euer Lager zu werfen, daß Ihr es mit den Fingern greifen könnt, so ist Euch vor der Hand geholfen und wir wollen dann das Weitere bereden.« Sie hob den Arm zum Wurfe. Ich betete so inbrünstig, als wäre ich auf einem Schiffe, das eben der Sturm in den Abgrund schleudern wolle. Das Messer entfuhr ihrer Hand und Derjenige, der im Sturm und Wetter die Schiffe über der Tiefe erhält und die Wogen wieder ebnet, lenkte den Wurf: es fiel in die Bettstelle, dicht neben meinem Leibe nieder.«

=Jansen= schwieg einige Augenblicke. Man sah, daß diese Erinnerung ihn mit einem feierlichen Ernste erfüllte. Die Thränen standen ihm in den Augen. Niemand störte die Stille. =Clelia= war blaß geworden und ihr ganzes Wesen zeigte, wie sehr sie im Innern bewegt sey. Nach einer Pause reichte der Capitän seiner Frau treuherzig die Rechte über den Tisch hinüber, die sie, ihn offen und freudig anblickend, nahm. Dann sprach er weiter: