Die Mumie von Rotterdam. Erster Theil
Part 11
=Jansen= ließ die Unterbrechung ungerügt hingehn und fuhr fort: »Mit dem Wunsche, mir es wohl bekommen zu lassen und der Aufforderung, tüchtig zuzulangen, da noch hinlänglicher Vorrath in Küche und Keller sey, stellte mir der Wirth das Verlangte vor. Er trat dann hinter die Spielenden, ging von einem zum andern und flüsterte ihnen Worte zu, die mir unverständlich blieben. Ich achtete auch in der ersten Zeit wenig auf ihn und die übrigen Gäste. Das hübsche Mädchen hatte meine Aufmerksamkeit erregt und es war mir gar nicht recht, daß sie so entfernt von mir, in einem düstern Winkel ihren Platz genommen hatte, wo ich sie nur undeutlich sehen konnte. Lange Zeit gab ich mir vergebliche Mühe, ihre Gesichtszüge aus der Dunkelheit hervorzusuchen. Ich ließ endlich davon ab und fing an, meinen Appetit zu stillen, der nicht gering war. Der Genever, den man mir vorgesetzt hatte, schien mir ungewöhnlich stark. Das war aber eben kein Umstand, der einem Seemanne, welcher so oft, wie ich, die Linie passirt hatte, vom Trinken zurückhalten konnte. Das Gelärm am andern Tische ward indessen immer toller. Flüche, Verwünschungen von der einen Seite, höhnisches, lautes Gelächter von der andern, vermischten sich zu einem wilden Getöse. Die Bursche, die es so arg trieben, zogen endlich meine Aufmerksamkeit auf sich. Es waren lauter Gesichter, auf denen Zügellosigkeit, Verwegenheit und eine Tücke, die sonst einem ordentlichen Seehunde fremd ist, eingegraben standen. Sie sind gewiß von irgend einem Kauffahrer, dessen Capitän ein Lump ohne Verstand und Respect ist: dachte ich bei mir. Sie hatten alle ihre krummen Messer vor sich auf dem Tische liegen, als wollten sie gegen einen Angriff, der unerwartet und plötzlich von einem auf den andern erfolgen könne, bereit seyn. Besonders fiel mir einer unter ihnen auf, der sehr listig aussah, ruhiger wie die andern sich verhielt und, er mochte mit günstigem oder ungünstigem Winde fahren, lustig und guter Dinge blieb. Erfolgte bei einem seiner Cameraden ein Ausbruch des Unwillens über eine getäuschte Hoffnung, einen erlittenen Verlust, so brachte er gleich einen Scherz vor, einen lustigen Schwank, der das drohende Unwetter zerstreuete und statt des Messerkampfs, zu dem es leicht hätte kommen können, ein allgemeines wildes Lachen, in das selbst der eben noch Erboste einstimmte, hervorbrachte. Er schien älter als die übrigen. In seinen gebräunten Zügen lag ein Ausdruck von Erfahrung und Klugheit, der ihm selbst bei seinen rohen Genossen eine Art von Ansehn zu Wege brachte. Ich bemerkte, daß sein listiger Blick oft nach mir hinflog, auf mir forschend ruhete, wenn er aber wahrnahm, daß ich auf ihn achtete, sogleich sich nach einer andern Seite wandte. Die Art, wie er sich gegen die andern benahm, gefiel mir. »Der Bursche hat mehr gesehn, als jene!« sagte ich zu mir selbst. »Er weiß mit dem Winde zu segeln, zu laviren und die Lappen einzuziehn, wenn es Zeit ist.« Seine Späße und Schwänke machten mich selbst einigemale laut auflachen. Er hörte es und es schien mir, als wenn sich bei dieser Bemerkung ein gewisses Wohlbehagen auf seinem Angesichte zeigte. Der Wirth trat jetzt zu meinem Tische und sagte: »Gelt, das sind lustige Bursche? Ihr müßt Euch an ihren heftigen Manieren nicht stoßen. Die Seeleute sind einmal nicht anders, wenn sie auf's Land kommen. Da muß Jubel, Trinken und Spielen sie entschädigen für die Entbehrung und strenge Observanz auf dem Schiffe. Euch mag das Ding freilich sonderbar vorkommen. Ihr scheint mir auf dem Lande geboren und erzogen, und habt wohl niemals andern Theer gerochen, als im Laden des Krämers?« Sein Gesicht verzog sich hämisch bei diesen Worten. Ich hielt es nicht der Mühe werth und hatte auch, wie schon gesagt, keine besondere Lust, meine wahre Farbe zu zeigen. Ich durfte ja nur in die Brusttasche greifen und meine Bestallung als Hochbootsmann auf dem Linienschiffe =Medusa= hervorholen, um den Wirth und die Bursche alle, wie sie da waren, in Respect zu setzen. Ich ließ es aber bleiben und lachte still in mich hinein über die Tölpelhaftigkeit und Dummheit des Kerls, der einen Delphin für ein Murmelthier ansah. Er wandte sich wieder von mir ab und trat jenem Matrosen mit dem listigen Gesichte gerade gegenüber, so daß er mir den Rücken zukehrte. Der Matrose warf einen fragenden Blick auf ihn -- erst später sah ich ein, daß dieses ganze Benehmen seine besondere Bedeutung hatte -- dann stand er plötzlich auf und sagte, indem er sein Messer einsteckte, zu seiner Gesellschaft: »ich habe genug gespielt. Seht meine leeren Taschen an. Wer noch einen Gulden an das wagen will, was drin ist, dem stehe ich zu Dienst, sonst niemand!« Mit einem wilden Gelächter und einigen groben Späßen wurde das Anerbieten beantwortet. Der Mann zündete seine Pfeife an dem einzigen Lichte, das sich in der Stube befand, an und näherte sich dann langsam meinem Tische. Er forderte noch ein großes Glas Brandwein und setzte sich dann mir gegenüber. Es war mir ganz angenehm, Gesellschaft zu bekommen, die mir eine muntere Unterhaltung versprach. Ich beschloß aber nichts destoweniger auf meinem Vorsatze zu beharren, und mich nicht als Seemann zu erkennen zu geben. Freilich war das eine schwierige Sache, denn schon damals hatte ich die Gewohnheit, die gebräuchlichen Schiffsredensarten in das gewöhnliche Gespräch zu mischen; aber ich dachte, eine rechte Aufmerksamkeit auf mich selbst könne mich wohl davon abhalten und mich unerkannt unter fremder Flagge segeln lassen. Meine Mahlzeit war verzehrt und mein Glas geleert. Ich hätte wohl noch gern getrunken, aber ich durfte auf meinen Gulden los nicht zu durstig seyn. Der Seemann saß einige Minuten lang mir gegenüber, ohne Anstalt zu machen, mich zu entern. Er brummte ein Liedchen vor sich hin, trank dazwischen und ließ dem bald geleerten Glase ein anderes folgen. »Ihr scheint kein Freund vom Würfeln, Landsmann!« redete er mich endlich an. »Ich kann's Euch nicht verdenken. Das verdammte Knöcheln kostet mich schon manchen schönen Gulden und wenn ich den guten Humor nicht hätte, so hätte ich mir aus Zorn über mein ewiges Unglück schon einmal ein Leid angethan. Aber der gute Humor muß immer obenaufschwimmen, wie der Kork an der Loglinie, und wenn auch einmal der Böse sein Spiel hat und bei dem letzten Deut im Beutel nach der armen Seele angelt, so muß ihn doch der gute Humor gleich vertreiben. Der Humor soll leben!« rief er, indem er sein Glas erhob und nach mir hinhielt. »Aber, Blixen und Mordblei! Ihr habt ja keinen nassen Tropfen mehr im Glase? Wirth,« schrie er diesem zu: »noch ein Glas Genever für den Landsmann! Es geht auf meine Rechnung. Wir müssen zusammen trinken.« Ich wollte seine Einladung ablehnen, aber er ließ mir keine Ruhe, bis ich mit ihm anstieß und trank. An dem andern Tische wurde es jetzt sehr laut. »Das sind rechte Tölpel und einfältige Gierhälse,« sagte mein Mann, »die sich in die Launen des Spiels gar nicht finden können! Sie meinen, sie müßten Alle gewinnen und denken nicht daran, wer dann verlieren sollte. Blixen und Mordblei! Ihr werdet gleich sehen, daß einer von ihnen nach dem Krummmesser greift, um dem andern Galgen und Rad ins Gesicht zu zeichnen. Meiner Seel! der tolle =Hann= ist schon dran. Hat dich denn der Schwarze einmal wieder am Kabeltau --« Mit diesen Worten sprang er auf und in das Getümmel hinein. Es ging auch wirklich jetzt an dem Tische drunter und drüber, wie auf einem geenterten Schiffe. Fluchen und Schreien, Schimpfreden und Drohungen mischten sich durcheinander. Alle waren aufgesprungen, ihre Messer blitzten bei dem matten Lampenscheine in den hoch erhobenen Händen und es schien, als ob es auf Schlimmeres, als auf bloßen Schnittkampf abgesehen sey. Ich überlegte eben noch, ob ich mich in das tolle Treiben hineinmengen solle, um ein Unglück zu verhüten und Ruhe und Frieden herzustellen, als mein Trinkgenosse, ein untersetzter starker Bursche, schon mitten unter ihnen war, den Unheilsstifter zu Boden geworfen hatte und mit einer wahren Commandostimme rief: »Hinaus mit dem Stänker! Er mag seine Hitze in der Gosse abkühlen, oder, wenn ihn seine Besoffenheit in den Canal führt, so ist's ihm auch gesund und das ungewaschene Maul wird ihm dann einmal gewaschen!« -- »Richtig!« schrieen die andern. »Er muß hinaus: In den Canal! Er hat so nichts, als Meuterei und Schlechtigkeit im Kopfe!« In der Luft schwebend wurde mit Sturmeseile der brüllende =Hann= durch das Zimmer, nach dem Ausgange getragen. Alle drängten sich nach der Hausflur, auch der Wirth, der am Aergsten auf den Friedensstörer schimpfte. Während sie den Rasenden aus dem Hause schafften, blieb ich einige Augenblicke allein bei dem Mädchen, das bis jetzt seinen düstern Winkel nicht verlassen hatte. Kaum war der lärmende Haufen draußen, so kam das Mädchen in rascher und ängstlicher Bewegung aus der Ecke an meinen Tisch hervor und flüsterte schnell und mit zitternder Stimme: »Ihr habt meiner Warnung nicht geachtet oder sie überhört! Das Schlimmste steht Euch bevor, wenn Euch nicht ein besonderer Glücksfall rettet. Verrathet nichts, zeigt keinen Verdacht! Ihr befindet Euch unter --« »Was hat die freche Dirne mit den Gästen heimlich zu verkehren?« unterbrach sie plötzlich die Donnerstimme des rothhaarigen Wirthes, der unter der Thüre erschien und rasch vortrat. »Deine Unverschämtheit wird dich noch ins Spinnhaus bringen, alle Ermahnungen sind umsonst und bei deiner Mutter Bruder hat sich das Unglück ins Haus geladen, als er dich aufnahm.« Das Mädchen schlich still nach seinem Winkel zurück. »Ihr verfahrt zu hart mit dem Kinde!« sagte ich, so ruhig ich vermochte. »Sie war blos für die Wirthschaft bedacht und fragte mich, ob ich nichts bedürfe?« -- »Ei, was!« entgegnete mürrisch der Rothkopf. »Ich bin des Mädchens Vormund und muß wissen, was an ihr ist und wie ich mit ihr umzugehen habe. Hinauf mit dir, auf deine Kammer!« rief er ihr jetzt heftig und befehlend zu: »Ich kann jetzt meine Gäste schon selbst versehen und bedarf deiner nicht mehr.« Das Mädchen schritt zögernd nach einer Hinterthür des Zimmers. »Soll ich der Dirne Beine machen?« schrie der erboßte Corsar jetzt voll Wuth und warf ein Glas nach ihr, das dicht neben ihrem Kopfe vorbei an die Wand fuhr und in tausend Stücke zersplitterte. Sie entfloh so schnell sie konnte, durch die Hinterthüre. Ich war aufgesprungen und wollte eben dem alten Bösewicht an den Kragen, als lärmend und lachend die wilde Rotte ins Zimmer zurückstürmte. Ich bedachte, daß er unter ihnen gewiß Beistand und Hülfe finden würde, daß ein einzelnes Schiff, wenn es auch noch so gut getakelt und bewaffnet sey, nichts gegen eine ganze Flotte vermöge, und verbiß meinen Grimm. Die Worte des Mädchens und ihr wunderlicher Sinn gingen mir im Kopfe herum. Dennoch dachte ich mehr an das hübsche Ding selbst, als an ihre Rede. Ich hatte mir aus vielen schlimmen Lagen meines Lebens immer so glücklich herausgeholfen, und war mir denn doch auch meiner Kraft hinlänglich bewußt, daß mich die Ahnung einer Gefahr, die ich nicht einmal einsah und erkannte, nicht so leicht in Schreck versetzen konnte. Ich nahm mir nur fester vor, meinen Stand und meinen Namen nicht zu verrathen. Mochte auch irgend ein Bedrängniß für mich entstehen, so, glaubte ich, müsse am Ende meine Bestallung als Hochbootsmann auf der Flotte der hochmögenden Heern Generalstaaten mich aus jeder Verlegenheit reißen können. So vergaß ich bald der Warnung des Mädchens; aber ihr Bild blieb in meiner Seele und ich konnte nicht müde werden, da das hübsche Affengesicht zu beschauen.«
»Grober Mann!« rief =Beckje= mit zorniger Miene, indem sie das Glas, das vor ihm stand, wegnahm. »Zur Strafe dafür sollst du auch keinen Tropfen Genever mehr bekommen. Ihr werdet schon sehen,« fuhr sie dann, zu =Clelia= und =Cornelius= gewendet, voll Eifer fort, »wozu das Affengesicht nütze war. =Er= säße nicht hier vor Euch, als Capitän der =Syrene= und als ein gemachter Mann, wenn das Affengesicht ihm nicht aus der Patsche, in die er sich thörigt hineinbegeben, geholfen hätte!«