Die Mormonen, ihr Prophet, ihr Staat und ihr Glaube
Part 7
Wie die äußeren Verhältnisse der Secte sich im Verlaufe der vierundzwanzig Jahre seit ihrem Entstehen völlig geändert haben, so auch und noch mehr die Glaubenslehren derselben. Von Jahr zu Jahr wurden neue Ingredienzien in den Teig hineingewirkt, aus dem die Präsidentschaft ihren Gläubigen das Brot des Lebens buck. Alle christlichen Secten der Gegenwart, die Neuplatoniker und die Gnostiker, der Islam und der Parsismus, das Bramanenthum sogar mußten Beiträge liefern, die Phantasie der Propheten und Offenbarer that von dem Ihrigen hinzu, und so ist ein Pudding entstanden, der an Unverdaulichkeit Alles überbietet, was bis heute dem Magen der Menschheit auf religiösem Gebiete geboten worden ist. Wir bedauern, durch den Zweck dieser Schrift und den uns zugemessenen Raum verhindert zu sein, auf eine gründliche Analyse der wunderlichen Mixtur einzugehen, und geben im Folgenden nur einige Hauptzüge, wobei wir bemerken, daß die allmälige Umbildung der Grundlehren des Mormonenthums -- welche von den Gläubigen dem heiligen Geiste zugeschrieben wird, der ihnen fortwährend neue Wahrheiten offenbare -- in der Hauptsache von Orson Pratt herrührt, der in seinem Eklekticismus es nicht verschmäht, selbst Ergebnisse der neuern Philosophie in seinen Topf zu werfen. Smith scheint dazu nur den Namen hergegeben zu haben, und das Tollste und Kühnste ist erst lange nach seinem Tode ans Licht gefördert worden.
Als Hauptquellen ihres Glaubens sind folgende anzusehen: das Buch Mormon, das Buch der Lehre und der Bündnisse, die Warnungsstimme (von Peter Parley Pratt), der Spiegel des Evangeliums, das Buch Abraham (soll von Smith auf Grund göttlicher Offenbarung verfaßt worden sein, ist jedoch, da es erst in den neuesten Schriften der Secte erwähnt wird, wahrscheinlich spätern Ursprungs), Spencers Briefe, die Zeitungen »Times and Seasons« (von Taylor während der Jahre 1839 bis 1844 in Nauvoo herausgegeben), »Millennial Star« (in England erschienen), »The Seer« (seit 1853 von Orson Pratt in Washington veröffentlicht), endlich die Generalepisteln der Präsidentschaft in Deseret. Die folgenden Mittheilungen sind eine Blumenlese aus diesem Garten der Willkür und des Unsinns.
Das Glaubensbekenntniß der Mormonen, wie es der Frontier Guardian, eine von dem Apostel Orson Hyde in Kanesville herausgegebene Zeitung, mittheilt, weicht nicht sehr erheblich von den Bestimmungen unserer Dogmatik ab. Es lautet:
»Wir glauben an Gott, den ewigen Vater, und seinen Sohn Jesus Christus und an den heiligen Geist. Wir glauben, daß die Menschen für ihre eigenen Sünden und nicht für Adams Uebertretung Strafe empfangen werden. Wir glauben, daß vermöge des Sühnopfers Christi durch Gehorsam gegen die Gebote und Verordnungen des Evangeliums alle Menschen selig werden können. Wir glauben, daß diese Verordnungen folgende sind: 1. Glaube an den Herrn Jesum Christum, 2. Buße, 3. Taufe durch Untertauchen in Wasser zur Vergebung der Sünden, 4. Handauflegung durch die Gabe des heiligen Geistes, 5. das Mahl des Herrn. Wir glauben, daß die Berufung der Menschen zum Heile durch Inspiration und durch Handauflegung derer erfolgen muß, welche in rechter Weise Auftrag erhalten haben, das Evangelium zu predigen und seine Gnadengaben auszuspenden. Wir glauben, daß die Organisation der Urkirche in Apostel, Propheten, Pastoren, Lehrer und Evangelisten wiederhergestellt werden muß. Wir glauben an die Kräfte und Gaben des ewigen Evangeliums, als die Gaben des Glaubens, des Erkennens von guten und bösen Geistern, der Weissagung, der Offenbarung, der Gesichte, der Heilungen, des Redens in Zungen und des Verständnisses der Zungen, der Weisheit, Barmherzigkeit und Bruderliebe. Wir glauben, daß das Wort Gottes in der Bibel aufgezeichnet ist, glauben aber, daß es auch im Buche Mormon und allen andern guten Büchern sich findet. Wir glauben alles, was Gott offenbart hat, und jetzt offenbart, und wir glauben, daß er in Betreff des göttlichen Reichs und der Wiederkunft des Messias noch viele und große Dinge offenbaren wird. Wir glauben, daß Israel buchstäblich gesammelt werden wird, wir glauben an die Wiederbringung der verlorenen zehn Stämme, an die Aufrichtung Zions auf dem westlichen Festlande, an die tausendjährige Herrschaft Christi auf Erden und an die Verneuerung der Erde zu paradiesischer Herrlichkeit. Wir glauben an die Auferstehung des Leibes und daß Gott die Todten nach Verlauf der tausend Jahre wieder ins Leben rufen wird. Wir nehmen das Recht in Anspruch, Gott nach den Eingebungen unsers Gewissens anzubeten und gestehen allen Menschen das gleiche Recht zu. Wir glauben, den Königen, Fürsten, Herrschern und Obrigkeiten Gehorsam und Ehrerbietung, den Gesetzen Folgeleistung schuldig zu sein. Wir folgen der Ermahnung Pauli, wir glauben Alles, wir hoffen Alles, wir haben sehr Vieles erduldet und hoffen Alles erdulden zu können. Alles was lieblich ist, was wohllautet, dem streben wir nach, indem wir unsern Blick auf den Tag der Vergeltung richten. Aber ein Träger oder Fauler -- schließt das curiose Symbolum plötzlich -- kann kein Christ sein und selig werden. Er ist eine Drohne und bestimmt todtgestochen und aus dem Bienenkorbe geworfen zu werden.« --
Das sind nun die Umrisse der Mormonenlehre. Die Hauptsache kommt erst zu Tage, wenn man die Interpretation derselben hört. Leute von schwachem Verstande und geringem Glauben erfahren nur diese im Ganzen wenig anstößigen Sätze. Die Starken im Glauben aber entfernen sich vom Christenthume beinahe vollständig. Diesen wird in Bezug auf die Bibel gelehrt, daß die englische Uebersetzung, welche durch König Jacob beschafft worden »im Allgemeinen« den richtigen Sinn der vom heiligen Geiste dictirten Urschrift getroffen habe, aber mehrere Verfälschungen und Misverständnisse enthalte. Diese sind nach den Mormonen von Joseph dem Seher, dem »der Schlüssel zu allen Sprachen« verliehen war, berichtigt worden, und wir haben in Kurzem eine Ausgabe der auf diesem Wege emendirten und vermehrten Bibel zu erwarten. Eine Probe davon giebt Orson Hyde in jener Zeitung. Sie betrifft gleich das erste Kapitel der Genesis, wo es (an die Kabbalah anklingend) zu Anfang der Schöpfungsgeschichte heißen muß: »der Obergott brachte die Götter hervor. Er berief sie dann zu einem Rathe zusammen, der im Himmel gehalten wurde und wo sie sich über die Erschaffung der Welt besprachen.«
Die Bibel gilt demnach als Grundbuch, nur muß sie einige wesentliche Aenderungen erleiden. Niemand aber darf sie im bildlichen Sinne auffassen. Der Inhalt ist allenthalben buchstäblich zu nehmen; denn »Gott ist ehrlich, wenn er mit den Menschen redet und fern von aller Wortspielerei und Doppelsinnigkeit.« Allein das Wort Gottes findet sich nach der Meinung der Mormonen nicht blos in der Bibel, sondern unter andern heiligen Schriften vornehmlich auch im Buche Mormon und dem Buche der Lehre und der Bündnisse, welches letztere aus einer Abhandlung über den Begriff Glauben von Sidney Rigdon und einer Anzahl sogenannter Offenbarungen Gottes an Joseph Smith besteht. Diese Bücher bilden mit der Bibel eine »dreifache Schnur« der Kundgebungen Gottes auf Erden, eine Schnur, die noch fortgesponnen wird, indem Smiths Nachfolger im Mittleramte noch von Tage zu Tage je nach dem Bedürfnisse der Kirche Belehrungen und Gebote vom Himmel empfängt. Dies ist nach der Behauptung der Mormonen die Ursache, daß sie der »heidnischen« Welt so weit an Kenntniß und Verständniß der göttlichen Dinge voraus sind. Eure Professoren und Doctoren, sagen sie, können Euch nichts Neues von Bedeutung mehr lehren, uns dagegen leitet der Herr durch seinen Offenbarer unaufhörlich zu höherer Erkenntniß. So kann man als unterscheidendes Merkmal ihrer Kirche das setzen, daß ihre Dogmatik stets eine nur provisorische, daß ihr Princip, wenn das Wort hier überhaupt eine Stelle hat, ein stetes Imaginiren ins Blaue hinein, und daß der »Fels, auf den Joseph Smith seine Kirche gebaut,« jene angebliche Offenbarungsthätigkeit Gottes ist, die unaufhörlich neue Sinnlosigkeit an die Stelle der alten schiebt. Daß dabei von einem Felsen nicht die Rede sein kann, und daß die Offenbarungen sich häufig widersprechen, ficht sie nicht an, indem es sich ihnen aus den verschiedenen Umständen erklärt, unter welchen der Herr zu den Seinen redet.
Einem solchen Proteus läßt sich nun schwer die rechte Gestalt ablauschen, und daraus mag es sich der Leser erklären, wenn im Folgenden Manches schwankt und in verschiedenen Farben schillert.
Wir betrachten zuvörderst die _Lehre der Mormonen von Gott_. Die Gottheit ist nach den uns vorliegenden Quellen eine Dreieinigkeit oder richtiger eine Einheit von zwei Personen. »Gott Vater ist ein vollkommener Mensch, aber in den Attributen seiner Natur, seinem Glauben, seinem Wissen und seiner Kraft in Vergleich mit uns so erhaben, daß man ihn den Unendlichen nennen kann.« Die Philosophen unter den Mormonen wissen aber noch mehr. Sie kennen seinen Anfang, und zwar nennen sie diesen Urgrund alles Seins »das ewige Evangelium.« Die Art ihres Speculirens klingt hier bald an die Schelling'sche Identitätsphilosophie, bald an die Aeonenlehre der Gnostiker an. Vor dem Anfang aller Dinge, sagen sie, gab es zwei durch sich selbst existirende Principien: Verstand und Grundstoff, Intelligenz und Leiblichkeit. Das Zusammenwirken derselben war »das Gesetz«, durch welches die Urgötter entstanden. Wie der Obergott wurde, läßt der Prophet selbst dahingestellt. Er sagt darüber blos, daß er sich nicht selbst habe schaffen können. Seine Nachfolger drücken sich über diesen schwierigen Punkt dahin aus, daß in der fernen Ewigkeit »zwei Grundtheilchen der Materie ihre Intelligenz mit einander verglichen und dann ein drittes Atom zur Berathung riefen, worauf sie zu Einem Willen zusammengingen, der die erste Kraft war. Als solche vereinigten sie mehr und mehr Atome mit einander, und daraus erwuchs eine Fülle von Kraft, die alle andern Atome in ihr Gesetz zwang. Aus dieser Intelligenz (wir übersetzen die betreffende Stelle wörtlich) wurde nach dem Gesetze ein Gott erzeugt, nicht gemacht, und die übrigen Götter gingen aus ihm als Kinder hervor. Durch das Gesetz der allgemeinen Ordnung wurde die Geschlechtlichkeit als gleich ewig mit allem sittlichen Dasein und Leben gesetzt, und so entstanden nicht nur Könige des Himmels, sondern auch Königinnen. Letztere wurden, mit den ersteren vermählt, die Mütter anderer Götter und Geister, von denen jeder seine bestimmte Sphäre im Universum hat.« Ein solcher Gott ist nun auch der, den wir zunächst verehren. Die zweite Person der Gottheit ist der Sohn, Jesus Christus, geboren von der Jungfrau Maria. »Der ewige Vater stieg auf die Erde herab, freiete sie durch seinen Heroldsengel Gabriel, Bräutigam und Braut trafen sich auf den Gefilden von Palästina, und das heilige Kind, welches geboren wurde, war der Leibestempel (=tabernacle=) für den geistigen Sohn, und daraus wurde ein Gott.« Der heilige Geist ist »der einig gehende Wille von Vater und Sohn, welcher allgemeine Harmonie des Gedankens, Wissens und Seins durch ihr ganzes Reich wirkt. Er unterscheidet sich von Gott dem Vater und Gott dem Sohne dadurch, daß er nur eine geistige Existenz hat, nie leiblich geworden ist wie die anderen Götter.«
Wir könnten dieses Thema hiermit erledigt zu haben glauben, wenn das Weitere nicht in genauem Zusammenhange mit den übrigen Lehren der Secte stünde, und wenn diese Lehren nicht dadurch an Wichtigkeit gewännen, daß sich bereits Hunderttausende zu ihnen bekennen. So fahren wir denn in der peinlichen Aufgabe möglichster Sichtung dieses Wustes von Hirngespinnsten fort.
Wir haben gesehen, daß es mehrere Götter giebt, und daß jeder derselben vermählt ist und Kinder ebenfalls göttlicher Art besitzt. Wir haben ebenfalls gesehen, daß jedem Gotte eine bestimmte Sphäre im Universum angewiesen ist. Hat derselbe nun diese Sphäre, oder um deutlicher zu sprechen, diesen Weltkörper mit seinen Kindern in dem Grade bevölkert, daß sein himmlisches Erbtheil zu klein wird, um sie alle zu bewegen und zu nähren, so schafft er, um den Ueberschuß unterzubringen, einen neuen Stern, nach welchem die Geister der jungen Götter als Bewohner gesendet werden. Diese verehren dann ihren Vater als Gott, gerade sowie dieser mit seinen Brüdern im Universum seinen Vater als Gott ehrt, und so fort zurück bis zum Ur- und Hauptgotte, der im Centrum der Welt auf seinem Sterne Kolob thront. So ist der Gott, den wir zunächst verehren, der Vater unserer Geister.
Um diese Materie oder vielmehr, um die Art, wie die Mormonen über diese Materie phantasiren, deutlicher zu machen, müssen wir dem Leser zumuthen, dem folgenden Auszuge aus Orson Pratts Abhandlung über die Präexistenz des Menschen seine Aufmerksamkeit zu schenken. Es heißt da:
»Die Zahl der Söhne und Töchter Gottes, welche vor der Schöpfung dieser Erde im Himmel geboren wurden, ist uns nicht bekannt. Sie muß indeß außerordentlich groß gewesen sein, wenn wir die ungeheure Menge von Menschen betrachten, welche während der vergangenen sechs- oder siebentausend Jahre vom Himmel gekommen sind, um unsern Planeten zu bevölkern. Nehmen wir an, daß während eines Jahrhunderts etwa tausend Millionen Menschen auf Erden geboren werden und sterben, so würde das in sieben Jahrtausenden siebzigtausend Millionen geben. In der Urzeit gab es nun zwar bedeutend weniger Menschen, während des tausendjährigen Reiches aber werden unzweifelhaft weit mehr als gegenwärtig die Erde bewohnen. Siebzigtausend Millionen wäre demnach ungefähr die Zahl der Söhne und Töchter Gottes, welche im Himmel geboren und, weil sie sich in reinem Zustande erhielten, vom Vater würdig erfunden wurden, eine neue Welt zu bewohnen und dort, in fleischlichen Leibestempeln, in einen zweiten Zustand einzugehen. Man muß jedoch wissen, daß diese siebzigtausend Millionen nur zwei Drittel der großen gotterzeugten Geisterfamilie sind. Das letzte Drittel verblieb nicht im Stande der Unschuld, sondern lehnte sich auf und ward aus dem Familienkreise verstoßen. Sie blieben aber immerhin Gottes Kinder, und so beläuft sich die Gesammtmenge der letztern auf nicht weniger als hundertundfünftausend Millionen.
Die Zeit, welche zur Erziehung dieser Geister nöthig war, muß jedenfalls eine sehr lange gewesen sein. Einige der ältesten müssen Millionen von Jahren in ihrem Urzustande gewesen sein, ehe sie in das Erdenleben eingingen. Während dieser Periode haben sie unzweifelhaft Gelegenheit gefunden, über alle Gesetze des geistigen Daseins sich aufs Gründlichste zu unterrichten. Indem sie bei ihrem Vater wohnten und durch ihn in die Gemeinschaft der anderen Götter, seiner Brüder, eingeführt wurden, mußte es ihnen leicht werden, sich die gediegensten Kenntnisse anzueignen. Auf dieser Hochschule des Himmels lernten sie wahrscheinlich vor Allem, woraus Welten geschaffen, wie ihre Grundstoffe zusammengesetzt und wie sie regiert werden müßten. So viel sie aber auch Weisheit sammeln mochten, gab es doch etwas, worüber sie keine Belehrung empfangen konnten: sie konnten die Gefühle und Empfindungen sich nicht aneignen, welche Geister haben, wenn sie in Leibestempeln wohnen. Keine Sprache konnte ihnen davon auch nur die entfernteste Vorstellung geben. Es wäre gerade, wie wenn man von einem Menschen, der in einem dunklen Kerker geboren und erzogen worden, verlangen wollte, zu wissen, was das Sehen, was Licht, was Grün, Blau, Roth oder Gelb sei. Diese Empfindungen konnten die Geister nur durch Erfahrung kennen lernen. So können Geister in einigen Dingen den höchsten Grad des Wissens erreichen, während sie in andern vollkommen unwissend bleiben. Nun giebt es aber viele nur durch sinnliche Wahrnehmung und Erfahrung zu erreichende Wahrheiten, ohne deren Besitz ein intelligentes Wesen nicht vollkommen glücklich sein kann, und daher ist es nothwendig, daß jene Geister Fleisch und Gebein anziehen und ein Menschenleben führen. Diejenigen, welche sich in ihrem ersten Zustande gehorsam bewiesen haben, bekommen Erlaubniß dazu; die, welche die Gesetze ihres Urzustandes verletzt haben, müssen in der Unvollkommenheit bleiben.
Mit jener Rebellion im Himmel aber verhielt es sich folgendermaßen. Im Anfang der Zeiten hielten die Götter unter dem Vorsitze ihres Vaters einen Rath im Himmel. In demselben kam die Schöpfung der Erde zur Sprache, und da Gott den Sündenfall der Menschen voraussah, so fragte er im Kreise seiner Söhne unter denen sich die beiden ältesten Christus und Lucifer, der Sohn des Morgens, befanden, wie dieselben zu retten und zu erlösen sein würden. Lucifer antwortete: »Siehe, sende mich hinab, ich will als Dein Sohn erscheinen und alle Menschen erlösen, sodaß keine Seele verloren sein soll; darum gieb mir deine Ehre!« Christus aber, der Eingeborene und von Anfang Erwählte, erwiderte: »Vater, Dein Wille geschehe, und Dein sei die Herrlichkeit in Ewigkeit«[3]. Gott der Vater beauftragte darauf Christum mit dem Erlösungswerke, und dies verdroß den Sohn des Morgens so sehr, daß er in offener Empörung gegen den göttlichen Willen ausbrach. Dabei riß er ein Drittel der Söhne und Töchter Gottes mit sich fort. Die andern zwei Drittel aber kämpften unter der Anführung Michaels des Erzengels mit ihm und seinen Schaaren, und das Ende dieses Kriegs im Himmel war, daß Satan, wie Lucifer jetzt hieß, auf die inzwischen »von den Göttern« geschaffene Erde hinabgeworfen wurde.
[3] Nach einer andern Version versprach Lucifer den Menschen _in_ seinen Sünden zu erlösen, während Christus ihn _von_ seinen Sünden erlösen wollte.
»Unter den Zurückbleibenden waren viele, die während des Kampfes sich parteilos verhalten und vielleicht sogar zu Satans Partei hingeneigt hatten, deren Sünden jedoch von der Art waren, daß sie durch Glauben an das zukünftige Leiden des Eingeborenen des Vaters und durch aufrichtige Reue und Besserung Vergebung erlangen konnten. Wären alle Zurückgebliebenen gleich treu und tapfer gewesen, woher sollte denn der Unterschied zwischen den Menschen, in die sie später verwandelt wurden, kommen? Alle Geister sind, wenn sie auf Erden anlangen, um einen Leibestempel zu beziehen, unschuldig, das heißt, wenn sie im vorherigen Leben Sünde begangen haben, so haben sie dafür Buße gethan und im Glauben an das Leiden des Lamms Vergebung erlangt. Was also ihre Seelenreinheit anbetrifft, so betreten sie diese Welt völlig gleich. Aber sie betreten sie unter verschiedenen Umständen. Die eine Classe kommt in die Leiblichkeit, wenn das Priesterthum und Reich Gottes auf Erden herrscht, und hat deshalb Gelegenheit das Evangelium zu hören und anzunehmen; Andere gelangen in Zeitaltern der Finsterniß in die Welt und werden in allerlei irrthümlichen Meinungen erzogen. Einige Geister nehmen Leiber in Geschlechtern des auserwählten Samens an, durch den das Priesterthum fortgepflanzt wird; andere fahren in die Leiber afrikanischer Neger oder in das Geschlecht Kanaans, dessen Nachkommen der Fluch traf, nie unter die Priesterschaft aufgenommen werden zu können. Wie kommt dies? Woher diese Ungleichheit, bei welcher die Einen Lichter und Herrscher der Kirche werden und die Fülle der himmlischen Herrlichkeit erreichen, während die Andern in aller Art von Ruchlosigkeit und Aberglauben erzogen werden, nicht eher als im Gefängnisse nach dem Tode das Evangelium hören und es nach der Auferstehung nicht zu himmlischer, sondern nur zu irdischer Glorie bringen? Die Antwort ist, daß die verschiedenen Umstände, unter welchen die Geister diese Erde betreten, ein Ergebniß des verschiedenen Verhaltens derselben im Urzustande vor diesem Leben ist, ganz ebenso wie unser Zustand nach diesem Leben nach dem Verhalten auf Erden bemessen sein wird.«
Kehren wir aber in die Zeit vor und während der Schöpfung der Erde zurück, so war, nachdem Satan mit seinen Engeln besiegt und die Klage um ihr »Wehe, er ist gefallen, er ist gefallen, der Sohn des Morgens« verhallt war, das erste große Werk der Götter, die Geister auf die neue Erde in Leiber von Fleisch und Gebein zu pflanzen, wo sie eine zweite Reihe von Prüfungen durchmachen und sich durch erfolgreiche Bekämpfung des Bösen zu gleicher Herrlichkeit mit dem Vater emporschwingen konnten. Der erste Leibestempel wurde aus dem Staube des Erdbodens geschaffen, der erste Geist, der in einem Leibe wohnte, war derjenige, welcher die Heerschaaren der Kinder Gottes gegen Satan und die abgefallenen Geister angeführt hatte und von der Schrift »Michael, der Alte der Tage mit Haaren wie Wolle« genannt wird. Er hieß als Mensch Adam. »Drei Jahre vor dem Tode Adams,« sagt eine Offenbarung Smiths, »rief derselbe Seth, Enos, Kainan, Mahalaleel, Jared, Enoch und Methuselah zu sich, welche Hohepriester waren, um ihnen seinen letzten Segen zu ertheilen. Dies war im Thale Adam-On-Diahman. Und der Herr erschien ihm und nannte ihn Michael, den Fürsten, den Erzengel. Und der Herr sprach Adam Trost zu und sagte zu ihm: Ich habe Dich als das Haupt der Menschen gesetzt, eine große Zahl von Völkern soll aus Dir hervorgehen, und Du sollst ihr Fürst sein ewiglich.«
Die Uebersetzung der Bibel, die wir gebrauchen, ist nach Smiths Erklärung ungenau. Erstens wurden Pflanzen und Thiere in der Schöpfungsperiode der sechs Tage nicht geschaffen, sondern nur vorbereitet oder wie die Mormonen sich ausdrücken, »geistig geschaffen.« Zweitens ruhte Gott am siebenten Tage nicht, sondern schuf den Menschen leiblich, dann Eva und die Thiere. Drittens sind unter den Tagen nicht unsere vierundzwanzigstündigen, sondern Gottestage, die nach den Umdrehungen des Planeten Kolob gemessen waren und tausend Jahre umfaßten, zu verstehen. Als die Erde, die Thiere und Pflanzen und alle Dinge vollendet waren, nannte der Herr das Ganze »sehr gut.« Und so war es in der That. Das trockene Land war eine einzige ungeheure Insel inmitten eines einzigen ungeheuren Meeres. Es war eine schöne Ebene mit sanft anschwellenden Hügeln und lieblichen Thälern. Der Wechsel von Hitze und Kälte, Trockenheit und Nässe war regelmäßig und durchaus angenehm. Auf blumigen Auen schwebte ein süßer Duft und die ganze Schöpfung hauchte Gesundheit, Frieden und Freude. Der Mensch sprach Angesicht zu Angesicht mit Gott und kannte gleich allen Thieren den Tod nicht. Ein Fluidum strömte wie jetzt das Blut durch seine Adern, wodurch sein Leib vor dem Vergehen bewahrt wurde.