Die Mormonen, ihr Prophet, ihr Staat und ihr Glaube

Part 2

Chapter 23,378 wordsPublic domain

Als nun im Jahre 1830 das »Buch Mormon« oder wie es in der ersten Ausgabe heißt, »die goldene Bibel« im Druck erschien und von Gläubigen und Ungläubigen mit Begier gelesen wurde, erklärten Spaldings Witwe und sein Bruder, erstaunt und entrüstet zugleich, dasselbe sei in der Hauptsache nichts anderes, als die ihnen noch sehr wohl erinnerliche »Entdeckte Handschrift« ihres verstorbenen Gatten und Bruders. Die Namen der Personen und Orte, ja was noch mehr, die psychologischen Unwahrscheinlichkeiten und auffälligen Stylmängel waren fast durchgängig beibehalten, und der Bearbeiter hatte nur etwas mehr religiöses Material hinzugethan. Ihre Einsprache gegen den Betrug, auf welche Rigdon lediglich mit Schmähungen und Grobheiten antwortete, wurde durch das Zeugniß des einstigen Compagnons von Spalding, sowie durch einen großen Theil der Bewohner Conneaucts bekräftigt, und so scheint das Räthsel sich dahin aufzulösen, daß Lambdin, nachdem er mit seiner Druckerei Bankerott gemacht, die in seiner Verwahrung befindlichen Manuscripte in der Absicht durchsah, sich durch eine Speculation mit einem auffälligen Buche wieder emporzuhelfen, daß er zu diesem Zwecke kein besseres Mittel als die »Entdeckte Handschrift« wählen konnte, deren Verfasser ihm überdies kein Hinderniß mehr in den Weg zu legen vermochte, daß er dieses Werk an Rigdon übergab, um es nach seinem Ermessen zu feilen und zu ändern, und daß dieser den Roman in eine Bibel umprägte. Der Tod Lambdins machte Rigdon zum alleinigen Besitzer des Geheimnisses und seines möglichen Gewinns. Letzterer wurde sicherer, wenn das Buch in miraculöser Weise an den Tag gebracht wurde. Das damals sich verbreitende Gerücht, in Canada sei eine goldene Bibel ausgegraben worden, lenkte auf den Gedanken, auch die Urkunden Mormons auf Goldtafeln geschrieben sein und dem Schoose der Erde entsteigen zu lassen. Es war endlich ein Gehilfe zu suchen, der im Rufe eines Schatzgräbers stand, da, wenn man diesen den Fund thun ließ, der Verdacht nicht auf Rigdon fiel, und hierzu war Joseph Smith nach dem Vorigen der rechte Mann. Derselbe ging auf Rigdon's Antrag ohne Bedenken ein, und wenn er einige Zeit nach der ersten Besprechung mit dem Urheber des Plans nach Pennsylvanien zog, so geschah dies nicht wegen Gefährdung seines Lebens daheim, sondern deshalb, weil er am Susquehanna seinem Genossen näher war und sich dort ungestörter von ihm seine Rolle einüben lassen konnte.

Die weitere Entwickelung wirft aber noch mehr Licht auf das Verfahren, womit die beiden Schwindler ihr öffentliches Auftreten einleiteten. Weder Smith noch Rigdon war im Besitze der Mittel zur Veröffentlichung des Fundes durch den Druck. Ersterer wendete sich deshalb zuerst an den Quäker Crane, um ein Darlehen zur Förderung des Werkes Gottes, wurde aber mit spöttischen Worten abgewiesen. Er warf sodann seine Augen auf den Farmer Harris, einen leichtgläubigen Tropf, welcher bereits einem halben Dutzend Secten nach einander angehört hatte. Er trat ihm eines Tages in den Weg, verkündete ihm, daß der Herr ihm geboten, sich von ihm funfzig Dollars zum Beginn des Werks der Uebertragung seines Indianerevangeliums geben zu lassen, und empfing von dem durch Verheißung großen Lohnes bestochenen Harris wirklich die verlangte Summe. Noch kräftiger bearbeitet, streckte dieser nach und nach gegen dreitausend Dollars vor und gab sich sogar selbst zum Schreiber her, dem Smith seine Uebersetzung dictirte. Da er indeß der Feder nicht recht mächtig war, so wurde er durch Oliver Cowdery, einen Schulmeister, ersetzt, welcher die Arbeit bis zum Drucke vollendete. Smith legte dabei die Pseudo-Goldplatten in einen Hut, hielt sich die Prophetenbrille der Urim und Thummim vor die Augen und dictirte die Worte der Urkunde, die sich vermittels dieses Instruments aus neuägyptischen in englische verwandelten, dem Schreiber, von dem er durch einen Vorhang geschieden war, in die Feder. Ins Natürliche übertragen heißt das, er las das Manuscript Rigdons, das er in seinem Hute verborgen, ab, oder sagte, was er davon für den Tag auswendig gelernt hatte, aus dem Gedächtnisse her.

Anfänglich scheint weder Rigdon noch Smith an die Stiftung einer neuen Religion gedacht zu haben. Man hatte lediglich den Zweck im Auge, der angeblichen Entdeckung eines Buchs aus der Urzeit Amerika's dadurch, daß man sie als von Engelserscheinungen begleitet und von einem Nimbus aus der Höhe umflossen darstellte, die Gemüther der zahlreichen Wundergläubigen im Lande zuzuwenden. Kurz vor dem Erscheinen des Buchs Mormon im Druck aber müssen die Ansichten der Beiden über den Weg, den sie einzuschlagen, eine Aenderung erfahren haben, indem am 6. April 1830 zur Gründung einer »Kirche aus den Heiden« verschritten wurde.

Ehe wir jedoch diesem Treiben unsere Aufmerksamkeit zuwenden, sei ein Ueberblick des Inhalts der Mormonenbibel gestattet, die gegenwärtig in englischer, walisischer, französischer, italienischer, dänischer und deutscher Sprache zu haben, ja selbst in die der Sandwichsinsulaner übersetzt und in mehr als einer halben Million Exemplaren verbreitet ist.

Das Buch Mormons zerfällt in die Bücher Nephi 1 und 2, Jacob, Enos, Jarom, Omni, Mosiah, Alma, Helaman, Nephi des Jüngern, Mormon, Ether und Moroni, die zusammen so viel Stoff enthalten als das alte Testament ohne die Apokryphen. Der Inhalt aber ist in Kurzem folgender: Als der Herr, um den Bau des Babelthurms zu vereiteln, die Sprachen der dort zusammengeströmten Menschen verwirrte, erbarmte er sich der Jarediten ob ihres frommen Wandels und beließ sie im bisherigen Gebrauche ihrer Zunge. Von Gott dazu angeregt, verließen sie das Land Schinear und wanderten nach der Westküste des Oceans, von wo sie in acht Schiffen nach dem nördlichen Amerika fuhren. Hier wohnten sie anderthalb Jahrtausende, wurden zu einer zahlreichen und mächtigen Nation, versanken aber allmälig in Unglauben und Laster und wurden in Folge dessen um das Jahr 600 vor Christi Geburt von Gott so vollständig vertilgt, daß von ihnen nichts übrig blieb, als die Trümmer ihrer Städte und die von ihrem Propheten Ether auf Goldplatten verzeichnete Geschichte ihres Aufblühens und Untergangs.

Um die Zeit ihrer Ausrottung wurde eine jüdische Familie vom Stamme Josephs, der fromme Lehi mit seinem Weibe Sariah und seinen vier Söhnen, auf wunderbare Weise aus Jerusalem nach der Westküste Südamerika's geleitet, und elf Jahre später brach ein dritter Zug von israelitischen Auswanderern, worunter etliche vom Stamme Juda, gleichfalls nach dem großen Festlande jenseit des Stillen Oceans auf. Sie landeten in Nordamerika, begaben sich indeß später nach dem Süden, wo sie nach Verlauf von ungefähr vierhundert Jahren von dem einen Theile der Frühergekommenen entdeckt wurden und mit ihnen zu einem Volke verschmolzen.

Die Nachkommen Lehi's nämlich schieden sich einige Zeit nach ihrer Ankunft auf amerikanischem Boden in zwei Stämme, eine Spaltung, welche dadurch veranlaßt wurde, daß einige von ihnen die Uebrigen wegen ihrer Gottesfurcht anfeindeten und verfolgten. Diese Frommen, die sich nach dem sie führenden Propheten Nephiten nannten, wanderten nach Centralamerika und von dort nach dem Norden aus, während jene Gottlosen, nach ihrem Feldherrn Lamaniten geheißen, im Süden zurückblieben.

Die Lamaniten brachten durch ihres Herzens Härtigkeit und Bosheit viele und schwere Heimsuchungen auf sich herab. Namentlich verwandelte der Fluch Gottes ihre von Natur weiße Farbe in ein schmutziges Roth. Sie waren Leute von roher und blutgieriger Sinnesart und ihren Brüdern, den Nephiten so überaus aufsässig, daß sie dieselben mehrmals in zahllosen Horden mit Krieg überzogen, Angriffe, die jedoch allenthalben siegreich zurückgeschlagen wurden.

Die Nephiten waren in allen Stücken das Gegentheil dieses bösen Volkes. Sie hatten in ihrem Besitze eine Abschrift des Gesetzes Moses und der Propheten bis auf Jeremia, in dessen Tagen ihr Stammvater Jerusalem verlassen hatte, und diese Ueberlieferungen aus dem Lande ihrer Vorfahren, die auf Erztäfelchen gegraben waren, erhielten eine Fortsetzung in anderen Tafeln, welche von den Weisen und Sehern der Nation mit den Thaten ihrer Könige und Helden, sowie mit den Gesichten, Wundern und Offenbarungen, deren Gott das fromme Volk würdigte, gefüllt wurden. Und der Herr segnete sie mit Gedeihen, und sie wuchsen und breiteten sich aus nach Osten, Westen und Norden, bedeckten die Thäler und Ebenen mit Städten und Dörfern, Tempeln und Burgen, erbauten alle Gattungen Getreide in Ueberfluß und zogen zahlreiche Arten von Hausthieren. Sie kannten zugleich die Gewinnung und den Gebrauch von Gold, Silber, Kupfer und Eisen. Künste und Wissenschaften blühten unter ihnen, ja selbst einige Zweige der Maschinenbaukunde waren ihnen bekannt. Die geistigen Interessen wurden durch Propheten besorgt, die in die fernste Zukunft schauten und nicht blos die Erscheinung des Messias im Fleische, sondern sogar seine Wiederkunft und die Errichtung seines tausendjährigen Reiches weissagten. Dessenungeachtet wichen auch die Nephiten endlich von den Wegen des Herrn, verfielen in Sünden und Laster und tödteten die Propheten, die sie davon abmahnten. Da ergrimmte der große Jehova über sie und suchte sie mit schweren Strafen heim. Finsterniß sank auf die Erde herab, ein grauenvolles Erdbeben wüthete von einem Meeresstrande zum andern, Berge sanken zu Thälern ein, Thäler schwollen zu Bergen, Seen flutheten an der Stelle verschlungener Ortschaften, und der größte Theil der Nephiten und Lamaniten wurde vernichtet. Die aber, welche diese furchtbare Katastrophe überlebten, wurden mit einer persönlichen Erscheinung Christi, der kurz vorher in Jerusalem gestorben, auferstanden und gen Himmel gefahren war, begnadigt. Er zeigte ihnen Seitenwunde und Nägelmaale, predigte ihnen das Evangelium, setzte die Sacramente ein, heilte Lahme und Blinde, erweckte einen Todten und machte dem frommen Volke alle Dinge bis ans Ende der Tage bekannt. Ein Theil seiner Reden und Thaten ist im Buche Mormons zu lesen; der größere und wichtigere Theil derselben aber wartet vorläufig noch der Uebertragung aus dem neuägyptischen Originale.

Nachdem der Erlöser sein Werk in Amerika vollendet, stieg er wieder (wer denkt bei diesem Auf und Ab nicht an die Papierdrachen, welche unsere Knaben steigen und sinken lassen, wie und wenn sie wollen?) in den Himmel. Die zwölf Jünger aber, die er gewählt, zogen durch das Land, predigten allenthalben die frohe Botschaft, thaten Wunder und bekehrten nicht blos alle bis dahin dem Gesetze Mosis unterthanen Nephiten, sondern auch viele Lamaniten. Der dadurch hervorgerufene gottselige Zustand des amerikanischen Volkes erhielt sich länger als dreihundert Jahre in seiner Reinheit. Allmälig jedoch rissen wieder Unglauben und Ungerechtigkeit ein, und gegen das Ende des vierten Jahrhunderts der christlichen Aera hatte die Ruchlosigkeit einen solchen Grad erreicht, daß die Langmuth des Herrn sich in strafenden Zorn verwandelte. Ein schrecklicher Krieg brach zwischen den Lamaniten im Süden und den jetzt nur noch in Nordamerika wohnenden Nephiten aus, und dessen Ausgang war die beinahe gänzliche Ausrottung der letzteren auf dem Berge Cumorah, wo sich der Rest der Nation in einem meilenlangen Lager verschanzt hatte.

Unter den Ueberlebenden waren der Prophet Mormon und sein Sohn Moroni, von denen der Erstgenannte einen Auszug aus den Ueberlieferungen seiner Vorväter gemacht hatte, den er vor seinem Tode dem Sohne zur Vollendung übergab, während jene Traditionen von ihm auf Gottes Geheiß im Berge Cumorah verborgen wurden. Moroni führte die Chronik seines Vaters noch einige Jahre fort, und wir erfahren von ihm, daß die unversöhnlichen Lamaniten die wenigen von den Kindern Nephi, welche jener Vertilgungsschlacht entronnen waren, so lange verfolgten, bis das ganze Geschlecht, ihn ausgenommen, vernichtet war. Er berichtet fernerhin, daß nach dem Untergange ihrer Gegner die Lamaniten unter sich selbst in Streit geriethen, und daß ganz Amerika lange Zeit nichts als ein großer Schauplatz von Gewalt, Raub und Blutvergießen war. Er schließt endlich seine Geschichte im Jahre 424 nach Christi Geburt, um die Platten, auf die sie geschrieben, ebenfalls in den heiligen Berg zu vergraben.

Drittes Kapitel.

Die Mormonen in Missouri und Ohio. -- Zion im Westen. -- Verfolgungen in Missouri und Triumphe in Illinois. -- Die Wunderstadt Nauvoo und ihr Tempel. -- Die Ermordung des Propheten und der Auszug aus Aegypten.

Wir kehren nun zu der Geschichte Smiths und der von ihm am 6. April 1830 gegründeten neuen »Kirche« zurück. Dieselbe bestand anfänglich nur aus dem Propheten selbst, seiner Frau, der Familie seines Vaters und seinen Freunden Martin Harris und Oliver Cowdery. Nach dem Sprichworte, daß ein Prophet in seinem Vaterlande nichts gilt, fanden sich in Manchester nur Wenige, die der Predigt von dem erdentstiegenen Pseudoevangelium ein geneigtes Ohr leihen mochten. Dagegen wurden in den Grafschaften Fayette und Colesville Zweiggemeinden zu Stande gebracht. Trotzdem würde schwerlich etwas Bedeutendes erreicht worden sein, wenn die Helfershelfer Smiths nicht auswärts wichtigere Erfolge vorbereitet hätten.

Im August 1830 reiste (die Mormonen sagen: zufällig) ein Campbelliten-Prediger aus Lorrain-County in Ohio auf dem Canale durch Palmyra, hörte hier von der neuen Religion, besuchte den Propheten, las das Buch Mormons und wurde zum Glauben an seine Echtheit bekehrt. Dies war Parley Peter Pratt, später einer der beredtesten und feurigsten Vertheidiger und einer der fruchtbarsten Hymnendichter des Mormonenthums, jetzt Präsident seiner zahlreichen Gemeinden auf den Inseln des Stillen Oceans. Bei seiner Rückkehr nach Ohio, wohin ihn Cowdery begleitete, übergab er die »Goldne Bibel« dem in der Nachbarschaft lehrenden Rigdon, der dadurch zu einer Reise nach Manchester bewogen wurde, wo er sich nach einigem Sträuben gleichfalls bekehren ließ und sofort zum Aeltesten, Oberpriester und Schriftführer ernannt wurde. Heimgekehrt rief er unverzüglich seine Gemeinde zusammen, trug ihr in einer zweistündigen Rede voll glühender Begeisterung seine Erfahrungen im Staate Neuyork vor, ermahnte, flehte, weinte Zähren des Kummers und der Wonne, fiel einige Male in Ohnmacht, sah den Himmel offen und bewirkte durch diese und ähnliche Mittel, daß der größte Theil der Versammelten sich von ihm und Cowdery taufen ließ.

Um diese Vorgänge begreiflich zu finden, muß man wissen, daß Pratt ein alter Bekannter Rigdons war, und sich erinnern, daß Letzterer schon seit drei Jahren die buchstäbliche Deutung der biblischen Weissagungen, die bevorstehende Sammlung des Hauses Israel zum Empfange des wiederkommenden Messias, die Aufrichtung des tausendjährigen Reiches und die Nothwendigkeit wunderbarer Gnadengaben in einer Kirche, welche sich die rechte nenne, gelehrt hatte. Man wird dann auch die zufällige Reise Pratts zu Smith für eine verabredete, und das Sträuben Rigdons für ein blos scheinbares halten dürfen. Vor allen Dingen aber erklärt sich daraus die Fülle eigenthümlicher Dogmen, welche nun in der Form unmittelbarer göttlicher Eingebungen im Kreise der Jünger Smiths auftauchten, ein Conglomerat von Tollheiten, das später in dem zweiten großen Religionsbuche der Secte, dem »Book of Doctrine and Covenants« dem ersten an die Seite trat.

Die Zusammenkunft Rigdons und Smiths hatte im October 1830 stattgefunden. Im Januar des nächsten Jahres empfing der Letztere eine Offenbarung, in welcher den Gemeinden im Osten geboten wurde, nach der Stelle auszuwandern, welche, wie Rigdon schon längst erklärt hatte, »sich an der Markscheide des Erbes der Heiligen befand,« ein Erbtheil, welches sich von dort bis an das Stille Meer erstrecken sollte. Der Prophet und die Seinen zogen in Folge dessen nach dem Städtchen Kirtland in Nordohio, wo Pratt, Rigdon und Cowdery bereits eine Gemeinde von einigen hundert Seelen beisammen hatten. Hier entwickelte sich ein Schauspiel der seltsamsten Art, und eine Masse Neugieriger strömte von allen Gegenden herbei, um Zeuge dieser Vorgänge zu sein. Der Wahnsinn der methodistischen Lagerversammlungen tobte hier in gesteigertem Grade. Verzückungen waren an der Tagesordnung. Männer und Frauen fielen bei den öffentlichen Versammlungen zu Boden, stöhnten, kreischten, wälzten sich zuckend und zappelnd umher, wiesen gen Himmel, wo eine Wolke heiliger Zeugen schwebte, sprachen in Zungen, namentlich in denen der Indianer, zu deren Bekehrung sie aufbrechen zu müssen erklärten, fuhren wie besessen zu den Thüren hinaus und wieder herein, fielen in Ohnmacht, sprangen wieder auf, stellten sich predigend und singend auf Zäune und Baumstümpfe und verkündeten den Anbruch des jüngsten Tages. Einige hoben Steine auf und lasen auf ihnen sonderbar klingende Inschriften, wo Andere bloßes Moos erblickten. Einigen fielen plötzlich Pergamentrollen vom Himmel auf den Kopf, welche mit dem Siegel Christi gesiegelt waren, und welche sie nicht so bald abgeschrieben hatten, als sie wieder verschwanden. Die rasendste Aufregung herrschte in ihren Zusammenkünften, jedes einzelne Mitglied der Secte war durch diese »Ausgießung des heiligen Geistes« zum Schauer und Offenbarer geworden.

Diese Allgemeinheit des Prophetenthums konnte als Zeugniß für die Echtheit der neuen Religion gelten. Ihre Dauer jedoch war begreiflicher Weise nicht nach Smiths Geschmack, der so nur =primus inter pares= gewesen wäre. Er mußte den Brand, den er entzündet, mäßigen, dem Eifer der Brüder und Schwestern Schranken setzen, und so predigte er eines Tages, wie er eine Offenbarung empfangen habe, in welcher Gott die Heiligen warne, sich der Gewalt, die über sie gekommen, zu arglos hinzugeben, indem der Satan dabei die Hände im Spiele habe und die Gaben des heiligen Geistes zu seinen Zwecken verkehre. Verschiedene andere Offenbarungen folgten, von denen die eine die Gläubigen anwies, den »Seher« mit allem Nöthigen zu versorgen, da er nicht mehr für seinen Unterhalt weltliche Arbeit thun solle, die andere einige aufsässige oder lässige Gemeindeglieder tadelte, eine dritte endlich die Gabe des Schauens und Weissagens auf »=Mr. Joseph Smith junior=« beschränkte. Er allein sollte fürderhin das Vorrecht haben, mit Engeln zu verkehren, und ihm sollten Alle als dem Dolmetsch der Befehle Jehova's gehorchen.

Dies geschah. Um sich aber für die Zukunft sicher zu stellen, und einestheils dem Eifer der Schwärmer einen Abzugscanal zu schaffen, anderntheils die einflußreichsten und ehrgeizigsten Mitglieder der Secte auf eine Weile von sich zu entfernen, entwarf der schlaue Prophet einen andern Plan. Im Juni 1831 hatte er eine weitere Offenbarung, in welcher Gott die Aeltesten der Kirche anwies, paarweise nach Westen zu wandern, auf dem Wege zu predigen und zu einer bestimmten Zeit am Ufer des Missouri zusammenzutreffen, wo Cowdery vorher das Land nach einer passenden Stelle zur Gründung der zukünftigen Hauptstadt des Reiches Gottes auf Erden ausgekundschaftet hatte.

Diese Stelle war in der Nähe des in der Grafschaft Jackson in Westmissouri gelegenen Städtchens Independence. Sie war mit großer Umsicht gewählt, und nicht völlig unglaubwürdig klang es, wenn der Prophet verkündete, daß hier einst der Garten Eden und Adams Altar gestanden. Bei Weitem herrlicher aber war die Aussicht, welche Smiths Prophetengeist in die Zukunft dieses Neuen Jerusalems der Heiligen eröffnete. Hier sollten sich einst alle Gläubigen anbauen, hier alle Könige der Erde ihren Tribut entrichten, hier eine ungeheure Stadt sich erheben, deren Straßen mit Gold und Edelsteinen gepflastert sein sollten -- und was dergleichen Ueberschwänglichkeiten mehr sind. Manche dieser Weissagungen würden sich, wie die Folge zeigen kann, wenigstens annähernd erfüllt haben, wenn die Führer der Secte sich nicht in den bereits hier wohnenden Hinterwäldlern verrechnet hätten und nicht gleich Anfangs mit unmäßigen Ansprüchen aufgetreten wären.

Die Sendboten Smiths zogen, dreihundert an der Zahl, seinem Befehle gehorsam nach Missouri. Das neue Zion wurde zu bauen begonnen, der Grundstein zum Tempel gelegt, und bald hatten sich von Denen, die unterwegs bekehrt worden waren, gegen zwölfhundert als Ansiedler in Jackson County niedergelassen. Smith und Rigdon, die bei der Grundsteinlegung zugegen gewesen waren, begaben sich bald nachher nach Kirtland zurück, welches sie in Shinear umgetauft hatten. Hier verbrachte der Prophet die Zeit bis zu Ende des Januar 1832 theils mit Predigen und der Anfertigung neuer Offenbarungen, die Rigdon stylisirte und Smiths Frau, Emma, »die auserwählte Dame« niederschrieb, theils mit Arbeiten in seinem Kramladen und seiner Mühle, theils mit der Leitung des Baus eines Tempels, der vierzigtausend Dollars kostete und noch heute steht. Die Secte wuchs noch immer, hatte jedoch schon jetzt mehrere Abtrünnige, die sich dann gewöhnlich in erbitterte Verfolger verwandelten. Von einer Rotte derartiger Bursche, die von dem Campbelliten-Prediger Rider angeführt war, wurden Smith und Rigdon, als sie in dem Dörfchen Hiram sich aufhielten, in der Nacht vom 25. bis 26. Januar überfallen, aus den Betten gerissen und so grausam getheert und gefedert, daß es Joseph gerathen fand, sich auf einige Monate zu den Brüdern in Missouri zu flüchten. Hier wurde er anfänglich mit allen Ehren empfangen, später jedoch monarchischer Gelüste bezüchtigt, eine Anklage, welcher er, als sie zu einer Spaltung zu führen drohte, unter dem 18. März 1833 von Kirtland aus mit einer Offenbarung entgegentrat, in der ihm Jehova gebot, »seinen Knecht Rigdon« und einen gewissen Williams durch Handauflegung zu »gleicher Macht und Würde mit ihm im Amte der Schlüssel zu Gottes letztem Königreiche« zu erheben. Diese Nachgiebigkeit stellte die Ruhe wieder her, und beide Niederlassungen fuhren fort zu blühen.

Um die Mitte des Jahres 1833 waren die Mormonen in Missouri durch Zuwanderungen aus dem Osten auf mehr als dreitausend Seelen angewachsen. Sie hatten mehrere Fabriken und Mühlen errichtet und besaßen in Independence ein gemeinschaftliches Magazin, »der Speicher des Herrn« genannt, sowie eine Zeitung, den »Evening and Morning Star.« An ihrer Spitze standen der Bischof Partridge und Elder Phelps, der Redacteur des ebengenannten Blattes. Es schien, als müßte Zion gedeihen, als sich plötzlich unter den Bewohnern von Jackson-County Demonstrationen feindseliger Natur vorzubereiten begannen. Das Volk hielt mehrere Versammlungen, in denen die Mormonen verschiedener Verbrechen angeklagt wurden, und in deren letzter man den Beschluß faßte, hinfort keinem Mitgliede der Secte die Niederlassung in der Grafschaft zu gestatten, von den darin bereits Angesessenen den Abzug binnen bestimmter Frist zu fordern, die unverzügliche Schließung der Arbeit in ihrem Magazine und ihren Fabriken zu bewirken und der Herausgabe der Zeitung ein Ende zu machen.