Die Mormonen, ihr Prophet, ihr Staat und ihr Glaube

Part 11

Chapter 113,508 wordsPublic domain

Ein Beispiel summarischen Verfahrens erlebten wir am Bärenflusse. Ein aus Monsieur Cabets Gemeinde in Nauvoo ausgewanderter Socialist hatte den Winter in der Salzseestadt zugebracht, und war im Frühjahr weiter nach Californien aufgebrochen. Er hatte eine Frau mit einem ungefähr zwei Jahre alten Kinde bei sich, die ihn gebeten hatte, sie mit nach dem Goldlande zu nehmen, indem sie ihm vorgestellt, wie der geistliche Würdenträger, mit dem sie »versiegelt« worden, ihr drei Jahre lang weder einen Besuch gemacht, noch etwas zu ihrem Unterhalte beigetragen habe; daß ferner ein junger Mann, dem sie sich verlobt, jetzt in Californien sei, und daß sie sich, wenn sie zu ihm gelangen könnte, nach den Gesetzen des Landes heirathen wollten. Das Herz des Socialisten war dadurch gerührt worden und er hatte ihr freundlich die Mittel zur Reise angeboten. So hatten sie etwa hundert Meilen zurückgelegt, als eine Schaar von Häschern aus Neujerusalem sie einholte und an sie die Forderung stellte, die junge Frau solle zu ihrem gesetzlichen oder angesiegelten Gemahl zurückkehren. Der Socialist fragte uns um Rath, was zu thun sei; aber die Uebermacht verbot jede Weigerung, und so mußte die Dame mit Widerstreben ihre Schritte zurücklenken.

Mehrmals wurden uns ähnliche Fälle bekannt, und so müssen wir den Schluß ziehen, daß die Regelung des neuen »Pluralitätsgesetzes« noch nicht vollendet ist, und daß die Tugenden, die man ihm zuschreibt, noch nicht in voller Blüthe stehen. Wir können indeß hinzusetzen, daß die Gemeinde durchaus den Anschein guter Sitten hat, so daß in den Vereinigten Staaten eine gleiche Anzahl Menschen schwerlich das Decorum besser bewahrt.«

Wir haben aber den Vorkämpfer der Vielweiberei in Deseret, den streitfertigen Pratt noch bei Weitem nicht alle Wendungen und Finten machen sehen, mit denen er, fortwährend die Bibel als Schild vorhaltend, die Angriffe auf seinen Glauben zu pariren und zu entkräften bestrebt ist. Wir müssen darum noch auf einen Augenblick zu ihm zurückkehren. Er stellt nach jener Idylle zur Vervollständigung des Bildes zunächst in Abrede, daß man unter den Mormonen wisse, was Eifersucht sei, und hält dann die patriarchalische Unschuld und Reinheit derselben mit der furchtbaren Sittenverderbniß in den großen Städten Amerikas zusammen, wobei er findet, daß die »heidnischen Nationen«, wenn sie glauben, daß den Heiligen mit der »=celestial marriage=« ein Splitter in's Auge gerathen sei, besser thun würden, an den Balken zu denken, der durch einen Blick auf die Hunderte von liederlichen Häusern in Neuyork und auf die neunzigtausend Prostituirten in London sehr deutlich in ihrem Auge sichtbar würde. Dann kommt er auf die Bedeutung der Heirath als einen Bund für alle Ewigkeit zurück, und weist mit einer geschickten Verdrehung des Spruchs, nach welchem die Auferstandenen weder freien, noch sich freien lassen, nach, daß diejenigen, welche sich nicht auf Erden auf die rechte Weise, d. h. durch den allein damit beauftragten Seher der Mormonen für den Himmel versiegeln lassen, im Jenseits selbst dann allein und einsam, ohne die geliebte Gefährtin leben werden, wenn sie durch ein frommes Leben sich einen gewissen Grad von Seligkeit verdienen. Alle Heirathen sind, wofern sie nicht von einer inspirirten Person eingesegnet sind, vor Gott ungiltig, alle aus solchen Ehen hervorgegangenen Kinder Bastarde, gleichviel ob die bürgerlichen Gesetze sie so ansehen oder nicht.

Wahrhaft classisch ist es, wie Pratt daraus, daß Jemand die Vermählung der Gatten für die Ewigkeit zugiebt, die Folgerung zieht, er müsse dann auch die Vielweiberei gestatten. Er sagt: »Gesetzt den Fall, Herr A. heirathet Fräulein B. für Zeit und Ewigkeit. Nun stirbt im Laufe der Zeit seine Frau, geborne B., indem sie verschiedene Kinder hinterläßt. Der Witwer A. heirathet nun ein Fräulein C. Frage: Wie will seine Braut C. einen Mann für alle Ewigkeit bekommen? Es liegt auf der Hand, daß sie in Zukunft entweder allein existiren oder mit Herrn A. sowohl für die Ewigkeit als für die Zeit verheirathet werden muß. Entschiede sie sich für das Letztere, so würde Herr A. am Morgen der Auferstehung zwei Weiber haben. Nun kann es aber geschehen, daß Herr A. so unglücklich ist, auch seine zweite Frau, geborne C., durch den Tod zu verlieren, und daß Verhältnisse ihn nöthigen, eine dritte Heirath mit Fräulein D. einzugehen. Er würde dann nicht weniger als drei Frauen haben. Möglich aber auch, daß Herr A. vor seiner Frau, geborne B. stirbt, und daß seine Witwe einen jungen Mann Namens C. blos für dieses Leben heirathet, da sie mit ihrem verstorbenen Gatten A. für alle Ewigkeit verbunden ist. Frage: Wenn Herr A. seine Frau nach der Auferstehung beansprucht, wie wird Herr C. dann zu einer Frau gelangen? Antwort: Er muß sich entweder ohne eine solche behelfen, oder schon in diesem Leben sich mit einer andern, die keine Verpflichtung für die Ewigkeit hat, verheirathen. In diesem Falle aber würde er schon während dieses Lebens zwei Frauen haben müssen.«

In der That, bei dieser Art Sophistik wird dem Leser zu Muthe, als ob in den Mormonen nicht blos die Zeiten der Erzväter, sondern auch die Tage wiedergekommen wären, wo man in Paris die tiefsinnigen Fragen zur Entscheidung zu bringen bemüht war, ob Christus die Welt auch in Gestalt eines Kürbis hätte erlösen können? Wie dann der Kürbis gepredigt haben müßte? Wie er am Kreuze ausgesehen haben und wie er gen Himmel gefahren sein würde.

Hören wir indeß unsern mormonischen Scholastiker weiter.

»Es ist häufig der Fall, daß weiblichen Wesen niemals ein Heirathsantrag von jungen Männern gemacht wird, denen sie so viel Vertrauen erweisen, daß sie sich mit ihnen für alle Ewigkeit verbinden möchten. Frage: Müssen diese Mädchen in der Ewigkeit ohne Gatten bleiben? Würde es nicht weit besser für jede einzelne von ihnen sein, wenn sie mit einem frommen, obgleich schon verheiratheten Manne wie Abraham vermählt wäre, als wenn sie für die ganze Ewigkeit vereinsamt bliebe? Würde es nicht eine bei Weitem größere Seligkeit für sie in sich schließen, die zweite, dritte oder vierte Frau, und dadurch in der Lage zu sein, eine endlose Nachkommenschaft zu gewinnen und sich mit ihrem Gatten aller der Herrlichkeit und Glorie seiner wachsenden himmlischen Königreiche zu erfreuen, als alle Ewigkeit hindurch in Gestalt eines bloßen Engels oder einer bloßen Magd, ohne Nachkommenschaft verharren zu müssen?

Und wiederum giebt es viele Witwen, deren Männer in Unglauben sterben. Diese Witwen können möglicherweise keinen Antrag auf Heirath von einzeln lebenden Männern erhalten. Soll für sie nicht Fürsorge getroffen werden? Und welches tugendhafte Weib würde es nicht vorziehen, die sechste oder siebente Frau eines Gläubigen zu werden, als in der zukünftigen Welt in alle Ewigkeit ohne die Segnungen der Ehe zu leben?

Und weiter: wenn (in diesen letzten Tagen vor dem Beginne des tausendjährigen Reichs) Volk gegen Volk und Reich gegen Reich sich erhebt und das Schwert vertilgend von einem Ende der Erde zum andern daherfährt, so werden viele Millionen von Vätern und Brüdern auf der Wahlstatt fallen, während die Mütter, Schwestern und Töchter zurückbleiben werden, um ihren Verlust zu betrauern. Was wird aus diesen Frauen werden? Antwort: Das Evangelium wird ihnen gepredigt werden und sie werden aus allen Völkern fliehen und zu den Heiligen Zions versammelt werden. Dann wird die Zahl der Frauen bei Weitem größer sein als die der Männer. Aber wie werden dann alle mit Männern für die Ewigkeit zu versorgen sein? Wir wollen diese Frage mit den Worten Jesaias beantworten. In jenen Tagen werden sieben Weiber einen Mann ergreifen und sagen: Wir wollen unser eigen Brot essen und uns von unserm Eignen kleiden, nur laß uns deinen Namen tragen, auf daß unsere Schande hinweg genommen werde. So sehen wir denn, daß die Schande, keinen Mann zu haben, größer sein wird, als die Schande von sieben Weibern, die zusammen einen Mann haben. Ja das letztere wird überhaupt kein Vorwurf, vielmehr ein Mittel sein, einem Vorwurfe zu entgehen. Als göttliche Einrichtung wird es mit Begier gesucht werden, gesucht sogar auf die Gefahr hin, daß die Frauen selbst für ihre Nahrung und Kleidung sorgen müssen.

Wie aber Ehelosigkeit für jedes weibliche Wesen eine Schande ist, so gereicht es auch einer Frau zum Vorwurfe, kinderlos zu sein. Auf alle Fälle ist es ein Unglück, da auf diese Art der Zweck der Ehe, das Menschengeschlecht zu mehren, nicht erreicht wird. Unfruchtbare Frauen aber können ihrer Unvollkommenheit abhelfen, wenn sie dem Beispiele der ebenfalls verschlossenen Leah folgen, welche Jakob ihre Magd Zilpah zum Weibe gab, worauf der Herr ihr Gebet erhörte und ihr einen Sohn schenkte. Ganz so wird der Herr auch noch heute thun den Frauen, die seinem Gesetze gehorchen.«

Wir übergehen die Beweise, die für diese Wahrheit aus der Bibel beigebracht werden, ebenso die Ausführung des Satzes, daß es Weibern nicht erlaubt ist, ihrerseits mehrere Männer zu haben, ebenso einige andere Behauptungen, die nur für den überaus gründlichen Pratt von Wichtigkeit sind, und kommen wieder auf den Text zurück, wo unser Dogmatiker nach weitläufiger Untersuchung der Leviratsehe, aus der ihm unwiderlegliche, aber bekanntlich unnöthige Beweise für das häufige Vorkommen der Vielweiberei unter den Juden hervorgehen, seinen Scharfsinn an der nicht weniger überflüssigen Frage übt, ob die ersten Christen nicht ebenfalls Polygamisten gewesen wären. Er zeigt, daß dem so gewesen, an einer Fülle von Sprüchen aus den Briefen Pauli, namentlich an dem, wo der Apostel dem Timotheus schreibt, ein Bischof müsse _eines_ Weibes Mann sein. Wo dies nur von Bischöfen gefordert wurde, raisonnirt Pratt, war es den Laien und niederen Kirchendienern gestattet, mehrere Frauen zu haben. Den Bischöfen aber war es damals nur untersagt, weil die Zeitumstände nicht günstig dazu waren, und weil die Vorsteher der Kirche möglichst befreit sein mußten von der Sorge für eine starke Familie; durchaus nicht deshalb, weil es Sünde gewesen wäre, in Vielweiberei zu leben.

»Aber warum ist der Gebrauch, mehrere Frauen zu nehmen, von der christlichen Kirche nicht beibehalten worden?« fragt Pratt. »Wir antworten, es giebt kaum einen einzigen Zug des Urchristenthums, der die dunkle Zeit der Verderbniß überdauert und sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Wo sind jetzt die vom heiligen Geiste erfüllten Apostel der alten Christenheit? Wo ist die Fülle von Propheten hin, die einst so zahlreich in der christlichen Kirche aufstanden? Wo sind die Visionen, Offenbarungen, Weissagungen, die Erscheinungen dienender Engel, die Heilungen, die Wunder und die göttliche Gewalt hin, die ehemals die Kirche Christi auf Erden so verherrlichten? Ja, wo ist diese Kirche Christi selbst hin gerathen? Sie ist seit Jahrhunderten schon nirgends mehr auf der Erde zu finden. Und wenn alle die großen und glorreichen Grundzüge der christlichen Religion abhanden gekommen sind, wenn die Kirche selbst nicht bis auf unsere Tage fortgepflanzt worden, sondern in eine Menge von Secten zerfahren ist, von denen keine mehr Berechtigung zur Existenz hat, als die götzendienerischen Hindus, wie wäre da zu erwarten, daß das Gesetz der Vielweiberei, das in jener Urkirche galt, sich erhalten haben sollte. Kein Wunder, daß, wenn die wichtigsten Aemter, Gnadengaben und Segnungen des Evangeliums verschwunden sind, auch die Gebräuche der alten Christen untergingen!

Dieser Abfall vom echten Christenthume begann schon bei Lebzeiten der Apostel und äußerte sich unter Anderm in dem Verbote des Heirathens, einer der wirksamsten Lehren, welche der Teufel erfinden konnte, um die Grundlagen der Gesellschaft zu entwurzeln, das Volk Gottes ihres verheißenen Erbtheils an Kindern zu berauben, die Absichten des Allmächtigen auf Bevölkerung der Erde mit ihrem vollen Maße von Bewohnern zu hindern und die Menschheit in dieselbe traurige Lage wie die gefallenen Engel selbst zu bringen, welche nicht die Macht haben, ihre Herrschaft durch Vermehrung ihrer Art zu vergrößern. Dieser arglistige Versucher und seine Engel wissen sehr wohl, was sie durch ihren einstigen Ungehorsam verscherzt haben, und könnten sie die Menschen, die sie im Besitze des Verlorenen sehen, zum Verbote des Heirathens verführen, so würde es ihnen zu großer Genugthuung gereichen; denn wir würden dann, weiblos und kinderlos wie sie, und der Mittel beraubt werden, uns Königreiche im Himmel zu gründen. So versuchten sie alles Mögliche, die Menschheit zur Abschaffung der Ehe zu bereden, und es gelang ihnen nur zu wohl, wenn auch nicht vollständig. Da sie nicht die ganze Kirche zur Aufgebung des Heirathens gewinnen konnten, so wendeten sie sich an die abgefallene Priesterschaft und bestrebten sich, sie zur Ehelosigkeit zu nöthigen. Dies gelang, und ein Gesetz wurde erlassen, welches allen Priestern das Cölibat zur Pflicht machte. Desgleichen wurden Nonnenklöster erbaut, in denen weibliche Wesen für ihre ganze Lebenszeit eingeschlossen und dadurch verhindert wurden, das große und älteste Gebot der Mehrung ihres Geschlechts zu befolgen. Der nächste Schritt, den der Teufel that, war die Vereinigung dieser abgefallenen Kirche und Priesterschaft mit der weltlichen Gewalt. Auch dies brachte er bald zu Stande, und er sah sich jetzt mit doppelten Kräften bewaffnet. Was er früher mit den geistlichen Gerichtshöfen nicht völlig durchsetzen konnte, das erreichte er nunmehr mit dem Arme der bürgerlichen Obrigkeit. Hatte er zuerst den Priestern und Nonnen das Recht, sich zu vermählen genommen, so entriß er jetzt allen Mitgliedern der Kirche das Privilegium, mehr als eine Frau zu besitzen, und zerstörte dadurch eine göttliche Einrichtung, die in allen vorhergehenden Weltaltern unter heiligen Patriarchen, Propheten und Gottesmännern so erfolgreich gewesen war, das Volk Gottes zu mehren und zahlreich zu machen wie der Sand am Meere. Hätte er die Ehe ganz ausrotten können, so würde seine Rachgier volle Sättigung gefunden haben; denn (hier nähert sich die Naivität des guten Orson Pratt dem Gipfel der Komik) er entsann sich gar wohl, wie viel Schaden Abraham, Jakob, Moses, Gideon mit seinen zweiundsiebzig Söhnen, Elkanah, David und zahlreiche andere alte Polygamisten (unter denen man sich in dieser Beziehung wohl auch die zeugungskräftigen Götter des indischen Himmels, denen diese Theorie abgelauscht zu sein scheint, den Weiberfreund Zeus und den rüstigen Bewältiger der fünfzig Töchter des Thespios denken darf) ihm angerichtet hatten. Er entsann sich, wie Gott sich einen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs genannt und den Kindern ihrer zahlreichen Weiber seinen Segen verheißen und versprochen hatte, sie zu vermehren wie den Staub auf Erden. Er entsann sich endlich, wie Christo, dem größten Feinde, den der Teufel besaß, diese göttliche Einrichtung so wohlgefallen hatte, daß er durch das Weib, von dem er sich gebären ließ, als Glied in eine lange Reihenfolge jüdischer Polygamisten eintrat.[6] Der Teufel gedachte darum sein Müthchen an dieser heiligen Einrichtung zu kühlen und sie wo möglich ganz auszutilgen. Die Völker, die dem entarteten Christenthum anhingen, standen ihm in diesem boshaften Beginnen bei und erließen Verordnungen, welche die Vielweiberei in ihrer Mitte untersagten. So wurde das Gesetz Gottes, durch welches die zwölf Stämme Israels begründet wurden, und nach dem der Messias seine Erscheinung im Fleische bewerkstelligte, jenes Gesetz, welches den auserwählten Samen wie die Sterne am Himmel mehrte, und in welchem alle Nationen gesegnet werden sollten, jenes Gesetz, durch das dem kinderlos Verstorbenen sein Name durch endlose Geschlechter hindurch verewigt werden konnte -- so wurde dieses heilige, göttliche Gesetz durch menschliche Maßregeln und Satzungen umgestoßen und abgeschafft. Möge das entartete Christenthum erröthen über seine tempelschänderischen Thaten, möge es sich in die Seele hineinschämen über seine engherzigen bigotten Gesetze!«

[6] Nach anderen Mormonen, z. B. Orson Hyde, einem der zwölf Apostel, huldigte Jesus der »=divine institution=« sogar durch die That, indem er sich bei der Hochzeit von Kana mit nicht weniger als drei Frauen auf einmal, mit den beiden Schwestern des Lazarus, Martha und Maria, und der andern Maria vermählte.

Mit dieser Apostrophe möge unser Auszug aus Pratts wunderlicher Vertheidigungsschrift beschlossen sein, und wir haben nur noch einiges Thatsächliche aus anderen Quellen nachzutragen, um den Gegenstand, so weit es uns erforderlich scheint, zu erschöpfen.

Daß es den Bürgern Deserets religiöse Pflicht für jeden Mann ist, wenigstens einmal zu heirathen, geht aus dem soeben Mitgetheilten hervor. Der Grund wird auch so ausgedrückt, daß es einer Frau ohne Mann überhaupt nicht möglich sei, Eintritt ins Himmelreich zu erlangen. Nun sollen aber vorsichtigen Mormoninnen hin und wieder Zweifel beigekommen sein, ob ihre Eheherren überhaupt selbst Aussicht auf den Himmel hätten, und die Folge war, wie böse Zungen behaupten, daß sie nach dem Rockzipfel eines Hohenpriesters oder Apostels haschten, der natürlich bestimmtere Aussichten hatte, im Jenseits als König aufzuerstehen. Wir bezweifeln indeß vorläufig die Wahrheit dieser Gerüchte, da fast alle Nachrichten darin übereinstimmen, daß fleischliche Vergehungen mit außergewöhnlich strengen Strafen bedroht sind, da man ferner, wenn das Territorium zum Staate gereift sein wird, jeden Ehebruch durch Enthauptung der Schuldigen zu ahnden gedenkt, und da man es schon jetzt für vollkommen gerechtfertigt, ja für Erfüllung einer Pflicht hält, wenn ein Mann, dem die Gattin, Schwester oder Tochter verführt worden ist, den Verführer tödtet. Man nennt das »=common mountain law=« und begründet es aus dem mosaischen Gesetze, und kein Gericht würde es wagen, den Mann, der auf diese Art die Ehre seiner weiblichen Verwandten rächte, auch nur zur leichtesten Strafe zu verurtheilen. Ein Beweis dafür war der Proceß des Mormonen Egan, welcher im Jahre 1851 in der Salzseestadt zur Verhandlung kam. Derselbe war angeklagt, einen gewissen Morgan, der ihm die Frau während seiner Abwesenheit zur Untreue verleitet, mit kaltem Blute ermordet zu haben. Das Geschwornengericht sprach ihn frei, und der vorsitzende Richter erklärte, als er das Urtheil verkündigte: »daß Geldstrafen für solche Vergehungen lediglich Zeichen der Verfaultheit anderer Regierungen seien, und daß der oberste Grundsatz, welcher durch das Herz aller Einwohner dieses Territoriums pulsire, einfach dahin laute: Der Mann, der seines Nächsten Weib verführt, muß sterben, und ihr nächster Anverwandter muß ihn tödten.«

In Betreff der »Versiegelungen«, wie die Antrauungen zweiter und dritter Frauen genannt werden, ist zu bemerken, daß der Seher sie nicht persönlich zu vollziehen braucht, sondern Andere mit der Ceremonie beauftragen kann. Ferner ist nachzutragen, das jedes unverheirathete Frauenzimmer das Recht hat, sich beim Präsidium einen Ehemann auszubitten, und derselbe darf ihr nicht verweigert werden, da ja ihre einstige Seligkeit davon abhängt. Der Präsident ist gehalten, auf Empfang einer derartigen Petition hin dem Ersten Besten, der ihm tauglich scheint, Befehl zu ertheilen, die Einsame zu seiner Frau zu nehmen. Er kann sie aber auch sich selbst »versiegeln«, d. h. ohne Euphemismus: in sein Harem aufnehmen. Hat der Betreffende keine Neigung zu dem ihm angesonnenen Ehebunde, so muß er triftige Verhinderungsgründe angeben, sonst geräth er in Gefahr, vor den hohen Rath gefordert und wegen Widersetzlichkeit gestraft zu werden. Mitunter geschieht es auch, daß Young Einspruch gegen die Absicht auf eine Versiegelung thut, die aus unwürdigen Beweggründen hervorgegangen ist.

»Diese Einmischungen in die Regierung Cupido's,« sagt Gunnison, »erfordern überhaupt große Vorsicht. Denn die Richtersprüche mögen hier noch so sehr vom Verstande dictirt sein, die Leidenschaft wird immer etwas daran auszusetzen finden. Allein wie der Präsident der Kirche die Macht zu binden hat, so ist ihm auch die Macht zu lösen verliehen. Er kann die Verheiratheten oder Versiegelten trennen, nachdem er sie zur Eintracht und Geduld ermahnt und ihnen eine Probezeit gesetzt hat, sie aber dabei die Unmöglichkeit eingesehen zu haben glauben, mit einander zu existiren. Aus dieser Gewalt zu binden und zu lösen, erwächst ihm ein ungemeines Ansehen und eine genaue Kenntniß der gesammten häuslichen Verhältnisse der Colonie. Das Vertrauen, daß man ihm in solchen delicaten Angelegenheiten zu erweisen genöthigt ist, erzeugt Ehrerbietung und Furcht, und wo das Ehebündniß zum Guten ausschlägt, Liebe und Dankbarkeit gegen den Berather und Freund, und da der Frieden in der Gemeinde wesentlich auf dem der Familie beruht, so wacht Young mit eifersüchtiger Sorgfalt über seine Prärogative und nöthigt die Betheiligten, soviel an ihm ist, ihren Verpflichtungen nachzukommen.

Daß auch die Leviratsehe in Deseret eingeführt ist, scheint aus folgender Anekdote bei Gunnison hervorzugehen.

»Bischof J. fügte seinem ziemlich geräumigen Hause noch ein Seitengemach an, und da er keine starke Familie besaß, so fragten wir verwundert nach dem Grunde dieser Vergrößerung seines Domicils. >Ach!< war die Antwort, >wissen Sie denn nicht, daß er seines Bruders Witwe zur Frau nehmen muß, und daß die Zeit dazu nahe ist?< Wir besannen uns auf die Geschichte des jüdischen Weibes, das sieben Brüder nach einander heirathete, doch da wir nur unwissende Laien waren, so getrauten wir uns nicht, uns genauer nach den Absichten und Ansichten eines Priesters der Ordnung Melchisedeks zu erkundigen.«

Daß die höhere Priesterschaft der Mormonen die ihnen im Punkte des Heirathens auferlegte Pflicht in einer ihrer Vorbilder, der Erzväter, vollkommen würdigen Weise erfüllt und zahlreiche Weiber und Kinder hat, ist bekannt.

Eine andere Methode, vermöge welcher die Häupter der Kirche ihren Haushalt mehren, ist die Annahme mehrerer Personen an Kindesstatt. Sehr häufig nämlich geschieht es, daß Apostel oder Hohepriester ganze Familien als Glieder der ihrigen einverleiben. Die Häupter dieser Familie finden eine Ehre darin »Kinder des Sehers« oder »angenommene Söhne des Präsidenten« zu heißen. Sie wohnen entweder bei ihrem Adoptivvater oder doch in seiner Nähe, arbeiten für ihn, empfangen Nahrung und Kleidung von ihm, und verhalten sich überhaupt, obwohl sie häufig schon Männer reiferen Alters sind, vollständig als Kinder gegen ihn. Der eigentliche Zweck dieser Einrichtung, die etwas nach Sclaverei aussieht, mag wohl der gewesen sein, daß die Führer der Secte sich durch Heranbildung einer starken, durch Dankbarkeit an ihr Interesse gefesselten Clientel für alle Fälle ihre Macht zu sichern bestrebt waren. Sie haben aber diesen Zweck, der so wenig mit der Liebe zur Unabhängigkeit und allen damit zusammenhängenden Reminiscenzen eines Amerikaners und Engländers übereinstimmt, gut verborgen, dem Ganzen einen patriarchalischen Anstrich verliehen und demselben dadurch, daß sie lehren, das Verhältniß werde sich in jener Welt fortsetzen, eine religiöse Weihe zu geben verstanden, über welcher der Fanatismus ihrer Anhänger wie so manches Andere auch seine Liebe zur Freiheit und Gleichheit vergißt.