Die Mormonen, ihr Prophet, ihr Staat und ihr Glaube

Part 10

Chapter 103,743 wordsPublic domain

Und wiederum, wahrlich ich sage euch, wenn ein Mann eine Frau nimmt durch mein Wort, welches mein Gesetz ist, und durch den neuen und ewigen Bund, und wenn es ihnen besiegelt wird durch den heiligen Geist der Verheißung, durch ihn, welcher gesalbt ist, dem ich diese Gewalt und die Schlüssel dieses Priesterthums übertragen habe, so soll zu ihnen gesagt werden, ihr sollt in der ersten Auferstehung hervorgehen, und wenn es nach der ersten Auferstehung ist, in der nächsten Auferstehung, und sollt ererben Throne, Königreiche, Fürstenthümer, Gewalten und Herrschaften, alle Höhen und Tiefen. Dann soll es in des Lammes Buch des Lebens geschrieben werden, daß er keinen Mord begehen und kein unschuldiges Blut vergießen soll. Und wenn sie meinem Bunde gehorsam sind und kein unschuldiges Blut vergießen, so sollen sie die Engel und die Götter übertreffen an Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, welche in einer Kraftfülle und in ewiger Fortpflanzung ihres Samens bestehen soll. Dann werden sie Götter sein, weil sie kein Ende haben. Darum sollen sie von Ewigkeit zu Ewigkeit sein, weil sie fortdauern; dann sollen sie über Allen sein, weil alle Dinge ihnen unterworfen sind. Dann sollen sie Götter sein, weil sie alle Macht haben und die Engel ihnen unterthan sind.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn ein Mann eine Frau nach meinem Worte nimmt und sie durch den heiligen Geist der Verheißung nach meiner Verordnung versiegelt sind, so werden sie, mögen sie auch alle Sünde und Uebertretung begehen und allerlei Gotteslästerung, ausgenommen Mord und Vergießung unschuldigen Blutes, dennoch in der ersten Auferstehung hervorgehen und erhöhet werden; aber sie sollen im Fleische vertilgt und dem Teufel übergeben werden bis auf den Tag der Erlösung, sagt Gott der Herr.

Ich bin der Herr dein Gott und will dir das Gesetz meines heiligen Priesterthums mittheilen, wie es von mir und meinem Vater verordnet worden ist, ehe denn die Welt war. Abraham empfing alles, was er empfing, durch Offenbarung und Geheiß meines Wortes, sagt der Herr, und ist in seine Erhöhung eingegangen und sitzt auf seinem Throne. Gott gebot Abraham und Sarah gab Hagar dem Abraham zum Weibe. Und warum that sie dies? Weil es Gesetz war, und aus Hagar entsprangen viele Völker. Das war darum Erfüllung der Verheißungen. War Abraham deshalb zu verdammen? Wahrlich ich sage euch: Nein, denn ich der Herr gebot es. Abraham wurde befohlen, seinen Sohn Isaak zu opfern, obwohl geschrieben stand: Du sollst nicht tödten. Abraham aber weigerte sich nicht, und es ward ihm zur Gerechtigkeit angerechnet. Abraham nahm sich Beischläferinnen und sie gebaren ihm Kinder, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet, weil sie ihm gegeben wurden und er meinem Gesetze nach lebte, wie auch Isaak und Jakob, die nichts anders thaten, als was ihnen geboten wurde. Sie sind erhöhet worden nach der Verheißung und sitzen auf Thronen und sind nicht Engel, sondern Götter. Auch David nahm viele Weiber und Kebsweiber, desgleichen Salomo, und Moses mein Knecht und andere meiner Knechte vom Anfange der Welt an.

Ich bin der Herr dein Gott und ich gab Dir, mein Knecht Joseph, den Auftrag, alle Dinge wiederherzustellen. Bitte, was Du willst, und es soll Dir gegeben werden nach meinem Worte. Und da du mich in Betreff des Ehebruchs gefragt hast, wahrlich, wahrlich, so sage ich dir, wenn ein Mann ein Weib nimmt nach dem neuen und ewigen Bunde und sie mit einem andern Manne Umgang pflegt und ich habe es ihr nicht gestattet durch meinen heiligen Gesalbten, so hat sie die Ehe gebrochen und soll vertilgt werden. Und wenn sie dem neuen und ewigen Bunde nicht angehört und mit einem andern Manne Umgang hat, so hat sie ebenfalls die Ehe gebrochen; und wenn ihr Gatte mit einer andern Frau Umgang pflegt, so hat er sein Gelübde verletzt und Ehebruch begangen. Und wenn sie nicht Ehebruch begangen hat, sondern unschuldig ist, und sie es weiß, und ich es Dir, mein Knecht Joseph offenbare, so sollst Du durch die Gewalt meines heiligen Priesterthums die Macht haben, sie zu nehmen und dem zu geben, der keines Ehebruchs schuldig ist.

Und wahrlich, wahrlich ich sage Dir, was Du versiegelst auf Erden, soll im Himmel versiegelt sein, und was Du bindest auf Erden in meinem Namen und durch mein Wort, das soll auf ewig im Himmel gebunden sein, und welche Sünden Du erlässest auf Erden, die sollen ewiglich erlassen sein im Himmel, und welchem Du die Sünde behältst auf Erden, dem sollen sie im Himmel behalten sein. Wen du segnest, den will ich segnen, und wem du fluchest, dem will ich fluchen, spricht der Herr; denn ich der Herr bin Dein Gott.

Wahrlich ich sage dir, ich gebe ein Gebot meiner Magd Emma Smith, Deiner Ehefrau, welche ich Dir verliehen habe, daß sie sich enthalte und nicht genieße, was ich Dich ihr anbieten ließ. Denn ich that es, sagt der Herr, um Euch zu prüfen, wie ich mit Abraham that. Und laß meine Magd Emma Smith freundlich aufnehmen alle, die meinem Knechte Joseph verliehen sind, und welche tugendhaft und rein vor mir sind. Und die, welche sich für rein ausgegeben haben, und nicht rein sind, sollen untergehen. Und ich gebiete meiner Magd Emma Smith, bei meinem Knechte Joseph zu wohnen und ihm anzuhängen und keinem Andern. Wenn sie aber diesem Befehle nicht gehorcht, so soll sie vertilgt werden. Denn ich bin der Herr Dein Gott, und will sie wegen ihrer Uebertretung meines Gesetzes vertilgen. Wenn sie aber diesem Geheiße nicht folgen will, so soll mein Knecht Joseph alles für sie thun, wie er gesagt hat, und ich will ihn segnen und mehren, und ihm geben hundertfältig in dieser Welt, Vater und Mütter, Brüder und Schwestern, Häuser und Ländereien, Weiber und Kinder und Kronen des ewigen Lebens in jener Welt. Und wiederum, wahrlich ich sage euch, lasset meine Magd Emma Smith meinem Knechte Joseph vergeben seine Schuld, dann soll ihr ihre Schuld vergeben werden, mit der sie sich gegen mich versündigt hat, und ich der Herr dein Gott will sie segnen und sie mehren und machen daß ihr Herz jubelt.«

Die letzten Sätze gehen darauf, daß die Frau des Propheten, seiner Untreue überdrüssig, sich von ihm zu trennen und mit einem Andern zu verheirathen wünschte und bereits das Haus Smiths verlassen hatte. Der Kernpunkt der Offenbarung aber liegt in den Paragraphen 23 bis 25, welche den Schluß bilden, und wo Jehova sich folgendermaßen vernehmen läßt:

»Wahrlich, wenn Jemand von meinem Vater berufen ist, wie Aaron war, durch meine Stimme und durch die Stimme dessen, der mich gesandt hat, und ich ihn mit den Schlüsseln der Macht dieses Priesterthums belehnt habe, so mag er in meinem Namen und nach meinem Gesetze und Worte Alles thun, er wird keine Sünde begehen, und ich werde ihn rechtfertigen. Greife darum Niemand meinen Knecht Joseph an. Denn ich will ihn rechtfertigen, denn er soll das Opfer, das ihm möglich ist, für seine Uebertretung darbringen, sagt der Herr, euer Gott.

Und abermals, was das Gesetz des Priesterthums betrifft, wenn Jemand eine Jungfrau heirathet und begehrt eine andere zu freien, und die erste giebt ihr Einwilligung, und wenn er die zweite heirathet und sie Jungfrauen sind und haben sich keinem Andern verlobt, so ist er gerechtfertigt. Er kann keinen Ehebruch begehen; denn sie sind ihm gegeben. Denn er kann nicht Ehe brechen mit dem, das ihm gehört und keinem Andern. Und wenn ihm durch dieses Gesetz auch zehn Jungfrauen verliehen würden, so kann er doch keinen Ehebruch begehen; denn sie gehören ihm und sind ihm gegeben, und darum ist er gerechtfertigt. Wenn aber eine oder die andere von den zehn Jungfrauen, nachdem sie ihm vermählt ist, mit einem andern Manne Umgang pflegt, so hat sie die Ehe gebrochen und soll vertilgt werden. Denn sie sind ihm gegeben, daß er sich mehre und die Erde fülle nach meinem Gebote, und die Verheißung wahr mache, welche von meinem Vater vor Erschaffung der Welt gegeben wurde, und zu ihrer Erhöhung in der ewigen Welt, auf daß sie die Seelen der Menschen unterm Herzen tragen; denn hierin wird das Werk meines Vaters fortgesetzt, daß er verherrlicht werde.

Und abermals, wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn Jemand, der die Schlüssel dieses Priesterthums hat, ein Weib besitzt, und er lehrt ihr das Gesetz meines Priesterthums in Betreff dieser Dinge, so soll sie ihm glauben und ihm dienen, oder sie soll vertilgt werden, sagt der Herr euer Gott. Denn ich will sie vertilgen und meinen Namen verherrlichen an allen, welche mein Gesetz annehmen und ihm gehorsam sind. Darum so soll es Gesetz sein, wenn sie dieses Gebot nicht annimmt, soll er es annehmen, alles, was ich, der Herr, ihm geben werde. Und sie wird dann zur Uebertreterin und ist ausgeschlossen vom Gesetze Sarahs, welche Abraham diente nach dem Gesetze, als ich Abraham gebot Hagar zum Weibe zu nehmen. Und nun, was dieses Gesetz anbelangt, wahrlich, wahrlich, ich sage euch, ich will euch später mehr noch offenbaren; darum möge dies für jetzt genug sein. Siehe ich bin Alpha und Omega. Amen!«

Dieses von schmachvollster Heuchelei dictirte Document blieb, wie gesagt, bis auf das Jahr 1853 geheim, und alle Mormonen mit denen wir in den Vereinigten Staaten über den der Secte gemachten Vorwurf der Vielweiberei zu sprechen Gelegenheit hatten, stellten denselben mit Entrüstung in Abrede. Einige gewiß mit Recht, da sie, uneingeweiht in die Mysterien der Priesterschaft und Hunderte von Meilen entfernt von dem Centralsitze derselben, nicht wissen konnten, was sich dort vorbereitete und zum Theil schon geübt wurde; Andere mit weniger Recht deshalb, weil ihnen die Polygamie in Deseret nur als Gebrauch, noch nicht als kirchliche Lehre bekannt war. Gegenwärtig wird kein Mormone mehr die Stirn haben, die Sache zu leugnen. Ja man rühmt sich sogar der Vielweiberei, betrachtet sie als heiliges Institut und stellt das, was, aus der Befriedigung gemeiner Sinnenlust hervorgegangen, in jener Offenbarung Smiths mehr als Zulassung Gottes, mehr als ein Vorrecht der Priester erscheint, als religiöse Pflicht dar, deren Umgehung Sünde sei.

Hören wir die Beweise, welche Orson Pratt für diese Behauptung vorbringt. Sie sind, wenn auch keine Beweise, doch sehr lehrreich für Den, der sich über die Art, wie die Vertheidiger der Secte denken und schließen, zu unterrichten wünscht, und so mag ein etwas ausführlicher Auszug aus der betreffenden Abhandlung im »Seer« willkommen sein.

Pratt beginnt damit, daß er zeigt, wie vier Fünftel der Erdbewohner der Vielweiberei huldigen, und weist dann nach, daß die Verfassung der Vereinigten Staaten der Centralgewalt das Recht nicht gebe, gegen die Polygamie in Deseret, die eine Gewissenssache sei, irgendwie einzuschreiten. Sie sei den Mormonen aber eine Gewissenssache zunächst schon darum, weil Gott sie durch jene Offenbarung vom 12. Juli 1843 eingesetzt habe, und die Bibel nirgends ein Verbot derselben enthalte, ja sogar an vielen Stellen sie ausdrücklich billige und als göttliches Institut auffasse. Dahin wird zuvörderst der Umstand gezählt, daß Abraham, obwohl er mehrere Frauen gehabt, des nähern Umgangs mit dem Herrn gewürdigt worden sei. Sodann wird angeführt, daß Gott thatsächlich mitgewirkt habe, als David, der bereits mit mehreren Frauen Vermählte, auch noch die Weiber Sauls sich angeeignet. Dann geht der Vertheidiger der Sache auf den Zweck der Ehe zurück, den er in dem Gottesgeheiße: »Seid fruchtbar und mehret euch« findet.

»Der oberste Zweck also,« fährt Pratt fort, »war die Erfüllung der Schöpfung mit Myriaden intelligenter und mit Willen begabter Wesen, nach seinem Bilde geschaffen, beschenkt mit Gottähnlichkeit und fähig, fortzuschreiten auf der großen Leiter der Erkenntniß und des Glücks bis zur Vollkommenheit, wo sie wie Gott werden, eins mit ihm an Macht, Herrlichkeit und Herrschaft. Hierdurch werden die Reiche des Allmächtigen vermehrt, indem neue Welten hinzukommen, bewohnt von Wesen seiner Gestalt und Art; und hierdurch wächst die Freude und Seligkeit im Busen des Schöpfers zur Vollkommenheit.« -- Wenn also die Vermehrung menschlicher Wesen die Herrschaft des Allmächtigen vergrößert, seinen Namen verherrlicht und seine Seligkeit erhöht, so müssen wir vernünftiger Weise annehmen, daß er einen so wichtigen Gegenstand durch ein Gesetz geregelt haben wird. Dies ist in der That geschehen. Aller willkürliche Verkehr der Geschlechter mit einander ist untersagt, und die Ehe ist eingesetzt als alleiniges Mittel, durch welches die Menschheit sich mehren und die Erde füllen kann. Daher die vielfachen Verbote, welche die Bibel sowohl als das Buch Mormon in Betreff der Unzucht und des Ehebruchs enthalten, Verbote, welche vom Herrn auch in neuern Offenbarungen an Joseph Smith mehrmals wieder eingeschärft worden sind. Hieraus ist zu ersehen, daß die Latterday-Saints noch mehr Ursache als andere Menschen haben, sich aller fleischlichen Lust, aller unreinen, untugendsamen Begehren, aller unerlaubten Befriedigung ihrer Sinnlichkeit zu enthalten. Sie sind gewarnt durch die heilige Schrift, durch die alten Propheten Amerikas und durch jenen großen Propheten und Offenbarer der Neuzeit Joseph Smith. Und sie sind diesen Warnungen und Verboten gehorsam gewesen, wie ein Blick auf das Gebiet zeigt, wo die Kirche dermalen ihren Hauptsitz hat. Es giebt dort keine unehelichen Kinder, kein Haus von üblem Rufe, keine Klage wegen Verführung vor den Gerichten und keinen Fall von Ehebruch.

»Aber« -- heißt es in der Abhandlung Pratts weiter, »haben nicht einige der Heiligen in Utah mehr Weiber als wir? Ja wohl, und sie nehmen sie auch wohl in Acht und lehren ihnen und ihren Kindern die großen Grundsätze der Tugend und Heiligkeit durch ihr Beispiel sowohl wie durch ihr Wort. Aber ist es nicht Sünde, wenn Jemand mehr Frauen auf einmal hat als wir? Wofern es Sünde ist, hat uns die Bibel nichts davon gesagt. Aber ist es nicht gegen die christliche Religion? Wofern es dagegen ist, so hat die christliche Religion nichts davon offenbart. Aber glaubt ihr denn wirklich nicht, daß es dem Willen Gottes zuwider ist, wenn ein Mann in diesen Tagen mehrere Frauen nimmt? Ja es ist ihm zuwider, es wäre denn, Gott gäbe sie ihm vermittelst einer Offenbarung durch einen heiligen Propheten. Glaubt ihr, daß das Buch Mormon eine göttliche Offenbarung ist? Ja. Lehrt dieses Buch die Vielweiberei? Nein; denn der Herr verbietet sogar den alten Nephyten mehr als eine Frau zu haben, wie dies vor Alters geschehen. Er verbot dies aber allerdings nur in Betracht der Umstände, indem zu dieser Zeit die Zahl der Männer und Frauen unter diesem Volke gleich war (nicht wie gegenwärtig das weibliche Geschlecht beträchtlich überwog); indem ferner damals keine Aussicht auf eine Veränderung dieses Verhältnisses stattfand, und indem endlich der Eine ebenso gut im Stande war, eine Familie in gottwohlgefälliger Weise zu erziehen als der Andere. Und der Herr setzt hinzu: Wenn ich mir Samen erwecken will, so werde ich meinem Volke Befehl dazu geben, wo nicht, so sollen sie diesen Dingen gehorsam sein.«

Hieraus ersehen wir, daß das Buch Mormon sogar genauer in diesem Punkte ist als die Bibel, und daß es den Heiligen der letzten Tage streng verboten ist, mehr als eine Frau zu nehmen, es sei denn, daß Gott es durch einen unmittelbaren Befehl anders anordnete.

Nun gab der Herr in der ersten Zeit dieser Kirche keinem seiner Knechte einen derartigen Befehl, sondern hieß sie im Gegentheil sich an das halten, was im Buche Mormon verordnet sei. Dreizehn Jahre jedoch nach der Stiftung der Kirche ertheilte er jenen Befehl an Joseph Smith. Aber selbst dadurch wurde für das Allgemeine nichts geändert, und die Latterday-Saints sind noch jetzt auf _eine_ Frau beschränkt, wofern es der Herr nicht für einzelne Fälle anders verfügt. »Niemand in Utah, welcher bereits eine Frau hat und welcher den Wunsch hegt, eine andere zu nehmen, ist berechtigt, einer Dame Heirathsanträge zu machen, bevor er nicht den Präsidenten um Rath gefragt und durch ihn eine Offenbarung von Gott empfangen hat, ob es in seinen Augen wohlgefällig ist. Wird es ihm durch die Offenbarung untersagt, so ist die Sache zu Ende. Wird es ihm erlaubt, so hat er noch immer kein Recht, sich über die Gefühle der jungen Dame Gewißheit zu verschaffen, sondern muß erst die Einwilligung der Aeltern einholen, vorausgesetzt, daß diese in Utah leben; kann ihre Zustimmung nicht erlangt werden, so ist die Sache damit zu Ende. Zeigen Aeltern oder Vormünder sich bereitwillig, so darf er endlich der Dame Heirathsvorschläge machen. Lehnt sie dieselben ab, so ist damit die Sache zu Ende; geht sie aber auf den Antrag ein, so wird ein Tag für die Ceremonie der Trauung festgesetzt. Ueberdem ist zu bemerken, daß ein Jeder, der sich eine zweite Gattin zu nehmen beabsichtigt, bevor er den ersten Schritt zur Ausführung seines Wunsches thut, die Pflicht hat, die Einwilligung der Frau, die er schon hat, zu erlangen.«

Ist der Tag gekommen, der für die Trauung bestimmt worden, so versammeln sich der Bräutigam, die Frau und die Braut nebst ihren Angehörigen und den übrigen Hochzeitsgästen an dem Orte, welcher dazu ausgesucht worden ist. Der Schreiber nimmt die Namen, das Alter, den Geburtsort, die Grafschaft, den Staat und das Vaterland der zu Verheirathenden auf und trägt sie sorgfältig in ein Buch ein. Der Präsident, welcher der Prophet, Seher und Offenbarer über die ganze Kirche in aller Welt ist, und welcher allein die Schlüssel der Macht in Betreff dieser göttlichen Anordnung hat, gebietet dem Bräutigam, seiner Frau und der Braut, sich zu erheben und ihm gegenüberzutreten. Die Frau steht zur Linken ihres Mannes, die Braut ihr zur Linken. Der Präsident legt dann der Frau die Frage vor: »Sind Sie Willens, dieses Weib Ihrem Ehemanne zu geben, auf daß sie sein gesetzlich vermähltes Eheweib sei für Zeit und Ewigkeit? Wofern Sie dazu gewillt sind, so wollen Sie es dadurch kundgeben, daß Sie deren rechte Hand in die rechte Hand Ihres Ehemannes legen.« Sind beide Hände, die des Bräutigams und der Braut in dieser Weise mit einander verbunden, so nimmt die Frau den linken Arm ihres Mannes, wie wenn sie mit ihm einen Gang machen wollte. Dann fährt der Präsident fort, indem er den Bräutigam fragt: »Nehmen Sie, Bruder N. N. Schwester N. N. (die Braut) bei der rechten Hand, um sie zu Ihrem gesetzlichen Eheweibe zu nehmen und ihr gesetzlicher Ehemann zu sein für Zeit und Ewigkeit, und versprechen Sie Ihrerseits, daß Sie alle Gesetze, Gebräuche und Anordnungen, die zu dieser heiligen Ehe in diesem neuen und ewigen Bunde gehören, zu erfüllen, indem Sie dies in Gegenwart Gottes, der Engel und dieser Zeugen Ihrem eignen freien Willen und Ihrer Wahl nach thun?« Der Bräutigam antwortet mit: Ja. Der Präsident legt dann dieselbe Frage, den Verhältnissen der Braut angepaßt, der letzteren vor, welche gleichfalls mit Ja zu antworten hat. Der Präsident sagt dann: »Nun so verkünde ich im Namen des Herrn Jesu Christi und kraft des Amts des heiligen Priesterthums Euch als gesetzlich verbundene Ehegatten für Zeit und Ewigkeit, und ich siegle auf Euch die Segnungen der heiligen Auferstehung mit der Macht, am Morgen der ersten Auferstehung, bekleidet mit Herrlichkeit, Unsterblichkeit und ewigem Leben hervorzugehen. Und ich siegle auf Euch die Segnungen der Throne und Herrschaften und Fürstenthümer und Gewalten und Erhöhungen, zugleich mit dem Segen Abrahams, Isaaks und Jakobs, und sage zu Euch: seid fruchtbar und mehret Euch und füllt die Erde, auf daß Ihr Freude und Jubel durch Eure Nachkommenschaft habt in den Tagen des Herrn Jesus. Alle diese Segnungen und gleichermaßen alle andern Segnungen, die zu dem neuen und ewigen Bunde gehören, siegle ich auf Eure Häupter durch Eure Treue bis ans Ende, kraft des heiligen Priesterthums im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.«

Der Schreiber trägt dann in sein Buch Ort und Datum der Trauung und einige von den Namen der Zeugen ein. »Lehrt ein Mann seiner Frau das Gesetz Gottes, wie es von den alten Patriarchen gehalten und durch neuere Offenbarung bestätigt worden ist, und verweigert sie ihm ihre Einwilligung zur Verheirathung mit einer zweiten, so muß sie vor dem Präsidenten die Gründe für ihre Weigerung angeben. Erscheinen dieselben genügend und wird der Mann schuldig befunden, so erhält er die Erlaubniß zur zweiten Ehe nicht. Kann die Frau aber keinen vernünftigen Grund vorbringen, weshalb sie sich dem Gesetze, das einst Sarah gegeben worden, wiedersetzt, so kann der Mann, wenn ihm auf dem Wege der Offenbarung durch den Propheten Erlaubniß wird, andere Frauen auch ohne Zustimmung der ersten nehmen, und diese wird sich die Verdammniß zuziehen, weil sie ihm jene nicht gab, wie Sarah dem Abraham die Hagar und wie Rahel und Leah ihrem Manne Jakob die Bilha und die Zilpah gaben.«

»Es ist aber die Pflicht des Mannes, der eine zweite Frau nimmt, für ihre Wohlfahrt und ihr Glück zu sorgen und ihr das Leben so behaglich zu machen, als der ersten, wie dies die Schrift 2. Mose 21, 10. gebietet. Ueber den Aufenthaltsort der verschiedenen Zweige einer Familie ist keine besondere Regel festgestellt. Bisweilen baut der Gatte für seine Frauen verschiedene Wohnungen, wie Jakob für seine vier Weiber verschiedene Zelte aufstellte. Es ist jedoch sehr häufig der Fall, daß sie alle in demselben Hause wohnen und vereint und mit der größten Heiterkeit sich der Geschäfte der Haushaltung widmen, an demselben Tische essen und sich gegenseitig Alles zu Gefallen thun, während der holdeste Friede und die herzlichste Eintracht Jahr auf Jahr unter ihnen herrschen. Ihre Kinder spielen mit einander in Liebe als Brüder und Schwestern, während jede Mutter für die Kinder der Andern so viel liebreiches Wesen und zärtliche Aufmerksamkeit an den Tag legt, als für ihre eigenen. Und Morgens und Abends, wenn der Gatte seine Familie zusammenruft, um dem Herrn zu dienen und seinen Namen anzurufen, so beugen sie alle gemeinsam ihre Kniee und bringen dem Allerhöchsten das Opfer ihrer Andacht dar.«

Zu dieser idyllisch anmuthigen Schilderung der Folgen, welche die Vielweiberei in Deseret gehabt haben soll, paßt schon der Nachsatz: »Wo alle Weiber gleich glaubenstreu sind, bestrebt sich der Mann gemeiniglich, sie alle gleich gut zu behandeln« nicht recht, indem es darnach scheint, daß dieses Bestreben nicht überall vorhanden und nicht überall mit Erfolg gekrönt ist. Noch weniger aber stimmt es damit überein, wenn der Ingenieur Gunnison, der mehrere Monate in Deseret lebte und sonst nichts weniger als ungünstig über die dortigen Heiligen urtheilt, die Fälle, wo die Frauen nach der Art der vier Weiber Jakobs »in verschiedenen Zelten« untergebracht werden müssen, als die gewöhnlicheren bezeichnet und hinzusetzt, dieselben müßten durch Nähen und andere weibliche Arbeiten selbst für ihren Unterhalt sorgen.

»Gewiß ist,« fährt Gunnison fort, »daß die Weiber das Verhältniß häufig unbehaglich und lästig finden, wenn auch gewöhnlich die Oberfläche der Gesellschaft eine lächelnde Miene trägt und das Joch für alle, die aus Pflichtgefühl und Schwärmerei einwilligen, ein leichtes ist. Wenn solche Frauen sich auflehnen, so verfährt man sehr summarisch mit ihnen, und die öffentliche Meinung nimmt gegen sie zu Gunsten des Mannes Partei. Eine sehr achtungswerthe Dame im »Thale« gilt, weil sie den ihr Versiegelten (der, mit der einen Frau nicht zufrieden, eine zweite genommen) verlassen und einen Andern geheirathet hat, als Ehebrecherin und wird deshalb nicht in Gesellschaft geladen.