Die moderne Wohnung und ihre Ausstattung

Part 8

Chapter 83,263 wordsPublic domain

Die Jungen auf dem Dorfe kennen den Steinbaukasten und seine zwei bis drei Gestaltungsmöglichkeiten nicht. Sie kennen nur den Lehmhügel am Bach und den Sandhaufen, die der Baulust keine Grenze setzen. Hier hat es der Formsinn leicht. Brücken entstehen, Wälle, Befestigung, Minen, Werke der augenblicklichen Eingebung, die im nächsten Augenblicke wieder anderen weichen. Immer ist es kurzweilig und zweckvoll. Der willige Baustoff fügt sich jeder Regung des Schaffenstriebes. Und die ungestörte Phantasie bevölkert alle diese Bauten, die Gruben und Löcher, mit spukhaften Geheimnissen. Es ist die Zeit, da das Märchen zur Wirklichkeit wird, die Wirklichkeit zum Märchen. Das Spielzeug verhält sich zu den Dingen des Alltags wie das Märchen zur Wirklichkeit. In beiden ist die reale Welt vorgebildet, aber zugleich auf die einfachsten, sinnfälligsten Elemente reduziert. Die gemeine Logik reicht gar nicht aus, um diese Elemente zu würdigen. Man müßte denn die Welt mit den Augen des Kindes ansehen, naiv, voraussetzungslos sagen wir künstlerisch. In diesem Betrachte ist auch das Spielzeug künstlerisches Neuland. Es erfordert einfach organisierte Seelen, wie es der Toymaker Caleb Plummer und seine blinde Tochter in Dickens »Heimchen am Herde« sind. Solche Seelen wissen, daß eine Reihe von Sardinenbüchsen, mit einem Bindfaden zusammengehalten, dem Volk der Kleinen eine bessere Illusion von einem Eisenbahnzug gibt, als das technisch vollkommenste Modell. In unseren Straßen gehen arme Slovaken herum mit billigem Spielzeug, das sie selbst aus Holz schneiden, nach ihrer eigenen unverbildeten, kindlichen Anschauung. Der blasierte Großstädter kann diesen Dingen keinen Reiz abgewinnen, er sagt, »es ist nichts d’ran«. Es ist allerdings nichts d’ran, als eine entzückende Naivität, eine überraschende Kindlichkeit, die uns Großen abgeht. Die Kleinen haben wohl ein anderes Urteil darüber, und wie mich dünkt, ein weit richtigeres. Nehmen wir ihnen doch nicht schon von der Kinderstube an jene Kindlichkeit, die ihr gutes Recht ist, ihre Kraft und Schönheit. Sie zu hüten und für das Leben zu bewahren, ist ein wichtiger Teil der Erziehung. Und im Dienste dieser Erziehung steht das Spielzeug. Ferdinand Andri hat den immerhin interessanten Versuch gemacht, Spielzeugtypen grotesker Art zu schaffen, die an den primitiven Charakter der besprochenen alten volkstümlichen Spielsachen anknüpfen.

Das Mädchenzimmer.

Die Stellung der Frau im heutigen Leben ist ein Kampf, ihr Kampf ist ein Suchen. Ihr Streben ist Gleichberechtigung mit dem Manne in sozialen, beruflichen und politischen Dingen. Auf allen Gebieten wetteifert sie mit ihm als ebenbürtige Genossin -- oder Rivalin. Das spürt man schon im Mädchenzimmer. Die Nervositäten des Tages vibrieren bis in die Stille des jungfräulichen Gemaches. Der Studiengang ist von fast männlicher Strenge und Härte, auf den künftigen Struggle for life vorbereitend. Und dennoch liegt über den Dingen ein milder Abglanz weiblicher Grazie, die die Frau auch in den Härten des Berufes als unschätzbares Gut bewahren will. Die Zwittererscheinungen des dritten Geschlechts gehören einer kurzen Uebergangsperiode an und sind mit dem Fluche der Lächerlichkeit beladen von der Bildfläche verbannt. Das Mädchenzimmer vor fünfzig Jahren ist gegen das heutige eine friedvolle Welt. Das war damals ein liebliches Hindämmern an Bändern und Kram, bis der Großvater kam und die Großmutter nahm. Vielleicht gleicht das heutige Mädchenzimmer dem damaligen sehr stark an äußerlichen Stimmungselementen, aber innerlich ist es von ganz anderem Leben erfüllt. Eine satte, lavendelschwere Luft lag in dem Raum, wo durch weiße Gardinen der Tag hell herein schien, der Schreibtisch mit den dicken zylindrischen Füßen barg Schleifen und Andenken, himmelblaue Vergißmeinnichtlyrik auf antikisierenden Wunschkarten gedruckt, ein Päckchen Briefe voll lispelnder Ach!, in steifer Schrift geschrieben, abgestandene Parfums entsendend, wie ein altes leeres Flacon, und aus dem spindeldürren Spinet entstiegen in dünnen gebrechlichen Tönen Mozarts graziöse Menuetts, Schuberts kindlich fröhliche Weisen, während durch die Straßen die sentimentalen Klänge zogen: »wann’s Mailüfterl säuselt...« Die Lavendelstimmung ist heute auch aus dem Mädchenzimmer entschwunden. Im Notenständer neben dem Klavier finden wir Richard Wagner, Hugo Wolf, Richard Strauß, Schubert und Beethoven sind geblieben. Auf dem Tische häufen sich Bücher, sogar Zeitschriften, Maeterlincks »Leben der Bienen« liegt da; es liegt nicht nur da, es wird auch gelesen. Was unter dem Titel »Mädchenliteratur« einstens beliebtes Lesefutter war, ist nicht vorzufinden. Das Nähtischchen im Fenster mit dem Strickkörbchen im Fuße ist ebenfalls verschwunden, es ist samt der »Mädchenlekture« in der Rumpelkammer der Vergangenheit begraben. Blumen stehen am Fenster, wie es auch einst war, Rosen im Glas und, wenn es die Jahrzeit will, auch weiße Lilien. Das ganze Gemach ist darauf gestimmt, eine Symphonie in Weiß. Das Bett steht unsichtbar hinter den weißen Vorhängen, die vom Plafond heruntergehen und tagsüber zugezogen sind. Weiße feine Vorhänge, seitlich zu öffnen, verhüllen das Fenster, weiß sind Decke und Wände, durch die bandartig ein Fries geht, und an den Wänden hängen, in schmalen, glatten Rahmen Reproduktionen nach Burne Jones, trauernde Frauengestalten mit keuschem Leib und sehnsüchtigen Blicken, »love in ruins« und andere schmachtende Legenden, die der knospenhaft unerschlossenen Gestalten präraffaelitischer Meister, die nun seit einigen Jahren modern sind. Schmalhüftige hochgezogene Möbel stehen herum, fußfrei, so daß man unten bis zur Wand blickt, was den Raum größer erscheinen läßt, ein weiter Bücherschrank, zierliche Schränkchen und Stühle, ein Toilettetisch mit fazettiertem Glas ohne Rahmen und mit Laden, die Toiletteartikel darin zu versperren, im übrigen alles blitzblank und sauber anzusehen, hie und da ein erlesenes Stück eigenen Kunstfleißes, ein Tischläufer, eine Schutzdecke, sauber ausgenäht, mit modernem Muster. Der Bodenbelag ist einfärbig ohne Dessin, oder fast ohne solchen, graublau im Ton und die Möbel sind lackirt. Blau steht zu weiß sehr schön. Dunkles Rot kann auch verwendet werden. Hellgelbes Kirschholz ist von bezwingender Anmut. Ein solches Gemach wirkt schon durch die Farbe wie ein Frühling. Stehen ein paar feine Gläser am Schränkchen, einige kleine Kunstgegenstände gut verteilt, Vasen, Porzellan aus Kopenhagen, blank und schimmernd, dann mutet es an wie ein Festtag im Mai.

Solcherart erscheint das Mädchenzimmer als ein Spiegel der Persönlichkeit, die darin lebt.

Und nicht nur der Persönlichkeit, sondern auch ihrer Zeit. Was die Ideale, Wünsche und Hoffnungen der Gegenwart sind, kann und soll man ja auch an diesem Ort verspüren. Die Zeiten sind jedenfalls vorbei, wo die Mädchenerziehung kein anderes Ziel kannte, als unter die Haube zu kommen. Nichtsdestoweniger ist es sehr erfreulich, wenn sich im heutigen Mädchenzimmer auch ein Kochbuch vorfindet. Die genaue Kenntnis des Hauswesens auf Grund eigener Betätigung ist auch für jede gebildete Dame eine selbstverständliche Voraussetzung. Die Vorbereitung auf irgend einen selbständigen Beruf und auf das Leben, das draußen harrt, soll unter allen Umständen auch der Entwicklung häuslicher Tugenden Raum gewähren. Was immer die Zukunft erheischen möge, das Leben dürfte in diesen Raum nichts hereintragen, was irgendwie geschmackswidrig, schmutzig und anstößig ist. Man muß nicht hausbacken und prüde sein, aber man muß in allen Fällen auf _seelische Hygiene_ bedacht sein, sowohl im Umgang mit Menschen, als mit Büchern und Dingen. Im allgemeinen dürfte das Mädchenzimmer in allen Verhältnissen den oben geschilderten Charakter empfangen, bald einfacher, bald reicher ausgestattet, je nach den persönlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten. Seine besondere Prägung wird es natürlich von dem Geiste erhalten, der darin haust. Die Wohnungspsychologie kann nicht leicht Fehlschlüsse ziehen. Man wird es auf den ersten Blick erkennen, ob die Inwohnerin Kunstgewerblerin, Beamtin oder Studentin ist. Die Individualität soll ja in den Dingen der Häuslichkeit am stärksten sprechen. Reinheit und Nettigkeit machen hier, wie überall den Hauptschmuck aus. Die Grazien werden sicherlich auch das Gemach erfüllen, wenn sie die Inwohnerin mit ihren Gaben beglückt haben, was natürlich nicht zu bezweifeln ist. Wenn auch die junge Dame ein angehendes »Fräulein Doktor« ist, braucht ihre Stube nicht auszusehen wie eine Studentenbude. Es ist eine bedenkliche Atmosphäre, wo Parfum mit Zigarettenqualm vermischt ist.

Blumen am Fenster.

Die Hausgärten sind aus unserer Stadt ziemlich verschwunden. Der Utilitarismus der Bauunternehmer hat nicht bedacht, daß die Naturfreude mit zu den täglichen Lebensbedürfnissen der Stadtmenschen zählt. In dem Maße aber, als Garten und Feld zurückwichen und die Natur den ungastlichen Mauern entfloh, erwuchs in der Trostlosigkeit dieser Steinwüste eine seltsame, bleiche Stubenpflanze, die Natursehnsucht, die recht eigentlich ein Großstadtprodukt ist. Und zugleich ein wichtiger Faktor der Kultur. Wie tief diese Sehnsucht wurzelt, kann man an Sonn- und Feiertagen sehen, wenn die Menge »aus der Straßen quetschender Enge« ins Freie drängt, wenn sie an Waldungen und Feldrainen Blumen errafft, um sie in die traurigen Stuben zu stellen, wo sie sterbend noch einen Abglanz von Sonnenfreude und Sommerlust verbreiten. Wenn es irgend ein Vollkommenes gibt, so ist es gewiß das schöne, stille Sein der Pflanze und die Reinheit ihres Lebens. Und was die Menschen für das Feinste ansehen, ist ihre Schönheit und ihr Duft. Sie wirkt mit der Kraft eines Symbols. Ein einziger Zweig ins Zimmer gebracht, und ein ganzer Frühling ist zu Gast!

Die unklare Natursehnsucht des Städters gibt einen klaren Fingerzeig. Etwas sehr wertvolles liegt darin, vielleicht ein neuer Zivilisationsfaktor, den man nur zu organisieren braucht. Anfänge sind vorhanden, um in die naturverlassene Stadt wieder die Gärten einzuführen. Jedermann in der Stadt kann seinen Garten vor dem Fenster haben. Einen winzigen allerdings, aber ein Gärtchen immerhin. Einen Meter lang, ein Drittel breit, nicht größer als es das Fenstergesimse erlaubt, und die grün oder weiß gestrichene Einfassung, die dort aufzustellen ist. Für wenig Geld liefert der Markt die schönsten Blumen, und zwar je stärker die Nachfrage, desto billiger. Die Sache hat auch eine volkswirtschaftliche Bedeutung. Ein wichtiger Zweig der Landwirtschaft käme ins Aufblühen, die Blumenzucht. Man bedenke, was die Blumenkultur in Holland und in Frankreich wirtschaftlich bedeutet. Keine Stadt hat größeren Blumenbedarf als Paris und nirgends sind die Blumen billiger. Die Blumenmärkte von Paris sind eine Sehenswürdigkeit. Bei uns ist kaum noch der Sinn dafür aufgegangen, welche reiche Quelle von Freuden ein solches Blumenbrett ist, ein gut bestandenes und schön gepflegtes, natürlich. Wenn aus dem Gesimse eine Blumenwildnis hervorblüht, die duftet und leuchtet in den prangendsten Farben, ist die Stube mit einemmal verwandelt. Die freundlichen Hausgötter der Traulichkeit und Wohnlichkeit sind plötzlich eingekehrt und walten mit Zaubermacht, mag auch der Hausrat noch so ärmlich sein. Es ist nicht nur eine liebliche Augenweide, o, noch viel mehr! Öffnet man am Morgen das Fenster, dann wälzt der Lufthauch ganze Wolken von Wolgerüchen herein, die das Gemach erfüllen. Und welche Labsal ist es, abends hinter diesem Hausgarten zu sitzen! Eine Fülle von Segen strömt vom Fenster her in die Stube und in das Herz der Inwohner und hilft wol irgend ein Gutes im Leben zu fördern. Diese Blumenwildnis vor dem Fenster ist zwar kein vollkommener Garten, nicht einmal eine Laube, wie man sie einst hatte, aber sie ist etwas, was unter Umständen noch viel mehr sein kann, weil sich ein persönliches damit verbindet. Denn die Liebe, die auf dem Grunde eines jeden guten Werkes ist, muss sich auch hier betätigen. Wer hier nicht säet, wird auch nicht ernten. Die Blumen am Fenster gedeihen nicht ohne aufmerksame Pflege. Das verursacht zwar eine kleine Mühe morgens und abends, aber was tut’s? Kann man denn etwas lieben, um was man sich gar nicht zu bemühen braucht? Zumindest ist hier die Mühe eine Freude, die man nicht dem Dienstmädchen überlassen soll. Der bloße Pflichtbegriff ist giftiger Mehltau für die Blumenpracht am Fenster. So etwas merkt man gleich. Nein, die Blumenpflege gehört der Dame des Hauses zu. Dann wird das Blumenbörtel zum Symbol, wo jede Pflanze von der Sorgfalt und Liebe der gewiss liebenswerten Gärtnerin erzählt. Oft kommt man an einem Hause vorbei, wo an einem der Fenster Hortensien stehen und Nelken und Rosen, Pelargonien und brennende Liebe und je nach der Jahreszeit manche andere schöne Pflanze. Die schönen weißen Hände, die sichtbar werden, um mit so viel Liebe den Blumenstand am Fenster zu pflegen, zur eigenen Herzenslust und zur stillen dankbaren Freude des Vorübergehenden, geben ein sehr edles Beispiel. Eine neue Schönheit zieht in unsere Straßen ein. Da und dort bricht aus den Gesimsen eine solche blühende und duftende Blumenwildnis hervor. Und nun denke man sich diesen Blumenreichtum über alle Fenster, an allen Häuserreihen, bis ins höchste Stockwerk verbreitet: er müsste die Stadt in einen reizenden Garten verwandeln. Es müsste ein Segen sein fürs Auge und fürs Herz und auch für die Gesundheit. Die lebt ja bekanntlich vom Schönen, ebenso wie das Gute.

Aber nicht nur nach außen hin würde der Wandel eintreten, sondern auch nach innen. Eine Revolution hat die Blume in den Wohnungen hervorgebracht. Der Fall ist typisch: Ist in irgend einem Hause die Blumenfreude intensiv geworden, dann spürt man die Woltat der Blumenherrschaft in allen Räumen. Die schweren Stoffgardinen, welche die vordem so beliebte Rembrandt’sche clair-obscur-Stimmung erzeugen sollten, werden entfernt. Luft und Licht strömen nun in vollen Fluten herein. Nun zeigt es sich auf einmal, welch’ ein lichtscheues Gesindel von Nippes und lächerlichem Aufputz die Wohnung verunstaltete, vom Makart-Bouquet angefangen bis zu den japanischen Schirmen und Photographieständern, wie viel unkontrollierbare Staubwinkel allen Wänden und Möbeln entlang vorhanden sind. Die Umwälzungen, die von der stillen selbstgenügsamen Blume ausgehen, füllen ein lustiges Kapitel. Wir wollen uns einmal flüchtig daran erinnern, daß unsere Großeltern eine solche feine Kultur besaßen, zu der wir jetzt erst wieder den Anfang machen. Treten wir in die Tür unserer Großväter, dann finden wir ein helles Gemach mit weißen Gardinen, einfarbigen oder weißen Wänden, hellgelbe Kirschholzmöbeln, und als Herrscherin und Hüterin dieser einladenden, traulichen Stimmung die Blumen, unsere heimatlichen Bauernblumen in weißen Töpfen, lieblich anzuschauen. In der Blumenliebe liegt etwas sehr Edles. Der Anfang von Kunst liegt in ihr. Was die Blumenpflege für die Kultur bedeutet, mag man in der ausgezeichneten Schrift »Makartbouquet und Blumenstrauß« von Alfred Lichtwark nachlesen. Von den Blumen der Heimat muß man ausgehen, sie passen zu unserem Dasein. Wir finden sie in den beliebten Blumenstücken der früheren Zeit, in den Vorgärten der alten Landhäuser und in den Bauerngärten. Nur die Modesucht hat sie verachtet. Darum sollen sie zu Ehren gebracht werden.

Blumenkörbe.

Das wissen alle Hausfrauen ganz gut, daß die reichlich verwendeten Blumenkörbe fast immer absolut geschmacklos und unpraktisch waren. Daß Niemand in seinem Hause einen praktischen und ästhetisch befriedigenden Blumenkorb aufweisen konnte, hatte einen ganz einfachen Grund. Es gab keinen also beschaffenen Blumenkorb. Was bislang für geschmackvoll galt, war ein Blumenkorb mit einem aus imitiertem Astwerk gefertigten Gestelle, womöglich braun gestrichen oder gar bronziert oder sie waren geflochten und hatten Voluten und andere stilvolle Ornamente aus Weidenruten und Flechtwerk aufgesetzt, die als wahre Staubfänger in kurzer Zeit ein scheußliches Aussehen bekamen und ob ihrer augenscheinlichen Zwecklosigkeit in das Gebiet des lächerlichsten Unfugs gehören. Künstler und Kunstgewerbler haben sich in letzter Zeit mit den Formen des Blumenkorbes befaßt. Soweit diese Lösungen bekannt geworden und in den Handel gekommen sind, läßt sich ein bedeutender Schritt zur Zweckmäßigkeit und wohltuenden Einfachheit konstatieren. Formen sind im Handel, die aus Pfefferrohr und Flechtwerk hergestellt, die Ansprüche des guten Geschmackes wohl erfüllen. Aber es liegt immerhin noch ein weites Feld für die Erfindung schöner und praktischer Formen, sowie für die Anwendung geschmackvoller Farben offen. Der große Anreger auf kunstgewerblichem Gebiete, Alfred Lichtwark, erzählt in seinem Buche »Blumenkultur« (das jedermann lesen sollte, ebenso wie alle seine anderen Schriften), daß ihm berichtet wurde, in Hamburg hätte man früher statt der Blumentöpfe vor jeden Fensterflügel einen langen, eckigen Korb gestellt, als Hülle für vier oder fünf Töpfe. Diese Körbe wären innen und außen gestrichen gewesen. Gesehen hat er sie nicht mehr.

Diese Einrichtung ist schön und praktisch und Lichtwark knüpft daran die Erörterung der Farbe. »Es ist nichts im Wege, daß man neben dem Grün auch Weiß -- was sehr günstig ist -- und unter Umständen auch Rot verwendet oder Weiß mit grünen, Grün oder Rot mit weißen Querstreifen. Auch Blau, Purpur, Orange und Gelb sind denkbar, aber schwieriger zu verwenden, sobald man es mit mehr als einer Blume zu tun hat. Für größere alleinstehende Zimmerpflanzen sind Topfhüllen in Gestalt schön bewegter und geschmackvoll gefärbter runder Körbe -- Korbvasen -- ausgezeichnet zu verwenden. Sie sehen gut aus und haben den Vorzug, nicht zu zerbrechen«.

Die Offizierswohnung.

Die Frau des Offiziers beginnt heute einzusehen, daß es für ihre Wohnung nichts unpraktischeres geben kann, als den billigen Prunk und lächerlichen Zierrat, der in den durchschnittlichen Stadtwohnungen einen täuschenden Schein von Luxus und Eleganz erwecken soll. Der Begriff: standesgemäß, für den militärischen Beruf bindender, als für jeden anderen, hat in Bezug auf die Offizierswohnung eine seltsame Umwertung durch das Beispiel jener bürgerlichen Wohnungen erfahren, die von einer gedankenlosen marktlichen Massenfabrikation beherrscht, einen nicht mehr zu unterbietenden Tiefstand des Geschmackes bezeichnen.

Standesgemäß, das sollte ursprünglich wohl heißen zweckgemäß, lebt heute nur der ledige Offizier. Er hat die typische Offizierswohnung ausgebildet, die in ihrer Einfachheit und Mobilität auf das Zelt zurückweist. Da steht sein eisernes Bett, ein Bücherbrett, ein paar Feldstühle, ein großer zusammenklappbarer Tisch, darauf er bequem Pläne, Skizzen, Bücher und Schreibzeug ausbreiten kann. Ordnung und Nettigkeit geben dem Raum den einzigen, aber auch wirksamsten Schmuck. Sobald der Offizier verheiratet ist, verliert seine häusliche Umgebung in der Regel ihren typischen Charakter. Die Frau des Hauses, welche in der Wohnungsfrage zu entscheiden hat, hält sich an das Beispiel, das die Masse gibt. Sie richtet die Wohnung so ein, wie sie Geschäftsleute und Beamte haben, die nie oder nur selten in die Lage kommen, ihren Wohnsitz zu wechseln. Dann sieht man an den Möbeln jene schleuderhaften Schmuckformen, deren Daseinszweck nur darin besteht, die unsolide Mache zu verkleiden und ein Übermaß täglicher Reinigungsarbeit zu verursachen.

Man kann sich leicht die Verwirrung vorstellen, wenn die Notwendigkeit eines Garnisonswechsels eintritt, auf den der aktive Offizier gefaßt sein muß. Trotz der ungeheuren Verpackungsmühen und der erforderlichen unverhältnismäßig großen Anzahl von Transportwägen, welche die Transferierungskosten enorm erhöhen, ist das Mobilar, das einer solchen Inanspruchnahme nicht gewachsen ist, schweren Beschädigungen unterworfen.

Man mußte sich erst über alle Unzulänglichkeiten klar werden, um wieder die Möglichkeiten einer standesmäßigen, das heißt, zweckmäßigen Offizierswohnung auf Grund einer klaren Erkenntnis der Bedürfnisse zu finden.

Das praktische Möbel ist selten teuerer, meistens sogar billiger, als die schleuderhaft und gedankenlos fabrizierte Marktware. Raum, Zeitersparnis und Bequemlichkeit muß die Möbelkonstruktion für die Offizierswohnung gewähren, vor allem die Möglichkeit kompendiös zu packen, so daß vier Zimmer in einem Transportwagen ohne die Gefahr der Beschädigung gut untergebracht werden können. Zusammenlegbarkeit nach Art der amerikanischen Missionärmöbel oder der einfache Kofferstil werden in diesen Fällen zu den besten Lösungen führen. Auf Schmuck kommt es beim praktischen Möbel nicht an. Er ist auch keine Bedingung der Schönheit.

Schönheit entsteht hier nicht durch die äußerliche Zutat von Schmuckformen, sondern kann im Wesentlichen nur aus der Zweckmäßigkeit entwickelt werden. Auch die übrige Dekoration des Zimmers mit Vasen und Kleinplastik müßte sehr zurückhaltend, aber so gediegen als möglich sein. Was nicht den prüfenden Blick aushalten kann, hat keine Berechtigung im Raum zu existieren. An Stelle der Schmuckform würde die edle, feinempfundene Farbe treten. Diese einfachen, geradlinigen und augenscheinlich gediegenen und praktischen Möbel würden, koloristisch behandelt, im Verein mit weißen, waschbaren Gardinen und einigen Blumen am Fenster in jedem Raum, der nur weiße, kalkgeputzte Wände hat, die traulichste Stimmung erzeugen und zugleich ein Beweis für den höheren Geschmack der Offiziersfrau sein, die ein auf den besonderen Berufserfordernissen beruhendes Studium der Möglichkeiten nicht gescheut hat. Von einem modernen Architekten, den sie etwa zu Rate gezogen, unterstützt oder im persönlichen Kontakt mit dem Handwerker, dem sie Angaben macht und dessen Arbeiten sie wachsam verfolgt, müßte sie zu einer Einrichtung gelangen, von der man nicht behaupten dürfte, daß sie paßt, wie schlechtsitzende Kleider. Sie würde ebenso wie bei den Kleidern auch das Maß der Stühle und Tische bis auf den Millimeter durchprobieren und den Bedürfnissen des Körpers anpassen lassen. Der gute Stuhl in ihrem Hause müßte alle Bequemlichkeiten bieten und den darauf Sitzenden dennoch elegant erscheinen lassen. Querleisten zwischen den Beinen würde man an diesen Stühlen nicht finden, weil sie überflüssig und unpraktisch sind. Denn erstens will man die Füße unter den Stuhl bequem einziehen können und dann kommen Sporen mit den Querleisten leicht in Kollision. Überall würde darauf geachtet sein, daß nicht mehr Material zur Verwendung kommt, als unbedingt nötig ist, um den Formen keine unnötige Schwere zu geben.