Die moderne Wohnung und ihre Ausstattung

Part 7

Chapter 73,322 wordsPublic domain

Ein englischer Architekt, Frank Brangwyn, A. R. A., sagt sehr zutreffend, daß die meisten Schlafzimmer vom Standpunkte einer zweckentsprechenden Ausstattungskunst betrachtet, vernachlässigt sind, weil sie nicht den kritischen Blicken unserer Freunde und Bekannten ausgesetzt sind. Sie werden selten von jemandem Andern gesehen, als von ihren Eigentümern. Wenn die Schlafzimmer in dem Maße zugänglich wären, wie die Gesellschaftsräume, so würden sie unter den Einfluß jenes seltsamen Wetteifers gekommen sein, der seit den frühesten Zeiten zur Ausschmückung jedes Gebrauchsgegenstandes geführt hat, der der öffentlichen Beachtung ausgesetzt war und Neid oder Bewunderung erregen konnte. Es würde sehr wenig Kunst geben, wenn die Menschen unempfindlich wären für den Ansporn des Lobes oder der Nadelstiche des Spottes und Neides. Die volkstümlichsten Kunstformen, wie etwa die griechischen Statuen, und die Bilder italienischer Kirchen aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert sind immer hervorgegangen aus den besten Traditionen und folglich den größten Meistern. Weltfremde Einsamkeit führt die Kunst hinweg von dem Hauptstrom des befruchtenden Lebens, und landet sie in irgend einem ungesunden Sumpfwasser, wo sie schwach und hinfällig wird, im kleinlichen Ehrgeiz eingebildeter Größe befangen. Erinnern wir uns daher, daß die Kunst nichts so notwendig braucht, als öffentliche Anerkennung und öffentliche Nachfrage.

Bei dieser Sachlage ist es wichtig, daß die allgemeine Aufmerksamkeit auf den schlechten Zustand der sehr schlechten Schlafzimmer gelenkt wird, welcher heute in 99 von 100 Fällen vorkommt. In den meisten Schlafzimmern findet man weit weniger Kunst, als in der roh zubehauenen Holzhütte eines Südsee-Insulaners. Es ist seltsam, daß wir nach Jahrhunderten des Fortschritts in anderen Dingen ein so geschmackloses und achtloses Volk geblieben sind in Bezug auf die Dinge, die unserem persönlichsten Gebrauch dienen.

Was soll ein Schlafzimmer sein? Ein paar praktische Betrachtungen werden die Besonderheiten klarlegen.

1. Man kann annehmen, daß der Raum, der einem zur Verfügung steht, klein ist, wie in den meisten Schlafzimmern. Man wird daher mit den Dimensionen das Möglichste tun, um den Eindruck von Geräumigkeit und Luftigkeit hervorzubringen. Der Raum soll nicht nur angenehm sein für den Schlafenden, sondern auch für das Erwachen.

2. Ein Schlafzimmer ist nicht nur ein Raum um darin zu schlafen, sondern auch ein Raum, in welchem eine kranke Person für Wochen, ja Monate liegen kann, und deshalb soll sich nichts Übertriebenes in der Ausstattung vorfinden, nichts das sich dem Auge mit ermüdender und langweiliger Beharrlichkeit aufdrängt. Aus demselben Grunde ist es gut, das Bett so zu stellen, daß die kranke Person auf das Winterfeuer im Kamin blicken kann und angeregt und erfreut wird von seinem lustigen und hellen Flackern. Man mag vielleicht lächeln über diese Kleinigkeiten, aber sie sind sehr wichtig.

3. Die bisherigen Betrachtungen haben rasch über die Grundzüge des Entwurfes belehrt. Die Notwendigkeit, die man fühlt, das Zimmer weiter, geräumiger und luftiger erscheinen zu lassen als es wirklich ist, führt mit der Logik des gesunden Menschenverstandes zu verschiedenen praktischen Lösungen. Man entscheidet sich zum Beispiel, keine gemusterte Tapete zu nehmen. Wenn eine Wand über und über gemustert ist, so lockt sie von allen Standpunkten die Aufmerksamkeit auf sich, sie scheint sich dem Auge dadurch näher zu bringen und dem Raum einiges von seiner Länge und Breite zu rauben. Man entscheidet sich auch dafür, daß die Einrichtung nicht mehr Raum einnehmen darf, als unbedingt erforderlich ist; daher muß die handwerkliche Leistung die höchsten konstruktiven Vorzüge aufweisen, damit man den höchsten Grad von Annehmlichkeit und Zweckmäßigkeit mit dem geringsten Aufwand von Holz erreicht. Nachdem das Zimmer ein Schlafzimmer ist, hat man ganz recht, das Bett als das wichtigste Möbelstück zu betrachten, und es aus Holz herzustellen, teils weil gut gearbeitetes Holz so schön und ruhig harmonisch wirkt, teils weil Messingbetten nicht immer mit den Farben übereinstimmen, welche man im Auge hat, und endlich, weil sich Metall zu frostig anfühlt. Das Bett wird nicht so niedrig sein, daß sich die Magd versucht fühlen könnte, die Reinigung des Fußbodens darunter zu vernachlässigen, noch wird es so hoch sein, daß der Raum zwischen Matratze und Fußboden als Speicher für Schachteln und für Staubansammlung geeignet erscheint. Wenn man zum Schluß das Schlafzimmer als Krankenzimmer auffassen will, ist der Grundsatz der Wohnlichkeit unerläßlich, ebenso eine ruhige Heiterkeit in der Farbengebung.

4. Man wird vielleicht Bilder in diesem Schlafzimmer anbringen wollen. Man hänge keine goldenen Rahmen auf den Grund der Tapete, sondern treffe eine solche Anordnung, daß die Malerei einen tektonischen Teil der Wand selbst bildet. In andern Worten, man wähle einen Fries oder ähnliche andere dekorative Malereien, die man seinem Urteile nach für gut findet. Das Werk muß einigermaßen mehr sein als interessant; es muß beitragen zur frischen und ursprünglichen Farbengebung, die man als passend für ein Schlafzimmer findet, und man führt sie daher so durch, daß die Malerei nicht aus der Mauer hervorspringt, sondern flächig wirkt, und im ganzen eine ebenso wirkungsvolle als bescheidene Rolle spielt.

5. Welches Holz soll man verwenden? Es ist klar, daß die dekorative Verwendung von Materialien zwingt, streng und einfach zu sein; aber der Strenge des Stils kann durch eine glückliche Wahl des Holzes entgegen gewirkt werden. Nußholz würde zu schwer im Ton sein und Eiche zu steif und unbiegsam in Substanz und Masse. Was man braucht, ist ein leichteres Holz, freundlicher von Aussehen, und so scheint es nach mancher Überlegung und manchen Versuchen empfehlenswert, Zuflucht zu Kirschholz zu nehmen. Es hat eine schöne Textur, der Ton ist hell, warm, freundlich und es hat auch eine Art von häuslicher Eleganz. Von ebenso glücklicher Wirkung sind weißlackierte Möbel. Zu ihrem Lobe kann nicht genug gesagt werden. Und wenn nun das Werk vollendet ist und die Morgensonne in das Zimmer tritt, so wird man das Zimmer heimlich und traut finden, als einen freundlichen Raum, sich darin anzukleiden und dem Tag einen guten Anfang zu geben.

Glücklicherweise gewinnt diese gesunde Auffassung wieder Raum. Man fühlt sich wieder, die Persönlichkeit wächst. Man hat persönliche Bedürfnisse. Das Schlafzimmer braucht kein Thronsaal zu sein, auch kein Tempel. Aber luftig soll es sein. Wir sind alle Fanatiker der Hygiene geworden. Mit Luft, Licht, Sauberkeit und Einfachheit bestreiten wir unsere Interieurstimmungen. Und siehe da, es wirkt ganz famos. Was dem Körper zugute kommt, gibt auch der Seele Nahrung. Wenn wir auch zum guten Glück auf das Ornament verzichtet haben, so gibt es für den künstlerischen Geschmack doch noch sehr viel zu tun. Vielleicht mehr als früher. Denn das Einfache, das ist doch das Allerkomplizierteste. Die Anordnung der Massen, die Gliederung des Raumes, die Behandlung der Farbe, die zwecklich formale Erfüllung der Bedürfnisse, das sind Dinge, in denen sich das Persönliche klar ausspricht. Ist Harmonie in der Persönlichkeit, dann wird sie auch im Raum sein. Und, das ist das Allerwichtigste, der Einzelne, der angefangen hat nachzudenken, muß mit seinem Tischler, mit seinem Architekten arbeiten, wenn er das Seine haben will.

Auf Licht und Luft also kommt es an. Man wird sich daher helle Farben wünschen, die Wände ganz licht, die Betten und Schränke in hellgelbem Kirschholz, oder weiß lackiert, oder in unverhüllter Naturfarbe, wobei man die Flächen durch Einsetzen anders färbiger Holzstücke beleben kann. Sonst hat man gerne eine Ottomane dem Bette am Fußende vorgelegt, ja mit diesem auch in einem konstruktiv verbunden. Hat man einen besonderen Toilettenraum, dann brauchen Wäsche- und Kleiderschränke nicht im Schlafraume stehen. Die Einrichtung der modernen Schränke dieser Art ist für den Inhalt genau ausgemessen. Der Hängeraum muß so hoch sein, um die Röcke gut aufnehmen zu können. Oberhalb derselben im Inneren befindet sich häufig auch ein Brett für die Hüte. Die Hosen und Westen werden in die breiten Laden gelegt. Eine Lade für das Schuhwerk befindet sich zu unterst. Kleinere separate Laden und Fächer sind da für Spitzen, Bänder, Kravatten, Handschuhe, Krägen, Manschetten etc. Für die Schmutzwäsche gibt es einen truhenähnlichen Behälter, der im Vorzimmer steht und häufig als Sitzgelegenheit ausgenützt ist, mit einem Deckel oben zur Aufnahme der Schmutzwäsche und der von unten aufklappbaren Vorderseite zur Herausnahme derselben; alles versperrbar, natürlich.

Das Nachtkästchen gibt ebenfalls Möglichkeiten zu neuen sinngemäßen Lösungen. Man kann einen kleinen, glasschrankartigen Aufsatz damit verbinden, der die Hausapotheke aufzunehmen hat. Leichte, helle Vorhänge, seitlich aufzuziehen, schützen das Gemach gegen Blicke von außen her, sperren aber nicht das Licht aus. Vor dem Fenster steht die Toilette: ein vertikaler Spiegel mit zwei im Winkel stehenden Flügeln, ein Gesimse davor, und links und rechts vom Sitz kleine Laden für die gesammte Kosmetik. Das alles ist sehr zierlich, sehr einfach, sehr elegant.

Das Bad ist in unmittelbarer Nähe des Schlafzimmers zu halten. Jede bessere Stadtwohnung hat ihr Badezimmer. Ein regelrechtes Bad, mit seinen weißen glänzenden Kacheln, der vertieften Wanne, den blankgeputzten Hähnen in der Marmorverschalung, den glänzenden Apparaten, den technisch vorzüglich eingerichteten Waschtischen sieht immer einladend aus. Im Schlafzimmer kann man sodann den Waschtisch entbehren. Gerade was die Badeeinrichtung angeht, so haben wir eine unbescholtene Vergangenheit. In den glanzvollen Zeiten des Hausrats von der Gothik bis zum Rokoko ist keine Rede von Badeeinrichtungen. Die »Kunst« befasste sich nicht damit, es blieb eine rein technische Angelegenheit der neueren Zeit, darum haben wir es heute in vollkommen von Stilarchitekturen unbeirrten, praktischen Formen vorgefunden. Nur römische Vorbilder existieren und die sind sicherlich auch mustergiltig. Früher war man weniger heikel in dieser Hinsicht. Heute ist das Bad tägliches Bedürfnis für einen Menschen, der reine Wäsche trägt.

Man sieht, ein vollkommener Wandel in der bürgerlichen Wohnung ist im Zuge. Die Nutzräume treten wieder in den Vordergrund. Gesund zu schlafen ist eine Vorbedingung des persönlichen Wohlseins. Man wird wieder den geeignetesten Raum als Schlafzimmer einrichten, und die anderen Räume in zweiter Linie und nach Maßgabe ihrer Wichtigkeit bedenken. Bei diesen anderen Räumen aber ist Einschränkung am Platze. Man muß keinen Salon haben; man kann das Wohnzimmer als solchen benützen oder man kann das Wohnzimmer mit dem Speisezimmer verquicken, den Salon mit dem Arbeitszimmer, was gewiß das allerrichtigste ist, oder es kann auch, wenn es nicht anders geht, ein Raum für drei dienen, Wohnzimmer, Salon und Speisezimmer in einem sein. Das Schlafgemach muß hingegen ungeteilt bleiben, den Fremden verschlossen, der Ort der Ruhe und der Träume. Der wahre Kulturgrad zeigt sich in seiner Beschaffenheit.

Das Kinderzimmer.

Ein Zimmer kenne ich, das eitel Freude ist. Kunst im vornehmen Sinne hat wenig dort zu schaffen, aber das ist ganz recht. Die Kinder, denen dieser Raum zum Aufenthalt dient, brauchen nicht zu fürchten, irgend einen kostbaren Gegenstand zu beschädigen. Nichts hemmt die Freiheit ihrer Bewegung. Sie müssen sich nicht benehmen, wie jene biblischen vierzig Kinder, die sich samt und sonders betrugen wie eines, sondern hier darf sich jedes Kind betragen, wie vierzig. Und das ist gut. Luft, Licht und Freiheit muß das Kinderzimmer gewähren. Entweder die kleine Schar tollt im Raum umher und erfüllt ihn mit fröhlichem Lärm, oder sie hocken still zusammen, betrachten die kindlich einfachen Darstellungen an dem herumlaufenden Wandfries, wo allerlei Tiere dargestellt sind, in jenen primitiven flächig behandelten Formen, die der rege schaffenden Phantasie der Kleinen noch genug freien Spielraum zur Selbstbetätigung geben. Diese Bilder, ebenso wie das Spielzeug, das auf ähnliche Weise primitiv und der kindlichen Anschauungsweise angemessen sein muß, wollen die Sinne erziehen und vor allem das Auge. Darum ist im Kinderzimmer die Farbe von so großer Wichtigkeit. Gottfried Keller’s Wort gilt: »Die Erhaltung der Freiheit und Unbescholtenheit des Auges«. Dazu gehört, daß man alles Häßliche, Verlogene und Imitierte aus der Kinderstube fern hält. Eine Mutter stellte die Frage, wann sie mit der Erziehung ihres vier Jahre alten Kindes beginnen sollte. Sie ist aber nicht die Einzige, die es nicht weiß, daß mit der Erziehung des Kindes vom ersten Schrei an, den es in der Welt tut, begonnen wird, und daß die Umgebung, die Kinderstube, auf rein sachliche Art erziehlich wirken muß. Die Erziehung der Farbenfreude beginnt hier, damit das Auge einmal der getreue Hüter und Wächter des Paradieses der farbenvollen Weltherrlichkeit werde, an dem die Meisten wie Ausgestoßene blind vorübergehen. Darum wird es gut sein, im Kinderzimmer, dessen Wände im einfachen Farbenton und sehr hell gehalten sein müssen, farbige Wandbilder aufzuhängen, die in Rahmen zum Auswechseln angebracht sind, damit man den Kindern von Zeit zu Zeit etwas Neues bieten und den Kreis ihrer Anschauungen erweitern kann. Der schönste Märchen- und Tierfries, der an die Wand gemalt ist, wird auf die Dauer langweilig und die geheime Wirkungskraft, so groß sie auch Anfangs immer sein mag, versagt schließlich ganz. Auf die Wandbilder, die im Verlage von Teubner und Voigtländer, Dresden, Leipzig, erschienen sind, sei bei dieser Gelegenheit empfehlend hingewiesen. Die Unternehmung bringt farbige Original-Steinzeichnungen von hervorragenden Künstlern zu wohlfeilen Preisen auf den Markt und man kann ihnen das Zeugnis eines vortrefflichen, volkstümlichen Erziehungsmittels ausstellen. Die Heimatkunde, die Sage, das Märchen, das Tierleben, Bilder aus Dorf und Stadt bringen sie in gelungener Weise zur Anschauung und geben dem kindlichen Gemüt reichen Vorstellungsinhalt.

Während der untere Teil der Wände eines Kinderzimmers am besten in lichtem Holz getäfelt wird, entweder hell gebeizt oder lackiert oder auch im Naturton gehalten, um abgerieben zu werden, setzt oberhalb des Getäfels der farbige Fries ein, oder eine Reihe von Wandbildern, in Leisten gefaßt, ziemlich außerhalb des Bereiches der Hände; die Wand setzt sich oberhalb bis zur Decke in hellen Farben fort und trägt ganz oben ein Blumenfries. Aber nicht einmal das ist nötig; Wand und Decke können weiß bleiben. Zur Blumenpflege soll man Kinder früh anregen, sie ist das beste Mittel zur Erziehung der Naturfreude und der Beobachtungsgabe. Deshalb wird man gut tun, unterhalb des Fensters ein Brett anzubringen, wo die Blumentöpfe stehen, die von den Kindern selbst gewartet werden. Das Licht soll von oben her auf die Pflanzen fallen, Tische und Stühle läßt man am besten nur säuberlich gehobelt ohne Anstrich herstellen, um sie stets gut waschen und reiben zu können, was im Kinderzimmer sicherlich sehr häufig notwendig ist. Wo es möglich ist, läßt man ein kleines Turngerät anbringen. Ein Arbeitstisch mit allerhand Werkzeugen ist hier gut am Platze, denn zu bauen und zu arbeiten fangen Kinder frühzeitig an. Im Allgemeinen soll aber das Kinderzimmer kein Kramladen sein. Namentlich mit Spielsachen soll es nicht überhäuft werden. Sonst erzieht man zur Sprunghaftigkeit und Zersplitterung der Aufmerksamkeit. Zu zeichnen haben Kinder immer. Das ist die erste bildnerische Regung, die man an ihnen beobachtet. Die Eindrücke auf die Kinderseele sind so stark und plastisch, daß sie alle unwillkürlich ihre Gedanken graphisch darzustellen streben. Dieser Kunsttrieb, der wie eine schwache Saat aufsproßt und umsichtiger, sorgfältiger aber unaufdringlicher Pflege bedürfte, wird leider selten mit Verständnis behandelt und verkümmert allzufrüh. Man wird daher sehr gut tun, an einer Wandstelle eine große Tafel mit Kreide und Schwamm anbringen zu lassen, daran der bildnerische Sinn der Kleinen sich austoben mag. Vor allem aber lasse man sie mit Farbe und Pinsel arbeiten. Nicht pedantisch nach Vorlagen oder Vorbildern, sondern nach ihrer eigenen Lust und Wahl. Man lasse ihnen darin volle Freiheit; sie sollen ihre Welt darstellen, so, wie sie sie sehen. Was dabei herauskommt, ist das erste schwache Pflänzchen eines künstlerischen und zugleich ursprünglichen Schaffens. Daß dieses Pflänzchen nicht verkümmere oder erstickt werde, ist Sache einer weiteren kunstpädagogischen Umsicht, die freilich schon außerhalb des Kinderzimmers liegt. Feldblumen, bunte Steine, alles was die Kinder im Freien sammeln und als kostbare Schätze daheim ausbreiten, bringen die Märchenstimmung in das kleine Reich, das sie mit den Gestalten ihrer ungebrochenen Phantasie bevölkern. Von der Zeit der ersten Gehversuche bis zum zwölften Jahre ungefähr währt die fröhliche Herrschaft. Wenn das Kind älter wird, tritt die illusionschaffende Seite der Phantasie zurück, das Vorstellungsgewebe füllt sich immer mehr aus und die Ansprüche werden größer. Sobald das Mädchen nicht mehr den Schemel als Puppenbett verwenden will, die Knaben aus umgestürzten Stühlen nicht mehr eine »wirkliche« Eisenbahn herstellen mögen oder in einem Brett ein Schiff und im Fußboden das Meer erblicken, sobald die Kinder sich nicht mehr mit Eifer in die Rolle eines Tieres versetzen, seine Stimme und Bewegung nachahmen wollen und aufhören, sich gelegentlich als Lokomotive oder Dampfschiff zu fühlen, wird ihnen das Puppenheim zu eng. Sie fangen an, die Kinderschuhe auszutreten. Das zwölfjährige Mädchen fühlt sich als Fräulein und bekommt ein neues Zimmer, eine neue Welt. Die Buben »studieren«. Weit hinten liegt die Kindheit, wie eine selige Insel und an ihr gestrandet eine ganze Arche Noah’s voll Kindersächelchen, entseelt und entzaubert. Ein Reich in Trümmern. Fernab und vergessen.

Das Spielzeug.

Eine mittelalterliche Sage erzählt von einem zauberkräftigen Beryll, der in seinem Spiegel alle vergangenen und künftigen Dinge zeigte, alle Schönheit der Erde, ferne Länder und Meere. Doch bedurfte er eines reinen gläubigen Gemüts, das von dem Weltgift des Zweifels noch nicht angenagt war, um das holde Wunder zu sehen, sonst blieb der wundersame Stein trüb und dunkel. Noch geschehen Wunder. Kinder erleben sie täglich aufs Neue. Nicht einmal ein Beryll oder sonst ein kostbarer Edelstein ist nötig, es genügt ein ganz wertloser Stein, den sie mit der jungen Kraft ihrer ungebrochenen Phantasie begaben, das Mirakel zu bewirken. Mit staunendem Ergötzen sehen sie in dem schillernden Ding Sonnenaufgang und -untergang, eine große farbenreiche Welt von Wundern, mit einem Wort, ihre eigene Welt. Mit Verwunderung sieht man sie oft an kostbarem, mühsam ersonnenem Spielzeug achtlos vorübergehen und an irgend ein unscheinbares Ding ihre Liebe hängen. Ein unbedachtes Wort, Spott oder Vorwurf und die holde Wundergläubigkeit ist dahin, das zauberhafte Juwel wird blind und taub und erscheint nur mehr als das, was es ist, als wertloser Stein oder Glasscherben. Und ein Stück Unschuld geht damit zugrunde. Man begnügt sich in der Regel, zu sagen, daß Kinder leicht zufrieden zu stellen seien. Das ist ein sehr oberflächliches Urteil. Ich bin viel eher geneigt zu glauben, daß es kein schwerer zu befriedigendes Publikum gibt, als gerade die Kleinen. Der Witz der Großen, die für sie denken und bilden, wird an ihnen gewöhnlich zu schanden. Die schönsten Spielsachen finden zumeist dann erst Wert in ihren Augen, wenn sie sie zertrümmert haben, um sie in ihrem Sinne wieder aufzubauen. Sowohl diese als viele andere Erscheinungen sind Beweise, daß das Kind in dem Spielzeug das _Rohmaterial_ sucht, mit dem seine Phantasie freischaffend verfährt. Der Wert des Spielzeuges liegt nicht in dem, was es ist, sondern in dem, was es werden kann, was das Kind mit ihm machen soll. Bedeutung und Beseelung, gleichsam den künstlerischen Ausbau, empfängt es aus dem kindlichen Schaffenstrieb. Diesen anzuregen, zu heben und zu kräftigen, ihm die rechten Mittel bereit zu stellen, ist der Zweck des Spielzeuges.

Auch die Kinderstube ist ein Spiegelbild ihrer Zeit. Eine Welt für sich, die aber ihren Inhalt aus dem großen Leben empfängt und jeden Kulturwandel mitmacht. Der Naturalismus der letzten Jahrzehnte hat auch in dieser kleinen Welt ein Echo gefunden und in der Spielzeug-Manufaktur jenen konsequenten Wirklichkeitssinn erzeugt, der wohl den Verstand nährt, aber das Herz leer läßt. Puppen werden erzeugt von panoptikumartiger Wirklichkeitstreue, den Babies zum Verwechseln ähnlich, »stilgerechte« Steinbaukästen, Spielschiffe und Eisenbahnen mit kompliziertem Betrieb, die ein getreues Modell dieser Verkehrseinrichtungen darstellen. Wir leben ja im Zeitalter der Technik, so mag der künftige Ingenieur schon in der Kinderstube sein Talent an solchen Modellen nähren. Das ist die Meinung so mancher Eltern, die bei der Geburt des Kindes schon seinen Beruf vorbestimmen und den Fachmann bilden wollen, ehe sie den Menschen gebildet haben. Von den Großen wird das Spielzeug gewählt, anstatt von den Kleinen. Aber was das sentimentale Kindlichkeitsgefühl der Großen gutheißt, billigt nicht immer der naive Sinn der Kleinen. Diese armen Kinder der Reichen! In eine Kinderstubenwelt werden sie gestellt, die fertig ist und ausgebaut und die nichts übrig läßt zu vollenden. Und nun heißt es: spiele! Spielen um des Spielens willen? Für das Kind ist das Spiel notwendige Arbeit, daran es seine Kräfte übt und entwickelt. In dieser fertigen Welt beginnt die Arbeit mit dem Zertrümmern. Zertrümmern, um neu aufzubauen. Um wie viel reicher sind oft die Kinder der Armen! Ein Stück Holz wird zur Puppe, von der kleinen Mutter sorgfältig in armselige Lappen gehüllt und aufs zärtlichste betreut. Mit der Sorge wächst die Liebe. Man sage der Kleinen nicht, das ist keine Puppe, das ist nur ein Stück Holz! Wo gewöhnliche Augen nur ein Stück Holz sehen, da hat die kindliche Phantasie bereits ein Wunder bewirkt. An dem selbsterschaffenen beseelten Gegenstand übt das junge Herz seine Fähigkeiten. Und dieser Gegenstand hat alle Bedeutung, die es hineinlegt. Er ist das rechte Spielzeug geworden.