Die moderne Wohnung und ihre Ausstattung

Part 6

Chapter 63,242 wordsPublic domain

Weiter ist nichts nötig, besonders wenn der Fußboden gut ist. Wenn dies nicht der Fall ist, so würde ein kleiner Teppich, der in zwei Minuten zur Reinigung aus dem Zimmer geschafft werden kann, gute Dienste leisten; doch müßte dafür gesorgt sein, daß er schön ist, sonst würde er schrecklich stören.

Das ist rein alles, was wir in unserem Junggesellenheim brauchen, wenn wir nicht musikalisch sind und ein Klavier haben müssen (in Bezug auf deren Schönheit wir übel daran sind), und wir können nur sehr wenig zu diesen notwendigen Dingen hinzufügen, wenn wir nicht sowohl beim Arbeiten wie beim Nachdenken und Ausruhen gestört sein wollen. Wenn diese Dinge für die geringsten Kosten, für die sie gut und dauerhaft ausgeführt werden können, hergestellt würden, würden sie nicht viel Auslagen verursachen, und sie sind so wenig, daß die, welche die Mittel haben, sie überhaupt anzuschaffen, sich auch bemühen könnten, sie gut ausgeführt und schön anzuschaffen, und alle die, denen die Kunst am Herzen liegt, sollten sich sehr bemühen, dies zu tun, und dafür sorgen, daß keine Scheinkunst sie umgibt, nichts, dessen Herstellung oder Verkauf einen Menschen herabgewürdigt hat. »Und ich bin fest überzeugt, daß, wenn alle, denen die Kunst am Herzen liegt, sich dieser Mühe unterzögen, dies einen großen Eindruck auf das Publikum machen würde.« Mit diesen Worten entwirft der englische Kunstgewerbler und Dichter William Morris, der als Apostel der neuen und eigentlich uralten Glaubenssätze allerortens eine sich täglich mehrende Gemeinde hat, einen solchen einfachen Raum und sagt: »Diese Einfachheit können Sie andererseits so kostbar herstellen wie Sie wollen oder können; Sie können Ihre Wände mit gewirkten Tapeten behängen, statt sie zu weißen oder mit Papiertapeten zu bekleben; oder Sie können sie mit Mosaikarbeiten verdecken, oder auch durch einen großen Maler Freskomalerei darauf anbringen lassen -- all dies ist nicht Luxus, wenn es um der Schönheit willen und nicht zum Zwecke der Schaustellung geschieht.« Das kann man der Liebhaberei des Bestellers überlassen. Im allgemeinen wird die größte Einfachheit auch hier das Zweckdienlichste sein. Es gibt allerdings Leute, die sich ein prächtiges Studio einrichten und darin allen erdenklichen Luxus anhäufen, um sich Stimmung zur Arbeit zu machen. Sicher ist, daß in solchen Studios kaum jemals ernstlich studiert wird. Wer ernst arbeitet, weiß, das man im Arbeitszimmer nicht Zerstreuung braucht, sondern Sammlung. Hier soll aber die größte Einfachheit walten. Man kann auf das Beispiel Goethes hinweisen, das sich in diesem Zusammenhang einstellt. Den meisten Besuchern Weimars einst und jetzt dürfte die Schlichtheit seines Arbeitszimmers unliebsam aufgefallen sein, und man hört oft Äußerungen der Verwunderung darüber, daß einem so großen Geiste die Dürftigkeit des Raumes genügen mochte. Herr Dr. W. Bode spricht in seinem Buche: »Goethes Lebenskunst« darüber aus: »Wir sind nicht wenig erstaunt, wenn wir das Häuschen betreten, das sieben Jahre hindurch dem Busenfreunde des Landesherrn, dem weithin berühmten Dichter des »Werther« und »Götz«, das einzige Heim war. So bescheiden hätten wir es uns doch nicht vorgestellt. Unten ist gar kein bewohnbares Zimmer, höchstens kann man einen Raum, an dessen Wände Pläne von Rom hängen, im Sommer wegen seiner Kühle schätzen; oben sind drei Stuben und ein Kabinettchen, alle klein und niedrig, mit bescheidenen Fensterchen und schlichten Möbeln; zuerst ein Empfangszimmer mit harten steifen Stühlen, dann das Arbeitszimmer mit kleinem Schreibtisch, daranschließend ein Bücherzimmer und zuletzt das Schlafzimmer, in dem noch die Bettstelle steht, die zusammengeklappt und so als Koffer auf die Reise mitgenommen wurde...

So ist das Gartenhaus eingerichtet. Aber auch vom Stadthause hat man keinen anderen Eindruck. Nichts deutet auf einen vornehmen reichen Besitzer. Die Studierstube, in der er seine unsterblichen Werke schuf, würde heute nur Wenigen genügen, die sich zum Mittelstande rechnen; für »standesgemäß« würde sie niemand halten. Alles darin ist zur Arbeit bestimmt, zum Lesen, Schreiben oder Experimentieren; kein Sopha, kein bequemer Stuhl, keine Gardinen, sondern nur einfachste dunkle Rouleaux. Auch an den Büchern ist keine Pracht, seine gesammelten Werke sind auf das schlichteste eingebunden, er nahm ja auch seine berühmtesten Dramen oder Gedichte jahrzehntelang nicht wieder in die Hand. Nur ein Möbel hatte Goethe in dieser Stube, das wir nicht kennen -- ein kleines Korbgestell, das sein Taschentuch aufnahm. Und auf dem Tische lag ein Lederkissen, auf das er die Arme legte, wenn er dem gegenübersitzenden Schreiber diktierte....« Zu Eckermann äußerte Goethe einmal: »Prächtige Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche. Wenn man darin lebt, fühlt man sich beruhigt, man ist zufrieden und will weiter nichts. Meiner Natur ist es ganz zuwider. Ich bin in einer prächtigen Wohnung, wie ich sie in Karlsbad gehabt, sogleich untätig und faul. Geringe Wohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer, worin wir sind, ein wenig unordentlich ordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das Rechte; es läßt meiner Natur volle Freiheit, tätig zu sein und aus mir selber zu schaffen.« Und ein andermal sagte der Achzigjährige: »Sie sehen in meinem Zimmer kein Sopha, ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art von Lehne für den Kopf anbringen lassen. Eine Umgebung von bequemen anspruchsvollen Möbeln hebt mein Denken auf und versetzt mich in einen passiven Zustand.« Einen Schmuck besaß die einfache Studierstube aber doch, den höchsten und herrlichsten zugleich, der alle Dürftigkeit überglänzte: Goethes Geist, der in diesem Raume schuf.

Ein Zusammenhang zwischen Junggesellenwohnung und Herrenzimmer ist durch den Umstand gegeben, daß auch das letztere Wohn- und Arbeitsraum oder auch Salon des Hausherrn ist, wie der Name »Herrenzimmer« überdies schon sagt. Es kommt im Hauswesen dort vor, wo die Hausfrau entweder ihren »Damensalon« oder ihr »Boudoir« hat, oder wo man aus Ökonomie auf den »Salon« überhaupt verzichtet und das eine zu erübrigende Gesellschaftszimmer vorzugsweise auf die Bedürfnisse des Hausherrn hin zurechtmacht. Massive, dunkel gebeizte oder polierte Möbel mit einfachen blanken Beschlägen finden sich darin, ein großer Bücherschrank, ein entsprechender Arbeits- oder Schreibtisch, große gepolsterte Sitzmöbel mit grauem oder braunem Lederüberzug, alles ernst und einfach und von der gewissen Vornehmheit, die in der Gediegenheit überhaupt liegt. Ist der Hausherr Waffensammler, so findet sich ein Waffenschrank vor, überhaupt Möbel, die seinen besonderen Liebhabereien oder Berufszwecken dienen. In einfachen Rahmen hängen Bilder oder Stiche, manche kühne Modernität, »le Nu au Salon«, warum nicht? Ein Tropfen Pikanterie vermengt sich mit dem Duft schwerer Zigarren. So findet man es häufig. Aber das dominierende, ehrfurchteinflößende Möbel ist der große Schreibtisch. An ihn werden heute die persönlichsten Anforderungen gestellt, nicht weniger als an den guten Sessel. Hier hat eine gute Tradition mitgearbeitet. Aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts sind große, sorgfältig erdachte Schreibtische überliefert, große Diplomatenschreibtische mit verschließbarem Pultdeckel, einfach geistreich kombiniert, dem amerikanischen roll desk nicht unähnlich, ferner eine Unzahl verschiedenartiger Damensekretäre mit zahlreichen Fächern und durchaus verschließbar, als ein glänzendes Zeichen einer geistig ungeheuer regsamen Zeit. Man schrieb fleißig Tagebücher, unterhielt mit allen Zeitgenossen regen, brieflichen Verkehr. Auch der Schreibtisch von damals bildet gewissermaßen ein menschliches Dokument. Was so ein verwittertes Möbel nicht für Geheimnisse verbirgt, und was so einem Kasten für anmutige Rätsel abzulesen sind, diesen Läden, die einst vollgestopft waren mit Gedichten, Liebesbriefen, Prozessen und Romanzen, schweren Locken und anderen Liebeszeichen, gleich einem Riesensarg, der mehr Tote enthielt als mancher Gräberhain. Sentimentalitäten, nicht wahr? Aber ein Persönlichkeitszug ging durch die Dinge des Hausrats, das wollte festgestellt sein. Und einen Persönlichkeitszug will man den Dingen heute wieder geben. Der Schreibtisch sollte seinem Besitzer angemessen sein wie ein Kleid. Konstruktiv besitzt der amerikanische verschließbare Schreibtisch viele Vorteile, für das Privatzimmer ist er aber allzu bureaumäßig. Im Halbkreis geht die Tischplatte um den Sitzenden, auch die äußersten Enden in den Bereich seiner Hände rückend. Van de Velde’s Schreibtisch, der diese Form aufwies, war eine Sensation.

Allein er war kein Vorbild. Van de Velde’scher Stil hat nur für einen einzigen Menschen in der Welt Berechtigung, für van de Velde selbst. Er drückt ein allzu Persönliches aus, das, wenn es Mode wird, aufs nachdrücklichste bekämpft zu werden verdient. Für die Allgemeinheit hat van de Velde keine brauchbaren Typen geschaffen. Mit dem Schreibtisch geht es uns wie mit dem Sessel. Wer einen passenden Schreibtisch sucht, findet ihn nicht. Er muß mit seinem Architekten oder Tischler beraten, um zu finden, was für seine Person das Beste ist. Es ist der einzige Weg, der zum Rechten führt. Der Konsument müßte in allen Dingen, die seine persönlichen Bedürfnisse angehen, Mitarbeiter des Künstlers sein, was aber wohl voraussetzt, daß er ein wohlunterrichteter, einsichtsvoller Mensch sei. Sieht er sich dann nach einem passenden Schreibzeug um, dann hat er wieder seine liebe Not. Die Dinge dieser Art, die sich im Handel vorfinden, sind fast nie sachlich gelöst. Im besten Falle müssen Bureau-Utensilien herhalten. Ebenso ergeht es einem mit den Rauchrequisiten. Hier ist fast alles erst zu tun. Ein weites Feld steht für den Künstler der Kleinplastik offen, wenn erst der Publikumsgeschmack zur strengen Sachlichkeit erzogen sein wird. Einstweilen sind es nur einige moderne Architekten, die sich ihrer erziehlichen und kulturellen Aufgabe vollends bewußt sind.

Das Musikzimmer.

Der Zufall spielt mir die Reproduktion eines Bildes von Schwind in die Hände. Schubert-Abend ist es betitelt. Eine Stimmung strömt aus dem Blatt, zart wie der Duft verdorrter Rosen; ein Hauch der legendären liebenswürdigen Wiener Geselligkeit weht durch den Raum. Es ist ein Altwiener Bürgersalon, großväterischer Hausrat steht umher, Gastlichkeit und Gemütlichkeit, der genius loci winkt aus allen Winkeln hervor, ein Klavier steht in die Mitte des Zimmers herein, eines jener spinettartigen Instrumente, zierlich und schlank, im wohltuenden Gegensatz zu den Monstren unserer heutigen Klaviere, Schubert davor und ein Kreis von Kunstsinnigen um ihn herum, die Schwestern Fröhlich, selbstverständlich auch Grillparzer, dann der gefeierte Opernsänger Vogel und alles, was damals zur geistigen Elite gehörte. Damals war noch die Glanzzeit der Hausmusik. Die vielen Duos, Trios, Quartette und Quintette, von den berühmten Tonkünstlern jener Zeit zu diesem Zwecke verfaßt, und die Zusammenstellung der Instrumente sind an und für sich ein sprechender Beweis für den eifrigen Betrieb der Hausmusik. Bach und Händel waren in jedem Hause gekannt und geliebt. Finden wir heute noch gute Hausmusik? Die Frage dürfte nicht ohneweiters zu bejahen sein. Zwar findet sich in jeder Wohnung ein Klavier vor, fingerübende Musikbeflissene bilden mehr denn je die Verzweiflung nervöser Nachbarn, aber die Pflege der Hausmusik ist heutzutage seltener geworden. Man geht lieber in den Konzertsaal, der in früheren Zeiten nicht so viel des Abwechslungsreichen und Interessanten bot als die Neuzeit, die jeden Tag eine beliebige Anzahl musikalischer Berühmtheiten auf das Podium stellt. Da kann man auch Toiletten zeigen und sehen, und selber gesehen werden. Bei den meisten weiß man kaum, was sie antreibt, die Musik oder das andere. Die biedere, hausbackene, ehrsame Hausmusik kommt in Verfall. Daran ist aber in Wahrheit nicht so sehr der Konzertsaal schuld, als vielmehr der Verfall des Hauswesens selbst. Die freundlichen Genien der Gemütlichkeit und Gastlichkeit, die man vor fünfzig Jahren bei viel geringeren Lebensansprüchen noch unter jedem Dache finden konnte, sind aus den Städten, Großstädten zumal, meist entschwunden. Und in der Provinz? Die verzehrt sich in Sehnsucht nach der gleißenden Pracht der Großstadt, der sie ihre besten Kräfte abgibt. Kalt und ungastlich ist es fast an jedem Herde geworden. Hier bringen auch die besten Tonwerke keine Harmonien hervor. Irgend ein Gassenhauer, wild und gehackt, eine beliebte Nummer aus dem Varieté deckt in der Regel das Bedürfnis nach musikalischen Genüssen. Bachs gravitätische Gavotten, ein liebliches Adagio Mozarts, eine Sonate Beethovens sind im Hause der Disharmonien bloßer Lärm. Verständnis und Pflege guter Musik sind ebenso sehr Sache des gebildeten Geschmacks wie gute Manieren und vorteilhafte gesellschaftliche Haltung. Also Teil der persönlichen Kultur, die auch in der häuslichen Umgebung und in allen Dingen, die im Bereich der Persönlichkeit liegen, zum Ausdruck kommt. Man sollte glauben, daß ein feines Gefühl für die Ästhethik der Farben und der Formen von vorneherein die Bedingungen zum Verständnis edler Musik besitzen müßte. In einem Hauswesen, wo die edle Farbe herrscht und die edle Linie, und der Sinn, der aus dem Zweckmäßigkeitsprinzip des Alltags die Schönheit abzuleiten weiß, wird man in der Regel auch gute Musik antreffen. Denn ein gemeinsamer künstlerischer Grundzug führt von der sichtbaren Harmonie auf die hörbare. Eine nach vernünftigen modernen Grundsätzen eingerichtete Stadtwohnung braucht aus bloß ästhetischen Grundsätzen durchaus kein eigenes Musikzimmer zu besitzen, abgesehen davon, daß Raum und Mittel hiefür selten bereitstehen. Es wird mit den äußeren Merkmalen unserer mit edlem Geschmack eingerichteten Wohnung nicht im Widerspruch stehen, wenn wir im Speisezimmer oder im Raume, den wir gewöhnlich Salon nennen, den unsterblichen Werken der höheren Tonkunst lauschen und in einem dieser Zimmer das Klavier und den Notenschrank aufstellen. Aber da sind wir schon in arger Verlegenheit. Das Klavier in seiner heutigen ungeheuerlichen Form paßt zu den schlanken, raumsparenden Möbeln noch viel weniger als es zu den altdeutschen oder sonstigen »stilgerechten« Einrichtungen gepaßt hat. Es verstellt in den verhältnismäßig kleinen Wohnzimmern den besten Raum, steht breit und sperrig da und zerstört jede irgendwie versuchte harmonische und zweckvolle Gliederung des Gemaches. Es ist überhaupt ein Möbel, das, zwar, wenn seine Seele ausklingt, der mächtigsten, erschütterndsten und himmlischesten Wirkungen fähig ist, in seiner äußerlichen Erscheinung ein wahres Scheusal genannt werden muß, das wegen seiner höchst unpraktischen Form am allerwenigsten als eigentliches Hausinstrument gedacht zu sein scheint. In den Zeiten, da Schubert am Klavier saß, da hatte dieses Instrument eine Form, die mit dem übrigen bürgerlichen Hausrat im Einklang stand. Es hatte eine schmächtige, zierliche, fast elegante Form und fiel nirgends plump aus dem Rahmen der gesamten Wohnungskunst, wie es das heutige tut. Es wuchs sich selbständig und unabhängig aus und gewann solcherart seine umfangreiche, wenig ansprechende Form. Die Klavierfabrikanten haben bis heute wenig Lust gezeigt, sich mit ihren Klavierformen der neuen Bewegung, welche im Hause so durchgreifende Veränderungen herbeigeführt hat, anzuschließen und ein bischen darüber nachzudenken, ob man nicht durch eine veränderte Konstruktion zu gefälligeren, zierlicheren Gehäusen gelangen könnte. Vor dem Koloß eines Klavieres heutiger Konstruktion steht auch der genialste Entwurfskünstler in Verlegenheit da, er weiß sich nichts anzufangen. Baut er ein Gehäuse, das der einfachen strengen Linienführung des heutigen Möbels entspricht, so sieht es womöglich noch sperriger und ungeheuerlicher aus. Der schottische Künstler Mackintosh hatte einem Kunstfreunde ein Musikzimmer eingerichtet und es mit allen Finessen einer raffinierten Künstlerschaft ausgestattet. Als dekoratives Motiv dieses ganz in Weiß gehaltenen Raumes war eine symbolische Darstellung »der sieben Prinzessinnen«, aus Maeterlincks mystischem Märchenspiel verwendet. In einem wundersamen Linienklang kehrt dieses Motiv an allen Teilen wieder als Paneele, als Verkröpfung an den Holzteilen, am Kamin, an den hohen Stühlen, am Fenster, am Klavier. Alles ist Musik, sichtbare Musik in dem eigenartigen Raum, der in mattem Elfenbeinweiß strahlt, darin da und dort färbige Stücke eingesetzt sind, die in ihrer dekorativen Linienfassung wie seltsame Märchenaugen aussehen und in dem toten, starren Material ein geheimnisvolles Leben erwecken, als ob draußen der leibhafte Prinz stünde und mit bangen, sehnlichen Blicken durch die Scheiben ins Gemach sähe, wo wie bleiche schöne Schatten die Prinzessinnen schlafen, wie der Wohllaut, der in den Saiten schläft, angstvoll gehütet, daß kein Mißton von draußen ihr zartes Leben mordet.

Wenn ein Künstler sein Bestes getan hat, ist es nicht seine Schuld, daß es trotzdem unverhältnismäßig hoch und breit und störrisch dasteht. Klaviere sind einmal so. Man müßte, um einmal die wohltemperierte Klavierform zu finden, sich einmal an George Logan in Greenock (Schottland) wenden, von dem aus der Turiner Ausstellung 1902 ein Musikzimmer bekannt ist, das uns der Künstler zwar nur als Aquarellbild zeigen konnte. Aber es genügt, um den Traum eines Künstlers kennen zu lernen. Eine heitere, kindlich fröhliche Mozartstimmung herrscht in dem Raum, über den Teppich schreitet man wie auf einer blumigen Au, an den weißgetäfelten Wänden stehen in hohen Vasen Blütenzweige, die einen Frühling ins Gemach zaubern, und man mag es glauben, daß hier die Töne hell und lustig fliegen wie muntere Spielbälle. Zwei sitzen am Klavier, wahre Blumenerscheinungen, und das Klavier, aus Ebenholz mit sparsam verteilten hellen Einlagen ist von ganz idealer Erscheinung. Zart und einfach gebaut, fügt es sich harmonisch in den Raum ein. Hier stört kein Mißton, auch kein sichtbarer. Ist es auch nur ein Künstlertraum, so mag, da er greifbare Formen gefunden, die Möglichkeit nicht fern sein, daß er ganz reale Wirklichkeit werde, wofern die Klavierfabrikanten wollen. In bürgerlichen Wohnungen wird man sich mit einem Pianino begnügen müssen, die bereits ganz moderne Formen, ohne jeden Stilschnörkel aufweisen.

Wenn Sie aber Lust und Mittel haben, ein eigenes Musikzimmer einzurichten, dann versagen Sie sich jedwede ornamentale Ausstattung, denn die bedarf, wenn die Sache nicht plump und aufdringlich werden soll, eines höchst delikaten, künstlerischen Geschmackes, der zu den größten Seltenheiten gehört. Vermeiden Sie also jeden Zierrat, dulden Sie selbst keine Musikerbüsten oder Porträts, denn sie tragen zur musikalischen Stimmung nichts bei, sie stören viel eher. Bringen Sie lieber eine harmonische Wirkung durch die kunstreiche Anwendung von Form und Farbe hervor und wirken Sie dadurch im Äußeren musikalisch. Auch hiebei wird sich zeigen, daß in der Beschränkung die Meisterschaft liegt. Halten Sie den Musiksalon bloß in ganz einfachem, edlem, elfenbeinartigem Weiß, ohne jedweden Dekor, und stellen Sie nichts hinein als ein schwarzpoliertes Piano, ein schwarzpoliertes Notenschränkchen, einige Blütenzweige in Vasen und denken Sie sich in diesem Raum eine schöne Stimme, ein paar kunstreiche Hände, die starke goldene Töne ums Haupt winden, und Sie werden in diesem Raum unbeirrt und von keinem fremden Eindruck abgelenkt, wahre Feste in Moll feiern.

Schlafzimmer u. Bad.

Was für die Vorfahren das Schlafzimmer bedeutete, davon können wir uns nach den heutigen Wohnungszuständen keinen rechten Begriff machen. Das Schlafzimmer galt so ziemlich als der Hauptraum des Hauses. Es sah aus wie ein Thronsaal. Das mächtige Bett, zu dem seitlich Stufen emporführten und das baldachinartig überwölbt war, stand, mit dem Kopfende an der Wand, mitten im Raum. Im Zeitalter der Gothik und der Renaissance gab die Kunst ihren Segen dazu, wundervolle Schnitzereien finden sich selbst an den Betten bürgerlicher Häuser vor. Im siebzehnten Jahrhundert vollzieht sich ein guter Teil des gesellschaftlichen Lebens im Schlafzimmer. Es ist Toilettenzimmer, Wohnraum, Empfangsraum, Speisezimmer, sogar Küche, wenigstens für die leichteren Speisen. Die Französin hatte ihr Paradebett, sie empfieng den großen Besuch im Bette liegend oder sich ankleidend. Der Barockstil hat darum auch keine anderen Möbel ausgebildet, als das Himmelbett, den Schreibtisch, der nach unten zu Wäscheschrank ist, und oben als Glasschrank Thee- und Kaffeeservice enthält, das Sopha und die gepolsterten Stühle und das alles in Formen, die für unser heutiges wahres Sein unverwendbar geworden sind. Sie gehören der Historie an. Zur Zeit des Empire, um 1800, glich das Schlafzimmer einem Tempel. Die Antike hatte es allen angetan. Man wollte frei sein von der Überlieferung und geriet unversehens in die ärgste Sklaverei. Das Schlafzimmer sollte nicht wie ein Schlafzimmer aussehen. Menschliche Notwendigkeiten galten als durchaus unästhetisch. Es war die Zeit der Götterpose. Das Bett fand häufig in einem Alkoven Platz, dessen Front ein griechisches Tempelfries trug oder es war reich und kunstvoll drapiert. Sinnreiche Symbole deuteten an, daß hier Aphroditens geweihte Stätte sei. Das Nachtkästchen erhielt die Form eines Opferstockes. Der Waschtisch war als Altar der Reinigung gleichfalls als Opferstätte charakterisiert. Der praktisch bürgerliche Sinn der Biedermeierzeit vertrug diesen ästhetischen Ballast nicht. Er reduzierte die Formen auf das konstruktiv Notwendige, schuf sie nach seinen leiblichen Bedürfnissen um. Könige sind damals Bürger geworden, sie entflohen der Ungemütlichkeit der Schlösser und dem Druck der Repräsentation, um sich in der »Eremitage« wieder menschlich zu fühlen. Heute möchte der kleine Bürger wie ein König leben. Der Möbelspekulant ist der große Hexenmeister, der alle Illusionen geben kann. Alle Stilarten liefert er, die Gothik, die Renaissance, Barock, Rokoko, Empire. Nicht um das Sein handelt es sich, sondern um den Schein. Die Möbel sind darnach. Die Nutzräume treten zurück. Das Schlafzimmer ist die letzte, erbärmlichste Kammer. Mein Gott, die kleine Wohnung erlaubt es nicht anders! Und überhaupt! In’s Schlafzimmer kommt niemand hinein!