Die moderne Wohnung und ihre Ausstattung
Part 5
Ich meine aber durchaus nicht, daß man die Sache nachahmen dürfte. Sie ist nur deshalb sympathisch, weil sich in ihr überhaupt ein Gestaltungsgrundsatz geltend macht. Im Übrigen könnte man sehr viel Gegenteiliges einzuwenden haben, denn eine Sammlung von Kunstblättern gehört doch viel eher in die Mappe, die man nur in musenfreundlichen Stunden dem schönheitsuchenden Auge erschließt, und dann genügt dieses briefmarkenähnliche Aufkleben nicht mehr dem modernen Formsinn. Außerdem möchte ich der Gefahr begegnen, daß man meine Sympathie zugunsten jener wigwamartig mit Trophäen behängten Schauspielerwohnungen auslegt, wo die Wände über und über mit Photographien in protzigen Goldrahmen bepflastert sind, die das liebe Ich, von vorn und hinten gesehen und in allen möglichen und unmöglichen Lebenslagen variiert, möglichst aufdringlich zur Schau stellen. Diesem indianerhaften Zustand möchte ich nicht einmal den Schein eines freundlichen Arguments gönnen.
Kehren wir zu Biedermeier zurück und gestehen wir, daß die alte Ordnung, wo sie noch unverfälscht in den Räumen von anno dazumal vorhanden, recht artig aussieht. Im traurigen Gegensatz zu dieser Art Bilder zu hängen, haben die Durchschnittswohnungen in den heutigen Miethäusern kein Prinzip ausgebildet. Oder doch nur eines: nämlich die Löcher in der Wand zu verdecken. Beim Beziehen einer neuen Wohnung geben diese garstigen Löcher, mit Gyps verschmiert, aus der schmierigen Wandbemalung grell hervorstechend, der ratlosen Hausfrau die einzige und getreulich befolgte Auskunft auf die Frage: »Wie sollen wir die Bilder hängen?«
Und sind sie glücklich gehängt, gerade dort, wo der göttliche Zufall, der für die Löcher sorgt, sie haben wollte, dann freut sich Groß und Klein über die schöne Wohnung. Ich habe nichts so himmlisch und nichts so verderblich gefunden, als diese Anspruchslosigkeit. Als ich einmal über den ordinären Schund loszog, mit dem gewöhnlich die Wände der Durchschnittswohnung angefüllt werden, schrieb mir eine Dame: »Da haben Sie sich einmal gründlich blamiert! Sie dürften ganz gut wissen, wozu die Bilder gehören! Oder ist es schöner, wenn überall die Löcher hervorschauen? Glauben Sie vielleicht, daß sich jeder Erste Beste einen Böcklin kaufen kann? u. s. w.« Die zeitgemäße Dame, die mir so temperamentvoll widersprach, ahnte wahrscheinlich gar nicht, wie sehr sie mir recht gab. Der Aufschrei war sicher ein Beweis, daß ich den Finger auf eine Wunde gelegt hatte. Ich glaube wahrlich nicht, daß in ein derartiges Milieu ein Böcklin besser passen würde, als etwa eines jener fabriksmäßigen Ölbilder, die der Rahmenhändler als Draufgabe für einen geschmacklosen und lärmenden Goldrahmen liefert. Dagegen ist um dasselbe billige Geld gute und echte Kunst zu haben.
Für die Hängung der Bilder ist entscheidend, daß nicht die Wand die Hauptsache und das Bild der bloße hinzutretende Schmuck, sondern daß die Wand bloß Hintergrund und das Bild die Beseelung und Belebung der Fläche ist. Der Kunstfreund, der von diesem Grundsatze ausgeht, wird bei der Hängung seiner Bilder nicht leicht einen Mißgriff tun. Er wird die Wand als Hintergrund behandeln und sie daher so anspruchslos halten, als immerhin möglich. Die beliebten Tapetenblumen können der Bildwirkung immer nur schädlich sein. Er wird seine Wände entweder weißen lassen, was am schönsten ist, oder er wird sie in einfachen, ruhigen Farben halten und sich auf die ruhige Tonwirkung beschränken, die allerdings ein feines Farbengefühl bedingt. Und er wird staunen, welche Macht die sparsam verteilten Originalblätter der Reproduktionskunst auf diesem Hintergrund gewinnen können. Sparsam verteilt und in menschlich dimensionierter Höhe müssen sie gehalten sein, denn sie sollen die Wandflächen gliedern und mit ihrem Inhalt deutlich zu dem Beschauer sprechen.
Hier wäre es am Platze, ein Wort über den Rahmen zu sagen. Der Rahmen hat die Bedeutung einer Grenze, die die Welt des Bildes von der Umgebung abschließt. Er soll das Bild heben und daher selbst einfach und anspruchslos sein. Um das Bild zu heben, hat man außer Gold auch sonstige Farben versucht, die gute Wirkung haben, wobei freilich als Grundsatz zu beachten ist, daß es eine Farbe sei, die im Bilde nicht vorkommt und einen komplementären Gegensatz bildet. Der Form nach werden immer die geraden Leisten am besten sein; vor den verzierten Rahmen, die auf den Namen »Kunsthändler-Rahmen« lauten, ist durchaus zu warnen. Es wird oft die Frage aufgeworfen, ob man den weißen Rand an reproduzierten Blättern stehen lassen soll. Bei Radierungen, die den Plattenrand haben, ist der weiße Rand sicherlich von großer Berechtigung, in allen Fällen aber ist er an und für sich schon ein Rahmen. Man muß sich in diesem Falle begnügen, einen ganz schmalen, einfachen Holzrahmen herumzulegen, der ganz gut weiß sein kann, ja man braucht nur einen schmalen Streifen Papier um den Glasplattenrand umzukleben, um des vorteilhaftesten Aussehens gewiss zu sein.
Ich denke hiebei immer zuerst an die kleinere Wohnung in den Miethäusern, wo ja die Misère am größten ist und oft mit geringen Mitteln eine gewisse Schönheit erzielt werden könnte. Große Wohnungsverhältnisse, in Einzelwohnhäusern und Villen, wo der Luxus für einen ziemlichen Aufwand, wenn nicht notwendigerweise für Geschmack -- o, im Gegenteil! -- sorgt, kommen für uns zunächst nur in bedauernder Hinsicht in Betracht, daß sie kaum mehr, wie in früheren Zeiten, das große Wandbild aufweisen, das in Hallen, Loggien etc. seinen rechten Platz fände, und solche Wände, wenn das Bild etwa nach Art der alten Gobelins oder mit dem Geiste eines Puvis de Chavannes gemalt wäre, mit der bezaubernden und ungestörten Harmonie edler Linien und großer einfacher Farbenklänge erfüllen müßte. Solche Heimstätten müssten die eigentliche Pflegestätte des großen Ölbildes und der Wandmalerei sein.
Für die Durchschnittswohnung muß die Reproduktionskunst in den meisten Fällen genügen, wenn überhaupt auf Kunst Wert gelegt wird. Wird nach den gegebenen Anhaltspunkten verfahren, dann kann sich an den Wänden eine ungeahnte Schönheit entfalten. Um die Kunstwerke mit größerer Geschlossenheit zu vereinigen, wird in manchen Wohnungen in der Augenhöhe eine Holzverkleidung geführt mit regelmäßigen, rahmenartigen Ausschnitten, darin die Kunstblätter hinter Glas stehen und beliebig je nach dem Inhalt der Mappe ausgewechselt werden können. Der Kunstfreund ist solcherart stets im gegenwärtigen Genuß seiner Sammlung und kann den Turnus wechseln, so oft es ihm beliebt, von der feinen dekorativen Wirkung dieses Arrangements ganz zu schweigen. Ob man nun auf die eine oder andere Art vorgeht, dafür sich immer neue und interessante Gestaltungsmöglichkeiten in unseren modernen Ausstellungen lernen lassen, man wird sich bald auf einem höheren Niveau demselben Ideal nahe finden, das schon unseren Großvätern erstrebenswert schien, man wird nämlich ein ganz bestimmtes Verhältnis zu dem Bilderbesitze mit einer klaren dekorativen Absicht zu verbinden wissen. Diese feine Lehre liegt im dunklen »Turmalin« und in manchem alten Räume, darin die Ahnenstimme lebt.
Die bildmäßig dekorative Verwendung anderer Materialien, wie etwa getriebene Paneele in Messing, Kupfer oder Silber, die Kachelschnitte, Mörtelschnitte, Mosaikbilder, Email und Perlmutter etc., die in die Mauer eingelassen werden, kann nur im eigenen Wohnhaus in Betracht kommen, wo der Kunst ein viel größerer Spielraum gegeben ist.
Das Porträt im Wohnraum.
Eine Stadt, die hunderttausend Einwohner hat, kann keine zwei Porträtmaler ernähren. Das gibt zu denken. Im Nebenzimmer hängt das Porträt der Großmutter. Sie sieht aus, wie in ihren besten Jahren, als Frau, da sie schon alle ihre Kinder gehabt hat. Acht an der Zahl. Wie gut sie aussieht! Die dunklen Haare sind in der Mitte gescheitelt und ziehen in schönem Schwung stark in die Schläfen herein. Das blaue Seidenkleid ist tief ausgeschnitten, ein feines Spitzentuch trägt sie darüber. Um den schönen Hals läuft eine neunfache Perlenschnur, vorne von einer großen Brosche zusammengehalten. Sie trägt die großen, aber ungemein fein und leicht gearbeiteten Ohrgehänge aus den Dreißiger- und Vierziger-Jahren und schön gefaßte Ringe: Topas, Amethyst und Chrysopras. Stundenlang könnte man sie ansehen. Wie schön sie ist! Überallhin folgen einem ihre Blicke. Stellt man sich links, rechts, in die Mitte, immer blickt sie einem an mit den braunen, klaren, gütigen Augen. Der Maler ist gar nicht bekannt. Aber das Bild lernt man lieben, und im Bilde die Frau. Bald hat sie einen unverlierbaren Platz in der Seele und lebt mit uns, obzwar sie längst tot ist. Im Leben haben wir sie nie gesehen. Ein Jugendbildnis ist noch da. Da war sie noch Mädchen, trug einen bebänderten Florentinerhut und weiße, duftige Tüllkleider. Ein Pastell, blaß und rührend anzusehen. Ausgebleicht, aber rosig umhaucht, wie verdorrte Rosen. Das war eine kunstfrohe Zeit, Großmutters Jugendtage. Aus allen Familien sind uns von damals Bildnisse überliefert, Ölporträts, Pastelle, Lithographien, Miniaturen, von Daffinger und Genossen auf Elfenbein kunstreich gemalt. Dieselben Personen meistens in den verschiedensten Lebens-Epochen dargestellt, Grillparzer, die Fröhlichs, Schubert, all die Großen ihrer Zeit, noch aus ihren unberühmten Tagen, was das Bemerkenswerte ist. Von den Bildnissen Unberühmter, die nur Familienwert haben, gar nicht zu reden. Diese ganze Kunstblüte ist untergegangen.
Auf hunderttausend Einwohner kommen heute keine zwei Porträtmaler. Wie werden wir unseren Enkeln im Gedächtnis bleiben! Wird unser Bild in ihren Seelen leben, gegenwärtig sein, mitwirkend in ihrem Tun und Lassen, geliebt und verehrt wie unsere selige Großmutter? Wir lassen uns photographieren. In einer Anzahl von Jahren ist die Photographie verblaßt, ausgeblasen, unkenntlich, eine Fratze. Vielleicht heben sie die Nachkommen auf, vielleicht! Aber ansehen tut man sie nicht, zeigen noch weniger. Es ist unerquicklich. Name sind wir dann, leerer Schall. Und dann erst wirklich gestorben. Liebe Großmutter, du lebst! Nein, wir lassen uns auch porträtieren. Wir gehen in eine große photographische Anstalt, wo viele junge Maler im Taglohn angestellt sind, und bestellen das »Porträt«. Es ist zwar nur ein photographischer Grund, aber schön angefärbelt. Sehr süß und schmeichelhaft, als ob wir nicht Menschen, sondern Porzellanpüppchen wären. Aber es gefällt den Leuten, und es ist modern. Darum tut es nichts, daß dieser Schund siebzig bis achtzig Gulden kostet. Meistens soll es eine Überraschung sein, ein Geschenk für die Frau des Hauses, für den Ehegatten. O Glück! O Wonne! Alles ist Festfreude. Am Geschenk darf man nicht mackeln, darum wird der kritische Verstand beizeiten totgeschlagen, wofern er überhaupt da war. Zum Schlusse liebt man, was man hat, und sieht nur das sündhafte Geld darin, das es gekostet hat.
Für dasselbe Geld bekommt man auch ein gutes Porträt. Man wende sich an die Akademie, an die Kunstvereine, an die jungen, fertigen Künstler. Die gehen mit Feuereifer daran, sie brauchen nicht mehr unwürdige Arbeit tun, Bilderbogen kolorieren, Nikolo und Krampusse für den Christkindlmarkt fabrizieren, um das Leben zu fristen. Alle Porträtmaler hätten auf einmal zu tun. Und in jedem Hause könnten ein paar Bildnisse sein, die einen wahren Familienschatz bilden.
Aber dem steht manches entgegen. Leider zum Teil die jungen und fertigen Künstler selbst. Die sind betört durch das Riesenphantom, das »Künstlerpreis« heißt, den die Künstler von Ruf zu erzielen pflegen. »Warum sollten wir nicht auch -- -- --?« Kommt man in eine von jungen Künstlern veranstaltete Ausstellung, fällt nichts so sehr auf als die hohen Preise. Es ist ein offenes Geheimnis, daß dieselben Bilder um tatsächliche Kaufbeträge erhandelt werden, die zwergenhaft sind im Vergleiche zu den verlangten Riesensummen. Mehrstellige Künstlerpreise kommen mit dem steigenden Ansehen und Alter von selbst. Während unsere Künstler darben, sind beispielsweise die französischen Maler das Verkaufen gewöhnt. Das machen die billigen Preise.
Und dann die Leute. Die sagen, die Photographie tut denselben Dienst. Das ist nicht wahr. Die Photographie gibt zwar alle Einzelheiten genau wieder, aber rein äußerlich, auf chemisch-mechanische Weise. Darum hat sie immer etwas Mechanisches, Seelenloses. Ich finde es ganz begreiflich, daß Leute die gelungenste Photographie mit den Worten zurückweisen: »Das bin ich nicht!« In den photographischen Ateliers kommt das täglich vor. Nicht wie wir im Auge des leblosen mechanischen Apparates uns darstellen kommt es an, sondern darauf, wie wir im Auge des Menschen erscheinen. Darauf ist unser Empfinden, ja unser ganzes Sein gestellt. Darum kann die Photographie nie die Geltung eines Porträts haben.
Da gibt es Leute, die behaupten, die Bildniskunst sei die niedrigste Gattung der Malerei. Es ist gelegentlich schon geschrieben worden. Es ist gesagt worden, daß es eigentlich recht widerwärtig sein müsse, täglich fremde Augen, Ohren, Nasen zu malen, nichtssagende Gesichter, die dem Maler doch langweilig und gleichgültig sein müssen. Da tut er eben seine Pflicht, schafft treu und fleißig wie ein Handwerker, und was derlei Aussprüche mehr sind.
Ich habe immer eine heimliche Sehnsucht gehabt, Porträtmaler zu sein. Bildniskunst, sie ist der Gipfel der Malerei. Ich habe die ganz klare Empfindung, daß ein Maler, der Künstler ist, nichts malt, was ihm gleichgültig ist, daß er Psycholog genug ist, um in jedem Antlitz einen Schimmer Seele zu entdecken, und daß er den Pinsel nicht eher anrührt, bis er sich über den inneren Menschen klar geworden. Denn das ist seine Kunst, daß er den Menschen nicht wie die Photographie in der äußerlichen Zufälligkeit des Augenblicks darstellt, sondern dessen innere Züge ergreift und den Charakter mit allen seinen Möglichkeiten offenbart. Diese innere Ähnlichkeit ist künstlerisch wichtiger als die bloß äußere. Ihm werden die feinen Linien und Fältchen des Antlitzes, die der ungeschickte Photograph, der schmeicheln will, mit Vorliebe wegretouchiert, besonders kostbar sein, und er wird das Auge, das wir immer zuerst suchen, wie den Weg zur Seele, als wichtigste Offenbarungsquelle behandeln. Das Porträt ist Geschichtsmalerei im höchsten Sinne. Nicht allein für den Maler ist die Sache interessant, auch für den Besteller. Der weiß, der Künstler malt aus innerer Anschauung heraus, also das Bild, das er in seiner Seele von ihm gewonnen hat. Er malt ihn, wie wir im Auge des Menschen erscheinen. Es liegt darin etwas, das uns allen sehr nahe geht. Das Auge des Nächsten ist in Wahrheit unser Wächter. Der einsame Mensch verwildert. Unsere gesellschaftliche Kultur ist auf das fremde Auge gestellt. Sie spitzt sich im Kerne auf die unausgesprochene Frage zu: »Werde ich gefallen?« Das Maßgebendste aber wird sein, wie uns der Künstler mit seinen verfeinerten und verschärften Sinnen auffaßt. Er wird uns mit keiner Wahrheit verschonen. Wir werden in seiner Darstellung nicht aussehen wie im stumpfen Alltag, sondern wie an einem Festtage des Lebens, etwa in seinem höchsten Augenblick, in dem sich unser verborgenstes Wesen zum stärksten Ausdruck sammelt.
Kann das die Photographie leisten?
Ich habe von der Großmutter keine Photographie, das gab es zu ihrer Zeit noch nicht. Angenommen, es gäbe eine solche, und ich besäße nichts von ihr als diese Photographie, so würde sie wirken wie erblindete Spiegel. Die Großmutter wäre sodann nie für mich gewesen. Die Bildniskunst hat mich verehren gelehrt.
Plastik im Zimmer.
Eine edle Plastik im Zimmer zu haben, ist immer eine Angelegenheit kunstfroher Geister. Die Porträtplastik kommt im Hause zur hervorragenden Geltung. Ebenso wie die nach dem Leben gearbeitete Medaille. »Bloß zu beider Art Monumenten kann ich meine Stimme geben«, sagt Goethe. »Was hat uns nicht das fünfzehnte, sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert für köstliche Denkmale dieser Art überliefert, und wie manches Schätzenswerte auch das achtzehnte! Im neunzehnten werden sich gewiß die Künstler vermehren, welche etwas Vorzügliches leisten, wenn die Liebhaber das Geld, das ohnehin ausgegeben wird, würdig anzuwenden wissen. -- Leider tritt noch ein anderer Fall ein. Man denkt an ein Denkmal gewöhnlich erst nach dem Tode einer geliebten Person, dann erst, wenn ihre Gestalt vorübergegangen und ihr Schatten nicht mehr zu haschen ist. Nicht weniger haben selbst wohlhabende, ja reiche Personen Bedenken, hundert bis zweihundert Dukaten an eine Marmorbüste zu wenden, das doch das unschätzbarste ist, was sie ihrer Nachkommenschaft überliefern können. Mehr weiß ich nicht hinzuzufügen, es müßte denn die Betrachtung sein, daß ein solches Denkmal überdies noch transportabel bleibt und zur edelsten Zierde der Wohnung gereicht, anstatt daß alle architektonischen Monumente an den Grund und Boden gefesselt, vom Wetter, vom Mutwillen, vom neuen Besitzer zerstört und, so lange sie stehen, durch das An- und Einkritzeln der Namen geschändet werden«.
Fünfzig Jahre später lebte noch ein Abglanz dieses überragenden Geistes. Die Großelternzeit lebte in Goethe. Vom idealen Zimmer Adalb. Stifters wurde schon erzählt. Ein Fernrohr durfte nicht fehlen, denn das ist die Art der Dichter, daß sie immer wie durch Fernrohre sehen. In die Zukunft hinein. Da ist die Rede von weißen ruhigen Marmorbildern alter Zeit, die den Gipfel seiner Wünsche bilden.
Die Wiener Kunstwanderungen erschlossen die Wohnungen, die den Kunstsinn der letzten zwanzig bis dreißig Jahre offenbarten. Die Sache war lehrreich genug. Von wirklich edler Plastik war wenig zu sehen. Kaum hie und da eine Porträtplastik. Dagegen hatte die Galvanoplastik einen breiten Raum. Man denke Michel Angelos’ Moses in einer elektro-chemischen Wiedergabe, natürlich gegen das Original gemessen aufs winzigste verkleinert, einem Tafelaufsatze nicht unähnlich. Gypsstatuen mit Goldbronze belegt, standen umher. Jeder Sinn für Echtheit ward verleugnet. Es war die Art, wie man in der Zeit des Parvenü- und Protzentums die Kunst verstand und pflegte. Der ganze Götterhimmel, der den Bildungsbezirk des Großbürgertums umstand, hatte eine Wendung ins Operettenhafte gemacht. Soweit Offenbach’s »Schöne Helena« von der Iliade entfernt ist, soweit entfernt sich der Kunstverstand des Mrs. Jourdains anno 1870 von der Erkenntnis Michel-Angelesker Größe.
Heute ist das Kunstgewissen weiterer Kreise wieder empfänglicher geworden. Man lächelt über die Geschmacklosigkeiten unserer jüngsten Vergangenheit. Man sagt sich wieder, das plastische Kunstwerk muß sich in den Raum einordnen, soll an bedeutsamer Stelle steh’n, einen Augenruhepunkt bilden und dem prüfenden Blick standhalten können. Nachbildungen von räumlich größeren Kunstwerken sind durchaus verwerflich. Größere plastische Werke haben im Wohnraum nicht Platz, sie fallen aus dem Rahmen, sie stören die Harmonie empfindlich, wenn sie mit der räumlichen Umgebung nicht im Einklang stehen. Die Kleinplastik nahm in den letzten Jahren einen großen Aufschwung. Sie liefert den plastischen Schmuck unserer Wohnung, wofern es nicht auch eine gute Porträtplastik sein kann. Aber was die Bazare an kleinplastischem Schmuck liefern, ist selten von künstlerischem Wert, meist nur süßliche allgefällige Publikumsware. Man gewöhnt sich also schon allmählich daran, zum Künstler selbst zu gehen, wie es in den besten Kunstjahren war. Man braucht den Zwischenhändler nicht, der ja niemals künstlerische Interessen, sondern nur Handelsinteressen hat, oft zum Schaden des guten Geschmackes. Der Bevormundung durch den unwissenden Verkäufer, der den ärgsten Plunder unter dem Schlagwort »Modern« oder »Sezzessionistisch« den Kunden aufschwatzt, hat sich das deutsche Publikum noch nicht zu entziehen gewußt. Irgend ein einzelner Gegenstand ohne Kunstwert, in irgend einem Laden gekauft, kostet meistens ebensoviel, als ein kleines Originalwerk im Atelier. Die Segnungen einer solchen Kunstfreude würden nicht lange ausbleiben und ihr erster Erfolg wäre der, daß Leute, die nicht in der Lage sind, solche Kunstsachen zu besitzen, den häßlichen Plunder der Bazare, der fälschlich für Wohnungsschmuck ausgegeben wird, lieber nicht aufstellen, und wenigstens durch diese Enthaltsamkeit die erfreulichen Zeichen eines gesunden Geschmackes geben, anstatt durch lächerliche Surrogate das peinliche Gefühl wachzurufen, daß das Gewollte doch ganz anders sein müßte.
Junggesellenheim u. Herrenzimmer.
Das Studium alter Kulturen hat uns gelehrt, daß je erhabener die Kunst, desto größer die Einfachheit war. Wenn wir wollen, daß die Kunst ihren Ausgangspunkt in dem Hause nehme, dann müssen wir aus unseren Häusern alle überflüssigen und störenden Gegenstände fortnehmen, den sogenannten Luxus, den Komfort, der in Wirklichkeit gar kein Komfort ist, weil er nur unnötige Plage macht und für nichts gut und nützlich ist. Der wirklichen Gebrauchsgegenstände sind verhältnismäßig wenige. Wenden wir uns einmal an die kleinste Wohnung, die von einer alleinstehenden Person bewohnt wird, an das sogenannte Junggesellenheim, so finden wir in der Regel ein einziges Zimmer, in dem geschlafen und gearbeitet wird, wobei eine Arbeit vorausgesetzt ist, die nicht viel Unordnung verursacht. Wir finden darin einen Bücherschrank, der eine Menge Bücher enthält, ein Bett, das mit weißen weichen Leinenvorhängen, die mit Aufnäharbeit versehen, abnehmbar und waschbar sind, verschlossen ist, und bei Tag, wenn die Vorhänge, die in metallenen Ringen laufen, zurückgezogen sind, als Divan benützt werden kann. Das Nachtkästchen, wie ein einfaches Schränkchen gebaut, dient bei Tag als Bücherablage, als Ständer für Vasen und Rauchzeug. Dann ein Tisch, der sicher steht, um daran zu schreiben oder zu arbeiten. Mehrere Stühle, die sich leicht von einem Ort an den anderen bringen lassen, ein Kleiderschrank mit Schubkästen für Wäsche und derlei, und solche Bilder und Stiche, als es die Mittel erlauben, ja keine Lückenbüßer, sondern wirkliche Kunstwerke, was heute unschwer für wenig Geld zu haben ist; auch eine oder zwei Vasen gehören hieher, um Blumen hineinzutun, namentlich wenn man in einer Stadt lebt. Ein Ofen gehört natürlich ins Zimmer, aber man zieht einen kleinen Gaskamin vor, der, artig von einem Holzgehäuse umgeben, an seinem Bord allerlei, Gegenstände der Kleinkunst aufzunehmen geeignet ist.