Die moderne Wohnung und ihre Ausstattung

Part 4

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Es war eine geistreiche Dame, die bei einem Diner, das sie für eine große Gesellschaft veranstaltete, folgendermaßen verfuhr: Nach dem Grundsatze, den die Römer schon kannten, daß eine Tischgesellschaft nicht weniger als die Zahl der Grazien und nicht mehr als die Zahl der Musen betragen sollte, verteilte sie die zahlreichen Gäste an ebensoviele Tische als nötig waren, um die gesegnete Zahl herzustellen. Und sie stimmte jeden Tisch auf eine andere Farbe. Sie hatte sich mit den Damen ins Einvernehmen gesetzt, und sie mußten ihre Toilette der Farbe ihres Tisches anpassen. Selbst die Tischtücher mußten Farbe bekennen, und man sah die ganze Skala des Regenbogens vertreten, ja sogar ein schwarzes Tischtuch war vorhanden. Die Blumen wurden dementsprechend gewählt und verteilt. Die geistreiche Dame hatte von ihrer meisterhaften Anordnung eine außerordentliche Wirkung erwartet und die Wirkung war außerordentlich. Sie war nämlich außerordentlich geschmacklos. Sie war so geschmacklos, daß man wirklich sehr geistreich sein muß, um dergleichen einmal begehen zu dürfen. Sie hat es sicherlich nicht wieder getan. Die feine Lehre war daraus zu ziehen, daß für das Gedeck nur eine Farbe existiert, die den Glanz der Frische und der Appetitlichkeit gewährt, das festliche Weiß, als der richtige Grundton, davon sich das Silber, Krystall, Porzellan und die freudigen Farben der Blumen schön und erquicklich abheben und zugleich ein Schmaus für das Auge sind. Die ästhetische Befriedigung ist ein wesentlicher Bestandteil der Tafelfreude. Nebst dem feinen weißen Linnen, das manche Frauen, wie namentlich in früherer Zeit, hüten wie Silber, ist es die Blume, welche dem gedeckten Tisch den Adel künstlerischer Schönheit verleiht. Wie bei allen Dingen, kommt es auch hiebei nicht auf die Kostbarkeit oder Seltenheit der Blumen an, sondern auf die Art, wie sie verwendet werden. Gerade unsere einfachen heimischen Blumen, mit schlichter Treuherzigkeit Bauernblumen genannt, können, klug gebraucht, zu den feinsten Wirkungen gebracht werden, und man erinnere sich nur daran, was Lichtwark über den Löwenzahn als Tischblume sagt. Der vielverachtete Löwenzahn, der den ganzen Tisch auf Gelb stimmt, könnte eine unvergleichliche Tischblume abgeben. Mit gelben Blumen näht die Hausfrau gerne ihren Tischläufer aus, und eine unbewußte Anerkennung liegt darin, daß Gelb auf weißem Tischzeug besonders schön steht. Aber gerade hier ist viel Takt in der Anwendung erforderlich. Streublumen sind sehr beliebt, aber sie sehen alsbald welk aus, verursachen häßliche Flecken und eine krause Unordnung am Tisch, die ihr freundliches Aussehen von früher bald ins Gegenteil verwandelt. Ein Künstler hatte den glücklichen Einfall, die Schnittblumen in kleinen würfelartigen Glasgefäßen, die in regelmäßigen Abständen eine Reihe in der Mitte des Tisches bildeten, aufzustellen, und er hat damit das Rechte getroffen. Heute bekommt man zu diesem Zwecke kleine Glasgefäße mit dreieckiger Basis, die man in beliebiger Weise zu Gruppen mit hoch- und kurzstengeligen Blumen vereinigen kann. Hohe Blumen- und Fruchtaufsätze, welche die einander gegenübersitzenden Personen den Blicken entziehen, haben sich als unzweckmäßig und geschmacklos überlebt.

Die Reform des Tafelgedeckes beginnt schon bei der Serviette. Sie hat heute noch eine Form, die ihre Gebrauchsart längst überlebt hat. Kein Mensch von Lebensart wird sie heute noch mit einem Zipfel unter dem Kinn in den Kragen stecken. Man legt sie heute einfach über den Schoß. Die zweckentsprechende Form sollte demnach jene sein, welche etwa das Handtuch besitzt: ein längliches Rechteck. Daß die Serviette weich und lind sei, wird zwar in der Theorie immer verlangt, aber die Praxis kennt nur damastene Servietten, die anfangs bocksteif sind und nach längerem Gebrauch abhaaren. Die Zeiten sind wirklich vorüber, wo Linnen dem Silber gleichgestellt war.

Über das Glas wäre manches zu sagen. Gewöhnlich sitzt das Glas wie ein Blumenkelch auf hohem dünnen Stengel, was zwar anmutig anzusehen, aber in sehr hohem Maße unpraktisch ist. Erstens wird die Standfestigkeit gering, bei leiser Berührung fällt das Glas um, und zweitens ist der Stengel beim Reinigen allzuleicht abzudrehen. Aber auch dickes Glas ist nicht zu empfehlen, weil nicht gut daraus zu trinken ist. Zwischen Lippe und Flüssigkeit soll sich so wenig Glaswand befinden als immerhin möglich. Aus dieser Voraussetzung ergibt sich die organische Form des Trinkglases von selbst; es müßte einen starken, feststehenden, starkwandigen Fuß und Stengel haben und müßte gegen den Rand ganz dünn verlaufen, um als angenehmes Glas empfunden zu werden. Handsam soll das Glas sein und mundgerecht. So einfach die Lösung scheint, ich habe ein solides Glas noch nicht gefunden.

Dem Glase steht das Porzellan zunächst. Ich weiß, daß die meisten Leute buntbemaltes Geschirr lieben. Es macht zwar nicht viel aus, ob das Geschirr bemalt ist oder einfach weiß, nur ist zu bedenken, daß die Bemalung häufig Schäden des Porzellans verdecken muß. Reliefartiger Dekor am Tellerrand ist im höchsten Grade unzweckmäßig, aber alles Unzweckmäßige ist am häufigsten anzutreffen. Ganz weißes Geschirr ohne bunte Streifen ist sehr vornehm in der Wirkung, aber merkwürdigerweise selten im Gebrauche zu finden.

Und nun das Silber. Es ist ja heute noch der Stolz jedes wohlhabenden Hauses, der wohlgehütete Schatz, den man nur zu besonderen Festtagen oder zu Ehren eines Gastes zu verwenden wagt. Die Silberlöffel im Alltag zu gebrauchen, würde der Mehrzahl der Hausfrauen als beispiellose Verschwendung erscheinen. Ich weiß wirklich nicht aus welchem Grunde. Gerade für den Alltagsgebrauch ist echtes Edelmetall wie Silber allein zu verwenden, weil es widerstandsfähiger und sauberer zu halten ist als billiges Zeug, das oftmals erneuert werden muß, immer übel aussieht und zuguterletzt viel höher zu stehen kommt als Silber. Der wahrhaft ökonomische Sinn wird sich immer nur des letzteren bedienen. Gewöhnlich aber ist für die Hausfrau das Silberzeug bloß Gegenstand des platonischen Genusses, ohne weiteren Daseinszweck, als »still im eigenen Glanz zu ruhen«, und als Brautgeschenke gefühlsame Erinnerungen der Hausfrau zu bewahren. Den Kranz so frommer Tugenden aber wollen unsere ungeweihten Hände nicht zerreißen. Sprechen wir lieber von der Form, die das Silberzeug erhalten hat. Die Liebe der Künstler hat sich ja dem Silber in besonderem Maße zugewendet, und gerade in den letzten Jahren ist viel an dem Tafelbesteck probiert worden. Bei der heutigen Art, Messer und Gabel leicht zu halten, hat das Besteck auch jene Leichtigkeit und Zierlichkeit erhalten, die man ihm wünschen mag. Jedermann hat sich schon über die Gabel geärgert, die absolut keine Sauce fassen will. Als aber Oberbaurat Otto Wagner sein Reformbesteck ausstellte, gab es dennoch eine kleine Erschütterung. Man ist die alte Form schon so gewöhnt, daß die wenigsten Menschen einsehen wollen, daß es da noch etwas zu reformieren gibt. Da gab aber eines Tages ein einarmiger General den Anstoß zu einer Revolution. Der wollte eine Gabel, mit der er nicht nur spießen, sondern auch schöpfen und nötigenfalls auch schneiden konnte. Die Gabel wurde gefertigt; sie besaß eine flache löffelartige Form mit drei kurzen Zinken, so daß man damit bequem spießen und zugleich Sauce fassen konnte.

Diese Gabel ist sicherlich der reformierteste Teil des Reformbesteckes. Sie dürfte allgemeine Annahme finden, denn auch von der hygienischen Seite her ist ihr Angenehmes wegen ihrer leichten Reinbarkeit nachzusagen.

In den Ansprüchen, die wir in ästhetischer Hinsicht an den Eßtisch stellen, prägt sich ein guter Teil unserer Erziehung und unserer persönlichen Kultur aus. Die Mahlzeiten sind Feste des Leibes, die bei Homer, der von seinen Helden getreulich berichtet, wann sie die Hände zum lecker bereiteten Mahle erhoben, eine Art fröhlicher Gottesdienst werden. Der Adel der Form kommt später hinzu. Es genügt dem Kulturmenschen nicht, daß das Mahl lecker bereitet sei. Die schöne Form ist nicht zu entbehren. Sie ist das halbe Essen. Die ästhetische Forderung wird geradezu zur körperlichen. Eine gewisse absolute Schönheit des Eßtisches hat sich herausgebildet, die sich mit Einfachheit wohl verträgt und die nur eine Verschiebung hinsichtlich der Kostbarkeit verträgt. Diese ist aber sicherlich zu entbehren. Eine Sehnsucht nach Schönheit geht durch unser Zeitalter. Wenn nichts fruchtet, will man wenigstens »in Schönheit sterben«. Das ist gewiß sehr edel, aber anmutsreicher ist: »in Schönheit leben«. Und dazu gehört: »in Schönheit essen«.

Das Speisezimmer.

Vor Jahren sah es freilich noch anders aus. Wie es in den meisten Wohnungen heute noch aussieht. Altdeutsch war es, oder was man darunter versteht. Der Plüschdekorationsdivan trug die ach so bekannten Dekorationsteller. Die altdeutsche Kredenz war geschnitzt, zwar sehr roh und albern, aber im großen und ganzen trug das Möbel eine Façade wie ein italienischer Palazzo. Säulen waren an jedem Türchen, aber sie hatten nichts zu stützen. Sie waren angeklebt und bewegten sich mit der Tür auf und zu. Ich erzähle das nur, um auf den Widersinn einer solchen Ornamentik, die man an jedem derartigen Möbel finden kann, gebührend aufmerksam zu machen. Die anderen Einrichtungsstücke paßten dazu -- insofern waren sie wirklich »stilgerecht«. Der massive Speisetisch hatte unten eine kreuzweise Verspreizung, so daß man nie recht wußte, wie man die eigenen Beine unter dem Tische unterbringen soll. Es war zu wenig Platz, und sie auf die Verspreizung zu stellen, litt die Hausfrau nicht. Die üblichen Speisezimmersesseln standen herum, mit Sitzflächen aus Holz, das figurale Ornamente eingepreßt hatte, so daß man sich nicht niedersetzen konnte, ohne sich einer schönen Marke mitten ins Gesicht zu setzen -- herrlich! Natürlich war auch ein Pfeilerspiegel da mit Trumeau, dunkle Vorhänge, um alles in allem die beziehungsreiche, wurstrot- und sauerkrautfarbene Gesamtstimmung zu erzeugen, die seit einer Generation in Speisezimmern so beliebt ist.

Schlägt man die Tageszeitungen auf, so findet man spaltenlange Annoncen, darin solche Intérieurs angepriesen werden. Man mag daraus ersehen, daß sie noch immer ein Publikum finden, das diese Mühe und Kosten verlohnt.

Beim Stuhl begann die Revolution. Man verlangte, daß er Bequemlichkeit gewähre, und bestimmte die Sitzhöhe nach dem körperlichen Maß. Eigentlich hat man das auch in Goethes Zeiten getan und vielleicht schon zu Moses Zeiten, aber man hat seit der Zeit, da man fremde Stile kopierte, darauf vergessen. Die Querleisten zwischen den Beinen wurden als lästig empfunden und blieben weg. Dann kam die Lehne in Betracht. Hiebei ist die Atmung zu berücksichtigen. Geht die Lehne im Bogen, so muß sie unter den Schultern abschließen, sonst verursacht sie Atembeklemmungen. Geht sie höher, so schließe sie besser gerade ab. Doch soll sie möglichst niedrig sein, sonst bildet sie ein Hindernis beim Servieren. Von der Stuhlform hängt der Tisch ab. Die richtige Höhe ist bei Speisetischen sehr wichtig. Ausziehtische sind natürlich bevorzugt, wenn sie auf guten Rollen laufen. Die Zarge darf nicht so weit herabreichen, daß sie das Knie des Sitzenden beengt. Die Querstangen sind absolut zu vermeiden. Man hat neuestens den Tischfuß mit gehämmertem Messing umkleidet, darauf man unbekümmert die Füße stellen kann. Buffet, Teetisch, Serviertisch ergänzen das Mobilar. Das Ornament besteht höchstens in eingelegten Linien, im flachen Dekor. Glatte polierte Formen, die anmutige Reflexlichter erzeugen, den Glanz des Silberzeugs, die Weiße des Porzellans widerspiegeln, sind durchaus beliebt. Die Tafelaufsätze sind niedrig, einfach und zweckvoll. Den Hauptschmuck bilden die Blumen, auf der Tafel und am Fenster. Dort hängen keine Stoffgardinen mehr, die Rembrandtstimmung ist dahin, alles ist auf Luft und Licht und Farbe gestimmt, auf helle, freundliche Farben. Durchsichtige Gardinen, seitlich aufzuziehen, hängen in geraden Falten herab. Die Wände sind natürlich auch hell, keine Tapeten, keine Dessinierung. Perlgrau zum Beispiel. Das Möbelwerk gebeizt oder lackiert. Mahagoni ist schön und teuer. Rot gebeiztes Holz tut es auch. Stühle und Tisch in diesem Ton, dagegen die Buffets, die Kaminverkleidung, der Blumenständer etc. weiß lackiert. Das gibt einen schönen Akkord. Unter Kaminverkleidung verstehe ich die Umhüllung des Gaskamins, mit Fächern zur Aufnahme von allerlei Kleinkunst. Für den Bodenbelag findet man heute schon gutes und billiges Zeug in geeigneten Farben, entweder einfärbig oder gestreift oder sonst mit einem ruhigen Linienornament. Wo elektrisches Licht ist, hat man den Vorzug einer gleichmäßig verteilten Deckenbeleuchtung. Auch bei den Beleuchtungskörpern lasse man es nur auf reine Zwecklichkeit ankommen und verschmähe allen ornamentalen und figuralen Kram, der sich in dieser Form immer wieder anpreist. Erst wenn man von jedem Ornament absieht, wird man zu ruhigen, einheitlichen Wirkungen und zu einer stillen und vornehmen Schönheit gelangen. Wenn man einmal so weit sein wird, die Farbe zu würdigen, die ungebrochenen einfachen Farben, nicht die schmutzig aussehenden, dann wird man im Raum glückliche Ergebnisse erzielen, die man nur andeuten kann.

Der Salon.

Die Hausfrau, der stets die Sorge um ein standesgemäßes Heim am Herzen liegt, steht dieser Frage häufig ratlos gegenüber. Bei den anderen Räumen gibt es keine solchen Schwierigkeiten, deren Einrichtung ergab sich notgedrungen, aus dem Bedürfnisse heraus. Aber beim Salon -- das ist etwas anderes. Hier spricht das Bedürfnis nicht so laut; man wohnt nicht darin; man hat ihn gewöhnlich nicht für sich, sondern für die anderen. Also um darin zu repräsentieren. Es gehört zu den Herkömmlichkeiten, daß selbst jede kleinere Wohnung ihren »Salon« hat. Dazu wählt man fast immer das beste und größte Zimmer, die anderen Räume werden ins Hintertreffen gerückt. Ich halte zwar die Gemächer, die meinem persönlichen Dasein dienen, für weitaus wichtiger, aber das gehört nicht hieher. Im Salon kann man zeigen, daß man auch »wer« ist, und das erklärt alles. Also wendet sich die ratlose Hausfrau an ihr Hausblättchen, von dem sie gewöhnlich auch die Kochrezepte bezieht: »Bitte, wie richte ich meinen Salon ein?« und erhält alsogleich probaten Rat in der herkömmlichen Form: »Man nimmt ein paar Stühle verschiedener Form und Größe, mit beliebigem Seidenstoff gepolstert, kleine Tischchen, ein Sopha, Fauteuils etc.« Die Durchschnittssalons der bürgerlichen Wohnungen schmecken alle nach diesem Rezept. Der Möbelhändler liefert den bric-à-brac, den billigen Tand, die Gipsstatuen und all den Kram, der für wenig Geld viel Geschrei machen soll.

Dieselbe Öde und Langeweile, den Mangel jeder persönlichen Regung findet man von Haus zu Haus. Was auch die praktischen Ratgeber und Möbelhändler sagen mögen, _so richtet man einen Salon nicht ein_. Wozu haben wir überhaupt einen Salon? Welche Aufgabe soll er in dem Organismus unseres Hauses erfüllen? Soviel steht fest: In der Form, wie wir ihn meistens finden, bildet er einen toten Raum. Sollte der »Salon« nicht derart zu gestalten sein, daß er auch von dem Leben erfüllt werde, das die anderen Räume beherrscht, daß er nicht bloß einer unzulänglichen Repräsentanz diene, sondern wirklich der Bedeutung gleichkomme, die man ihm auf Kosten der Bequemlichkeit in der bürgerlichen Wohnung einräumt? Die Sache ist der Untersuchung wert.

Schon das Fremdwort »Salon« besagt, daß wir es mit einem Raume zu tun haben, der aus einer fremden Kultur stammt. Die italienische Renaissance veratmet in dem Wort. »Salone«, »großer Saal«, so hieß der große Empfangsraum im italienischen Palazzo. Was wir heute unter dieser Bezeichnung in unseren Durchschnittswohnungen finden, ist freilich eine Farce auf den ursprünglichen Geist eines solchen Raumes. Soll der Salon für unsere Verhältnisse wieder Sinn und Zweck bekommen, dann müssen wir ihn seines anscheinend repräsentativen Charakters, der für die große Mehrzahl ohnehin bedeutungslos ist, entkleiden, und ihm das Gepräge eines persönlich intimen Raumes geben. Nach einer gesunden Auffassung von der Sache hat aber der bürgerliche Salon die Aufgabe, alle Dinge aufzunehmen, welche die Persönlichkeit, ihre Neigungen und ihre Ideale charakterisieren. Jegliches Ding darin müßte von der Persönlichkeit etwas auszusagen haben. Für die gebildete Hausfrau oder den gebildeten Hausherrn wird der Salon recht eigentlich Bibliothek oder Arbeitszimmer sein, wo die Lieblingsbücher stehen und die Studien gepflegt werden, wo an den Wänden in geeigneten, zum Auswechseln gerichteten Rahmen die Kunstblätter hängen, die Sammlungen aufgestellt sind und aus allen Dingen die geistigen Wesenszüge der Bewohner sprechen. Hier, wo man von allen Gegenständen seiner Neigungen umgeben ist, wird man am angenehmsten plaudern, und die Langeweile, dieser tötliche Feind aller Lebensfreude, wird solchen Räumen sicherlich fernbleiben. Die Unterhaltung, die von diesen Gegenständen her Nahrung empfängt, wird leicht und fesselnd sein, weil sie solcherart die Eigenart der Bewohner auf unauffällige und sympathische Weise offenbart, und eine anziehende Neuheit darin besitzt, daß sie sich nicht um die Schwächen des abwesenden lieben Nächsten zu drehen braucht.

Wo diese Auffassung platzgreift, stellen sich die neuen Grundsätze für die zweckmäßige Einrichtung ungerufen ein. Die gute Hausfrau, die bereits gemerkt hat, um was es sich handelt, weiß nun mit einemmal, was sie für ihren Salon braucht. Sie wird Wände und Plafond in einfachen ruhigen Farben halten, vielleicht einfärbig bloß mit einem herumlaufenden Fries, oder sie wird, wenn sie Stofftapeten haben will, zu einem modernen Muster greifen. In Stofftapeten ist auch mehr Farbenfreude und Lebhaftigkeit der Zeichnung statthaft. Sie wird die Möbel so einfach, aber auch so gediegen herstellen lassen als möglich, vielleicht aus Mahagoni oder rotgebeiztem Holz, mit dem sich auch weiße Lackmöbel gut verbinden lassen. Die Möglichkeiten sind nicht auszudenken, der gute Geschmack wird mit allen Mitteln das richtige treffen. Die Anordnung der Möbel wird selbstverständlich von der bisherigen Aufstellung sehr verschieden sein müssen. Man wird in einem solchen intimen Raum Wert darauf legen, eine gemütliche Plauderecke zu besitzen, ein cozy-corner, das eine Ecke des Zimmers füllt, eine halbkreisförmige gepolsterte Sitzgelegenheit enthält, und ein Tischchen davor, wo man behaglich sitzen kann, den ganzen Raum beherrscht und sich dennoch abgeschlossen und geborgen fühlt. Das Fenster, das bei der Art unserer Zimmer leider so wenig Raum an der Wandseite läßt, wird einfach zur unteren Hälfte verkleidet, wenn es sich nicht anders tun läßt. Von diesem Platze aus ergibt sich die geschmackvolle Aufstellung der anderen Möbelstücke, die immer nur nach Maßgabe des persönlichen Bedürfnisses vorhanden sein werden, ganz leicht.

Man glaube indessen nicht, daß die Sache so brandneu ist, daß man es nicht wagen dürfe, sie aufzunehmen. Bei den Künstlern gehört es zur Überlieferung, die ganz selbstverständlich ist, daß sie ihre Gäste im Arbeitsraum, also in der Werkstatt, im Atelier empfangen. Das Atelier ist zugleich ihr Salon. Darum unterhält man sich bei den Künstlern am besten, weil man von ihrem geistigen Wesen ganz umgeben ist, von allen Dingen, die diese Geistigkeit sichtbar machen. Auf diese Art kann es jedermann halten. Nicht jeder ist Künstler, wird man sagen. Aber jeder Gebildete hat geistige Interessen irgendwelcher Art oder treibt einen geistigen Sport, musiziert, sammelt, liest. Oder sollte ich allzu optimistisch sein? Man gebe einem Salon das Gepräge eines geistigen Sammelpunktes. Wer aber in den neuen, oben dargestellten Grundsätzen eine Festigung durch das Beispiel der altehrwürdigen Tradition braucht, der lese die folgende Schilderung des idealen Zimmers, das sich Adalbert Stifter einrichten wollte, den man in dieser Hinsicht ganz gut als einen Vorläufer der Modernen betrachten kann.

»Zwei alte Wünsche meines Herzens stehen auf. Ich möchte eine Wohnung von zwei großen Zimmern haben, mit wohlgebohnten Fußböden, auf denen kein Stäubchen liegt; sanft grüne oder perlgraue Wände, daran neue Geräte, edel massiv, antik einfach, scharfkantig und glänzend; seidene graue Fenstervorhänge, wie matt geschliffenes Glas, in kleine Falten gespannt, und von seitwärts gegen die Mitte zu ziehen. In dem einen der Zimmer wären ungeheuere Fenster, um Lichtmassen hereinzulassen, und mit obigen Vorhängen für trauliche Nachmittagsdämmerung. Rings im Halbkreise stände eine Blumenwildnis, und mitten darin säße ich mit meiner Staffelei und versuchte endlich jene Farben zu erhaschen, die mir eben im Gemüte schweben und nachts durch meine Träume dämmern -- ach, jene Wunder, die in Wüsten prangen, über Ozeane schweben und den Gottesdienst der Alpen feiern helfen. An den Wänden hinge ein oder der andere Ruysdael oder ein Claude, ein sanfter Guido und Kindergesichtchen von Murillo. In dieses Paphos und Eldorado ginge ich dann nie anders, als nur mit der unschuldigsten, glänzendsten Seele, um zu malen oder mir sonst dichterische Feste zu geben. Ständen noch etwa zwischen dunkelblättrigen Tropengewächsen ein paar weiße ruhige Marmorbilder alter Zeit, dann wäre freilich des Vergnügens letztes Ziel und Ende erreicht.«

Wie man Bilder hängt.

Im »Turmalin«, einer Geschichte, so dunkel wie der Edelstein, nach dem sie benannt ist, erzählt Adalbert Stifter von einem wunderlichen Manne, der die vier Wände seines Wohn- und Arbeitszimmers vollständig mit Bildnissen berühmter Männer behing. Es war kein Stückchen, auch nur handgroß, das von der ursprünglichen Wand zu sehen gewesen wäre. In der Sache lag System, und sie dürfte zu des seligen Biedermeiers Zeiten Schule gemacht haben. Denn als ich einmal in einem Schlosse zu Gast war, das in jenen Tagen eingerichtet wurde und die ursprüngliche Einrichtung heute noch unverändert besitzt, sah ich ganze Wände mit schmalen, einfachen Goldrahmen dicht behängt, darin Lithographien, ebenfalls Bildnisse berühmter Männer, zumeist der Kriegsgeschichte angehörig, zu sehen waren. Wie ich nachträglich hörte, hatte das Schloß einem berühmten Feldherrn zum Aufenthalte gedient.

Diese Anordnung erscheint mir aus zwei Gründen beachtenswert. Erstens waren es nur bedeutsame Bilder, die als Original-Lithographien einen gewissen Wert besaßen und durch ihren Inhalt ein ganz bestimmtes Verhältnis zu ihrem Besitzer ausdrückten, und zweitens war in dem Arrangement eine klare, dekorative Absicht ausgeprägt.