Die moderne Wohnung und ihre Ausstattung

Part 2

Chapter 23,268 wordsPublic domain

Wohnräume spiegeln immer den Geist ihrer Bewohner. Gleichviel, ob sie mit reichen oder geringen Mitteln ausgestattet sind. So werden sie zu Verrätern, und der überflüssige Aufwand, der sogenannte Luxus, der vielfach für Geschmack genommen wird, offenbart nur zu oft, was er eben zu verhüllen strebt: die Geschmacklosigkeit. Das ist eine kapriziöse Geschichte: Geschmack ist nicht immer für Geld zu haben. Auch nicht für viel Geld. Die ärmste Hütte kann reicher sein als der prunkende Palast. Denn Seelenadel kann auch unter dem fadenscheinigen Kleid und unter dem rauhen Bauernkittel wohnen. Sicherlich wird er auf die Umgebung ausstrahlen, auf die nächste häusliche Umgebung, und dort im Stillen wirken. Ganz unauffällig, groben Sinnen nicht wahrnehmbar. Das »Seelische« ist es, was an den Wohnräumen interessiert, das, was menschlich an ihnen ist. Nicht wie sie eingerichtet, ob kostbar, ob ärmlich. Wenn ich in einem weissgetünchten Bauernhaus sorglich gepflegte Blumen am Fenster sehe, möchte ich am liebsten verweilen. Wie man bei lieben, guten Menschen verweilt. Die kahlste Stube, darin Reinlichkeit herrscht und ein paar Topfgewächse stehen oder ein Blütenzweig im Glas, birgt einen Strahl von Schönheit wie heimliches Licht.

Allein das Zeugnis, das die Wohnungen für die persönliche Kultur der Besitzer ablegen, ist nur in seltenen Fällen ein günstiges. Ich habe die Wohnungen aller Stände gesehen und vor allem des Mittelstandes, der den Hauptteil der Stadtbevölkerung ausmacht, und ich habe fast durchwegs nur Variationen eines Themas gefunden, das nichts Erquickendes bot. Auf die falsche Note des erborgten Luxus, der den Schein höher stellt als das Sein, ist heute noch das meiste gestimmt. Auf jeder Schwelle, die ich überschritt, hatte ich die Empfindung, als schallte mir eine widerliche Reklamestimme entgegen: »Schmücke Dein Heim!« Den traulichen Blumenflor, der uns die lebendige Natur, den Frühling in die Stube zaubert, fand ich ersetzt durch die künstliche Palme, eine erbärmliche Karikatur, die ihre starren Blätterfinger verzweiflungsvoll nach allen Richtungen ausstreckt in der offenbaren Absicht, das Makartbouquet traurigen Angedenkens an Geschmackswidrigkeit zu übertrumpfen. Das beleidigte Auge, das sich von diesem unwürdigen Anblick weg zum Fenster wendet, begegnet dort einer neuen Schmach. Wohlfeile, klägliche Imitationen der Glasmalerei hängen an den Scheiben und wehren dem spärlichen Tageslicht in den engen, düsteren Gassen den Zutritt in die dämmerigen Stadtwohnungen. Resigniert lasse ich mich auf die ach, so wohlbekannte Ripsgarnitur nieder. Doch es könnte auch eine Plüschgarnitur sein oder eine solche aus Halbseidendamast. Denn ich sehe sie nicht. Sie ist über und über bedeckt mit Milieux und Schutzdeckerln aller Art, welche die »züchtige Hausfrau, die Mutter der Kinder« in den langen Jahren des heiligen Ehestandes gestickt und gehäkelt hat. Als ich mich wieder erhebe, habe ich die Proben des häuslichen Kunstfleisses auf meinem Rücken hängen. Die verlegene Miene der Hausfrau steigert meine eigene Verlegenheit, als ich inne werde, dass die ausgenähten Lappen das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, und nicht nur das Heim »schmücken«, sondern auch als cache-misère die Blössen der verschossenen und zerschlissenen Garnitur sorgsam verhüllen sollen. Ich bücke mich rasch, um die verstreuten Fetzen aufzulesen, aber da hätte ich beinahe das Unglück gehabt, von der nahen Konsole das Gelump des unnützen Kleinkrams, jene »Kunstgegenstände« und Geschenkartikel, die wir aus den Schaufenstern der Kronenbazare kennen, die niedlichen Schweinchen, Figürchen, Tellerchen aus Glas und Porzellan, die für wenig Geld viel Geschrei machen, herabzuwerfen und damit das Odium eines ungefügen Barbaren auf mich zu lenken. Ich brauche kaum zu sagen, dass mich die erlogene Eleganz verstimmte, dass mich die Enge drückte und dass die beständige Gefahr, ein Unglück anzurichten, mein Benehmen unfrei und linkisch machte. Aber ich fand es nirgends besser. Durchwegs Räume mit mehr oder weniger Luxus, die unseren Geist und unseren Leib fesseln, die nicht geeignet sind, unsere Bewegungen und Geberden maßvoll aufzunehmen, die, angefüllt mit dem Unrat der Geschmacklosigkeit und einer babylonischen Wirrnis von Stilbrocken und Schnörkeln, den Sinn für Einfachheit, Wahrhaftigkeit und Echtheit ertöten. Ich nehme keinen Becher zur Hand, ohne den Leib eines Mönchleins oder Gnomen zu umschliessen, jeder Zigarrenabschneider wird mit dem Kopf Bismarck’s oder Moltke’s maskiert, jedes Gefäss ist überladen mit Blattwerk und Guirlanden, die Wände sind angefüllt mit schlechten Bildern, Fächern, japanischen Schirmen und Photographien.

Die freundlichen Hausgötter der Gastlichkeit und Geselligkeit pflegen nicht in Räumen zu wohnen, wo die Persönlichkeit sich im Widerspruch zur häuslichen Umgebung befindet und wo selbst die Inwohner Fremdlinge sind. Fremdlinge im eigenen Heim. An einem Herde ist nicht gut rasten, wo unaufhörliche Dissonanzen herrschen. Die Talmi-Eleganz unserer bürgerlichen Wohnungen, die unter der Devise »Schmücke dein Heim!« stehen, all die billige Effekthascherei, all der anscheinende Komfort, der keiner ist, weil er nur des Scheines wegen da ist, und nur Plage macht, ohne für etwas gut und nützlich zu sein, mit einem Wort: das Großtun, das ist die unaufhörliche Dissonanz. Wer mit feiner Witterung begabt ist, spürt das schon an der Türschwelle. Und all die Nichtigkeiten, die nur da sind, um über den wahren Zustand zu täuschen, werden zu den schreiendsten Anklägern. Kann man wirklich von dem »Geist« oder »Charakter« solcher Wohnräume auf das Wesen der Menschen zurückschliessen und den einzelnen verantwortlich machen? Man bedenke: ein Zahnarzt glaubt es sich schuldig, einen Empfangssalon à la Louis XV. zu besitzen. Die Sache muss möglichst billig sein, darum ist auch das Schlechteste gut genug. Aber immerhin, man sieht doch, dass man auch wer ist! Vor einem ernsten Urteil wird der Zahnarzt kaum als geschmackvoller oder auch nur als gebildeter Mann bestehen. Aber seine Entschuldigung ist, dass es den Leuten gefällt, und die Masse gibt Richtung. Im Grossen wie im Kleinen. Sie macht die Mode. Und sei diese noch so absurd, ihrer suggestiven Kraft wird sich der Einzelne, der Durchschnittliche, kaum entziehen. Man spricht vom Zeitstil und von Kulturströmung, die eine Epoche charakterisiert. Der Einzelne folgt dann seinem Herdeninstinkt. So mag man, wenn man nachsichtig sein will, den ganzen Skandal von Lüge und Täuschung, von schäbiger Eleganz und erlogener Vornehmheit, der in Geschmackdingen seit gut dreissig Jahren herrscht, jener unpersönlichen Abstraktion, die man Zeitgeist nennt, zuschreiben.

Aber schließlich müssen es doch wieder die Einzelnen sein, die eine Wendung anbahnen. Im richtigen Verstande müsste der marktschreierische Imperativ »Schmücke dein Heim«! einen Widerwillen erzeugen, der zum tüchtigen Kehraus führt. Die Schmucklosigkeit wäre zunächst der grösste Schmuck, die Befreiung von dem angepriesenen putzmachenden Tand. Man brauchte nur damit zu beginnen, statt der künstlichen Pflanzen lebende, echte ins Zimmer zu bringen, um Freude an ihrer Echtheit und ihrem Gedeihen zu gewinnen, und eine Revolution ist eingeleitet. Zuerst würden die schweren, verdunkelnden Stoffgardinen fallen, um wieder Licht und Luft in die dumpfen Räume einzulassen. Wir müssten den echten Blumen, so wir sie erhalten wollen, dieses Opfer bringen, und es wäre eine gerechte Wiedervergeltung, denn gerade diese verdüsternden Stoffgardinen waren es, die zur Zeit, als der Makartsche Atelierstil Mode wurde, unsere Blumen verdrängt haben. So nun aber das clair-obscur jener romantischen Rembrandt-Stimmung vor der Tageshelle gewichen ist, entpuppt sich die Lächerlichkeit des Stimmung machenden Krimskrams an den Gesimsen, all der Krüge, die keinem Gebrauch dienen, die weder Wasser noch Wein fassen, der Vasen, die keine Blumen aufnehmen können, der Teller, die zu keiner Mahlzeit verwendet werden können, und die sich als dürftiger Gschnas vor dem hellen Tage schämen, als nicht minder die dunkel gehaltenen Wände, die so beliebt sind, weil man den Schmutz darauf nicht sieht. Im Schmutze leben, das macht nichts, nur sehen darf man ihn nicht!

Nun aber wird der ob seiner Nichtigkeit entlarvte Prunk unerträglich, und es beginnt ein lustiger Umsturz, vor dem nichts niet- und nagelfest ist. Vom Hundertsten käme man ins Tausendste. Vom Fenster zu den Wänden und den Bildern, und von diesen zu den Möbeln, bis ins Kleinste herab. Es ist fast unabweislich, in allen Einzelheiten des Wohnraumes die neue Wohnungsästhetik zu erhärten. Der Ausgangspunkt dieser neuen Ästhetik aber ist, dass wir allen sogenannten Luxus aus unseren Häusern fortschaffen und zur Aufrichtigkeit und Einfachheit zurückkehren, wenn wir wollen, dass die Kunst wieder im Hause beginne. Epochen mit hochentwickelter volkstümlicher Kultur haben gezeigt, daß die Kunst immer vom Hause ausgeht und von hier aus auch das äußere Leben ergreift. Darum muß unsere Sorge darauf gerichtet sein, daß wir nicht die goldene Regel verletzen, die uns William Morris gegeben: »_Behalten Sie nichts in ihrem Heim, wovon Sie nicht wissen, daß es nützlich ist, wovon Sie nicht glauben, daß es schön ist!_«

Die Ästhetik der Mietswohnung.

Daß die Hausarchitektur im Zeichen des Umschwunges steht, wird niemand mehr leugnen. Die Architektur, die schwerfälligste aller Künste, folgt dem neuen Zug freilich zuletzt, denn sie hat nicht nur das größte Trägheitsmoment, das Schwergewicht der Gewohnheit, sondern auch die Gewissenlosigkeit des Bauspekulantentums und die Gleichgiltigkeit des Publikums zu überwinden. Das leichtbewegliche Kunstgewerbe, das heute führend vorangeht, konnte viel schneller das Feld erobern, und man kann sagen, daß die Schwenkung, die auch im Hausbau zu spüren ist, vom Kunstgewerbe veranlaßt, ja fast erzwungen worden ist. Denn das Kunstgewerbe verlangt einen festen Stützpunkt, eine Führung, einen Halt, und diesen kann nur die Architektur geben. Im Einzelwohnhaus ist da und dort dieser ursächliche Zusammenhang von Architektur und Handwerk, von Raum und Möbel, zwar schon hergestellt oder doch angebahnt, aber im Miethaus der Stadt, also in der Stadtwohnung, deren ästhetische Durchbildung doch eine der nächstliegenden Aufgaben ist, sind wir nicht immer so glücklich daran. Wie notwendig es ist, dass Kunstgewerbe und Hausbau Hand in Hand gehen, und wie eines ohne das andere nicht bestehen kann, will ich an einem typischen Fall nachweisen, der auf hunderte von Beispielen paßt, die sich in der Stadt von Tag zu Tag mehren. Jemand war des im Mittelstande eingebürgerten Atelierstils, des Markartbouquets, der künstlichen Palme und der verpöbelten Renaissancemöbel überdrüssig, er entfernte die Stoffgardinen, um wieder Luft und Licht in den dämmerigen Raum zu lassen, Zimmerpflanzen ziehen zu können und Freundlichkeit zu verbreiten. Aber die braunen Möbel vertragen die Helligkeit nicht, ihre Häßlichkeit und Unzweckmäßigkeit, die Erbärmlichkeit des ganzen unechten Luxus wurde mit einem Male unerträglich und sie wurden ersetzt durch jene gefälligen neuen Möbel, deren Wesen Einfachheit und Natürlichkeit ist, und die in dem sogenannten Biedermeiermöbel unserer Groß- und Urgroßeltern vorgebildet waren, die also gewiß nichts Fremdartiges, sondern etwas durchaus Heimatliches, Bodenständiges, Trautes waren. Aber es nützt nicht, daß man den neuen Wein in die alten Schläuche füllte. Das Mißverhältnis zwischen Raum und Möbel trat dann erst grell zutage. Die Möbel waren gewiß zwecklich formal gebildet, aber die Zimmer! Das Raumausmaß war groß genug und dennoch konnte man nichts unterbringen. An ein geschmackvolles Stellen der Möbel war nicht zu denken. Daran waren die Türen und Fenster schuld. Denn es gehört schon einmal zu dem eingebürgerten Begriff von einer Stadtwohnung, daß ein Zimmer zwei Fenster haben muß. Die Fensterwand geht natürlich fast verloren, denn links und rechts bleibt kein nennenswertes Stück Wand, und es erübrigt nur noch der Pfeiler, der einen dunklen Schatten mitten ins Zimmer wirft. Die Beleuchtung wird dadurch noch schlechter, daß die Fenster das Hauptlicht nicht von oben her geben, sondern von den untern Flügeln, so daß nur der Fußboden vor dem Fenster die Helle empfängt, was für das Auge das denkbar ungünstigste ist. Die einfachste und natürlichste Lösung wäre nun die, ein einziges etwas breiteres in der Mitte anzubringen, wobei nicht nur eine ausgezeichnete Belichtung erzielt werden kann, sondern auch links und rechts tiefe Ecken gewonnen werden, die es gestatten, gewisse Möbelstücke, das Sofa zum Beispiel, quer anzuordnen, oder die Nische so auszubauen, daß das Gefühl der Geschlossenheit und Geborgenheit erhöht wird. Viel ist auf diese Weise gewonnen, aber noch lange nicht alles. Denn da sind noch die Türen, die unseligen großen Flügeltüren, deren manches Zimmer drei besitzt, und die von jeder Wand ein erhebliches Stück wegnehmen. Man behalf sich früher mit einer Draperie, um sie wenigstens dekorativ zu gestalten, was im Wohnraum einen nichts weniger als sympatischen theatralischen Eindruck macht. Aber immer noch besser als die nackten, überflüssig hohen und breiten Palasttüren mit dem widersinnigen braunen Anstrich und der ebenso widersinnigen künstlichen Maserung. Daß der Raum auch geräumig werde, günstige Raumverhältnisse besitze, hängt also nicht allein vom Fenster, sondern auch von der Lage und Größe der Türen ab. Das sind die zwei Angelpunkte, um die sich die neue und vernünftige Raumgestaltung dreht. Noch ist dadurch fast gar nicht der Grundriß tangirt, noch ist fast keine Forderung an den Erfindungsgeist der Architektur gestellt, sondern erst ganz einfach eine gewisse Empfindungsfeinheit verlangt, ein Mitgefühl für die Menschen, die in den Räumen wohnen, und darinnen die Möglichkeit finden sollen, ihr Leben behaglich zu gestalten. Es ist ja wahr, die meisten Menschen verlangten die bisherigen Wohnungen gar nicht besser, sie haben nicht das Bedürfnis, ihre Umgebung künstlerisch gestaltet zu sehen, aber das hindert nicht, daß der Architekt, wofern er ein Künstler ist, den früher oder später ja doch eintretenden künstlerischen Bedürfnissen vorarbeiten und dergestalt die Prämissen einer höheren Kultur schaffen soll. Für diese Kulturarbeit ist der Architekt einer der wichtigsten Faktoren, und man kann sagen, ohne ihn kann nichts geschehen. Aber die Empfindungsfeinheit, die von dem künstlerischen Architekten (der andere kommt nicht in Betracht) verlangt werden muß, wird bei dieser Tat nicht stehen bleiben. Er wird die bürgerlichen Menschen nicht allein von dem überflüssigen und daher schädlichen und geschmackverderbenden Luxus, der sich in den billigen albernen Ziraten oberhalb der Tür und in den rein äußerlichen nur auf die Außenerscheinung berechneten Zutaten an den Fenstern äußert, befreien, sondern er wird auch sein Auge auf die Wände, den Boden und die Decke, endlich auf den Anstrich der Holzteile richten, er wird die Teile nicht der Obsorge des Zimmermalers und Anstreichers überlassen, die in Geschmacksdingen auf dem tiefsten Niveau stehen; er wird vielmehr auch hier seinen Einfluß geltend machen und damit das niedere Handwerk wieder heben. Denn alle Handwerkskünste sind Bestandteile der Architektur. Es hat sich gezeigt, daß die braunen Tür- und Fensterteile, die rote, grüne oder sonst irgendwie schmutzigfarbene Ausmalung mit den so hässlichen Dessins jedes anständige Möbel umbringen. Nun ist die Farbenempfindung bei der großstädtischen Menschheit ein verlorenes Gut. Jeder Bauer im Gebirge ist uns darin überlegen. Weil aber jede ästhetische Frage im Kern eine praktische ist, so läßt sich dieser Sache vielleicht von der hygienischen Seite beikommen. Warum sind die dunklen Schmutzfarben unserer Wände so beliebt? Es ist schon gesagt worden. Weil man den Schmutz darauf nicht sieht. Überdies ist das wiederholte Neuausmalen oder Tapezieren für den kleinen Mann zu kostspielig. Einer solchen kulturwidrigen Vornehmtuerei auf Kosten der Reinheit und Hygiene soll in unseren Häusern nicht Vorschub geleistet werden. Man fragt sich oft, warum unsere Wohnungen nichts Weißes enthalten. Warum hat man Wände und Decke nicht im einfachen Weiß, mit einem schönen Fries, so daß man sie um billiges Geld jährlich einmal frisch tünchen kann? Die Leute vor 80 Jahren, die noch eine feine Kultur besaßen, haben Fenster und Türen weiß gestrichen. Sie hatten auch weiße Gardinen und Topfpflanzen. Die Bauern in vielen deutschen Gegenden haben das noch. Und wie traut sind solche Räume! diesen Sinn für Reinlichkeit und Helligkeit muß man wiederbeleben, sonst ist nicht vorwärts zu kommen. Altwien besaß hübsche im Bogen ausgebauchte Fenster, die mit Geschick wieder verwertet werden können. Dabei ist Bedacht zu nehmen, daß im Fenster Blumen gezogen werden können, denn die allmählig wiedererwachende Blumenfreude ist ein wichtiger Kulturfaktor und ein erfreuliches Symptom der Rückkehr zur Natürlichkeit und Echtheit. Der Architekt muß alle diese halbbewußten Regungen mit feinen Sinnen erfassen und verwerten. Es gehört viel Liebe und Geduld und Menschenfreundlichkeit dazu, aber ohne diese Eigenschaften ist in der Kunst nichts zu machen. Nur das Mitgefühl, das Mitleben kann Formen schaffen, die nichts Äußerliches sind, wie die Stuckherrlichkeit moderner Zinskasernen, sondern etwas, das von innen nach außen gewachsen ist, und unsere bisherigen Hundelöcher wieder in menschenwürdige Wohnungen umwandelt. Auf diesem Wege dürften sich auch die notwendigen Grundrißänderungen ergeben. Die Badezimmer, die heute schon bei kleineren Wohnungen zu finden sind, sollten als Annex des Schlafraumes ausgestaltet werden. Denn es ist widersinnig und gesundheitsgefährlich, aus dem Baderaum durch das gewöhnlich sehr kalte Vorzimmer in den Schlafraum und umgekehrt gehen zu müssen. Diese und noch viele Änderungen können geschehen, ohne daß die Ertragsfähigkeit des Hauses nur im mindesten herabgesetzt wird. Daß wir trotzdem das moderne Mietshaus noch nicht haben, ist vielmehr eine Folge der herrschenden Teilnahmslosigkeit der Bauherrn und des Publikums, das noch nicht gelernt hat, Bedürfnisse zu haben. Die Mitarbeiterschaft von dieser Seite her ist freilich nicht zu entbehren.

Wände und Decke, Vorhänge und Teppiche.

Zu den schweren geschnitzten Kassetten-Decken altdeutscher Stuben passte dunkles Getäfel der Wände und die Ledertapete. Wo man sie heute noch im Bürgerhause vorfindet, ist sie nicht dem modernen Gefühl, sondern einer posthumen Butzenscheibenromantik, die noch immer nicht ausgestorben ist, entsprungen. Wie es noch Wotansenkel im schwarzen Salonrock gibt, die wie die alten Deutschen »immer noch eins trinken«, so gibt es eine große Kategorie, die in ihrer Gefühlsweise bei Hans Sachs stecken geblieben ist und Räume liebt, »wo selbst das liebe Himmelslicht trüb durch gemalte Scheiben bricht«. Die Sache gehört ins Museum, wo man sie billig bewundern mag. Im Alltag und im grellen Licht der Gegenwart sind solche abgestorbenen Lebensformen immer von Übel. Abgesehen davon, daß in Mietswohnungen eine solche pompöse Sache nur auf den Schein berechnet sein kann und eine Lüge ist, weil in solchen Wohnungen, wo wir eigentlich immer auf dem Sprung stehen, nichts von Ewigkeitsdauer geschafft werden kann, außer was sich leicht fortschaffen, auf einem Möbelwagen verpacken und in einer neuen Wohnung ebenso leicht und gefällig wieder aufstellen läßt. Auf ein gewisses Nomadentum ist unser Leben in Mietswohnungen gestellt. Aus ökonomischen, sozialen und hygienischen Gründen ergibt sich die neue Ästhetik, die für unsere Wohnung glatten und weißen Verputz an Wänden und Decke verlangt, die je nach Geschmack mit schablonirter Malerei oder Tapete bedeckt wurden. Damit war aber zugleich ein freier Spielraum für die gefährlichsten Ausschweifungen der künstlerischen Phantasie unserer Tapezierer- und Zimmermalerjünglinge gegeben. »Vernunft ward Unsinn, Wohltat Plage.« Das Ungeheuerlichste, Wahnwitzigste ward Mode, wenn es unter der Flagge einer falschen »Sezession« segelte. Auch diese Modekrankheit mußte überstanden werden und schließlich setzte sich die Arbeit ernster und tüchtig vorwärts strebender Künstler beim Publikum durch. Große Firmen der Tapeten-, Teppich- und Textilbranche suchen die Entwürfe solcher Künstler zu erwerben und Geschmackvolles in den Handel zu bringen. Heute spürt man im großen Publikum schon ein erfreuliches Bestreben nach vornehmer Einfachheit, das nur des Entgegenkommens künstlerischer und industrieller Kreise bedarf, um zu einer allgemeinen Niveauerhöhung des Geschmacks zu führen. Man zieht es vor, die Wände und Decke entweder einfach zu weißen oder färbig zu streichen und einen hübschen Fries aufzusetzen oder mit entsprechender Tapete zu bekleiden. Bei der Wahl der Farbe wird Bedacht genommen, daß zur Farbe der Möbel die Wände und Decke einen komplementären Gegensatz bilden, der die Möbelstücke hervorhebt und mit diesen, was die farbige Erscheinung betrifft, ein harmonisches Ganzes darstellt. Dem Dessin von Tapeten oder schablonierten Wänden steht man mit Recht mißtrauisch gegenüber, weil es sehr viel Takt erfordert, das Rechte zu finden, das diskret genug ist, als Hintergrund von Möbel und Bildern nicht unruhig und anspruchsvoll zu wirken und die Harmonie zu stören. Im allgemeinen gilt auch für die gemusterten Wandflächen die Regel, daß sie in Farbe und Zeichnung als bloße Fläche und Untergrund, der für sich allein keine Geltung beanspruchen darf, zu wirken hat. Daß man die hellen Farben vorzieht, ist in dem modernen hygienischen Bedürfnisse begründet, das nach Licht und Luft heischt, die in der Stadt kostbare Güter sind. Aus diesem Grunde hat man die Stoffgardinen durch Vorhänge aus leichtem dünnen Zeug ersetzt, indischer Seide oder Leinen mit Aufnäharbeit, daran sich der Kunstfleiß der Hausfrau zeigen mag. Für Aufnäharbeit geben die Leistungen moderner Künstler und Kunstschulen glänzende Vorbilder. Man wählt natürlich auch für diese leichten Vorhänge helle Farben, entweder weißes Leinen, oder, wenn es sich um durchsichtige Gaze oder indische Seide handelt, auch orange Farbe, die einen goldenen Schein ins Zimmer legt. Die Vorhänge hängen in geraden, schlichten Linien herab, sind seitlich zu ziehen und laufen in Ringen offen an einer Messingstange.