Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll
Chapter 9
»Nicht Sie, alter Freund, aber der 'verlebte Roué' und der 'biedere Börsenmann', die so herumschwätzen als ob bei uns zulande die Monogamie vorherrschte und die Polygamie etwas Neues wäre. Natürlich erwartet man es von dem 'biederen Börsenmann', aber Sie, 'verlebter Roué', sollten es wirklich besser wissen. Ja richtig, wo ist der 'biedere Börsenmann?'«
»Ich glaube, er hat sich um den Blaustrumpf beworben, um sie vor der Polygamie und ihren eigenen Ansichten zu retten«, näselte der 'verlebte Roué', indem er eine Zigarette anzündete.
»Ein schneidiger Kerl; ich glaube wirklich, er hat es getan«, rief der 'Tölpel' aufgeregt. »Ich setze einen Schilling gegen jeden von euch darauf. Ich meine es wirklich.«
»Nun, und wenn er es getan hat?« sagte der 'Familienegoist' gereizt. »Was macht's, wenn ein Narr mehr auf der Welt ist? Hört auf, Unsinn zu schwatzen, Kameraden, und laßt den Porter die Runde machen!«
V. Ist die legalisierte Polyandrie die Lösung?
In W. Sommerset Maughams sehr interessanter psychologischer Studie »Mrs. Craddock« sagt eine der Personen: »Es können nämlich wenige Frauen mit nur einem Manne glücklich sein. Ich glaube, daß die einzige Lösung des Eheproblems die legalisierte Polyandrie[2] ist.«
[Anmerkung 2: Gesetzlich geregelte Vielmännerei.]
Es ist nur ehrenwert, diese Sorte von Behauptungen mit Entsetzen entgegenzunehmen; aber wenn die Geheimnisse des weiblichen Herzens bekannt wären, käme heraus, daß ein gut Teil dieses Entsetzens erheuchelt ist. Ich lehne es ab, mein Geschlecht irgendwie auszuliefern. Maugham ist ja ein im Studium des weiblichen Herzens sehr erfahrener Mann und ich kann wohl sagen, er weiß, wovon er spricht. Überdies ist er sicherlich unverheiratet. Aber selbst er verschanzt sich hinter einem der Charaktere seiner Novelle, und warum sollte man von mir größeren Mut erwarten?
Freilich liegt in dem Wort legalisiert eine wunderbare Kraft. Die profansten und entsetzlichsten Ehen zwischen schönen jungen Mädchen und reichen, adeligen Mummelgreisen, Trunkenbolden oder Trotteln werden als ganz gehörig und ehrenwert betrachtet, weil sie legalisiert sind. Und dennoch würden die Leute, die diese Abscheulichkeiten hinnehmen, wahrscheinlich äußerst schockiert sein bei der bloßen Andeutung der Polyandrie, eines weit schicklicheren Geschlechtsverhältnisses, weil es durch wirkliche Geschlechtsanregung geregelt und voraussichtlich frei von krämerischen Rücksichten wäre. Aber gleichviel, ob die legalisierte Polyandrie die eigentliche Lösung des Eheproblems ist oder nicht, sie ist gewiß eine unmögliche für das frauenreiche England, und obgleich die Frauen in den letzten Jahren erschreckend breit ausgegriffen und sich von ungeahnter Lebenskraft besessen erwiesen haben, ist es unwahrscheinlich, daß sie ihre überflüssigen Energien nach dieser Richtung hin verausgaben werden.
VI. Ein Wort für die Duogamie
»Geschaffen hat euch Gott, aber verheiraten müßt ihr euch selbst.«
_R. L. Stevenson._
Am Tage nach der höflichen Tafelrunde kamen Isolda, Miranda und Amoret zu mir zum Tee, und ich erzählte ihnen von der Diskussion des vorigen Abends über die Polygamie.
»Ich verstehe schon den Standpunkt des 'Blaustrumpfs'«, sagte Isolda nachdenklich. »Die Polygamie mag für die überflüssige Frau, die unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht heiraten kann, annehmbar sein, für das unbefriedigte alte Mädchen, das des Ledigseins so überdrüssig ist, daß es sogar die Polygamie vorziehen würde, aber nie wäre sie es für die Frau, die sich verheiraten kann und sich verheiratet.«
»Und doch, wieviele verheiratete Frauen gehen heutzutage darauf ein«, sagte Miranda. »Gibt es nicht so viele Frauen, die die Untreue ihres Gatten verzeihen und sie so gut als möglich ertragen um der Kinder oder anderer gesellschaftlicher Vorteile willen, oder weil sie ihrem Manne so ergeben sind, daß sie es vorziehen, ihn mit einer anderen zu teilen, als allein ohne ihn zu leben? Und was ist das anderes, als die Polygamie hinnehmen?«
»Ja, aber dann sind die anderen Frauen nur Geliebte«, rief Isolda aus. »Das mag man unfreiwillig dulden, aber eine andere gesetzliche Frau mit ebensolchen Rechten wie die unseren, und was noch schlimmer ist, mit Kindern, die den unseren gleichgestellt werden -- niemals!«
»Gut, vielleicht nicht,« gab Miranda zu, »ich vermute, eine gesetzliche und ständige Nebenbuhlerin wäre etwas anderes, und schließlich kann man ja nur von dem Mittelstand in England als ausgesprochen monogamisch reden. Die oberen und die unteren Gesellschaftsschichten sind so polygamisch als nur möglich. Wir tun nur in unserer britischen Heuchelei so, als ob bei uns die Monogamie die Regel wäre.«
»Ziehe nicht gegen die britische Heuchelei los,« sagte Amoret träge. »Es ist unser kostbarstes Nationalerbe. Die Heuchelei hält den Gesellschaftsbau zusammen.«
»Zugegeben«, sagte Isolda. »Wir müssen des Friedens halber und dem Ideal zuliebe so tun, als ob wir glaubten, daß die Monogamie die Regel ist. Natürlich weiß jeder, daß es überall eine Menge polygamer Männer und eben deshalb auch polyandrischer Frauen gibt, aber die Heuchelei ist eine zu große Stütze der Schicklichkeit, und eine Nation muß, in der Theorie wenigstens, Schicklichkeit haben, wenn schon nicht in der Praxis, sonst würden wir -- hm -- dem Niedergang zusteuern wie die Römer.«
»Darauf war ich gefaßt, daß eine von euch die Römer erwähnen wird,« warf Amoret ein, die bei all ihrer Leichtfertigkeit eine gewisse humoristische Verschmitztheit besitzt. »Das ist ein unvermeidlicher Zug aller Diskussionen über die Ehe. Sowie nur jemand etwas von dem Vorschlag verlauten läßt, daß die Ehebande geschmeidiger gestaltet werden sollten, um sich den modernen Verhältnissen anzupassen, zieht jeder der Anwesenden, ausgenommen die unglücklich Verheirateten, ein langes Gesicht und zitiert das entsetzliche Beispiel der Römer. Nun ist mir eine glänzende Idee für die Lösung des Eheproblems gekommen.«
»Sag sie uns«, riefen die drei Anwesenden einstimmig.
»Noch nicht, erledigen wir erst die Römer. Ich vertraute neulich einem Mann meine Idee an; nachdem er mir wie üblich die Römer vorgesetzt hatte, ging ich und sah im Gibbon nach.«
Allgemeines Lachen unterbrach sie. Die Vorstellung, daß unser Schmetterling Amoret über dem Gibbon büffeln sollte, war zu komisch.
»Ja wirklich, ich hab es getan,« fuhr sie fort, »und was ich herausfinden konnte, war, daß nicht ihre leichtfertigen Ideen über die Ehe ihren Niedergang verursachten, sondern ihre -- wie soll ich's nennen? -- allgemeinen lockeren Sitten . . .«
»Ich weiß es,« sagte Isolda, ihr zu Hilfe kommend, »ich las neulich ein riesig interessantes Buch darüber: Kaiserlicher Purpur. Es war das Erlöschen aller Ideale, die Freigabe aller fleischlichen Begierden, der durch Ausschweifungen und üppiges Leben entstehende äußerste Mangel an sittlichem Halt, der die Römer zugrunde richtete; aber wenn eine tüchtige, kaltblütige Nation wie die unserige die beengenden Ehebedingungen lockern wollte und an der Neuerung genau festhielte, dann ist es Unsinn, zu behaupten, daß alle unsere Ideale entarten und infolgedessen das Reich zusammenstürzen würde!«
»Hört, hört! Ganz wie der 'Blaustrumpf'!«
»Gut,« sagte Miranda. »Ich will also auf eure Ideen über die Römer eingehen, schon damit wir in unserem Thema weiterkommen. Nun laß uns deine großartige Idee hören, Amoret.«
»Also folgendes: Duogamie«, sagte Amoret.
»Duo -- zwei?«
»Sehr richtig -- zwei Partner für jedes. Wir sind heutzutage alle so kompliziert, daß einer uns unmöglich befriedigen kann. Zwei würden gerade genügen. Zwei würden die Spannung des Ehelebens lockern, und doch nicht zu dem führen, was die Zeitungen »Ausschweifung« nennen. Jeder hätte eine zweite Chance, und was dem ersten Partner fehlt, das würde der zweite einem ersetzen.«
»Es ist keine üble Idee«, sagte Isolda nachdenklich. »Lancelot könnte zur zweiten Frau eine solche wählen, die gut marschiert und Bridge spielt, und ich würde einen Mann zu finden trachten, der die Karten haßt und nie einen Schritt geht, wo er reiten kann.«
»Ich glaube, es ist eine grandiose Idee!« rief Miranda begeistert. »Lysander könnte eine Frau finden, die ihn am Klavier begleitet und Opern gern hat, und ich würde mich nach einem Mann umsehen, der das ernste Schauspiel pflegt und zwei ständige Sperrsitze im Vedrenne-Barker-Theater hätte.«
»Das wäre ja geradezu die Lösung für alles«, rief Amoret verzückt. »Wenn Theodor unausstehlich gewesen ist, würde ich auf und davon gehen zu meinem »Zweiten« -- und doch mit dem Gefühl, ihn nicht zu vernachlässigen, da er zu _seiner_ »Zweiten« gehen könnte! Sie wäre wahrscheinlich eine treffliche, beschränkte, einer Stütze bedürftige Dame, die keinen meiner Fehler hätte, und wenn er von ihrer beschränkten Hilfsbedürftigkeit genug hätte, dann würde er zu mir zurückkehren, und wißt ihr, sogar meine Fehler würden ihm -- dem Gesetz des Kontrastes zufolge -- gefallen, und umgekehrt.«
»Es ist wirklich eine wunderbare Idee,« sagte Isolda nachdenklich, »es wundert mich, daß niemand früher darauf gekommen ist. Es gäbe weniger alte Jungfern, denn die Männer würden die Ehe nicht so scheuen, wenn sie wüßten, daß es noch immer eine zweite Chance gibt. Sie würden von einer Frau auch nicht soviel erwarten wie jetzt. Und stellt euch nur vor, was für eine gute Wirkung es auch auf unser Verhalten ausüben würde -- wie lieb und höflich und beherrscht wir wären, aus Furcht, im Vergleich mit der 'Andern' in ungünstigem Lichte zu erscheinen.«
»Ja, es würde uns gewiß auf einem Niveau erhalten, auf dem wir den Erwartungen genügen würden,« bemerkte Miranda, »unordentliche Frauen würden sich bemühen, nett zu werden, und zänkische würden ihrer Zunge Einhalt tun. In ihrem Bestreben, den 'Andern' aus dem Felde zu schlagen, würden die Ehemänner galant und aufmerksam wie Liebhaber werden.«
»Es würde alle Verwicklungen lösen,« erklärte Amoret, »nehmt nur einmal die uns persönlich bekannten Fälle. Die Smiths zum Beispiel haben schon drei Jahre nicht miteinander gesprochen, weil Fred sich in Fräulein Brown verliebte und fast seine ganze Zeit mit ihr verbringt. Frau Smith ist tiefbekümmert, Fred sieht recht elend aus -- ein Heim, in dem man nichts spricht, muß ja eine Hölle sein --, und die junge Brown droht immer, sich etwas anzutun. Die Sache hat den Smith direkt das Leben verdorben und für die Kinder muß es sehr hart sein, in solch einer Atmosphäre heranzuwachsen. Mein Plan würde all diesem Elend abhelfen: Fred hätte Fräulein Brown heiraten und zeitweise ganz glücklich mit Frau Smith leben können.«
»Aber was würde Frau Smith in den Zwischenpausen tun? Sie hat zufällig keine 'entgegengesetzte Anziehungskraft' gefunden.«
»Nun vielleicht, wenn die Duogamie üblich wäre, hätte sie sich nach einer umgesehen,« sagte Amoret, »ich bin überzeugt, die meisten Frauen könnten einen zweiten Gefährten finden. Aber übrigens ist ja kein System vollkommen, und es gibt eine Menge Frauen, die überhaupt keinen zweiten Mann haben möchten und nur zu froh wären mit einer Ruhepause, in der man keine Diners anzuschaffen braucht. Nehmt dann den Fall Robinson: Dick Jones verehrt Frau Robinson sehr und ist äußerst unglücklich, weil er ihr nicht mehr als ein Freund sein kann. Sie hat ihn sehr gern und auch ihren Mann; sie könnte beide sehr glücklich machen, wenn sie sich teilen wollten.«
»Ich habe oft empfunden, daß ich zwei Männer beglücken könnte«, sagte Isolda. »Einige meiner besten Eigenschaften sind an Lancelot verschwendet. Er wird auch nie des Landlebens und seines geliebten Golfs überdrüssig, ich aber wohl, und wenn mich wieder einmal meine Sehnsucht nach London überkommt, würde ich mich schnell nach der Stadt aufmachen und eine famose Zeit mit meinem Londoner Gatten verleben.«
»Ohne das Gefühl, irgend ein Unrecht zu tun,« ergänzte Amoret, deren sichtliche Erfahrung in Gewissensskrupeln mir etwas verdächtig erschien.
»Liebe Kinder, es tut nicht gut«, sagte Miranda plötzlich. »Es tut nicht gut--aus ist's mit der Duogamie! Denkt an die Dienstboten!«
»Entsetzlich, die Dienstboten!« sagte Isolda bestürzt.
»Ja, ich fürchtete, daß ihr den wunden Punkt bald herausfinden würdet«, sagte Amoret bedauernd. »Natürlich wäre es schrecklich, zweierlei Dienstboten zu beaufsichtigen zu haben. Ein Gatte könnte sich vier oder fünf leisten und der andere nur ein bis zwei, und jede Dienerschaft würde in Abwesenheit der Frau außer Rand und Band geraten.«
»So hätte man anstatt eines vollständig glücklichen Lebens mit zwei Gatten, die uns um die Wette zu gefallen bestrebt sind, eine fürchterliche Existenz durch fortwährendes Abrichten der Dienerschaft. Kaum, daß man A.'s Dienerschaft in Ordnung gebracht hätte, wäre es Zeit, zu B. zurückzukehren und dort mit dem gleichen zu beginnen.«
»Nein, dafür dank ich,« sagte Isolda entschieden, »die Dienstboten _eines_ Hauses sind mir gerade genug. Ich habe schon hundertmal gesagt, daß ich bloß wegen der leidigen Dienstboten nicht geheiratet haben möchte. Es wäre verrückt, sich jetzt diese Plage noch zu verdoppeln. Du kannst mich aus der Liste der Duogamistinnen streichen, Amoret, bis die Dienstbotenfrage durch die Erfindung irgend einer neuen Maschine oder den Import von Chinesen gelöst ist.«
»Vielleicht«, warf Amoret hoffnungsvoll ein, »würde dein 'Zweiter' darein willigen, im Hotel zu leben?«
»Solches Glück habe ich nicht,« sagte Isolda traurig, »wenn ein Mann heiratet, so ist es meistens wegen des Heims -- warum sollte er sonst heiraten, abgesehen von den Kindern? Guter Gott! Ich habe ja an die Kinder ganz vergessen. Natürlich gibt das der Sache den Rest.«
»Die 'Sackgasse aller Reformen'!« sagte Amoret tragisch. »Es ist unmöglich, irgend eine Neuerung im Ehesystem vorzuschlagen, die nicht gleich durch die Komplikation des Nachwuchses annulliert wird.«
Wie saßen alle schweigsam in Gedanken versunken; Isolda schauerte zusammen.
»Mit der Duogamie ist's nichts!« sagte sie pathetisch, »und ich bin so enttäuscht!«
VII. Die Vorteile der Ehe »auf Sicht«
»Die Ehe ist abschreckend, aber auch ein kaltes und verlassenes Alter ist es.«
_R. L. Stevenson._
Von allen revolutionären Vorschlägen zur Verbesserung des gegenwärtigen Ehesystems erscheint mir die Ehe »nach Billigung« -- mit anderen Worten die »Ehe auf Sicht« die vernünftigste und durchführbarste. Das Verfahren wäre ungefähr folgendes: Ein Paar, das heiraten will, würde einen gesetzlichen Vertrag schließen des Inhalts, daß sie einander für eine begrenzte Zahl von Jahren -- sagen wir drei -- zu Gatten wählen. Dieser Zeitraum würde zwei Jahre Versuchszeit bieten, nachdem das abnormale und außergewöhnlich kritische erste Jahr vorüber wäre. Eine kürzere Zeit wäre ungenügend. Nach Ablauf der drei Jahre hätten die Kontrahenten das Recht auf Lösung der Ehe, die Lösung sollte aber erst nach weiteren sechs Monaten in Kraft treten und so jede Gelegenheit bieten, die Echtheit des Scheidungswunsches zu erhärten. Wenn keine Scheidung gewünscht wird, würde die Ehe durch eine religiöse oder endgültige gesetzliche Zeremonie genehmigt und für immer bindend werden.
Im Falle einer geschiedenen Ehe hätte jeder Teil die Freiheit, wieder zu heiraten; aber der zweite Versuch müßte vom Anfang an endgültig und bindend sein. Diese Einschränkung ist absolut notwendig, wenn die »Ehe auf Sicht« nicht in eine Art gesetzlich geregelter »freier Liebe« ausarten soll, da es viele Männer und manche Frauen gibt, die immer von neuem solche Ehen schließen würden, und das Ende der Sache wäre nichts anderes als die »Probeehe« für den kurzen Zeitraum von drei Jahren.
Man wird gegen diesen Plan einwenden, daß viele Paare, die am gefährlichen Wendepunkte des Ehelebens -- d.i. nach ca. zehn Jahren -- Malheur haben, in den ersten Jahren vollkommen glücklich sind. Aber da mal die menschliche Liebe so veränderlich ist und die Leute wie die Lebensbedingungen dem Wechsel so unterworfen sind, ist es unmöglich, zu irgend einem feststehenden System zu gelangen, das darauf Rücksicht nimmt. Es muß jedoch daran erinnert werden, daß in der Mehrzahl der unglücklichen Ehen nicht das System zu tadeln ist, sondern die Individuen. Die Einführung des ehelichen Noviziates würde jedoch die Zahl der Scheidungen dadurch beträchtlich vermindern, daß durch sie das jetzt so häufige Nichtzusammenpassen der Temperamente weit seltener würde. Das eheliche Noviziat würde jenen eine zweite Chance bieten, die eine schlechte Wahl getroffen haben, ohne jedoch in jene Promiskuität auszuarten, die für die Gesellschaft eine Gefahr und für die höchsten Interessen der Rasse verhängnisvoll ist. Von welchem anderen System kann man das sagen?
Für die im Noviziat lebenden Frauen müßte man eine neue Bezeichnung erfinden, die sie nach gelöster Verbindung beibehalten würden. »Frau« wäre nach wie vor die unterscheidende Bezeichnung für jene weiblichen Wesen, die in den endgültigen und bindenden Ehestand eingetreten sind. Ob die Frau den Zunamen des Mannes während der Probezeit annehmen sollte, wäre eine andere, durch die Majorität zu entscheidende Frage; ich wäre dafür, daß sie ihren Mädchennamen mit obbesagter Bezeichnung behielte und den Namen des Mannes nur mit dem endgültigen Titel »Frau« annähme. Aber das sind bloße Details.
Was die wichtige Frage der Kinder anbetrifft, so würde die Nachkommenschaft aus einer »Probeverbindung« natürlich legitim sein, aber ich meine, daß kluge Leute darauf bedacht sein würden, keine Kinder zu bekommen, so lange die Ehe nicht endgültig geschlossen ist. Gewiß würden Kinder eher die Ausnahme als die Regel sein, und die Frage ihrer Fürsorge in den Fällen gelöster Ehen würde die durchdachteste Gesetzgebung erheischen. Den Aufenthalt des Kindes zwischen den Eltern zu teilen, ist ein nicht wünschenswertes Auskunftsmittel, das bis zu einem gewissen Grad nachteilig wirken muß, da ein ständiger Aufenthaltsort mit regelmäßigen Gewohnheiten von ungeheurer Wichtigkeit für das Wohlergehen der Kinder ist. Den Vater jedoch ganz zu berauben, ist ebenso unangebracht.
Das »eheliche Noviziat« ist kein neues System. Es war vor der Reformation in Schottland unter dem Namen »Händeschütteln« üblich. Die Männer und Mädchen trafen sich bei den jährlichen Jahrmärkten und erklärten einander durch die Zeremonie des »Händedrucks« zu Gatten auf ein Jahr. Am Jahrestag dieser Zeremonie wurden sie -- wenn alles gut gegangen war -- durch einen Priester gesetzlich getraut. Wenn sie die Verbindung als einen Mißgriff erkannt hatten, so schieden sie.
Vierter Teil
Die Kinder -- die Sackgasse aller Reformen
»Ein frühes Ergebnis teils des Geschlechtes, teils der passiven Art der ersten Urmutter ist Begründung einer neuen und schönen Gemeinschaftsform -- der Häuslichkeit . . . Eine Tages erscheint in diesem Raum ohne Dach jenes Wesen, das bestimmt ist, die Lehrer der Welt zu lehren -- ein kleines Kind.«
_Henry Drummond._
»Jede echte Frau ist von Natur aus eine Mutter und findet am besten in der Mutterschaft ihre soziale und sittliche Erlösung. Sie soll durchs Gebären erlöst werden.«
_Grant Allen._
»Kinder sind eines Mannes Macht und sein Stolz.«
_Hobbes._
I. Kinder oder keine Kinder -- die Frage des Tages
»Die Ehe wurzelt daher vielmehr in der Familie als die Familie in der Ehe.«
_Westermarck._
Wenn wir die Kinder aus dem Spiel lassen könnten, wäre die Neugestaltung der Ehebedingungen recht einfach. Aber meine Freundin Amoret hat dieses Problem sehr richtig »die Sackgasse aller Reformen« genannt. Jedes System, sei es Probeehe, freie Liebe, Polygamie, Polyandrie, Duogamie -- jedwedes System, das die Vaterschaft des Kindes zu verschleiern oder das Kind der erprobten Vorteile eines ständigen Heims zu berauben trachtet -- ist von Anbeginn aussichtslos. Das bezieht sich jedoch nur auf Ehepaare, die Kinder haben. Früher erwarteten alle jene, die heirateten, Nachkommenschaft und waren enttäuscht, wenn diese Hoffnung nicht erfüllt wurde. Daß es möglich ist, die Zahl der Nachkommenschaft zu beschränken oder gar die Elternschaft ganz zu vermeiden, wußten sie natürlich nicht. Heute ist das alles anders, und die Malthusianischen Lehren herrschen überall.
Bernard Shaw sagt: »Daß man die Ehe künstlich unfruchtbar machen kann, ist die revolutionärste Errungenschaft des 19. Jahrhunderts.« Gewiß ermöglicht sie die umstürzlerischen Vorschläge über die Ehe oder würde sie vielmehr durchführbar machen, wenn man die »Errungenschaft« allgemein in Praxis umsetzte.
So muß denn der Satz aufgestellt werden, daß da, wo Kinder sind, keinerlei Änderung unseres gegenwärtigen Ehesystems ratsam ist, und daß die Leute, die es mit neuen Ehesystemen versuchen wollen, entschiedenst die »Sackgasse aller Reformen« vermeiden und kinderlos bleiben müssen.
Kinder oder keine Kinder -- das ist heutzutage die Frage. Es gibt kaum ein Thema, über das die Ansichten mehr auseinandergehen. Manche Leute betrachten die Elternschaft als das schrecklichste Unglück; andere wieder meinen, daß es nutzlos leben hieße, wenn man ohne Nachkommenschaft sterben wollte. Ich hörte ein Mädchen einst sagen: »Ich hasse Kinder; es ist viel besser, sich ein paar liebe Hunde zu halten,« und das war kein unwissendes oder lebensfremdes Mädchen, sondern ein gesundes, kluges, voll entwickeltes junges Weib von 26 Jahren. Und vor kurzem teilte mir ein anderes Mädchen ihre Verlobung mit und fügte gleich hinzu, daß sie durchaus nicht die Absicht habe, Kinder zu bekommen. George Moore sagt in seinem düsteren und abstoßenden Buch »Die Beichte eines jungen Mannes«: »Möge ich kinderlos sterben, damit, wenn meine Stunde kommt, ich mein Antlitz zur Mauer wenden und mir sagen kann, daß ich das große Unheil menschlichen Lebens nicht vermehrt habe -- dann werden meine Sünden in Dunst vergehen wie eine Wolke -- und wäre ich auch ein Mörder, Zuhälter, Dieb und Lügner gewesen. Aber derjenige, dessen Sterbebett Kinder umstehen -- und wäre sein Leben in allem anderen ein vortreffliches gewesen --, wird von dem wahrhaft Weisen für gottlos gehalten werden und der Makel wird ewig auf seinem Andenken haften.« (Bei diesen Zeilen wundert man sich, warum George Moore das »große Unheil menschlichen Lebens« in seiner eigenen Person weiter aufrecht erhält, wo er doch seine Existenz so leicht beenden könnte, ohne irgend jemanden zu betrüben!)
Aber ich habe viele Leute, Männer und Frauen, ledige und verheiratete, sagen hören, daß ohne Kinder die Ehe keinen Sinn hat, welcher Meinung ich von Herzen beipflichte. So manches warmblütige, lebensvolle, tapfere junge Weib vertraute mir an, daß sie -- gleichviel, ob sie heiraten würde oder nicht -- um jeden Preis Mutter zu werden wünsche. Es ist eine der traurigen Folgen der Scheu der Männer vor der Ehe, daß solche prächtige Frauen vorsätzlich ihre herrliche Sehnsucht nach Mutterschaft unterdrücken müssen, -- oder dafür, daß sie ihr unterliegen, einen fürchterlichen Preis zahlen müssen, den nicht sie allein entrichten, sondern auch das in die Welt gesetzte Kind. Solche Frauen trifft man jedoch nicht oft.
Und jetzt kommen wir zu den Gründen, um deretwillen die Leute keine Kinder haben wollen.
»Wir können es nicht erschwingen«, ist die zumeist gehörte, aber verächtlich selbstsüchtige Entschuldigung. Ich sagte oben, daß jeder Mann es sich erlauben könne, zu heiraten -- wenn er die rechte Frau findet.