Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll

Chapter 8

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K.: Wie unsinnig kurzsichtig waren die Leute damals! Die Scheidung ist allerdings abgeschafft, aber die Skandale und der Kummer, die gebrochenen Herzen und die zerstörten Familienleben, die sie verursachte, sind vertausendfacht. Die Untreue mag jetzt weniger häufig sein, aber wenn die Leute dazu Lust und Gelegenheit haben, dann haben sie keine Lust, eine gewisse Anzahl von Jahren zu warten, bis es dem Gesetz nach keine Sünde mehr ist. Ebenso ist es mit den anderen Mißständen. Es wird immer eine große Zahl von Männern geben, die die Ehe aus finanziellen oder anderen Gründen hinausschieben, und eine große Zahl Frauen, die nur auf eine Weise ihr Leben zu verdienen verstehen, und der älteste Erwerbszweig der Welt wird immer im Gang gehalten werden. Auch die Verführung wird nicht aufhören, so lange die Gesetze dieses Vergehen so milde beurteilen. Es wird immer unwissende, dumme und unbeschützte Mädchen geben und immer Männer, die daraus ihren Vorteil ziehen.

M.: Es scheint auch ebensoviele alte Jungfern zu geben wie früher; die Frauen, welche für die Männer nichts Anziehendes haben, bleiben bei jedem System dieselben, und oft sind sie die besten Frauen.

K.: Wie seltsam muß es sein, _nie einen Mann gehabt zu haben_.

M.: Es muß jedenfalls recht friedlich sein. Aber die alten Jungfern sehen durchaus nicht glücklicher aus als die verheirateten Frauen.

K.: Ich sehe nur ein gutes Resultat des Systems der Ehe auf Probe: daß die Frauen sich jetzt ebensosehr nach der Mutterschaft sehnen als sie im Anfang des Jahrhunderts bestrebt waren, sie zu vermeiden. Wir altern mit der Furcht vor fast sicherer Verlassenheit und Vereinsamung, und die einzige Hoffnung für unser Alter sind unsere Kinder -- ach, verzeihe, ich vergaß, daß du keine hast.

M.: Ach geh -- ich denke ja oft daran, und wenn Jack gegen eine andere Frau aufmerksam ist oder sie bewundert, fürchte ich mich schrecklich davor, daß er eine neue Anziehungskraft gefunden hat und mich verlassen könnte. Was für dummes Zeug sie früher über die Notwendigkeit der freien Liebe zusammengeschrieben haben! Als wenn die Freiheit etwas so Herrliches wäre. Wir sind ja doch alle Sklaven irgendeiner Konvention, einer Leidenschaft oder einer Theorie. Niemand von uns ist wirklich frei, und wenn wir es wären, würde es uns gar nicht befriedigen. Für die romantische Liebe in den Romanen mag die »Freiheit in der Liebe« ja ganz schön sein; aber jenes eigene Bedürfnis der Geschlechter nacheinander, das wir in Ermanglung eines besseren Ausdrucks im praktischen Leben »Liebe« nennen, das muß in ein festes Band geschmiedet werden; oder wie sollen wir arme schwankende Sterbliche uns sonst helfen? Die Liebe muß ein Anker im wirklichen Leben sein -- nichts anderes ist gut für uns!

III. Das Fiasko der freien Liebe

Der letzte Gesichtspunkt, aus welchem alle das Betragen der Menschen beurteilen, ist das daraus folgende Glück oder Unglück.

Ein Verhalten, dessen mittelbare oder unmittelbare Endresultate schädlich sind, ist ein schlechtes Verhalten.

_Herbert Spencer._

Die freie Liebe ist die gefährlichste und trügerischeste Form aller Ehesysteme genannt worden. Sie ist auf einem ganz unmöglichen ethischen Standpunkt begründet. In der Theorie ist sie die ideale Verbindung der Geschlechter, aber sie wird nur dann praktisch möglich sein, wenn Mann und Frau sich sittlich total verändert haben werden. Wenn die Leute alle treu, beständig, seelenrein und äußerst selbstlos sind, dann mag die freie Ehe in Betracht gezogen werden. Selbst dann hätten die Unschönen und Reizlosen keine Chancen.

Unter den gegenwärtigen Bedingungen hat noch kein in _offener_ freier Liebe lebendes Paar dieselbe erfolgreich durchgeführt, ich meine mit einem gediegenen, ständigen Erfolg. Ich glaube, es gibt Paare, die ohne ein dauerhafteres Band als ihre gegenseitige Liebe glücklich miteinander leben, aber sie stellen sich klugerweise unter den achtunggebietenden Schutz des Eherings und nennen sich Mann und Frau. So braucht die eben flügge gewordene freie Liebe nicht gegen die gewaltige Kraft des gesellschaftlichen Bannes zu kämpfen, und überdies hat man kein Mittel, zu erfahren, wie lange diese Verbindung den Versuchungen der Zeit widersteht. Die zwei bemerkenswerten modernen Beispiele von freier Liebe, an die ich mich hier natürlich erinnere, sind George Eliot und Mary Godwin. Aber bei beiden waren die Männer schon verheiratet. Sobald Harriet gestorben war, heiratete Mary Godwin den Dichter Shelley und als George Lewes dahinschied, heiratete George Eliot einen anderen Mann, eine Handlungsweise, welche die meisten Leute viel weniger verzeihlich finden als ihr ungeregeltes Verhältnis mit Lewes. Selbst die berühmten Perfektionisten von Oneida fielen nach dem Tode ihres Führers Noyes auf seinen eigenen Wunsch in die gewöhnliche Eheform zurück.

Im Ostende von London ist die Institution der freien Liebe sehr verbreitet, aber nach den Erfahrungen der Polizeibehörde sind ihre Resultate sicher nicht ermutigend. Ich hörte auch, daß sie bei den Kattunarbeitern von Lancashire sehr allgemein ist; das System der +»collage«+ herrscht auch in den arbeitenden Klassen Frankreichs vor und scheint sich recht gut bewährt zu haben. Aber nur da, wo die Fähigkeit und Gelegenheit der Frauen, sich selbst zu erhalten, vorhanden ist, ist die freie Ehe vom ökonomischen Standpunkt überhaupt durchführbar, und selbst dann bleibt die ernste Frage der unehelichen Kinder. Alle billig Denkenden müssen einsehen, daß die Haltung der Gesellschaft den unehelichen Kindern gegenüber äußerst ungerecht und grausam ist, da sie die vollkommen Unschuldigen straft. Aber jeder erwachsene Mensch kennt diese Haltung, und jene, welche ihr trotzen, um ihrer Annehmlichkeit willen oder der Befriedigung einer Experimentierlaune zuliebe, tun es im vollen Bewußtsein, daß auf ihrem Kind sicher der Druck lebenslänglicher Benachteiligung lasten wird. Vielleicht werden viele durch dieses Bewußtsein davon abgeschreckt, das Sittengesetz zu durchbrechen; aber die Zahl der in England und Wales geborenen unehelichen Kinder war im Jahre 1905 37300 und ich glaube, es ist im Interesse dieser unglücklichen Opfer der Selbstsucht anderer _höchste Zeit_, daß eine gütigere und weniger engherzige Haltung ihrer entrechteten Stellung gegenüber eingenommen wird.

Ich erinnere mich, als junges Mädchen ein Stück gesehen zu haben mit dem Titel »Ein Veilchenstrauß«. -- Die Heldin entdeckt, daß die frühere Frau ihres Mannes noch lebt, und ihr Kind daher unehelich ist. Sie sagt ihrer Tochter, sie möge zwischen ihren Eltern wählen und erklärt ihr die Vorteile des Verbleibens bei ihrem reichen und einflußreichen Vater. Die Ansprache schließt mit den Worten: »Bei mir wirst du arm und in Schmach leben, und du kannst nie heiraten!« Zweifelsohne wurde dieser Gesichtspunkt einzig und allein in Anbetracht der jungen Mädchen im Zuschauerraum festgehalten, aber seine Unvernunft stieß mich ab. Selbst der beschränkten Intelligenz einer Siebzehnjährigen ist es klar, daß ein unehelich geborenes Mädchen lieber so schnell als sie nur kann heiraten sollte, um einen bürgerlichen Namen zu erhalten, wenn schon ein Name von solcher Bedeutung im Leben ist. Es wurde kürzlich viel über die freie Liebe im Zusammenhang mit dem Sozialismus diskutiert, und höchstwahrscheinlich dank der Entstellungen gewisser Zeitungen scheint die Vorstellung Platz gegriffen zu haben, daß die Abschaffung der Ehe und ihr Ersatz durch die freie Liebe ein Teil des sozialistischen Programms sei. Es könnte unmöglich eine unwahrere Anklage erhoben werden, wie die Umfrage bei den Führern der verschiedenen sozialistischen Körperschaften rasch erweisen wird.

Die Leute, welche für die freie Liebe plädieren, führen gern ins Treffen, daß eine so persönliche Angelegenheit nur sie selbst angeht. Alle, die so denken, sollten sich eine +cause célèbre+ der letzten Zeit zur Warnung dienen lassen, in welcher Selbstmordversuch, krüppelhafter Nachwuchs und ein die unschuldigen Kinder bis zur dritten Generation umstrickendes Gewirr von Elend sich als die Folgen einer vor fast dreißig Jahren geschlossenen freien Verbindung ergaben. Diese und noch viele andere Tragödien der freien Liebe, die von Zeit zu Zeit in den Zeitungen veröffentlicht werden, scheinen zu beweisen, wie irrtümlich die Anschauung ist, daß wir für keine unserer Handlungen Rechenschaft abzugeben haben. Ein Verhältnis, welches die zukünftige Generation beeinträchtigt, kann nie eine private und persönliche Angelegenheit sein. Vor einigen Jahren veröffentlichte E. R. Chapman einen sehr interessanten Essay über die Ehe, in welchem er sagte: »Die gesetzliche Ehe gegen bloß freiwillige Verbindungen, bloß zeitweise Gemeinschaft austauschen, heißt nicht die Liebe frei machen, sondern ihr den Todesstoß versetzen durch Loslösung von jenem menschlichen Faktor, der die richtig verstandene Ehe ist und der die Rücksicht für die Ordnung, die Rücksicht für das allgemeine Wohl über das persönliche Interesse und die bloße Selbstbefriedigung des Augenblicks stellt.«

IV. Die Polygamie an einer höflichen Tafelrunde

»Am schwersten und letzten von allem ist jenes Monopol des menschlichen Herzens auszurotten, das als Ehe bekannt ist . . . Es ist mit jener häßlichen und barbarischen Form der Hörigkeit so weit gekommen, daß man den sonderbaren Einfall hat, sie für direkt göttlichen Ursprungs zu halten.«

_Grant Allen._

Wir nennen es die höfliche Tafelrunde, weil wir in der Hitze des Meinungsgefechtes immer rückhaltlos derb zu werden pflegen. Bei dieser Gelegenheit war die unvermeidliche Ehediskussion, die fast immer in der einen oder anderen Zeitung zu finden ist, der Gesprächsgegenstand. Der 'biedere Börsenmann' (unverheiratet) verteidigte herzhaft den heiligen Ehestand. Seine sittliche Haltung ist gewiß etwas langweilig, aber nichtsdestoweniger gehört er zu jenen Leuten, mit denen man wirklich höflich ist. Obgleich auf dem Gesicht des 'Familienegoisten' eine gewisse Reizbarkeit zu sehen war, hörten wir achtungsvoll zu, ausgenommen der 'böse Börsenmann', dessen Mahlzeit einen viel zu wichtigen Raum in seinem Lebensplan einnahm, um durch ein Gespräch über moralische Themen beeinträchtigt zu werden.

Der 'verlebte Roué' muß natürlich -- das ist ihm Ehrensache -- allem widersprechen, was der 'biedere Börsenmann' sagt. Ich muß erwähnen, daß der 'verlebte Roué' ein äußerst tugendhafter Mann und ein Mustergatte und -vater ist. Er posiert eine wüste Vergangenheit, was ihm den sarkastischen Spottnamen eingetragen hat, den er durchaus nicht durch seine Aufführung verdient. »Sie vergessen,« warf er matt ein, als der 'biedere Börsenmann' eine Pause machte, »daß kein Geringerer als Schopenhauer gesagt hat, daß der Mann von Natur aus zur Polygamie, die Frau zur Monogamie neigt.«

»Ich verneine die erste Behauptung«, sagte der 'biedere Börsenmann' erhitzt. Er geriet immer in Hitze, wenn es sich um Sittlichkeitsfragen handelte, und wollte immer genaue Nachweise liefern, was eine einigermaßen langweilige Diskussion zu verursachen drohte, als der 'Blaustrumpf' mit dünner, abgehackter Stimme entschlossen dazwischenfuhr:

»Wenn man Ihnen zuhört, könnte man glauben, daß die monogamische Ehe eine göttliche Institution ist.«

»Lächerlich, was?« grinste der 'verlebte Roué'. Der 'biedere Börsenmann' sah bekümmert aus und räusperte sich. Bei diesem schrecklichen Signal schickte sich der 'Familienegoist' -- dessen Gereiztheit stetig wuchs, wie die nachgewiesene Verbreitung einer Zeitung -- an, sein Wurfgeschoß auf den Kampfplatz zu schleudern. Das hätte jedwede Angeregtheit des Gespräches auf einige Stunden hinaus gehemmt, und es entrang sich allen ein Seufzer der Erleichterung, als unser tapferer 'Blaustrumpf' sich noch einmal dem Lauf des Gespräches entgegenwarf.

»Sie machen ja geradezu einen Kultus aus der Bibel,« quakte sie höhnisch den 'biederen Börsenmann' an, -- »aber Sie scheinen mit dem Alten Testament auf keinem sehr vertrauten Fuß zu stehen. Sie werden dort reichliche Beweise finden, daß die monogamische Ehe nicht göttlicher ist als die Polygamie oder die freie Liebe, auch daß sie keinen himmlischen Ursprung hat, da sie sich je nach Rasse und Klima änderte. Sie ist einfach ein unerläßlicher Schutz der Gesellschaft.«

»Ich setze einen Schilling drauf«, murmelte der 'Tölpel' (ein unverbesserlicher junger Mann, ganz der Winston Churchill unseres Familienkabinetts), indem er seine übliche Formel anwendete. Ohne auf ihn zu achten, zirpte der 'Blaustrumpf' ernst weiter: »Wenn Sie je Soziologie studiert haben, müssen Sie wissen, daß die Ehe hauptsächlich ein Gesellschaftsvertrag ist, der ursprünglich auf der Selbstsucht begründet war. Noch jetzt hat sie etwas von ihrer halb barbarischen Form, und jene, welche ohne Gründe ihre bewiesene Heiligkeit predigen, sollten lieber vorschlagen, wie das jetzt in Übung stehende wüste Gesetz den Notwendigkeiten der modernen Verhältnisse angepaßt werden könnte.«

Sie machte eine Pause, um Atem zu schöpfen. -- Der 'biedere Börsenmann' war bleich, aber er hielt ihr mannhaft stand. »Bravo, 'Blaustrumpf'«, sagte der 'verlebte Roué'.

»Eine prächtige Frau, unsere Wortführerin«, sagte der 'Tölpel'. -- »Ich setze einen Schilling auf sie.«

Der 'böse Börsenmann' nahm eine zweite Portion Salat und aß unbekümmert weiter, während die 'vornehme Dame' an der Spitze der Tafel den 'Familienegoisten' ängstlich beobachtete, der apoplektisch aussah und so bedenklich mit seinem Weinglas spielte, daß er dessen Laufbahn als nützlichen Gebrauchsgegenstand offenbar abzukürzen im Begriff war.

»Mich hat man gelehrt«, sagte der 'biedere Börsenmann' langsam, »die Ehe als eine geheiligte Institution, als ein heiliges Mysterium zu betrachten.«

»Dann hat man Sie Unsinn gelehrt«, schnauzte ihn der 'Blaustrumpf' an und gab sich so den übelsten Gewohnheiten der höflichen Tafelrunde hin; sie bebte vor intellektueller Begeisterung.

»Eine Anschuldigung«, begann der 'biedere Börsenmann' -- (»Gelungenes Wort, ich setze einen Schilling darauf« murmelte der 'Tölpel') -- »ist kein Beweis«, setzte der 'biedere Börsenmann' fort.

»Schon möglich, aber was Sie gesagt haben, war Unsinn«, erwiderte der 'Blaustrumpf'. »'Ein heiliges Mysterium, eingesetzt in der Unschuldszeit der Menschheit' -- ich erinnere mich an das Zitat. Und um welche Zeit war das, wenn ich bitten darf? Beziehen Sie sich auf den Garten Eden oder irgend einen Teil der Bibel? Das erwählte Volk, die Hebräer, war polygamisch von der Zeit des Lamech an, offenbar mit der Zustimmung der Gottheit. Selbst der unberührte David hatte dreizehn Frauen, und der heilige Salomo ein rundes Tausend. Da ist nicht viel von dem heiligen Mysterium in jenen Tagen zu spüren.«

»Lieber 'Blaustrumpf', Sie sind aber wirklich --« murmelte die 'vornehme Dame'.

»Durchaus nicht, sie ist ganz bei Sinnen«, warf der 'verlebte Roué' ein, der sich teuflisch an dem sichtlichen Ärger des 'biederen Börsenmannes' weidete.

»Ich gebe es auf«, sagte der letztere, wobei der 'Tölpel' und der 'verlebte Roué' in ein Freudengeheul ausbrachen. »Ich kann wirklich nicht gegen eine Dame von solch überwältigender Beredsamkeit aufkommen«, fuhr er fort, indem er sich in entzückend galanter Art verbeugte. »Es ist alles eins, ich werde immer glauben, daß die Ehe eine heilige Institution ist.«

»Mein lieber alter Junge,« sagte der 'verlebte Roué' hastig mit einem Seitenblick auf den 'Familienegoisten', der wirklich an jenem Abend schlecht behandelt wurde, »deine Hochherzigkeit ist geradezu bewunderungswürdig, aber sie ist nicht am Platze. Sie paßt nicht in moderne Verhältnisse. In der Theorie ist die Ehe gewiß ein heiliges Mysterium. In der Praxis wird sie ein unheiliger Wirrwarr, oft eine Erniedrigung. Ich persönlich glaube an die Polygamie.«

Nur schwer unterdrückten alle ein Lachen bei dem Gedanken an seine wachsame Gattin und seine verschiedenen, schon von Geburt an wachsamen Kinder. »Auch ich, einen Schilling setze ich drauf«, sagte der 'Tölpel' unentwegt. »Nicht für mich selbst natürlich,« fuhr der 'verlebte Roué' fort, ohne die Spur eines Lächelns, »das heißt nicht -- ich meine -- nicht jetzt, aber im allgemeinen gesprochen, und ich meine abstrakt genommen, wäre die Polygamie eine vernünftige Institution. Denken Sie nur daran, wie sie unsere modernen Komplikationen vereinfachen und unsere beiden ärgsten sozialen Übel verbessern würde.«

»Ja, _denken_ Sie bitte, das wird genügen«, warf die 'vornehme Dame' hastig ein.

»Und wie es die überflüssige Frauenfrage lösen würde,« fuhr der 'verlebte Roué' fort. »Denken Sie an die ungeheuere Zahl unglücklicher alter Jungfern, die dann glücklich versorgt wären.« Der 'Blaustrumpf' ließ ein entrüstetes Gequiek vernehmen.

»Denken Sie an die Ausgaben,« bemerkte der 'biedere Börsenmann' trocken, und der 'verlebte Roué' sank zusammen wie ein angestochener Gasballon. »Herbert Spencer sagt,« fuhr der 'biedere Börsenmann' fort, »daß die Tendenz zur Monogamie angeboren ist und alle anderen Formen der Ehe zeitweise Verirrungen gewesen sind, von denen jede die entsprechenden Übel nach sich zog. Schließlich ist die monogamische Ehe zum Schutz der Frauen eingesetzt und wurde in den großen und edlen Zeitaltern der Weltgeschichte heilig gehalten. Ganz abgesehen von dem moralischen Gesichtspunkt könnte die Polygamie jedoch nur in tropischem Klima möglich sein, wo die Lebensbedingungen auf ein Minimum reduziert wären und man von Datteln und Reis leben könnte. Aber der Durchschnittsmann in unserem ruhmreichen Freihandelland kann ja nicht einmal _eine_ Frau in angemessener Weise ernähren, geschweige denn mehrere. Ich frage, wie es im Namen des Bankdiskonto . . . .«

»Ihr Börsenmenschen seid alle so schrecklich knauserig«, erwiderte der 'verlebte Roué'. »Habe ich nicht gesagt, abstrakt genommen? Natürlich weiß ich, daß es praktisch nicht möglich wäre, jetzt noch nicht; aber ich glaube wirklich, daß es das ganze sexuelle Problem lösen könnte.«

»Keiner von euch scheint die Frauen in Betracht zu ziehen«, piepste der 'Blaustrumpf'. »Glauben Sie denn, daß wir modernen Frauen mit unseren Hilfsquellen und unserer Bildung so einen Gedanken nur einen Augenblick ins Auge fassen würden?«

»Gut, was denken Sie darüber?« fragte der 'verlebte Roué' mit diplomatischer Ehrerbietung.

Zu unserer Überraschung begann der 'Blaustrumpf' zu erröten, und ihr Erröten ist nicht das sittsame, unverantwortliche Rotwerden eines gewöhnlichen Mädchens, sondern ein quälendes Zuströmen des Blutes ins Gesicht unter dem Druck tiefernsten Verhaltens, jene Art von Erröten, bei der man wegschauen muß.

»Nun«, sagte sie mit einem Schlucken, -- »ich denke, vielleicht -- vielleicht würden sie es tun.«

Es war klar, daß es sie etwas gekostet hatte, dies zuzugeben. Wir waren wie vom Donner gerührt. Der 'Familienegoist' vergaß seine brennende Redelust und hörte auf, das Weinglas zu bedrohen, die 'vornehme Dame' war ganz aufgeregt, der 'verlebte Roué' wurde beinahe munter und der 'biedere Börsenmann' sah aus, als wenn er eben in Tränen ausbrechen wollte.

»Ich glaube, wir Frauen wären nicht gegen die Polygamie, -- nur um das kleinere Übel zu wählen,« fuhr der kleine 'Blaustrumpf' tapfer fort, »denn die gegenwärtige Vergeudung der Weiblichkeit in unserem Lande ist ein sehr ernstes Übel. Natürlich machen es die finanziellen Verhältnisse unmöglich, wie der 'biedere Börsenmann' sagt, aber wenn es möglich wäre, wenn es aus ehrenwerten Motiven und in ganz ehrenwerter offener Weise von -- ich meine, den geeigneten Persönlichkeiten -- autorisiert und sanktioniert wäre, dann glaube ich, die Frauen könnten es ohne Verlust der Selbstachtung aufnehmen, besonders, wenn die erste jugendliche Liebesglut vorüber ist. Nach diesem Stadium, und wenn eine Frau sich selbst vergißt, dadurch, daß sie sich wirklich erst in der Liebe und der Sorge für ihre Kinder und einer weiteren Auffassung des Lebens und seiner Pflichten selbst gefunden hat, dann denke ich, könnten die meisten Frauen unter solchen Umständen glücklich sein. Ich glaube, es wird eine Menge unsinniges Zeug über die Qualen der menschlichen Eifersucht zusammengeschwatzt, und über die Eifersucht der Frau im besonderen. Die Männer mögen ja darunter leiden, darüber kann ich nicht urteilen, aber ich bin überzeugt, bei den Frauen ist es nicht so. Die Demütigung, die Lieblosigkeit, die Tatsache, 'betrogen' und durch eine andere verdrängt worden zu sein, _die_ verletzen so, wenn ein Mann untreu ist. Aber wenn es ganz anständig und ehrlich wäre, wenn es begriffen würde, daß die Polygamie der Natur des Mannes mehr entspricht und der größten Anzahl von Frauen Glück zu bereiten geeignet ist, -- da sie so in der Überzahl sind, daß sie nicht erwarten können, jede einen Gefährten zu finden -- dann glaube ich wirklich, nachdem die Frauen sich diesen neuen Verhältnissen anzupassen Zeit gehabt haben -- es mag ein oder mehrere Generationen dauern -- dann würden sie sie ganz froh anerkennen und Frieden und Befriedigung in ihr finden.«

Der 'Blaustrumpf' machte eine Pause und sah auf die gespannten Gesichter ringsum. Sogar der 'Tölpel' war auf ihre Worte gespannt, aber der 'biedere Börsenmann' hatte seine Blicke abgewendet, und der 'Blaustrumpf' war ganz bleich, als sie fortfuhr.

»Natürlich denkt man bei dem Wort gleich an den Harem und orientalische Frauengemächer, aber nichts von dieser Art würde sich bewähren. Die Frauen müßten getrennt leben, nicht bei dem Manne wohnen, jede in ihrem eigenen Heim, mit ihrem eigenen Interessen- und Pflichtenkreise, jede mit ihrer eigenen Arbeit. Keine dürfte im Müßiggang leben, welcher die Ursache alles Zwistes und aller Trübungen ist. Jede Frau sollte etwas arbeiten und irgend jemandem helfen. Ich denke jetzt natürlich nicht an die glücklich verheirateten und zufriedenen Frauen, sondern an die tausende, die ein elendes, dumpfes und einsames Leben führen und unendlich glücklicher wären, wenn sie sich auf eine bestimmte, in regelmäßigen Intervallen wiederkehrende Woche freuen könnten, in der der Mann mit ihnen leben würde. Es würde Liebe und menschliche Interessen und, was das Wichtigste ist, einen _Inhalt_ in ihr Leben bringen. Ich weiß, es klingt entsetzlich unmoralisch,« fuhr sie fort und errötete wieder peinlich, »aber ich meine es nicht so. Schließlich ist die Hauptursache, warum die Leute heiraten, die Kameradschaft, und diese hauptsächlich fehlt den unverheirateten Frauen nach der heiteren Zeit der ersten Jugend. Der natürliche Gefährte des Weibes ist der Mann. Daraus folgt, da nicht genug Männer da sind, um sie glücklich zu machen, daß es ein größeres Übel gibt als sie zu teilen. Ich behaupte nicht, daß es so befriedigend wäre, als einen treuen Gatten ganz für sich zu haben, aber es könnte für das größte Wohl der größten Anzahl gut sein, und es würde sicherlich bis zu einem gewissen Grade die sozialen Mißstände aufheben.«

Alle klatschten, als sie etwas atemlos geendet hatte. Es war klar, daß es dem braven 'Blaustrumpf' so sehr an dem eigenen Mut der Meinung fehlte, daß sie in tödlicher Verlegenheit war, als sie ihr öffentlich Ausdruck verleihen mußte. Die 'vornehme Dame', die das taktvollste Wesen der Welt ist, stand daher auf, bevor jemand etwas gesprochen hatte, und die beiden Frauen verließen zusammen das Zimmer.

Unter den Männern entstand ein Stimmengewirr, welches der 'biedere Börsenmann' dazu benutzte, auch still zu verschwinden.

»Gebt den Porter weiter!« sagte der 'böse Börsenmann' munter: »Sie ist ein verteufelt gescheites Weib, aber wie sogar die geistreichen Frauen von einer solchen Lebensunkenntnis sein können, frappiert mich, und auch, wie ihr da solche Heuchler sein könnt! . . .«

»Heuchler! Was meinen Sie?« brauste der 'Familienegoist' auf, der jetzt vor lauter unterdrücktem Reden fast platzte.