Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll
Chapter 7
Die Probeehe war einer der Gebräuche der frührömischen Gesellschaft. Heutzutage hat sie einen revolutionären Beigeschmack und ist so offenkundig unanwendbar, daß es kaum nötig wäre, sie hier weiter zu berühren, wenn ihr jüngster und vornehmster Anwalt in der Moderne nicht George Meredith wäre. Jeder von dieser Seite kommende Vorschlag muß sorgfältig beachtet werden. Auch ist diese Form der Ehe von dem großen Philosophen Locke und von Milton in Betracht gezogen worden. -- Vor kaum drei Jahren warf unser großer Romancier diese Bombe in eine entzückte, obgleich keinen Beifall zollende Presse, aber da das Gedächtnis heutzutage sehr kurz ist, dürfte eine kurze Rekapitulation der näheren Umstände am Platze sein.
Der Anfang der Geschichte war ein Brief an die »Times« von Cloudesly Brereton, in welchem über die wachsenden Hemmungen der Ehe geklagt und der Gepflogenheit gemäß die Frau als deren Urheberin angegriffen wurde. Der Verfasser konstatierte, daß in dem Mittelstand »die Anforderungen der modernen Frauen die Anziehungskraft der Ehe stetig untergraben. Mit ihren stets wachsenden Ansprüchen an die Zeit, die Energie und die Geldmittel ihrer Gatten bilden die modernen Ehefrauen einen sehr ernstlichen Hemmschuh, und in den unteren Gesellschaftsklassen erschwert die Ehe direkt die Chancen des Mannes, Arbeit zu finden.« Wie man die Frauen für diese letztere Ungerechtigkeit verantwortlich machen kann, war klugerweise nicht gesagt. Es wäre, glaube ich, schwer, die Anklage zu erhärten.
Das Interessanteste an diesem Dokument war die darauffolgende Diskussion in »The Daily Mail« und die gelungene Tatsache, daß der Verfasser sich wenige Wochen nach Erscheinen der Zuschrift verheiratete! Die übliche Schmähung der Ehe im allgemeinen und der Frauen im besonderen folgte, bis die verstorbene Mrs. Craigie sich der Diskussion anschloß und jene besonderen Eigenschaften zarten Verständnisses und wunderbarer Einsicht in die Frauenseele zur Anwendung brachte, die zu den hervorragendsten Merkmalen ihres glänzenden Werkes gehören. Es wäre schade, aus einem solchen Brief bloß zu zitieren, und so gebe ich ihn denn ganz wieder:
»Die Frauen sind da, wo es sich um Gefühle handelt, nicht eigennützig genug. Sie schlagen sich nicht zu hoch, sondern zu niedrig an. Die gegen ihre eigene Existenz gerichtete Selbstlosigkeit der modernen Frau ermöglicht den Eigennutz des modernen Junggesellen. Die Junggesellen sind nicht alle Weiberfeinde, und die Tatsache, daß ein Mann ledig bleibt, ist kein Beweis dafür, daß er für die Reize der weiblichen Gesellschaft unempfänglich ist, oder daß er diese Gesellschaft nicht in unverbindlichen Beziehungen in ganz gehörigem Maße genießt. Warum soll der junge Mann des Durchschnitts, der durch Anlagen oder Erziehung egoistisch ist, schwer arbeiten oder Opfer bringen um einer besonderen Frau willen, wenn so viele geneigt sind, sein Leben zu teilen, ohne daß er sich bindet, und noch so viele andere eifrig hinter ihm her sind, um jede Ritterlichkeit oder Zärtlichkeit, die ihm angeboren sein mag, zu zerstören? Die modernen Frauen geben den Junggesellen keine Gelegenheit, sie zu vermissen, und keinen Anlaß, ihrer zu bedürfen. Ihre Hingebung entbehrt der Selbstzucht, und sie wird eher ein Fluch als ein Segen für ihren Gegenstand. Warum? Weil die Frauen diese seltsame Macht der Konzentration und Selbstverleugnung in ihrer Liebe haben. Sie können sich nicht genug tun, um ihre Liebenswürdigkeit zu beweisen. Und wenn sie alles getan und sich nicht die Mühe genommen haben, ihre eigene Lage zu sichern, dann erkennen sie, daß sie durch ein Übermaß an Edelmut und den Wunsch angenehm zu sein, gefehlt haben. Das ist die den Junggesellen bezeigte Selbstlosigkeit.«
In einer Antwort auf diesen Brief forderte eine andere Romanschriftstellerin, Florence Warden, von Mrs. Craigie Auskunft über die Existenz solcher Frauen, aber sie erzielte keine weitere Erwiderung. »The Daily Mail« erläuterte dies folgendermaßen: »Hunderttausende unserer Leser können aus eigener Erfahrung eine Antwort auf diese bemerkenswerte Behauptung geben, und wir sind nicht im Zweifel über den Inhalt ihrer Antwort.« Man kann sich vorstellen, daß das mit Hinsicht auf die Leser an den Frühstückstischen der Villenkolonien geschrieben wurde; aber die Männer und Frauen, die im Leben stehen, deren Erfahrung nicht auf die Villenkolonien beschränkt ist, werden die unzweifelhafte Wahrheit der Behauptungen von Mrs. Craigie anerkennen. Wenn ich auch zugebe, daß der von ihr beschriebene Stand der Dinge zwischen den Geschlechtern richtig ist, wage ich ergebenst über die Ursachen dieses »Übermaßes an Edelmut« anderer Meinung zu sein. Bei den Frauen ist riesig viel Selbstlosigkeit angesammelt, aber sie wird meiner Meinung nach nicht in dieser Richtung verausgabt. Das Motiv ist vielmehr der leidenschaftliche Wunsch nach eigener Freude, Befriedigung ihrer eigenen Eitelkeit durch den Beifall seitens des männlichen Geschlechts, die oft auf Kosten ihrer Selbstachtung geht. H. B. Marriott-Watson nimmt denselben Standpunkt in einem späteren Brief ein: »Die Selbstlosigkeit erstreckt sich nicht auf die Liebessphäre. Geschlechtsanziehung ist praktisch unvereinbar mit Altruismus, und der Grad des Verzichts ist dem Grad der Neigung gerade entgegengesetzt. Diese Ordnung der Dinge hat die Natur so eingerichtet, und es nützt nichts, sie bannen zu wollen. Eine Frau mag ihr Leben für den Mann, den sie liebt, dahin geben, aber sie wird ihn nicht einer Rivalin ausliefern.«
Ein anderer interessanter Brief kam von Helen Mathers, die konstatierte, daß »alle Frauen heiraten sollten, aber kein Mann« -- da die Vorteile des Ehestandes ihrer Meinung nach einzig und allein auf seiten der Frauen seien.
In diesem Augenblick erschien der Beitrag von George Meredith zur Diskussion in der weniger autoritativen Form eines Interviews, nicht als Brief oder Artikel, wie nach diesem Zeitabschnitt sehr viele Leute zu glauben scheinen. Als ich dieses Interview neulich wieder durchlas, war ich von den besonders altmodischen Vorstellungen George Merediths über die Frauen betroffen. Wo es sich um die Frauenfrage handelt, da scheint er um mehrere Jahrzehnte im Rückstand zu sein.
»Das große Übel der Sache«, behauptet er, »ist, daß die Frauen so unerzogen, so unfertig sind. Die Männer brauchen zu oft eine Sklavin und denken häufig, daß sie eine bekommen haben; nicht, weil die Frau nicht oft gescheiter ist als ihr Mann, aber weil sie so unausgesprochen und nicht genug dazu erzogen ist, ihren wirklichen Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen.«
So war es, _bevor_ die Suffragettes aufkamen; aber es ist eine genügend überraschende Behauptung für das Jahr 1904. Er fährt fort: »Ich frage mich, ob ein junges, des Lebens äußerst unkundiges Mädchen, das, sagen wir, mit achtzehn Jahren heiratet, wenig von dem Mann, den sie heiratet, und noch weniger von irgend einem Mann auf der Welt versteht, dazu verurteilt werden soll, mit ihm den Rest ihrer Tage zu verbringen. Bald sympathisiert sie nicht mehr mit ihm, ja, sie hat keine Neigungen gemeinschaftlich mit ihm, keine wirkliche Gemeinschaft außer einer physischen. Das Leben ist ihr fast unerträglich, und doch führen es viele Frauen weiter, aus Gewohnheit oder weil die Anschauungen der Welt sie terrorisieren.«
Das ist allerdings wahr. Aber Meredith spricht, als wenn es wie zu unserer Großmütter Zeiten noch die Regel wäre, daß Mädchen unter zwanzig Jahren heiraten, während es doch jetzt geradezu die Ausnahme ist. Mit jedem Jahr scheint das Heiratsalter hinauf zu gehen, und errötende Bräute im Myrtenkranz werden in einem Alter zum Altar geführt, in dem sie vor fünfzig Jahren alte Jungfern mit Haube und Pulswärmern gewesen wären. Wenn ein Mädchen verrückt genug ist, gleich nach Verlassen der Schulstube zu heiraten, dann muß sie auf das enorme Risiko gefaßt sein, das die Wahl eines Gatten in so unreifen Jahren mit sich bringt.
An anderer Stelle sagt Meredith: »Die Ehe ist so schwer, ihre modernen Bedingungen so erschwerend, daß man zwei gebildeten Leuten, die sie eingehen wollen, nichts in den Weg legen sollte . . . Gewiß werden eines Tages die gegenwärtigen Bedingungen der Ehe geändert werden, sie wird auf einen bestimmten Termin, sagen wir zehn Jahre -- oder ich brauche keinen _bestimmten_ Termin zu nennen -- gestattet sein. Der Staat wird darauf sehen, daß genügend Geld weggelegt wird, um für die Kinder zu sorgen und sie zu erziehen; vielleicht wird der Staat dieses Kapital selbst verwalten. Es wird einen höllischen Aufruhr geben, bevor eine solche Änderung durchgeführt wird; es wird eine große Erschütterung sein, aber blickt nur zurück und seht, was für Erschütterungen es schon gegeben hat, und welche Veränderungen dennoch in Ehesachen in der Vergangenheit Platz gegriffen haben.«
»Die Schwierigkeit liegt darin, das Publikum daran zu gewöhnen, einem solchen Problem in die Augen zu sehen. Die Engländer brauchen es mehr denn irgendeine Nation in der Welt, in Disziplin zu leben. Sie wollen nicht vorwärts schauen, besonders nicht die Regierenden. Und es gehört Philosophie dazu; und das englische Volk dazu zu kriegen, daß es das bloße Wort Philosophie in seinen Diskussionen über so ein Thema zuläßt, ist mehr, als man erhoffen kann. Immer wieder, besonders in der Kritik Amerika gegenüber, sieht man, wie die Engländer hartnäckig alle neuen Bestrebungen als Zeichen von Krankhaftigkeit betrachten, und doch sind sie ein Zeichen von Gesundheit.«
Man sieht, daß Meredith den Termin von zehn Jahren als einen Vorschlag behandelt. In einem Essay von Stevenson wird einer Dame gesagt: »Nach zehn Jahren ist einem der Gatte wenigstens ein alter Freund«, und ihre Antwort war: »Ja, und man möchte, daß er einem nur das und nichts anderes wäre.« Der Abschnitt von zehn Jahren hat eine besondere Bedeutung in der Ehe. Nachdem das erste kritische Jahr vorüber ist, richten sich's die meisten Paare ziemlich behaglich ein, -- bis zum zehnten Jahre. Der Präsident des Ehegerichtshofes hat dieses Jahr den gefährlichen Wendepunkt im Eheleben genannt. Ein späterer Brief in der »Daily Mail«, welcher dem von George Meredith zustimmte und die gegenwärtige Form der Ehe »eine Verurteilung auf Lebensdauer« nannte, schlägt einen noch kürzeren Zeitabschnitt vor, z.B. fünf Jahre, da während dieser Zeit ein Ehepaar Glück oder das Gegenteil gefunden haben kann, und in letzterem Falle müßte man zu lange auf die Freiheit warten.
Ein Mitarbeiter eines anderen Blattes erwähnte Amerika als ein Beispiel der in volle Kraft getretenen Zeitehe. »Es erhellt aus der Statistik eines amerikanischen Bischofs, daß die Bevölkerung der Vereinigten Staaten schon jetzt unter den von Meredith vorgeschlagenen Bedingungen lebt. Im Jahre 1903 wurden nicht weniger als 600 000 amerikanische Ehen geschieden. Das bedeutet eine Scheidung auf je vier Ehen. In manchen Gegenden war das Verhältnis fast eins zu zwei, und die häufigste Ursache der Scheidung war das Bedürfnis nach Abwechslung.«
Es scheint mir, daß die Einführung der Probeehe nur allgemeines Elend und Verwirrung zur Folge haben würde, dem gegenüber die gegenwärtige Summe ehelichen Unglücks nur ein Tropfen im Meere wäre. Wenn unsere Ehegesetze abgeändert werden müssen, dann wollen wir hoffen, daß es nicht in dieser Richtung geschieht, ob zwar es ganz klar ist, daß eine solche Änderung Tausenden von Männern und Frauen, die aus irgendeinem Grunde dazu gelangten, ihre Fesseln zu verabscheuen, eine Wohltat wäre. Ob sie nicht auch die prosaische Zufriedenheit, die unter einigen Millionen Menschen als Glück gilt, zerstören würde, ist eine zu weit greifende Frage, um hier mehr als gestreift zu werden.
Das Schicksal jener, die auf Lebensdauer an Mondsüchtige, Verbrecherische und Trunksüchtige gebunden sind, ist gewiß erbarmungswürdig; aber eine Erweiterung der Scheidungsgesetze würde nur die Ausnahmsfälle treffen, ohne das Eheband der Normalen zu beeinträchtigen. Ich habe getrachtet, im folgenden Kapitel auf einige der vielen Schwierigkeiten der Probeehe hinzuweisen.
II. Die Ehe auf Probe in der Praxis
Ein Dialog im Jahre 1999
»Eines fürchten die Frauen mehr als das Zölibat -- nämlich, daß man sie verschmäht.«
_Marcel Prévost._
(Katharine und Margarete, zwei reizende Frauen im kritischen Alter der Vierziger, nehmen zusammen ihr Frühstück ein. Sie sind alte Freundinnen und haben einander jahrelang nicht gesehen.)
Margarete: Wie hübsch ist es, wieder beisammen zu sein. Aber es tut mir leid, daß du so verändert bist. Du siehst nicht glücklich aus. Was ist dir?
Katharine: Ich sollte glücklich aussehen. Ich habe wirklich Glück gehabt, aber ich bin, aufrichtig gestanden, schrecklich müde. Die Eheverhältnisse sind heutzutage entsetzlich ermüdend, findest du nicht?
M.: Ja, wir entbehren freilich jenes Gefühl des Friedens und der Sicherheit, von dem unsere Mütter sprachen, aber wir haben auch nicht jene entsetzliche Eintönigkeit. Denke dir nur, Jahr um Jahr, dreißig, vierzig, fünfzig Jahre mit demselben Mann zu leben! Wie würde man seiner Launen überdrüssig werden!
K.: Das weiß ich gerade nicht. Die Gleichförmigkeit der Stimmungen ist noch immer besser als die Abwechslung. Alle Leute haben Stimmungen. Und dann kommt es mir vor, daß mit unseren Vätern durchaus nicht so schwer auszukommen war wie mit unseren Gatten. Sieh, in früheren Zeiten wußten sie, daß sie fürs Leben gebunden waren, und das gebot ihnen Einhalt. Das scheint ihnen heutzutage zu fehlen.
M.: Ja, ja, es ist etwas daran. Ich erinnere mich, daß meine Großmutter, die am Ende des vorigen Jahrhunderts verheiratet war, zu sagen pflegte, ihr Mann sei ihr _Rettungsanker_, und er nannte sie seinen _Hafen des Friedens_.
K.: Oh, wie beneide ich sie. Das brauche ich eben so sehr: einen Anker, einen Hafen. Wie friedlich müssen sie gelebt haben, bevor dieses schreckliche neue Ehesystem aufkam.
M.: Die Leute fanden das offenbar nicht; denn wozu sollten sie dann Abänderungen getroffen haben? Aber was hast du gegen das System? Du hast vier Männer gehabt und bist von den beiden ersten fast so rasch fort als das Gesetz es erlaubt.
K.: Ja, und ich bin erst einundvierzig Jahre alt. Ich habe zu früh angefangen: mit achtzehn; und man nimmt die Ehe unwillkürlich leicht, wenn man weiß, daß sie nur fünf Jahre zu dauern braucht. Man geht sie ebenso gedankenlos ein, wie unsere glücklichen Mütter ihre Flirts einzugehen pflegten.
M.: Aber die Folgen sind doch ernster. Wir sind enttäuschte Frauen in einem Alter, in dem sie noch frohmütige junge Mädchen waren.
K.: Ja, der Familiennachwuchs macht die Sache so schwer. Die Vaterschaft ist heutzutage direkt ein Kultus geworden. Alle meine Gatten waren Fanatiker der Nachkommenschaft, und ich habe acht Kinder gehabt.
M.: Acht Kinder! Dann ist es kein Wunder, daß du herabgekommen aussiehst.
K.: Ganz richtig. Meine Mutter wäre entsetzt gewesen. Zwei oder drei, höchstens vier war die richtige Anzahl zu ihrer Zeit, und fünf war ein Verhängnis und sehr selten.
M.: Gut, meine Liebe, du hättest doch nicht so viele haben müssen. Du hättest den Vaterschaftskultus etwas eindämmen sollen. Keine Frau kann heutzutage gezwungen werden, Kinder zu haben, wie unsere unglücklichen Großmütter. Hast du alle acht bei dir?
K.: Nein, das ist es eben. Ich mochte nicht so viele haben, aber wenn sie schon einmal da sind, so möchte ich sie auch bei mir haben, und ihre Väter wollen sie natürlich auch.
M.: Oh, meine Liebe, wie ärgerlich. Wenn man heutzutage Kinder hat, ist das das Unangenehmste daran. Manchmal bin ich froh, daß ich keine habe.
K.: Dann kennst du vielleicht nicht das Gesetz über die Kinder in unserem jetzigen Ehesystem? Eine gewisse Summe muß jährlich für jedes Kind in den großen Staatskindertrust eingezahlt werden; wenn die Ehe gelöst wird, wird bloß der Mutter die Aufsicht übertragen, falls der Vater sich nicht daran zu beteiligen wünscht. In letzterem Fall verbringen die Kinder ein halbes Jahr bei der Mutter, ein halbes beim Vater.
M.: Das ist schön.
K.: Das glaube ich. Aber, ach! schrecklich hart für eine Mutter. Meine zwei älteren Mädchen sind beinahe schon erwachsen; sie waren einige Jahre im Pensionat, und es war für George und mich ganz leicht, ihre Ferien zwischen uns zu teilen. Aber jetzt kann ich sie nicht mehr in der Schule lassen, und sie werden das halbe Jahr bei ihm verbringen. Gott sei Dank ist er schon einige Zeit nicht verheiratet und scheint es auch nicht zu beabsichtigen. So habe ich nicht den Einfluß einer fremden Frau zu fürchten; aber wie kann ich sie leiten, wie kann ich die richtige Kontrolle über sie haben oder irgendeinen Einfluß unter diesen Umständen auf sie ausüben?
M.: Ja, das muß sehr traurig für dich sein.
K.: Es ist schrecklich, aber es gibt noch etwas viel Ärgeres. Gordon, der Vater von Arthur und Maggie, hat wieder geheiratet, und seine Frau ist auf die ältesten Kinder eifersüchtig und sehr ärgerlich, wenn sie bei ihm sind. Und mein kleiner Arthur ist so zart, er braucht soviel Sorgfalt und Studium. Ich habe keinen glücklichen Augenblick, wenn er bei ihnen ist. Er gedeiht auch nicht recht bei den anderen Kindern. Immer, wenn er von den Besuchen zurückkommt, sieht er krank und unglücklich aus. Ich kann dir nicht schildern, was ich wegen Arthur gelitten habe. Oh, wenn ich an ihn denke, könnte ich dieses niederträchtige Ehesystem verwünschen. Es ist wider die Natur.
M.: Ach, meine Liebe, man muß ja auch die Gesetze nicht ausnützen. Warum bist du nicht mit Gordon geblieben oder in erster Ehe mit George? Das kommt sogar jetzt oft vor.
K.: Ich weiß es, ich weiß es, aber George und ich, wir paßten schrecklich schlecht zusammen. Wir heirateten als halbe Kinder. Bei dem alten System kamen gewöhnlich vernünftige Eltern dazwischen, und die jungen Leute mußten warten, bis sie ihrer selbst sicher waren. Aber du weißt ja, wie es jetzt ist. In der ersten jugendlichen Verliebtheit glaubt man auf wenigstens fünf Jahre sicher zu sein, und darüber hinaus braucht man ja nicht zu sorgen.
M.: Gut. Also du warst vierundzwanzig, als du Gordon heiratetest; warum hast du _ihn_ nicht vorsichtiger gewählt?
K.: Das war zum großen Teil eine »wirtschaftliche Sache«, wie ich in einem alten Stück, genannt das »Frauenstimmrecht« vor einiger Zeit las -- wie wunderlich waren dazumal die Vorstellungen. Es kam auch etwas anderes darin vor, darüber daß »vierundzwanzig Jahre im allgemeinen nicht so jung wäre, es aber mit der Auffassung der Zeit geworden sei.« Ich war wohl alt genug, um vernünftig zu handeln, aber ich war leichtlebig und liebte den Luxus, und ich konnte mit dem wenigen, was George mir dem Gesetz nach auszuzahlen hatte, nicht auskommen. Ich gebe ihm ja keine Schuld, denn es war alles, was er tun konnte, wenn er die für die Kinder nötige Taxe bestreiten sollte. So heiratete ich Gordon eines Heims halber, und freilich war das abscheulich.
M.: Und dein dritter Mann starb?
K.: Ja, der eine, der hätte leben sollen, stirbt gewöhnlich. Ich verlor ihn nach bloß zweijähriger Ehe, aber ich kann gar nicht von ihm sprechen. Er war für mich das Ideal eines Gatten.
M.: Ach, es freut mich, daß du das gehabt hast.
K.: Oh, ich habe noch Glück gehabt bei allen Mißlichkeiten, ich sagte dir's ja. Ich blieb vier Jahre, nachdem ich meinen Liebsten verloren hatte, ledig, und ihm wäre ich gerne ewig treu geblieben. Aber ich war nicht stark genug. Trotz der lieben Kinder war ich sehr einsam, da die älteren immer in der Schule waren.
M.: Ja freilich, und man braucht ja auch einen Mann, der einen betreut.
K.: Das ist richtig. Das ist eine verhängnisvolle Schwäche. So heiratete ich zum Schluß meinen lieben, guten Duncan, hauptsächlich um einen Gefährten zu haben. Ich wählte ihn vorsichtig genug. Die Erfahrung hat mich so manches gelehrt, und ich wollte nicht mit vierzig Jahren im Stich gelassen werden, wie es so vielen geschieht.
M.: Es freut mich, daß er gut gegen dich ist. Ja, es ist wirklich entsetzlich, wie viele Frauen verlassen sind, gerade, wenn sie die Fürsorge und die Liebe am meisten brauchen, wenn ihr jugendlich frisches Aussehen dahin und ihre Energie geschwächt ist. Aber warum bist du eigentlich so abgehärmt, wenn du das nicht zu fürchten hast?
K.: Ich bin nicht gerade abgehärmt -- ich bin verbraucht. Zwanzig Jahre unsichere häusliche Verhältnisse sind genug, um einen zu erschöpfen. Ich konnte mich nirgends endgültig daheim fühlen oder mich einer Anhänglichkeit für einen Ort hingeben oder auch nur einen Garten für mich pflanzen. Der Freundeskreis wechselt immer, die Leute scheinen jetzt keine Häuser und Güter zu kaufen oder sich irgendwo festzuwurzeln. Wie beklagten sie sich vor vierzig Jahren über das gewohnheitsmäßige Leben! Sie wußten wenig davon, wie elend das Leben sein kann aus Mangel einer Gewohnheit.
M.: Ich mag die Einförmigkeit nicht, aber sie hat gewiß ihre Vorteile. Erinnerst du dich an meinen ersten Mann, Dick? So ein schöner Mensch. Er war total vernarrt ins Golf und die Freiluftspiele, und ich nahm ganz seine Lebensgewohnheiten an. Da war es denn eine harte Prüfung für mich, als ich Cecil Innes heiratete, der das Freie nicht mochte und sich nur für Bücher und Herumstöbern in Museen interessierte.
K.: Warum hast du Dick verlassen?
M.: Ich wollte ihn nicht verlassen. Wir lebten sehr traulich miteinander. Aber er verliebte sich in eine andere Frau. Er war ganz vernarrt in sie und verlangte, daß ich ihn freigebe. Da ich keine Kinder hatte, hielt ich es nur für anständig, nachzugeben. Cecil interessierte mich im Anfang sehr, und er vergötterte mich. Aber ich hatte ein düsteres Leben bei ihm. Du weißt, ich bin nicht ein bißchen literarisch angehaucht, und er war so schöngeistig und ein solcher Bücherwurm. Er ödete mich tödlich an. Ich war froh, an seiner Statt Jack zu nehmen, meinen jetzigen Mann, aber Cecils Kummer, als ich ihn verließ, war so entsetzlich, daß ich ihn nie vergessen werde, und als er bald nachher starb, hatte ich das Gefühl, eine Mörderin zu sein.
K.: Das muß eine schmerzliche Erfahrung gewesen sein. Aber man gewöhnt sich an diese Tragödien. Man hört von so vielen. Immer will eines frei sein und eines gebunden bleiben.
M.: Ja; und die stillschweigende Tradition, daß es eine Ehrensache ist, den unfreiwilligen Gefährten nie zum Bleiben bestimmen zu wollen, hebt das Gesetz auf, daß die Ehe nur enden kann, wenn beide Teile es wünschen.
K.: Ich bin überzeugt, daß die Tragödien der Trennung, von denen man heutzutage hört, weit ärger sind als die durch die Ehefesseln gelegentlich hervorgerufenen Tragödien der guten alten Zeit -- und auch, daß sie viel häufiger sind.
M.: Es wäre keine solche Ironie, wenn _irgend jemand_ etwas davon hätte. Aber soweit ich es beurteilen kann, leiden die Männer fast ebensoviel darunter wie die Frauen, besonders wenn sie alt sind. Den Zeitungen aus dem Anfang des Jahrhunderts zufolge, konnte ein alter Junggeselle oder ein Witwer immer eine junge und reizende Frau bekommen. Aber heute wird niemand einen ältlichen Mann heiraten, ausgenommen eine alte Frau, und an denen liegt den Männern nichts.
K.: Das ist sehr schade. Sie würden auf diese Weise vielem Unglück steuern, das man allerwärts sieht. Auf seine alten Tage ganz verlassen dazustehen, muß schrecklich sein.
M.: Da wir gerade von den Zeitungen reden, muß ich dir sagen, wie belustigend es ist, sie im British Museum zu lesen und aus ihnen zu ersehen, was für Wunder von dem System der Ehe auf Probe erwartet wurden, als man es zuerst gesetzmäßig festlegte. Alle die Mißstände des alten Systems sollten verschwinden: die Scheidung, der Ehebruch, die Prostitution, die Verführung, mit all diesen sozialen Übeln sollte gründlichst aufgeräumt werden.