Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll
Chapter 5
Eine lange Freundschaft und eine kurze Verlobung sind vielleicht die beste Zusammenstellung. Eine lange Verlobung gehört zu den gefährlichsten Beziehungen zwischen den Geschlechtern, die man sich denken kann. Für die Frau bedeutet sie die Nachteile der Ehe ohne deren Reiz eines ruhevollen Abschlußstadiums oder irgendwelche Vorteile der Welt gegenüber. Für den Mann wieder bedeutet sie die Lästigkeit des Ehejochs ohne seine Befriedigung und sein Behagen. Wirklich, für den Mann ist eine lange Verlobung besonders hart, da der Frau wenigstens die Last der Anordnung der Speisen und der Beschäftigung mit der Dienerschaft erspart bleibt. So manche wahre Neigung ist schon durch die Einschränkungen und Aufreibungen einer langen Verlobung zugrunde gerichtet worden. So manche echte Leidenschaft ist in ihrem trüben Lauf versandet, bis nur ein schwacher Schimmer der großen Flamme übrig blieb, um das Eheleben zu erhellen, und Mann und Frau das Zeichen der niedergehaltenen Glut tragen, welche unter glücklicheren Umständen zu freudigem Genießen geführt hätte. Auch ihren Kindern fehlt es oft an Lebenskraft, und man merkt ihnen an, daß die Glut erlosch, bevor sie gezeugt wurden.
Ich weiß nicht, wer zuerst das Wort von der »schrecklichen Intimität des Ehelebens« geprägt hat. Es ist gewiß ein richtiger Ausdruck, und man möchte wissen, zu welcher Zeit der Geschichte der Menschen man begonnen hat, diese Intimität »schrecklich« zu finden. Es klingt wie eine recht moderne Klage, und man fühlt, daß sie nicht von unseren Großmüttern geäußert wurde, die ihre Gatten als eine Art sichtbare Verkörperung des Willens des Herrn betrachteten und dementsprechend verehrten. Es würde ihnen nie beigekommen sein, das lästig zu finden, was Mrs. Lynn Linton die »enge Stubenabgeschlossenheit des englischen Heims« nennt.
Es ist viel über die Herabwürdigung der Liebe durch die Gewohnheit gesprochen worden, und Alexander Dumas beurteilt die ganze Frage erschöpfend in einem kristallklaren Satz: »Wo in der Ehe Liebe ist, tötet die Gewohnheit sie; doch wo keine ist, da ruft sie sie wach.« Das ist durch und durch wahr und für jede Leidenschaft, welche die Gewohnheit ertötet hat, hat sie wohl umsomehr echte Neigungen hervorgerufen.
Der Plan der Sparter, den Eheleuten nur verstohlene Zusammenkünfte zu gestatten, zeigt ein scharfes Verständnis für die menschliche Natur und hat viel für sich, wenn es sich darum handeln sollte, die Zeit der Leidenschaft zu verlängern. Aber wir haben es nicht mit der Leidenschaft zu tun, sondern mit der gewöhnlichen Zuneigung zwischen Leuten, die unter den erschwerenden Verhältnissen der modernen Ehe zu leben haben, und in diesen Verhältnissen muß man, was die durch die Gewohnheit hervorgebrachten Wunder anbetrifft, mit Dumas übereinstimmen.
Wenn die Leute es nur anerkennen wollten: die Gewohnheit ist der Kitt, der das Gebäude der Ehe zusammenhält. Wenn nur die leichteste Grundlage gegenseitiger Harmonie gegeben ist, so wird einem im Lauf der Jahre der Gefährte ganz unentbehrlich, und zwar nicht wegen seines Zaubers und der Liebe, die wir für ihn hegen, sondern einfach, weil er oder sie ein Teil unseres Lebens sind. Darum halte ich die Politik der steten Trennung für töricht. Sie basiert wohl auf der irrtümlichen Annahme, daß die Abwesenheit zärtlicher macht. Dort, wo die Grundlage gegenseitiger Harmonie nicht besteht, mag es richtig sein. Und wenn zwei Leute sich nicht mögen und schlecht miteinander auskommen, kann eine kurze Trennung dazu dienen, die Spannung zu lösen und sie mit dem Vorsatz zurückzuführen, in Zukunft die Dinge ruhiger zu nehmen; aber dort, wo eine Neigung besteht, scheint mir die Trennung ein Mißgriff. Man gewöhnt sich, ohne einander zu leben, und jene verbindende Kette kleiner täglicher Vertraulichkeiten, oft wiederholter Späße, teuer gewordener Gewohnheiten ist für eine Zeit entzweigerissen, und es ist nicht leicht, sie wieder zusammenzufügen. Meine Freundin Miranda sagte mir vor einiger Zeit: »Wenn Lysander einen Tag von mir weg war, habe ich ihm bei seiner Rückkehr eine Menge Sachen zu erzählen -- aber wenn wir einen Monat getrennt waren, fällt mir absolut nichts ein, was ich ihm sagen könnte.«
Ich glaube de la Rochefoucauld sagt: »Die Trennung vertieft große Leidenschaften und vermindert kleine, gerade wie der Wind die Kerze auslöscht und das Feuer anfacht.« Das ist vom literarischen Standpunkt aus sehr fein gesagt, aber ist es auch wahr? Meine Erfahrung sagt mir: nein. _Während_ der Abwesenheit scheint dieses Aphorisma allerdings wahr zu sein. Die Enttäuschung kommt erst beim Wiedersehen. Wer erinnert sich nicht an jene erste Trennung von dem Geliebten, die zahllosen Briefe, die endlosen Gedanken, die unaufhörliche Sehnsucht und die unerschöpflichen Pläne für das herrliche Wiedersehen. Was für ein Wiedersehen das werden soll! Wie verweilt man in Gedanken bei der ersten lieblichen Freude, durch den Blick begehrt zu werden; bei der noch lieblicheren des Händedrucks und bei der lieblichsten von allen: wenn ein herrlicher Kuß die Lippen verschließt und die Umarmung nicht enden will, in deren Seligkeit alle Traurigkeiten der Trennung versinken sollen -- und ach! Gelächter der Hölle! wie ganz anders ist es in Wirklichkeit! Was für eine abscheuliche Enttäuschung ist das Wiedersehen! Wie anders sieht der Liebste aus als in unseren leidenschaftlichen Träumen; seine Haare sind schon viel zu lang; seine Stiefel gefallen uns nicht; seine Krawatte ist nicht nach unserem Geschmack; seine Art zu sprechen gefällt uns gar nicht; in seinem Kuß ist kein Beben; seine Bemerkungen sind langweilig; seine Anwesenheit reizt einen: kurz und gut, _wir haben uns daran gewöhnt, ohne ihn zu sein_, und so erscheint uns nichts recht, was er tut. Armer Geliebter! Dachtest du dasselbe von uns? Bist du auch enttäuscht? Sagtest du dir auch: »Wie müde sie aussieht! Bei Gott, sie bekommt ein Doppelkinn! Ich dachte, rosa steht ihr gut! Was hat sie mit ihrem Haar angefangen? Ihre Stimme klingt schärfer. Warum lacht sie so? Ihre Zähne gefallen mir nicht. Bei Gott, sie ist häßlich!« Kurz und gut, »er hat sich auch daran gewöhnt, ohne uns zu sein.« Wenn die Gatten das einmal durchgemacht haben, dann gerät das Schiff 'Eheglück' in gefährliche Strömungen, aus denen die Gefahr des Schiffbruchs drohend emportaucht.
Aber es ist ebenso verhängnisvoll, in das andere Extrem zu verfallen, und ich gebe jener Schriftstellerin (wie heißt sie?) ganz recht, die sagte, daß es in keinem Haus gut gehen könne, wenn die männlichen Mitglieder der Familie nicht mindestens täglich sechs Stunden auswärts sind, ausgenommen Sonntag. Ich bedaure jene Frau tief, deren Gatte durch seinen Beruf oder in Ermanglung eines solchen den ganzen Tag zu Hause ist. Wenn man außer seinem Frühstück und seinem Mittagessen noch seinen Lunch zusammenzustellen und anzuschaffen hat, so muß schon das eine harte Prüfung sein. Schon aus diesem Grunde -- und noch so manchem anderen -- sollte eine Frau nie einen Mann heiraten, der nicht _irgend etwas_ zu tun hat. Wenn er keinen Broterwerb hat, der ihn aus dem Bannkreis der weiblichen Tätigkeit täglich für einige Stunden entfernt, dann muß er eine Passion haben oder eine Spielmanier oder sonstige, ihn in Anspruch nehmende Pflichten, die demselben Zweck dienen. Wo das nicht der Fall ist, da muß die Frau von übermenschlicher Güte sein und unendliche Liebe, Takt und Geduld besitzen, wenn beide glücklich miteinander leben sollen.
Dasselbe gilt auch für die Frauen, obzwar es nicht allgemein anerkannt ist. Ich bin davon überzeugt, daß eine große Anzahl der Ehen des Mittelstandes bloß deshalb unglücklich werden, weil die Frau nicht genug zu tun hat. Da sie genug Dienerschaft hat, so nehmen ihre Wirtschaftspflichten einen sehr kleinen Teil ihrer Mußestunden in Anspruch, und wenn die Kinder in der Schule sind (oder sie hat vielleicht keine), dann hat sie nichts Absorbierenderes zu tun als Romane zu lesen und Besuche zu machen. Die Folge davon ist, daß die einen ihre Nerven beobachten und halbinvalide Neurasthenikerinnen werden; die anderen sich für das männliche Geschlecht interessieren und ihre freie Zeit mit unerwünschten Liebeleien ausfüllen; daß die dritten sich Launen, melancholischen Stimmungen oder eifersüchtigen Phantasien hingeben usw. -- und alle sind sie bloß aus Mangel an genügender Beschäftigung untauglich geworden, die richtige Lebensgefährtin des Mannes zu sein.
III. Das Heiratsalter
»Das Merkwürdige für mich ist nicht, daß so viele Leute unverheiratet bleiben, sondern, daß sich so viele in die Ehe stürzen, wie sie auf eine Bahnstation losstürzen würden, um einen Zug zu erreichen. Wenn man den falschen Zug erwischt, was dann? Alles, was einem zum Troste bleibt, ist die Tatsache, daß man gereist ist.«
_Robert Hichens._
Eine große Zahl unglücklicher Ehen könnte vermieden werden, wenn die Leute das richtige Heiratsalter finden könnten. Da es bei jedem Individuum ein andres ist, kann man unmöglich eine Regel darüber festlegen. Manche Männer sind imstande, mit zweiundzwanzig Jahren eine gute Wahl zu treffen, andere wieder kennen sich selbst nicht einmal, wenn sie doppelt so alt sind. Manche Mädchen sind schon unter zwanzig Jahren für den Ehestand und die Mutterschaft geeignet, andere sind es nie.
Im Interesse der abstrakten Moral sind frühe Heiraten wünschenswert, und in England tut das Gesetz alles, was es nur kann, um sie zu ermuntern. In Frankreich wird die Erhaltung der Familienautorität als hochwichtig betrachtet, und das Gesetz versucht augenscheinlich, frühe Verbindungen durch alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zu verhindern, unbekümmert um den hohen Prozentsatz der unehelichen Geburten, welche die direkte Folge davon ist[1].
[Anmerkung 1: Im Jahre 1903 war ein Zehntel aller in Frankreich geborenen Kinder unehelich, in Paris allein war der Prozentsatz noch weit höher, ungefähr 1 auf 4.]
Im allgemeinen sollte keine Frau heiraten, ehe sie nicht etwas vom Leben versteht, eine Menge Männer kennen gelernt hat, eine gewisse Kenntnis der Physiologie und ein klares Verständnis des wirklichen Wesens der Ehe gewonnen hat. Keine Frau sollte heiraten, ehe sie nicht den Wert des Geldes und die Führung des Haushalts kennen gelernt hat, ehe sie nicht genügend jugendliche Heiterkeit erfahren hat, und so vorbereitet ist für die ernsteren Dinge des Lebens. Nicht früher ist sie geeignet, in der Einförmigkeit der Ehe glücklich zu sein, und ihr Herz der Notwendigkeit der Treue für einen Mann, in Gedanken ebenso sehr als in der Praxis, anzupassen. Auch der Mann ist, im großen und ganzen genommen, nicht geeignet, sich glücklich zu verheiraten, ehe er nicht genügend vom Leben gesehen, sich eine Philosophie ausgearbeitet, und eine tüchtige Kenntnis der Frauen sowie das daraus folgende Verständnis erworben hat, wie man eine Frau glücklich macht. Das ist nicht so leicht geschehen, wie die Männer glauben, und es verlangt Lehrzeit. Wenige Männer unter dreißig sind geeignet, eines Weibes Hort zu sein, und der Himmel bewahre ein Mädchen vor einem jungen Gatten, der noch ein Bengel ist. Gewiß wird sie herrliche Augenblicke haben, denn es liegt etwas Berauschendes in der Glut sehr junger Herzen, und darum finden wir die Ehen zwischen Jünglingen und ganz jungen Mädchen so reizend -- in der Theorie. Manchmal, wenn es sich um ein Ausnahmspaar handelt, das besonders gut zueinander paßt, ist so eine Ehe auch wirklich reizend, und dann ist es die schönste Ehe, die man sich denken kann: zwei junge Leute, Hand in Hand die Lebensreise antretend, tapfer, liebend, von den höchsten Hoffnungen geschwellt. Aber gewöhnlich ist die Herrlichkeit nur auf Augenblicke beschränkt; junge Mädchen sind zumeist seicht und leichtfertig. Sehr junge Männer sind oft schrecklich egoistisch und rücksichtslos. Sie sind so stolz darauf, der einzige Besitzer eines reizvollen Weibes zu sein, daß ihre Einbildung, die immer groß ist, zu ungeheuerlichen Proportionen anschwillt, und sie einfach unerträglich werden. Wenn für das junge Paar trübe Tage kommen sollten, hat der knabenhafte Gatte keine Philosophie, um sich aufrecht zu erhalten, keine Kenntnis der Frauen, die ihn befähigen könnte, seine Frau zu verstehen und mit ihr glücklich zu leben, und nicht genug Selbstbeherrschung, um ihr zu helfen. Sie hat dieselben Fehler der Jugend, und das Resultat ist das Fehlschlagen der Ehe. Stevenson drückt das sehr gut wie folgt aus: »In die Schule könnt ihr gut mit bloßen Hoffnungen gehen, aber bevor ihr heiratet, solltet ihr Euch die vielfältigen Lehren, die das Leben gibt, angeeignet haben.« Andererseits sagt Grant Allen, »daß die besten Männer sozusagen verheiratet auf die Welt kommen«, und daß nur der egoistische, niedrige und berechnende Mann mit dem Heiraten wartet, bis er eine Frau erhalten kann. »Diese gemeine Phrase bemäntelt kaum verborgene Untiefen von Sittenverderbnis«, fährt er fort. »Der richtige Mann klügelt nicht mit sich selbst über alle diese Dinge. Er sagt nicht mit selbstsüchtiger Kälte: 'Ich kann eine Frau nicht erhalten' oder: 'Wenn ich heirate, verderbe ich mir die ganze Zukunft'; er fühlt und handelt. Er paart sich wie der Vogel, weil er nicht anders kann.«
Ich muß sagen, daß jene jungen Männer, die nicht denken, sondern nur fühlen und handeln, meiner Ansicht nach kaum zum höchsten Typus gehören, und daß, wenn es allgemein als Zeichen edler Natur anerkannt würde, sich zu paaren wie die Vögel, die Adelsnaturen gewiß viel weniger selten wären, als sie es heutzutage sind.
IV. Das »Sichausleben« für Frauen
»Nichts, was zu sagen der Mühe wert ist, ist schicklich.«
_G. Bernard Shaw._
»Ich glaube nicht an die Existenz der puritanischen Frauen. Ich glaube nicht, daß es eine Frau in der Welt gibt, die sich nicht ein bißchen geschmeichelt fühlen würde, wenn man ihr den Hof macht. Das eben macht die Frauen so unwiderstehlich reizend.«
_Oscar Wilde._
Sollte es irgendwelche Leser geben, deren Feinfühligkeit bei diesen Zitaten verletzt würde, dann werden sie ergebenst gebeten -- nein es wird ihnen befohlen -- nicht weiter zu lesen. Und sollte es welche geben, deren Empfindlichkeit schwankt, ohne jedoch einen direkten Stoß erlitten zu haben, dann werden sie liebevoll -- nein flehentlichst -- ersucht, einige Male das obige Zitat aus Shaws unsterblicher »Candida« zu lesen, sich dann aufzuraffen und den Sprung zu wagen. Ich kann ihnen versprechen, daß es nicht halb so schrecklich sein wird als sie hoffen, ja, daß die ausgesprochene Schicklichkeit dieser Zeilen sie wahrscheinlich bitter enttäuschen wird. -- Es ist merkwürdig genug, daß die Frauen, obgleich sie mehr als die Männer zu heiraten bestrebt sind, und alles in ihrer Macht stehende tun, um das zustande zu bringen, wogegen die Männer sich oft sträuben, -- trotz allem in der Ehe gewöhnlich am unzufriedensten sind. In den letzten Jahren ist ein seltsamer Geist der Unruhe über die verheirateten Frauen gekommen, und sie rebellieren häufig gegen Bedingungen, über die zu murren unseren Großmüttern nie im Traume eingefallen wäre. Es gibt eine Menge Gründe dafür: der eine ist, daß die Ehe die Erwartungen der Frau sehr enttäuscht (wie ich in dem einleitenden Kapitel sagte). Ein anderer, daß sie sich nicht _nach Frauenart_ ausleben können. Ich bitte genau die gesperrt gedruckten Worte »nach Frauenart« zu beachten und mich freundlichst nicht mißverstehen zu wollen. Ich bin nicht dafür, daß die allgemein den Männern zugebilligte Freiheit auch auf die Frauen ausgedehnt wird.
»Das Sichausleben« dieser Art, anders gesagt, ein vorehelicher »Freiheitsrausch«, war gewiß keine Notwendigkeit für unsere Großmütter. Aber ein gewisser, ziemlich zahlreicher Typus moderner Frauen scheint bessere Gattinen abzugeben, wenn sie dieses Stadium hinter sich haben. Nehmt z.B. die Fälle von Yvonne und Yvette, die ich beide persönlich kenne. Yvette verlobte sich mit achtzehn Jahren und heiratete mit einundzwanzig, im Alter von sechsundzwanzig Jahren war sie Mutter von vier Kindern. Sie hatte kaum Zeit gehabt, die Jugend zu erkennen und zu genießen, ehe ihre Mädchenhaftigkeit unter den Verantwortlichkeiten der Ehe und der Mutterschaft erstickt wurde. Sie hatte ihren ersten Bewerber genommen, und er war wirklich der einzige Mann, von dem sie irgend etwas wußte. Außer ihm hatte sie nichts von den Männern oder der Welt gesehen. Sie hat gewiß nie geflirtet oder Freunde gehabt, und keine andere Bewunderung genossen als die ihres Bräutigams.
Mit sechsundzwanzig Jahren begann Yvette zu erkennen, daß sie um einen sehr kostbaren Teil ihres Lebens und eine unschätzbare Erfahrung betrogen worden war. Obzwar sie eine recht glückliche Gattin und eine hingebungsvolle Mutter war, fühlte sie, daß sie diese Genüsse ebensosehr wie die häuslichen Freuden hätte haben können, und diese Erkenntnis empörte sie.
In ihr Herz schlich eine gefährliche Neugier und eine noch gefährlichere Sehnsucht nach Abenteuern und Erregungen. Sie erkannte, daß es auch noch andere Männer als Markus gab, die sie bewunderten, und daß sie noch eine ganz hübsche und junge Frau war. Mit dreißig Jahren war Yvette eine Meisterin in der Kunst der Intriguen, hatte einige gefährliche Herzensaffären eingefädelt und hätte großen Kummer heraufbeschworen, wenn nicht Markus ein besonders kluger, zärtlicher und verständnisvoller Gatte gewesen wäre.
»Nicht, daß ich ihn nicht zärtlich liebe«, vertraute sie mir, als sie sich entschloß, einen anderen Weg zu betreten, »ich möchte ihn nicht für irgend jemand in der Welt hergeben, und du weißt, was die Kinder mir sind, aber dennoch brauche ich auch etwas anderes, etwas Erregendes. Ich spüre, daß ich in meinem Leben keine Lustigkeit gehabt habe, und ich möchte mich gerne ein bißchen austoben, bevor es zu spät ist. Als ich mich verlobte, hatte ich kaum mit jemand anderem getanzt als mit Markus, und in den ersten vier Jahren meiner Ehe bekam ich alle achtzehn Monate ein Kleines. Es gab nichts als kleine Kinder, das eine zu säugen, für das Neuankommende bereit zu sein. Ich hatte ja nichts dagegen, aber die Reaktion mußte kommen, und sie kam. Wenn ich nur dieses Erregende und die Heiterkeit und den Zauber zuerst hätte haben können und dann mit ungefähr fünfundzwanzig Jahren geheiratet hätte, dann wäre ich ganz zufrieden geworden wie Yvonne.«
Yvonne hatte sichs wohl besser eingerichtet. Das Schicksal bewahrte sie davor, sich zu früh zu verlieben. Sie hatte immer eine Schar von Verehrern und konnte so die Macht ihrer Weiblichkeit vollauf genießen. Sie reiste, schloß wunderbare Freundschaften mit beiden Geschlechtern, lernte die Welt kennen und bildete sich eine Weltanschauung. Als sie mit neunundzwanzig Jahren heiratete, hatte sie genug von den anderen Männern gesehen, um zu wissen, welchen Mann sie für sich brauchte, und genug Erregung gehabt, um den Frieden und die Ruhe in der Ehe zu schätzen.
Die Geheimnisse vieler Frauen lasten schwer auf meiner Seele, während ich dies schreibe, und so manche Frau, die ernsten Anlaß zu Gewissensbissen hat, vertraute mir, daß nur diese verhängnisvolle Sehnsucht nach Erregung ursprünglich ihr Verderben verursachte. Ich werde meinen Sohn lehren, ja nur eine Frau zu heiraten, die die Periode des »Sichauslebens« hinter sich hat oder eine von jenem altmodischen Typus, die das »Sichausleben« nicht braucht. Bei dem modernen Temperament muß es früher oder später kommen, und wie weit das moderne Temperament sich entwickelt haben wird, bis der Sohn meines Sohnes heiratsfähig ist, das wissen die ironischen Götter allein!
Junggesellen, merkt es Euch. Eine Frau der Neuzeit, die in der halben Welt herumgekommen ist und so manches erlebt hat, wird eine viel bessere Gattin, eine liebevollere Freundin und ein treuerer Gefährte sein, als jene Mädchen, die einander so ziemlich gleichen, deren erste Erfahrung Ihr seid und die enorme Ansprüche an Eure Liebe und Geduld stellen. Ihr werdet vielleicht sogar ein auf Romanlektüre gegründetes Ideal verwirklichen müssen, und das wird Euch sehr lästig fallen, liebe Freunde! Die erfahrene Frau kennt die Männer gründlich, sie erwartet nicht mehr von Euch, als Ihr ihr geben könnt. Sie wird Eure Tugenden aufs Höchste schätzen und sich so gut als möglich mit Euren Untugenden abfinden. »Aber sie hat so schrecklich geflirtet«, sagt Ihr. Gut. Um so besser. Dann ist es wahrscheinlicher, daß sie es nach der Verheiratung nicht tun wird. »Aber zum Teufel mit allem anderen -- sie ist von anderen Männern geküßt worden«, wendet Ihr ein. Ganz gut, dann hat sie kein Bedürfnis nach weiteren Erfahrungen dieser Art und wird ihre Lippen nie wieder einem anderen Mann bieten, sobald sie die Eure geworden ist. »Wie können Sie dessen sicher sein?« »Ja, das gehört zu dem großen Risiko der Ehe. Wie kann denn _sie_ sicher sein, daß _Ihr_ euer letztes Verhältnis hattet?« . . . Oh, mein Lieber, Ihr macht mich wirklich böse; um Himmelswillen, trachtet von den konventionellen Vorstellungen von Recht und Unrecht loszukommen. Beurteilt einmal die Dinge für Euch selbst und sagen wir, wie sie auf dem Boden eines speienden Vulkans erscheinen würden! . . . Alle Dinge, um derentwillen wir so viel Aufhebens machen, würden zweifelsohne rasch in ihrem wahren Lichte erscheinen, wenn wir sie von dieser gefährlichen Lage aus betrachteten.
Und selbst in den traurigen Fällen, wo eine Frau wirklich im _männlichen_ Sinne des Wortes »sich ausgelebt« hat, wie anders würden uns die kleinen sittlichen Regeln und Gesetze, die wir für solche Gelegenheiten bereithalten, angesichts eines plötzlichen, gewaltsamen Todes erscheinen! Ich hörte vor kurzem folgende sehr traurige Geschichte. Ein Mann war knapp dem Ertrinkungstode entronnen, kurz nachdem er seine Verlobung mit einem von ihm aufrichtig geliebten Mädchen rückgängig gemacht hatte, als sie ihm gestand, daß sie vor vielen Jahren den Bestürmungen eines leidenschaftlichen Liebhabers einmal nachgegeben hatte. Ich weiß nicht, was er in dem schrecklichen Augenblick empfunden hat, als das Wasser über ihm zusammenschlug und er jenes entsetzliche Ringen nach Luft durchmachte, das von jenen, die es kennen lernten, als die fürchterlichste Empfindung geschildert wird. Augenscheinlich fielen ihm durch den Umstand, daß er mit knapper Not dem Tode entronnen war, die Schuppen von den Augen, und er befreite sich von der konventionellen Meinung, die ihn bis dahin geblendet hatte. Anstatt sich als einen tief gekränkten Mann zu betrachten, erkannte er, daß er sich gegen das unglückliche Mädchen schrecklich benommen hatte, und sie auf diese Weise durch sein Geschlecht doppelt gekränkt worden war. Er suchte sie auf und bat sie, ihn wieder anzunehmen, aber sie war eine zu gescheite Frau und weigerte sich, sich einem Manne von so engen Ansichten und so hartem Urteil anzuvertrauen.
Diese Behandlung steigerte seine Liebe natürlich ins Tausendfache. Sie quälte ihn Tag und Nacht und zum Schluß gewannen seine verzweifelten Bitten die Oberhand, und sie gab nach. Ihre Ehe wurde keine glückliche, wie man sich's denken kann. Sie hatten einander wahnsinnig geliebt, und das Gespenst dieser erloschenen Leidenschaft reckte sich unsichtbar zwischen ihnen empor und vergiftete ihre Freude aneinander. Nach einer Zeit verfiel die Frau in tiefe Melancholie und ließ sich von einer geringfügigen Krankheit so überwinden, daß sie daran starb.
Als sie starb, soll sie zu ihrer treuen Freundin gesagt haben: »Wenn du je einer anderen Frau begegnest, die einen kleinen Fehltritt begangen hat -- etwas, was ihr damals so natürlich und unvermeidlich erschien, daß es gar keine Sünde war -- dann sage ihr, daß sie es nie, _nie_ dem Manne, den sie heiraten wird, gestehen soll, am allerwenigsten, wenn sie ihn liebt. Wenn das Geständnis sie nicht ganz trennt, dann wird es immer zwischen ihnen sein. Man legt es ab in dem Bestreben, aufrichtig zu sein, aber es ist der schrecklichste Irrtum, den eine Frau begehen kann.«