Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll

Chapter 3

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Aber selbst wenn wir eventuell eine vernünftige Gesetzgebung bekommen sollten, die jenen, welche für die Erhaltung der Geburtsziffer ihr Teil tun, Belohnungen anstatt neue Lasten bieten würden, selbst wenn ein Junggeselle über fünfundzwanzig ein so seltener Gegenstand auf unseren Inseln würde wie eine alte Jungfer in mohammedanischen Landen, selbst dann würde noch ein enormer Überschuß von ledigen Frauen sein. Warum ist das so? Warum soll Großbritannien als das Paradies der alten Mädchen betrachtet werden?

Warum sollten wir mehr alte Jungfern haben als andere Länder? Ist es, weil unsere Kolonien soviel junge Männer verschlingen? Warum können sie denn nicht auch eine gleiche Anzahl von Frauen verschlingen? Man könnte wünschen, daß der Staat und ein »Institut der Ermunterung zur Ehe« unter staatlichen Begünstigungen diese äußerst wichtige Sache in die Hand nehmen. Eine der Pflichten dieses Instituts wäre es, jährlich eine Anzahl Frauen zur Auswanderung zu bewegen, um so das geeignete Gleichgewicht der Geschlechter in den heimatlichen Ländern zu erhalten und jedem Mann in den Kolonien die Aussicht zu verschaffen, eine Frau zu bekommen. Ich hörte neulich von einem sehr gewöhnlichen Mädchen in den Kolonien, die elf Männer hatte, die sie alle heiraten wollten. Elf Männer! Und doch gibt es Scharen von reizenden englischen Mädchen, die alt werden und versauern, ohne je einen einzigen Heiratsantrag bekommen zu haben.

Eine andere Pflicht eines »_Instituts der Ermunterung zur Ehe_« wäre es, die Tausende von einsamen Männern und Frauen des Mittelstandes in den Großstädten, die den ganzen Tag in der Arbeit sind und keine Gelegenheit haben, einander zu treffen, irgendwie zu vereinigen. Ich habe eben Francis Gribble's sehr interessante Novelle »Der Wolkenpfeiler« gelesen, in welcher er die Existenz von sechs Mädchen in »Stonor House« beschreibt, einer jener düsteren Baracken für heimatlose, den ganzen Tag durch die Arbeit angehängte Frauen. Der rasende Wunsch dieser Mädchen, mit Männern ihrer Klasse zu verkehren, ist betrübend echt, und dieser Wunsch ist nicht so sehr der Ausdruck der natürlichen Bestrebungen des jungen Weibes, mit jungen Männern zusammen zu kommen, sondern er besteht, weil alle diese Männer für die Mädchen Ehemänner sein könnten, und die Heirat die einzige Möglichkeit ist, aus »Stonor House« und der freudlosen Existenz daselbst herauszukommen.

In dem vor einigen Jahren erschienenen »Pfad eines Pioniers« bricht Dolf Wyllarde ähnlichen Ideen Bahn, aber ihre jungen Frauen sind weniger gesund und weniger aufrichtig bestrebt, mit Männern zu Heiratszwecken zusammenzukommen. Jedoch geben einem beide Bücher eine gute Vorstellung von dem lieblosen unnatürlichen Leben der jungen Frauen des Mittelstandes, deren Verwandte, wenn sie welche haben, weit weg sind, und die ihr Leben in großen Städten verdienen müssen, fast immer durch diese ungünstigen sozialen Bedingungen zur Altjungfernschaft verurteilt. Daß eine große Anzahl wohlerzogener Frauen zu einem solchen Dasein verdammt sein soll, spricht so eindringlich als nur möglich für die Daseinsberechtigung zweier französischer Institutionen, nämlich den beschränkten Familiennachwuchs und das System der Mitgift. In den letzten Jahren ist die »Beschränkung des Nachwuchses« auch in England weit verbreitet und bis das System der Mitgift auch zur Regel wird, könnte das »_Institut der Ermunterung zur Ehe_« die Sache in die Hand nehmen. Zwei oder drei außerordentlich feinsinnige Philantropen haben diesem Gegenstand schon ihre Aufmerksamkeit gezollt, aber jede Bewegung dieser Natur nimmt zu sehr den Charakter einer Heiratsagentur an, um von jener Klasse beifällig aufgenommen zu werden, für deren Wohlergehen sie bestimmt ist. Und doch müßte das »_Institut der Ermunterung zur Ehe_« mit diesem Hindernisse rechnen und ihre wahre Absicht unter einem anderen Namen verbergen. Ich bin sicher, daß, wenn der Zweck so genügend verhüllt würde, daß feine Männer und Frauen ohne Verlust der Selbstachtung Vorteil aus ihr ziehen könnten, die Beteiligung an dieser Institution von seiten beider Geschlechter eine enorme wäre. Ein direkt für den sozialen Verkehr geschaffener Klub könnte die Lösung sein, und man könnte leicht Kränzchen, Konzerte, Ausflüge arrangieren, die zu einer Quelle der Freude und Anregung in manchem düsteren Leben würden. Wenn Erfolge zu verzeichnen wären, so sollte man Provinzfilialen gründen. -- Man sieht fortwährend in den Zeitungen Beweise für die Tatsache, daß es eine Menge junger Leute des Mittelstandes gibt, die heiraten können und wollen, und denen es nur an weiblicher Bekanntschaft in ihrer eigenen Gesellschaftsklasse fehlt, um eine Wahl zu treffen. Unglückliche Mesallianzen sind oft die Folge davon, und es erscheint mir trostlos und verderblich, daß diese für die Ehe geschaffenen Männer nicht mit einigen von jenen tausenden junger Mädchen zusammengebracht werden können, deren Leben in unangemessener Plage dahin fließt und die sich in Sehnsucht nach einem Heim und einem Gatten verzehren. Bis das »_Institut der Ermunterung zur Ehe_« Tatsache wird, gibt es noch prächtige Arbeit für einen Philantropen von unendlichem Takt und warmfühlendem Herzen. Um wieviel könnte man die Summe menschlicher Freude erhöhen! Wie reich könnte der geringe Einsatz an Geld und Zeit belohnt werden!

IV. Die Tragödie der Unbegehrten

Und Männer und Frauen geh'n Hand in Hand Bis die Fluten des Meeres vertrocknen zu Sand.

Und eins ums andre siegt oder fällt -- Denn der Kampf der Liebe währt endlos fort Und der Liebe Wort ist des Lebens Wort.

Und wer nimmer das Wort einem andern bot, Ob er scheinbar auch lebt, ist verdammt und tot.

_W. E. Henley._

Das ist die Tragödie, von deren Existenz wenige Männer wissen, und die gewiß kein Mann in dieser von Frauen so überfüllten Insel je erfahren haben mag. Die Männer verhöhnen die nach der Verheiratung strebenden Frauen immer und spotten ebenso sehr über die alte Jungfer, die sie verpaßt hat. Der Himmel allein weiß warum, da der Ehestand durch die Gesetze und Traditionen der Männer dazu gemacht worden ist, alles einer Frau Begehrenswerte zu verkörpern und der ledige Stand gerade zum Gegenteil. »Die Leute halten die Frauen, die nicht heiraten wollen, für unweiblich, die Leute halten die Frauen, die nicht heiraten wollen, für überspannt, und sie verknüpfen beide Meinungen dahin, es für unwürdig zu halten, wenn die Frauen den Ehestand nicht als die Hoffnung und den Zweck ihres Lebens ersehnen, und ein weibliches Wesen ihrer Bekanntschaft, das sie einer solchen Sehnsucht für fähig halten, lächerlich und verächtlich zu finden. Die Frauen sollen keine Ermutigung gewähren, aber sie auch gewiß nicht versagen, und so geht es weiter, und jede Vorschrift hebt die vorige auf, und die meisten sind negativ« (Augusta Webster).

Bernard Shaw und George Moore haben im Druck behauptet, daß die Frauen sich häufig um die Männer bewerben, und einige Männer haben mir Einzelheiten über die Bewerbungen, welche ihnen seitens des schönen Geschlechtes zukamen, mitgeteilt. Ich glaube, es ist einer der Grundsätze der radikalen Frauen, daß das Geschlecht, welches das Kind trägt, ein Recht darauf hat, den Gatten zu wählen; obgleich dies sich unangenehm umstürzlerisch anhört, scheint es doch außerordentlich vernünftig. Daß das Recht, einen Gefährten zu wählen, jedem jugendlichen Wesen eingeräumt werden sollte, wird möglicherweise in der Zukunft anerkannt werden, wenn die Frauenfrage ein für allemal erledigt sein wird.

In jenen fernen Tagen wird es, das wollen wir hoffen, keine Tragödie der Unbegehrten mehr geben. Es scheint fast unzart, diese Bezeichnung auf jene Scharen lediger Frauen Englands anzuwenden, die zum großen Teil Amt und Würden bekleiden, treffliche Frauen sind und unter denen sich Steuerzahlerinnen, Familienvorsteherinnen, Philantropinnen befinden, die in Kirchsprengeln unter den Armen, in Spitälern, Schulen, Asylen, Ämtern, Ateliers arbeiten, in öffentlichen Körperschaften, in den Redaktionsstuben gewöhnlich gut und hilfreich sind, oft klug und reizend, gelegentlich vielleicht ein wenig eng, aber im großen ganzen die besten Traditionen ihres Geschlechts aufrecht erhalten und es natürlich _nie_ zugeben, daß sie gerne geheiratet hätten. Jedoch müssen sie alle im tiefsten Herzen das Traurige ihrer Unbefriedigtheit empfinden und sich, so gut sie können, mit anderen Interessen trösten. Diejenigen, welche absorbierende Beschäftigungen haben, sollten dankbar sein, denn die Frau, welche alles daran setzt, um einen Gatten zu finden, und dieses Ziel nicht erreicht, wird gewöhnlich reizbar, bitter, enttäuscht und in jeder Hinsicht unnütz. Aber die Frauen, deren Herz weit genug ist, um andere Ideale zu fassen als das eheliche, finden andere Arbeit zu leisten und leisten sie tüchtig und hingebungsvoll. Liebevolle und warmherzige Frauen braucht man immer. Die Ehe ist im Leben einer solchen Frau nicht die Hauptsache, obzwar sie es für die höchste Entwicklung ihres persönlichen Glückes sein mag.

Und die große Zahl von Frauen, die zu heiraten Gelegenheit hatte, kann sich damit trösten, daß sie eines Ideals wegen oder aus welchem Grunde immer den ledigen Stand gewählt hat. Noch größer ist die Zahl jener, die das Temperament zum Ledigbleiben besitzen und von denen Bernard Shaw schreibt: »Steril, die _Lebenskraft_ geht an ihnen vorbei.« Das beeinträchtigt sie selten. Sie haben eine Menge kleiner Vergnügungen und Interessen, welche ihnen genügen. Keinerlei Herzensstürme, keine Pein unterdrückter Mutterschaft kräuselt den glatten Spiegel ihres Lebensmeeres. Keine von all diesen wird von der wirklichen Tragödie der Unbegehrten berührt. Diese harrt mit all ihrer Bitternis jener, die zu dem Typus der »+grande amoureuse+« gehören, die gewöhnlich aus Mangel an Gelegenheit, manchmal aus Mangel an Anziehungskraft davon abgehalten wurden, das tiefste Bedürfnis ihrer Natur zu befriedigen.

Ich traf einst in einem Hotel an der Riviera ein ältliches Fräulein, das immer unglaublich verstimmt war. Wie herrlich auch die Sonne scheinen mochte, wie schön die Welt in jenem schönsten Erdenwinkel erschien, nichts hatte die Macht, sie aufzuheitern. Ich versuchte einmal, sie zur Teilnahme an einem Ausflug zu bewegen, der eine Gesellschaft in ein von Hügeln umgebenes benachbartes Dorf bringen sollte. Sie lehnte ab. Ein anderes Mal lud ich sie ein, mich in die Spielsäle nach Monte Carlo zu begleiten, aber sie lehnte wieder ab. Nachdem mehrere wohlgemeinte Bemühungen meinerseits, sie aufzuheitern, zu demselben Resultat geführt hatten, sagte mir die arme Seele mit zögernden Worten, daß sie heitere Orte und angeregte Gesellschaften meide. »Sie machen mich immer unzufrieden und erinnern mich an das, was ich hätte haben können. Sie rufen in mir, wie soll ich es nennen, die Tragödie des 'Es hätte sein sollen' wach.« Ich verstand, was sie meinte, und es wurde zu meiner Erleichterung kein weiteres Wort über dieses Thema gewechselt, denn vertrauliche Mitteilungen dieser Art sind immer für beide Teile sehr peinlich. Meine Leser werden wahrscheinlich diese arme Dame als krankhaft eigennützig und unausgeglichen verachten. Vielleicht haben sie recht. Aber die Trauer eines leeren Herzens, eines einsamen Lebens war die Ursache ihres verkümmerten Wesens. Zum Glück ist ihr Fall ein extremer. Die meisten alten Jungfern, glaube ich, können sich daran freuen, junge Mädchen glücklich zu sehen und interessieren sich gewöhnlich intensiv für die Liebesaffären der anderen. Da fällt mir eine schöne Stelle von Fiona Macleod ein, die sagt, daß »das in der Seele eines andern heimlich Geschaute das Leben verklärt«. Es wird genügen, um so manche alte Jungfer glücklich zu machen: die Erinnerung an irgend eine Liebe und Zärtlichkeit, an irgend einen Roman, um das Leben zu versüßen; die Frauen brauchen das.

Um ein anderes Beispiel zu geben. Eine Frau fragte mich einst, warum die Männer sich verlieben. »Ich bin begierig, ob Sie mir sagen können, was an den Frauen ist, die die Männer dazu veranlassen, sich um sie zu bewerben. Ich habe eine Menge unschöner verheirateter, und eine Menge armer Frauen gekannt und eine Menge ganz entsetzlicher, ohne eine einzige Eigenschaft, die einen Mann glücklich machen kann. Und doch müssen sie irgend etwas anziehendes gehabt haben, irgend etwas, um derentwillen die Männer sich um sie bewarben«.

Dann fuhr sie fort, mir in eindringlichsten Worten zu sagen, wie sehr sie sich darnach sehne, ein eigenes Heim zu haben und einen lieben, netten Mann, der sie betreue, und daß doch noch nie ein Mann sich um sie beworben hatte. Kein Mann hatte sie je begehrt oder sie mit Liebesblicken angesehen. Sie hat nie die leidenschaftliche Umarmung eines Mannes oder den verzückten Kuß eines Liebhabers kennen gelernt. Das kam mir sehr sonderbar vor. Sonderbar schmerzlich und demütigend. Ich konnte sie kaum ansehen, während sie mir all das erzählte.

»Ich würde einen Mann so glücklich machen,« sagte sie, und ihre traurigen dunklen Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte sogar schöne Augen, und war eine ganz hübsche Frau von anmutigem sanftem Wesen. »Ich würde so gut gegen ihn sein, ich würde einfach nur für ihn leben. Ich versuche es mir aus dem Kopf zu schlagen, aber da ich älter werde und es immer aussichtsloser ist, denke ich immer mehr daran, und manchmal fühle ich, daß ich über all dem Elend verrückt werde. Die Zukunft ist so schrecklich grau für mich. Alles ist so ungerecht. Ich bin für die Liebe so geschaffen, und mein Leben fließt dahin und ich habe nichts gehabt, _nichts_.«

Sie weinte bitterlich und ich weinte auch, aus Mitleid mit ihr. Merkwürdigerweise war diese Frau nicht nur anziehend, wie ich schon erwähnte, und bestrebt zu gefallen und durchaus weiblich, sondern sie hatte auch genug Gelegenheit gehabt, Männer zu treffen. Ich vermute, es fehlte ihr das, was die schottische Bäuerin das »in die Augen springende« nennt, jenen unbestimmten Geschlechtsmagnetismus, der jenen unschönen, armen, entsetzlichen Frauen, von denen sie sprach, eigen war. Oder es fehlte ihr der Wille zum Leben, und daher kam kein Lebensgefährte zu ihr.

Es gibt tausende von Frauen, welche dasselbe fühlen, obgleich sie zumeist verschmähen, es einzugestehen. Wir hören eine Menge über das Recht des Mannes, zu leben. Was ist es denn mit dem Recht der Frau, zu lieben? Die Frauen sind so geartet, daß das Bedürfnis, zu lieben und geliebt zu werden, das stärkste Element ihres Wesens und der Kern ihres Seins ist. Überall im ganzen Land gibt es einsame Frauen in allen Klassen, müßige und arbeitende, hübsche und unhübsche, gute und schlechte, die nach Liebe dürsten, nach einem Mann, der sie betreut, nach dem Recht des Weibtums und dem dreimal gesegneten Recht der Mutterschaft. In den Zeitungen erschallt unaufhörlich das abgedroschene Geschwätz der Männer: »Die Frauen sollten sich nicht in die Politik mischen, die Frauen sollten dies oder das tun, sie sollen sich um ihr Haus und ihre Kinder kümmern.« Aber die ruhelosen Frauen, die diese Dinge tun, haben gewöhnlich kein Haus und keine Kinder, um die sie sich kümmern können. Was nützt es, ihnen die Heiligkeit der Mutterschaft zu predigen, wenn ihr sie nicht Mutter werden laßt, wozu von den Pflichten des Weibtums schwatzen, wenn ihr sie nicht zu Frauen begehrt.

Es ist eine wohlbekannte physiologische Tatsache, daß eine große Anzahl von Frauen in den mittleren Jahren wahnsinnig werden, bei denen das nicht geschehen wäre, wenn sie die gewöhnlichen Pflichten, Freuden und Beschäftigungen der Ehe gehabt hätten, wenn ihre Weibnatur nicht durch ein unnatürliches Cölibat ausgehungert worden wäre. Ich kann hier nicht darauf eingehen, aber ich empfehle es der Aufmerksamkeit meiner nachdenklicheren Leser und jener, die sich mit der Verbesserung der sozialen Mißstände in unserem ruhmreichen, zivilisierten zwanzigsten Jahrhundert beschäftigen.

Am schlimmsten von allen ist die Lage der Frauen, die sich nicht bloß nach der Ehe und einem lieben Mann sehnen, sondern vielmehr nach der Mutterschaft, jener bittersüßen Krone des Geschlechts, welche die im Cölibat lebenden Priester unaufhörlich als das höchste Gut und die erste Pflicht der Frauen preisen, von welcher aber tausende von Frauen in diesem Lande ausgeschlossen sind. Es muß gewiß keine Bitterkeit so quälend sein als die Bitterkeit der Frauen, die sich nach der Mutterschaft sehnen, in deren Ohr die _Lebenskraft_ unaufhörlich rauscht und in deren Herz die erträumten Kinder sich regen und unaufhörlich rufen: »Schenke uns Leben, Schenke uns Leben!« ein Ruf, der Jahr um Jahr quälender wird, da jedes Jahr die göttliche Möglichkeit unerfüllt bleibt.

Ich denke oft daran, wie alles zusammenwirkt, eine edle heißblütige, mütterlich veranlagte Frau zu quälen, deren Natur so darben muß. Sie muß natürlich jede derartige Regung unterdrücken, den Kopf hoch tragen und mit Lächeln die überlegenen Mienen der Mädchen erdulden, die viel jünger sind als sie und zufällig den goldenen Zauberring tragen, der im Leben der Frau alles ändert; sie muß gewöhnlich behaupten, daß sie nicht heiraten will und nie wollte und es hätte können, wenn sie gewollt hätte; sie muß über diese Zeilen lachen, wenn sie sie zufällig lesen sollte und die Verfasserin eine krankhafte Idiotin nennen -- kurz und gut, sie muß eine Rolle spielen einer Welt gegenüber, die es äußerst humorvoll findet, daß eine Frau um das Geburtsrecht ihres Geschlechts betrogen wird. Jede Zeitung und jedes Buch, das sie heutzutage zur Hand nimmt, enthält irgend etwas zur Verherrlichung des Weibtums und der Mutterschaft. Die Musik, die Bilder, die Novellen, die Theaterstücke -- alles spricht ihr von dem befriedigten und siegreichen Geschlechtstrieb und nichts von dem ausgehungerten und unterdrückten. Dasselbe Prinzip ist überall in der Natur, der Himmel, die Blumen, der See, die grünen Bäume, das Prasseln des Sommerregens, alles Schöne, alle Töne in der Natur sind von derselben Bedeutung für sie und enthalten denselben scharfen Stachel, dieselbe drückende Last; wenn sie zur Krankhaftigkeit neigt, dann reißt jedes Kindergesicht, das sie auf der Straße sieht, die Wunde in ihrem Herzen auf. Das Geplapper eines jeden süßen Kindchens ist eine Qual für sie. »Mir nicht, mir nicht«, muß der ewige Kehrreim in ihrem Gemüt sein. Ihre Arme sind leer, ihr Herz ist kalt, sie gehört zu dem großen traurigen Heer der Unbegehrten.

_Wundert man sich da noch, daß die Irrenhäuser voll lediger Frauen sind?_

Notiz. Eine gescheite und entzückende Freundin von mir, eine alte Jungfer aus eigener Wahl, macht Einwendungen gegen meine Ansicht über den ledigen Stand. Es würde mich sehr betrüben, wenn irgendwelche meiner Worte anderen Frauen Kummer verursachen sollten. Ich sagte schon früher, daß einige der besten Frauen ledig sind, was für jemanden, der an die Ehe so glaubt wie ich, traurig ist. Zwei der gütigsten und edelsten Frauen, die ich kenne, sind unverheiratet. Die eine von ihnen scheint absolut ohne irgend einen Gedanken an sich zu leben, hat ihr ganzes Leben tüchtig für andere gearbeitet, ihre geistigen und körperlichen Kräfte bis zur äußersten Grenze und die Schätze ihres edlen Herzens freigebig und grenzenlos hergegeben. Ich bitte meine Leser, zu beachten, daß ich einen Unterschied zwischen jenen ledigen Frauen zu machen trachte, die nicht heiraten wollen und jenen, die es wollen, zwischen den reichen Mädchen, die über alle Annehmlichkeiten des Lebens verfügen können, und den armen, die in die Tretmühle harter unaufhörlicher und unangemessener Arbeit eingespannt sind. Einen noch größeren Unterschied wünsche ich zu machen zwischen den gelassenen und zufriedenen Frauen, die sich den Verhältnissen anpassen und ein ruhiges glückliches Schicksal in irgendeiner Lebenslage finden -- und den weniger ausgeglichenen, leidenschaftlichen Naturen mit tieferem Begehren und zwingendem Liebesbedürfnis. Dieses unterdrückte, verdrängte und niedergekämpfte Liebesbedürfnis erweckt mein tiefes Mitleid, von dem meine Freundin behauptet, daß es verschwendet und nicht am Platze ist. Darüber müssen meine Leser urteilen.

Zweiter Teil

Warum Ehen mißglücken

»Denn die Ehe ist darin dem Leben gleich, daß sie ein Schlachtfeld und kein Rosenlager ist.«

_R. L. Stevenson._

»Die Ehe ist für mich Abtrünnigkeit, Entweihung des Heiligtums meiner Seele, Vergewaltigung meiner Männlichkeit, Veräußerung meines Erstgeburtsrechtes, schändliche Übergabe, schmachvolle Kapitulation, Annahme der Niederlage.«

_Bernard Shaw:_ Mensch und Übermensch.

Ein weiser Mann sollte der Ehe ausweichen, als ob sie ein Haufen glühender Kohlen wäre.

_Dhammika Sutta._

I. Die verschiedenen Arten der Ehe

Die Ehe ist der große Irrtum, der die kleineren Dummheiten der Liebe auslöscht.

_Schopenhauer._

In einem seiner Essays sagt Stevenson: »Es erfüllt mich so oft mit Erstaunen, daß so viele Ehen so ziemlich glücken, und es bei so wenigen zu einem offenen Bruch kommt. Umsomehr, als es mir am Verständnis des Prinzips gebricht, nach welchem die Leute ihre Wahl treffen«.

Aus dem Chaos, welches dieses Prinzip umhüllt, ragen vier besondere Beweggründe hervor, und wir können daher die Ehen rundweg in fünf Gruppen einteilen und zwar:

1. die Ehe aus Leidenschaft, 2. die Konvenienzehe, 3. die Ehe zu bestimmtem Zweck, 4. die Zufallsehe, 5. die Ehe aus Neigung.

_Die Ehe aus Leidenschaft._ Eine Person in Sommerset-Maughams »The Merry-Go-Round« sagt: »Ich bin überzeugt, daß die Ehe das schrecklichste Ding auf der Welt ist, wenn die Leidenschaft sie nicht absolut unvermeidlich macht«. Obgleich ich eine aufrichtige Bewundererin von Maughams Werken bin, teile ich hier seine Meinung durchaus nicht. Die meisten der verrückten, unvernünftigen Verbindungen sind jene, welche die »Leidenschaft unvermeidlich macht«. In der Theorie ist es einer der viel versprechendsten Ehetypen, in der Praxis erweist er sich als der unseligste und unglücklichste von allen.

»Sie sind wahnsinnig ineinander verliebt, es ist eine ideale Ehe« -- ist eine Bemerkung, die man oft mit Genugtuung äußern hört. Aber es ist eine traurige Tatsache, daß diese wahnsinnige Liebe sehr häufig zu Unglück und Scheidung führt. Die meisten mir persönlich bekannten unglücklichen Ehepaare waren im Anfang wahnsinnig ineinander verliebt. Kann man sich darüber wundern, wenn man die Sache näher betrachtet? Die Natur, die selten dort einen Irrtum begeht, wo die ursprüngliche Menschheit in Betracht kommt, ist durchaus nicht unfehlbar, sobald es sich um die künstlichen Bedingungen unserer westeuropäischen Zivilisation handelt. Im Osten, wo eine größere Freiheit zwischen den Geschlechtern gestattet ist, scheint es ganz gut, der Natur zu vertrauen und den von ihr eingeimpften Trieben zu folgen; doch dem ist nicht so auf unserer Halbkugel. Der junge Mann und das junge Mädchen, die in den Bann der Leidenschaft geraten, sind zeitweise blind und unzurechnungsfähig. Ihr Urteil ist getrübt, ihre Fähigkeit, zu überlegen, aufgehoben, nichts auf der Welt scheint ihnen von Bedeutung außer der überwältigenden Notwendigkeit, _sich hinzugeben_, das geliebte Wesen _zu besitzen_, -- das Wesen, das ihnen das Blut erhitzt hat.

Wenn das Fatum grausam ist, so läßt es diese beiden sich in die Ehe stürzen. Die Natur hat ihren Willen durchgesetzt und beachtet weiter nichts. Sie ist ganz befriedigt. Die aus solchen Ehen wahnsinniger Verliebtheit stammenden Kinder sind gewöhnlich die schönsten und stärksten, und was will die Natur denn sonst? Aber das junge Paar? . . . Nach und nach zerteilen sich die rosigen Wolken, die berauschenden Dünste entschweben, die Verzückung läßt nach, und jedes kommt von der Wirkung des mächtigsten Giftes des Weltalls zu sich, um ein ganz gewöhnliches Wesen an seiner Seite zu finden und sich selbst in jenen Ketten, die die Menschen mit den Worten »auf ewig« bezeichnen.