Die moderne Ehe und wie man sie ertragen soll
Chapter 2
Der vierzehnte Junggeselle war Bayard, der zu einem sehr trostlosen Liebhabertypus gehört. Fast alle Frauen sind zu ihrem Leidwesen von ihm angelangweilt worden. Er hat die lästige Gewohnheit, überall und jedem weiblichen Wesen gegenüber seiner Sehnsucht nach einer Ehe idealster Sorte Ausdruck zu geben und jungen, im sicheren Hafen der Ehe gelandeten Frauen in weitschweifigster Weise anzuvertrauen, wie sehr er sich darnach sehne, einen Platz in dem Herzen einer guten Frau einzunehmen, und welch großer, reiner, leidenschaftlicher und ungestümer Liebe er fähig sei. Er hat geradezu etwas Sympathieerregendes und seine Haltung ist natürlich sehr anziehend für harmlose ältere Mädchen. Er ist immer in höchst bedrohlicher Weise in solche Beziehungen verstrickt, paradiert aber sehr mit seiner Armut und macht sich wieder glücklich frei, wenn die Angelegenheit einen kritischen Punkt erreicht hat, gewöhnlich ohne irgendwelche mißliebige Auseinandersetzungen. Wenn jedoch die Dinge schon zu weit gediehen sind, um das zu ermöglichen, kann er ein Zurücktreten immer ganz leicht dadurch gestalten, daß er sagt: »Ich liebe dich zu sehr, mein Schatz, um dich mit in die Armut hinein zu ziehen.« Wie viele Mädchen haben nicht, im tiefsten Herzen verwundet, diese abgedroschene Lüge mit anhören müssen, wo sie doch mehr denn je gewillt waren, seinetwegen arm zu werden, zu kargen, zu sparen und zu verzichten. Nicht etwa, daß Bayard und seinesgleichen eine solche Ergebung einflößen! Ich meine, daß die Hauptbestandteile dieser besonderen Ausrede von sehr vielen unverheirateten Männern heutzutage als der Grund ihres Junggesellentums angegeben werden. Im allgemeinen gesprochen gibt es zwei Hauptgründe, warum die Männer nicht heiraten: 1. weil sie noch nicht die Frau gefunden haben, für die sie sich genügend interessieren, 2. -- und diese bilden die Majorität --, weil sie zu selbstsüchtig sind. Natürlich drücken die Männer das anders aus; wie Bayard sagen sie, »sie können es nicht erschwingen.« Sie denken an all die Dinge, die sie aufzugeben hätten, und wie schwer es ist, heutzutage genug für sein Vergnügen zu haben, wie unmöglich es dann sein würde, wenn man noch eine Frau und eine Familie dazu zu erhalten hätte; wie sie das Pokerspiel aufgeben, einen billigeren Schneider finden und an Golfbällen sparen müßten. Sie schaudern bei dieser Aussicht zusammen und entscheiden in der ausdrucksvollen, üblichen Sprechweise des Tages, daß »sie es nicht dick genug haben.« Die Dinge, welche über allem Preis stehen, werden gegen jene gewogen, die man mit Geld erkaufen kann und -- für nötig findet.
Es wäre jedoch die größte Tollheit, wenn man unkluge Heiraten ermutigen wollte, die ohnedies schon eine Quelle von so viel Elend sind, und natürlich beziehen sich meine Ausführungen nicht auf die echte Armut jenes Mannes, der es sich wirklich nicht leisten kann, zu heiraten. Für ihn habe ich wirkliche Sympathie, denn er vermißt die besten Dinge des Lebens, wahrscheinlich ohne eigene Schuld. Das obengesagte bezieht sich einzig und allein auf den Mann des Mittelstandes, der es sich erlauben könnte, zu heiraten, wenn er sich selber weniger und irgend eine Frau mehr lieben würde. Fünfhundert Pfund im Jahr ist z.B. ein ganz nettes Einkommen für einen Junggesellen, der nicht direkt zur »Gesellschaft« gehört. Mit dieser Summe kann ein Mann des Mittelstandes ganz gut auskommen, wenn er keine besonders kostspieligen Laster oder Passionen hat. Freilich aber verlangt es Selbstverleugnung, wenn er damit für Frau und zwei oder drei Kinder sorgen soll. Das bedeutet ein kleines Haus in einer der billigeren Vorstädte anstatt einer Junggesellenwohnung in der Stadt, Omnibusse anstatt Mietwagen, Galeriesitze anstatt Sperrsitze, einen vierzehntägigen Familienaufenthalt in Broadstairs anstatt eines einmonatlichen Aufenthaltes zum Fischen als »garçon« in Norway. Es bedeutet, daß man keine Soupers mehr im Savoyhotel hat, keine Wochenenden mehr in Paris verbringt und nicht mehr auf einen Sprung nach Monte Carlo hinüber rutscht. Aber es kann durchgeführt werden und glücklich durchgeführt werden, vorausgesetzt, daß ein Mann die Liebe über den Luxus stellt. Fast jeder Mann kann es sich leisten, zu heiraten, -- und zwar die richtige Frau.
Freilich, wenn ein Mann noch die »Frau seiner Träume« zu finden gedenkt, dann ist alles gut. Aber nur die verächtliche Ausrede Bayards hat mich so empört. Wenn die Männer die Wahrheit sagen wollten, wäre das alles nicht so schlecht. Aber dem alten Adam gleich, schieben sie wie gewöhnlich die Schuld den Frauen zu und sagen: »Die Mädchen erwarten heutzutage zu viel. Es ist unmöglich, genug Geld zu verdienen, um sie zu befriedigen«. Das ist eine der vielen Lügen, die die Männer über die Frauen ausstreuen, oder sie befinden sich vielleicht selbst in einer Täuschung und glauben wirklich an die Wahrheit dieser Behauptung. Nun, klären wir sie auf! Die Mädchen _erwarten_ nicht zuviel. Sie sind ganz geneigt, arm zu sein, wie ich es vorhin sagte, wenn sie nur den Mann genug lieb haben. Jedenfalls, sobald sie jenes Stadium erreicht haben, wo sie der wirklichen Dinge des Lebens bedürfen, da werden sie Weibtum und verhältnismäßige Armut dem Wohlstand und dem leeren Herzen in ihrem elterlichen Heim vorziehen. Mit einem Wort, sie würden lieber »abgearbeitete Frauen als ruhelose alte Jungfern« sein.
Eine andere Täuschung, welche die Männer über die Frauen ausstreuen, ist die, daß sie zu vergnügungssüchtig sind, um daheim zu bleiben. Wie oft hört man Behauptungen wie folgende: »Juno Jones wird keine gute Frau sein. Sie spielt den ganzen Tag Golf.« Oder: »Ich könnte mir's nicht leisten, Sappho Smith zu heiraten. Sie schwärmt zu sehr für schöne Kleider und fürs Theater.« Gott helfe dem Mann! Was haben denn die armen Mädchen anderes zu tun? Sappho hat eine Vorliebe für feine Kleider und fürs Theater. Sie füllt ihr leeres Dasein mit diesen Dingen aus, so gut sie kann. Juno hat den langen lieben Tag nichts zu tun, aber sie geht sehr gern ins Freie, und so konzentriert sie ihre prächtige Kraft auf ein Spiel mit Stock und Ball, weil jedweder tätige Anteil an dem großen Spiel des Lebens ihr versagt ist. Heiratet sie, wenn sie euch mag, und ihr werdet sehen, was für einen guten Kameraden ihr an ihr haben werdet, und was für prächtige Kinder sie euch schenken wird. Oder heiratet Sappho, und ihr werdet finden, daß sie nie andere als einfache, in euren Mitteln liegende Vergnügungen haben will, so lange ihr gut zu ihr seid und sie so liebt, wie sie geliebt zu werden wünscht. Sie wird sich ganz gern ihre Kleider selbst machen und ihre größte Freude darin finden, euer Einkommen einzuteilen und euer Heim zu schmücken.
Jeder kann sich daran erinnern, oberflächliche und vergnügungssüchtige Mädchen gekannt zu haben, die prächtige Frauen geworden sind, deren Kinderstube musterhaft und deren Haushalt über allen Tadel erhaben ist. Gewiß prophezeiten alle ihre Freunde Unheil, als diese Schmetterlinge zum Altar geführt wurden. Ich glaube aufrichtig, daß die Frauen nur dann ausgefallene Vergnügungen brauchen, wenn sie innerlich elend sind. Es sind gewöhnlich die Unglücklichen, die Elenden, die ruhelosen alten Mädchen, die überall hin laufen und das Geld zum Fenster hinauswerfen. Sie fühlen, daß das Leben sie betrügt, und müssen irgend eine Entschädigung haben.
Aber um zu meinen fünfzehn Junggesellen zurückzukehren: nun bleibt nur mehr Florizel, dessen Haltung gegenüber den Ehefesseln gerade das Gegenteil von der Bayards und Claudians ist. Er ist aufrichtig geneigt, zu heiraten, glühend, warm, bestrebt, das Richtige zu tun, aber es fehlt ihm an moralischem Mut, und er ist schauderhaft egoistisch. Ich möchte ihn so gerne glücklich verheiratet sehen, da er dann ohne Zweifel rasch jene heftige Selbstliebe verlieren würde, aber ich frage mich, ob es irgend eine anziehende Frau gibt, die selbstlos genug wäre, um ihn in dem gegenwärtigen Zustand der Selbstvergötterung zum Gefährten zu erwählen. Er ist immer für irgend eine Frau entflammt, schwebt stets knapp über irgend einer großen Leidenschaft und sehnt sich darnach, kopfüber in das Liebesmeer zu stürzen und den Anker der Ehe auszuwerfen, der ihn dort festhalten soll, wo er nicht mehr abschwenken kann. Unglücklicherweise kann er sich nicht genug selbst vergessen, um den verhängnisvollen Sprung zu wagen. Bei allen seinen Fehlern hat Florizel etwas Liebenswertes. Ich wäre froh, wenn er zur Vernunft gebracht würde -- obgleich es eine tapfere und geduldige Frau sein müßte, die diese Aufgabe zu unternehmen hätte.
Als alle fünfzehn Junggesellen aufgehört hatten, über sich selbst zu sprechen und sich mit der anderen Gesellschaft zum Bridgespiel niedergesetzt hatten, kam eine alte Dame, die -- wie ich -- es vorzog, Zuschauer zu bleiben, zu mir und setzte sich neben mich. »Wie sie herumreden«, sagte sie. »Ich aber kann Ihnen sagen, warum sie nicht heiraten. In fünf Worten: Weil sie sich nicht verlieben. Und warum verlieben sie sich nicht? Weil die Mädchen sich zu viel um sie bemühen. Weil die Mädchen ihnen überall über den Weg laufen. Ich habe sieben Söhne, und alle sind unverheiratet. Ich weiß es.«
Notiz. -- Es ist interessant, daß Westermarck in seiner »Geschichte der menschlichen Ehe« eine Anzahl von Autoritäten erwähnt, um zu beweisen, daß bei vielen alten Nationen die Ehe eine allen zufallende religiöse Pflicht war. Bei den Mohammedanern ist sie noch heute eine Pflicht. Bei den Hebräern hörte man nichts vom Cölibat und sie haben ein Sprichwort: »Wer kein Weib hat, ist kein Mann«. In Ägypten ist es unrein und sogar anrüchig für einen Mann, sich der Ehe zu enthalten, wenn kein richtiges Hindernis vorliegt. Die Chinesen betrachten es als ein beklagenswertes Unglück für einen Jüngling, wenn er unverheiratet stirbt und bei den Hindus von heute wird ein Mann, der allein bleibt, als ein beinahe unnützes Glied der menschlichen Gesellschaft betrachtet --, der außer dem Bereich des Natürlichen steht.
III. Warum Frauen nicht heiraten
»Es ist Sache der Frau, sich sobald als möglich zu verheiraten, und die des Mannes, so lange er kann, unverheiratet zu bleiben.«
_G. Bernard Shaw._
»Die Ehe bringt der Frau solche Vorteile, eröffnet ihr so viele Lebensmöglichkeiten und stellt ihr so viel größere Freiheit und nützliche Betätigung in Aussicht, daß, einerlei, ob sie glücklich oder unglücklich verheiratet ist, sie durch sie nur gewinnen kann.«
_R. L. Stevenson._
»Warum die Frauen nicht heiraten? Aber sie heiraten ja -- wenn sie nur können«, wird der intelligente Leser unwillkürlich ausrufen. Nicht, bei der erst besten Gelegenheit! wohlgemerkt! Kein _intelligenter Leser_ wird diesen Irrtum begehen, obzwar es ein ziemlich allgemeiner Irrtum bei den Nichtverstehenden ist. Die meisten ledigen Frauen über dreißig müssen das eine oder andere Mal zusammengezuckt sein bei der genial sein wollenden Bemerkung irgend eines älteren Mannes: »Schau, schau, noch nicht verheiratet. Nun, da möcht ich wohl wissen, was die jungen Männer dazu sagen.« Ich schreibe absichtlich »irgend eines Mannes«, denn keine Frau, wenn sie auch noch so katzenartig veranlagt ist und noch so gern einen Pfeil in die Brust der Rivalin abschießt, würde eine Beleidigung von so besonders verletzender Art über die Lippen bringen, die seltsamerweise von dem Mann, der einen groben Schnitzer begeht, immer als das schmeichelhafteste Kompliment gedacht ist. Die Tatsache, daß das unglückliche, auf diese Weise attaquierte ältere Mädchen ein Dutzend Anträge gehabt haben mag und es doch aus Gründen ihrer inneren Natur vorzieht, ledig zu bleiben, scheint vollkommen über das Verständnis dieser Leute zu gehen.
Aber der Hauptgrund, warum die Frauen nicht heiraten, ist offenkundig der, weil die Männer sich nicht um sie bewerben. Die meisten Frauen werden Ja sagen, wenn ein genügend netter Mann ihnen ein genügend angemessenes Leben bietet. Wenn die Anträge, die sie bekommen, unter ein gewisses Niveau fallen, dann ziehen sie es vor, ledig zu bleiben, und hoffen dabei im Stillen, daß der richtige Mann noch kommen wird, bevor es zu spät ist. Man muß auch hervorheben, daß, je kultivierter die Frauen werden, sie desto weniger geneigt sind, nur um der Verheiratung willen zu heiraten, wie ihre Großmütter es taten.
Dann gibt es einige Frauen, eine ganz kleine Schar, die, wenn sie nicht ihr Ideal in seiner Vollkommenheit verwirklichen können, sich nicht mit dem Minderen begnügen. Durch eine Ironie des Schicksals kommt es vor, daß diese Frauen oft die Edelsten ihres Geschlechts sind. Es bleibt jedoch noch eine andere kleine Schar ledig, aus aufrichtiger Abneigung gegen die Ehe und ihre Pflichten. Es ist vielleicht nicht zu scharf gesagt, daß eine Frau, die absolut keine innere Berufung für Weibtum und Mutterschaft hat, eine degenerierte sein muß, und so sehr des weiblichen Instinkts ermangelt, daß sie den Vorwurf verdient, »geschlechtslos« genannt zu werden. Dieser Typus nimmt augenscheinlich zu.
Dann bleiben jene (ich möchte nicht gern eine Vermutung über ihre Zahl aufstellen), die lieber irgend einen Mann heiraten, wie wenig begehrenswert und für sie passend er auch sein mag, als »ungeliebt zu verblühen«. Es ist eine tief betrübende Tatsache, daß ein Mann noch so häßlich, noch so närrisch, noch so brutal, noch so eingebildet und niederträchtig sein kann -- und doch eine Frau findet. Jeder Mann kann irgend eine Frau finden, die ihn heiratet. Bei dieser Gelegenheit muß man an jene berühmte Köchin denken, die, als man ihr anläßlich der Treulosigkeit ihres Liebhabers sein Mitleid ausdrückte, erwiderte: »Das macht nichts, ich kann Gott sei Dank noch jeden Mann lieben.«
Man kann nicht umhin, mit einer gewissen Belustigung die ernsten Artikel über diesen Gegenstand in den Frauenzeitschriften zu lesen. Da wird uns überzeugendst versichert, daß die Frauen heutzutage nicht heiraten, weil sie ihre Freiheit zu hoch schätzen, weil jene, die Geld haben, es vorziehen, unabhängig zu bleiben und ihr Leben zu genießen, und jene, die keines haben, lieber tapfer ihr Leben durchkämpfen als die Sklavin eines Mannes, eine bloße Magd, die ganz im Haushalt aufgeht, zu werden usw. usw. ganze Seiten voll. All das mag ja von einem ganz kleinen Teil der Frauen wahr sein, aber es bleibt doch eine unbestreitbare Tatsache, daß der Hauptgrund für das Sitzenbleiben der Frauen die Gleichgültigkeit der Männer ist. Ich habe jede Sympathie für die Frauen, welche die schweren Verantwortungen der Ehe aufzuschieben wünschen, bis sie das gehabt haben, was man beim anderen Geschlecht das Sich-Austoben nennt, d.h. bis sie eine Periode der Freiheit genossen haben, in der sie studieren, reisen, ihre Jugend tüchtig genießen, mit verschiedenen Männern verkehren, dem Leben in die Augen schauen und etwas von dessen Sinn lernen können. Aber es kommt eine Zeit in dem Leben beinahe jeder Frau -- ausgenommen der obbesagten Degenerierten --, in der sie fühlt, daß es Zeit ist, die Kindereien beiseite zu schieben und in der sich in ihr Herz eine Sehnsucht nach den wirklichen Dingen des Lebens einnistet, den Dingen, auf die es ankommt, den Dingen, die dauern -- die Liebe in der Ehe, und kleine Kinder, und jenes unschätzbare Gut, ein eigenes Heim.
Es ist heutzutage Mode, das Heim zu diskreditieren. Und Bernard Shaw hat es scherzend »das Gefängnis des Mädchens und das Arbeitshaus der Frau« genannt. Aber was für ein wunderbares Heiligtum ist es tatsächlich! Und wieviel es für die Frauen bedeutet, können nur jene erzählen, die es entbehrt haben.
In unserer Jugend ist das Heim der Ort der Futterkrippe, der Ort, wo es Bindfaden, Briefmarken und Monatsschriften in Hülle und Fülle gibt, -- ein Ort, wo gewöhnlich Liebe ist, aber nichtsdestoweniger hauptsächlich der Ort, den wir als uns gebührend betrachten und für den dankbar zu sein uns nie im Traum einfällt. Später ist das Heim oft mit beschwerlichen Pflichten verknüpft, für manche wird es sogar der Ort, von dem man gerne fort möchte; aber wenn wir es verloren haben, wie sehnen wir uns danach zurück! Wie ehrfürchtig denken wir an jedes Zimmer und alles, was sich dort ereignete! Wie sehnen wir uns in Gedanken nach dem alten Garten und träumen von dem geliebten Grün! Es kommt nicht in Betracht, wie armselig das Heim gewesen sein mag, ein jedes Stückchen davon ist einem heilig und teuer, vom Garderobezimmer an, wo man an trüben Tagen Räuber und Soldaten gespielt hat, bis zum Werkzeugschuppen, wo man bei schönem Wetter alles mögliche im Sonnenlicht spielte. Bis zum heutigen Tage rührt es mich fast zu Tränen, wenn mir eine schlecht gekochte Kartoffel unterkommt. Nicht weil sie so schlecht ist, sondern weil sie mich an die Kartoffeln erinnert, die drei kleine Kinder in der Asche des Feldfeuers in einem alten Garten mit ausgelassener Lustigkeit zu kochen und mit stiller Ehrfurcht zu essen pflegten -- vor langer, langer Zeit. Noch heute weckt der Duft eines solchen Feuers in mir das Gefühl, ich sei, wie einstmals, wieder sieben Jahre alt.
Aber ob eine Frau ein Heim bei ihren Eltern hat oder nicht, eine jede normale Frau sehnt sich nach ihrem eigenen Heim, und ein Mädchen, das sogar die Blumen auf der Mittagstafel der Mutter ungerne herrichtet, wird in der Ehe ganz unappetitliche Hausarbeit gerne tun, in jenem Heim, das sie ihr eigen nennt.
Diese leidenschaftliche Liebe zum Heim ist eines der charakteristischesten Merkmale der Frau. Ich meine nicht die Vorliebe »daheim« zu sein, da die Neigungen der modernen Frauen gewöhnlich anderswo liegen, aber die Liebe zu dem Ort selbst, und der Wunsch, ihn zu besitzen. Eine große Anzahl Frauen heiraten einzig und allein um dieses heißbegehrten Besitzes willen. Und was jene anbetrifft, die es nicht tun, so erzählen die Spalten der »Christlichen Welt« und anderer Zeitungen klägliche Geschichten über ihre Sehnsucht darnach. Frauen von »Herkunft« (eine schwulstige und unsinnige Partikel) sind fast zu allem bereit, nur um einen bescheidenen Winkel, einen ganz untergeordneten Platz in der fremdesten Familie zu finden. Sie wollen Haushälterinnen, Dienerinnen, Gesellschafterinnen, Sekretärinnen, Helferinnen für »kleinen Gehalt und ein Heim« sein, und manchmal auch ganz ohne Gehalt. Sie wollen packen, nähen, ausbessern, unterrichten, überwachen; sie bieten ihre Kenntnisse jeder Art an, wie z.B. ihre musikalischen Fähigkeiten, ihre Sprachen, ihre Gesundheit und Kraft, ihre Dienstbereitschaft und alle ihre Tugenden, die angeborenen oder die erworbenen, alles das für ein bißchen Nahrung und Wärme und das schützende Obdach jener vier Wände, nach denen ihr ganzes Streben geht, die ihren höchsten Wunsch ausmachen, ein Heim! Schöne Frauen, begabte, brave Frauen verkaufen sich täglich, um nur ein Heim zu gewinnen. Sogar Hedda Gabler, die degenerierteste von allen modernen Heldinnen, die den Selbstmord der Mutterschaft vorzog, verkaufte sich in einer lieblosen Ehe nur des Heims halber. Und doch lesen wir fortwährend eine Liste von trivialen phantastischen Gründen, warum die Frauen nicht heiraten.
Eine Studentin, die gezwungen war, ihre meiste Zeit in einem ungemütlichen Mietkabinett zu verbringen, erzählte mir einst, daß ihr einziger Wunsch sei, einen Raum zu haben, der einen Kasten mit ihren wenigen Kleidern und kleinen Besitztümern beherbergen könne. Sie gab sich ohne ein Heim zufrieden, aber sie sehnte sich sehr nach einem solchen Kasten. »Ich werde Tony bald heiraten müssen,« sagte sie, »schon wegen der Annehmlichkeit, einen Platz für meine Kleider zu haben. Ich habe ihn nicht gern und ich möchte noch gerne warten, bis jemand kommt, den ich lieb habe, aber wenn ich ihn je nehme, sehen Sie, dann wird es wegen des Platzes für den Kasten sein.« Ich muß hinzufügen, daß dieser »jemand« kam und daß sie jetzt mehrere Kleiderkästen besitzt und drei kräftige Kinderchen, und daß Tony ihr ausweicht, wenn er ihr auf der Straße begegnet.
Dieser leidenschaftliche Wunsch nach dem Heim findet sich noch häufiger in jener Gesellschaftsklasse, die man gewöhnlich die niedere nennt. Ich habe gelegentlich eine arme Frau beschäftigt, die seit dem Tode ihres Mannes, also seit neunzehn Jahren, als Köchin diente. Während dieser ganzen Zeit hat sie auf »ihr Heim gehalten«, d.h. auf ein einzelnes Zimmer, das ihre Möbel beherbergt. Sie konnte kaum irgendwann das Zimmer benützen, höchstens ein oder zwei armselige Tage lang und mußte viel von ihren knappen Mußestunden hergeben, um es rein zu halten. Durch neunzehn Jahre hat sie lieber drei Schillinge und sechs Pfennig per Woche für das Zimmer gezahlt, ehe sie ihre Möbel verkauft hätte. Die so ausgegebenen einhundertzweiundsiebzig Pfund hätten reichlich die Möbel überzahlt und die Frau sieht den Unsinn vollkommen ein, aber ihre Erklärung ist: »Ich konnte mich einfach von dem Heim nicht trennen.«
Noch ein Beispiel: Als ich einmal an der See wohnte, hatte ich das Unglück, ein Gefäß aus dickem blauen Glas zu zerbrechen, das sein Leben augenscheinlich als Parademarmeladeglas begonnen hatte, aber später aus einem mir unerfindlichen Grunde zur stolzen Rolle einer Kaminverzierung avanciert war. Zu meiner Überraschung weinte die würdige Wirtin bitterlich über den Scherben und als ich prunkvolle Gegenstände erwähnte, mit denen ich ihren Schatz ersetzen wollte, erklärte sie mir schnippisch: »Nichts kann diesen Schaden gut machen. Denn dieses blaue Glas war das erste Stück meines Heims.«
Kehren wir nun zu unserem Gegenstand zurück. Das traurigste an der Sache ist, daß selbst, wenn jeder Mann über fünfundzwanzig Jahren heiraten würde, es noch eine enorme Zahl lediger Frauen gäbe. Das ist wirklich sehr ernst und die Ursache vieler Übel. Um dem so viel als möglich zu steuern, sollte jeder Mann, jeder gesunde Mann mit genügendem Einkommen, heiraten. Wenn es bloß »nicht gut für den Mann ist, daß er allein sei«, so ist es sehr schlecht für die Frau. Jede Frau sollte einen männlichen Gefährten haben, einen Mann, mit dem sie leben könnte, wenn es auch nur wäre, um die Billets zu nehmen, das Handgepäck zu tragen und in der Nacht aufzustehen, um zu sehen, was denn da für ein Lärm ist. Da die Gesellschaft in ihrer jetzigen Struktur das Zusammenleben von Mann und Frau als Gefährten nicht hingehen läßt, so ist es klar, daß jede Frau einen Gatten haben sollte.
Bernard Shaw schreibt: »Gebt den Frauen das Stimmrecht, und in fünf Jahren werden wir eine drückende Junggesellensteuer haben.« Es sollte eine solche geben, die gewissen Unterschieden von Alter und Einkommen unterworfen wäre. Das ist eine der vielen Angelegenheiten, in denen wir von den Japanern lernen sollten, wo alle Junggesellen über einem gewissen Alter besteuert sind. Auch in Frankreich wird ein diesbezügliches Gesetz diskutiert. Zur Zeit, wo ich dies schreibe, sind die Frauen voller Zukunftsträume über ihre baldige Befreiung, und es wird sehr viel darüber gesprochen, wie sie ihr Wahlrecht anzuwenden gedenken. Ich muß leider sagen, daß, obgleich einige unsinnige Drohungen über die Abschaffung jener Gabe an die Frauen -- die Männerklubs -- verlauten, bis jetzt, abgesehen von _einer_ Ausnahme, nichts über die ratsame Einführung einer Junggesellensteuer im Druck erschienen ist. Die eine Ausnahme ist eine sehr interessante, anonym erschienene Novelle, »der Morgenstern«, welche unter anderen wohldurchdachten Vorschlägen für politische Reformen auch dringend für eine Junggesellensteuer plädiert. Es ist offenkundig nur gerecht, daß der Mann, der nichts für den Staat durch Gründung einer Familie tut, zugunsten desjenigen besteuert werden sollte, der eine gründet. Wir hören so viel über die sinkende Geburtsziffer und die Pflicht eines jeden verheirateten Paares, Nachwuchs zu haben, und doch wird alles getan, um jene, die einen solchen haben, zu entmutigen. Der Gewerbsmann, der schuftet, um sagen wir, tausend Pfund jährlich zu verdienen und drei bis vier Kinder für den Staat heranzuziehen, wird genau so besteuert wie der Junggeselle, der gar nichts für den Staat tut und sogar die anderen Steuern dadurch vermeiden kann, daß er, wenn es ihm beliebt, im Hotel oder in einer Pension lebt.