Part 9
Auch unser Planetensystem ist in Wirklichkeit ein Spiralsystem, dessen wahre Gestalt wir nicht wahrnehmen, weil es nur aus wenigen Körpern besteht. Wären die Planeten durch Nebelmassen verbunden oder in so großer Zahl vorhanden wie die Milchstraßensterne, so würde auch dieses uns als Spirale erscheinen. Denn während sich der äußerste Planet Neptun einmal um die Sonne bewegt, haben Uranus 2, Saturn 6, Jupiter 15, die Erde 200 und Merkur fast 1000 Umläufe vollendet. Je älter ein Spiralsystem ist, je mehr Umdrehungen seine Glieder vollführt haben, um so windungsreicher muß es werden, wovon der ältere Andromedanebel mit seinen 5 Hauptwindungen gegenüber dem dreiarmigen Milchstraßensystem ein Zeugnis gibt. Da außerdem die Sonnen eines solchen Spiralsystems nach den Gesetzen der Schwerkraft dem Mittelpunkt zustreben müssen, so wie unsere Planeten der Sonne in Spiralzügen näher und näher rücken, muß sich ein Milchstraßensystem mit zunehmendem Alter im Mittelpunkt verdichten. Der ältere Andromedanebel scheint in der Tat ein viel dichteres Zentrum zu besitzen als unsere Milchstraße, in der die Überzahl der Sonnen noch in den äußeren Spiralzügen zerstreut ist.
Versucht man alle Ergebnisse der Milchstraßenforschung mit diesen theoretischen Erwägungen in Einklang zu bringen, so kann man im Rahmen einer Hypothese ein großartiges Naturgemälde vom Entwicklungsgang und Kreislauf des Milchstraßensystems entwerfen, das an äußerer Größe und innerem Reichtum einzig dasteht und unser gesamtes Wissen vom Weltall in eine große Formel bringt. Eine solche Hypothese ist unter anderen von Adolf Drescher vertreten worden und verdient durch ihre Übereinstimmung mit den Tatsachen der Forschung und durch die sinngemäße Verwertung des Gedankens von der Entwicklung und dem Kreislauf aller Materie wohl als ideale Krone unsere Betrachtungen über die Milchstraße zum Abschluß zu bringen.
Nach dieser Hypothese bewegen sich die Sonnen zu Haufen geordnet im Spiralsystem der Milchstraße von den äußeren Windungen nach dem inneren Zentrum. Sie beginnen ihre Spiralfahrt als Nebel, als kugelige Gasmassen, die wir als planetarische Nebel in der Milchstraße schwebend sehen. Während diese Nebel in der äußeren Spirale ihren Umlauf vollenden, kühlen sie sich ab, verdichten sie sich und werden zu Sonnen oder Sonnenhaufen, zuerst zu Nebelsternen, dann zu den heißen weißglühenden Siriussternen der ersten Klasse, wie wir sie in allen Teilen der fernen Milchstraße neben den planetarischen Nebeln angehäuft finden. Auf der Spiralfahrt ins Zentrum schreitet der Abkühlungs- und Verdichtungsprozeß immer weiter fort. Die Sonnen schnüren Planeten ab und bilden jene Sonnensysteme, in denen alle Bedingungen für die höhere Entwicklung der Materie und für das Auftreten des Lebens gegeben sind. In den inneren Windungen angekommen -- man kann einen Umlauf in den äußeren auf 100, in den inneren Spiralen auf 20 Millionen Jahre schätzen -- haben die Sonnen über die Hälfte ihrer Wärme verloren und leuchten nunmehr nur noch in gelblichem Licht wie unsere Sonne. Die meisten Sterne unserer Nachbarschaft, die mit uns nicht weit vom Zentrum des Systems in einer inneren Windung kreisen, sind im Gegensatz zu den Siriussonnen der äußeren Windungen, deren Weißglut eine Hitze von 16000 Grad vermuten läßt, Sterne der 2. Spektralklasse vom Sonnentyp, deren Wärme auf 6000 Grad gesunken ist. Je mehr sich die Sonnen dem Mittelpunkt des Systems nähern, um so enger werden natürlich die Spiralen, um so geringer der Raum, so daß sie immer näher aneinander rücken müssen. Sie gelangen in das Machtbereich einer ihrer Nachbarsonnen, werden von dieser abgelenkt, beginnen mit ihr um einen gemeinsamen Schwerpunkt erst in großen, dann in immer engeren Bahnen zu kreisen, bis sie mit ihr ein Doppelsystem, einen Doppelstern bilden. Über ein Drittel der sonnennahen Sterne ist bereits in dieses Stadium der Doppelsysteme gelangt. Die Wärmeerzeugung durch Verdichtung wird immer geringer, die Schnelligkeit der Abkühlung immer größer, die Temperatur der Sonnen sinkt um Tausende von Graden, die Sonnenflecken werden größer und größer, das gelbe Licht geht in Rotglut über, Schlacken bedecken ihre Oberfläche und verdunkeln in unregelmäßiger Kurve ihren Glanz: die Sterne werden »veränderlich«, eine Sonne nach der anderen erlischt. Als tote Weltkörper treiben die erloschenen Sonnen und Doppelsonnen in den innersten Spiralen dem Knotenpunkt der Milchstraße zu, immer enger sich zusammendrängend, bis sie schließlich in der Mitte des Zentrums mit unvorstellbarer Geschwindigkeit gegen einander rasend zusammenprallen. Der Zusammenstoß entfacht mit der Gewalt einer Explosion ungeheure Energien, die gehemmte Bewegung des Gesamtkörpers setzt sich um in Schwingung seiner kleinsten Teile, der Atome, in Wärme. Die zusammengeprallten Sonnen leuchten auf als »neue Sterne«. Ihre Materie verdampft und eilt als glühender Nebel in Spiralen aus dem Innern des Systems davon, nach allen Richtungen sich verbreitend, zurück in die Milchstraße und hier jene Nebel, Feuerkugeln und Kanäle bildend, die wir hier zu Hunderten entdecken, aber auch über die Ebene der Milchstraße hinaus hinauf nach den Polen des Systems fliehend. In ihrer feinen Verteilung entschwinden uns diese leuchtenden Gase bald, so wie der Rauch einer Zigarre verweht. Aber je weiter diese Gasmassen hinauseilen in den kalten Weltraum, desto mehr kühlen sie sich ab, verdichten sie sich wieder, und wie die Wasserdämpfe, die unsichtbar der Erde entfliehen, sich in den kühleren Höhen zu sichtbaren Wolken verdichten, so ballen sich an den Polen der Milchstraße hoch über der Ebene der Sternspirale die Sonnengase zu Wolken zusammen, zu jenen Nebeln, die wir in der Polachse der Milchstraße und besonders an ihren Polen selbst als Nebelzüge und Nebelnester auftauchen sehen. Je weiter diese Nebel hinauseilen, um so mehr verlieren sie an lebendiger Bewegung. Mit zunehmender Verdichtung unterliegen sie wieder der gegenseitigen Anziehung und der Schwerkraft des ganzen Systems, die Spiralbahnen, in denen sie wie Tabaksdämpfe höher und höher entflohen, werden flacher und flacher, bis sie umkehren und sie wieder zur Milchstraßenebene hinabführen. An den Grenzen des Systems treiben die Nebel in weiten Spiralen aus der Polhöhe zur Äquatorebene hinab, wo sie durch die ständige Verdichtung und den dauernden Zustrom kosmischer Materie als Gaskugeln wieder in die Milchstraßenebene einmünden und hier von neuem ihren Kreislauf von Nebelkugel zum Sonnenball beginnen (Abb. 35).
Diese Milchstraßenhypothese, die nach Zeit, Raum und Inhalt wohl der umfassendste Gedanke ist, den ein Mensch auf naturwissenschaftlichem Boden erdenken kann, setzt uns in den Innenteil einer großen Sternspirale als Trabantenbewohner einer erlöschenden Sonne, der das Schicksal winkt, mit einer ihrer Schwestern einst zusammenzuprallen und im Zentrum des Systems zu verdampfen. Aber keine bange Menschenfurcht um unser kleines Leben braucht darum das Herz zu beschleichen. Millionen und Abermillionen Jahre werden vergehen, ehe wir an jenem End- und Sterbepunkt des Sonnenstromes angelangt sind und hier in Asche und Dampf zerschellen. Längst ist bis dahin alles Sein auf Erden geschwunden. Selbst auf der erkaltenden Sonne hat Leben sich entwickelt, geblüht und ist längst wieder erstorben, denn aller Lebenslauf vom Urschleim bis zum Menschen und über ihn hinaus bis zum Endglied, das trotz Technik und Kultur im Planeteneis erfriert und unter der Eisdecke der kristallisierten Luft in Weltraumkälte versteint, -- das alles ist im Strom des Sonnenlaufs nur wie ein Frühling und ein Herbst auf Erden. Wenn also in Wirklichkeit jenes Katastrophenende kommt, -- sterben wir dann nicht, um neu zu leben? Flammt dann nicht alles, was kalt, erloschen, tot, morsch und gefühllos ist, auf zu neuem Kreislauf, neuem Dasein, neuem Leben? Ist dieses Ende nicht eine Erlösung, eine Auferstehung, eine Wiedergeburt? So großartig, so gewaltig, so gerecht, wie kein Weltgericht gerechter, größer und gewaltiger sein kann? Sonnen werden neu geboren, Planeten erwachen, Monde verjüngen sich. Und was als flammende Wiedergeburt hinausdampft in den Weltenraum, das sind +wir+, das ist die Materie, die in +uns+ gelebt und geliebt, gelitten und genossen. Was in jener Katastrophennacht den Sternenwelten des Alls als neuer Stern entgegenstrahlt, das hat einst als Goethe, Darwin, Plato und Homer über diese Welt geleuchtet, und was als Dampf dort neu entfacht hinauseilt, das trägt in sich den Keim zu neuen Welten, neuem Leben, neuer Kultur. Vielleicht führt diese Neugeburt uns über Nebelwolken und Sonnenglut einem schöneren Dasein zu mit weiteren Entwicklungsmöglichkeiten, höheren Erkenntnisfähigkeiten, durch die wir tiefer einzudringen vermögen in das Rätsel der Milchstraße, als es uns die Wissenschaft des Menschenhirns gewährt. Denn selbst im höchsten Stolze seines Wissens darf der wahre Weltbetrachter eines nie vergessen: mögen wir das System der Milchstraße mit Linse, Platte und Prisma noch so tief erforschen, mögen uns Instrumente mit tausendmal größeren Kräften zur Verfügung stehen, so daß wir lückenlos das Sternendasein vom Nebelchaos bis zur Sonnenkatastrophe überschauen, so enthüllt sich uns durch diese Wissenschaft doch immer nur die +Form+ und die +Mechanik+ des Weltgeschehens. Über das innere +Wesen+ des Universums, über den Sinn all dieser Sonnenwelten und Weltspiralen, über ihren Ursprung und den Zweck ihres Daseins gibt uns weder die astronomische Forschung noch irgendeine andere geistige Erkenntnismöglichkeit, mag sie sich Philosophie, Wissenschaft oder Glaube nennen, auch nur den kleinsten Aufschluß. Niemals können wir als Teile des Ganzen das Ganze begreifen, können wir als ein Produkt der Welt die Welt enträtseln, niemals werden wir, selbst nichts als denkende Materie, das Wesen dieser Materie erdenken. Seien wir auch am Abschluß dieses erhabensten Naturbildes, das der menschlichen Forschung zugänglich ist, im Angesicht der Milchstraße uns dieser ewigen Grenzen menschlichen Wissens bewußt.
Sachregister.
Algol 35
Algolsterne 35, 36
Amerikanebel 94
Andromedanebel 86 ff.
Bär Gr. 39, 40, 57
Bessel 28
Beteigeuze 71
Bewohnbarkeit der Welten 15, 37
Bohlin 86
Bolometer 53
Bunsen 64
Clark 33
Demokrit 11
Deneb 43
Doppelsterne 34, 73, 97
Easton 80, 82, 89 ff.
Fernrohr 27
Fraunhofer 64
Fraunhofersche Linien 64
Galilei 16
Gruppenbewegung der Sterne 40, 41
Halley 38
Heerstraßen der Sterne 56
Heliumsterne 68
Heringsnebel 84, 85
Herschel 25
Himmelskarte, photogr. 46, 47
Hyaden 41
Kant 18
Kirchhoff 64
Kohlensack 7, 79, 81, 90
Kopernikus 13
Krippe 41
Lambert 18
Lichtjahr 29
Lichtwolke im Schwan 78, 81, 89
Milchstraße
-- Äquator 23, 98
-- Drehrichtung 95
-- Entstehung der Spirale 95
-- Größe 90
-- Hypothese von Demokrit 11
-- Hypothese von Easton 89 ff.
-- Hypothese von Herschel 25
-- Hypothese von Proktor 81, 82
-- Hypothese von Wright, Kant, Lambert 18 ff.
-- Kohlensäcke 7, 79, 81, 90
-- Lauf am Himmel 5
-- Mechanik 97 ff.
-- Pol 23, 83
-- Seitenäste 78
-- Stromspalt 5, 81, 90
-- Umlaufszeit 98
-- Zahl der Milchstraßensonnen 76
-- Zentralsonne 58
-- Zentrum 89
~Mira Ceti~ 70, 72
Nebel
-- Amerikanebel 94
-- Andromedanebel 86 ff.
-- Nebel im gr. Bären 88
-- Entfernung 82 ff.
-- Entstehung 73
-- Gestalt 20
-- Heringsnebel 84, 85
-- Kokonnebel 93
-- Nebel in der Leier 82, 83
-- Milchstraße der Nebelflecke 84
-- Nebelnester 83
-- Orionnebel 75
-- Planetarische Nebel 65
-- Ringnebel 82, 83
-- Nebel im Schlangenträger 94
-- Spektrum 66
-- Spiralnebel 82 ff.
-- Verteilung 83, 84
-- Zahl 83
Nebelsterne 67
Neue Sterne 73
Orionnebel 75
Parallaxe 28
Peters 33
Photographie 43 ff.
Plejaden 40, 67
Prisma 48
Rowlandsches Konkavgitter 52
Sirius 31, 33, 38, 54
Siriussterne 68
Sonne 55, 69, 70, 73, 76, 90, 91, 100
Sonnenflecke 71
Sonnensterne 70
Spektralanalyse 59 ff.
Spektrograph 52
Spektroskop 52
Spektrum 51, 59 ff.
Sterne
-- Algolsterne 35, 36
-- Bewohnbarkeit 15, 37
-- Chemische Beschaffenheit 60 ff., 68
-- Eigenbewegung 38 ff., 53, 54
-- Entfernung 29 ff.
-- Entwicklung 65 ff.
-- Erloschene Sterne 72
-- Gruppenbewegung 40
-- Heliumsterne 68
-- Kreislauf der Sterne 73, 97 ff.
-- Nebelsterne 67
-- Neue Sterne 73
-- Rote Sterne 71
-- Siriussterne 68
-- Spektren 65 ff.
-- Untergang 98
-- Veränderliche Sterne 35, 36 71 ff.
-- Verteilung 28
-- Zahl 76
-- Zusammenstoß 73, 98
Sternhaufen
-- im Centaurn 20
-- im Herkules 67
-- Sonnenhaufen 91
Veränderliche Sterne 35, 36, 71 ff.
Vogel 68
Wega 40, 56
Weltuntergang 73, 100
Wolf 83 ff.
Wright 18
Zentralsonne 58
Zoellner 70
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Nichtmitglieder zahlen den Einzelpreis von M 1.-- pro Band.
=Wilhelm Boelsche, Die Zukunft des Menschen.=
=Dr. Kurt Floericke, Gepanzerte Ritter.= Aus der Naturgeschichte der Krebse.
=Dr. Kurt Weule, Schrift und Sprache.=
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Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Der Schmutztitel wurde entfernt.
Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
S. 47: ist → ist es um seinetwillen {ist es} die Mühe wert
S. 53: Sonnen → Sonne daß diese Pünktchen Sonnen sind wie unsere {Sonne}