Die Milchstraße

Part 4

Chapter 43,343 wordsPublic domain

Auf allen Lippen schwebt an dieser Stelle eine Frage: sind diese Welten auch bewohnt wie unsere? Wir wissen es nicht. Wie könnten wir auch aus diesen Weiten, in denen ganze Welten Punkte werden, ein Lebenszeichen erwarten? Aber es gibt ein höheres als das verstandesmäßige Wissen, das uns Instrument und Zahlenreihe vermitteln, das ist der Gedankenschluß der Vernunft. Dieselbe Vernunft, die Demokrit und Giordano Bruno, Wright, Kant und Lambert geleitet und ihrem Seherauge die Welt in jenem Lichte offenbarte, in dem sie sich Jahrhunderte später unseren Instrumenten enthüllte, dieselbe Vernunft läßt uns mit Giordano Bruno schwören, daß es unzählige bewohnte Welten gibt. Anzunehmen, daß unsere Erde, dieses dunkle unsichtbare Sonnenstäubchen, dieses Nichts im System der Milchstraße einzig und allein belebt sei, während jene 100 Millionen andere Sonnensysteme, jene Milliarden andere Planeten der Milchstraße, die alle aus den gleichen Stoffen und in den gleichen Größen wie unsere Welt gebaut sind, von denselben Kräften und denselben Gesetzen gelenkt werden wie diese, unter den gleichen Bedingungen sich entwickeln, daß alle diese tot und öde wären, zu nichts und abernichts kreisten, als allein um unsere Nacht zu schmücken, dieses anzunehmen, verlangte einen Mut, den man nur als Hochmut bezeichnen kann. Der Schimmelpilz, der in einem dunklen Honigtopfe wuchert und sich für das einzig lebende Wesen auf der Erde erklärt, ist weniger anmaßend als der Mensch, der sich zum Alleinbewohner des Universums proklamiert. Was nützen uns alle Wissenschaften, was alle Zahlen mit 10 Nullen, alle Teleskope mit ihren Schrauben und Hebeln, alle Kenntnisse des Weltenbaues, wenn wir nichts +lernen+!? Kopernikus und Kepler, Newton und Herschel hätten umsonst gelebt, wenn wir uns in dieser höchsten aller Fragen, in der Lebensfrage zurückbegäben auf den geistigen Standpunkt des Ptolemäus, der das Weltall um die Erde kreisen läßt. Hüten wir uns, daß wir nicht groß sind in Taten und klein in Gedanken. Kühn wie das Fernrohr und zielsicher wie die Rechnung des Astronomen sei unser Geist und füge sich den Wundern, die die Wissenschaft entdeckt: wenn die Sonne ein Stern ist unter Legionen von Sternen gleicher Art, unser System eine Welt unter ungezählten Schwesterwelten, die Erde ein Planet unter Milliarden ähnlicher Planeten, dann sind auch wir ein Volk unter Völkern, eine Blüte am großen Stamm des Lebens, der sich durch den Sonnengarten des Universums rankt.

»Aus allewigem Grün des Frühlings steigt der Lebensbaum empor; Milchstraß' und Plejaden reichen diesem Baum zur Leiter nicht.«

Wenn die Milchstraße wirklich ein großes Sternsystem darstellt, in dem die Schwerkraft wirkt, müssen sich alle Glieder dieses Systems gegenseitig anziehen -- und bewegen. Dann können die Gestirne keine Fixsterne, Haftsterne sein, angeheftet an das Himmelsdach wie die Glühbirnen an die Decken unserer Zimmer, sondern müssen Sonnen sein, die im Raume schweben wie die unsere und der Schwerkraft unterliegen, sich in Bahnen bewegen wie Planeten, Planeten jenes einzig wahren großen Sonnensystems, dessen Sternenfülle uns als Milchstraßengürtel nächtlich umschimmert.

Als im Jahre 1718 der berühmte Kometenberechner Halley die Sternkarten seiner Zeit mit denen des Altertums verglich, bemerkte er, daß der Stern Aldebaran sich um ⅕, Arktur um 1½ und Sirius sogar um 2 Vollmondbreiten von ihrem Standpunkt vor ungefähr 2000 Jahren entfernt haben müßten. Diese erste Bemerkung von Sternortsveränderungen wurde später durch mehrere Forscher bestätigt. Die Sterne sind kein »festgenagelt unbeweglich Heer«, sondern bewegen sich. Natürlich ist diese Sternbewegung nicht unmittelbar zu verfolgen. Die kurze Spanne eines Menschenlebens von 70 Jahren reicht nicht aus, die Ortsveränderungen eines Sternes zu bemerken, so wenig 70 Sekunden genügen, um die Bewegung eines Schiffes am Horizont festzustellen, selbst wenn es in voller Fahrt dahinsegelt. Wenn Aristoteles aus seinem Todesschlaf erstünde und den Himmel anschaute, würde er an seinem falschen Lehrsatz von der ewigen Unveränderlichkeit des Himmels festhalten. Das Bild des Orion, die Plejaden und der Große Bär würden ihm in derselben Stellung erscheinen, die er vor 20 Jahrhunderten sich einprägte. Würde er dagegen den Himmel nach 20 Jahrtausenden wieder erblicken, so böte sich ihm ein völlig verändertes Bild, und der große Forscher des Altertums würde des Satzes belehrt, den wir mit unseren Instrumenten als unwiderlegliche Tatsache erkannt haben: +alle Sterne bewegen sich+. Der große Himmelswagen konnte ebensowenig vor 50000 Jahren in der Urzeit als ein Wagen gelten wie nach 50000 Jahren in der Zukunft, denn seine Sterne streben gruppenweise in verschiedener Richtung auseinander (Abb. 9). Der Sirius bewegt sich in je 1500 Jahren um eine scheinbare Vollmondsbreite von seinem Standort und würde demnach in 1 Million Jahren den ganzen Himmel umkreist haben. Die größte im Bild festgehaltene Sternverschiebung zeigt der Stern 1830, der sich zwischen den Jahren 1800 und 1900 um ¼ Vollmondsbreite gegen das benachbarte Sternenpaar verschoben hat (Abb. 10). Als man die Sterne in der Umgebung dieses Objektes untersuchte, stellte man eine auffallend ähnlich starke Eigenbewegung an den beiden benachbarten Sternen 21258 und 21185 fest. Man verfolgte die Richtungen, aus denen diese drei schnellfliegenden Sterne kommen, und fand zur großen Überraschung, daß sie von einem gemeinsamen Punkt nach verschiedenen Seiten auseinanderstreben wie die Splitter einer explodierten Granate. Sind sie vielleicht Weltensplitter einer Sonnenexplosion?

Wir wissen es nicht. Aber wir sehen hier drei Weltkörper in einer Bewegung, die mit größter Wahrscheinlichkeit +eine+ treibende Ursache besitzt. Wir sehen hier drei Sterne in einer offenbaren +Gruppenbewegung+. Diese Beobachtungen regten die Forscher an, auch die Sonnen der großen Sterngruppen Plejaden*, Hyaden*, Haar der Berenice* auf ihre Eigenbewegung zu untersuchen. Wie erstaunt war man, als man in der Tat an diesen großen Sterngruppen einheitliche Bewegungen entdeckte! Die fünf mittleren Hauptsterne des Großen Bären bilden nicht nur eine scheinbare, sondern tatsächlich zusammengehörige »Bärenfamilie«. Ihre durchschnittliche Entfernung von uns beträgt 6 Millionen Sonnenweiten = 100 Lichtjahre. Auch untereinander ist ihr Abstand trotz ihrer Zusammengehörigkeit noch gewaltig. Der äußerste Stern Merak in der rechten unteren Ecke des Vierecks ist von Mizar in der Deichsel viermal weiter als der Sirius von uns entfernt, und das Licht braucht zum Durcheilen dieser Strecke 30 Jahre. Trotzdem verraten diese Sterne durch Übereinstimmung ihrer Entfernung, Größe, Farbe, Temperatur, stofflichen Beschaffenheit und Bewegung ihre unzweifelhafte Zusammengehörigkeit. Sie bewegen sich sämtlich mit der gleichen Geschwindigkeit in der Richtung auf den Stern Wega* in der Leier und legen auf diesem Sonnenlauf jährlich 600 Millionen Kilometer zurück. Weniger schwer als bei dieser ausgedehnten Sternfamilie läßt sich die Zusammengehörigkeit jener eng gedrängten Sonnen verstehen, die wir als die bekannten Sternhaufen Plejaden, Krippe und Hyaden am Himmel erblicken. 45 von den 150 helleren Sternen der Plejaden* besitzen neben gemeinsamer Entfernung, Größe, Temperatur und Stoffbeschaffenheit eine gemeinsame Eigenbewegung, an der sich von den mit bloßem Auge sichtbaren Sternen Elektra, Atlas und das Alkyonesystem beteiligen. Fast noch auffälliger ist die gemeinsame Bewegung der benachbarten Hyadengruppe im Stier rings um den Hauptstern Aldebaran. Ihre Entfernung von uns beträgt ungefähr 120 Lichtjahre. Zeichnet man die Bewegung dieser Sterne auf, so laufen alle Richtungslinien in einem Punkt des Fuhrmanns zusammen (Abb. 11). Eilen diese Sterne unaufhaltsam einer Katastrophe entgegen? Werden sie eines Tages an diesem Punkt zusammenprallen und das Firmament durch einen ungeheuren Weltbrand entflammen? Nein. Diese Sterne entfernen sich von uns und laufen auf diesem Wege parallel nebeneinander her wie die Gleise einer Eisenbahn, und wie die Schienen scheinbar in der Ferne zusammenlaufen, während sie in Wahrheit in immer gleichem Abstand bleiben, so scheinen die Hyaden auf ihrem Lauf in die Himmelstiefe zusammenzuströmen, während sie in der Tat nur in einer Richtung nebeneinander eilen. Um 40 ~km~ entfernen sie sich in jeder Sekunde von uns, enger und enger für unsere Blicke zusammenströmend wie die roten Lichter eines enteilenden Zuges. In 50000 Jahren haben sie sich um die Länge der eingezeichneten Pfeile bewegt, in 50 Millionen Jahren ist die ausgedehnte Gruppe für uns in der Weltraumferne zusammengeschrumpft zu einem winzigen Haufen, in dem nur das Fernrohr kleinste Sterne 10. Größe wahrnimmt -- für immer verschwunden wie ein Zug von Vögeln, der sich im Blau der Ferne als Punkt verliert. Nicht sehr fern von den Hyaden steht eine Sterngruppe, Praesepe oder Krippe* genannt. Zehn Sterne dieser Gruppe stimmen in der Richtung ihrer Bewegung, in ihrer Schnelligkeit, ihrer physischen Beschaffenheit, Temperatur und Größe so vollkommen mit den Hyadensternen überein, daß an einer inneren Verwandtschaft zwischen den Sternen dieser beiden Gruppen wohl kaum ein Zweifel bestehen kann. Leider gestattet die Lückenhaftigkeit unserer Kenntnisse uns heute noch nicht einmal eine Wahrscheinlichkeitshypothese über das Wesen der Verwandtschaft zwischen diesen beiden hervorragenden Sternfamilien.

Diese Gruppenbewegungen der Sterne offenbaren uns ein neues Prinzip in der Mechanik der Milchstraße: +es herrscht Ordnung im Milchstraßensystem und in den Bewegungen seiner Sonnen+. Die Sterne sind nicht regellos wie der Sand am Meer verstreut, die Schwerkraft treibt sie nicht wahllos durch den weiten Plan. Sie sind geordnet zu Paaren und Familien, sie bewegen sich in Gruppen und Zügen, wie Zugvögel fliegen sie durch das All. Angesichts dieser Gruppenbewegungen fühlen wir das Wirken sonnenordnender Mächte und weltbeherrschender Gesetze, uns durchweht ein Ahnen vom »Kosmos«, vom großen Schmuck des Alls, von der Weltenordnung des Universums. Aber die Grenzen dieses Wissens und Gefühls sind beschränkt. Alle jene Sterne, deren Gruppenbewegung wir verfolgt, sind unsere Nachbarwelten, sind Glieder jenes kleinen im Ring der Milchstraße verschwindend kleinen Haufens, in dessen Mitte unsere Sonne sich befindet. Was wir über die Bewegung dieser helleren Sterne erfahren, betrifft immer nur das Leben dieser kleinen Sternenfamilie von einigen hundert Sternen und nicht den großen millionenzähligen Sonnenstrom der Milchstraße. Um die allgemeine Sternbewegung im System der Milchstraße zu ergründen, müßten wir die Ortsverschiebung all jener unzähligen kleinsten und feinsten Lichtpünktchen, deren Herschel Tausende auf dem Raum einer Vollmondscheibe zählte, erforschen, müßten wir den Sternort jedes dieser Sonnenfünkchen, deren Gesamtlicht uns als Milchschimmer entgegendämmert, aufs genaueste bestimmen. Ein aussichtsloses Unternehmen! Welcher Menschenfleiß könnte diese Scharen bannen? Eine Armee von Astronomen müßte dieser Riesenarbeit ihr Leben opfern. Ganze Batterien von Teleskopen müßten gegen die Milchstraße aufgefahren werden. Und auch dann wäre es unmöglich, sich mit Menschensinnen ohne Irren zurechtzufinden in dem Lichtgeflimmer dieser dichtgedrängten Legionen. Wer kann die Tropfen zählen, die aus Wolken fallen, wer die Flocken berechnen, die im Schneegestöber wirbeln? Der Mensch hätte bedingungslos auf die Erfüllung dieses Wunsches verzichten müssen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, der Erfindung des Fernrohrs, das ihm diese Wunder enthüllte, eine zweite hinzuzufügen, die ihm diese Wunder festhielt: die +Photographie+.

Die photographische Kamera kann man das dritte Auge der Menschheit nennen. Sie ist ein echtes Auge. Sie besteht aus einem Augenkasten, der wie der menschliche Augapfel schwarz ausgekleidet ist, einer Linse wie die menschliche Linse und einer lichtempfindlichen Tapete wie die Netzhaut unseres Augenhintergrundes. Genau wie das menschliche Auge stellt sich dieses dritte Auge ein auf nah und fern. Aber es übertrifft das Menschenauge in der verschiedensten Weise. Das menschliche Auge besitzt nur einen Momentverschluß. Es nimmt nur Augenblicksbilder von jedem Punkt auf. Bei scharfer Einstellung auf einen Punkt ermüdet es nach wenigen Augenblicken und liefert nunmehr nur noch verschwommene Bilder. Das photographische Auge arbeitet mit Zeitaufnahmen. Es sieht 10 Minuten, 10 Stunden. Je länger es offen steht, desto mehr sieht es. Es blickt 5 Tausendstel Sekunden hin und sieht die 20 hellsten Sterne erster Größe. Es blickt 10 Tausendstel Sekunden und sieht die 50 Sterne 2. Größe. Es schaut 30 Tausendstel Sekunden und erblickt 200 Sterne 3. Größe. Es öffnet sich 1 Zehntel Sekunde und bannt 600 Sterne 4. Größe auf seine künstliche Netzhaut. Nach 2 Zehntel Sekunden gibt es uns das Bild von 1200 Sternen 5. Größe und nach 5 Zehntel Sekunden das von 4000 Sternen 6. Größe. Wir sind an die Grenze dessen gelangt, was das menschliche Auge unbewaffnet sieht. Eine Sekunde braucht das photographische Auge, um die Sterne 7. Größe, 3 Sekunden, um die der 8. Größe, 8 Sekunden, um die der 9., 20 Sekunden, um die Sterne 10. und 30 Sekunden, um die Sterne 11. Größe, die in der Entfernung von 1000 Lichtjahren leuchten, festzuhalten. Nach 2 Minuten sieht es alle Sterne der 12., nach 5 Minuten alle Sonnen 13. Klasse. In 13 Minuten hat es 44 Millionen Sterne 14. Klasse erfaßt, in 33 Minuten 134 Millionen 15. und in 80 Minuten 400 Millionen Sterne 16. Größe. Die drei Bilder der Abb. 12 illustrieren die Sehkraft des photographischen Auges. Das unbewaffnete Auge sieht an dieser Stelle nur den Stern Deneb*. Im Fernrohr nimmt es noch die Sterne des oberen Feldes wahr, die photographische Platte erblickt in vier Stunden die Sterne des mittleren und in 13 Stunden die Sterne des unteren Feldes.

Da die photographische Platte außerdem im Gegensatz zum menschlichen Auge für die unsichtbaren ultravioletten Strahlen sehr empfindlich ist, sieht die Camera obscura Tausende von Sternen ultravioletter Farbe, die das Menschenauge selbst in phantastisch großen Teleskopen nie erblicken könnte.

Das photographische Auge sieht also mehr. Es sieht aber auch ohne Fehler. Es fälscht nicht wie der menschliche Sehapparat. Wenn ein Astronom einen Sternort bestimmt, muß er das Bild von seiner Netzhaut in die Sehsphäre des Großhirns, von hier ins Muskelerregungszentrum leiten, von hier durch die Nervenbahnen des Rückenmarks in die Handmuskeln schicken, die das Bild des Sternes in ein vorgedrucktes Netz eintragen. Wieviel Fehler können und müssen sich auf diesem mehrfachen Schaltweg einschleichen? Das photographische Auge kennt keine Umschaltung. Es vereinigt auf seiner Netzhaut Sehen, Erfassen und Zeichnen. Was es sieht, hat es schon erfaßt, und was es erfaßt hat, ist schon in seinem Bilde eingezeichnet. Es hält das Bild da fest, wo es physikalisch in Wirklichkeit erscheint. Jedes Pünktchen, und sei es das kleinste, steht an seiner Stelle und keinen Deut daneben.

Das photographische Auge arbeitet schneller. In einer Stunde entwirft es eine Himmelskarte, zu deren Anfertigung ein Astronom ein Jahr gebraucht. Während nämlich das menschliche Auge zu einer Zeit nur eine Stelle scharf erkennen kann, das menschliche Hirn nur eine Ortsbestimmung übernehmen, die menschliche Hand nur eine Sternzeichnung ausführen kann, sieht das photographische Auge zu gleicher Zeit 1000 Sterne und zeichnet alle 1000 in Sekunden auf die Platte ein. Jedes Bromsilberkörnchen in der Gelatineschicht einer Platte ist ein Auge, ein Hirn, eine Hand für sich, ist ein Mensch, der für uns sieht, denkt und zeichnet, und eine einzige unscheinbare gelbe Platte ersetzt die Arbeitskraft einer ganzen Warte. Die Photographie hat durch den automatisch technischen Betrieb das Maschinentempo in die Himmelsforschung eingeführt.

Das photographische Auge besitzt eine grenzenlose Erinnerung. Während der Eindruck eines Bildes auf der menschlichen Netzhaut verblaßt, sobald der Lidverschluß sich senkt, und von nun an immer mehr verwischt, so daß ein Bild, das nicht sofort übertragen wird, schon nach Minuten für alle Zeit verloren ist, bewahrt die photographische Platte den Eindruck des Moments für alle Zukunft. Was es in der Nacht gesehen, enthüllt das photographische Auge am Tage, was es in den Tropen erschaut, erzählt es ohne einen Schattenhauch zu lügen nach einem Jahr in London und Paris. Ehedem mußte der Astronom in Nacht und Kälte an dem Fernrohr sitzen, Stern für Stern aufsuchen, einstellen, ausmessen, berechnen und einzeichnen. An einem anderen Abend mußte er diese Arbeit genau so wiederholen, um die Ergebnisse zu kontrollieren und bei Entdeckung von Fehlern zum dritten Male ausführen. Und heute? Am hellen Tage bei Wolkenhimmel und Nebelatmosphäre werden alle Vorbereitungen für eine Sternphotographie erledigt. Man erwartet die Nacht, prüft den Stand des Rohres, ein Hebeldruck, das photographische Auge öffnet sich, blickt stumm in Finsternis, die Menschenaugen nichts enthüllt, stumm schließt es sich -- tausend Sterne sind fixiert.

Nur dem photographischen Auge verdanken wir die Erfüllung eines Wunsches, der vor 100 Jahren einem Herschel und selbst vor 50 noch einem Argelander als märchenhafter Traum erscheinen mußte und für die Milchstraßenforschung ein Ereignis ersten Ranges bedeutet: die Anfertigung einer Himmelskarte, in der alle Sterne bis zu den kleinsten hinab aufs genaueste eingezeichnet sind. Im Jahre 1887 trat in Paris ein internationaler Astronomenkongreß zusammen, der die Ausführung einer photographischen Himmelskarte beschloß. Die Aufgabe, nach festgelegten Grundsätzen mit einem bestimmten Instrument den ganzen Himmel photographisch aufzunehmen, wurde verteilt unter die Sternwarten Greenwich, Oxford, Helsingfors, Potsdam, Paris, San Fernando, Tacubaya, Perth, Kapstadt, Sidney, Melbourne, Santiago, Hyderabad, Kordoba und La Plata. Jede Sternwarte hatte eine Himmelszone zu photographieren und zwar in zwei Serien. Sie hat 1200 Aufnahmen von 5 Minuten und 1200 von 50 Minuten Belichtungsdauer anzufertigen. Die kurzen Aufnahmen, die 400000 Sterne bis zur 11. Größe festhalten, werden zu einem Katalog vereinigt, die langen Aufnahmen, die über 3 Millionen Sterne fixieren, sind für einen Himmelsatlas bestimmt. Jede Platte umfaßt den 10313. Teil des Himmels. Dadurch, daß die Ecke jeder folgenden Platte mit dem Mittelpunkt der vorhergehenden zusammenfällt, ist jeder Stern auf zwei verschiedenen Platten aufzufinden, wodurch vorkommende Plattenfehler aufgedeckt und ausgeschaltet werden. Im ganzen werden 40000 Platten angefertigt, die in Paris gesammelt und mit besonderen Meßapparaten ausgemessen werden.

Gerade in unseren Tagen geht dieses Gigantenwerk seiner Vollendung entgegen. Nicht das Werk eines Mannes, nicht die Tat eines Volkes, nicht die Leistung eines Kontinents, hier wird ein Menschheitswerk vollbracht. Länder überbrücken ihre Grenzen, Völker reichen sich die Hände, Antipoden grüßen sich. Über den Dächern von Paris, in den Ebenen Schottlands, an Spaniens südlichster Küste, am Kap der guten Hoffnung, am Abhang des südamerikanischen Hochgebirges, auf den Mauern indischer Festen, an den Küsten des 5. Erdteils in der Südsee -- überall richten sich die Rohre gegen den Himmel, öffnen sich die stummen Augen der Camera obscura, und ihr Blick bannt auf die gläserne Netzhaut für alle Zeit das Bild der Sterne, wie es sich der Menschheit um die Wende des 20. Jahrhunderts darbot. Schon der Geist, der über diesem internationalen Friedenswerke liegt, ist erhebend, und um seinetwillen ist es die Mühe wert. Menschen, die sich nie gesehen, nie voneinander gehört, ihre Sprache nicht verstehen, einen sich zu gemeinsamem Tun, dienen einer Idee; widmen ihre Arbeitskraft, ihre Lebensideale einem Werk, an das sich nie der Name derer knüpft, die es verwirklicht, von dem die Schaffer nicht einmal den Lohn genießen werden. Denn die photographische Himmelskarte ist ein Werk der Zukunft. Die Astronomen, die heute den Himmel photographieren, handeln selbstlos wie jener Greis, der Bäume pflanzte, damit die Enkel Schatten und Früchte genießen. Sie selbst pflücken nicht die Früchte ihrer Arbeit. Aber die Saat, die sie ausstreuen, verheißt den Enkeln eine reiche Ernte. In 50 Jahren nämlich wird man die photographische Himmelskarte wiederholen, und dann wird jede noch so geringe Verschiebung auch der kleinsten und letzten Sternchen aufs genaueste festgestellt werden. Nach der Neuauflage der internationalen Himmelskarte in einem halben Jahrhundert wird man die Eigenbewegungen nicht von hundert, sondern von 100000 Sternen feststellen können, und einen, wenn auch infolge der kurzen Zeitspanne nur allgemeinen, so doch umfassenden Einblick in das Wesen der Sternbewegungen innerhalb der Milchstraße gewinnen.

Bei aller Großartigkeit gibt uns die photographische Maßmethode doch nur ein einseitiges Bild von den Bewegungen im Weltall. Sie unterrichtet uns nur über die seitlichen Verschiebungen der Sterne in der Bildfläche, über die Sternbewegungen in der Bildtiefe, in der Blickrichtung gibt sie uns keinen Aufschluß. Der einfache Verstand kann sich keine einzige Methode ausdenken, die uns über die Annäherung oder die Entfernung der Sterne Aufschluß zu geben vermöchte. Jeder dieser Sterne ist ein Pünktchen, seit Jahrtausenden unverändert, und er müßte um ein Zehntel, um ein Viertel, um die Hälfte seines ungeheuren Abstandes näher oder weiter rücken, müßte also in viel tausend Jahren phantastisch große Strecken zurücklegen, ehe wir an der Zu- oder Abnahme seiner Helligkeit die Richtung seiner Bewegung erkennen könnten. Und wenn wir selbst durch irgendeinen wunderbaren Apparat die Richtung dieser Bewegung in kurzer Zeit feststellen, könnten wir jemals hoffen, die Geschwindigkeit dieser Bewegung zu erfahren? Könnten wir nicht eher glauben, daß die Träume Jules Vernes von der Mondfahrt und der Reise ins Zentrum der Erde Wahrheit würden, als daß wir sagen können, der Sirius nähert sich uns in jeder Sekunde um 7 ~km~, Aldebaran dagegen entfernt sich von der Erde mit einer Sekundeneile von 50 ~km~? Müßten dazu nicht Märchen Wahrheit werden?

Diese Märchen sind Wahrheit geworden. Zwar kümmert sich die große Welt nicht um diese Wunder, weiß nichts von ihnen. Seit jeher war es so der Lauf der Dinge, daß Marktgeschrei und Tagessensation die Menschen locken. Vor einem neuen Gauklertrick jauchzt das Parterre, vor einem neuen Lichteffekt staut sich die Menge, ein neuer Sportrekord begeistert das Publikum, und das Wunder sucht man in Bühnenromantik und am Spiritistentisch. Einen altrömischen König nicht zu kennen, die Jahreszahl eines Kreuzzuges nicht zu wissen, den Roman des neuesten Tagesdichters nicht gelesen zu haben, schämt sich der »Gebildete«. Aber am wahren Wissen, an den wahren Wundern geht die Welt vorüber. Denn die wahren Wunder sind stumm und bescheiden.